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Band 2

Volltext: Berliner Leben (Public Domain) Ausgabe 27.1924 (Public Domain)

Jafirg. 37 
Nr. 33 
2 
Der gestohlene Dichter 
OTTO ERNST HESSE 
ein Freund Richard kamt aufgeregt zu mir. Er 
legte mir ein kleines Heft, schlechtes Papier, 
schlechter Druck, auf den Schreibtisch. Ich las: 
„Die kleine Lina. Novelle von . , . “ und dann 
folgte der Name unseres gemeinsamen Freundes Klaus, 
des Prosaisten, der, eine nicht unbedeutende Er 
scheinung in der deutschen Prosa, vor einigen Wochen 
gestorben war. 
„Man lernt doch niemals aus“, sagte Richard. „Unser 
Freund, dessen feine, ganz auf Geistiges und Seelisches 
gestellte Art nie in die Niederungen des Lebens stieg, 
hat ein solch erotisches Buch geschrieben! Ich fand es 
eben in einem sehr finsteren Laden — im Norden oben. 
Man lernt doch niemals aus“ .... 
„Du könntest leicht noch mehr solche Hefte von 
seiner Hand auf treiben“, antwortete ich. 
„Du kennst das Buch?“ 
„Ich kenne es nicht. Aber ich weiß, daß es existiert, 
und noch fünf andere.“ 
„Noch fünf andere erotische Bücher von ihm?“ 
„Im ganzen sechs — ja.“ 
„Ich bin sprachlos.“ 
„Da dies Ding da ans Tageslicht gekommen ist, so 
laß dir erzählen, wie es und mit ihm die fünf anderen 
zustande kam.“ 
Richard nahm Platz. 
„Klaus hat mir diese höchst seltsame Geschichte selbst 
erzählt, um sich gegen spätere Verdächtigungen zu 
schützen. Hör’ zu! 
Es War vor einem Jahre. Klaus bewohnte damals in 
einer recht feudalen Gegend Berlins die zweite Etage 
einer ednzeistehenden Villa, Er konnte sich das ja 
leisten. Er war damals noch lebenslustig, und es geschah 
bisweilen, daß er in fröhlicher Gesellschaft ein wenig 
mehr trank, als ihm, der gar nichts vertrug, zuträglich 
war. So kam er eines Nachts todmüde nach Hause. Sein 
Diener war irgendwohin auf Urlaub gefahren. Er begann 
sich umzukleiden, ward dieser Arbeit überdrüssig und 
schlief auf dem Diwan ein, nachdem er sich eine seiner 
vielen Deeken übergezogen hatte. 
In dieser Nacht brach bei ihm eine jener wohlorgani 
sierten Verbrecherbanden ein, die mit viel Geschick und 
Fachkenntnis dort räubern, wo es wertvolle Kunstgegen 
stände zu erlegen gibt. Man hatte es auf die Teppiche 
und javanischen Savongs unseres Freundes abgesehen. 
Geräuschlos, wie diese Bande zu arbeiten pflegt, drang 
sie in die Wohnung ein. Wie die Gentlemans bereits in 
bester Arbeit sind, beginnt sich Freund Klaus unter 
seiner Decke, die durch einen Zufall auch über seinen 
Kopf geglitten war, zu regen. Der Schreck der vier 
Herren mag nicht allzugroß gewesen sein. Vier gegen 
einen: das war keiner Aufregung wert. Freund Klaus 
hatte sich .nur in seinem alkoholisch-schweren Schlaf 
ein wenig in eine andere Lage gewälzt und schlief ge 
ruhsam weiter. Wer nun von den vier Gesellen auf den 
Einfall kam, hat Klaus niemals feststellen können, da er 
ja erst später zum Bewußtsein gelangte. Man unter 
schätzt ja gewöhnlich das geistige Niveau dieser Herr 
schaften, die auf Kosten ihrer Mitmenschen Zu leben 
wissen. Jedenfalls muß einer dieser praktischen Kommu 
nisten literarische Kenntnisse gehabt haben. Die Idee, 
das Können dieses friedlich schlummernden Novellen 
schreibers auszunützen, mag wie ein Blitz durch dies 
Gehirn, das mit absurden Projekten zu spielen gewöhnt 
war, gefahren sein. Gedacht, ausgesprochen, für vor 
trefflich gefunden und getan: das muß eins zwei drei 
gegangen sein. Man packte den Schlafenden, nachdem 
man sich von der Güte seines Schlummers überzeugt 
hatte, in seine Decke und begann den Abstieg, ge 
mächlich und gemütlich den Rückgang sichernd und ge 
wiß nicht ohne Humor das lebendige .Bündel trans 
portierend. Das Auto, das bieder und bürgerlich-korrekt 
hinter der nächsten Ecke wartete, war dm Nu zur Stelle, 
und ohne Scheu begann es knatternd seinen Weg nach 
dem Norden der Stadt zu nehmen. Freund Klaus, dem 
bis dahin so war, als ob ihn sein Diener in sein Bett 
transportiere, fing nun, auf die acht Knie seiner Ent 
führer gebettet, doch an, munter zu werden. Den Er 
schreckten zu bewegen, sich ruhig zu halten, war gewiß 
keine Anstrengung. Man bedeutete ihm, der rasch 
nüchtern wurde, es würde ihm nichts geschehen, wenn 
er sich vernünftig benehme. Was solche Gauner unter 
dem Begriff vernünftig verstehen, war ihm klar. Jeder 
Widerstand in diesem Wickelpuppenzustand war ausge 
schlossen. Und da die Herren ihn in der Tat mit einem 
gewissen Respekt behandelten und gleichsam für ihre 
Gewalttätigkeit um Entschuldigung baten, so betrachtete 
er seine Lage bald mit jener Neugier, die bereits einem 
psychologischen Fachinteresse an dieser nicht gerade 
leicht begreifbaren Entführung ähnlich zu sehen begann. 
Nach zwanzig Minuten Fahrt hielt der Wagen. Zwei 
der Herren stiegen aus, zwei entwickelten ihn, hoben ihn 
heraus und folgten. Das Auto verschwand, und schon 
standen sie im Treppenhaus einer jener Mietskasernen 
des Nordens, die so recht als Schlupfwinkel für allerlei 
lichtscheues Gesindel gebaut zu sein scheinen. Vier 
steile Treppen hinauf, eine Korridortür, Licht, ein 
Zimmer. Es war gemütlich eingerichtet, beinahe vor 
nehm, mit Klubsesseln, Bibliothek, Diwanen. Man bot 
ihm einen Sessel an, Likör und Zigaretten erschienen. 
Man machte es sich bequem. Das alles wickelte sich 
ohne jedes Wort ab. Es klappte. Man sah, die Leute 
waren gewohnt zu arbeiten. Taylorsystem sozusagen. 
Endlich brach der eine das langsam grotesk werdende 
Schweigen. „Wir haben die Ehre, den bekannten 
Novellenschreiber Klaus . . . vor uns zu haben?“ 
Klaus bestätigte. Er hatte seine Haltung wieder. 
„Bitte, meinen Ausweis.“ 
„Danke!“ . . . Wie schon gesagt, Sie können ohne 
jede Sorge sein. Nicht wahr, die Herren?“ 
Die drei anderen nickten. 
„Wir sind bei Ihnen eingebrochen“, fuhr der Sprecher 
fort. „Wir bedauern das sehr, aber unser Beruf — Sie 
verstehen! Sie waren an der Reihe.“ 
Klaus verstand. Immerhin fragte er nun: „Und ich?“ 
„Sie? . . . Wir können Sie brauchen.“ Und als Klaus 
eine bedauernde und bescheidene Geste machte so wie: 
ich eigne mich nicht zum Komplizen: „O, nein — nicht 
dazu, mein Herr. Aber auch Sie' haben etwas gelernt. 
Schreiben!“ 
„Man behauptet, ich verstände dieses Handwerk. 
Aber ich begreife trotzdem nicht“ . . . 
„Sofort.“ Er füllte sich sein Likörglas. „Wir haben 
unsere Bedürfnisse. Wir können nicht immer arbeiten. 
Wir müssen unsere Nerven schonen. Die Konjunktur 
ist schlecht. Es gibt gewisse Zeiten, in denen wir ungern 
ausgehen. Wir langweilen uns. Kurz, wir möchten Sie 
bitten, unser Hausdichter zu werden.“ 
„Aber!“ . . Und wie stellen Sie sich das vor?“ 
„Auf Vertrag natürlich. Wir sind keine Gauner. 
Jeder Arbeit ihren Löhn. Und Leistung gegen Leistung. 
Sie bleiben unser Gast, bis Sie Ihren Verpflichtungen 
nachgekommen sind. Sie werden vernünftig sein“ — 
er gebrauchte wieder das Wort, das Erzieher ihren 
Zöglingen gegenüber mit besonderer Vorliebe anzu 
wenden pflegen. „Sie werden hier in diesem Zimmer 
bleiben. Es hat keinen Zweck, Lärm zu schlagen, möchte 
ich von vornherein hinzufügen. Ich schlage vor, Sie
	        
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