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Volume Sitzung 39, 15.12.1927

Full text : Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Ausgabe 1927 (Public Domain)

960  Sitzung  am  15.

Beschluß  erst  freigegeben  werden  müsse«.  Ich  begrüße
es,  dciß  Herr  Stadtrat  Wutzky  die  Erklärung  abtzegeben
hat,  daß,  wenn  bei  den  Rieselfeldern  Schwierigkeiten
entstehen,  dann  wahrscheinlich  anderweit  Ersatz  aufzutreiben
  sein  wird.
Aber  auf  eins  möchte  ich  noch  verweisen,  auf  das
Wort  „Dauerkleingärten".  Man  spricht  Volt  Dauerkleingärten,
  obwohl  es  eigentlich  keine  Dauerkleingärten 172
  sind.  Ich  glaube,  wir  täuschen  da  die  Oeffentlichkeit
  und  besonders  mich  die  Kleingärtner  selbst.
Unter  Dauerkleingarten  versteht  man  einen  Garten,  den
man  dauernd  behalten  kann,  und  das  ist  hier  nicht  der
Fall.  Gewiß,  es  sind  große  Schwierigkeiten  vorhanden,
das  Gebiet  auf  die  Dauer  festzulegen,  weil  wir  nicht
wissen,  wie  die  Entwicklung  Berlins  vorwärts  geht  und
ob  wir  nicht  in  20,  25  oder  30  Jahren  einmal  einen
Teil  dieses  Geländes  wieder  zurückkaufen  müssen.  Aber,
meine  Damen  und  Herren,  dann  soll  man  es  doch  offen
anssprechen  und  soll  von  Pachtkleingärten  reden  und
nicht  von  Dauerkleingärten.  Ich  stoße  mich  hauptsächlich 172
  gerade  an  diesem  Worte,  weil  man  nach  außen  hin
den  Eindruck  erweckt,  als  wären  es  Dauerkleingärten,
d.  H.  die  für  die  Dauer  von  Kleingärtnern  benutzt
werden  können,  von  denen  sie  niemals  wieder  Vertrieben 172
  werden  können.  Ich  habe  deshalb  auch  im  Ausschuß 172
  den  Antrag  gestellt,  das  Wort  „Dauerkleingärten"
in  „Pachtkleingärten"  umzuwandeln.  Dieser  Antrag  ist
leider  abgelehnt  worden,  und  zwar  mit  allen  Stimmen
abgelehnt  worden.  Es  hat  deshalb  gar  keinen  Zweck,
ihn  heute  nach  einmal  zu  wiederholen.  Aber  ich  verweise 172
  doch  daraus,  daß  man  z.  B.  bei  Mietverträgen,
die  man  auf  10  Jahre  abschließt,  niemals  vdn  Dauermietverträgen 172
  spricht,  und  ich  sehe  deshalb  auch  gar
nicht  ein,  daß  man  bei  Pachtverträgen,  die  auf  10  Jahre  j
abgeschlossen  werden  sollen,  nun  von  Tauerverträgen
und  von  Dauerklcingärten  sprechen  soll.  Auf  diesen
Widerspruch  wollte  ich  nur  hingewiesen  haben,  ohne
noch  einmal  meinen  Antrag,  der  keine  Aussicht  aus  Annahme 172
  hat,  zu  stellen.
Nun  stimmen  wir  allerdings  dem  kommunistischen
Antrage  zu,  die  Tauer  auf  15  Jahre  zu  erweitern.  Ich
glaube,  erstmalig  kann  man  sich  auf  15  Jahre  festlegen.
Jedes  weitere  Mal  müssen  sie  dann  von  5  zu  5  Jahren
weiter  festgelegt  werden,  da  wir  heute  schon  die  Entwicklung 172
  auf  unserm  Gelände,  das  wir  ausweisen
wollen,  für  die  nächsten  15  Jahre  voraussehen  können.
Die  Sozialdemokraten  und  Kommunisten  setzen
sich  so  sehr  dafür  ein,  daß  Privatgelände  als  Dauerkleingärten 172
  ausgewiesen  wird.  Ich  stehe  nicht  an,  zu
erklären,  daß  man,  wenn  es  notwendig  ist,  auch  aus
Privatgelände  zurückgreifen  soll,  denn  über  dem  Interesse 172
  des  einzelnen  steht  das  Interesse  der  Gesamtheit.
Das  ist  ein  Grundsatz,  der  aufrecht  erhalten  werden
muß.  Wenn  das  Interesse  der  Gesamtheit,  wenn  das
Interesse  des  Volkes,  wenn  die  Zukunft  des  Volkes  und
des  Vaterlandes  es  verlangt,  an  irgendeiner  Stelle  tit
den  Privatbesitz  einzugreifen,  dann  muß  das  geschehen,
selbstverständlich  gegen  Entschädigung  usw.  Grundsätzlich 172
  aber  muß  man  daran  festhalten,  daß  auch  das
Privateigentum  so  heilig  ist,  daß  wir  nie  und  nimmer
allgemeine  Interessen  darüber  stellen  können.  Wenn
man  gerade  von  seiten  der  Linken  so  sehr  den  Privatbesitz 172
  heranziehen  will,  dann  muß  man  sich  auch  dazu
aufschwingen,  das  Gelände  der  Stadt  heranzuziehen.
Das  tut  man  leider  nicht.  Man  weist  wohl  Privatgelände 172
  aus,  man  weist  wohl  fiskalisches  Gelänoe  aus
als  Reichsheimstättengebiet,  aber  das  Gebiet  der  Stadt
schont  man.  Hier  kann  man  auch  sagen:  „Heiliger  Florian,
verschon'  mein  Haus,  zünd'andere  an!"  wie  Sie  es  so
oft  tun.  Wir  sollen  doch  mit  gutem  Beispiel  vorangehen.
Ja,  meine  Damen  und  Herren,  wenn  wir  Privatgelände
und  fiskalisches  Gelände  heranziehen,  dann  sollten  wir
doch  auch  mit  gutem  Beispiele  vorangehen  und  zu  einem
Teil  auch  unser  städtisches  Gebiet  als  Reichsheimstättengebiet 172
  ausweisen.

Dezember  1927.
Es  ist  nun  zwar  eine  Verbesserung  der  Vorlage
eingetreten.  Denn  im  §  8  war  früher  vorgesehen,  daß
die  Verpächter  sogar  vom  Magistrat  vor  Ablauf  der
Pachtzeit  gekündigt  werden  können,  d.  h.  also  Dauerkleingärten
  auf  10  Jahre,  aber  man  kann  auch  schon
vorher,  d.  H.  nach  einem  oder  zwei  Jahren,  gekündigt
werden.  Das  nennt  man  in  der  Vorlage  des  Magistrats
Dauerkleingärten.  Glücklicherweise  haben  wir  diese  Bestimmung 172
  ja  in  dem  Ausschusse  herausbekommen,  so  daß
jetzt  wenigstens  die  Dauer  von  10  Jahren  bleibt,  wenn
nicht  der  kommunistische  Antrag  auf  15  Jahre  angenommen 172
  wird,  daß  wenigstens  für  15  Jahre  die  Kleingärtner 172
  gesichert  sind.
Ich  begrüße  es,  Was  Herr  Stadtrat  Wutzky  hier
sägte,  daß  doch  immerhin,  wenn  die  Kleingärtner  einmal
weichen  müßten,  eine  Entschädigung  selbstverständlich  sei.
Es  ist  zuzugeben,  daß  Herr  Stadtrat  Wutzky  sich  sehr
energisch  für  die  Durchführung  dieser  Vorlage  eingesetzt
hat,  und  ich  zlveiflc  auch  keinen  Augenblick,  daß  er  sich
stark  dafür  machen  wird,  daß  den  Kleingärtnern  eine
Entschädigung  zuteil  wird.  Diese  Erklärung  dient  jedenfalls 172
  zur  Beruhigung.
Dafür,  daß  das  Gelände  der  Knorrbremse  herausgenommen 172
  wird,  haben  wir  ebenfalls  gestimmt,  aber
nicht,  weil  es  sich  um  Privatgelände  handelt.  Denn  wir
haben  da  an  einer  anderen  Stelle  ein  Privatgelände  eingesetzt, 172
  aber  Wir  haben  das  deshalb  getan,  damit  die
Stadt  sich  nicht  in  Prozesse  einläßt,  die  von  vornherein
als  aussichtslos  zu  bezeichnen  sind.  Denn  nach  den  vorliegenden 172
  Mitteilungen  des  Herrn  Oberpräsidenten  und
anderen  Mitteilungen  ist  es  vorauszusehen,  daß  die
Stadt  den  Prozeß  verliert,  und  es  hat  gar  keinen  Zweck,
an  einem  ungünstigen  Objekt  das  zu  versuchen.
Ich  komme  nun  zum  Schluß,  da  ja  genügend  über
die  Vorlage  geredet  ist.  Sie  bedeutet  zweifellos  einen
Fortschritt.  Besonders  muß  man  das  berücksichtigen  bei
der  Schwierigkeit  der  Materie,  die  anerkannt  wird.
(Zuruf  von  den  Sozialdemokraten:  Im  Ausschuß
haben  Sje  anders  geredet!)
Ich  habe  das  vorige  Mal  nicht  anders  gesprochen  im  Ausschuß. 172
  Meine  Anträge  sind  abgelehnt  worden,  auch  von
Ihnen,  abgelehnt  auch  von  der  Linken.  Sie  können  doch
nicht  sagen,  daß  ich  heute  anders  rede  als  im  Ausschuß.
Warum  haben  Sie  nicht  dafür  gestimmt,  das  Wort
„Dauerkleingärten"  umzuwandeln  in  „Pachtkleingärten"? 172
  Das  ist  eine  Täuschung  der  Oeffentlichkeit,  die
Sie  beabsichtigen.  Warum  haben  Sie  nicht  für  den  Antrag 172
  der  Kommunisten,  für  die  Erweiterung  von  10  auf
15  Jahre,  gestimmt?  Warum  habeil  Sie  nicht  dafür
gestimmt,  daß  zu  einem  Teil  auch  städtisches  Gelände
als  Reichsheimstättengebiet  ausgewiesen  wird?  Ich  habe
heute  abend  ganz  sachlich  berichtet  und  bin  ganz  sachlich
geblieben.  Wenn  Sie  aber  glauben,  durch  Zwischenrufe 172
  mich  aus  der  Reihe  zu  bringen,  dann  irren  Sie
sich  sehr  gewaltig.  Dann  drehe  ich  den  Spieß  um  und
werde  Ihre  Politik  aufdecken,  die  Sie  in  den  Ausschüssen 172
  und  in  den  Parlamenten  treiben,  um  die
Oeffentlichkeit  zu  täuschen,  aber  in  Wirklichkeit  praktische
Arbeit  nicht  leisten.
(Stadtv.  Wendt:  Unerhört!  Das  ist  eine  Dreistigkeit,
eine  Ungezogenheit!)
—  Es  ist  nicht  ungezogen,  wenn  ich  das  noch  einmal
sage.  —
(Stadtv.  Wendt:  Das  ist  unerhört!)
Ich  stelle  noch  einmal  fest:  Die  Sozialdemokratie
hat  gegen  meinen  Antrag  im  Ausschuß  gestimmt,  das
Wort  „Danerkleiiigärteu"'  in  „Pachtkleingärten"  umzuwandeln. 172

(Zuruf  bei  den  Sozialdemokraten:  Ja,  selbstverständlich!) 172

Die  Sozialdemokratie  hat  gegen  den  kommunistischen
!  Antrag  gestimmt,  die  Dauer  von  10  auf  15  Jahre  aus-
            
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