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Periodical volume 26. Oktober 1904

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1904

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Verein der christlichen Luisengemeinde ist und Ja h res , des Ja h re s  1902, in dem ganz besondere 
bleibt, jede antisemitische Tendenz von jeher Verhältnisse vorlagen.
fernlag. E s  hat im Ja h re  1903 die Anzahl Lebendge­
(B ravo! bei den Liberalen.) borener 4678 betragen, und es sind im  ersten Lebens­
D es M agistrats jahre 848 Kinder gestorben, d. h. über 18 % . 
hochachtungvoll ergebenster Diese Sterblichkeit hat noch die besondere Eigentüm ­
(gez.) D. D r. R r e m a n n , O berpfarrer, lichkeit, daß sie in den wärmeren M onaten des 
zur Z eit Vorsitzender J a h re s  J u l i  bis Septem ber ganz außerordentlich 
des Armen- und Krankenpflegevereins anwächst. Von den 848 S terbefällen des ganzen 
„Kaiser Friedrich-Andenken". Ja h re s  entfallen auf die M onate J u l i  bis Septem ­
(B ravo! bei den Liberalen.) ber allein 347, also nahezu die Hälfte. D as  A n­
E s  ist ein A ntrag eingegangen, der zur B era­ wachsen in  der heißen Jah resze it kann naturgem äß 
tung kommt bei N l  11 in der nichtöffentlichen verschiedene G ründe haben. W ir wissen ja , daß die 
Sitzung: Luft, die ohnedies in den kleineren W ohnungen nicht 
A us Anlaß eines Vorganges beantragen w ir: allzu gut zu sein pflegt, durch die höhere Tem peratur 
die Stadtverordnetenversam m lung wolle be­ außen nicht gerade verbessert wird.
schließen, den M agistrat zu ersuchen, die Indessen dieser Umstand scheint doch von ge­
Ausdehnung der Haftpflichtversicherung auf ringerer Bedeutung zu sein, und wir werden der 
alle Lehrkräfte an städtischen Schulen in wahren Ursache näherkommen, wenn wir noch eine 
E rw ägung zu ziehen. andere S e ite  der S tatistik  berücksichtigen. E s ist 
Charlottenburg, 26. Oktober 1904. das das V erhältnis der Todesfälle an V erdauungs­
(gez.) K aufm ann störungen innerhalb des ersten Lebensjahres zu der 
und noch einige Unterschriften. Gesamtzahl. W ir finden da im Ja h re  1903 von 
W ir würden nun zu P unk t 1 der Tagesordnung Kindern im ersten Lebensjahre gestorben an D arm ­
kommen. D er Berichterstatter H err S tad tv . Frantz katarrh 93, an M agendarm katarrh 77 und an Brech­
ist dienstlich verhindert, heute hier zu erscheinen, und durchfall 145; das sind zusammen 315.
hat mich gebeten, den P unk t 1 heute abzusetzen und M eine Herren, diese besondere Erscheinung kann 
auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung zu brin­ ihre Ursache nur in der N ahrung der Kinder haben; 
gen. W enn kein Widerspruch sich erhebt, werde ich denn durch den N ahrungsaufnahm e- und Verdan- 
annehmen, daß die Versammlung die Absetzung be­ ungskanal werden die Erkrankungen herbeigeführt. 
schließt. E s  zeigt sich nun  auch alsbald, daß eine besondere 
(Zustimmung.) A rt der N ahrung hierbei die Hauptschuld trägt. Ich 
kann Ih n e n  aus Charlottenburg zur Zeit statistisches 
Punkt 2 der Tagesordnung: M ateria l darüber noch nicht mitteilen. Wie in  dem 
letzten Hefte unserer S tatistik  mitgeteilt ist, sollen 
Antrag des Stadtv. Dr. Spiegel und Gen. derartige Erhebungen hier erst in Zukunft angestellt 
betr. Errichtung einer städtischen Milch­ werden. Aber es liegen Erhebungen vor aus Berlin, 
sterilisationsanstalt..— Drucksache 425. das ja  im wesentlichen ähnliche Verhältnisse zeigt 
wie Charlottenburg. D a  war im Ja h re  1895 z. B. 
Der Antrag lautet: die Gesamtsterblichkeit der S äuglinge 366 pro M ille; 
D ie große Sterblichkeit der Kinder im bei denjenigen Kindern, die die Milch der M u tte r­
ersten Lebensjahre, wie sie besonders in den brust oder der Ammenbrust erhielten, betrug der 
Som m erm onaten alljährlich zutage tritt, wird pro M ille-Satz nu r 97, im Gegenteil bei denjenigen 
von Ärzten und Hygienikern wesentlich auf Kindern, die m it Tiermilch ernährt wurden, nicht 
Verdauungsstörungen infolge schlechter B e­ weniger a ls  657, also ein kolossaler Unterschied; das 
schaffenheit der zur E rnährung dienenden Kuh­ V erhältnis gestaltet sich ungefähr wie 7 : l zwischen 
milch zurückgeführt. Dementsprechend hat sich den Tiermilchkindern und Brustmilchkindern. Aber 
eine geeignete S terilisa tion  oder Pasteurisation dieses V erhältn is wird noch viel stärker, wenn man 
und darauf folgende zweckmäßige Behandlung die Todesfälle an Brechdurchfall berücksichtigt; da 
der Milch als M itte l zur Bekämpfung des zeigt sich in den Ja h re n  1885, 1890 und 1895 
Übelstandes erwiesen, wie E rfahrungen z. B . durchweg ein V erhältnis von 16 bis 17 : l  von den­
in S traßbu rg  und in Halle zeigen. jenigen Kindern, die m it Tiermilch, und denjenigen, 
W ir beantragen daher zu beschließen: die m it M uttermilch ernährt wurden. M a n  kann 
D ie Stadtverordnetenversam m lung ersucht daraus wohl den berechtigten Schluß ziehen, daß die 
den M agistrat um  eine Vorlage betr. E rnährung m it Tiermilch ganz besonders die E r­
Errichtung einer städtischen Milchsterili­ krankungen des M agendarm kanals und zahlreiche 
sationsanstalt. Todesfälle der Säuglinge verursacht.
E s  ist auch der Forschung nicht unbekannt ge­
Stadtv. Dr. Spiegel: M eine Herren, wer m it blieben, w oran die Schädlichkeit der Tiermilch be­
einiger Aufmerksamkeit den statistischen Feststellungen sonders in den Som m erm onaten liegt. D ie Milch> 
in unserer S ta d t oder auch denen im weiteren B e­ wie w ir sie erhalten, ist bekanntlich reich an aller­
reiche des S taa te s  gefolgt ist, der wird m it Schrecken hand pflanzlichen Keimen, Bakterien und Bakterien­
wahrgenommen haben, wie außerordentlich groß die sporen, und es finden sich darunter Arten, welche, 
Sterblichkeit der Kinder im  ersten Lebensjahre sich wenn sie in der Milch zur Entwicklung gelangen, eine 
gestaltet. Um das kurz zu erläutern, greife ich hier schädliche Veränderung der in der Milch norm aler­
die Zahlen in Charlottenburg vom vorigen Ja h re  weise erhaltenen Substanzen herbeiführen, daraus 
heraus und bemerke, daß dieses J a h r  m it seinen neue Substanzen bilden, welche eine Reizwirkung 
Vorgängern in allem wesentlich übereinstimmt, daß auf den M agendarm kanal auszuüben vermögen. Von 
die typischen Erscheinungen sich früher ebenso gezeigt untergeordneter Bedeutung, aber immerhin nicht zu 
haben wie in diesem Jah re , m it Ausnahme eines vernachlässigen sind ferner solche Keime, welche direkt
        
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