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Volume No. 27, 21. September 1911

Full text: Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Issue38.1911 (Public Domain)

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eventuell damit gerechnet werden, daß in den ersten Jahren der 
Zinsfuß etwas geringer sein wird als bei der Hochbahn. Wenn man 
sich aber vergegenwärtigt, daß die Unterhaltungskosten bei einer 
Untergrundbahn bedeutend billiger werden als bei der Hochbahn, so 
stellt sich die Sache anders. Die Hochbahn muß in gewissen Zwischen 
räumen gestrichen werden, die Eisenkonstruktion muß gesichert werden, 
cs müssen die Gurtungen und Nietungen erneuert werden. Die 
Kuppelplatten müssen ergänzt werden usw. Vergleicht man bei einer 
Konzessionsdauer von 90 Jahren die Mehrkosten für die Unter 
haltung der Hochbahn mit den Kosten der Untergrundbahn, so ergibt 
sich: der Tunnelkörper nutzt sich nicht ab, es handelt sich höchstens 
darum, die Innenseiten mal zu schlemmen; wenn der Bau der Unter 
grundbahn auch teurer ist, so wird das durch die teuren 'Unterhaltungs 
kosten der Hochbahn in 90 Jahren ausgewogen. 
Der Ausschuß hat sich den vielen Bedenken der Bürgerschaft 
nicht verschlossen; er empfiehlt Ihnen, für die südliche Strecke die 
Untergrundbahn zu wählen und den Magistrat zu bitten, mit der 
AEG von neuem zu verhandeln. Die AEG hat in ihrem Schreiben 
vom 11. Mai ausgeführt, daß sie für den Bau dieser Strecke als 
Untergrundbahn 5,9 Millionen beanspruche, obgleich die Strecke nach 
dem neueren Projekt kürzer geworben ist. Die AEG hatte mittler« 
weile Verhandlungen mit dem Magistrat geführt dahin, daß es wohl 
zweckentsprechend fei, die südliche Strecke nicht über beit Landwehr- 
kanal durch die Grimm- und Urbanstraße, sondern vom Luisenufer 
durch die Reichenberger Straße nach dem Kottbuser Damm zu führen. 
Hierdurch wird die Strecke um 465 m kürzer als die Strecke über 
den Urban, also billiger. Sie wird auf dieser Strecke etwas teurer 
in dem ersten Teil, da bis zum Kottbuser Tor der Luisenstädtische 
Kanal unterführt werden muß, was bei dem andern Projekt nicht 
nötig lvar. Hierfür berechnet die AEG eine Million mehr. Nun 
hätte sie konsequenterweise auch die Minderkosten berechnen müssen 
für die 465 m kürzere Strecke. Die AEG hat sich bereit erklärt, 
die Linie so auszuführen für einen Zuschuß von 5,9 Millionen 
seitens der Stadtgemeinde. Ich will noch hinzufügen, unter welchen 
Bedingungen der Zuschuß gefordert wird. Es sollen die 5,9 Millio 
nen zinsfrei gegeben werden, und wenn die Einnahmen über 5 v. H. 
eintreten, soll 1 v. H. Amortisation zur Deckung des Zuschusses 
der Stadtgemeinde dienen. 
Jedenfalls waren wir befriedigt, daß es gelungen war, im 
Süden eventuell die Untergrundbahn zu bekommen, und es herrschte 
Einstimmigkeit im Ausschuß darüber, daß wir nun auch daran 
denken müßten, möglichst auch für den Norden, der doch auch ein 
Teil der Stadt Berlin ist, die Untergrundbahn zu erhalten. Von 
der AEG und von unsrer Bauverwaltnng wurde ausgeführt, 
daß im Norden die Schwierigkeiten so groß seien, daß man davon 
absehen müsse. Die Schwierigkeiten bestehen darin, daß man den 
Einschnitt der Staatsbahn kreuzen muß, und dabei wird angenom 
men, daß der Bahnhof Gesundbrunnen unter diesem Einschnitte zu 
liegen kommt, also könne man daran nicht denken. Außerdem sei 
dort der Notauslaß in der Grünthaler Straße, ein Schmutzwassür- 
kanal in der Prinzenallee und die Panke in der Badstraße zu be 
rücksichtigen. Die Stadtbauverwaltung, die die Schwierigkeiten kennt, 
erklärte im Ausschuß, daß die Untergrundbahn auf der nördlichen 
Strecke 2y 2 Millionen mehr kosten würde als die Hochbahnstrecke. 
Man kann also nicht davon sprechen, daß die Kosten so sehr erheblich 
sind. Die gleich lange nördliche Strecke als Untergrundbahn kostet 
nur 2i/ 2 Millionen mehr trotz der technischen Schwierigkeiten, und 
die Schwierigkeit der Untergrundbahn im Norden kann sich doch 
mit der Unterführung an der Weidendammer Brücke absolut nicht 
messen. Solche Schwierigkeiten werden sich ja beim Tunnelbau in 
Berlin noch sehr oft zeigen, denn wir werden ja noch mehr Schnell 
bahnen bauen als die bisher geplanten. 
Es war dann der Wunsch der Bevölkerung am Gesundbrunnen, 
daß möglichst zwischen dem Bahnhof Gesundbrunnen und der Lhri- 
stiauiastraße noch ein Bahnhof an der Prinzenallee eingeschaltes 
werden möchte. Die AEG hat sich dem nicht verschlossen und ist 
bereit, diesen Zwischenbahnhof zu bauen; aber er muß eine gewisses 
Tiefe bekommen, um Rücksicht zu nehmen auf den Kanal, der von 
der Prinzenallee nach der Pankstraße geht. Die Haltestelle muß 
7,4i m tief mit der Bahnsteigoberkante angelegt werden, wenn der 
Schmutzwasserkanal nicht berührt werden soll. Das ist eine ganz 
respektable Tiefe; wenn man sich aber klar macht, daß bei dem Bahn 
steig des Ringbahnhofes Gesundbrunnen 6,is m und bei dem Vor 
ortbahnsteig 7,94 m zu überwinden sind, die täglich von Tausenden 
von Passanten zu steigen sind, so kann das nicht den Ausschlag geben, 
zu sagen, der Bahnhof werde sich nicht rentieren. Die AEG hat 
nun erklärt, daß sie bereit sei, auch im Norden die Untergrundbahn 
zu bauen, wenn die Stadtgemeinde für die Kosten noch 3,s Millionen 
Zuschuß mehr gibt; da sie außerdem annimmt, daß die Bahnhöfe 
am Gesundbrunnen und in der Prinzenallee nicht die erhofften 
Einnahmen bringen werden, — sie rechnet sich eine Einnahme für 
jede Station von 500 000 M aus und nimmt einfach an, diese beiden 
Stationen werden weniger bringen —, verlangt sie für die eine 
125 000 M, für die andere 50 000 M, im ganzen also einen Zu 
schuß von 175 000 M jährlich. Nachträglich hat sie erklärt, daß 
alles, was ihr an dem Ertrage fehlt, von der Stadtgemeinde ersetzt 
werden müsse; ferner daß, falls die Strecke nach Reinickendorf als 
Hochbahn gebaut würde, die Stadtgemeinde sich einverstanden er 
klären möge, daß die Rampe, falls aus Reinickendorfer Gebiet nicht 
'möglich, auch auf Berliner Gebiet geführt werde. Nun ist die 
Schwedenstraße bis zur Christianiastraße 35,7« m breit, die Schiveden-. 
straße dahinter, auch noch auf Berliner Gebiet, ist 33,? m breit, und 
ebenso breit ist die Fortsetzung derselben, die Residenzstraße. Ich 
meine also, die Sache wird naturgemäß so gemacht, daß die Rampe 
auf dem Terrain beider Kommunen liegt. 
Jedenfalls sehen wir aus den ganzen Verhandlungen, daß die 
Forderungen der AEG nicht so unumstößlich sind. Als ivir seiner 
Zeit das Projekt zuerst zur Prüfung bekamen, sollte die Hoch 
bahn ansangen von der Jnvalidenstraße. Das hat sich bei dieser 
Vorlage schon verbessert, denn sie fängt im Norden an von der 
Lortzingstraße. Ich meine also, die AEG Ivird, wenn die Versamm 
lung heute nach dem Antrage des Ausschusses beschließt, ihr ge 
schäftliches Interesse sehr wohl kalkulieren und sich fragen: wie 
kannst du in dieser Beziehung der Stadt Berlin etwas entgegenkom 
men? Wird aber der Ausschußantrag nicht angenommen, so sieht sie 
sich gar nicht veranlaßt, Konzessionen zu machen. Nur dadurch, 
daß sie durch diesen Beschluß direkt dazu aufgefordert wird, wird 
sie geneigt werden, mit sich reden zu lassen, wie jeder Geschäfts 
mann mit sich reden läßt. 
Als Schwierigkeit ist noch hervorgehoben worden, daß das Publi 
kum bei der Untergrundbahn am Gesundbrunnen so tief hinunter 
gehen muß. Im Ausschuß wurde gesagt, es sind 14 m Tiefe, in 
Wirklichkeit 11,»4 m bis zum Bahnsteig des dort anzulegenden 
Bahnhofs. Ich verstehe aber nicht, warum man den Bahnhof unter 
den Einschnitt legen soll. Der Bahnhof ist. ja schwierig zu bauen, 
er muß in drei Tunnelstollen durchgelegt werden, je einer für das 
Geleise, einer für den Bahnsteig, selbstverständlich verbunden durch 
große Oeffnungen in den Tunnelwänden. Man hat das nicht nötig, 
wenn man nur den Tunnel durchtreibt und den Bahnhof so anlegt, 
wie er für das Publikum am vorteilhaftesten liegt, nämlich an der 
Ramlerstraße. Die Ramlerstraße liegt 205 m weit von der Treppe, 
die nach der Ringbahn hinunter geht, es können auch 210 in sein. 
Das spielt keine Rolle, denn die AEG hat in ihrem Projekt Ent 
fernungen zwischen Stationen bis zu 1387 m, z. B. die Entfernung 
des Bahnhofs in der Königstraße an der Neuen Friedrichstraße bis 
zum Bahnhof Neanderstraße. Ta ivird also dem Publikum zuge 
mutet, wenn einer in der Mitte wohnt, die Hälfte zu gehen, also 
fast 700 m, und hier sollen 210 m zu lang sein. Man braucht 
aber die Schwierigkeiten nicht zu vermehren, indem man den Unter 
grundbahnhof direkt unter den Einschnitt legt. Die Hauptsache ist, 
daß für das Publikum der Zugang zum Bahnhof leichter hergestellt 
wird, und dazu wird es zweckmäßig sein, den Bahnhof in der'Ram 
lerstraße anzulegen. Man könnte ja auch beim Bahnhof in der 
Ramlerstraße einen Umsteigetunnel machen, wie er für die Nord- 
Südbahn geplant ist nach dem Bahnhof Dorotheenstraße der Moa 
biter Linie. Vielleicht wird dieser Tunnel noch länger, wenn es 
wahr sein sollte, daß diese Linie noch ein Stück weiter nach den 
Linden gerückt werden soll. 
Unsre Bauverwaltung hat die Gesamtkosten, die die AEG mit 
90,3 Millionen angegeben hatte, mit 83 y 3 Millionen berechnet. Viele 
sind der Meinung, mit der Summe von 84 Millionen kann die ganze 
Strecke als Hoch- und Untergrundbahn gebaut werden, wobei der 
AEG noch ein sehr respektabler Verdienst zustießt. Vergessen Sie 
nicht, die Gesellschaft bekommt eine Konzession von 90 Jahren, und 
90 Jahre liefert sie alle Artikel, die von ihr auf elektrischem Gebiet 
für diese Bahn erzeugt werden. Das sind gewaltige Summen in 
90 Jahren. In diesen 90 Jahren wird sie ihr Kapital mehrfach 
amortisiert haben. Ich nehme nicht au, daß das, wie bei der Großen 
Straßenbahn, mit dem Zwölffachen berechnet ist, aber das Fünf- 
bis Sechsfache wird in den 90 Jahren herauskommen. 
Nun bringt die AEG uns ein etlvas verändertes Hochbahnpro 
jekt mit nur einer Stütze in der Mitte. Ich glaube nicht, daß dieses 
Projekt billiger wird als das mit zwei Stützen, denn mau muß das 
Bieguugsmoment viel mehr berücksichtigen. Die Hochbahn aber in 
der Badstraße und im Süden, Kottbuser Damm, ist noch unglücklicher 
angebracht als in der Schönhauser Allee und in der Gitschiner Straße, 
weil sie hier auf dem Fahrdamm steht, während sie in der Schön 
hauser Allee aus der Promenade geplant ist. Wer den Wagenver 
kehr in den betreffenden Stadtteilen kennt, der muß sagen, daß man 
alles vermeiden muß, was ihn einengen kann. Es wird nicht lange 
dauern, dann müssen wir den Bürgersteig zugunsten des Dammes 
verschmälern. 
Hiermit schließe ich mein Referat und bitte Sie, den Antrag des 
Ausschusses anzunehmen: 
Die Versammlung erklärt sich einverstanden mit dem Abschlüsse 
eines Vertrages mit der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft in 
Berlin aus der allgemeinen Grundlage des der Magistratsvorlage 
vom 24. Februar 1911 (Drucksache 255) beigefügten Vertragsent 
wurfes, weitn an Stelle der Hochbahn die Süd- und Nordstrecke 
zwischen Oranienplatz und Rixdorf beziehungsweise zwischen Rüge« 
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