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Volume No. 13, 11. April 1912

Full text: Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Issue39.1912 (Public Domain)

vorgesehen; also, die es bequem haben, sind künftig nur 30, während 
mir Ihnen vorschlagen, daß, wenn 80 im Hanse bleiben, diese 80 
es bequem haben. 
Wir sind auch nicht so leichtsinnig gewesen, zu sagen: wir würden 
das von unserm grünen Tisch aus beurteilen können. Wir sind 
ein paar Mal draußen gewesen. Herr Dr. Wehl hat unsre Arbeit doch 
zu gering eingeschätzt, wenn er sagt, wir hätten uns die Sache nicht 
angesehen. Ich bin sogar vor wenigen Tagen noch bei der Oberin 
draußen gewesen, um mich zu erkundigen, wie denn ihre Wünsche, 
wie die Wünsche der Schwesterschaft seien. Ich habe ihr dabei einfach 
und ohne irgendeinen Zwang die Frage vorgelegt: wünschen Sie lieber 
ein neues Schwesternhaus im Park oder den Umbau im alten? Sie 
hat mir ohne weiteres geantwortet: lieber ist mir der Umbau in der 
jetzigen Station. Sie hat hinzugefügt: wenn ich ein Schwesternhaus 
bekomme, worin ich sämtliche 300 Schwestern zusammen haben turnt, 
dann nehme ich das lieber, aber die 30 Schwestern in einem beson 
deren Gebäude sind kein Gewinn. Einmal haben die Schwestern, 
wenn sie die schwere Arbeit verlassen, den Wunsch, beieinander zu sein, 
das zu haben, was man ein Heim nennt. Ein Haus für 30 von 
300 Schwestern ist kein Schwesternheim; ein Haus, worin 80 
Schwester» wohnen, doch schon viel eher, zumal, wenn die Oberin 
darin wohnt und die Schwesternschule darin ist und die sonstigen all- 
gemeinen Räume. 
Nun hat Herr Dr. Wehl dem Magistrat den Borwurf gemacht, 
mit gingen über Wünsche und Beschlüsse der Deputation hinweg. 
Zunächst muß sich wohl jede Deputation das gefallen lassen; denn dazu 
haben Sie doch ihren Magistrat eingesetzt, daß er die entscheidenden 
Beschlüsse faßt und Ihnen zur Genehmigung vorlegt. 
(Sehr richtig!) 
Die Beschlüsse der Deputation sind keineswegs so, daß sie wie 
Spreu im Winde verwehen; aber in den 9 Jahren, die ich hier an 
dieser Stelle bin, hat sich noch nie eine Deputation darüber beschwert, 
wenn ihre Beschlüsse geändert wurden. Ich kann eine Illoyalität 
in keiner Weise darin finden, umso weniger, als die Direktion von 
Anfang an auf dem Standpunkt gestanden hat, den wir Ihnen jetzt 
vorschlagen. Die Krankenhausdeputation hat allerdings einen anderen 
Wunsch ausgesprochen: wir sollten uns lieber mit einem eigenen 
Schwesternhause helfen. Daraus hatte die Direktion nicht so viel Ver 
anlassung, sich dagegen zu sträuben. Was sollte jetzt ivohl für die 
Direktion für ein Anlaß sein, sich gegen ihre Ueberzeugung unsern 
Wünschen anzuschließen? Glauben Sie denn wirklich an eine Liebe 
dienerei? Das werden Sie doch den Direktoren nicht zutrauen ! Nein, 
die Herren haben eben eingesehen, diese Form läßt sich sehr gut für 
die Sache finden; denn wir erreichen dadurch ebensoviel mit sehr viel 
geringeren Mitteln. Zu welchen Konsequenzen würde jene Ansicht 
auch führen? Wenn eine Deputation etwas vorschlägt, der Magistrat 
die Sache durch eine Kommission untersuchen läßt, sich mit den an 
der Sache Beteiligten ins Einvernehmen setzt und dann ein anderes 
Projekt aufstellt, soll dann der Magistrat — der Ausdruck ist ge 
fallen — aus Curtoisie der Deputation schreiben: ich teile ergebenst 
mit, daß wir einen anderen Beschluß gefaßt haben? Was würdet 
das für eilt Schreibwerk werden! Ich würde es einer Deputation nicht 
übelnehmen, wenn sie, nachdem der Magistrat einen anderen Beschluß 
gefaßt hat, sagt: ich bitt nicht derselben Meinung. Denn in vielen 
Dingen handelt es sich ja um Ueberzeugungen. Aber in diesen Fällen 
hat die Deputation keine Veranlassung, „Verwahrung" einzulegen 
gegen eine unrechtmäßige Behandlung durch den Magistrat. 
Von Herrn Dr. Wehl ist gesagt Worden, wenn wir einen Medizinal 
rat hätten, so würde es anders gegangen sein. Gewiß würde so ein 
Medizinalrat in der Sache sehr genutzt haben; aber da wir ihn nicht 
gehabt haben, so haben wir uns an die Instanz gewandt, die uns im 
übrigen sachlich nutzen konnte, und das waren die Direktoren und 
der Verwaltungsdirektor des Virchowkrankenhauses und die Oberin, 
die die Wünsche der Schwestern vertritt. Da wir uns mit diesen allen 
ins Einvernehmen gesetzt hatten, so habe ich in diesem Falle den 
Medizinalrat nicht so sehr entbehrt. 
Sie werden ja die Sache an einen Ausschuß verweisen, und da 
wird sich noch manches weiter aufklären lassen. Nehmen Sie es mir 
aber nicht übel: ich glaube, Sie tun nicht gut, in dem vorliegenden 
Falle dem Magistrat einen Vorwurf daraus zu machen, daß er wirt 
schaftlich verfährt und zeigt, wie mit 35 000 M alle Ansprüche be 
friedigt werden können, während Sie ein Haus für 260 000 M an die 
Stelle setzen wollen, ohne dabei die Wünsche der Nächstbeteiligten 
so zu befriedigen, wie wir das sönnen 
(Bravo!) 
Stadtverordneter Körte: Die ausführliche Rede des Herrn 
Bürgermeisters, obwohl ein Antrap auf Ausschuß vorliegt, zwingt mich 
doch, noch etwas näher auf die Sache einzugehen. Ich will mich aber 
so kurz fassen wie irgend möglich, habe nur das dringende Interesse, 
gewisse Punkte schon jetzt in der Oeffentlichkeit, nicht erst im Aus 
schuß klarzustellen. 
Ich fange an mit dem Vorwurf, der wegen zu geringer Voraus 
sicht bei der Programmabfassung erhoben worden ist. Als das Pro 
jekt vor 14 Jahren gemacht wurde, da waren für die Pflege Wärter 
und Wärterinnen, keine Schwestern und Schwesterschülerinnen vor 
gesehen. Inzwischen ist das anders geworden, und dadurch sind andere 
Räume erforderlich. Für eine Schwesternschaft von 270 bis 300 Köpfen 
muß man andere Räume haben als für die Wärter und Wärterinnen. 
Sodann habe ich eine andere Auffassung einer wirtschaftlichen 
Verwaltung. Ich halte es für wirtschaftlich, daß die Stadt ihre Be 
dürfnisse so gut wie möglich befriedigt, wenn das auch zunächst ein 
bischen mehr kostet. 
Ich habe dem Magistrat keine Vorwürfe wegen seines Projektes 
an und für sich gemacht; ich habe mich auch darüber nicht geäußert, 
ob wir uns schließlich aus den Standpunkt stellen könnten, den der 
Magistrat bei seinem Projekt eingenommen hat, sondern ich habe bloß 
bedauert, daß kein Mitglied der Krankenhausdeputation sich über das, 
was hier projektiert Wird,_ im klaren gewesen ist, und ich kann das 
hier nur wiederholen, daß meine Freunde es mit mir unangenehm 
empfunden haben, daß ihre beiden Mitglieder in der Krankenhaus- 
deputation von diesem Vorschlage nichts mußten. 
Nun hat sich der Herr Bürgermeister gegen mich als Architekt ge 
wandt und gemeint, ich hätte aus dem Grundriß das alles heraus 
sehen müssen. Ja, Herr Bürgermeister, ich bin Architekt, aber nicht 
Hellseher; 
(Heiterkeit) 
was nicht gezeichnet ist, kann ich nicht sehen. In der Vorlage steht, 
es soll eine neue Treppe gemacht werden, aber die Treppe ist in der 
Zeichnung nicht gezeichnet. Wie soll ich also wissen, wo sie liegt. Wenn 
ferner gesagt wird, es sollen wesentlich vergrößerte Räume für Auf 
wasch und dergleichen errichtet werden, und sie sind nicht gezeichnet, so 
kann ich nicht wissen, wie das gemacht werden soll. Hinten auf dem 
Tisch liegt die Zeichnung aus: vielleicht ist Kollege Liebeherr so freund 
lich , sie zu holen. Sie wird beweisen, was ich über sie bemerkte. Ich 
habe hier kein Wort zu viel gesagt, und ich glaube, die Versammlung 
muß darauf bestehen, daß sie gründlich informiert wird über die Sachen, 
über die sie beschließen soll. 
Was nun die Entfernung der Treppe vom Saal betrifft, so will 
ich hoffen, daß sie nicht so groß ist, wie der Herr Bürgermeister an 
gegeben hat; denn dann befänden wir uns schon jetzt im Gegensatz 
gegen die baupolizeilichen Bestimmungen für gewöhnliche Wohnränme, 
geschweige für solche in öffentlichen Gebäuden. 
(Zuruf des Bürgermeisters Dr. Reuse: 20 m!) 
Ich will nur noch hervorheben, daß es sehr eigentümlich ist, daß 
bei Verhandlungen über die vorgeschlagene Abänderung kein Deputations 
mitglied mit hinzugezogen ist, sondern daß, wie mir berichtet ist, die 
Besichtigung ohne Hinzuziehung von Deputationsmitgliedern statt 
gefunden hat, daß außerdem bei der ersten Besichtigung der Direktor 
des Krankenhauses nicht zugegen gewesen ist. 
Hier ist die Zeichnung, und ich möchte den Herrn Bürgermeister 
bitten, sich selbst zu überzeugen, ob man das alles, was er anführte, 
herauslesen kann. 
(Bravo!) 
Stadtverordneter Dr. Weyl: Ich hätte auch keine Veran 
lassung gehabt, da ja die Mehrheit der Versammlung dem Ausschusse 
zustimmen wird, auf die Ausführungen des Herrn Bürgermeisters zu 
reagieren; aber er hat es für zweckmäßig befunden, hier eine ziemlich 
ausführliche Verteidigungsrede zu halten, und wir können sie nicht 
ohne Widerspruch in die Oeffentlichkeit hinausgehen lassen. 
Ich habe gesagt, das Projekt der Krankenhausdeputation sei auf 
120 000 M geschätzt worden. Im Etat für 1911 heißt es ausdrücklich: 
die Bausumme ist auf 120 000 M geschätzt. Nun meint der Herr Bürger 
meister, es sei nicht wirtschaftlich, ein solches Gebäude für 260 000 jK> 
zu errichten, wenn mit geringeren Mitteln dasselbe zu erreichen ist. 
Nun sind aber alle Kollegen aus allen Gruppen der Versammlung in 
der Krankenhausdeputation mit der größten Energie und Hingabe 
damit beschäftigt, unsere sanitären Verhältnisse innerhalb und außer 
halb der Krankenhäuser in Ordnung zu hatten und zu fördern. Wenn 
ich Ihnen das zugestehe, dann werden Sie es mir sicherlich glauben. 
Wir haben wiederholt Vorschläge gemacht, die wirtschaftlicher waren 
als die Magistratsvvrlage; aber man hat nicht so gewollt, wie wir es 
für richtig hielten. Auch hier sind wir dieser Idee nachgegangen; aber 
man hat von bausächverständiger Seite gesagt, das sei nicht möglich. 
Nun haben Sie ja heute auch eilten so hervorragenden Architekten wie 
Herrn Körte hierüber gehört, der diese Auffassung bestätigt hat. 
Dann hat der Herr Bürgermeister ausgeführt, wir feien in der 
Deputation davon ausgegangen, hier müsse eine neue Küche errichtet 
werden; dann kämM die Aerzte für ihr Kasino nstö andere Abteilungen 
ebenfalls mit solchen Wünschen. Ist deht'Hetkn Bürgermeister, seitdem 
er von Amts wegen mit der Vertretung des künftigen Medizinalrats 
betraut ist, nicht bekannt geworden, daß von bausächverständiger und 
ärztlicher Seite wiederholt erklärt ist, daß eine Zentralküche auf einem 
so großen Gelände wie dem Virchowkrankenhause vom Uebel ist, und 
daß man lieber Küchen an verschiedenen Stellen hätte errichten sollen? 
Ich weise darauf hin, daß in den großen Restaurants wie Rheingold 
usw., denen Sie ja näher stehen als wir, eine große Reihe von Küchen
	        
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