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Volume No 2, 16. Januar 1913

Full text: Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Issue40.1913 (Public Domain)

Stadtrat Düring: Meine Herren, ich habe aus nahe 
liegenden Gründen gern dein Herrn Vorredner Raum ge 
lassen, um vor mir zu sprechen. Rur in einem Punkte be 
baute ich allerdings, daß er vor mir zum Wort gekommen 
ist, weil ich doch feststellen muß, daß der hier allerdings 
nach meiner Auffassung in bedauerlich schroffer Form an 
gegriffene leitende Arzt unserer Rummelsbürger Anstalt hier 
nicht ohne Verteidiger ist. Umsomehr als, lvie aus meinen 
nachfolgenden Ausführungen hervorgehen wird, das Ver 
fahren des betreffenden Herrn von uns nicht gebilligt wirb, 
(hört, hört!) 
muß ich doch betonen, daß ich die von dem ersten Herr» 
Vorredner au seine Person geknüpfte Charakteristik durchaus 
ablehnen mich. 
(Hört, hört!) 
Ich habe es als ein Unrecht gegenüber dem Abwesenden 
empfunden, daß eine im Kreise der Fachgenossen von ihm 
abgegebene Erklärung, die sich in Fachausdrücken bewegt, 
hier in einem Sinuc aufgeführt wurde, die ans den Herrn 
ein Licht wirst, das er nicht verdient. Ich bin genötigt, für 
den Abwesenden zu erklären, daß er durchaus nicht der 
Mann ist, ans den ein Schatten des Vorwurfes fallen kann, 
als wenn er einer von den kalten Forschern iväre, bei denen 
Rücksichten der Menschlichkeit hinter der Freude an wissen 
schaftlichen Erfolgen je zurücktreten könnten. Ganz im 
Gegensatz dazu habe» wir — und ich spreche hier nicht nur 
im eigenen Namen, sondern auch im Namen des zu seinem 
Bedauern durch Krankheit hier am Erscheinen verhinoerten 
Herrn medizinischen Dezernenten — Herrn Professor Müller 
nie anders kennen gelernt wie als einen wahrhaften 
Menschenfreund, und sein Vorgehen erklärt sich nur daraus, 
daß angesichts des furchtbaren Elends, das er jahraus, 
jahrein an den unglücklichen Kindern des Volkes beobachten 
muß, die wir seiner ärztlichen Kunst anvertrauen, er den 
lebhaften Wunsch gehabt hat, auch die allerueucsten Fort 
schritte der Wissenschaft möglichst frühzeitig den ihm an 
vertrauten Kindern zugute kommen zu lassen. 
Er hat dabei das ihm von Herrn Dr. Friedmann 
übergebene Mittel angewendet, nachdem nachweislich eben 
dieses Mittel, wie bereits der Herr Vorredner erwähnt hat, 
wiederholt an anderen Stellen erprobt wurde, insbesondere 
an der Königlichen chirurgischen Universitätsklinik. Das 
Mittel ist zunächst an etwa f> Kindern zur Anwendung ge 
langt, die mit offener Tuberkulose behaftet waren. Es ist 
in längerer Beobachtung festgestellt, daß hier keine Schädigung 
der Kinder eintrat; es war im Gegenteil ein positives 
Ergebnis zu konstatieren. 
(Hört, hört!) 
Nunmehr ist der Herr leitende Arzt allerdings Ende Cf l ober 
1911 dazu übergegangen, eine Zahl von etwa 50 Kindern 
einer Schutzimpfung zu unterziehen. Ich darf vorweg 
nehmen, daß unsere sorgfältigen Ermittlungen ergeben haben, 
daß keinem dieser Kinder irgend ein Schade aus dieser 
Schutzimpfung erwachsen ist, 
(hört, hört!) 
daß wir aber ans der andern Seite glauben, im Einzelfalle 
ein positives Ergebnis in der Behandlung feststellen zu 
können, >vo es sich um Kinder handelt, die aus einer mit 
Tuberkulose behafteten Umgebung stammen. Das ist aus- 
zusprechen, ohne daß damit ein Anlaß für uns vorliegt, hier 
festzustellen, daß im allgemeinen wir eine schützende Kraft 
dieser Impfung da.nit als erwiesen ansehe» können. 
Bei aller objektiven Würdigung der durchaus verständ 
lichen, auf menschenfreundlicher Basis beruhenden Motive 
des Herrn Professors Müller haben wir sein Vorgehen nicht 
gutheißen können. 
(Hört, hört!) 
Wir haben von diesem Vorgehen erst nachträglich Kenntnis 
erhalten. Als wir diese Kenntnis erlangten, haben wir nicht 
gesäumt, und zwar — ich lege Wert darauf, das fest 
zustellen — ehe die Interpellation der Herren Interpellanten 
vorlag, ungesäumt dem Herrn leitenden Arzt auszusprechen, 
daß wir sein Verfahren nicht gutheißen könne». 
(Hört, hört! Zuruf: Warum denn?) 
Bei dieser Auffassung, die wir dem Herrn Professor Müller 
zu erkennen gegeben haben, war für uns allein die An 
schauung maßgebend, daß es unbedingt verhindert werden 
muß, daß in den weiten Kreisen der Bevölkerung, die auf 
die Benutzung unserer städtischen Anstalten angewiesen sind, 
irgendwelche Beunruhigung Platz greift. Wir waren aller 
dings der Auffassung, daß wir für solche Beunruhigung auch 
nicht den geringsten Raunt lassen dürfen, und glaubten des 
wegen, daran festhalten zu müsse», daß solche Schutzimpfungen 
nicht eintreten durften ohne unser Borwissen und ohne Zu 
stimmung der Beteiligten. 
(Sehr richtig!) 
Wenn wir diese Zustimmung im allgemeinen erfordern 
müssen, so gebe ich allerdings dem ersten Herrn Vorredner 
recht, daß das am allermeisten von den Insassen der 
städtischen Waisenhäuser gilt. 
(Sehr richtig!) 
Wir haben keine» Weisel über unsere Stellung zu der 
Sache gelassen, und ich darf dabei hervorheben, daß nicht nur 
in diesem vereinzelten Falle, wie auch der erste Herr Vor 
redner anerkannt hat, dies unsere Stellung ist, sondern daß 
wir im Verlauf der Praxis in der Waisenverwaltnng ins 
besondere überall in de» zahlreichen Grenzfällen, die sich er 
geben können, immer darauf Bedacht nehmen, die Zustimmung 
der Beteiligte» herbeizuführen. Wir tun das in peinlichster 
Sorgsamkeit, weil uns daran gelegen ist, das Vertrauen der 
beteiligten Bevölkerungskreise uns «»gemindert zu erhalten. 
(Bravo!) 
Der Vorgang selbst und die Behandlung, die wir dem Vor 
gang haben zuteil werden lassen, ist in der Waisendeputation 
zur Sprache gekommen, und das Vorgehen der Verwaltung 
hat die unbedingte Zustimmung sämtlicher Mitglieder der 
Waisenverwaltnng gefunden. 
(Bravo!) 
Es ist aber in der Waisenverwaltnng von keiner Seite bei 
diesem Anlaß die Notwendigkeit erwähnt worden, weiter 
reichende allgemeine Anordnungen ans diesem Falle herzuleiten. 
(Hört, hört!) 
Der Magistrat, dem ebenfallsdieAngelegenheit unterbreitet 
worden ist, hat sich gleichfalls ans den Standpunkt gestellt, 
daß er zu solchen allgemeinen Anordnungen, lvie dies mit 
der Interpellation verlangt wird, aus Anlaß dieses Einzel- 
falles keine Veranlassung findet. Wir konnten zu dem Er 
gebnis kommen, daß es solcher allgemeiner Anordnungen, wie 
sie die Herren Interpellanten wünschen, nicht bedurfte, weil 
wir die feste Ueberzeugung haben, daß das, was ich als 
Grundsatz der Waisenverwaltung charakterisierte, in der 
ganzen städtischen Verwaltung gilt. Ich darf dabei hervor 
heben: wenn mit dieser gewissenhaften Sorgfalt die Herren 
leitenden Aerzte unserer städtischen Anstalten ihre Pflicht auf 
fassen, so ist doch, glaube ich, dafür ein anderes Motiv 
gegeben als das, das der Herr Vorredner unterstellte, 
nämlich als die Besorgnis vor den Patienten. Ich 
glaube, daß das eigne Pflichtgefühl und die eigene aus 
sich selbst gewonnene Pflichttreue die Herren dazu veranlassen. 
Ich kan» namens des Magistrats also die Erklärung 
abgeben, daß wir Bedacht nehmen werden, daß an den von 
mir dargelegten Grundsätzen ans das strengste festgehalten 
wird. Bei dieser Sachlage glaube ich iit der Tat, daß für 
die Versammlung ein zwingender Grund, die Interpellation 
anzunehmen, nicht gegeben ist. Ich muß bemerken, daß die 
selbe Anschauung, die der letzte Herr Redner erwähnt hat, 
beim Magistrat bei der Frage maßgebend gewesen ist, ob es 
einer solchen generellen Anordnung bedurfte, die Anschauung, 
daß solche generellen Anordnungen zu Unrecht in außen 
stehenden Kreisen die Anschauung hrvorrufen könnten, als 
wenn der augenblicklich von uns behandelte Fall irgend etwas 
Spmptomatisches hätte. Zu solcher Auffassung ist nach 
unserer Meinung nicht der geringste Anhalt gegeben. 
(Bravo!) 
Stadtverordneter »r. Wehl (zur Geschäftsordnung): 
Meine Herren, im Rahmen der Geschäftsordnung erkläre ich 
im Namen meiner Freunde, daß wir nach der wohltuenden 
Auskunft, die uns Herr Stadrat Düring gegeben hat — 
die wir zugleich als die beste Entgegnung auf die de» Kern 
der Sache gar nicht treffende» Ausführungen des Herrn 
Kollegen Landau betrachten —, unsern Antrag zurückziehen. 
• 
Vorsteher Michelet: Wir kommen zum vierten Gegen 
stand der Tagesordnung: 
Besetzung der durch den Tod des Stadtverordnete« 
.Herzberg freigewordenen Stellen: 
a) in dem .Kuratorium für das Turn- und Vade- 
wesen, 
b) für die Deputation der 'Wasserwerke.
	        
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