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Volume Sitzung 43, 16. Dezember 1926

Full text: Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Issue1926 (Public Domain)

Sitzung am 16. 
werden könnte, sondern dich dazu die Zustimmung der 
Stadtverordnetenversammlung erforderlich fei, da es sich 
nicht um ein Geschäft der laufenden Verwaltung der 
Stadtgemeiude handelt. Es wurde zwar von feiten des 
Magistrats und von seiten einiger Herren des Aus 
schusses darauf hingewiesen, daß im Etat eine besondere 
Position von 3000 M für die Instandsetzung von Ge 
denktafeln, für Adressen usw. enthalten sei und deshalb der 
Magistrat berechtigt sei, auch ohne Zustimmung der 
Stadtverordnetenversammlung die Tafeln anzubringen. 
Tie Mehrheit des Ausschusses blieb jedoch bei ihrer Auf 
fassung, daß hierzu nach Art. 35 der Städteordnung die 
Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung erforder 
lich sei, weil es sich eben nicht um ein Geschäft handelt, 
das ausschließlich dem Magistrat zur Erledigung über 
wiesen ist. Es schlägt Ihnen deshalb die Mehrheit des 
Ausschusses vor, im Sinne der Antragsteller zu be 
schließen, den Magistrat zu ersuchen, die beiden Gedenk 
tafeln zur Erinnerung an die beiden Begründer des 
wissenschaftlichen Sozialismus Karl Marx und Ferdinand 
Lassalle an den bezeichneten Häusern anbringen zu lassen. 
Es wurde im übrigen auch von den Antragstellern 
zur Begründung noch darauf hingewiesen, daß in Berlin 
unzählige Gedenktafeln vorhanden sind, beispielsweise 
allein im Bereich des Bezirks Mitte 40 Gedenktafeln, 
teilweise Gedenktafeln zur Erinnerung an Leute, die 
jetzt vollkommen vergessen sind, deren Wirken noch nicht 
einmal unter Zuhilfenahme des Lexikons zu ermitteln 
ist. Es sei deshalb eine besondere Anstandspflicht der 
Stadtgemeinde Berlin nach der Ansicht der Mehrheit 
des Ausschusses, auch diese beiden großen Männer nun 
endlich durch Anbringung von Gedenktafeln gebührend 
zu ehren. 
Stabtb. Koch (DN.): Meine Damen und Herren! 
Es heißt das Wesen und den Lebensinhalt der beiden 
Männer nicht vollständig charakterisieren, wenn man sie 
nur als Begründer des Sozialismus hinstellt. Darum 
gestatten Sie mir, das nachzuholen, was der Herr Bericht 
erstatter und was der Ausschuß versäumt haben. 
Was zunächst Ferdinand Lassalle anbelangt, 
so haben Meine Freunde nichts dagegen, daß für ihn eine 
Tafel angebracht werde. Im Gegenteil, sie haben manches 
dafür, aber nicht aus den Gründen, die der Herr Bericht 
erstatter -angeführt hat, sondern aus den! Gründen, die 
ich die Ehre habe, Ihnen vorzutragen. Ferdinand 
Lassalle, zunächst einmal als Bürger betrachtet, weist 
für manche sehr weit rechts eingestellte Männer sym 
pathische Züge auf. Er hatte den Mut, sogar gegen seine 
Klassengenossen und gegen ihre Vorurteile anzukämpfen. 
Da ist besonders das, was von der Sozialdemokratie aller 
Richtungen heute ans das alleräußerste verdammt wird, 
er trat mit seine in Blute für die Ehre 
e i in 
(Zuruf links: Ach! Das würden manche anderen 
heute nicht machen!) 
Dieser Mut auch gegen die Ueberzeugung seiner Klassen 
genossen läßt Lassalle weit über die Vertreter seiner Ideen 
in unserer Zeit emporwachsen. 
Ein Zweites ist es, was uns Lassalle wertvoll er 
scheinen läßt. Lassalle war ein Mann, der nicht dog 
matisch auf die Internationale eingestellt war, sondern 
der warme nationale Töne nicht nur zu finden wußte, 
sondern auch eine nationale Weltanschauung 
vertrat. Lassalle war der, — wie aus seinem Ver 
kehre mit Bismarck zur Genüge hervorgeht, der in einem 
sozialen Königtum der Zukunft den sozialen 
Staat ant allersichersten, gewährleistet sah. 
(Stadtv. Roth: Was der alles jaus einem Sozial 
demokraten macht! Mir wird ganz schummerich!) 
Wissen Sie, Herr Roth, ich möchte Ihnen ein Wort 
Lassalles zurufen: 
(Stadtv. Roth: Tun Sie das!) 
Dezember 1926. 1117' 
„Gott grüß' xEnch, edler Freund! Ihr wißt, es war 
Mir stets ein Feiertag, wenn ich Euch sah'!" 
(Große Heiterkeit.) 
Meine verehrten Damen und Herren! Lassalle war 
ein Vertreter des Sozialismus auf nationaler 
Grundlage, und wehrte sogar den Gedanken nicht von 
sich ab, auch 'auf der Grundlage einer Monarchie könnte 
der soziale Staat durchgeführt werden. Tie weitere Ent 
wicklung hat Lassalle Recht gegeben. Gegen die so 
zialen Einrichtungen und Gesetze, die das 
Teutsche Reich sich dann schuf, hat seine Nachfolgerschaft 
int Reichstage gestimmt; aber das soziale Königtum, wie 
er prophetisch voraussah, verstand es, diese sozialen Gesetze 
gegen' die Sozialdemokratie durchzusetzen. 
(Gelächter links.) 
Ties macht uns Lassalle sympathisch. Aber, vor 
allen Dingen, meine Damen und Herren, was uns 
Lassalle turmhoch über die Vertreter der Sozialdemokratie 
unserer Tage hinaushebt, das ist sein warmes Ein 
treten für deutsches Heldentum, und das z. B. 
in einem Werke, das die wenigstens unter Ihnen kennen 
werden, von dem ich aber wünschen möchte, daß dieses 
Musterdrama deutschen Heldengeistes einmal in unserer 
Zeit auf der Staatsbühne aufgeführt werde. 
(Zustimmung rechts.) 
(Zurufe links. — Bei den Komm.: Regisseur- 
Pfarrer Koch!) 
Allerdings ist es ein Drama, das der Intendant Leopold 
Jeßner, Ihr Freund und Parteigenosse, erst einer gewalti 
gen Umarbeitung unterziehen müßte, um es auf dem 
republikanischen Staatstheater aufführen zu können. 
(Rechts: Sehr gut! — Links: Er führt ja das 
kommunistische „Hamlet" auf!) 
Es ist ja unmöglich, Worte, wie Lassalle sie seinem 
Helden Franz von Sickingen in den Mund legt, dort 
sprechen zu lassen: 
„Schon einmal hat Germanien mit dem Schwert 
Erobert diese Welt und mit dem Geist erobert! 
.... Wo ist die Scholle dieses Weltalls, 
Die nicht gedüngt lvard durch Germanenblut?" 
Es ist ja unmöglich, daß am Schluß des Dramas, wo 
sich die nationale Begeisterung auf den Höhepunkt 
steigert, 
(Zuruf bei den Komm.: Mit der blauen Brille!) 
Worte vorgetragen werden dürfen wie die: 
„Zurück mein Kind! Mich ruft das Vaterland, 
Ihm fiebern meine Pulse heiß entgegen. 
Dein Los vertrau' ich güt'gen Mächten an. 
Mich rufen jene, die den Irrtum rächen. 
Ich k o m m e D e u t s ch l a n d! Kaufe jetzt mich los 
Vor allem Fehl und eitlen Erdenschwächen, 
Zog- ich die Mauer zwischen dir und mir, 
So ist.s an mir, sie wagend zu durchbrechen!" 
Das sind Worte von gewaltigem Schwung. 
(Dauernd Zwischenrufe bei den Kommunisten.) 
— Sie spotten ja Ihrer selbst und wissen cs nicht! — 
Das sind Worte von solch edlem nationalen Schwung, daß 
ich wünschte, die ganze Republik seit dem 9. November 
1918 hätte auch nur annähernd einen solchen Vers 
hervorgebracht ans den Kreisen ihrer Gründer, wie ein 
einziger Vers von Ferdinand Lassalle. Und nun kommen 
diese Nachfolger — gestatten Sie mir ein Fremdwort, 
vielleicht verstehen Sie es besser —, diese Epigonen 
Ferdinand Lassalles 
(Bei den Teutschnat.: Sehr richtig!) 
und wollen ihm eine Tafel anbringen, wollen ihn feiern 
als Gründer des Sozialismus! Sie umschrei 
ben damit nur einen ganz engen Teil seines Wesens. — 
Nein, meine Damen und Herren, wir Dentschnationalen 
wollen dem Wesen dieses Mannes gerechter werden und 
stellen einen Abänderungsantrag. Wird dieser Wände-
	        
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