Sitzung am 10. April 1930.
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sagen wollen, daß Sie bei dem Maßstab, den Sic
anwenden, dafür sorgen möchten, daß Ihre Kinder
und die später Kommenden Sie für ebenso würdig
und groß halten, wie Sie Ihre Voreltern halten
können.
(Bravo! rechts.)
Sie können nicht einen Schnitt zwischen denen
machen, die sind und denen, die waren. Wenn Sie
mit Ihrem Leben und aus Ihrem Leben heraus
kommen und sich einbilden, eine Aufgabe über
nommen zu haben, dann müssen Sie auch dieser
Aufgabe für die Allgemeinheit gerecht werden,
und dann müssen Sie in erster Linie mal mit
Ihren Volksgenossen auskommen und nicht Ihren
Blick ewig nach außen haben, dann dürfen Sie
sich nicht hinter solche Leute stellen, die in der
heutigen Zeit den Mut zur Feigheit als Ideal hin
stellen. Ich weiß, Sie werden es sich auch nicht
gefallen lassen, wenn ein anderer auf Sie los
kommt und Sie ohrfeigt.
(Stadtv. Pieck: Sie sprechen vom Novem
ber 1918, wo die Deutschnationalen sich ver
krochen haben!)
f Aber ich hatte lediglich einmal feststellen
wollen, daß Sie, wenn Sie sich hier über ein
Kapitel zu unterhalten bemühen, und wenn Sie
Sparmaßnahmen ansetzen wollen, nicht ausgerech
net an dem Punkte anfangen, in dem es sich
gerade um Bismarck handelt. Die beiden anderen
Punkte sind eben schon ausgezählt worden.
(Stadtv. Flatau: Finden Sie das Stück denn
gut, Herr Lindemann?)
Sehen Sie, die Begründung bringen Sie ja nach
träglich für die Ablehnung des Stückes und nicht
von vornherein. Für Sie ist es wahrscheinlich
auch erst interessant geworden, nachdem die
Sache zur Aussprache gestellt worden ist. Es hat
keinen Zweck, daß wir uns um Kleinigkeiten
streiten, ob Herr Nydahl oder ein Angestellter
geantwortet hat und wie die Antwort ausgefallen
ist. Es ist kein Zufall: wenn man die einzelnen
ähnlichen Sachen, die man erlebt, in diesem Zu
sammenhange aneinanderreiht, dann wird eben ein
Plan daraus, und dagegen wenden wir uns. Wir
möchten, daß ein einheitlicher Geist herrscht
wenigstens nach der Größe unseres Volkes und
E teiches, und daß wir uns nicht durch andere be
schämen lassen. Das haben Leute fertiggebracht.
Eine polnische Zeitung hat geschrieben: „Laßt sie
nur schreien und opponieren gegen den Young-
Plan; Schacht überschätzt die Empfindlichkeit
und den Willen des deutschen Volkes. Die
Deutschen sind ein geduldiges Volk und an Fuß
tritte gewöhnt.“ Schauen Sie, wenn Sie solches
Bild nach außen erwecken wollen, dann, bitte
schön! Aber dann verlangen Sie nicht, daß wir
mit Ihnen gehen, wenn wieder derartige Anfragen
kommen. Ich hoffe, daß wir uns zu gelegenen
Zeiten noch verstehen lernen werden.
Stadtv. Dr. Heuß (D): Meine Damen und
Herren! Ich vermute, wahrscheinlich in diesem
Hause der einzige zu sein, der Frank Wedekind
persönlich gekannt hat, und als ich diese Debatte
erlebte, begleitete mich das Gefühl, daß dieser
Mann, der ein dämonisches Temperament gewesen
ist, die tiefe Komik und Groteske empfinden müßte,
(Stadtv. Flatau: Sehr richtig!)
daß dieses Bismarck-Drama, das kein Frühwerk
ist, wie hier Herr Lippert meinte, sondern ein
Alterswerk, das er im Krieg, ein paar Jahre vor
seinem Tode geschrieben hat, nun hier eine De
batte solchen Ausmaßes in die Bewegung bringen
würde und daß Wedekind ausgerechnet seine An
wälte bei den Völkischen fände. Ich will gar nicht
von der Frage sprechen, die Herr Nydahl zu be
antworten hatte; mir scheint, daß sie durchaus
korrekt beantwortet worden ist. Ich habe das
Empfinden, daß diese Geschichte lediglich deshalb
als Anfrage gestellt wurde, um allgemeine po
litische Reden halten zu können. Weiß Gott, diese
politischen Reden, die wir anhören mußten — auch
die des letzten Redners —, haben darum auch fast
nichts von dem Bismarckstück gesprochen; ob gut
oder schlecht — es ist ein schlechtes Stück, lang
weilig und ungestaltet, und wir müssen unsere
Jugend in Stücke schicken, die gut sind. Es han
delt sich auch nicht um die Frage, ob Pädagogik
mit Heroismus oder ohne Heroismus, es handelt
sich darum, daß bei der Gelegenheit den Rednern
ihre Wahlreden noch einmal hochgekommen sind,
und nun mußten sie sie loswerden. Nur die Er
lebnisse des Herrn Löpelmann in London, das war
keine Wahlrede mehr.
(Heiterkeit.)
Aber dann kamen die Sprüche, ob Sozialismus
oder Kapitalismus, ob Bismarck oder so oder so,
endloses und zweckloses Gerede. Muß denn das
sein? Es ist eine schauderhafte Art, wie wir
unsere Zeit hier totschlagen, nur weil die National
sozialisten das Bedürfnis haben, solche saudum
men Anfragen zu stellen.
(Bravo! und große Heiterkeit.)
Vorst.-Stellv. Dr. Caspari: Herr Dr. Heuß,
die Anfragen von Stadtverordneten können gar
nicht „saudumm“ sein.
(Heiterkeit.)
Das Wort hat Herr Stadtverordneter Dr. Lippert.
Stadtv. Dr. Lippert (NS): Angesichts der
Tatsache, daß der Demokrat Herr Heuß unsern
Antrag als „saudumm“ bezeichnet hat,
(Zuruf des Stadtv. Dr. Heuß.)
und angesichts der Tatsache, daß es uns gelungen
ist, mit dieser Anfrage eine anderthalbstündige
Debatte zu entfesseln, glaube ich wohl, sagen zu
dürfen, daß unsere Anfrage ins Schwarze ge
troffen hat, und die Wut der Parteien der Linken
bestärken mich nur in dieser Annahme. Wir haben
uns allerdings — das gebe ich ohne weiteres zu —
im Laufe der Debatte, an grundsätzliche Dinge
rührend, etwas von dem Kern der Angelegenheit
entfernt. Wir haben uns deshalb von dem
Kern der Angelegenheit entfernt, weil Herr Stadt
schulrat Nydahl bei Beantwortung dieser Anfrage
sich an technische Einzelheiten geklammert hat,
ebenso wie der Sozialdemokrat Kreuziger sich an
technische Einzelheiten geklammert hat, die,
grundsätzlich gesehen, hier überhaupt nicht zur
Debatte stehen. Der deutschnationale Herr hob
hervor, daß es sich hier um den Geist handele,
der in der Schulverwaltung umgeht, und von
diesem Blickpunkt aus gesehen, hat der Herr Stadt
schulrat sich sehr wohl gehütet, uns zu sagen,
inwiefern er bei der künstlerischen Beurteilung
des Bismarck-Stückes plötzlich so voller Bedenken
war, um nicht zu sagen, einen engherzigen Maß
stab anlegte: es sei nicht gut, es sei trocken, es
sei ledern, es sei gestrig usw., während er auf der
anderen Seite uns nicht erklärt hat, warum denn
bei der Piscator-Inszenierung eine solche Groß
zügigkeit bei der Arrangierung von Schüler
stücken obgewaltet hat. Anscheinend muß man,
um von der Schulverwaltung für würdig gefunden