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Volume Sitzung 6, 30. Januar 1930

Full text : Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Ausgabe 1930 (Public Domain)

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Sitzung  am  30.  Januar  1930.

Wir  behalten  uns  vor,  zur  Rationalisierung  des
Betriebes  im  Magistrat  und  zum  neuen,
verständigen,  wirtschaftlich  und
historisch  natürlich  gegebenen
Aufbau  Groß-Berlins  Ihnen  in  einigen
Wochen  ein  Programm  vorzulegen.  Herangehen 172
  müssen  wir  an  die  Arbeit,  ob  Sie  wollen
oder  nicht,  auch  wenn  es  dann  so  kommt  wie
heute,  was  sehr  interessant  ist,  daß  ausgerechnet
der  frühere  Minister  Herz,  und  zwar  ausgerechnet
im  „Vorwärts“,  eine  Dezentralisation  vorschlägt.
Ich  kann  hier  hinzufügen:  Herr  Herz  hat  sich  mit
seinem  sonst  gutgemeinten  Artikel  bei  uns  nicht
als  Oberbürgermeisterkandidat  etwa  empfohlen.
Und  nun  weiter:  Die  Dezernate  arbeiten  hier
beim  Magistrat  durcheinander  und  gegeneinander.
Jeder  denkt  an  sich  und  keiner  an  die  Allgemeinheit. 172
  Wir  haben  ein  sehr  spaßiges  Beispiel  erlebt,
daß  der  Herr  Medizinalrat  plötzlich,  als  die  Frage
nach  der  Beteiligung  der  Versicherungsträger  an
den  Selbstkosten  für  Krankenbetten  hier  erörtert
wurde,  auf  einmal  gegen  die  Interessen  der  Stadt
für  die  Interessen  der  Versicherungsträger  redete
und,  zur  Rede  gestellt,  sagte:  Ja,  meine  Herren,
das  ist  doch  ein  Magistratsbeschluß.  Der  Magistratsbeschluß, 172
  hinter  den  sich  die  einzelnen 172
  verantwortlichen  Dezernenten  verkriechen,
das  ist  auch  so  ein  Punkt,  auf  den  man  hinweisen
muß.  Das  ist  eine  Fehlerquelle  für  viele
Dinge,  die  hier  geschehen  sind,  und  für  das  Verwaltungsdurcheinander 172
  bei  den  Behörden  und  Gesellschaften. 172
  Wir  haben  ja  schon  —  Herr  Kollege
Flatau  und  ich  von  verschiedenen  Standpunkten
aus  —  wiederholt  darauf  hingewiesen,  daß  die  Gesellschaften 172
  sich  allmählich  zu  souveränen  Staaten
innerhalb  dieser  Stadt  auswachsen.  Es  ist  schon
so:  Die  arme  Stadt  ist  Besitzerin  reicher  Gesellschaften, 172
  die  ihren  guten  Tag  leben,  aber  an  die
Stadt  nicht  denken,  reicher  Gesellschaften,  bedient 172
  von  einer  Klientelmißwirtschaft,  wie  wir  im
Fall  Sklarek  durch  Zufall  gesehen  haben.  Es  ist
eine  Postenjägerei  übelster  Art.  Ich  möchte  es
auch  den  Kommunisten  in  Erinnerung  rufen.
Denken  Sie  an  Brolat,  denken  Sie  an  die
72  000  “Ml,  so  viel  waren  es  ja  wohl.  Das  ist  das
sogenannte  „gebildete  Proletariat“,  das  Ihnen
eben  Kollege  Flatau  so  freundlich  vor  die  Nase
rückte.  Ich  habe  gerade  bei  den  letzten  Etatsverhandlungen 172
  eine  ganze  Reihe  solcher  gebildeten
Proletarier  aus  den  Kreisen  der  Sozialdemokratischen 172
  Fraktion  vorgewiesen  und  namhaft  gemacht, 172
  es  waren  etwa  25,  die  zu  anständigen
Posten  und  Postchen  gekommen  sind.
(Rechts:  Sehr  wahr!  Sehr  gut!)
Ich  darf  nun  übergehen  zu  dem  Positiven,
was  wir  Ihnen  zu  sagen  haben.  Das  Historische
ist  ja  nun  abgeschlossen  mit  diesen  Dingen,  die
wir  alle  kennen.
Es  sind  Forderungen  grundsätzlicher 172
  Art,  die  wir  stellen.  Es  sind  die
Forderungen,  die  der  Kollege  Flatau  bespottet  hat.
Gewiß,  wir  waren  immer  bereit,  eine  Verantwortung 172
  für  das  Etatsgebaren  zu  übernehmen,  wenn
man  unseren  Forderungen  Rechnung  trägt.  Wenn
man  aber  das  Gegenteil  tut,  dann  sind  wir  allerdings 172
  uns  unserer  Verantwortung  bewußt,  daß  wir
Widerstand  leisten  müssen  bis  zum  letzten  bittersten
Ende.  Wir  verlangen  die  rücksichtslose 172
  Entkommunalisierung  aller  der
Gesellschaften  und  Betriebe,  die  nicht  der  Versorgung 172
  dienen.  Es  ist  hier  von  verschiedenen  Seiten
gewarnt  worden  vor  dem  Lombardieren  von  Aktien

und  ähnlichem  Besitze.  Ich  muß  schon  sagen,  es
sind  auch  die  merkwürdigsten  Dinge  passiert
Man  sprach  hier  vom  Lombardieren  dieses  Pakets
Rütgerwerkaktien,  die  im  Besitz  der  Stadt'  sein
sollen.  Soweit  ich  festgestellt  habe,  sind  sie  nicht
im  Besitz  der  Stadt,  sondern  im  Besitz  der  Berliner
Gasgesellschaft.  Man  muß  doch  mal  ein  bißchen
vorsichtig  sein  mit  solchen  schönen  Sachen  und
erst  mal  den  Besitz  feststellen.  Aber  die  Lombardierung 172
  überhaupt,  meine  Damen  und
Herren,  ist  ein  sehr,  sehr  gefährlicher
Weg.  Hier  bei  den  Privataktien  der  Rütgerwerke
führt  er  u.  U.  dazu,  daß  wir  zunächst  mal  gepumpt
kriegen  und  nachher  nicht  zurückzahlen  können
und  schließlich  die  Bank  den  Gewinn  von  der
Lombardierung  hat,  denn  die  diktiert  uns  den
Preis,  wenn  wir  das  Ding  subhastieren  müssen.
Wenn  wir  etwas  vom  Besitz  abstoßen  müssen,
dann  verkaufen  Sie  lieber  gleich  jetzt  rechtzeitig
unter  geeigneten  Maßnahmen,  so  daß  Sie  den  Kurs
wahren,  und  machen  Sie  nicht  den  Umweg  der
Lombardierung.  Dann  ist  wenigstens  das  Geschäft
besser.  Aber  die  Lombardierung  der  Privataktien
ist  nur  ein  erster  Schritt.  Machen  wir  so  etwas,
dann  kann  man  ja  auch  mit  den  städtischen
Werken  ähnlich  verfahren!  —
Ich  erinnere,  daß  bei  der  25-Millionen-Anleihe,
die  die  Elektrowerke  uns  gegeben  haben,  der
„Bewag“  ein  Vertrag  aufgezwungen  worden  ist,
der  doch  sehr  gefährlich  ist.  Ob  die  um  etwa
100%  vermehrte  Strommenge,  die  abgenommen
werden  soll,  nachher  auch  gebraucht  wird,  ist
fraglich.  Der  Vertrag  sagt  aber,  sie  muß  bezahlt
werden,  auch  wenn  sie  niemals  gebraucht  wird.
Was  dann?  Dann  geben  wir  wieder  Geld  aus  für
Dinge,  die  wir  nicht  brauchen.  Wir  verschulden
uns.  Es  besteht  die  Möglichkeit  für  die  Elektrowerke, 172
  daß  sie  die  „Bewag“  irgendwie  in  der
Substanz  angreifen  und  in  Besitz  nehmen.  Oder
das  Reich  übernimmt  sie.  Man  kann  sich  vorstellen, 172
  daß  das  Reich  den  Wunsch  hat,  die  großen
Berliner  Werke  zu  kontrollieren.  Ich  kann  mir
vorstellen,  daß  auch  die  hinter  den  Reichswerken
stehenden  ausländischen  Geldgeber,  in  erster
Reihe  also  die  an  den  Reichswerken  interessierten
Vertragspartner  des  sogenannten  Haager  Planes,
des  Young-Planes,  nicht  ungern  eine  solche  Einleitung 172
  zu  einer  Verschuldung  der  „Bewag“  an
die  Elektrowerke  sehen  werden.  Ich  warne  vor
dem  Wege,  der  führt  uns  ganz  wo  anders  hin,  als
wir  wollen.
Sie  reden  so  viel  davon,  und  ich  möchte
Ihnen  grundsätzlich  dazu  folgendes  sagen:  Wir
warnen  davor,  hemmungslos  und
ohne  Überlegung,  ohne  große  Kantelen
  und  Sicherheiten  Versorgungsbetriebe 172
  auf  dem  Wege  der
Lombardierung  aus  der  Hand  zu
geben,  sie  zu  gemischtwirtschaftlichen  Betrieben 172
  werden  zu  lassen.  Wir  warnen  daher  gerade 172
  vor  diesem  Kredit,  da  immer  eine  ausländische 172
  Geldquelle  als  der  letzte  Geldgeber  in  Frage
kommt,  der  dann  letzten  Endes  alles  managet  und
die  Puppen  tanzen  läßt,  wie  es  ihm  paßt.  Wir
sagen  das  deshalb,  weil  die  Rettung  überhaupt
aller  Wirtschaft,  der  privaten  und  kommunalen
Wirtschaft,  nicht  kommen  kann  und  nicht  solange
gegeben  ist,  als  die  Basierung  der  Wirtschaft  vorwiegend 172
  auf  fremdem  Kredit  beruht.
(Sehr  richtig!)
Die  GefahrdesAusliefernsdeutscher
Werke  an  das  ausländische  Kapital,  der  Überfremdung 172
  der  deutschen  Praduk-
            
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