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Volume No. 37, 21. Dezember 1911

Full text: Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Issue38.1911 (Public Domain)

Uebernahme einer Vormundschaft, aber besonders gegen die sür ein 
uneheliches Kind. Das hängt wohl zum Teil zusammen mit den 
Schwierigkeiten, die damit verknüpft sind, die natürlichen Väter zur 
Alimentenzahlung, auch nur des gesetzlichen Minimums anzuhalten. 
Es ist das eilte tiefernste und bedauerliche Erscheinung, daß die ledigen 
Väter ihrer moralischen Verantwortlichkeit so wenig sich bewußt fühlen;' 
auch in heutiger Zeit, wo wir doch im großen und ganzen mit einem 
Kulturfortschritt zu rechnen haben, ist es iu dieser Hinsicht recht schlimm 
bestellt. Die natürlichen Väter lassen oft Mutter und Kind in der 
schwersten Zeit ohne Fürsorge und Unterstützung. Es muß Ihnen, 
meine Herren, auch schon oft der Gedanke gekommen sein, wenn Sie 
in den Zeitungen gelesen haben von der Verzweiflungstat einer Mutter, 
daß in den meisten Fällen der wahre Schuldige der pflichtvergessene 
Vater ist, der das hilflose Kind dem Tode preisgegeben hat. Es wäre 
höchst erwünscht, wenn die Reichsgesetzgebung gelegentlich der Reform 
des Strafprozesses auch solche Väter kriminell zur Verantwortung 
zöge. Daß es materiell künftig besser gehandhabt werden wird. 
derartige Personen an ihre Verpflichtung zu erinnern und deren 
Erfüllung zu erzwingen, dafür wird die Berufsvormundschaft sorgen, 
und auch das wird einen großen Fortschritt bedeuten. 
Run wäre es ja möglich, daß in fernstehenden Kreisen die Meinung 
auskommen könnte, daß durch die Einführung dieser Institution irgend 
wie leichtsinnige Männer zum unehelichen Geschlechtsverkehr ermutigt 
werben könnten. Das ist keineswegs der Fall: im Gegenteil, sie 
werden sich künftig der Folgen viel ernster bewußt werden als bisher. 
Ruit soll eine weitere Aufgabe der Berufsvormnndschast sein die 
Raterteilnng, und zwar soll den Vormündern auf Wunsch mit Rat 
zur Hand gegangen werden, wenn sie sich an das Vormundschastsbureau 
wenden. Es ist nicht ausdrücklich in der Vorlage gesagt, aber soweit 
mir bekannt ist aus meiner Tätigkeit in der Waisendeputation, ist 
erwähnt worden, daß diese Ratertcilung sich auch auf die ehelichen 
Kinder erstrecken soll. Es gibt ja auch bei ehelichen Kindern viele Fälle, 
die recht schwierig liegen, und ich möchte ausdrücklich vom Magistrat 
bestätigt hören, daß, wenn sich der Vormund eines ehelichen Kindes an 
das Vormundschaftsaml wendet, ihm dieses auch mit Rat zur Seite 
stehen wird. Der Waisendeputation wird mit dieser Fürsorge eine 
neue Last aufgebürdet; ich hoffe aber, daß unter der tatkräftigen und 
umsichtigen Leitung ihres Vorsitzenden und unter der opferwilligen 
Mitarbeit der Kollegen auch diesem entsprochen werden wird. 
Ich will auf die finanzielle Seite der Frage nicht näher eingehen. 
Meine Freunde sind sich der Tragweite sehr wohl bewußt, die sie 
auch in dieser Beziehung haben kaun. Aber sie wünschen, daß ein Notstand, 
wie er in der Vorlage ausführlich geschildert ist, so bald Ivie irgend 
möglich beseitigt wird. Deshalb wollen sie davon absehen, im jetzigen 
Stadium die Vorlage an einen Ausschuß zu verweisen, sondern bitten, 
die Vorlage glatt sofort anzunehmen. 
(Bravo!) 
Ich bin sicher, daß nicht allein die Stadt Berlin, sondern auch 
der Staat einen erheblichen Nutzen von dieser Einrichtung haben wird. 
Es ist keine Frage, daß die Einrichtung nicht allein auf die körperliche, 
sondern auch auf die sittliche Entwicklung der heranwachsenden Jugend 
einen segensreichen Einfluß haben wird. Ick hoffe daher, daß Sie 
einstimmig diese nach langen Beratungen glücklich gediehene Vorlage 
annehmen werden zum Schutze und zum Wohle der schwächsten Ein 
wohner Berlins. 
(Bravo!) 
Stadtoerorvneter Lavewig: Auch meine Freunde begrüßen 
die Vorlage mit Freuden. Ich bin zwar nicht der Ansicht wie der 
Kollege Solmitz, daß diese neue Einrichtung irgend einen Einfluß dahin 
haben wird, daß die unehelichen Kinder mehr oder weniger werden; 
Denn derjenige, der sich dem unehelichen Beischlaf hingibt, denkt 
meistens nicht an die Folgen. Darüber allerdings, daß die unehelichen 
Väter sich ihrer Pflicht zu entziehen suchen, muß man nicht allzu streng 
denke»; das ist leider in der menschlichen Natur begründet, und schon 
der berühmte Nationalökonom Professor Roscher hat den Gründ ange 
geben, indem er sagte: Kinder erzeugen ist eine Lust, sie zu ernähren 
eine Last. Also das wird immer so sein. 
Was diese Einrichtung betrifft, so soll sie ja selbstredend nur sür 
uneheliche Kinder gelten. Für eheliche Kinder werden jetzt sehr wenig 
Vormünder gebraucht, weil, wenn der Vater tot ist, die elterliche Ge 
walt der Mutter zufällt. Nun bin ich weit entfernt, den Vormündern 
die bisher für uneheliche Kinder gesorgt haben, den Vorwurf zu 
machen, daß sie ihre Pflicht nicht voll und ganz erfüllt haben. Es 
hat namentlich in Berlin eine hinlängliche Zahl von Leuten gegeben, 
die bereit waren, ihre Pflichten als Vormund für die unehelichen 
Kinder zu erfüllen, und ich halte es für richtig, das ausdrücklich 
öffentlich zu erklären. Aber trotzdem wird die Berufsvormundschaft 
ein großer Segen sein, iveil es in den meisten Fällen nicht leicht ist, 
sofort einen passenden Vormund zu finden; denn wenn ein Mädchen 
niederkommt, welches hier keine Angehörigen hat, so muß 'erst das 
Gericht an den Waisenrat schreiben, der Waisenrat muß den Vormund 
vorschlagen, der muß vereidigt werden, darüber vergehen Wochen und 
Monate, und das ist ohne eine Sammelvormundschaft nicht zu ver 
meiden. Deshalb, glaube ich, können wir die Vorlage durchaus mit 
Freuden begrüßen. Ich habe die Hoffnung, daß sie sich ebenso bewähren 
wird wie in den andern Städten, wo sie bereits eingeführt ist, u. a. 
in Charlottenbnrg, und ich bitte Sie, die Vorlage ohne Ausschußbe 
ratung anzunehmen. 
(Bravo!) 
Stadtverordneter Bruns: Angesichts der Stimmung, in der 
sich die Versammlung befindet, hat es sowieso keinen Zweck, längere 
Ausführungen zu machen. Ich wollte nur im Auftrage meiner 
Freunde die Erklärung abgeben, daß auch wir der Vorlage zustimmen, 
ohne eine Ausschußberatung zu beantragen. Wir glauben auch, daß 
diese Vorlage sehr zweckentsprechend ist, und da sie in kurzen und 
klaren Worten sagt, was gewollt wird, so, glaube ich, ist eine Alts* 
schuf)Beratung durchaus überflüssig. Auch in den Reihen meiner 
Freunde sind allerdings Bedenken aufgetaucht, die sich namentlich 
darauf richteten, ob das, was in der Vorlage vorgeschlagen wird, auch 
den Bedürfnissen, die sogleich an uns herantreten werden, entsprechen 
wird. Wir haben aber diese Bedenken zurückgestellt, weil wir erst 
sehen wollen, wie die ganze Sache sich gestaltet, und weil wir glauben, 
es nachher in der Hand zu haben, weiter auf dieser Grundlage zu 
bauen. Ich glaube, auch die Ausführungen des Herrn Kollegen Solmitz 
können uns nicht veranlassen, haben ja auch ihn nicht veranlaßt, An 
träge zu stellen. Wir brauchen daher auch keinen Ausschuß. 
Bedauern wollte ich nur noch, daß wir auch in dieser Frage erst 
vielen andern Gemeinden nachhinken. Allerdings muß man dabei 
berücksichtigen, daß für Berlin vielleicht besondre Verhältnisse vorge 
legen haben. 
Ich kann mich also dahin resümieren: wir werden der Vorlage 
ohne Ausschuß zustimmen. 
(Bravo!) 
Stadtverordneter Roseuow: Ein Satz in der Begründung 
der Vorlage gibt mir Anlaß zu einer Bemerkung. Es heißt: 
Die von uns geplante Samiiielvormundschaft soll nach unseren 
Absichten keineswegs die unentbehrliche, segensreiche Tätigkeit des 
Einzelvormundes ausschalten, sondern im Gegenteil dieser Vor 
mundschaft den Weg ebnen und dem Einzelvormund sein Amt 
erleichtern. 
Das begrüße ich mit großer Freude. Wir werden natürlich die 
einzelnen Vormünder unter keinen Umständen entbehren können, uw 
unter diesen sind besonders die Frauen von großer Bedeutung. Es 
gibt hier einen Verband für weibliche Vormundschaft, einen ei e? 
tragenen Verein, der sehr segensreich wirkt, und ich bitte den Magistrat 
bei der Einrichtung der Sammelvormundschaft sich besonders' an 
mittelbar an den Vorstand des Vereins für weibliche Vormundschaft 
zu wenden. Der weibliche Vormund kann gerade in den Fällen, um 
die es sich handelt, in denen der unehelichen Mutter und des in 
liehen Kindes viel wirksamer und heilsamer handeln als der Mann, 
der als Einzelvormund bestellt wird. Die Beziehungen, die sich zwischen 
einer Frau und der unehelichen Mutter und ihrem Kinde knüpfen, 
werden nur wohltätig wirken auf die Mutter und auf die Zukunft 
des Kindes. Deshalb möchte ich bitten, daß bei der Einführung dieser 
Sammelvormundschaft nicht vergessen werde, daß wir nicht nur 
gelegentlich, sondern auch regelmäßig uns des Verbandes erinnern 
und Einzelvormünder suchen. 
Die Vorlage als solche begrüße ich mit großer Freude. Ich will 
nicht ausführen, welche ungeheuren Schäden dadurch entstanden sind, 
daß Vormünder jahrelang niemals ihr Mündel gesehen und dessen 
körperliche und geistige Interessen vernachlässigt haben. Deshalb ist 
dies ein großer Fortschritt auf sozialem Gebiet, und man kann dem 
Verfasser der Vorlage und ihrer Begründung mir Dank dafür wissen. 
(Lebhafter Beifall.) 
Stadtrat Düring: Ich wollte nur die Frage erörtern, ob die 
Raterteilung, die nach der Vorlage zur Pflicht der von uns vorzu 
schlagenden Vormünder gemacht ist, auch den Vormündern ehelicher 
Kinder zugute kommen soll. Gegenstand besonderer Erörterung ist diese 
Frage in der Deputation sür Waisenpflege nicht gewesen. Ich trage 
aber kein Bedenken, die Erklärung abzugeben, daß im Rahmen derjenigen 
Aufgaben, die dem Vormunde gestellt sind, der von der Stadt als 
Sainmclvormund dem Gericht vorgeschlagen werden soll, meines Er 
achtens auch dieser Rat an die Vormünder ehelicher Kinder wird erteilt 
werben können. 
Da ich einmal das Wort genommen habe, so kann ich als Dezernent 
nicht umhin, Ihnen zu danken für die großzügige und weitherzige Auf 
fassung, mit der Sie dieses schöne Werk in Angriff genommen haben. 
Lassen Sie mich dann noch kurz den Vorivurf streifen, daß diese 
Vorlage andern Städten gegenüber verspätet komme! Ich glaube, daß 
die Stadt bei einer Frage, die sür uns ganz andre Schwierigkeiten 
mit sich bringt als für jede andre Stadt, wohl berechtigt war, eine 
abwartende Stellung einzunehmen und sich die Erfahrungen andrer 
Kommunen zunutze zu machen. Wir konnten das um so eher, als ja 
die städtischen Behörden neben anderem durch die mit einem Kosten- 
aufwande von gegen 400000 M unterstützten Säugliugssürsorgestellen und 
andern ans demselben oder einem verwandten Gebiete liegenden Be-
	        
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