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Volume No. 7, 21. März 1918

Full text: Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Issue45.1918 (Public Domain)

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Sitzung am 21. März 1918. 
Kapt. VI Abt. 2, Jrrenanstalten und Anstalt für 
Epileptische. Es wurde die Löhnung der Irrenpflege- 
rinnen bemängelt; es wurde aber eine Erklärung dafür 
gegeben md der Etat wurde schließlich dem Entwursfe 
entsprechend in erster und zweiter Lesung angenommen. 
Ich empfehle Ihnen, das gleiche zu tun. 
- Vorst, Michelet: Zu Abteilung 2 ist ein Antrag 
eingegangen:;. 
Die Versammlung hält die Besoldung der Jrreu» 
pfleger und -pflegerimnnen als nicht den Verhältnissen 
entsprechend und ersucht deshalb den Magiiirat, die 
Eutlohmung3- und die Teuerungszulage dieser Ange- 
stellten angemessen zu erhöhen. 
Fjätte Beelit. Dort wird den Pslegern eine Zulage von 
monatlich 61 „/6 gezahlt, während sie in Berlin für einen 
Verheirateten ohne Kinder, sage und schreibe, nur 29 4 
beträgt. Das sind so niedrige Löhne, daß wir alle 
Veranlassung hätten, energisch an den Magistrat heranzu- 
gehen, daß wir nicht in jedem Jahr den Wunsch wieder- 
holen müssen, wie das seit drei, vier oder fünf Jahren 
geschehen ist. „Jh möchte den Wunsch aussprechen, daß 
wir uns das leßte Mal über die schlechte Bezahlung der 
Pfleger in ven Irrenanstalten hier zu beklagen haben. 
Berichterstatter Stavtv. Gronewaldt: Darauf 
ist von bem Magistratsvertreter erwidert worden, das) 
die Leute 110 4 als Höchstgrenze erhalten und: voll- 
ständige Beköstigung bekommen, daß aber wegen Er- 
höhmng der Löhne Erhebungen ersolgen sollen; eine ein» 
zelne Kategorie jeht herausSzugreifen, würde sich nicht emp- 
fohlen. I< glaube, daß das bei einem späteren Titel 
feine Erledigung sinden wird. Es ist kein Antrag im 
Ausschuß, gestellt, und der Etat ist glatt angenommen wor- 
ven. Deshalb empfehle ich Ihnen, hier ebensv zi 
hanvelnt. 
Stadtv, Ritter: M. H., wie Sie aus dem Munde 
des Herrn Berichterstatters bereits gehört haben, ist 
die Besoldung der Irrenpsleger und =pflegerinnen Gegen- 
siand einer längeren Aunssprache im Haushaltsausschuß 
gewesen. Die Tätigkeit der Pfleger und Pfslegerinnen 
anm den JIrrenanstalten ist wohl eine der schwierigsten 
von allen Bediensteten der Stadt überhaupt; man müßte 
logischerweise annehmen, daß auch die Besoldung in ebenso 
angemessener Weise erfolge. Das ist leider seit Jahren 
nicht der Fall. Bereits jm Vorjahre = ich möchte 
besonders darauf hinweisen -- hat der Herr Kollege 
Zadek bei diesem Kapitel auf die mangelhaste Besoldung 
und auß auf die mangelhafte Ernährung dieser Leute 
hingewiesen. Bezüglich der Ernährung hat der Herr 
Magistratsvertreter geglaubt, eine Beruhigungspille hin- 
miSgeben zu müssen, indem in dem Ausschußprotofoll 
sieht, vie Jrrenpfleger bekämen wöchentlich vier Eier und 
außerbem noch 400 g Brot extra. Die Jrrenpfleger 
bestreiten lebhast, daß da3 den Tatsachen entspreche be- 
züglich der Eier; die 400 g Brot sind nichts weiter, als 
vaß dir Jrrenpfleger bei ihrer schweren Arbeit als 
Schwerarbeiter angesehen werden und die 400 g Brot 
ebenso wie jeder andere Schwerarbeiter in Berlin auch 
befommen. Es hat uns die Skala der Bezahlung vorge- 
legen; danach ist mit Ausnahme der Steinplakarbeitor 
die Bezahlung der Jrrenpfleger und -pflegerinnen und 
des Handwerkerpersonals die schlechteste im ganzen Etat. 
Der Herx Magistratsvertreter erklärte, das komme daher, 
dasz der Staat an< keine höheren Löhne an die staat- 
lichen Jrrenpsleger zahle. Das kann unseres Erachtens 
kein Grund sein, schlechte Löhne zu zahlen; wenn der Staat 
ein schlechtes Beispiel gibt, braucht die Stadt Berlin 
das nicht nachzumachen. Nur wenige Leute erhalten 
ein Höchstgehalt von 110 6, sv daß eine dauernde Fluk- 
tuation unter den JIrrenpflegern vorhanden ist. Daher 
fommt es auch, daß der Herr Magistratsvertreter sagte, 
der Durchschnittslohn sei verhältni8mäßig nur wenig über 
dem Ansangslohin. Das kommt daher, weil bei der 
niedrigen Bezahlung kein Jrrenpsfleger bei dieser Arbeit 
bleibt. Wenn man vie schwere Arbeit dieser Leute kemtt 
und die geringe Bezahlung in Betracht zieht, braucht 
mam sich nicht zu wundern, daß die Jrrenhäuser be- 
züglich der Auf- und Abwanderung des Personals die 
reinen Taubenhäuser sind. Der Magistrat von Berlin 
hätte aber sicherlich nicht Veranlassung, sich gerade nach 
Preußen zu richten. Wenn er fein Auge über die Grenzen 
Preußens richten wollte, 3. B. nach Bayern, sv würde 
er in Kaufsbeuren, Wellersdorf, Egelfing andere Verhält- 
nisse finden. I< möchte zum Schluß darauf hinweisen, 
vaß selbst in der Nähe von Berlin eine bessere Bezahlung 
des Krankenpflegepersonals erfolgt, nämlich in der von 
der Landes8versicherungsanstalt Berlin unterhaltenen Heil- 
Bürgermeister Dr. Reide: M. H., die Angelegen- 
beit, bie bie Herren Voeredner zur Sprache gebracht 
haben, liegt noch beim Magistrat. Der Magistrat hat 
eine Anzahl von Rückfragen bei der Deputation ge- 
siellt; die Antworten stehen noch aus. Die Angelegenheit 
ist exst vor 4 Tagen durch meine Hände gegangen. J>< 
nehme an, daß die Prüsung in einigen Bunften so viel 
ergeben bat, daß den Anträgen des Herrn Vorredners 
wird entsprochen werden können, ohne daß, ich das 
vesinitiv sagen könnte. Jedenfalls möchte ich empfehlen, 
augenblicklich noch keine Stellung zu nehmen, da die 
Sache noc< unserer Prüsung unterliegt. 
Stadiv. Zadek: Auch ich möchte die Anregung de3 
Kollegen Ritter lebhaft unterstüßen. Schon im vorigen 
Jahre hatte ich auf die Vernachlässigung unserer Irren- 
psloger gegenüber den Krankenhauspflegern hingewiesen. 
Mai bat zuweilen die Empfindung, als wenn Sie 
mere Irrenanstalten wie ein Aschenbrödel behandeln. 
Ic< erimnere varan, wie vor einigen Jahren, als die 
Million Teuerungszulage verleilt werden sollte, unsere 
Jrronanstaltangestellten und -pfleger vollständig vergesse 
wurden, wie sich später herausgestellt hat. So seheint 
aul in bezug auf die Bewertung der Arbeit der Pfleger 
ein Unterschied gemacht zu werden zwischen dem Dienst 
in ven Krankenhäusern und dem Dienst in den Jrren- 
anstalten, ein Unterschied, der ganz gewiß nicht be- 
vechtigt ist. Während die Krankenhauspfleger schon seit 
1915 eine Tenerungszulage von 30 H bekommen, sind 
vie Psleger in unsern Jrrenanstalten erst zwei Jahre 
später in von Besi der Zulage gelangt und heute noch 
nicht auf viesen Saß gekommen. Dabei sind die Pfleger 
in unseren Jrrenanstalten zum größten Teil verheiratet 
md brauchen de3wegen diese Zulage viel mehr als die 
vielfach unverheirateten Pfleger in den Krankenhäusern. 
E3 ist schwer zu begreifen, warum dieser Unterschied 
gemacht wird, und ich bitte deShalb den Magistrat 
dringend, sich diesen Anträgen nicht zu verschließen. 
Neuerding3 soll es auch vorgekommen jein, daß eine 
Potition der Pfleger und anderer Angestellten in den 
Irrenanstalten an den Magistrat seitens der Jrren- 
beputation gar nicht au den Magistrat weitergegeben 
worden ist; wenigstens hat der Herr Magistratsvertreter 
auf eine Anfrage des Verbandes geäußert, ihm sei von
	        
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