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Volume Sitzung 2., 15. Januar 1925

Full text : Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Ausgabe 1925 (Public Domain)

Sitzung  ant  15.

Der  Verband  teilt  dann  aber  noch  weiter  mit,
daß  den  Verwaltungen  der  Krankenhäuser  an  der
schlechten  Beschaffenheit  sowie  auch  an  dem  geringen
Quantum  keine  Schuld  beizumessen  ist,  sondern  daß
es  eben  daran  liegt,  daß  der  festgelegte  Satz  für  die
Ernährung  der  Patienten  in  den  Krankenanstalten
zu  niedrig  ist.
Nun,  meine  Damen  und  Herren,  wenn  dem  so
ist  —  und  ich  glaube,  das  wird  nicht  bestritten  werden,
ich  meine,  daß  kann  auch  nicht  vom  Gesundheitsamt,
auch  nicht  vom  Dezernenten,  Herrn  Bürgermeister
Scholk,  bestritten  werden  ,  dann  sagen  wir  uns:
Diese  Prüfung  —  —  ich  komme  nachher  noch  auf  den
Ausschuß  zu  sprechen  —  —,  könnte  entweder  bedeutend 172
  beschleunigter  vorgenommen  werden,  oder
Man  könnte  zunächst  einmal  einen  höheren  Satz  festlegen, 172
  selbst  wenn  Man  ihn  nicht  in  voller  Höhe  annimmt 172
  und  dann  Nachher  in  eine  Prüfung  eintreten,
ob  noch  eine  weitere  Erhöhung  Notwendig  ist.  Es
könnte  sonst  vielleicht  passieren  —  ich  will  nicht  übertreiben 172
  —,  daß  vielleicht  dieser  oder  jener  aus  der
Krankenanstalt  unterernährter  herauskommt,  wie  er
hineingegangen  ist,
Meine  Damen  und  Herren,  daß  unsere  Ansicht  die
richtige  ist,  beweist  doch  auch,  Und  das  dürfte  auch
dem  Herrn  Bürgermeister  bekannt  sein,  daß  die  Gesundheitsämter 172
  von  Charlottenburg,  Neukölln,  Schöneberg 172
  in  Eingaben  an  das  Hauptgesundheitsamt
wiederholt  darauf  hingewiesen  haben,  daß  der  Satz
für  die  Ernährung  entschieden  zu  niedrig  ist.  Das
beweist  auch,  daß  einige  andere  Gesundheitsämter  der
Bezirke  sich  dieser  Auffassung  angeschlossen  haben.
Meine  Damen  und  Herren,  Herr  Kollege  Rintorf
hat  schon  darauf  hingewiesn,  daß  die  Vereinigung
der  Stadtärzte  eben  diesen  selben  Standpunkt  vertritt, 172
  und  ich  glaube,  diese  Herren  werden  doch  sicher
über  die  Notwendigkeit  einer  ausreichenden  Ernährung 172
  in  den  Krankenanstalten  aus  Grund  ihrer
ärztlichen  Eigenschaft  so  unterrichtet  sein,  wie  die
Herren  im  Haupt-Gesundheitsamt.  Ich  habe  nicht  die
Absicht,  aus  diese  Eingabe  weiter  einzugehen.  Ich
möchte  mir  nur  einige  wenige  Ziffern  erlauben,  um
zu  beweisen,  daß  es  notwendig  ist,  dem  Antrage  der
Kommunistischen  Fraktion  in  dieser  Beziehung  zuzustimmen: 172

Es  ist  bekannt,  daß  nach  der  amtlichen  Statistik
die  Ernährung  um  50—60%  teurer  ist  als  1914,  und
es  ist  weiter  bekannt,  daß  trotz  dieser  Steigerung
von  50—60%  der  Satz,  der  zurzeit  in  den  Krankenanstalten 172
  für  die  Ernährung  ausgegeben  wird,  niedriger 172
  ist  als  vor  dem  Kriege.  1924  wurden  vom
Krankenhaus  Neukölln  für  die  Ernährung  38%  ausgegeben, 172
  zurzeit,  trotz  dieser  Steigerung  nur  25%.
Ja,  meine  Damen  und  Herren,  daß  ist  doch  ein  so
krasses  Verhältnis,  daß  es  auf  die  Dauer  nicht  aufrecht 172
  zu  erhalten  ist,  denn  wir  wünschen,  daß  die  Ernährung 172
  in  derselben  Weise  wie  vor  dem  Kriege
wieder  durchgeführt  wird.  Das  ist  durchaus  kein  unberechtigter 172
  Wunsch,  denn  auch  die  Ernährung  unserer 172
  Kranken  vor  dem  Kriege  war  doch  durchaus
keine  luxuriöse.  Es  ist  doch  damals  schon  so  gewesen,
daß  ein  Teil  der  Angehörigen  noch  Lebensrnittel  in
das  Krankenhaus  gebracht  hat.
Meine  Damen  und  Herren,  der  Hauptmangel  ist
eben,  daß  zu  wenig  Fleisch  und  zu  wenig  Fett  gegeben 172
  werden  kann  für  den  ausgesetzten  Beköstigungsbetrag. 172
  Es  ist  ja  dem  Herrn  Bürgermeister  auch  bekannt, 172
  daß  vor  dem  Kriege  pro  Woche  1500  g  gegeben 172
  wurden  und  jetzt  nur  600  g.  Das  ist  natürlich
auf  die  Dauer  für  die  Kranken  nicht  ertragbar.
Wenn  ich  mal  bei  dieser  Gelegenheit  in  Parenthese 172
  noch  eine  Bemerkung  machen  darf:  Als  im
städtischen  Dienstblatt  vom  2.  Dezember  die  Erhöhung
der  Kostsätze  von  1,10  und  1,30  Jl  usw.  bekannt  gegeben 172
  wurde,  hat  man  zum  Schluß  noch  einen  besonderen 172
  Absatz  angehängt.  Da  heißt  es,  daß  einzelne
Anstalten  noch  immer  die  Verwendung  von  Gefrierfleisch 172
  ablehnen,  trotzdem  dadurch  eine  weitere  Verbesserung 172
  der  Kost  ermöglicht  wird.  Es  wird  nochmals
darauf  hingewiesen,  daß  das  Gefrierfleisch  in  bezug
auf  Güte  dem  frischen  Fleisch  nicht  nachsteht  und  erheblich 172
  billiger  ist  als  letzteres.

»
.  Januar  1925.  21

Meine  Damen  und  Herren,  ich  erlaube  mir  ——
oder  ich  möchte  mal  so  sagen:  Alle  diejenigen,  die  gezwungen 172
  sind,  auf  Grund  ihres  Einkommens  öfter
Gefrierfleisch  essen  zu  müssen,  werden  im  großen  und
ganzen  nur  das  eine  zugestehen  können,  daß  es  billiger 172
  als  frisches  Fleisch  ist.  Daß  es  aber  irgendwie
dem  frischen  Fleisch  gleichzustellen  ist  und  ebenso
gut  ist  —  wenn  das  selbst  die  Aerzte  beweisen  können
—  erlauben  wir  uns  zu  bezweifeln.  Auch  da  befinden
wir  uns  in  guter  Gesellschaft.  Der  frühere  Medizinalrat 172
  von  Berlin,  Geheimrat  Rabnow,  hat  mal  in  einer
Sitzung  der  Gesundheitsdeputation  erklärt:  „Nun  ist
es  mir  endlich  gelungen,  das  verdammte  Gefrierfleisch 172
  aus  den  städtischen  Anstalten  herauszubekommen." 172

Nun,  ein  kranker  Mensch,  der  dann  mit  diesem
Zeug  noch  gefüttert  werden  soll,  ist  wirklich  nicht  in
einer  besonders  beneidenswerten  Lage.
Meine  Damen  und  Herren!  Ich  habe  vorhin
schon  darauf  hingewiesen,  daß  der  Mangel  an  Fleisch
und  Fett  die  Hauptursache  der  unzureichenden  Ernährung 172
  ist  und  die  Bevölkerung  weiß  ja  auch,  daß  unsere 172
  Kranken  von  dem,  was  ihnen  in  den  Anstalten
geboten  wird,  sich  nicht  ernähren  können.  Die  Angehörigen 172
  sind  fast  alle  dazu  gezwungen,  selbst  auch
diejenigen,  denen  es  außerordentlich  schwer  wird,  für
ihre  Angehörigen  in  den  Anstalten  Nahrungsmittel
bereit  zu  halten  und  ihnen  mitzubringen.  Das  ist  ja
auch  bekannt  und  in  der  Eingabe  der  Aerzte  wird  ja
auch  ganz  besonders  darauf  hingewiesen.  Es  heißt
dort  unter  anderem:  „Die  Bevölkerung  hat  das  —
daß  es  notwendig  ist,  für  mehr  Fett  und  Fleisch  zu
sorgen  —  ja  sozusagen  ganz  instinktmäßig  erfaßt,
indem  sie  ihren  Angehörigen  mehrfach  hochwertige
Nahrungsmittel  ins  Krankenhaus  mitbringt."
Dies  ist  aber  ein  Zustand,  der  einer  geordneten
Verwaltung  unwürdig  und  vor  allem  gesundheitlich
äußerst  bedenklich  ist.
Meine  Damen  und  Herren!  Auch  wir  sind  der
Meinung,  daß  das,  was  hier  in  der  Eingabe  ausgedrückt 172
  worden  ist,  durchaus  richtig  ist,  also  stimmt.  Es
wird  deshalb  notwendig  sein,  daß  nicht  nur  der  Ausschuß 172
  in  eine  Prüfung  eintritt,  sondern  daß  er  möglichst 172
  umgehend  für  die  Erhöhung  der  Sätze  sorgt.  Ich
darf  mich  dann  noch  auf  einen  anderen,  vielleicht  auch
von  den  Mitgliedern  des  Hauptgesundheitsamtes  anzuerkenenden
  Zeugen  berufen.  Herr  Professor  Oettinger,
  der  im  Bezirk  Charlottenburg  das  Gesundheitswesen 172
  betreut,  hat  gelegentlich  der  Etatsberatung  im
Bezirk  Charlottenburg  ausdrücklich  darauf  hingewiesen, 172
  daß  zwar  der  Ernährungszustand  der  Kranken
im  Westender  Krankenhaus  sehr  gut  sei,  aber  nur
deshalb,  weil  die  Angehöriaen  die  Patienten  mit  Lebensrnitteln 172
  versorgen.  Wenn  das  nicht  geschehen
würde,  würde  der  Ernährungszustand  außerordentlich 172
  mangelhaft  sein.  Ich  glaube,  Herr  Bürgermeister 172
  Scholtz,  was  Ihr  Kollege  in  Charlottenburg
gesagt  hat,  das  wird  wohl  stimmen.  Auch  das  würde
dazu  beitragen  müssen,  daß  möglichst  umgehend  die
Erhöhung  der  Kostsätze  erfolgt.
Nun,  meine  Damen  und  Herren,  hat  der  Ausschuß 172
  getagt,  wie  wir  gehört  haben,  und  zwar  gestern
schon,  wie  der  Herr  Bürgermeister  uns  mitteilte.  Da
möchte  ich  mir  zunächst  folgende  Bemerkungen  erlauben: 172

Als  in  der  Gesundheitsdeputation  dieser  Ausschuß 172
  gebildet  wurde,  wurde,  wenn  ich  mich  nicht  ganz
irre,  von  dem  Herrn  Bürgermeister  selbst  vorgeschlagen. 172
  in  diesem  Ausschuß  nur  die  ärztlichen  Mitglieder 172
  der  Gesundheitsdeputation  zu  delegieren.
(Stadtv.  Dr.  Weyl:  Grober  Unfug!)
Es  bedurfte  erst  des  Einspruches  unserer  Fraktion,
um  nicht  nur  einen  Aerzteausschuß  dort  zu  Untersuchung 172
  und  Prüfung  der  Sache  zu  bestimmen.
Meine  Damen  und  Herren,  wir  haben  so  instinktiv
immer  das  Gefühl,  daß  dieser  Ausschuß,  wenn  er
nur  aus  Aerzten  bestanden  hätte,  lediglich  sich  auf  die
sogenannte  Kalorienberechnung  eingelassen  hätte.  Es
ist  unmöglich,  ärztlicherseits  zu  beweisen,  daß  Menschen 172
  mit  einer  bestimmten  Anzahl  von  Kalorien
existieren  können,  wie  dies  auch  während  des  Krieges
von  Seiten  der  Aerzte  zu  beweisen  versucht  worden
            
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