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Volume Sitzung 10., 5. März 1925

Full text: Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Issue1925 (Public Domain)

186 Sitzung am 5 
— Ja, das muß ich zunächst glauben! — Die Pa 
tienten haben ferner lange Zeit in ihrer schmutzigen 
Wäsche gelegen,, ohne daß irgendeine Reinigungs 
möglichkeit bestanden hat und vieles andere mehr. Das 
ist wirklich so unappetitlich und so schrecklich gewesen, 
daß man es kaum hier vortragen kann. 
Meine Damen und Herren! Es ist jetzt natürlich 
die Lage entscheidend: Besteht zwischen der Erkran 
kung des Dr. Arndt und der anderen Aerzte und 
Schwestern, die auch behaupten, auf dieser Station 
sich angesteckt zu haben — das Material ist teils schon 
beigebracht, teils wird es in dem Hauptverfahren noch 
beigebracht werden, es steht mir aber bereits zur Ver 
fügung — und diesen unerhörten Schmutzereien, die 
übrigens im wesentlichen vom Magistrat auch gar 
nicht irgendwie abgestritten werden, ein ursächlicher 
Zusammenhang? Ich will Ihnen von vornherein 
sagen, daß das Gericht diesen Kausalzusammenhang 
anerkannt hat, und ich kann Ihnen weiter sagen, daß 
auch durch fernere Sachverständige dieser Kausal 
zusammenhang unzweifelhaft bestätigt werden wird. 
Nun, meine Damen und Herren, das find etwas 
schwierige Fragen, und Sie müssen mir gestatten, 
mit ein paar ganz kurzen Worten Ihnen eine kleine 
medizinische Vorlesung zu halten, weil diese Dinge 
wahrscheinlich im Mittelpunkt der Magistratserklä 
rung stehen werden. 
Der Magistrat hat erklärt, verbreitet und be 
hauptet noch jetzt, dieser Dr. Arndt hätte sich da gar 
nicht seine Tuberkulose geholt, sondern er wäre be 
reits früher einmal im Kriege tuberkulös gewesen und 
hätte das der Stadt verschwiegen. Es liegen mir hier 
nun vier Gutachten allererster deutscher Autoritäten 
vor, bei denen Herr Dr. Arndt, bevor er in den Dienst 
der Stadt Berlin trat, Assistenzarzt gewesen ist, und 
alle diese vier ersten deutschen Autoritäten bestätigen 
auf Grund klinischer und Röntgenuntersuchung, daß 
Herr Dr. Arndt vorher keine Tuberkulose gehabt hat. 
Er war nur während des Krieges, weil er eine Bron 
chitis, d. h. einen Luftröhrenkatarrh hatte, wiederholt 
in Beobachtung. Es hat sich aber immer wieder her 
ausgestellt, daß er keine Tuberkulose gehabt hat. 
Die zweite Frage ist die: Kann män denn durch 
diese, wenn ich so sagen darf, unerhört schmutzigen 
Zustände, wie sie dort auf der Station geherrscht 
haben, tuberkulös werden? Meine Damen und Her 
ren, gestatten Sie, baß, ich Ihnen das mit einigen 
Worten erkläre: 
Sie wissen, daß die Tuberkulose durch den Tu 
berkel-Bazillus übertragen wird. Wie kommen nun 
diese Tuberkel-Bazillen in den Menschen? Die einen 
behaupten, nur in dem Auswurf des Menschen, von 
Mensch zu Mensch, durch die sogenannte Tröpfchen- 
Infektion, die nur dann möglich ist, wenn ein tuber 
kulöser hustender Mensch einem gesunden Menschen 
in einer bestimmten Nähe gegenüber gestellt wird. 
Das ist auch in der Tat die geltende Meinung der 
heutigen Medizin. Aber es kann gar keinem Zweifel 
unterliegen, daß es daneben auch noch eine soge 
nannte Staubinfektion gibt, daß unter bestimmten 
Umständen auch der Auswurf, der auf der Erde ver 
stäubt ist und dort trocken geworden ist, ausreicht, 
um eine Tuberkulose zu erzeugen. Er ist durch exakte 
Versuche an Tieren festgestellt worden, daß diese 
Staubinfektion möglich ist und daß ganz besonders 
eine solche Infektion unter bestimmten Voraus 
setzungen auch durch schmutzige Wäsche stattfinden 
kann. Es kann gar kein Zweifel sein, daß auch eine 
solche Staubinfektion für die Uebertragung eine 
Rolle spielt. Wäre das nicht der Fall, dann wäre es 
ja ganz gleichgültig, wo Tuberkulöse liegen, in wel 
chem Milieu sie sich befinden. Man braucht dann 
keine Vorschrift, daß man nicht auf den Boden spucken 
soll. Das alles hat man aus der Erfahrung heraus 
März 1925. 
getan, daß auch der trockene Staub, wenn er un 
zweckmäßig behandelt, wenn er aufgewirbelt wird, 
unter Umständen durchaus Tuberkulose erzeugen kann. 
Nun, meine Damen und Herren, haben hier beide 
Umstände zusammengewirkt. Die Patienten lagen so 
nahe zusammen, daß an sich schon der Arzt gar nicht, 
gegen die sogenannte Tröpfcheninfektion geschützt war 
und sich nicht dagegen schützen konnte. Zweitens ist 
es gar kein Zweifel, daß besonders in den Heiz 
körpern, die etwa 1,10 Meter über dem Boden liegen, 
ungeheure Mengen von Staub lagen, die immer wie 
der aufgewirbelt wurden und unzweifelhaft auch Ba 
zillen übertragen haben. Drittens, meine Damen und 
Herren, bestehen über die Beseitigung des tuberku 
lösen Auswurfs auf einer solchen Station genaue ge 
setzliche Vorschriften. Wir verdanken hier dem Herrn 
Kollegen Dr. Kirchner u. a. ein ganz genaues Desinfek 
tionssystem, welches z. B. auch vorsieht, daß der Aus 
wurf nicht in die Wasserleitung gegossen werden darf. 
Ich muß die sachlichen Verdienste des Herrn Kollegen 
Dr. Kirchner anerkennen, wenn ich auch glaube, daß 
ich seiner Politik nicht immer zustimmen kann. 
(Stadtv. Reimann: Jetzt lobt er ihn das dritte Mal!) 
Es ist selbstverständlich, daß dieser tuberkulöse Aus 
wurf in irgend einer sachverständigen Weise desinfi 
ziert werden muß. Auch das ist nicht geschehen. 
Meine Damen und Herren! Es bestanden also 
ungeheure Möglichkeiten einer Tuberkuloseinfektion 
und es fragt sich nur, ob und wie alle diese traurigen 
Verhältnisse vermieden werden konnten. Das ist doch 
keine Katastrophe, der man nun einmal wehrlos ge 
genübersteht! 
Ich möchte da zunächst sagen, daß durch eine 
genaue Statistik des Ministeriums des Innern fest 
gestellt worden ist, daß Übertragungen in Tuberku 
losestationen auf das Pflegepersonal etwas außer 
ordentlich Seltenes sind im Gegensatz zu an 
deren Stationen, und daß die Uebertragung nur etwa 
0,08 Prozent beträgt, einfach deswegen, weil auf einer 
sauberen, gut überwachten Tuberkulosestation alles 
geschieht, um die Gefahrengrenzen einzuschränken. 
Nun, meine Damen und Herren, wie ist nun 
dieser ganze Zustand, der zweifellos einer Anzahl von 
Aerzten und mehreren Krankenschwestern zum Ver 
hängnis geworden ist, möglich gewesen? Ich bestreite 
gar nicht — das wird ja auch der Magistrat anführen 
—, daß zum Teil diese Dinge einfach eine Inflations 
wirkung waren. Man hatte nicht genügend Geld, um 
den Wäschefonds zu erneuern. Immerhin bleibt 
zweifelhaft, und ich erbitte von dem Herrn Magi 
stratsvertreter eine Erklärung darüber, wo die 62 000 
Mark geblieben sind, die dem Krankenhaus Fried 
richshain im Jahre 1922 für Neuanschaffungen von 
Wäsche bewilligt worden sind. Ich möchte wissen, ob 
für den Betrag auch tatsächlich Wäsche beschafft 
worden ist oder ob er für andere Zwecke ausgegeben 
worden ist. 
Die zweite Tatsache ist folgende: Es sind eine Un 
menge von Aerzten abgebaut worden. Sparsamkeit 
ist sehr gut, aber, daß man in einem Krankenhause die 
Mehrzahl der Aerzte abbaut, 
(Stadtv. Dr. Weyl: Die Mehrzahl? Übertreiben 
Sie doch nicht!) 
— also einen großen Teil —, das geht nicht an. Wenn 
die innere Station jetzt noch 7 Assistenzärzte vergeb 
lich anfordert und wenn diese Station, die Tuber 
kulose-Station, eine ganze Zeit lang gezwungen war, 
nur durch einen Arzt versorgt zu werden, so muh ich 
sagen, meine Damen und Herren, daß diese Dinge 
weit über das hinausgehen, was man selbst bei größter 
Sparsamkeit veranworten konnte. 
Aber, meine Damen und Herren, die Anstände 
gehen zweifellos noch weiter. Es ist doch die über-
	        
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