Sitzung ant 15.
Der Verband teilt dann aber noch weiter mit,
daß den Verwaltungen der Krankenhäuser an der
schlechten Beschaffenheit sowie auch an dem geringen
Quantum keine Schuld beizumessen ist, sondern daß
es eben daran liegt, daß der festgelegte Satz für die
Ernährung der Patienten in den Krankenanstalten
zu niedrig ist.
Nun, meine Damen und Herren, wenn dem so
ist — und ich glaube, das wird nicht bestritten werden,
ich meine, daß kann auch nicht vom Gesundheitsamt,
auch nicht vom Dezernenten, Herrn Bürgermeister
Scholk, bestritten werden , dann sagen wir uns:
Diese Prüfung — — ich komme nachher noch auf den
Ausschuß zu sprechen — —, könnte entweder bedeutend 172
beschleunigter vorgenommen werden, oder
Man könnte zunächst einmal einen höheren Satz festlegen, 172
selbst wenn Man ihn nicht in voller Höhe annimmt 172
und dann Nachher in eine Prüfung eintreten,
ob noch eine weitere Erhöhung Notwendig ist. Es
könnte sonst vielleicht passieren — ich will nicht übertreiben 172
—, daß vielleicht dieser oder jener aus der
Krankenanstalt unterernährter herauskommt, wie er
hineingegangen ist,
Meine Damen und Herren, daß unsere Ansicht die
richtige ist, beweist doch auch, Und das dürfte auch
dem Herrn Bürgermeister bekannt sein, daß die Gesundheitsämter 172
von Charlottenburg, Neukölln, Schöneberg 172
in Eingaben an das Hauptgesundheitsamt
wiederholt darauf hingewiesen haben, daß der Satz
für die Ernährung entschieden zu niedrig ist. Das
beweist auch, daß einige andere Gesundheitsämter der
Bezirke sich dieser Auffassung angeschlossen haben.
Meine Damen und Herren, Herr Kollege Rintorf
hat schon darauf hingewiesn, daß die Vereinigung
der Stadtärzte eben diesen selben Standpunkt vertritt, 172
und ich glaube, diese Herren werden doch sicher
über die Notwendigkeit einer ausreichenden Ernährung 172
in den Krankenanstalten aus Grund ihrer
ärztlichen Eigenschaft so unterrichtet sein, wie die
Herren im Haupt-Gesundheitsamt. Ich habe nicht die
Absicht, aus diese Eingabe weiter einzugehen. Ich
möchte mir nur einige wenige Ziffern erlauben, um
zu beweisen, daß es notwendig ist, dem Antrage der
Kommunistischen Fraktion in dieser Beziehung zuzustimmen: 172
Es ist bekannt, daß nach der amtlichen Statistik
die Ernährung um 50—60% teurer ist als 1914, und
es ist weiter bekannt, daß trotz dieser Steigerung
von 50—60% der Satz, der zurzeit in den Krankenanstalten 172
für die Ernährung ausgegeben wird, niedriger 172
ist als vor dem Kriege. 1924 wurden vom
Krankenhaus Neukölln für die Ernährung 38% ausgegeben, 172
zurzeit, trotz dieser Steigerung nur 25%.
Ja, meine Damen und Herren, daß ist doch ein so
krasses Verhältnis, daß es auf die Dauer nicht aufrecht 172
zu erhalten ist, denn wir wünschen, daß die Ernährung 172
in derselben Weise wie vor dem Kriege
wieder durchgeführt wird. Das ist durchaus kein unberechtigter 172
Wunsch, denn auch die Ernährung unserer 172
Kranken vor dem Kriege war doch durchaus
keine luxuriöse. Es ist doch damals schon so gewesen,
daß ein Teil der Angehörigen noch Lebensrnittel in
das Krankenhaus gebracht hat.
Meine Damen und Herren, der Hauptmangel ist
eben, daß zu wenig Fleisch und zu wenig Fett gegeben 172
werden kann für den ausgesetzten Beköstigungsbetrag. 172
Es ist ja dem Herrn Bürgermeister auch bekannt, 172
daß vor dem Kriege pro Woche 1500 g gegeben 172
wurden und jetzt nur 600 g. Das ist natürlich
auf die Dauer für die Kranken nicht ertragbar.
Wenn ich mal bei dieser Gelegenheit in Parenthese 172
noch eine Bemerkung machen darf: Als im
städtischen Dienstblatt vom 2. Dezember die Erhöhung
der Kostsätze von 1,10 und 1,30 Jl usw. bekannt gegeben 172
wurde, hat man zum Schluß noch einen besonderen 172
Absatz angehängt. Da heißt es, daß einzelne
Anstalten noch immer die Verwendung von Gefrierfleisch 172
ablehnen, trotzdem dadurch eine weitere Verbesserung 172
der Kost ermöglicht wird. Es wird nochmals
darauf hingewiesen, daß das Gefrierfleisch in bezug
auf Güte dem frischen Fleisch nicht nachsteht und erheblich 172
billiger ist als letzteres.
»
. Januar 1925. 21
Meine Damen und Herren, ich erlaube mir ——
oder ich möchte mal so sagen: Alle diejenigen, die gezwungen 172
sind, auf Grund ihres Einkommens öfter
Gefrierfleisch essen zu müssen, werden im großen und
ganzen nur das eine zugestehen können, daß es billiger 172
als frisches Fleisch ist. Daß es aber irgendwie
dem frischen Fleisch gleichzustellen ist und ebenso
gut ist — wenn das selbst die Aerzte beweisen können
— erlauben wir uns zu bezweifeln. Auch da befinden
wir uns in guter Gesellschaft. Der frühere Medizinalrat 172
von Berlin, Geheimrat Rabnow, hat mal in einer
Sitzung der Gesundheitsdeputation erklärt: „Nun ist
es mir endlich gelungen, das verdammte Gefrierfleisch 172
aus den städtischen Anstalten herauszubekommen." 172
Nun, ein kranker Mensch, der dann mit diesem
Zeug noch gefüttert werden soll, ist wirklich nicht in
einer besonders beneidenswerten Lage.
Meine Damen und Herren! Ich habe vorhin
schon darauf hingewiesen, daß der Mangel an Fleisch
und Fett die Hauptursache der unzureichenden Ernährung 172
ist und die Bevölkerung weiß ja auch, daß unsere 172
Kranken von dem, was ihnen in den Anstalten
geboten wird, sich nicht ernähren können. Die Angehörigen 172
sind fast alle dazu gezwungen, selbst auch
diejenigen, denen es außerordentlich schwer wird, für
ihre Angehörigen in den Anstalten Nahrungsmittel
bereit zu halten und ihnen mitzubringen. Das ist ja
auch bekannt und in der Eingabe der Aerzte wird ja
auch ganz besonders darauf hingewiesen. Es heißt
dort unter anderem: „Die Bevölkerung hat das —
daß es notwendig ist, für mehr Fett und Fleisch zu
sorgen — ja sozusagen ganz instinktmäßig erfaßt,
indem sie ihren Angehörigen mehrfach hochwertige
Nahrungsmittel ins Krankenhaus mitbringt."
Dies ist aber ein Zustand, der einer geordneten
Verwaltung unwürdig und vor allem gesundheitlich
äußerst bedenklich ist.
Meine Damen und Herren! Auch wir sind der
Meinung, daß das, was hier in der Eingabe ausgedrückt 172
worden ist, durchaus richtig ist, also stimmt. Es
wird deshalb notwendig sein, daß nicht nur der Ausschuß 172
in eine Prüfung eintritt, sondern daß er möglichst 172
umgehend für die Erhöhung der Sätze sorgt. Ich
darf mich dann noch auf einen anderen, vielleicht auch
von den Mitgliedern des Hauptgesundheitsamtes anzuerkenenden
Zeugen berufen. Herr Professor Oettinger,
der im Bezirk Charlottenburg das Gesundheitswesen 172
betreut, hat gelegentlich der Etatsberatung im
Bezirk Charlottenburg ausdrücklich darauf hingewiesen, 172
daß zwar der Ernährungszustand der Kranken
im Westender Krankenhaus sehr gut sei, aber nur
deshalb, weil die Angehöriaen die Patienten mit Lebensrnitteln 172
versorgen. Wenn das nicht geschehen
würde, würde der Ernährungszustand außerordentlich 172
mangelhaft sein. Ich glaube, Herr Bürgermeister 172
Scholtz, was Ihr Kollege in Charlottenburg
gesagt hat, das wird wohl stimmen. Auch das würde
dazu beitragen müssen, daß möglichst umgehend die
Erhöhung der Kostsätze erfolgt.
Nun, meine Damen und Herren, hat der Ausschuß 172
getagt, wie wir gehört haben, und zwar gestern
schon, wie der Herr Bürgermeister uns mitteilte. Da
möchte ich mir zunächst folgende Bemerkungen erlauben: 172
Als in der Gesundheitsdeputation dieser Ausschuß 172
gebildet wurde, wurde, wenn ich mich nicht ganz
irre, von dem Herrn Bürgermeister selbst vorgeschlagen. 172
in diesem Ausschuß nur die ärztlichen Mitglieder 172
der Gesundheitsdeputation zu delegieren.
(Stadtv. Dr. Weyl: Grober Unfug!)
Es bedurfte erst des Einspruches unserer Fraktion,
um nicht nur einen Aerzteausschuß dort zu Untersuchung 172
und Prüfung der Sache zu bestimmen.
Meine Damen und Herren, wir haben so instinktiv
immer das Gefühl, daß dieser Ausschuß, wenn er
nur aus Aerzten bestanden hätte, lediglich sich auf die
sogenannte Kalorienberechnung eingelassen hätte. Es
ist unmöglich, ärztlicherseits zu beweisen, daß Menschen 172
mit einer bestimmten Anzahl von Kalorien
existieren können, wie dies auch während des Krieges
von Seiten der Aerzte zu beweisen versucht worden