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Volume No. 17, 12. September 1918

Full text: Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Issue45.1918 (Public Domain)

Sipßüng am 12. September 1918, 
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und stundenlattg gelaufen. war, ist dann auf der Rück- 
reise das Ergebniz dex Wanderung schonungslvs konfiziert 
worden. Aber troß dieses behördlichen Eifer3 werden der 
Hamsterfahrten nicht weniger. Die Not oder, nach 
anderer Lesart, die Sucht zur Schlemmexrei, die die Ber- 
liner "Bevölkerung beseelt, ist so groß, daß diese, des 
behördlichen Eifers spottend, . immer wieder auf die 
Hamsterfahrt geht. ; 
Nun haben wir allerdings in früheren Jahren schon 
erlebt, daß zu Zeiten die Rationen herabgeseht wurden. 
Das wurde dann durch vermehrte Lieferung eines gleich 
wertigen Nahvrungsmittels wieder ausgeglichen. J< er- 
innere nüx an die erhöhte Fleischration im Vorjahre. 
Num, auch in diesem Jahre ist man der „Bevölkerung 
entgegengefommen, indent man die Fleischration zwar 
nicht herauf-, wohl aber herabgesebt hat. Es ersordert 
vie Herabsezung der Fleischration auf 200 Gramm für 
den Kopf der Bevölkerung und die Einführung fleisch- 
lofer Wochen. Gs ist klar, daß damit die Not haupt- 
sächlich in den Kreisen der minderbemittelten Bevölke- 
rung auf einem Höhepunkt angetangt ist, der kaum noch 
überboten werden kann. Zu dieser Zeit ging durch die 
Presse die Nachricht, daß die Absicht bestände, nicht nur 
von einer Verkürzung der Fleischration für Berlin, son- 
dern. auch 'von der Einführung der fleischlojen Wochen 
für diesen Bezirk Abstand zu nehmen. Trokdem es nicht 
zu bestreiten ist, daß Berlin in bezug auf die Nahrungs- 
mittelversorgung schlechter denn alle anderen Orte ge=- 
stellt ist, und daß die aufreibende hastende Tätigkeit der 
Berliner Bevölkerung eher als andere der Aufbesserung 
der Ration bedürfe, war es selbstverständlich, daß gegen 
ein solches Vorhaben sofort -ein Protest :erhoben werden 
würde. Nur war es wunderbar, daß; dieser Protest 
gerade aus demjenigen Lande kommen würde, welches 
biSher noc<h ml5 das Dorado der Hamsterfahrer und 
Kriegsgewinnler gilt, nämlich aus Bayern. Da der 
Protest von den Herren Ministern in Bayern ausging, so 
mußte man annehmen, daß er auch eine berechtigte Unter- 
lage häbe. Der Protest richtete sich dagegen, daß, über- 
haupt ein Bezirk bevorzugt würde, weil das eine Störung 
in die Einheitlichkeit der Versorgung bringen könne. Nun 
sind wir ja auch keine Freunde von Ausnahmen, und 
wir könnten. den Protest sehr wohl verstehen, wenn die 
Verhältnisse und die Versorgung überall gleich wären. 
Diese Gleichheit besteht aber durchaus nicht, und wer 
schon. Gelegenheit hatte, Bayern während der Krieg5zeit 
zu besuchen =- und es werden außer mix noch andere 
Herren gewesen sein =, der wird zugeben, daß die 
Ernährungs3verhältnisse dort ungleich günstiger sind als 
im übrigen Deutschland und turmloch über den Ver- 
hältnissen speziell in Berlin stehen. 
| (Sehr richtig!) 
Wie die Herren in Bayern, denen doch diese Verhält- 
nisse nicht unbekannt sein können, zu ihrem Proteste 
kommen, ist vollständig umverständlich. Also es muß 
auch für Berlin bei der verkürzten Fleischration umd 
den fleischlosen Wochen bleiben, und es fragtssich- nur, 
wie die Bevölkerung sich damit abfindet. 
' Es könnte mir hier eingewendet werden, daß all 
das Vorgetragene nur die zurückliegenden Wochen angeht, 
daß) ja zur Zeit wieder die Brotration erhöht, die voll- 
ständige Kartoffelration : gegeben wird, daß] Gemüse 
massenhaft auf den Markt kommt und dadurch ein Aus- 
gleich geschaffen ist, der die Ernährungslage als ex- 
träglich erscheinen läßt. Es ist richtig, daß die Kartoffel- 
krise zunächst überwunden ist Es wird aber an Kar- 
toffesn nur die bisher übliche Ration von 7 Pfund -ge- 
liefert, von der wir bisher schon immer behauptet haben, 
dasz sie angesichts der ganzen Ernährungslage zu gering 
ist. Dazu besteht noch immer der Ausfall an Brot, und 
wenn auch- zur Zeit versprochen wird, . daß wir“ bald 
auf eine Erhöhung der Brotration auf- den alten Bestand 
werden rechnen können, so stehen wir diesem Versprechen 
ziemlich teilnahmlos gegenüber. Die Erfahrungen haben 
un8 nach dieser Richtung hin schon gewißigt. - Zugestanden 
foll werden, daß mehr Gemüse auf den Markt kommt, 
und es fragt sich nur, ob dieses vorhandene Gemüse einen 
vollwertigen Ersaß für die entzogenen Nahrungs- 
mittel bieten kann. Tatsache ist, daß von denjenigen 
Nahrungsmitteln, welche einen hohen Nährwert besiten, 
für die Ernährung der Masse der Bevölkerung. fast nichts 
zur Verfügung steht. Erbsen, Bohnen, Linsen kennt: man 
nur no<“ dem Namen nach, und von den. Nährmitteln 
erhält man, wenn man Glück hat, das Quantum, welches 
in den magistratlichen Veröffentlichungen vorgesehen ist. 
Was an Milch und Eiern den Haushaltungen zugeführt 
wird, kommt für die Ernährung kaum in Frage. Da 
es wochenlang fein Fleisch gibt, die zugeteilte Fettration 
so sehr gering ist, so muß die Bevölkerung nicht nur 
tro>ene8 Brot essen, sondern auch das vorhäartdene Ge- 
müse kann nur mit Wasser und Salz gekocht werdet. 
Und nun vergegenwärtige man sich, welche Unmengen 
von Gemse der Einzelne vertilgen müßte, wollte er seinem 
Körper den Nährwert zuführen, den ex durch den Fleisch- 
genuß erhalten hat! Eine Vertilgung solcher Quantitäten 
ist nicht möglich, und somit kann auch das unbestritten 
vorhandene Gemüse nicht den Ausfall decken, welcher 
durch das Fehlen anderer Nahrungsmittel herbeigeführt 
wird. Die Bevölkerung siecht eben an Unterernährung 
langsam TVahin, und es gibt nur dann und wann eine 
Unterbrechung durch das größere Fehlen von Nahrungs- 
mitteln, die diesen Prozeß, nur beschleunigt. | 
Ungeheuer viel Klagen hört man aus der Bevölke- 
rung über die schlecht organisierte Verteilung anderer 
Nährmittel. Fische und Räucherwaren kann nur der- 
jenige beziehen," welcher über außerordentlich viel Zeit 
verfügt und stundenlang vor den Läden „stehen kann. 
Wer leßteres nicht kann, scheidet eben beim Bezuge von 
Fischen und Räucherwaren vollständig aus. Es wäre 
sehr wohl zu erwägen, ob man nicht hier, wie bei-ber 
Käseverteilung, bezirksweise vorgehen sollte, um so den 
Konsumenten den Bezug von Fischen. und Räucherwaren 
zu ermöglichen. Es wird überhaupt gesagt, daß eine 
ganze Menge dieser Dinge der Masse der Bevölkerung 
überhaupt nicht vor Augen kommt, sondern durch den 
Kleinhandel hintenherum verschwindet, indem derselbe 
diess Waren nur den Kunden abgibt, an denen er ein 
besonderes Wohlgefallen hat. 
Dieselben Klagen kommen auch über den Verkauf 
der Heringe, über das Fehlen des Obstes auf dem Markt, 
über die ungleichmäßige Verteilung der als Ersatz ge- 
lieferten Nährmittel und über die Lieferung der sogenann- 
ten Ausland8marmelade. Die Auslandsmarmelade er- 
regt vielfach Anstoß. durch ihre Beschaffenheit „sowie den 
außerordentlich hohen Preis von 2 6 für das Pfund. 
Da Marmelade als. Brotaufstrich für die Masse der 
Bevölkerung überhaupt nur noch in Frage kommt, so 
ist das erhöhte Interesse an ihr sehr begreiflich. .> . -. 
- Obst ist vom Berliner Markt wohl vollständig: ver» 
schwunden. Wenigstens gelingt es dem gewöhnlicheit 
Sterblichen nicht, troß größter Aufmerksamkeit in: den 
Läden irgend etwas. zu entdecken. Soweit es. dennoch
	        
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