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Volume Sitzung 6, 30. Januar 1930

Full text : Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Ausgabe 1930 (Public Domain)

Sitzung  am  30.  Januar  1930.

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tionsmittel  ist  immer  größer  und  größer  geworden. 172
  Was  wird  daraus?  Nicht  nur  dieser  oder
jener  Unternehmer  wird  etwas  verlieren.  Ob  dem
Privateigentum  größere  Gewinne  verloren  gehen,
das  würde  uns  Deutschnationalen  sehr  gleichgültig 172
  bleiben  können.  Seine  Träger  sind  auch
meistens  nicht  in  unseren  Reihen.  Das  Entscheidende 172
  liegt  ganz  woanders.  Das  Entscheidende 172
  ist  der  nationalpolitische
Gesichtspunkt:  Die  Arbeitsgelegenheiten 172
  der  deutschen  Arbeitnehmer, 172
  meine  Herren  Sozialdemokraten,
dürfen  nicht  in  fremde  Hand  gelangen, 172

(Bei  den  Deutschnationalen:  Sehr  wahr!
Bravo!)
der  deutsche  Lohnempfänger  darf
nichtder  Willkür  einesunbekannten
und  landfremden  Kapitals  ausgesetztwerden
  !  Das  darf  nicht  sein,  das  lassen
Sie  sich,  bitte,  von  deutschnationaler  Seite  gesagt 172
  sein.
(Stadtv.  Fritz  Lange:  Deutsche,  laßt  euch
nur  von  Deutschen  übers  Ohr  hauen!)
Ich  darf  zum  Thema  Entkommunalisierung
auf  unseren  Antrag  hinweisen,  wonach  eine  Kommission 172
  eingesetzt  werden  soll,  durch  die  sämtliche 172
  Betriebe,  die  nicht  der  Versorgung  dienen,
geprüft  werden  sollen  auf  die  Möglichkeit  einer
Liquidierung.  Der  Antrag  ist  schlecht  behandelt
worden.  Wir  dachten,  er  müßte  bald  zur  Abstimmung 172
  und  Annahme  kommen.  Das  wäre  der
Beweis  allerdings,  daß  man  unseren  Weg  mitgehen 172
  will.
Ich  füge  aber  noch  hinzu,  daß  wir  verlangen,
daß  das  Zusammenarbeiten  mit  den
privaten  Betrieben,  Anstalten  auf
allen  kulturellen  Gebieten,  Wohlfahrtspflege, 172
  Gesundheitspflege,
Schule  usw.  etwas  anders  als  bisher  gepflegt
wird,  nicht  im  Sinne  der  Kollegin  Weyl,  auch
nicht  im  Sinne  des  Kollegen  Nydahl,  sondern  in
dem  Sinne,  daß  diese  privaten  Anstalten  aller
drei  Gebiete  in  der  Regel  besser,  billiger  und  liebevoller 172
  arbeiten  als  die  kommunalen.  Wir  wissen
sehr  wohl:  es  müssen  kommunale  Betriebe  da  sein.
Das  wollen  wir  nicht  leugnen.  Aber  Sie  drosseln
alle  privaten  Anstalten  planmäßig  ab  und  machen
ihnen  das  Leben  unmöglich,  indem  Sie  ihnen  die
Schüler,  die  Wohlfahrtsempfänger  usw.  entziehen.
Da  liegt  ein  weiterer  Fehler  von  Ihnen,  indem
Sie  dadurch  mit  beigetragen  haben  zur  Erhöhung
der  Schulden  der  Stadt  Berlin.  Gehen  Sie  davon 172
  ab.
(Zurufe  links.)
Und  zweitens  sagen  wir:  Maßhalten  im  Tempo
und  Luxus!  Ich  habe  schon  alle  möglichen  Gebiete,
Sportstadien  und  Freibäder  angeführt.  Ich
möchte  noch  auf  eins  hinweisen:  „Der  Deutsche“,
das  Blatt  der  Christlich  -  Nationalen  Gewerkschaften 172
  und  ihrer  Gemeinschaft  vom  28.  Januar
bringt  eine  überaus  interessante  Darlegung,  daß
hier  innerhalb  dieses  Hauses,  wenn  auch  mit  verhältnismäßig 172
  kleinen  Summen,  aber  doch  mit
Summen,  die  für  den  Etat  dieses  Hauses  in  Betracht 172
  kommen,  so  ein  bißchen  gewirtschaftet
wird,  so  aus  dem  Größenwahnsinn  heraus,  der
Berlin  so  elegant  machen  will,  schön  und  wunderbar, 172
  wie  eine  Musterstadt  in  Amerika.
Herr  von  Drigalski,  Stadtmedizinalrat,  bekommt 172
  eine  Zimmereinrichtung,  die  36  000  Mi
kostet,  Herr  Stadtschulrat  Nydahl  und  Herr
Stadtsyndikus  Lange  eine  solche  zu  einem  ähnlichen 172

  Preise;  die  des  Oberbürgermeisters  hat  nur
70  000  Ml  gekostet.
(Zuruf.)
Ich  mache  ja  nicht  Ihnen  den  Vorwurf,  Herr  Medizinalrat; 172
  das  wird  geschehen  sein,  während  Sie
auf  Reisen,  während  Sie  in  Amerika  oder  auf
Urlaub  waren.  Jedenfalls  ist  es  geschehen,  und
diese  Zahlen  sollen  stimmen.  Oder  wollen  Sie  sie
dementieren  und  richtigstellen;  das  wäre  eine
Aufgabe  für  Sie.  Maßhalten  !  Meine  verehrten 172
  Herren,  im  Tempo  und  im  Luxus!
Wir  sagen  auch  im  Tempo  in  bezug  auf  unsere
Grundstückskäufe.  Nun  hören  wir  von  der
Mitte  heraus,  natürlich  mit  Unterstützung  und
unter  Bravorufen  der  Sozialdemokraten,  die  Angriffe 172
  gegen  die  Verkehrs-A.-G.  wegen  der  Käufe
nicht  am  Alexanderplatz  —  daran  ist  u.  U.  die
Verkehrs-A.-G.  rein  technisch  und  formell  interessiert 172
  —,  sondern  wegen  der  Käufe  am  Rathaus
bis  zum  Molkenmarkt,  dieser  kleinen  Dinger  bis
herüber  nach  dem  alten  Jüdenhof.  Ich  habe  schon
im  Haushaltsausschuß  gesagt:  Wenn  Sie  glauben,
daß  die  Direktoren  der  Verkehrs-A.-G.  irgendein
Interesse  an  diesen  Kabachen  ‘da  hinten  bis  zum
Molkenmarkt  und  Jüdenhof  hätten,  so  sind  Sie  im
Irrtum.  Ich  behaupte,  daß  diese  es  auch  nicht  zu
verantworten  haben  werden.  Das  Interesse  lag
bei  Herrn  Reuter,  bei  dem  zukünftigen  Oberbürgermeister, 172
  die  anderen  mußten  nur  technisch
mithelfen.  Dann  sagte  Herr  Schwarz  im  Ausschuß 172
  :  Gott  sei  Dank,  daß  sie  geholfen  haben;
seien  Sie  zufrieden,  denn  dadurch  ist  es  technisch
und  finanziell  zu  einem  guten  Geschäft  für  die
Stadt  geworden.  Lassen  Sie  Ihre  Angriffe  gegen
die  Direktoren  bei  der  Verkehrs-A.-G.,  soweit  sie
bei  den  Käufen  mitgeholfen  haben.  Seien  Sie
ihnen  lieber  dankbar,  denn  wenn  sie  nicht  geholfen 172
  und  ihre  Sachkenntnis  auf  dem  Grundstücksmarkte 172
  nicht  zugegeben  hätten,  dann  kostete
es  vielleicht  die  Stadt  Berlin  das  Doppelte  und
Dreifache,  und  die  Pleite  wäre  noch  viel  größer.
Zur  Verwaltungsreform  vermag  ich
nur  eins  zu  sagen.  Wir  verlangen  die  Rationalisierung 172
  besonders  auf  dem  Gebiete  Groß-Berlin.
Wir  verlangen,  daß  die  Rationalisierungsbestrebungen 172
  endlich  einmal  ernstlich  angefaßt  werden.
Wir  bringen  in  einigen  Wochen  ein  Programm
darüber  heraus;  zurzeit  brauche  ich  mich  darüber
nicht  auszulassen.  Aber  daß  die  Gemeinden,  aus
denen  heute  Berlin  zusammengesetzt  ist,  ursprünglich 172
  finanziell  bedeutend  besser  gewirtschaftet 172
  haben,  weil  sie  sich  ihrer  Verantwortung
bewußt  waren  —  das  trifft  auch  auf  Neukölln  als
eine  arme  Gemeinde  zu  -—,  das  ist  wohl  unbestritten. 172

(Sehr  richtig!  rechts.)
Der  große  Topf,  Herr  Kämmerer,  in  den  alles
hineingeht,  war  damals  noch  nicht  da.  Wir  müssen
bei  der  Gelegenheit  Herrn  Kämmerer  Dr.  Lange,
—  nicht  dem  Syndikus,  sondern  dem  Kämmerer
Dr.  Lange  —  sagen,  daß  wir  nicht  nur  oft  seine
Widerstandskraft,  wie  wir  es  gelegentlich  der
Tariferhöhung  betrieben,  vermißt  haben,  w  i  r
verMissen  leider  an  ihm  auch  das
Verantwortungsbewußtsein,  das  ein
Kämmerer  haben  muß.  Der  große  Topf,
aus  dem  alles  herausgenommen  wird,  wurde  zwar
konntenmäßig  abgerechnet,  das  klingt  ganz  schön.
Es  war  tatsächlich  ein  Konto  —  sagen  wir  mal:
der  Stiftungen  —  ein  sehr  interessantes  Kapitel
—  vorhanden.  Auf  dem  „Konto  Stiftungen“  ist
heute  noch  alles  da,  was  da  sein  muß.
(Zuruf  rechts:  Auf  dem  Papier!)
            
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