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Periodical volume

Full text: Zeitung für das Aktive Zentrum Lichtenrade Bahnhofstraße Issue 2016,3

ZEITUNG FÜR DAS AKTIVE ZENTRUM LICHTENRADE BAHNHOFSTRASSE

MAI 2016 / AUSGABE 3

Ausgabe:
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2 Editorial

MAI 2016 / AUSGABE 3

Liebe Lichtenraderinnen und Lichtenrader,
wir freuen uns, Ihnen hiermit die dritte Ausgabe der Stadtteilzeitung
für das AZ-Gebiet Lichtenrade Bahnhofstraße vorzustellen. Sie heißt
in der Logik der Reihenfolge 00:00:02 – obwohl es, die Sonderausgabe
aus dem April mitgerechnet, eigentlich die vierte Ausgabe ist. Gestartet sind wir im Januar 2016 mit 00:00:00.
Nun, Sie merken es selbst: Der Name der Zeitung ist erklärungsbedürftig. Deshalb haben wir gemeinsam mit Ihnen und dem Gebietsgremium für das AZ-Gebiet Bahnhofstraße nach einem neuen Namen
gesucht. Ab der kommenden Ausgabe wird diese Zeitung so heißen,
wie das Gebiet, das sie thematisiert: Bahnhofstraße. Und um den Anspruch uneingeschränkter thematischer Breite zu verdeutlichen, gibt
es den Zusatz „A – Z“, der nebenbei auch das Förderprogramm benennt, mit dem die lokale Entwicklung forciert werden soll: AZ, Aktives Zentrum. Mit dem neuen Namen wird diese Zeitung dann auch
ein neues Layout bekommen, das sich aus dem am 2. Juni vorgestellten Marketingkonzept herleitet.
Zu den Inhalten dieser Ausgabe: Lichtenrade für die jungen Bewohner
attraktiver zu machen, ist erklärtes Ziel des AZ-Programms. Deshalb
stand der Tag der Städtebauförderung 2016 in Lichtenrade auch ganz
im Zeichen der Jugend. Unser Reporter war dabei, als sich Bezirksstadträtin Dr. Klotz am 21. Mai gemeinsam mit Lichtenrader Schülern
auf eine jugendliche Eroberungstour durch den Kiez machte.
Wer Zigarrenrauch hört, hat möglicherweise sofort einen penetranten Großvater-Geruch in der Nase, dem nur mit Extrembelüftung und
Raumspray beizukommen ist. Bei unserem Besuch in Minows Tabaksdepot lernten wir, dass dies bei den besseren Zigarren von heute der
Vergangenheit angehört. René Minow erzählte sogar, dass Kunden
nachfragten, warum der Zigarrenrauch so gut röche. Mehr aus der
Welt des Tabaks lesen Sie in unserem Porträt auf den Seiten 10 und
11. Und die Lichtenrader Vergangenheit um das Ende des Zweiten
Weltkrieges ruft eine Zeitzeugin auf Seiten 8 und 9 in Erinnerung.
Ist Ihnen neuerdings auch ständig so heiß? Dies könnte an der Jahreszeit liegen, denn der Sommer 2016 beginnt und mit ihm die Bade­
saison. Damit Ihre Trips ans und ins kühle Nass etwas Abwechslung
bekommen, haben wir auf den Seiten 6 und 7 die besten Bademöglichkeiten rings um Lichtenrade für Sie gesammelt.
Viel Spaß beim Lesen – möglicherweise am Badesee – wünscht Ihnen
Ihre Redaktion

Bilderrätsel
Mit diesem kleinen Bilderrätsel erforschen wir Lichtenrade
mit Blick aufs Detail. Sagen Sie uns, wo wir diesen Balkon
fotografiert haben. Oder geben Sie uns einen Tipp für das
nächste Suchbild.
Schreiben Sie an: redaktion@az-lichtenrade.de
Gebietsfondsjury wählt Projekte für die Geschäftsstraße aus
Am 30.03. wählte eine Jury aus lokalen Akteuren in der
ersten Runde fünf Projekte aus, die der Geschäftsstraße
zugute kommen. Gefördert werden die Solar-Beleuchtung
des gemeinsamen Schaukastens der Evangelischen Kirchengemeinde und der evangelischen Sal­­em-Gemeinde sowie ein
Informationskasten des VfL Lichtenrade 1894 e.V. Beide
Schaukästen sollen auch auf die Aktivitäten im Aktiven Zentrum hinweisen. Darüber hinaus werden die Erneuerung einer Markise, das „Frühstück auf der Bahnhofstraße“ am
04.06. sowie die künstlerische Gestaltung zweier Blumenkübel unterstützt. Mit dem Gebietsfonds können bis zu 50 %
der Projektkosten gefördert werden. Die nächste Einreichungsfrist endet am 30.09. Weitere Informationen unter:
http://www.az-lichtenrade.de/gebietsfonds/
Wichtige Termine
02.06.2016 Sondersitzung des Gebietsgremiums zum
Marketingkonzept für das AZ Lichtenrade Bahnhofstraße
19:00 Uhr, Vor-Ort-Büro, Prinzessinnenstraße 31
04.06.2016 Frühstück auf der Bahnhofstraße
10:00 bis 13:00 Uhr, zw. Rehagener und Mellener Straße
09.06.2016 Gemeinsames Treffen der Gewerbetreibenden
19:00 bis 21:00 Uhr, Vor-Ort-Büro, Prinzessinnenstraße 31
09.06.2016 Start der Spendenaktion „Wir für Lichtenrade“
28.06.2016 Sitzung des Gebietsgremiums
19:00 Uhr, Vor-Ort-Büro, Prinzessinnenstraße 31

Aktuelle und weiterführende Informationen zum AZ-Gebiet
finden Sie unter: www.az-lichtenrade.de

Alle Termine finden Sie auch unter www.az-lichtenrade.de

Vermischtes 3

MAI 2016 / AUSGABE 3

Betreff: 00:00:01
Liebe Redaktion, die 2. Ausgabe ist Ihnen wirklich gut gelungen.
Besonders interessant fand ich die Kindheitserinnerungen von
Frau Quast und die Eindrücke von Herrn Schürmann aus Charlottenburg. Er hat wirklich einen guten Blick und absolut Recht mit seinen
Einschätzungen. [ … ] Mein Mann und ich sind vor knapp vier Jahren
aus Kreuzberg nach Lichtenrade gezogen. [ … ] Bislang gefällt uns,
in welche Maßnahmen der Bezirk Geld steckt, wir konnten davon
auch schon direkt profitieren. Letztes Jahr wurden ja die Straßenbäume aufgeforstet, auch vor unserem Haus steht nun ein kleiner
Baum und beschattet hoffentlich in einigen Jahren unseren Süd-Vorgarten. Und unsere Tochter liebt den neuen Obstspielplatz hinter
Woolworth.
Gespannt bin ich schon auf das integrierte Verkehrsentwicklungskonzept für die Bahnhofstraße. Fahrradspuren wären super, Tempo
30 und eine bessere Parkplatzsituation. [ … ] Etwas enttäuscht war
ich von dem Beispiel mit den Markisen. Ich hatte eigentlich etwas
größere Hoffnungen in das AZ-Projekt gesetzt. Zum Beispiel wäre
eine kleine Markthalle statt dieser schmuddeligen Ladenzeile gegenüber der Bahnhofsapotheke (ich meine das Äußere, nicht die Geschäfte) ein absoluter Anziehungspunkt und eine wirkliche Aufwertung. Und für den leeren Gasthof am Bahnhof muss sich doch auch
irgendein Nutzungskonzept finden, vielleicht könnte ja die Bibliothek
oder die Musikschule dahin umziehen? Aus dem Grundstück könnte
ein schöner Park werden.
Beste Grüße Eva Wolf
Sie wollen uns etwas mitteilen? Schreiben Sie an redaktion@az-lichtenrade.de

Lichtenrader Augenblick
Tempelhofer Damm, Mariendorfer Damm, Lichtenrader Damm, so
geht die Strecke. Der Mann radelt aus Berlins Mitte Richtung Süden; er
muss nach Lichtenrade und definiert den Weg als Fahrradtour. Doch
die Maisonne brennt, die Glieder werden müde und die Strecke zieht
sich. Endlich da! Bis zu seiner Verabredung ist noch Zeit und so beschließt er, am Lichtenrader Dorfteich Station zu machen. Auf einer
Bank die Beine lang machen, ein Blick in die Zeitung, verschnaufen,
vielleicht einen Schluck trinken. Doch an diesem sonnigen Morgen
sind alle Bänke besetzt. Resigniert schiebt der Radler sein Gefährt um
den Teich auf der Suche nach einem Platz. Auf der letzten Bank sitzen
zwei Alte. „Ist hier noch ein Platz für mich?“, fragt er endlich. „Wo
kommst du her?“, wollen die beiden wissen und rücken zur Seite. „Aus
Mitte, aber nicht mit der S-Bahn.“ „Na, das sehen wir!“, lachen die
Männer und bieten dem Radler einen Kaffee aus ihrer Thermoskanne
an. „Herzlich willkommen in Lichtenrade.“ Mit halb geschlossenen Augen schlürft der Radfahrer den Kaffee, den besten seit langem.
jh

Förderglossar
Hier die Fortsetzung des Förderglossars aus
unserer Märzausgabe. Verstehen Sie auch
manchmal nur Bahnhof, wenn Behörden mit
Ihnen sprechen? Wir versuchen, Begriffe aus der
„Beamtensprache“ im Förderkontext leicht verständlich zu erklären. Die Serie wird fortgesetzt.

Heute: das Vor-Ort-Büro
Die regelmäßige Vor-Ort-Präsenz ist zentrale Voraussetzung für die Arbeit der Prozesssteuerung
und des Geschäftsstraßenmanagements in allen
AZ-Gebieten.
Deswegen werden Vor-Ort-Büros als Anlaufstelle
für alle Interessenten am AZ-Programm eingerichtet. Diese Büros sind Orte für Information,
Beratung, Begegnung und Partizipation. In Lichtenrade soll das Vor-Ort-Büro auch vom Gebietsgremium und den Arbeitsgruppen des Gremiums
genutzt werden.

Das Vor-Ort-Büro in der Prinzessinnenstraße 31
in Lichtenrade hatte am 21.05. im Rahmen des
Tags der Städtebauförderung bereits ein „PreOpening“. Danach musste es wieder schließen,
damit Umbau- und Renovierungsarbeiten weitergehen können. Am 02.06. soll das Büro dann
endgültig seine Pforten öffnen. Natürlich wird es
noch eine offizielle Eröffnung geben. Der Termin
steht noch nicht fest, wird aber in Kürze bekannt
gegeben, ebenso die Sprechzeiten im Vor-OrtBüro.

Text: Johannes Hayner, Illustrationen: Søren Tang Bertelsen

E-Mails an die Redaktion

4 Reportage

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Junge S che bewerten Orte bei der Spielleitplanung
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Kinder und Jug

Samstag, der 21. Mai 2016 war bundesweit
„Tag der Städtebauförderung“. In Berlin
hieß das Motto „berlinbaut – lebendige
Quartiere“. Da war die Idee gut, in die Zukunft zu schauen und Kinder und Jugendliche zu befragen, was sie an ihrem Wohnumfeld gut oder schlecht finden und welche
Vorschläge sie zur Verbesserung haben. Das
Team vom AZ Bahnhofstraße, das Büro die
raumplaner, hatte zu einer Aktion Kinder
aus der Käthe-Kollwitz-Grundschule und
junge Akteure aus dem Kinder- und Jugendparlament geladen, die in drei Gruppen die
Bahnhofstraße und Umgebung erkunden
und ihre Meinung zu einzelnen Orten diskutieren sollten. Diese Rundgänge folgen der
stadtplanerischen Methode „Spielleitplanung“, um authentische Blicke und Sichtweisen von Jugendlichen und Kindern auf das
städtische Gebiet zu erhalten.
Bezirksstadträtin Dr. Sibyll Klotz stellte in ihrer Begrüßungsansprache fest, dass Bürgerbeteiligung meist von älteren Menschen
wahrgenommen wird, während junge Leute
für solche basisdemokratischen Aktivitäten

Jugendlichen gehen eigene Wege und suchen
Orte nach ihrer Wahl auf, deren Qualität sie
vor Ort diskutieren sollen. Jede Gruppe
nimmt rote und grüne Luftballons mit, um
die besichtigten Orte mit dem Urteil „doof“
oder „toll“ zu markieren – mit diesen Begriffen waren auch rote und grüne Karten beschriften, die zugleich „Daumen runter“
oder „Daumen rauf“ zeigten. Mit einer Kamera ausgerüstet, wurden dann die Orte
laufend dokumentiert. Später am Ende der
Aktion sollten die Fotos auf ein Plakat in eine
Straßenkarte geklebt werden. Nach den Erläuterungen und einer kurzen Gruppenfindung ging die Expedition los.
Eine Kindergruppe mit Tobias, Björn, Jakob,
Maxi und Eli wurde von Stadträtin Dr. Sibyll
Klotz und Sabine Slapa vom Büro die raumplaner begleitet. Schon nach hundert Metern
gegenüber dem S-Bahnhof Lichtenrade fiel
ein Zugang ins Grüne auf, bei näherem Hinsehen etwas Park mit Wiese, aber sehr geschlossen, verborgen und dunkel, mit einem
besprayten Straßenmüll­
eimer und einer
Bank. Jakobs fordert spontan: „Hier muss

Die Methode der Spielleitplanung wurde in Berlin bislang in Weißensee
und Lichtenberg erprobt und hat alle Beteiligten überzeugt.
weniger Zeit hätten. Es sei aber wichtig,
auch die Jungen zu hören, denn besonders
Kinder und Jugendliche bewegen sich viel im
öffentlichen Raum bei ihren Wegen zur
Schule und bei Spiel und Freizeit auf den
Plätzen und sind somit Experten für den
Stadtraum.
Das Vor-Ort-Büro des Aktiven Zentrums
Lichtenrade-Bahnhofstraße in der Prinzessinnenstraße ist eigentlich noch eine Baustelle, doch es wurde geschickt improvisiert,
um den Andrang von Besuchern am Sonnabend zu verkraften. Jan Abt vom AZ-Team
erläuterte kurz die Regeln für die Spielleitplanung. Die Gruppen mit den Kindern und

der Rasen gemäht und ein Loch in die Baumkronen geschnitten werden, damit es heller
wird.“ Wir gehen weiter, überqueren die
Straße und betreten den Warteraum an der
S-Bahnstation, der mit parkenden Rädern
vollgestellt ist. Auch hier wird ein roter Luftballon angebracht, denn die Kinder finden es
eng, einige Fensterscheiben sind kaputt, es
liegt viel Müll herum und „es ist ganz schön
alt hier“. Kurz danach stehen wir vor einem
Zaun, der den Zugang zu einem verlassenen
Restaurant versperrt. Daneben steht eine
hohe Wiese, die bis zu einem Mietshaus
reicht. Der Ort findet keine Gnade in den Augen der Kinder: „Alles ist so verwachsen,
dunkel und kaputt.“ Eli bedauert die Bewoh-

ner, denn „Wer da unten einen Balkon hat,
guckt in die Wildnis.“ Daumen runter, ein
roter Ballon an den Zaun geknüpft.
Aber dann ein erster Lichtblick. Die Gruppe
steht vor dem Bürgerzentrum Christophorus
mit der Edith-Stein-Bibliothek, die ein Lieblingsort der Kinder ist. Hier ist eindeutig grün
angesagt und deshalb Daumen hoch! Aber
schon wieder kurz darauf ganz großer Frust:
Die Kinder wollen sich einen kleinen Spielplatz am Parkplatz des Bürgerbüros ansehen. Doch das Tor ist verschlossen, am Wochenende ist hier alles zu. „Also ein
geschlossener Spielplatz ist doch wohl einen
roten Luftballon wert“, urteilt die Stadträtin
sofort eindeutig und Jakob erläutert dazu:
„Wenn der Spielplatz zu ist, ist das nicht gut.
Denn es könnte ja jemand mit seiner Familie
extra herkommen und dann?“
Danach kommt eine komplizierte Verkehrslage: An der Ecke Mozartstraße, Wolziger Zeile und Lortzingstraße kreuzen sich
drei Straßen und in der Mitte steht eine Art
Verkehrsinsel, die wild mit Gras überwuchert
ist. Ziemlich unübersichtlich ist es, wenn von
allen Seiten Autos, Fahrräder und Fußgänger
aufeinandertreffen. Und besonders für Kinder ist es nicht einfach, die Situation zu
überblicken. Weiter geht es zum Rehagener
Platz. Schön grün ist es hier und die Wasserpumpe funktioniert sogar. Leider stinkt es
auch. Eigentlich ein Platz, aus dem was werden könnte, finden die Kinder. Nun geht es
endlich zum absoluten Lieblingsort in der
Rehagener
Straße,
der
Käthe-Kollwitz-Grundschule der Kinder. Für erwachsene Augen nur ein flaches Mehrzweckgebäude, das gegenüber dem altehrwürdigen
Ulrich-von-Hutten-Gymnasium nicht viel her
macht, aber hier schlägt nun einmal das Kinderherz höher und an den Schulzaun kommt
ein grüner Luftballon. Danach wird noch auf
der Bahnhofstraße der kleine Platz inspiziert, auf dem im Dezember immer der Weih-

Reportage 5

MAI 2016 / AUSGABE 3

nachtsbaum steht. Der Sockel hat schon mal
Blumen gesehen, ist aber jetzt nur mit trockener Erde gefüllt. Immerhin lädt er die Kinder zum Klettern ein.
Allmählich ging diese Exkursion ihrem Ende
zu. Dem Lieblingsbäcker wurde noch ein grüner Ballon spendiert, dann ging es nach einem Eistee zum Café Obergfell und dem dahinter liegenden Wasserspiel, leider ohne
Wasser. (roter Luftballon) Zurück entlang
der Bahnhofstraße geht es ins Vor-Ort-Büro,
wo noch mal richtig bei belegten Brötchen
und Kuchen zugelangt werden konnte. Zum
Abschluss dann die Auswertung: Die besten
Fotos wurden ausgedruckt und die drei
Gruppen setzten sich an Tische, um mit
Schere und Kleber Poster zu gestalten, auf
denen die Straßenpläne mit den bewerteten
Orten gekennzeichnet wurden. Wie auf der
Homepage www.az-lichtenrade.de nachzulesen ist, gehen die Ergebnisse der Spielleitplanung in die Konzeptionen und Maßnahmenplanungen des Aktiven Zentrums
Lichtenrade Bahnhofstraße ein.

Bezirksstadträtin Dr. Sibyll Klotz verteilte Luftballons. Die roten
und grünen Ballons nahmen die Kids mit, um die besichtigten
Orte mit dem Urteil „doof“ oder „toll“ zu markieren. Mit einer
Kamera ausgerüstet, wurden dann die Orte laufend dokumentiert. Später, am Ende der Aktion, wurden die Fotos auf eine
Straßenkarte geklebt.

Jens-Peter Eismann, Gesamtkoordinator für
das AZ-Gebiet Lichtenrade aus dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, zog ein positives Resümee über die Aktion: „Aus dem
Blickwinkel von Kindern und Jugendlichen
kommen immer wieder verblüffende Einsichten, was sich in der Stadt verändern sollte.
Das sind Erfahrungen, die Erwachsene gar
nicht machen. Die Jungen zeigen dabei große Sachkenntnisse und realistische Einschätzungen, so auch über die Kosten für
Veränderungsvorschläge. Die Methode der
Spielleitplanung wurde in Berlin bislang in
Weißensee und Lichtenberg erprobt und hat
alle Beteiligten überzeugt. Der heutige Start
in Lichtenrade war super und wir werden
noch weitere Streifzüge durchführen.“

Text und Fotos: Ewald Schürmann

„Ihr seid heute die Hauptpersonen!“ hatte
Stadträtin Klotz die jungen Lichtenrader am
Anfang der Erkundungsgänge begrüßt. Und
die Kinder und Jugendlichen hatten ihre
Chance genutzt, um den Stadtplanern, Projektverantwortlichen aus dem Bezirksamt,
Politikern, den Bürgern aus dem Gebietsgremium und auch einigen Eltern ihre Sicht auf
die Verhältnisse an guten und schlechten
Orten klar zu machen und Vorschläge für
Verbesserungen zu nennen.

6 Endlich baden!

MAI 2016 / AUSGABE 3

Seen-und-Freibad-Kompass – Lichtenrade
Gerade hat eine EU-Studie zur Wasserqualität fast allen deutschen Gewässern
exzellente Sauberkeit bescheinigt. Ein Grund mehr also, den Sprung ins kühle
Nass zu wagen! Wohin der Lichtenrader Bader seine Taucherbrille richtet, das ist
Geschmacksache. Um Ihnen die Auswahl zu erleichtern, haben wir für Sie einige
Bademöglichkeiten in der Nachbarschaft zusammengestellt.
Vamos a la playa, Lichtenrade!

SOMMERBAD MARIENDORF (FREIBAD)

RANGSDORFER SEE

Rixdorfer Str. 130
13109 Berlin
T 030 70 13 27 66

bei Rangsdorf
Entfernung: ca. 14 km
50 min

Entfernung: ca. 6 km

1 h

21 min
20 min

30 min (Bus M76, Bus 277)
15 min

Beschreibung:
•	Parkplatz
Gastronomie
•	Abfallentsorgung
•	Wassersport
•	Liegewiese
•	Spielplatz
Sandstrand

Öffnungszeiten:
täglich 10:00 – 19:00 Uhr
Preise:
• Haupttarif 5,50 € (ermäßigt 3,50 €)
• Kurzzeittarif 3,50 € (Mo – Fr. außer an
	 Feiertagen), 1,5 Stunden vor Schließung
	 des Bades
• Familienkarte 11,50 € (bis 2 Erwachsene 	
	 und 5 Kinder)
• Kinder unter 5 Jahren haben freien Eintritt
Beschreibung:
• 50 m-Becken
• Sprungbecken
Nichtschwimmerbereich mit
		 Wasserpilz und Rutsche
• Planschbecken
• Liegewiese
• Kinderspielplatz
• Buddelkasten
• Tischtennisplatten
• Fußballtore
Volleyballnetz
• Imbiss
• Restaurant

RESTAURANT UND FREIBAD MAHLOWER SEE

STRANDBAD MÜGGELSEE

Teltower Str. 31
15831 Mahlow
T 033 79 37 02 79

Fürstenwalder Damm 838
12589 Berlin
T 030 648 77 77

Entfernung: ca. 5 km

Entfernung: ca. 21 km
1 h 15 min

15 min
20 min
10 min

1 h 15 min
35 min

Öffnungszeiten:
täglich 08:30 – 21:30 Uhr

Öffnungszeiten:
täglich von 09:00 Uhr bis Sonnenuntergang

Beschreibung:
Der Mahlower See ist die Badewanne der
Lichtenrader. Kein Gewässer ist näher, das
Wasser zumeist klar und sauber. Wer will,
kann auf dem Campingplatz auch über
Nacht bleiben.
Außerdem gibt es hier auch eine Pension
und ein Restaurant.

Beschreibung:
Berlins größter See wird von der Spree
durchflossen – entsprechend frisch ist sein
Wasser. Die unter Denkmalschutz stehenden Gebäude des Strandbads werden derzeit saniert, das Bad ist geöffnet.
 Das
weitläufige Areal umfasst einen Natursandstrandbereich sowie einen Wiesenbereich.

Endlich baden! 7

MAI 2016 / AUSGABE 3

STRANDBAD GRÜNAU

DER MACHNOWER SEE

Sportpromenade 9
12527 Berlin
Tel 030 25 09 06 83

15834 Rangsdorf
Entfernung: ca. 20 km
50 min

Entfernung: ca. 20 km

1 h

1 h
25 min

1 h
30 min

Beschreibung:
Der nächste größere Ort, von dem aus
man den See besuchen kann, ist Rangs­dorf. Ganz in der Nähe liegen darüber
hinaus noch die Seen Krumme Lanke
(ca. 3 km) und Pfählingssee (ca. 4 km),
auch mit schönen Badestellen.

Öffnungszeiten:
täglich 10:00 – 18:00 Uhr
In den Ferien: Sonntags bis 19:00 Uhr
Preise:
8,00 € Erwachsene
5,00 € Kinder 2 – 16 Jahre

STRANDBAD WANNSEE
Wannseebadweg 25
14129 Berlin
Tel 030 22 19 00 11
Entfernung: ca. 25 km
1 h
1 h 15 min
30 min
Öffnungszeiten:
täglich von 10:00 – 18:00 Uhr
01.05.2016 – 15.06.2016
täglich 10:00 – bis 19:00
Kassenschluss: 1h vor Betriebsende
Badeschluss: 30 min vor Betriebsende
Pack die Badehose ein!

TONSEE (MITTENWALDE)
15741 Pätz
Preise:
• 5,50 € Haupttarif Erwachsene
• 3,50 € Haupttarif ermäßigt
• 3,50 € Kurzzeittarif (Mo – Fr 1,5 Stunden 	
	 vor Schließung)
• 11,50 € Familienkarte (bis 2 Erwachsene 	
	 und 5 Kinder)
• Kinder unter 5 Jahren haben freien Eintritt!
Beschreibung:
•	1 km langer Sandstrand
•	Strandkörbe
•	Rutschenanlage im Tiefwasser
•	FKK-Bereich
•	Spiel und Sport
•	Kinderspielplatz, Beachvolleyball
•	Fußball
	Bootsverleih
•	Restaurant
•	behindertengerechte WCs/Duschen
	betonierter Weg führt zu 5 für
		 Behinderte reservierten Strandkörbe
		 und direkt ans Wasser
•	5 ausgewiesene Behinderten-Parkplätze
•	Aufgrund der Größe und der Lage des
	 Bades müssen Sie lange Wege mit
	 Gefälle bzw. auf dem Rückweg mit
	 Steigung einplanen.

Entfernung: ca. 22 km
1 h
1 h 30 min
22 min

Beschreibung:
weißer Sandstrand
•	Liegewiese
•	Steg
Nichtschwimmerbereich
•	gute Wasserqualität

Text: Luzie Kubischik, Martha Henkel, Johannes Hayner, Illustrationen: Søren Tang Bertelsen, Fotos: pixabay

Beschreibung:
•	ältestes Familienbad Berlins
barrierefreier Strandzugang und
		Wasserzugang
eine FKK-Wiese
•	Beachvolleyballfeld
•	Strandkörbe und Strandliegen
	 gegen Gebühr
•	Strandimbiss
•	Strandbar
•	Strandcafé

8 Lira 49 *

MAI 2016 / AUSGABE 3

* LIRA 49 ist die Rubrik zur Geschichte Lichtenrades

Der Blick zurück

stand nicht auf der Liste
Erinnerungen einer Lichtenraderin an die Zeit um 1945

Ich bin Jahrgang 1932. Lichtenrade hatte
früher einige Attraktionen, nicht nur für
Lichtenrader. Da kamen auch die Menschen
aus der Berliner Innenstadt. Zum Beispiel der
Dorfteich in Alt-Lichtenrade. Mit Vater, Mutter oder Schulkameraden bin ich dorthin gegangen, das war ein Ziel! Da hat man sich
getroffen. Alle Lichtenrader haben früher
dort Schlittschuh laufen gelernt. Im Winter
fuhr immer eine Frau im Trainingsanzug und
mit Schlittschuhen über die Eisfläche. Sie
hatte eine Kasse vorm Bauch und kassierte
von jedem einen Groschen für das Schneeräumen auf der Eisfläche. Das Eis war meistens schwarz vor Menschen. Da war richtig
was los.
Auch in der warmen Jahreszeit ist bei schönem Wetter ganz Lichtenrade zum Dorfteich
gepilgert. Dort waren früher auch Blumenrabatten und gepflegte Anlagen – in meinen
Augen schöner als heute. Inzwischen ist der
Teich ja fast zugewuchert. Öffentliche Spielplätze in Lichtenrade gab es Ecke Grenzweg
und Ecke Blohmstraße, wo heute die Busse
wenden. Aber im eigentlichen Sinne gespielt
haben wir wenig. Wir hatten Rollschuhe, wir
hatten Tretroller, später ein Fahrrad – das
war dann mehr Bewegung oder Sport als
Spiel.
Wir waren eine nette Clique aus Jungen und
Mädchen. In der Lortzingstraße haben die
Amerikaner nach Kriegsende einen Jugendclub eingerichtet. Dort haben wir gebastelt,
später auch getanzt. Aber alles vollkommen
anständig. Das heute verfallene Tanzlokal
direkt am Bahnhof hieß „Haus Buhr“. Es war
ein beliebtes Ausflugslokal, schon in den
20ern. Die Amerikaner sind nach dem Krieg
gern hierher gekommen, zunächst war es ihr
eigenes Lokal und viele Mädchen sind dort
zum Tanzen hingegangen. Als die Amis das

Lokal für alle freigaben, bin ich dort zu meinem ersten Maskenball gegangen. Aus ganz
Berlin kamen die Gäste zum Beispiel zum
Pfingstkonzert, mit Tanzfläche und allem.
Hier gab es noch mehrere solche Treffpunkte
und Ausflugscafés. Die sind leider alle weg.
Diese Gartenrestaurants und Tanzlokale,
aber auch der Dorfteich, das waren echte
Ziele mit Niveau.
Abends sind wir spazieren oder tanzen gegangen, Fernseher gab es ja nicht. Der Vater
eines Jungen aus unserer Clique war Steinmetz, der hatte so einen „Tempo“. Das war
ein Gefährt mit vorne einem Rad und hinten
zweien, darüber eine Ladefläche. Auf diesem
Autochen ist die ganze Clique zum Baden
nach Wannsee gefahren. Alles harmlos, lieb
und nett.
Schwimmen gelernt haben wir aber im
Mahlower See. Der Betreiber des Seebades,
Herr Grasnick, hatte übrigens im Krieg einen
jungen Russen bei sich versteckt, der war
manchmal sogar beim Schwimmunterricht
dabei. Nach dem Krieg habe ich diesen Russen in der Kommandantur wiedergetroffen.
Da stellte sich heraus, dass er ein russischer
Jude war. Der Grasnick hat ihn gedeckt über
Jahre und dabei Lagerhaft und mehr riskiert.
Eigentlich müsste der eine Ehrentafel bekommen für seine Zivilcourage. Den russischen Juden habe ich das letzte Mal gesehen,
als er im Motorradbeiwagen eines sowjetischen Offiziers an mir vorbeigefahren ist.
Wir haben uns noch freundlich zugewunken.
Ich wüsste zu gern, was aus ihm geworden
ist …
Ich habe die Zeit bis 1955 trotz aller Entbehrungen als eine schöne Zeit in Erinnerung.
Das erste Fahrrad habe ich mir 1950 gekauft,
dann sind wir mit ein paar Jungen in meinem
Alter nach Wannsee geradelt. Das war was.

Gut, der Verkehr war damals anders. Aber
wenn ich heute mal nach Potsdam fahre,
nehme ich immer noch unsere Rennstrecke
von damals, Hildburghauser hoch und am
Museumsdorf Dahlem vorbei.
Der Schulunterricht fing kurz nach dem
Kriegsende wieder an. In den ersten Wochen
hatten wir sogar Russisch, ich kenne noch
die russischen Begriffe für Vater und Tischler. Nach knapp zwei Monaten kamen die
Amerikaner, seitdem ist mein Russisch nicht
mehr besser geworden. Die Schule ging vielleicht bis um eins, Hort oder Nachmittagsbetreuung gab es nicht. Das musste man selbst
organisieren, zumeist waren die Mütter zuhause. Mein Vater kam im Herbst 1945 aus
der Kriegsgefangenschaft und auch die Väter aus meinem Freundeskreis kamen eigentlich ziemlich schnell zurück. Meine Kinderfreundschaften hatten alle einen Vater,
soweit ich mich erinnere.
Der Vater einer Freundin teilte für die Russen
nach dem Krieg die Lichtenrader Frauen zur
Schienendemontage ein. Im Rahmen der Reparation wurde ja viel Infrastruktur nach
Russland verschickt. Jedenfalls wies mal eine
Mutter diese Freundin wegen einer kleinen
Sache zurecht. Darauf sagte die zur ihr: „Das
sage ich meinem Vater, da müssen Sie morgen zum Schienen abbauen.“ Im Krieg war
der Vater Luftschutzwart, nach 1945 dann
Arbeitsorganisator für die sowjetische Kommandantur. Ich frage mich heute noch, wie
er das geschafft hat.
Die Amerikaner haben den Schulkindern jeden Tag eine kleine Tafel Schokolade und ein
Stück Cheddar-Käse spendiert. Die Berliner
Stadtregierung hat zusätzlich für ein warmes Mittagessen gesorgt. So hatten wenigstens die Kinder täglich eine Mahlzeit.
Unsere Lehrerin hat uns allen Selbstvertrauen gegeben und zu einer natürlichen Neugier
angehalten. Unsere Aufsätze hatten viele
Themen, zum Beispiel „Hitlers Erbe“ und

MAI 2016 / AUSGABE 3

schule wechseln. Die musste allerdings erst
aufgebaut werden, denn es gab bis dahin
nur eine. Vorher war ich im Osten, am Schiffbauerdamm. Viele fuhren nach der Währungsunion auch zum Potsdamer Platz, um
im Osten Brot zu kaufen. Das war dort viel
billiger. Bis 1961 konnten wir ja noch ganz
normal rüber. Von den Rieselfeldern hier direkt hinter der Grenze haben wir 1945 Spinat
geholt. Die Bauern wollten aus Angst nicht

Lichtenrade – Dorfstraße und Kirche um 1915

Noch vor Kriegsende, mit elf, zwölf Jahren
hatten wir Kinder schon so viel Verantwortung, das kann sich heute keiner mehr vorstellen. Wir haben uns um eins beim Gemüsehändler angestellt, wenn er um drei
aufmachte, in der Hoffnung, etwas zu ergattern. Nach dem Krieg haben wir herunterfallende Kohlen von den nach Berlin fahrenden

Mit elf, zwölf Jahren hatten wir Kinder schon so viel Verantwortung,
das kann sich heute keiner mehr vorstellen.
Kohlenzügen gesammelt. Manchmal haben
uns auch Russen was runtergeworfen, wenn
der Zug an der Schranke halten musste.
Das alles war aber noch nichts im Vergleich
zu den Kindern der Zwangsarbeiter, die im
Krieg hier stationiert waren. Im Lichtenrader
Domstift war ein riesiges Lager für Zwangsarbeiter, mit Mauern und Stacheldraht und
allem. Die waren ja oft mit Frauen und Kindern hier. Ich kann mich noch erinnern, dass
die Kinder mit großen Kannen in die Wirtschaft geschickt wurden zum Bier holen.
„Pivo, Pivo!“, haben sie immer gerufen. Die
kleinen Jungs haben außerdem Holzarbeiten
angefertigt, mit denen standen sie dann vor
der Schule und wollten sie gegen Brotmarken eintauschen. Einer hat mal eine Schlange aus lauter Holzstücken gebaut, die wollte
ich so gern haben, aber meine Mutter hat
mir dafür keine Marken gegeben. Neulich
habe ich einen Brief von ihr an meinen Vater
gefunden, darin erzählte sie, dass sie nicht
wüsste, wie sie uns satt bekommen soll – sie
hätte für drei Personen pro Woche nur ein
Brot. Im Nachhinein ist mir klar, warum sie
mir keine Marken gegeben hat.
1948 kam die Teilung Berlins, dann musste
ich plötzlich in eine Westberliner Berufs-

raus. Dann haben wir das zusammen mit einer russischen Rindfleischdose gekocht. Die
Dose kam aus der aufgelösten Reserve in der
alten Mälzerei, die Russen haben die Lebensmittel mit LKWs abtransportiert. Manchmal
fiel eine Dose für uns Kinder ab. Ich habe
vorher nie gern Spinat gegessen – aber dieser erste selbst geerntete Spinat mit dem
Rindfleisch, es war mit das köstlichste Essen
meines Lebens.
Die Russen hatten einen Fahrdienst eingerichtet auf LKW-Ladeflächen vom Dorfteich
bis zum Ullsteinhaus am Kanal. Man brauchte dafür einen Schein. Ich hatte einen Termin
bei einem Augenarzt in Tempelhof, da bekam ich die Bewilligung. Über den Kanal
musste man über so einen Holzsteg tippeln,
eine Brücke war nicht da. Die Russen haben
was organisiert, so bescheiden wie die Bedingungen im zerbombten Berlin auch waren. Das muss man unbedingt anerkennen.
Die Luftbrücke 1948 – das war ein unglaubliches Bild. Hier in Lichtenrade hat man ständig acht Flugzeuge gleichzeitig gesehen.
Wenn eins landete, tauchte das nächste am
Horizont auf. Aber gehungert haben wir damals nicht, das war kein Vergleich zu Kriegszeiten.

Aufgeschrieben von: Johannes Hayner, Abbildung: © Museen Tempelhof-Schöneberg

„Ein Jahr nach Kriegsende“. Die habe ich
heute noch. 1946 haben wir über „Der Nürnberger Prozess und sein Urteil“ geschrieben.
Das war so die politische Seite, die direkte
Vergangenheit haben wir in der Schule intensiv behandelt. Dann kamen natürlich
noch Fantasiethemen hinzu, zum Beispiel
„Wenn Goethe jetzt auf die Welt zurück
käme“ oder „Wenn ich das Jahr 2000 erlebe“. Inhalt war, dass ich zu meinem Geburtstag 2000 am Potsdamer Platz einsteige und
in New York wieder rauskomme. Und dann
bin ich mit dem Flugzeug zu meinem Wochenendstern geflogen. Alles gar nicht so
falsch, wenn ich daran denke, dass es einen
Tunnel zwischen Europa und England gibt
und dass heute Touristen ins All reisen können. Für diese Lehrerin bin ich ewig dankbar.
Die Offenheit, gerade im Umgang mit der
Nazi-Vergangenheit, das war eindeutig Verdienst dieser Frau. Das war alles andere als
üblich. Damals ging es allen ziemlich dreckig, der Blick zurück stand nicht ganz oben
auf der Liste.

Lira 49 9

10 Reportage

MAI 2016 / AUSGABE 3

Zu Besuch bei Minows Tabak Depot

Ungeraucht
kommt hier
nichts in den
Laden

Udo Lindenberg hat’s getan. Gerhard Schröder, Che Guevara, Boris
Becker und Theodor Heuss auch. Winston Churchill und Ludwig Erhard
sowieso – bei ihnen muss man fast sagen, sie hätten es zwischendurch einmal nicht getan: Zigarre rauchen. Alle, die es den genannten
Herren gleich tun, sollten den Namen „Minows Tabakdepot“ kennen.
Denn für den anspruchsvollen Raucher – ob Zigarre, Zigarillo oder
Pfeife – gibt es in Lichtenrade und Umgebung keinen besseren Anlaufpunkt als dieses Geschäft in der Bahnhofstraße 56.
Gesprächstermin mit Inhaber René Minow. Man zieht sich in die gemütliche Lounge im Souterrain zurück und merkt sofort: Hier ist ein
Mann nicht bloß Händler, sondern lebt seine Leidenschaft. Man muss
René Minow nur dabei beobachten, wie genussvoll er sein Zigarillo
entzündet und daran zieht. Aber auch die Ausschmückung des „hoheitlichen Raucherschutzgebietes“, wie Minow die Lounge auf seiner
Website nennt, spricht Bände: Alte Zigarrenkisten, Whisky-Flaschen,
Feuerzeuge, Werbeartikel machen den Ort zu etwas Besonderem. Einzigartig sind vor allem die Zigarren in XXXL-Größe oder in Pfeifenform, die René Minow als Dankeschön von verschiedenen Lieferanten
bekommen hat. Obwohl „rauchbar“, bleiben sie als besondere
Schmuckstücke ausgestellt und komplettieren stolz das Ensemble.
Aber fangen wir mit den Anfängen an. Die Keimzelle von Minows Tabakdepot liegt am Anhalter Bahnhof. Dort gründete der Urgroßvater
von René Minow 1898 den ersten Tabakwarenladen: Cigarren Wächter. Heute noch führen die Nachfahren den „Cigarren Wächter“ im
Untertitel. Aus welchem Anlass heraus der Großvater 1932 beschloss,
einen Dependance in Lichtenrade zu eröffnen, ist unbekannt. Immerhin war es ein Glücksfall, denn nachdem eine sowjetische Fliegerbom-

be die Kreuzberger Hauptfiliale im April 1945 zerstörte, zog Cigarren
Wächter komplett nach Lichtenrade.
Auch Familie Minow fand in Lichtenrade ihr Zuhause, sodass René
von Kindesbeinen an Lichtenrader ist. Weil der Großvater 1951 verstarb, übernahm die Oma das Regiment. Später wurde beschlossen,
dass René eine Ausbildung im Tabakhandel absolviert. So ging der
junge Mann ab 1969 bei Otto Boenicke in die Lehre, damals die größte Berliner Tabakhandlung. Als „Einzelhandelskaufmann Tabakwaren“ stieg René Minow in das Familienunternehmen ein.
Der Tabakhandel früher unterschied sich stark vom heutigen. Die Zigarre war kein Genussartikel, sondern Alltagsgegenstand. Den Markt
dominierten vier große deutsche Hersteller. Wichtigster Grundsatz
war lange Zeit, dass eine Zigarre nicht teurer als 40 Pfennig sein durfte. Sie wurde allmählich kürzer, dünner und schlechter, aber nicht
teurer. Als die Ludwig-Erhard-Generation der Raucher in den 1960ern
wegfiel, geriet die Zigarre in die Krise. Sie hatte ihren Ruf als Billigartikel weg.
Die Neuentdeckung der Zigarre als Genussobjekt geschieht erst in
jüngerer Zeit. Nach Minows Meinung stehen gute Zigarren in ihrer
Genussqualität Weinen in nichts nach. Auch hier macht jeder Boden
einen anderen Tabak. Die Herstellung der Zigarre entscheidet darüber, was vom Potential der Pflanze abgerufen wird. René Minow
konnte sich schon mehrfach selbst davon überzeugen, wie seine Waren hergestellt werden: Er hospitierte in der Karibik bei Aussaat, Pflege und Ernte des Tabaks und rollte auch schon selbst Zigarren. „Fünf
Stück habe ich geschafft, die sahen sogar aus wie richtige Zigarren.

MAI 2016 / AUSGABE 3

Reportage 11

René Minow mit seiner Lieblingszigarre – einer „Nicarago“

Mit Jascha Minow (r.) steht die fünfte Generation bereits mit in der Verantwortung

Aber ein professioneller Roller schafft bis zu 600 am Tag. Da bekommt man viel mehr Hochachtung und Wertschätzung für die Produzenten.“

Und die passenden Begleiter zur Zigarre sind Whisky oder Rum. Auch
hier gilt: Der Zigarrenraucher neigt nicht zum Exzess. Ein bis zwei Gläser eines auf die Zigarre abgestimmten Getränkes – mehr nicht. Und
ganz wichtig: Die Zigarre nicht ausgehen lassen! „Zehn Minuten nach
dem Erlöschen wieder anzünden ist OK. Aber wenn die Zigarre kalt
wird, ist das Aroma futsch.“

„ Man nehme sich Zeit für die Zigarre.“
nur wenige Zigaretten für Stammkunden. Pfeifen, Pfeifenzubehör
und Pfeifentabake hingegen, Geistesverwandte in der Genießerfraktion, sind in großer Breite vorhanden. Was René Minow nervt ist, dass
in der gegenwärtigen Gesundheitsdebatte Zigaretten, Zigarren und
Pfeifen in einen Topf geworfen werden. „Der Zigarrenraucher ist ein
Genussmensch. Er braucht Zeit und Muße, um seine Zigarre zu rauchen. Und natürlich inhaliert er nicht, anders als der Zigarettenraucher. Ich kenne keinen, der mehr als zwei Zigarren am Tag raucht.“
Das Sortiment ihres Ladens kennen René und Jascha Minow sehr gut.
„Ungeraucht kommt uns keine Zigarre ins Regal.“ Jedes Produkt wird
vom Verkäufer persönlich getestet und kann aus eigenem Erleben
weiterempfohlen werden. Auch kleine Hersteller haben bei Minow
eine Chance. „Das ist ja unser Vorteil, auch mal einen Geheimtipp
geben zu können. 0-8-15 wollen wir nicht sein, wir probieren auch
mal was Neues.“ Wer die Vielfalt der internationalen Zigarrenproduktion live erleben möchte, sollte einmal den begehbaren Humidor der
Minows besuchen. Bei 70 % Luftfeuchtigkeit lagern hier vor allem
Produkte, die auf Tabaken der Karibik und aus Indonesien basieren –
die besten Anbaugebiete weltweit.
Über das Rauchen der Zigarre an sich kann René Minow lange erzählen. Einige seiner Grundsätze in aller Kürze: Man nehme sich Zeit für
die Zigarre. Für jedes Zeitfenster gibt es die passende Zigarre – ob 20
oder 90 Minuten. Gute Zigarren fangen ab fünf Euro pro Stück an.

René Minow ist nicht nur leidenschaftlicher Zigarrenfan, er betreibt
auch den Laden mit großer Freude. „Wer mir heute sagt, Einzelhandel
macht keinen Spaß – versteh’ ich nicht.“, sagt er lächelnd. „Die Kommunikation mit dem Kunden, mal ein Späßchen machen, das ist gut
und deshalb bin ich immer noch hier.“ Inzwischen ist er 65 Jahre alt,
aber ans Aufhören denkt er nicht. Klar, er tritt jetzt ein bisschen kürzer, gönnt sich mal einen freien Nachmittag. Aber so lange er Spaß
am Geschäft hat, so lange macht er weiter. Mit Jascha Minow steht
die fünfte Generation bereits mit in der Verantwortung, der Übergang
wird langsam gestaltet. Dass der Sohn der Aufgabe gewachsen ist,
daran hat er keinen Zweifel. „Jascha war gerade in Nicaragua und hat
den Tabakanbau vor Ort kennengelernt. Das sind enorm wichtige Erfahrungen, um unsere Produkte zu verstehen.“
Als „alter Sack“, wie sich René Minow schmunzelnd nennt, hat er privat nach über 60 Jahren Abschied von Lichtenrade genommen und ist
nach Dahlem gezogen. Aber bezüglich der Zukunft der Bahnhofstraße ist er vorsichtig optimistisch. Gerade die kleinen Läden seien es,
die die Bahnhofstraße ausmachen. Veränderungen in der Straße
müssten die Wünsche der Inhaber berücksichtigen – etwa bei der Unterstützung eines sinnvollen Branchenmixes. Die teilweise vorhandenen 99-Cent-Läden passten einfach nicht hierher. Ein großer Wunsch
von René Minow ist die Verbesserung der Bürgersteige. Für ältere
Nachbarn oder Rollstuhlfahrer seien die Schlaglöcher eine echte Herausforderung.
Das AZ-Programm würde Minow gern dazu nutzen, das Miteinander
in Lichtenrade aufzubauen und zu festigen. Deshalb beteiligt er sich
auch an den Händlertreffen, die regelmäßig stattfinden. An den
raumplanern, die das Programm umsetzen, gefällt ihm, dass sie offen
und interessiert seien. Deren Ansatz, zu fragen: „Wie machen wir es
gemeinsam?“, findet René Minow gut.

Text und Fotos: Johannes Hayner

Diese Wertschätzung für das Produkt versucht das Team im Laden –
neben René Minow arbeiten dort Sohn Jascha und eine Verkäuferin –
an die Kundschaft, die aus ganz Berlin hierher kommt, weiter zu geben. „Ein normales Beratungsgespräch dauert wenigstens 20
Minuten. Die Zeit nehmen wir uns, denn kein Kunde soll unzufrieden
den Laden verlassen.“ Weniger Achtung bringt Minow der Zigarette
entgegen. „Zigarren und Zigaretten, das ist wie Nordpol und Südpol.
Der Zigarettenraucher genießt nicht.“ So gibt es im Sortiment auch

7

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Lic

Auf der Übersichtskarte
zum AZ-Gebiet verorten
wir Einrichtungen, die in
der Zeitung redaktionell
Erwähnung finden. Dies
sind in dieser Ausgabe:

D
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rad
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Mellener Str.

Rehagener Str.

Lichtenrade

6

1 Vor-Ort-Büro
2 ehemaliges Ausflugs	 lokal „Haus Buhr“
3 Bürgerzentrum
	Christophorus
4 Minows Tabak Depot
5 Woolworth
6 alte Mälzerei
7 Lichtenrader Dorfteich

Bahnhofstraße
Zescher Str.

i

G

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5

i	Info-Pylon
1

2

3

Adressen

Impressum

Ansprechpartner beim Bezirksamt
Tempelhof-Schöneberg:

Bezirksstadträtin für Gesundheit, Soziales
und Stadtentwicklung: Dr. Sibyll Klotz
John-F.-Kennedy-Platz, 10825 Berlin
(030) 9 02 77-83 51
s.burda@ba-ts.berlin.de
Organisationseinheit Sozialraumorientierte
Planungskoordination (OE SPK)
John-F.-Kennedy-Platz, 10825 Berlin
Jens-Peter Eismann
(030) 9 02 77-67 63
sozialraumorientierung@ba-ts.berlin.de
Stadtentwicklungsamt, Fachbereich
Stadtplanung
John-F.-Kennedy-Platz, 10825 Berlin
Martin Schwarz
(030) 9 02 77-46 76
stadtplanung@ba-ts.berlin.de

Aktuelle Informationen
zum Aktiven Zentrum
Lichtenrade Bahnhofstraße finden Sie auf
der Website:
www.az-lichtenrade.de

4

Wirtschaftsförderung Tempelhof-Schöneberg
John-F.-Kennedy-Platz, 10825 Berlin
Anja Kraatz
(030) 9 02 77-28 35
wirtschaftsberatung@ba-ts.berlin.de

Herausgeber: Bezirksamt TempelhofSchöneberg, Organisationseinheit Sozialraum­
orientierte Planungskoordination
Redaktion: Johannes Hayner, Volker Kuntzsch,
Ewald Schürmann, Jakob Hayner

www.berlin.de/lichtenrade-bahnhofstrasse

Ansprechpartner vor Ort:

Prozesssteuerung und
Geschäfts­straßenmanagement (GSM)
slapa & die raumplaner gmbh
Kaiser-Friedrich-Straße 90, 10585 Berlin
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Prinzessinnenstraße 31, 12307 Berlin

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Fotos: Jo. Hayner, E. Schürmann
Layout und Schriftsatz: georg+georg
Druck: Berliner Zeitungsdruck
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