Path:
Volume No. 23, 5. September 1912

Full text: Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Issue39.1912 (Public Domain)

ist infolge der Zölle und der Preissteigerung, die, wie ich noch 
zeigen werde, damit zusammenhängt, allein in den letzten 10 Jahren 
— nach einer Berechnung, die neuerlich veröffentlicht wurde — 
mit .72 Millionen Mark verteuert worden; der Preis ist jetzt um 
72 Millionen höher, als er vor 10 Jahren gewesen ist. Das macht 
auf den Kopf der Einwohner Berlins 21 M; das macht auf eine 
Familie von 5 bis 6 Köpfen eine Verteurung der Lebenshaltung 
bis zu 125 M, um die heute allein das Fleisch teurer bezahlt 
werden muß als vor 10 Jahren. Ich habe mit einem Fachmann 
gesprochen, .einem größeren Schlächter, der Jahrzehntelang hier am 
Orte sein Geschäft betreibt; er hat mir folgende hochinteressanten 
Ziffern .über die Preissteigerung des Fleisches mitgeteilt: Rinder- 
vorderviertel, die vor 10 Jahren l,so M das Kilogramm kosteten, 
kosten gegenwärtig bereits l,cc M; Kälberbrust, die l,n M gekostet 
hat, kostet l,7o J6; Schweinefleisch, das l,so M gekostet hat, l,?o M, 
Hammelfleisch, das l,so M gekostet hat, 2 M. Aber wohlgemerkt 
— das sind nicht die Preise, die das Publikum zahlt, sondern, die 
der Berliner Ladenschlächter dem Großschlächter zahlen muß. Sie 
wissen, meine Herren, in Berlin gibt es ja keine Schlächter mehr 
in dem Sinne wie in den kleinen Orten, daß jeder, der einen 
Schlächterladen hat, mich selber Vieh schlachtet; wir haben die Groß- 
schlächter, von denen die Ladenschlächter ihre Ware kaufen; die 
Ladenschlächter detaillieren die Ware nur. Und ich will hier gleich 
einfügen: wenn auch selbstverständlich mitunter durch viel zu viel 
Detallierung, durch viel zu viel Konkurrenz und infolgedessen zu 
geringen Umsatz die kleinen Ladenschlächter die Ware verteuern, 
die Hauptschuld trifft nicht die kleinen Schlächter, nicht die Laden 
schlächter, sondern die Schuld trifft diejenigen, die es ermöglichen, 
daß zwischen Produzenten und Konsumenten sich ein Wncher:- 
riug geschoben hat, der nicht entstanden ist allein ans Grund 
unsrer heutigen freien Konkurrenz und Wirtschaftsordnung, sondern 
der erst eine Folge jener Zollgesetzgebung ist, die allein 
es ermöglicht hat, daß ein Monopol für Fleisch bei den Agrariern 
eintrat, in dessen Ausbeutung sich dann die Agrarier mit den Vieh- 
kommissionären, mit den großen Viehhändlern teilen. 
Meine Herren, wie sehr die Not der Bevölkerung gestiegen ist, 
können Sie daraus ersehen, daß selbst die Norddeutsche Allgemeine 
Zeitung darauf hinweisen mußte, in welchem Maße der Verbrauch 
von Pferdefleisch in Berlin zugenommen hat, daß in diesem Jahre 
1463 Pferde mehr geschlachtet wurden als im Vorjahre, daß im 
Monat Juli wiederum eine Steigerung eingetreten ist, und daß der 
Monat August einen Konsumrekord von 1000 Stück Pferden bringen 
werde. Im Laufe der letzten Monate, schrieb die Norddeutsche All 
gemeine Zeitung, das Regierungsblatt, sind in den vorwiegend von 
Arbeitern bewohnten Stadtteilen 20 bis 30 neue Roßschlächtereien 
aufgemacht worden. Meine Herren, das ist eiii_ Zeichen tiefster Not. 
Denn wenn an ein teutsches Blatt, ein allteutsches, darauf hinwies, 
daß die Germanen ja sogar bei ihren hohen Festen Pferdefleisch 
gegessen haben, heute sind die Zeiten vorbei, wo das deutsche Volk 
an Pferdefleisch gewöhnt ist, und außerdem haben die alten Ger 
manen nicht die abgetriebenen Droschken- und Ackergäule zu essen 
bekommen, 
(Heiterkeit) 
die in den Roßschlächtereien verkauft werden und verkauft werden 
müssen, weil ein vollkräftiges, gesundes, gutes Pferd viel zu teuer 
wäre, als daß man es zur Fleischnahrung verarbeiten könnte. 
Nun sagt man von Regierungsseite, daß es ja gar nicht so 
schlimm mit der Fleischnot sei; denn die Statistik weise doch aus, 
daß der Fleischverbrauch in Deutschland fortwährend zunimmt. Das 
stimmt. Im Jahre 1905 haben wir einen jährlichen Fleischver 
brauch von 38 kg pro Kopf der Bevölkerung gehabt, gegenwärtig 
haben wir einen Verbrauch von 41 bis 42 kg. Aber was bedeutet 
diese Ziffer gegenüber dem, was die Bevölkerung an Fleisch essen 
müßte, wenn sie sich richtig ernähren sollte? Allerdings, der preußische 
Herr Landwirtschastsminister von Schorlemer-Lieser hat einmal im 
Abgeordnetenhause die Frage aufgeworfen, ob denn das Fleisch 
wirklich das einzige und unbedingt notwendige Nahrungsmittel ist. 
Er spielte sich ans den Vegetarier hinaus, der dein Volke zuredet: 
ihr braucht ja kein Fleisch' zu essen. Demgegenüber stelle ich fest, 
daß die Regierung wie die offiziellen Vertreter der 'Wissenschaft 
darauf bestehen, daß eine bestimmte Mindestmenge Fleisch verzehrt 
wird, die weit über das hinausgeht, was gewöhnlich die Arbeiter- 
bevölkerung zu essen bekommt. Ich weise darauf hin, daß Pro 
fessor Rubner verlangt, daß durchschnittlich 230 g Fleisch — wie 
es der Fleischer liefert, entsprechend 191 g reines Fleisch ohne Fett 
und Knochen — von jedem Erwachsenen täglich gegessen werden 
sollen. Ich weise darauf hin, daß das Kaiserliche Gesundheitsamt 
in einem von ihm zur Verbreitung in den großen Massen populär 
geschriebenen „Gesundheitsbüchlein" als Mindestmaß 150 g Fleisch 
täglich verlangt, und daß es ausdrücklich darauf hinweist, daß eine 
Kost, die nur ans Pflanzennahruug besteht, für den intensiv arbei 
tenden Mann und für die intensiv arbeitende Frau nicht zuträglich 
ist, daß „mindestens ein Drittel des zu unserer Ernährung not 
wendigen Eiweißes aus dem Tierreich" genommen werden muß. 
Ich weise darauf hin, daß Professor Otto Cohnheim festgestellt hat 
und schon vor ihm andere: je mehr der Arbeitende Mangel an 
frischer Luft leidet, je weniger körperlich sich die Personen betätigen 
können, umso weniger sind sie in der Lage, Pflanzennahrung richtig 
zu verdauen, und darum ist es kein Zufall, daß die bösen Städter 
so viel Fleisch essen, sondern es ist eine innere Notwendigkeit, 
weil in der Stadt Berufe betrieben werden, die uns von der 
frischen Luft abschließen, die uns an der freien Bewegung verhindern, 
die die intensive Tätigkeit des Arbeiters erheischen, und bei denen 
es notwendig ist, daß Fleisch in genügender Menge in der Nahrung 
gegeben wird. Die Kreuzzeitung hat sich vorgestern darüber aufge 
halten, daß die bösen Städter an dieser Fleischteurung schuld seien, 
weil sie so viel Fleisch verbrauchen. Es liegt aber in der Natur 
der Dinge, daß sie mehr Fleisch verbrauchen müssen als der Land- 
mann. Je mehr Muskelkraft, desto weniger Fleischnahrung ist er 
forderlich, je weniger Muskelkraft, desto konzentrierter muß die Eiweiß- 
nahrung sein, desto mehr Fleisch muß gegessen werden. Wenn wir 
aber das Mindestguantuin in Betracht ziehen, das vom Arbeiter ge 
gessen werden soll, das das Kaiserliche Gesundheitsamt mit 150 g 
feststellt, dann kommen wir auf einen Verbrauch von 65 kg für 
den Erwachsenen — und der Turehschuittsverbrnuch pro Kopf der 
Bevölkerung ist 41 kg. Wenn man nun die Kinder von unter 
6 Jahren abzieht und in Betracht zieht, daß in höherem Alter weniger 
Nahrung, also auch weniger Fleisch genossen wird, so muß man 
andererseits doch in Rechnung stellen, daß in den großen Städten 
von dem reisenden Publikum und von all denen, die gezwungen 
sind, i» Gastwirtschaften zu leben, weit größere Mengen Fleisch gegessen 
werden als 150 g täglich, weil eine andere Nahrung ihnen nicht 
zugänglich ist. Infolgedessen stellt sich das, was der großen Masse 
der Bevölkerung zur Verfügung steht, dem Handwerker, dem Arbeiter, 
dem Beamten zur Verfügung steht, weit niedriger als der Durch 
schnittsverbrauch, und wir wissen alle, daß in den Arbeiterfamilien 
mitunter kaum 1 Pfund wöchentlich auf den Tisch kommt, statt 
daß dort, wenn sie sich richtig ernähren sollten, 1 Pfund täglich 
auf den Tisch kommen sollte. Nach zahlreichen, auch amtlichen Er 
höhungen werden in Arbeiterfamilien nur 20 kg pro Kopf jährlich 
verzehrt, netto nur 60 g täglich pro Kopf oder bei einer Familie 
von 4 bis 5 Köpfen, hie gleich 3 Erwachsenen zu rechnen ist, 180 g 
Fleisch täglich. Allerdings dort, wo der Staat ein Interesse 
daran hat, richtig zu ernähren, sorgt er dafür, daß die nötige 
Menge Fleisch gegeben wird. Ich erinnere daran, daß unsere Marine- 
soldaten wöchentlich pro Kopf 2350 g Fleisch bekommen; das ist eine 
Menge, die täglich 335 g ausmacht, also weit über das Doppelte 
dessen, was eine Arbeiterfamilie sich an Nahrung 'leisten kann. 
Ich erwähne das, weil es mit ein Kernpunkt der Frage ist, wieweit 
wir denn die Verpflichtung haben, uns um eine Fleischversorgung 
zu kümmern. Denn ein Teil der Gegner der Wünsche der Städte 
macht es sich ebenso leicht wie der Herr Landwirtschaftsminister und 
sagt: ihr braucht ja kein Fleisch zu essen, es ist ja nicht notwendig, 
ihr, könnt ja den Fleischbedarf einschränken. Demgegenüber ist es 
notwendig, daß wir darauf hinweisen, wie gering er ohnehin schon 
bei den Volksmassen ist, so daß er nicht verringert, sondern gesteigert 
werden müßte. Je mehr aber die Fleischpreise steigen, um so mehr 
werden die Arbeiter das Wenige, was sie an Fleisch essen können, noch 
einschränken müssen, oder sie werden von neuem zu Lohnkämpsen 
gezwungen, müssen höhere Anforderungen au Handel und Industrie 
für ihre Bezahlung stellen und, wir wollen nicht vergessen, auch 
an die Stadt Berlin, da die städtischen Arbeiter und Beamten, die 
mit dem Gehalt, das sie eben auf der Grundlage einer normalen 
Preisbildung, der früheren Fleischpreise bekommen haben, nicht mehr 
durchkommen können. Das sieht auch die ja immer sehr weitsichtige 
Großindustrie bereits ein. Aus Duisburg wird gemeldet, daß die 
rheinischen Großindustriellen bereits daran gehen, eigene Fleisch- 
versorgung vorzubereiten, weil sie wissen, sie bekommen dadurch 
kraftvolle Arbeiter, die das Werk verrichten können, das ihnen obliegt; 
andererseits vermeiden sie, daß die Arbeiter noch mehr als bisher 
aufgepeitscht werden, um Lohnforderungen durchzusetzen. 
'Wenn meine Freunde und ich in dem Antrag, den wir gestellt 
haben, uns nun nicht allein ans Fleisch beziehen und nicht allein 
die Beseitigung der Fleischzölle verlangen, sondern den Antrag ans 
alle Zölle ausdehnen, so geschieht das, obwohl wir ja in bezug ans 
Roggen, ans Roggenbrot augenblicklich keinen besonderen Notstand 
haben. Im Gegenteil, die Roggenernte ist so reichlich, daß Ueber 
fluß da sein müßte. Aber was ist die Folge dieses Ueberflusses? 
Die Folge ist, daß durch die Gesetzgebung, die uns von der agrarischen 
Mehrheit des Reichstages und vom Bundesrat beschert worden ist, 
dieser Ueberfluß nach dem Auslande geht, daß mit Hilfe der Ein 
fnhrscheine eine Ausfuhrprämie auf den Roggen gelegt ist, und 
daß das Quantum, das im Jnlande zurückbleibt, einen Preis er 
hält, der vollständig dem Weltmarktpreis plus Zoll entspricht, nicht 
daß der Preis infolge der besseren Ernte herunterginge. Das ist 
ja auch der Zweck der Einfuhrscheinc. Die Herren Agrarier sind 
ja meist sehr offenherzig, sie sagen rund heraus, was sie wollen. 
Nur anfänglich, als sie ihre Machenschaften betrieben, haben sie alle 
möglichen Ausreden gebraucht, um ihre Ziele zu verschleiern; jetzt 
wo sie sich ihrer Macht sicher fühlen, hat zum Beispiel der Führer
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.