Path:
Periodical volume

Full text: Grünes Gedächtnis ... Issue 2009

0<-$1$#:"'2-(1


Grünes
Gedächtnis 2009

Grünes Gedächtnis 2009

Bildnachweis
Coverfoto: 	Ausschnitt aus dem Aufruf der Gründungsinitiative NEUES FORUM (siehe Seite 12)
	
Foto mit Jutta Seidel und Bärbel Bohley bei der Pressekonferenz am 9. 11. 1989
	
(siehe Seite 11)
Kapitel 1:	 Faksimile des Gründungsaufrufs: Robert Havemann Gesellschaft
	
Foto mit Jutta Seidel und Bärbel Bohley: Andreas Schölzel
	
Foto mit Gerd Poppe, Reinhard Weißhuhn und Elisabeth Weber: Andreas Varnhorn
Kapitel 3:	 Foto der Volkskammerfraktion: Fotograf unbekannt
	
Foto mit Carlo Jordan, Vollrad Kuhn, Gerhard Bächer: Sebastian Hoppe
Kapitel 4:	 Foto mit Petra Kelly, Kunigunde Birle, Gerda Degen und Christa Nickels:
	
Hans Georg Troschke
	
Foto Christa Nickels: Uschi Dresing
Alle anderen Abbildungen: Archiv Grünes Gedächtnis

Grünes Gedächtnis 2009
Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung
1. Auflage, Berlin 2009
© Heinrich-Böll-Stiftung
Alle Rechte vorbehalten
Gestaltung: graphic syndicat, Michael Pickardt, Berlin
Druck: agit-druck, Berlin
ISBN 978-3-927760-98-1
Bestelladressen:
Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung, Eldenaer Straße 35, 10247 Berlin
T 030-28534260 F 030-28534-5260 E archiv@boell.de I www.boell.de
Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstr. 8, 10117 Berlin,
T 030-285 340 F 030-285 341 09 E info@boell.de I www.boell.de

Grünes Gedächtnis 2009

Inhalt

Vorwort
1 	 Beiträge zur Zeitgeschichte
Irena Kukutz

10

Die Gründung des Neuen Forums
Elisabeth Weber

23

Bericht über meine ersten Erfahrungen der Zusammenarbeit
von Grünen und Bündnis 90
Anne Ulrich

38

Ohne Frauen ist kein Staat zu machen
Der frauenpolitische Aufbruch im Winter 1989/1990 und
der Unabhängige Frauenverband

2 	Das historische Dokument
Die Gründung der Grünen Partei in der DDR
Kommentiert von Christoph Becker-Schaum

50
55

3 	 Bestände im Archiv Grünes Gedächtnis
Steffi Rönnefarth

61

Der Bundesverband Demokratie Jetzt und die Landesverbände
Demokratie Jetzt und Neues Forum Brandenburg
Ein Vergleich zweier Bürgerbewegungs-Überlieferungen
Annegret Hünninghaus

67

Bündnis 90/Grüne in der Volkskammer der DDR
Eine Bestandsbeschreibung
Christoph Becker-Schaum

71

Der Archivbestand Gerhard Bächer und die Grüne Partei in der DDR
4 	Archivprojekte
Anne Vechtel

78

Christa Nickels zu den grünen Anfängen im Kreis Heinsberg,
zur Rotation und zum Feminat
5 	Neuerscheinungen: 68er-Nachlese
Annotiert von Christoph Becker-Schaum
Die Autorinnen und Autoren

90
95

Vorwort

Vorwort

Wir stehen am Beginn eines Jahres, in dem sich der demokratische Aufbruch in der
DDR, der in unwahrscheinlich kurzer Frist zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik
Deutschland führte, zum 20. Mal jährt. Es ist nicht zu fürchten, dass dieses Ereignis
ohne unser Jahrbuch, das nun zum dritten Mal erscheint, unbeachtet vorüber
ginge. Der Streit um die Deutung dieser erfolgreichsten Revolution der deutschen
Geschichte (einer unblutigen zumal) ist bereits in vollem Gang. Auch die anstehenden Wahlen werden die Frage aufwerfen, was vom Aufbruch des Herbstes 1989,
seinen Hoffnungen und den nachfolgenden Versprechungen geblieben ist.
Wir widmen dieses Jahrbuch den Bürgerbewegungen von 1989 schon deshalb,
weil wir als Archiv der Partei, die das Bündnis der Bürgerbewegungen in ihrem
Doppelnamen trägt, einen Auftrag haben, diese Geschichte lebendig zu halten und
auf ihre aktuelle Bedeutung zu befragen. Wir sind Teil einer Archivlandschaft, die die
Überlieferung der Bürgerbewegungen in der ehemaligen DDR bewahrt und sie der
Forschung wie der interessierten Öffentlichkeit zu Verfügung stellt. Daraus ergeben
sich die Gesichtspunkte, nach denen wir das vorliegende Heft geplant haben.
Irena Kukutz, die zur Zeit an einer umfassenden Darstellung des Neuen Forums
arbeitet, stellt in ihrem Aufsatz in vielen Details die Umstände der Entstehung
des Neuen Forums im Herbst 1989 dar, an der sie persönlich beteiligt war. Ebenso
berichtet Elisabeth Weber, damals Mitarbeiterin des Bundestagsabgeordneten
Helmut Lippelt, über ihre persönlichen Erfahrungen bei der sich anbahnenden
Zusammenarbeit von Bürgerbewegungen (Ost) und Grünen (West). Ihr Aufsatz
basiert auf einem unveröffentlicht gebliebenen Bericht, den sie an der Jahreswende
1989/1990 geschrieben hat. Anne Ulrich, die bereits zahlreiche Forschungen zum
Unabhängigen Frauenverband vorgelegt hat, zieht eine Bilanz der Erfahrungen des
Unabhängigen Frauenverbandes.
Wir präsentieren diesmal vier Archivbestände, die alle die Geschichte der Bürgerbewegungen überliefern. Steffi Rönnefarth wertet den Archivbestand des Landesverbands Bündnis 90/Die Grünen Brandenburg und der Bürgerbewegung Demokratie
Jetzt aus. Annegret Hünninghaus schildert den Bestand Fraktion Bündnis 90/Grüne
in der Volkskammer des Jahres 1990 und Christoph Becker-Schaum die Überlieferung der Grünen Partei in der DDR im Depositarbestand von Gerhard Bächer, dem
früheren Leiter der Pressestelle der Grünen Partei. Im Anschluss veröffentlichen wir
als zeitgeschichtliches Dokument den Gründungsaufruf der Gründungsinitiative für
eine Grüne Partei in der DDR vom 5. November 1989 und die Gemeinsame Erklärung derer, die sich aus der Ökologiebewegung der DDR am selben Tag gegen die
Gründung der Grünen Partei zu Wort gemeldet haben.
In der Rubrik Projekte berichtet Anne Vechtel über das Zeitzeuginnengespräch,
das sie im vergangenen Juni mit Christa Nickels über Rotation und Feminat in der
ersten Bundestagsfraktion und über die politischen Erfahrungen, die Christa Nickels
bis dahin gemacht hatte, geführt hat. Die Reihe der Gespräche mit Zeitzeug/innen
7

wird im kommenden Jahr fortgeführt und über die Ergebnisse im nächsten Jahrbuch
berichtet. Der Fokus liegt dann auf den Erfahrungen der Bürgerbewegungen des
Jahres 1989.
Für das Zustandekommen des Jahrbuchs möchten wir allen unseren Autorinnen
herzlich danken. Ein besonderes Dankeschön geht an Anne Vechtel, die wieder die
Redaktion des Jahrbuchs besorgt hat. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünschen
wir Interesse und Vergnügen bei der Lektüre.
Berlin, im Januar 2009
Christoph Becker-Schaum
Leiter des Archivs Grünes Gedächtnis

Grünes Gedächtnis 2009

Ralf Fücks	
Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung	

8

1
Beiträge zur Zeitgeschichte

Irena Kukutz

Die Gründung des Neuen Forums
Eine Initialzündung:
Der Gründungsaufruf «Aufbruch 89 – Neues Forum»

1	

2	
3	

10

Das von der VW-Stiftung geförderte Erschließungsprojekt zum Archivbestand Neues Forum (40
lfm.) wurde im Jahr 2003 abgeschlossen. Es war bei der Robert-Havemann-Gesellschaft (RHG)
angesiedelt. Danach begann ich im Rahmen des Dokumentationsprojektes «Gründungsgeschichte des Neuen Forums» im Auftrag der RHG mit Zeitzeugenbefragungen. Die Zitate von
Jutta Seidel und Bärbel Bohley entstammen diesen Interviews.
Grundlage meiner Ausführungen sind die Ergebnisse des Forschungs- und Dokumentationsprojektes zur Gründungsgeschichte des Neuen Forums im Auftrag der RHG.
Eine Gesamtdarstellung der Gründungsgeschichte der Bürgerbewegung Neues Forum bis zum
Ende der DDR ist zur Veröffentlichung in Vorbereitung.

Grünes Gedächtnis 2009

Als ein Signal für den Aufbruch schlägt der Gründungsaufruf des Neuen Forums am
11. September 1989 wie ein Blitz ein und verbreitet sich in wenigen Wochen wie ein
Lauffeuer. Aufbrechen wollen die Initiatoren des Aufrufes zunächst selbst – mitten
hinein in die erstarrte DDR-Gesellschaft – und durch die Gründung einer neuen
Vereinigung dazu aufrufen, sich ihnen anzuschließen. In den 55 Wochen bis zum
Ende der DDR überstürzen sich die Ereignisse.
Eine der dreißig Erstunterzeichner des Gründungsaufrufes, die Zahnärztin Jutta
Seidel, war selbst überrascht, als sie mir die Frage, wie der Aufruf eigentlich an dem
Wochenende vom 9./10. September 1989 in Grünheide entstanden war1, nicht beantworten konnte. Sie meinte, dass die Erinnerung deshalb so schlecht sei, weil das,
was danach kam, sie einfach überwalzt habe, dass nur noch ein Konglomerat von
Eindrücken da sei. Und damit beschrieb sie die Schwierigkeit, mit der auch ich bei
der Rekonstruktion der Geschehnisse konfrontiert wurde.
Diese Ereignisse im Rückblick zu erfassen, die sich so facettenreich und explosionsartig in einem rasanten Tempo auf allen Ebenen gleichzeitig entfaltet und dabei
jeden, wenn auch jeweils anders, mitgerissen hatten, und nachvollziehbar aufzublättern, scheint unmöglich. Das scheinbar Unmögliche doch auf den Weg zu bringen,
war unsere Triebfeder und zu unserer eigenen und anderer Überraschung gelang der
Aufbruch.
Wie es zur Gründung der Bürgerbewegung Neues Forum kam, zum Gründungsaufruf, der auf so eindrucksvolle Weise den Nerv der Zeit traf und eine gewaltige Welle
der Zustimmung auslöste, versuche ich nachzuzeichnen.2 Auf wenigen Seiten die
Erfolgsgeschichte dieses Aufrufs und seiner Folgen zu rekonstruieren, erfordert eine
zeitliche Eingrenzung. Ich beschränke mich bei meiner Darstellung3 auf die bislang
nahezu unbekannte Vorgeschichte, das Gründungstreffen in Grünheide und die

Pressekonferenz am 9.11.1989 auf dem Hof des Wohnhauses von Bärbel Bohley, v.l.n.r.:
Eberhard Seidel, Bärbel Bohley, Jutta Seidel (lesend).

nachfolgenden Ereignisse bis zum 40. Jahrestag der DDR, dem ursprünglich vorgesehenen Termin für die Gründung der politischen Vereinigung.4

Irena Kukutz Die Gründung des Neuen Forums

Die Initiatoren des Gründungsaufrufes
Für die Idee zur Gründung der Bürgerbewegung Neues Forum sind zwei Frauen von
herausragender Bedeutung: Bärbel Bohley und Katja Havemann. Als die eigentliche
Initiatorin tritt dabei Bärbel Bohley hervor. Darum ist die Gründungsgeschichte des
Neuen Forums besonders eng mit dem Lebensweg von Bärbel Bohley verbunden und
beginnt im Januar 1988 Konturen anzunehmen, als sie das erste Mal mit dem Rechtsanwalt und SED-Mitglied Rolf Henrich zusammentrifft, um ihm zur Veröffentlichung
seines Manuskriptes5 im Westen zu verhelfen. Tage später wird sie verhaftet und für
sechs Monate außer Landes gedrängt. Seit Monaten hatten Bärbel Bohley und Katja
Havemann darüber nachgedacht, wie es möglich sein könnte, sich auf ganz neue
Weise politisch einzumischen, aus dem Ghetto der Oppositionsszene herauszutreten
und auch die engen kirchlichen Räume endgültig zu verlassen. So kommt die Begegnung mit Rolf Henrich gerade recht, denn beiden ist klar, dass neue Verbündete weit
4	

5	

Es ist eine vorzeitige Gründung, aufgrund der gewaltigen Fluchtwelle des Sommers und dem
damit einhergehenden, dramatisch zunehmenden Machtverfall. Ursprünglich hatten die Initiatoren für das Gründungstreffen die Tage um den 40. Jahrestages der DDR (7.10.1989) vorgesehen.
Vgl.: Katja Havemann; Joachim Widmann: Robert Havemann oder wie die DDR sich erledigte,
Berlin 2003, S. 418.
Rolf Henrich: Der vormundschaftliche Staat. Vom Versagen des real-existierenden Sozialismus,
erscheint im April 1989 im Rowohlt-Verlag.
11

12

Grünes Gedächtnis 2009

Gründungsaufruf des Neuen Forums

13

Irena Kukutz Die Gründung des Neuen Forums

weg von Kirchendächern gefunden werden müssen, um den Protest gegen das rigide
System zu verbreitern und in die Gesellschaft hineinzutragen. Von einschneidender
Bedeutung ist für Bärbel Bohley und ihren Freundeskreis die Erfahrung des Jahres
1988. Es ist die zweite Verhaftungswelle, bei der Bärbel Bohley im Januar 1988 im
Zusammenhang mit den Protesten am Rande der alljährlich stattfindenden Luxemburg-Liebknecht-Gedenkdemonstration inhaftiert wird. Keine zwei Wochen später
muss sie direkt aus dem Gefängnis über die Bundesrepublik zu einem Zwangsaufenthalt nach England ausreisen. Und dennoch ist auch das ein Durchbruch, obwohl das
für viele damals anders aussieht, denn mit einem DDR-Reisepass bleibt die Wiedereinreise eine ernstzunehmende Option. Das Zwangsexil ist für Bärbel Bohley eine
harte Prüfung. In ihrem Gepäck hat sie bei ihrer wider alle Erwartungen geglückten
Wiedereinreise in die DDR im August 1988 schwergewichtige Erfahrungen, die ihr
weiteres Handeln bestimmen. Sie fühlt sich von der evangelischen Kirche, über Jahre
Schutzraum auch für unabhängige Initiativen, verraten, von engen Weggefährten
unverstanden und weiß genau, warum sie nicht im Westen geblieben ist. Einfach
weggehen, ohne etwas erreicht zu haben, dafür ist der Preis zu hoch, zuviel ist passiert
in den vergangenen Jahren.6 Wieder Zuhause hält sie Ausschau, sucht andere Wege,
um sich erneut einzumischen.

Eine Idee nimmt Gestalt an: September 1988 bis August 1989

6	
7	

14

Vgl. Bärbel Bohley, Gerald Praschl und Rüdiger Rosenthal: Mut. Frauen in der DDR, München
2005.
Beteiligt sind, neben Bärbel Bohley und Katja Havemann, Reinhard Weißhuhn (IFM), Irena
Kukutz, Katrin Bohley, Steffen Steinbacher (später alle Neues Forum) sowie mit eigenen
Beiträgen auch Rolf Henrich, Jürgen Fuchs und Ralf Hirsch.

Grünes Gedächtnis 2009

Gerade nach den jüngsten Erfahrungen ist für Bärbel Bohley und Katja Havemann
im Herbst 1988 endgültig klar, dass die bisher genutzten Strukturen ungeeignet für
notwendige politische Bewegungen sind. Ihr Ziel ist die Öffnung – der Aufbruch aus
den nicht nur verkrusteten, sondern geradezu versteinerten Verhältnissen. Es sollen
breitere Kreise in der Gesellschaft als bisher angesprochen, das Protestpotenzial in
seiner ganzen Breite gesammelt und gebündelt werden. Das ist nicht mit den oppositionellen Kleingruppen oder Hauskreisen möglich. Beim Wiedereinreisefest in ihrem
Atelier trifft Bärbel Bohley am 17. September 1988 neben Freunden und Bekannten
auch Vertreter nahezu des gesamten Spektrums der DDR-Opposition wieder. Fast
vergessen scheinen die Anfeindungen und Unterstellungen nach ihrem Rauswurf im
Februar. Doch der tiefe Bruch ist nur oberflächlich verheilt. Über ihre Pläne spricht sie
zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Während die Idee für die Gründung einer politischen
Vereinigung im Rahmen des Vereinsgesetzes der DDR durch Gespräche mit dem
Rechtsanwalt Henrich Gestalt annimmt, planen die beiden Frauen, zusammen mit
anderen7 eine Publikation zum 40. Jahrestag der DDR im Samisdat herauszugeben.
Ihr Ziel ist, das Schweigen zu brechen und auch Personen durch Interviews einzubeziehen, die nicht zur Oppositionsszene gehören. «40 Jahre DDR und die Bürger melden
sich zu Wort» erscheint, federführend ist Bärbel Bohley, pünktlich zum Jahrestag der

DDR-Staatsgründung in 700 hektographierten Exemplaren in der DDR.8 Wenig später
wird die gedruckte Fassung im Westen verlegt. Aus dem Klappentext: «Dieses Buch
nimmt vorweg, was die Demokratiebewegung Neues Forum erreichen will. Es stellt
eine Plattform dar. DDR-Bürger aus allen Schichten, Berufen, Regionen, Altersstufen
kommen zu Wort. In eindringlich geführten Interviews schildern sie ihre Erfahrungen
mit Staat und Gesellschaft, geben ihren Enttäuschungen Ausdruck und artikulieren
ihre Hoffnungen.» Im Vorwort schreibt Bärbel Bohley: «Eine legale politische Ebene
muss dem Staat abgerungen werden, auf der die Menschen sich finden können, um
ihre Aktivitäten für eine Veränderung der Gesellschaft zu entfalten. Dabei ist jeder
einzelne wichtig, der sich öffentlich artikuliert und dem sich andere anschließen,
denn nur gemeinsam, in Gruppen, Vereinigungen, Parteien, werden wir diesen legalen
Raum des Widerstands und der Auseinandersetzung gewinnen.»9 Die Überlegungen
von Bärbel Bohley, Katja Havemann und Rolf Henrich, wie man eine politische Vereinigung gründen und wen man daran beteiligen sollte, sind im Frühjahr 1989 weit
fortgeschritten. Einig ist man sich, dass nur handverlesene Mitgründer eingeladen
werden sollen und Stillschweigen über das Treffen gewahrt werden muss, damit die
Sicherheitsorgane nicht frühzeitig eine solche Gründung zu verhindern suchen.
Die Bezirksverwaltung des MfS Frankfurt/Oder informiert am 21. August 1989 über
«die beabsichtigte Bildung einer Vereinigung ›Demokratisches Forum‹ [...], um eine
Plattform gegen die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR und die
führende Rolle der Partei zu formieren».10

Irena Kukutz Die Gründung des Neuen Forums

Das Gründungswochenende: Tatort Grünheide
Die Geburt des Neuen Forums an diesem zweiten Septemberwochenende des Jahres
1989 auf dem Grundstück von Katja Havemann in Grünheide bei Berlin ist lange
vorbereitet. Grünheide ist nicht irgendein Ort, es ist der Ort des jahrelangen Hausarrestes für Robert Havemann und seine Frau Katja. Es ist der Ort, wo sich auch nach
seinem Tod im Jahr 1982 immer wieder die verschiedensten Menschen aus Ost und
West trafen. Dieser Ort ist ein Nest der Opposition und eine Wiege für den Beginn
so mancher Initiative. Die Auswahl der Einzuladenden ist streng und konspirativ.
Hauptmann Jäger von der Hauptabteilung XX/9 schreibt am 1. September 1989 über
das geplante Treffen: «Eine Teilnahme sei nur auf der Grundlage persönlich ausgesprochener Einladungen möglich, so dass sich das Mitbringen weiterer Personen
verbietet.» Anfang September 1989 ist der Aufbruch bereits in vollem Gange, es
brodelt heftig an verschiedenen Orten gleichzeitig, das Gründungsfieber ist ausgebrochen, oppositionelle Bewegungen drängen in die Öffentlichkeit. Die Sicherheitskräfte sind im Dauereinsatz und können die Lage kaum mehr unter Kontrolle halten.
Es gibt bereits mehrere Initiativen, die ihre Gründungen im August 1989 unabhängig
voneinander angekündigt haben. Was da eigentlich wirklich gegründet werden soll,
8	

Auf dem Grundstück von Katja Havemann werden die Exemplare gedruckt und geklammert. Als
Deckblatt dienen goldgeprägte Urkundenvordrucke mit der Blindprägung des DDR-Wappens,
«Vierzig Jahre» wird darauf gestempelt.
9	
Vgl. Bärbel Bohley, Jürgen Fuchs u.a.: 40 Jahre DDR und die Bürger melden sich zu Wort, Frankfurt 1989, S. 10-11.
10	 Vgl. RHG/BStU-Kopie: Abteilung XX, 21.08.1989, Frankfurt/O., A 3547. Alle weiteren Zitate aus
MfS-Berichten sind dieser Akte entnommen.
15

ist den Eingeladenen nur im Groben klar. Die Initiatoren wissen eines genau: Es wird
eine legale politische Vereinigung, eine Sammlungsbewegung für die Durchsetzung
von Veränderungen im Land werden. Weil das Ziel die Öffnung und die Gesprächsfähigkeit ist, soll es ein Forum sein. So wie Jutta Seidel geht es auch den anderen Eingeladenen. Sie beschreibt das so: «Ich wusste im Grunde gar nichts, wusste nicht wer,
wusste nicht genau was, wusste nur dass [...].»

Die dreißig Erstunterzeichner
Die Initiatorinnen des Treffens, Bärbel Bohley und Katja Havemann, haben mit Rolf
Henrich vereinbart, dass nur sie die Einladungen jeweils aussprechen. Auch untereinander soll nicht weiter darüber gesprochen werden, wer wen einlädt. Das war
Absicht, erinnert sich Bärbel Bohley. So treffen an diesem Wochenende nicht wenige
aufeinander, die sich zuvor noch nie gesehen hatten. Einladungen aus sozusagen
erster Hand haben über Rolf Henrich und Erika Drees11: Jens und Eva Reich, Jutta
und Eberhard Seidel, Hans-Jochen Tschiche, Christine und Sebastian Pflugbeil, Lutz
Strophal, Hagen Erkrath. Von Bärbel Bohley und Katja Havemann direkt eingeladen
sind Reinhard Schult, Rudolf Tschäpe, Jan Herrmann, Katrin und Frank Eigenfeld,
Martin Böttger, der den IM Paule12 einlädt, und Katrin Bohley. Mehr als die Hälfte der
Anwesenden ist nicht aus Berlin angereist.13 Prägnant ist die Berufsmischung, ca. die
Hälfte der dreißig Erstunterzeichner kommt aus hochqualifizierten und gesellschaftlich anerkannten Berufen: Ärzte (7), Physiker (4), Pfarrer (3). Doktorentitel sind keine
Seltenheit. Sieben Unterzeichner sind beruflich im Kultur- und Bildungsbereich
tätig, drei Studenten sind dabei, zwei Krankenpfleger und ein Maurer sind ebenfalls
vertreten. Die Gründe dafür, warum sich an diesem Wochenende die Anwesenden in
Grünheide zusammengefunden haben und ein Forum gründen wollen, beschreibt
Prof. Dr. Jens Reich später bei einem von Katja Havemann aufgenommenen Videointerview (eine Schutzmaßnahme) so: «Viele sind ängstlich. Viele von uns. Manche
nennen es auch Klugheit oder Vorsicht. Auch unsere Informationsmedien sind
ängstlich […]. Und was wir hier brauchen ist mehr ›Glasnost‹, mehr Offenheit. Keine
verschlungenen Andeutungen, nicht das verstockte Schweigen, Offene Rede, aber
auch Offenlegung der Situation, ungeschminkt.»14

«Aufbruch 89 – Neues Forum»: der Gründungsaufruf
Die Erinnerungen daran, wie der Gründungsaufruf zustande kam, sind bei einigen
der seinerzeit Beteiligten nur noch verschwommen bis gar nicht mehr vorhanden.
Bärbel Bohley erinnert sich, dass niemand ein fertiges Papier dabei hatte, dass
der Aufruf erst in Grünheide entstand, wenn auch Jens Reich ganz maßgeblich die
Über Erika Drees aus Stendal kam 1988 der Kontakt zu Rolf Henrich zustande.
So kam der einzige Spitzel zum Gründungstreffen.
13	 Vertreter aus Brandenburg (5), Sachsen-Anhalt (4) und Sachsen (7). Mecklenburg-Vorpommern
ist nur mit einem Anwesenden vertreten, Martin Klähn aus Schwerin. Aus Güstrow war auch
Heiko Lietz von Rolf Henrich eingeladen worden, der sein Kommen zugesagt hatte, aber nicht
erschien.
14	 Die Interviews sollten im Falle von Verhaftungen in den Westmedien ausgestrahlt werden. Vgl.:
RHA/BW-MfS 09/01/01 (BStU-Kopie: HA XX, Berlin, 19.09.2006).
12	

16

Grünes Gedächtnis 2009

11	

Irena Kukutz Die Gründung des Neuen Forums

Textfassung formulierte. Jens Reich schreibt in seinen Erinnerungen, dass der Aufruf
zwei Autoren und dreißig Korrektoren hatte, und dass er seinen handschriftlichen
Entwurf aus Angst vernichtete. Seine Frau Eva Reich erinnert sich, dass auch überlegt
wurde, wie man den Aufruf vervielfältigen könnte, wie die Unterschriften gesammelt,
welche Leute man ansprechen und aus welchen Kreisen diese möglichst sein sollten.
Verabredet wird dann der erste Advent für ein Wiedersehen. Soviel Zeit glaubte man
zu haben. Der Gründungsaufruf soll den Nerv treffen, aber möglichst offen bleiben
für die Zustimmung vieler, soweit sind sich die Akteure an diesem Wochenende einig.
Sie streiten um jede Formulierung. Das Wort Sozialismus kommt nicht vor, auch das
ist Konsens. Die überwältigende Resonanz des Gründungsaufrufes ist nicht erklärbar
ohne die Besonderheiten und Unterschiede des «Aufbruch 89 – Neues Forum» zu
den anderen Aufrufen des Herbstes 1989 wahrzunehmen. Es trifft eben nicht zu, dass
sich die Gründungsaufrufe des Herbstes 1989 (Demokratie Jetzt, Demokratischer
Aufbruch, Vereinigte Linke) nur unwesentlich inhaltlich unterscheiden. Drei entscheidende Unterschiede sind wesentliche Ursachen für die überraschende Wirkung des
Gründungsaufrufes. Das Fehlen des Wortes Sozialismus im Gründungsaufruf des
Neuen Forums und die unkomplizierte und dabei lebendige Formulierung der Forderungen sind entscheidungserheblich für zehntausende Unterstützer und für einige
auch gerade der Grund, die Unterstützung zu verweigern. Die Legalisierungsforderung für die politische Vereinigung ist dabei ein weiterer, ebenso wichtiger Impuls
und nicht zufällig in der Folgezeit der entscheidende Hebel zur Durchsetzung von
Veränderungen. Denn die Menschen wollen den öffentlichen Raum für sich erobern
und nicht weiter außer Landes oder in die staatsfeindliche Ecke gedrängt werden,
wenn sie Kritik üben. In der Struktur der Zusammensetzung der Aufrufer selbst ist
der dritte entscheidende Unterschied zu finden. Es treffen sich in Grünheide Vertreter
verschiedener, bereits bestehender Freundes- bzw. Oppositionskreise, aber es treffen
sich auch Menschen, die bislang keinen persönlichen Kontakt untereinander hatten.
Und es sind nicht nur Vertreter kirchennaher Oppositionszirkel, sondern auch
bislang in der DDR-Gesellschaft beruflich anerkannte und integrierte Bürger, die
gemeinsam auf Veränderungen drängen wollen. So kann sich der Gründungsaufruf
des Neuen Forums zwar auch entlang der Wege verbreiten, die schon in der Oppositionsszene etabliert wurden, aber ebenso auf völlig anderen, neuen Wegen. Die
Erstunterzeichner rechnen mit einem Schneeballeffekt, doch es wird nicht nur eine
Kettenreaktion, sondern ein Dammbruch, der eine Überflutung nach sich zieht. Die
Menschen strömen herbei, wollen unterschreiben und damit ihren Willen bekunden,
dass sie nicht weiter nur schweigende Zuschauer sein wollen.

September 1989: der Aufbruch, ein Dammbruch
Die Verabredungen der dreißig Erstunterzeichner des Gründungsaufrufes vom
Wochenende beinhalten auch eine Aufgabenteilung. Während die einen, Bärbel
Bohley und Katja Havemann, den Aufruf sofort der Öffentlichkeit übergeben sollen,
wollen die anderen in ihrem Umfeld in einer Woche schon möglichst zahlreiche
Unterstützer gewinnen, um dann am Dienstag, dem 19.09.1989, in den Bezirken die
Vereinigung Neues Forum anzumelden. Was auch gelingt, denn bereits 1.500 Unterstützungsunterschriften sind am Tag der Anmeldungen gesammelt. Verabredet ist
auch, dass die Unterschriftenlisten bei Bärbel Bohley gesammelt werden, um die
17

15	

18

Vgl. RHA/BW-MfS 09/01/01 (BStU-Kopie: HA XX, Information über Aktivitäten von Untergrundkräften zur Popularisierung der feindlichen Vereinigung «Neues Forum» durch westliche Medien;
Berlin, 19. September 1989).

Grünes Gedächtnis 2009

Zahl der Unterstützer DDR-weit laufend auswerten zu können. Einen Monat später
entscheiden sich die Verantwortlichen unter dem Druck der unerwarteten Flut von
Unterstützern für eine dezentrale Erfassung vor Ort. Die Vorgabe, wie diese Listen
auszusehen haben, macht Bärbel Bohley handschriftlich auf vielen ersten Listen
nachvollziehbar: Vorname, Name, Beruf, Adresse und Unterschrift. Die Unterzeichner sollen also nicht nur eine unleserliche Unterschrift unter den Aufruf setzen,
sondern genauso wie die Erstunterzeichner mit voller Adresse identifizierbar und
auch mit der Berufsbezeichnung erkennbar sein. Die Unterschriftenlisten werden
später an verschiedenen Orten versteckt, denn das Risiko für jeden Einzelnen ist
noch immer hoch. Zuerst sorgen die Erstunterzeichner selbst für die Vervielfältigung
des Gründungsaufrufes und seine Verteilung. In Halle druckt noch in der Nacht zum
Montag Frank Eigenfeld 2.000 Aufrufe und Unterschriftenlisten. Was folgt, überrascht
alle. Der Aufruf löst eine Lawine an Zustimmung aus, wird vervielfältigt, ob mit der
Schreibmaschine, mit primitiven Vervielfältigungsverfahren (Ormig) oder mit den
damals nur sehr begrenzt verfügbaren Kopierern in den Betrieben und Universitäten.
Die Menschen sind bereit, den Aufruf zu verbreiten und zu unterschreiben. Diese
selbstgefertigten Unterschriftenlisten in vielfältiger Form sind zuerst Unterstützungsunterschriften auf Zulassung des Neuen Forums. Sie sind vielfach als Zustimmungs-, Sympathie-, Solidaritäts- und Einverständniserklärungen überschrieben.
Als Willenserklärungen zur Mitarbeit gibt es sie und auch als direkte Beitritts- und
Mitgliedschaftserklärungen. Eine Solidarisierung in bisher nicht gekanntem Ausmaß
setzt sofort ein. Im Maxim-Gorki-Klub in Berlin-Weißensee solidarisieren sich am
18. September 1989 ca. 50 namhafte Unterhaltungskünstler mit den Erstunterzeichnern des Neuen Forums. Zur Verbreitung des Gründungsaufrufes trägt auch die
Publizierung in den Westmedien bei. Telefoninterviews mit den Erstunterzeichnern
Bärbel Bohley, Jens Reich und Hans-Jochen Tschiche gleich in den ersten Tagen, der
Abdruck des Aufrufes in der Westpresse, Berichte im ZDF und in der ARD sorgen
für seine Verbreitung schon vor der offiziellen Anmeldung. Laut einer Aufstellung
über Besuche westlicher Korrespondenten bei Bärbel Bohley vermerkt die Stasi die
Besuche von Ulrich Schwarz (Der Spiegel) und von Michael Schmitz (ZDF) schon
für den 11. September 1989. In einem Interview sagt Bärbel Bohley: «Aber diese
Resonanz hat wirklich unsere Erwartungen übertroffen. Am ersten Tag sind sehr viele
Menschen gekommen und haben ihre Mitarbeit angekündigt [...], fragen, was können
wir tun, was können wir machen. Es kommen Arbeiter, und es kommen Handwerker.
Es kommen Intellektuelle. Es kommen Rentner, und was mich besonders freut, es
kommen viele Genossen. Nicht nur von der SED, sogar welche von der CDU oder
LDPD und Funktionäre aus dem Parteiapparat [...]. Für mich ganz persönlich ist es
eine ganz besonders große Freude, wenn jemand, der einen Ausreiseantrag hat, sagt,
ich warte noch eine Weile.»15 Als dann am 21. September 1989 die DDR-Nachrichtenagentur ADN mitteilt, dass der Minister des Innern das Neue Forum für verfassungsund staatsfeindlich erklärt, haben schon 3.000 Menschen den Aufruf unterschrieben.
Die Lawine ist nicht mehr aufzuhalten.

Kein Dachverband Neues Forum: Treffen in Leipzig am 24. September 1989
Als sich am Sonntag im Gemeindesaal der Markus-Gemeinde in Leipzig ca. 50
(manche Quellen sprechen von 80) Vertreter unterschiedlicher Gruppierungen
und Einzelpersonen treffen, sind das überwiegend Vertreter der neu entstandenen
Bürgerbewegungen: Demokratie Jetzt, Demokratischer Aufbruch, Vereinigte Linke
und Neues Forum. Die Gruppierungen wollen ihre zukünftigen Initiativen miteinander abstimmen. Der Deutschlandfunk verbreitet als Gesprächsergebnis, dass das
Neue Forum als Dachorganisation aller Bürgerbewegungen akzeptiert werde. Doch
16
darauf haben sich die Teilnehmer nicht geeinigt. Ein gemeinsames Ergebnis ist eine
Protestresolution mit Unterschriften gegen die Entscheidung des Innenministeriums
über die Ablehnung des Neuen Forums. Am nächsten Tag, am Montag, demonstrieren 5.000 bis 8.000 Menschen in Leipzig nach dem Friedensgebet, eine Forderung
ist die Zulassung des Neuen Forums. Von einer Beratung im engeren Kreis bei Bärbel
Bohley über die Ergebnisse des Treffens in Leipzig berichtet IM Paule am Montag
dem MfS, dass derzeitig kein Zusammenschluss der Bürgerbewegungen möglich ist.
Er berichtet weiter, dass ein provisorischer Sprecherrat des Neuen Forums gebildet
wurde, zu dem Bohley, Henrich, Tschiche und Reich gehören [25.09.1989]. Das Neue
Forum hat sich innerhalb von zwei Wochen bereits DDR-weit etabliert, Hunderte
haben den Gründungsaufruf unterschrieben, und die Zahl wächst jeden Tag weiter.
Die Zulassung des Neuen Forums ist zu einer der politischen Hauptforderungen der
Protestbewegung geworden. Die Gründerin Bärbel Bohley, als Vertreterin der Bürgerbewegung in Leipzig anwesend, denkt nicht daran, diesen enormen Schwung, die
Eigendynamik jetzt zugunsten einer neuen Dachorganisation abzubrechen. Bärbel
Bohley: «So war es eben nicht, dass die anderen unter das Dach des Neuen Forums
wollten, sondern die wollten ein Dach gründen. Es sollte was Neues gegründet
werden, und dagegen war ich.»

Irena Kukutz Die Gründung des Neuen Forums

Vorladungen, Ordnungsmaßnahmen, Zuführungen
Eine Woche nach den Anmeldungen des Neuen Forums bei den Räten der Bezirke
und im Innenministerium in Berlin laden die Staatsorgane zu Gesprächen. Entsprechend «der getroffenen Festlegungen» wird in einer Information des MfS der Vollzug
weitergemeldet [26.09.1989]: «Gespräche mit Antragstellern zur Gründung des
Neuen Forums aus den Bezirken Dresden, Cottbus, Neubrandenburg, Halle, Leipzig
wurden geführt, nicht erschienen zu den Gesprächen waren die Antragsteller aus
Frankfurt/O., Karl-Marx-Stadt, Rostock.» Am 28. September 1989 weist Armeegeneral Mielke seine Diensteinheiten erneut an: «Gegen Personen, die Handlungen
zur Formierung der oppositionellen Sammlungsbewegung Neues Forum unternehmen, sind konsequent die erforderlichen Maßnahmen zur Unterbindung derartiger Aktivitäten einzuleiten [...]. Bei Feststellungen auf frischer Tat sind Zuführungen
sofort durchzuführen.» In Stendal wird am selben Tag eine solche «Ordnungsmaßnahme» gegen die Erstunterzeichnerin Erika Drees in Gang gesetzt. Ihre Jacke mit
der Aufschrift «Neues Forum staatsfeindlich? menschenfeindlich?» und eine gelbe
16	

Vgl. Christian Dietrich, Uwe Schwabe (Hrsg.): Freunde und Feinde. Friedensgebete in Leipzig
zwischen 1981 und dem 9. Oktober 1989, Dokumentation, Leipzig 1994.
19

Plakette mit der Aufschrift «stopp Atomenergie» werden von der Deutschen Volkspolizei «in Verwahrung» genommen, auch Unterschriftenlisten zum Gründungsaufruf
werden eingezogen.

Büro Bohley: Berlin, Prenzlauer Berg
Die Umschlagstelle für Nachrichten, der Knotenpunkt der beginnenden Formierung
der Sammlungsbewegung Neues Forum ist im September 1989 das Atelier von Bärbel
Bohley in Hochparterre mit Blick auf den Teutoburger Platz im Berliner Prenzlauer
Berg und ihre darüber liegende Wohnung im 1. Stock. Schon nach wenigen Tagen wird
ein Bürodienst organisiert, weil Bärbel Bohley allein den Ansturm nicht beherrschen
kann. Rund um die Uhr klingelt das Telefon, stehen Leute vor der Tür, die nicht nur
den Aufruf unterschreiben, sondern auch reden wollen. Journalisten aus aller Welt
wollen Interviews. Der Ansturm ist überwältigend. Die Strichliste an der Wand gleich
neben dem Telefon über die Zahl der Unterstützungserklärungen wächst stündlich. Jeweils im 50er-Pack (1 Strich für 10 Unterstützer) wird gezählt und die Listen
entsprechend als erledigt gekennzeichnet. In zehn Tagen ist die Liste angewachsen
17
auf 3.000 Unterzeichner des Gründungsaufrufes. Der Besucheransturm im Atelier
von Bärbel Bohley nimmt jeden Tag zu. Nicht nur tagsüber sind Helfer zur Stelle.
Jeweils in den Abendstunden ist ein sich abwechselnder Bürodienst damit beschäftigt, hunderten Menschen Auskunft zu geben, das Info-Material auf dem großen
Arbeitstisch zu aktualisieren oder Listen entgegenzunehmen. Die Menschen sind
begierig auf die vervielfältigten Flugblätter, Offenen Briefe, Erklärungen, Aufrufe, und
sie wollen reden, sich austauschen über die politische Lage. Die Besucher bringen
auch Kaffee- und Geldspenden sowie Papier- und Sachspenden. Während Tausende
DDR-Flüchtlinge in den bundesdeutschen Botschaften am 30. September 1989 ihre
Ausreise erreichen, trifft bei den Erstunterzeichnern des Gründungsaufrufes genauso
wie im Büro Bohley eine unerwartete Flut von Unterschriftenlisten aus nahezu allen
Regionen der DDR ein, es stellen sich viele in ihren Regionen selbst als Kontakt­
adressen zur Verfügung.

Die Initiativgruppe Neues Forum, vor allem bestehend aus Erstunterzeichnern des
Gründungsaufrufes, trifft sich am Sonntag [01.10.1989] bei Sebastian Pflugbeil. Die
Anwesenden beschließen eine vorläufige Organisationsstruktur, die sie in einem Brief
an die «Freundinnen und Freunde des Neuen Forum» versenden wollen. Zusammen
mit einem «Offenen Problemkatalog» zu den Themen Wirtschaft und Ökologie,
Kultur, Bildung, Wissenschaft, Rechts- und Staatswesen wird dieser Brief veröffentlicht, vielfach versandt und verteilt. Darin heißt es: «Wir geben zu, dass wir mit
diesem Ansturm von Menschen nicht gerechnet hatten. Es existieren weder Organisationsstrukturen noch hauptamtliche Mitarbeiter oder Büros [...], als nächsten Schritt
planen wir, die Lizenz für eine Zeitung zu beantragen. Bis zur Genehmigung werden
wir ein Informationsblatt herausgeben.» Es werden weiter eine vorläufige Organisati17	

20

Bei 200.000 Unterstützungserklärungen für den Gründungsaufruf wird später aufgehört zu
zählen.

Grünes Gedächtnis 2009

Oktober 1989: Landesweite Mobilisierung, die Flut

onsstruktur vorgeschlagen und 15 Kontaktadressen, darunter zehn Erstunterzeichner,
angefügt. Zur inhaltlich programmatischen Ausrichtung ist darin zu lesen: «Für uns
ist die ›Wiedervereinigung‹ kein Thema, da wir von der Zweistaatlichkeit Deutschlands ausgehen und kein kapitalistisches Gesellschaftssystem anstreben. Wir wollen
Veränderungen hier in der DDR [...]. Das Reformkonzept für unser Land wollen und
können wir nicht vorgeben, sondern in einem übergreifenden Diskussionsprozess
erst entwickeln.» Zwei Tage später bei einem Treffen der erweiterten Initiativgruppe18
sind bereits 5.000 Unterschriften gezählt [03.10.1989], ein Kontaktadressenkatalog
wird erarbeitet und festgelegt, sich nach regionalen Gesichtspunkten zu organisieren.
Der Problemkatalog soll republikweit mit 3.000 bis 5.000 Exemplaren verteilt werden.
Die Rechtsstelle des MfS indessen formuliert am selben Tag einen ausführlichen
«Standpunkt zur mündlichen Beantwortung» der Eingabe von Rechtsanwalt Gysi19 an
das MdI wegen der Ablehnung der Vereinigung Neues Forum. Über ein sich ständig
erweiterndes Netz von Kontaktadressen nimmt die Sammlung der Unterschriftenlisten unter den Gründungsaufruf weiter einen ganz wesentlichen Raum ein, denn
vorrangiges Ziel ist das Abtrotzen der Legalisierung des Neues Forums als ein Einstieg
in grundlegende Veränderungen. Der Grad der landesweiten Mobilisierung lässt sich
auch an dem Zuwachs an Kontaktadressen dokumentieren. Ende Oktober zählt die
Liste 244 Kontaktadressen aus allen 15 DDR-Bezirken.

Irena Kukutz Die Gründung des Neuen Forums

Solidarisierungen, Versammlungen, Erklärungen
Während die Sicherheitsorgane irritiert sind und die staatlichen Stellen noch keine
zentralen Anweisungen haben, schreitet die Solidarisierung mit dem Neuen Forum
weiter fort. In verschiedenen Städten finden erste öffentliche Veranstaltungen des
Neuen Forums statt, die einen enormen Zulauf haben. Am 2. Oktober 1989 solidarisieren sich auch die Bildenden Künstler mit den Zielen des Neuen Forums. Die
Mitglieder des VBK-DDR, Bezirk Berlin, unterzeichnen eine Erklärung, in der sie sich
mit den Resolutionen der Unterhaltungskünstler [18.09.89] und des Berliner Schriftstellerverbandes [14.09.89] solidarisieren und fordern «die öffentliche Diskussion der
Probleme und die Einbeziehung aller Kräfte, auch der, die [...] an einer Mitwirkung
gehindert und sogar als Staatsfeinde diffamiert und kriminalisiert werden». Auch
dieser Aufruf wird, wie die anderen vom Neuen Forum, als hektographiertes Flugblatt
verbreitet. Überall drängt das Neue Forum Anfang Oktober 1989 in die Öffentlichkeit.
Noch sind es vorrangig kirchliche Räume, die für Veranstaltungen genutzt werden.
Die hervorragenden Versammlungsorte sind in diesen Tagen ohnehin die öffentlichen
Straßen und Plätze. Hier ist die Stärke und Breite der Protestbewegung sichtbar und
20
in ihrer Wirkung von Woche zu Woche im Anwachsen. In der Schweriner Paulskirche
findet die erste öffentliche Veranstaltung des Neuen Forums statt [02.10.1989]. «Der
18	

Erweitert wurde die Gruppe der Erstunterzeichner frühzeitig, um die Probleme überhaupt
bewältigen zu können. Beauftragte für Finanzprobleme war Luise Schramm, Medienexperte
Klaus Freymuth, für die programmatische Arbeit verantwortlich Klaus Wolfram, für Organisation
und Strukturfragen Christan Tietze.
19	 Beauftragt durch Bärbel Bohley und Jutta Seidel, die das Neue Forum beim MdI angemeldet
haben.
20	 Vgl. Tina Krone (Hrsg.): Sie haben so lange das Sagen, wie wir es dulden. Briefe an das Neue
Forum September 1989 bis März 1990, Berlin 1999.
21

Anblick der vor dem Gebäude ausharrenden Menschenmenge übertraf selbst die
kühnsten Erwartungen der Veranstalter. Statt der erwarteten 80 bis 100 Teilnehmer,
die den Gründungsaufruf in Schwerin unterzeichnet hatten, waren 800 bis 1000
gekommen [...], etwa zwanzig Arbeitsgruppen entstanden an diesem Abend […].»21
In Weimar zählen die Veranstalter am 4. Oktober 1989 über 1.200 Teilnehmer einer
Versammlung des Neuen Forums in der Herderkirche.22

40. Jahrestag der DDR: 7. Oktober 1989

21	

Vgl. Kai Langer: Ihr sollt wissen, dass der Norden nicht schläft. Zur Geschichte der Wende in den
drei Nordbezirken der DDR, in: Andreas Röpcke, Martin Schoebel (Hrsg.). Quellen und Studien
aus den Landesarchiven Mecklenburg-Vorpommerns, Band 3, 1999, S. 125ff.
22	 Vgl. Hans Hoffmeister u.a. (Hrsg.): Die Wende in Thüringen. Rückblick 10 Jahre danach,
November 1999, S. 94.
23	 Christian Dietrich, Uwe Schwabe (Hrsg.): Freunde und Feinde. Friedensgebete in Leipzig
zwischen 1981 und dem 9. Oktober 1989, Dokumentation, Leipzig 1994.
22

Grünes Gedächtnis 2009

Am Vorabend des Jubiläums werden in Halle an der Saale nach einer Versammlung
des Neuen Forums im Pfarrhaus der Gesundbrunnengemeinde sechs Organisatoren, darunter die Erstunterzeichnerin Katrin Eigenfeld, verhaftet und verhört. In
Berlin wird im Palast der Republik mit einer Festveranstaltung und einem gigantischen Fackelzug wie alle Jahre zuvor das Jubiläum gefeiert. Dieses Mal gibt es
blutige Proteste. In einer «Erklärung des Neuen Forum zum 40. Jahrestag der DDR»,
dem «Aufruf an alle Mitglieder der SED!», heißt es: «Zehntausend Unterschriften aus
allen Bevölkerungsschichten beweisen schon jetzt, dass Gemeinschaftshandeln und
Verantwortungsgefühl in der Stagnation unseres gesellschaftlichen Lebens nicht
untergegangen sind [...], das Neue Forum ist eine Stätte für Neues Denken [...]. Allen
Versuchen, den gesellschaftlichen Dialog durch Kriminalisierung, durch Ausgrenzung und Einschüchterung auszuweichen, wollen wir unsere demokratische Aktion
entgegenstellen.» Während zweier Veranstaltungen des Neuen Forums in der Michaeliskirche in Leipzig unterzeichnen an diesem Tag ca. 700 Menschen den Gründungs23
aufruf, Kontaktadressen werden bekannt gegeben. Die gewalttätigen Übergriffe, das
Niederknüppeln eines friedlichen Protests, die Bilder sind im (West-)Fernsehen zu
sehen, schockieren die Öffentlichkeit und sind zugleich eine Aufforderung, erst recht
auf die Straße zu gehen. Am nächsten Tag werden 20 Besucher nach dem Verlassen
des Ateliers von Bärbel Bohley festgenommen und verhört. Unterschriftenlisten und
Info-Blätter werden eingezogen. Doch auch mit Gewalt ist jetzt nichts mehr aufzuhalten – wie wir heute wissen.
Nur einen Monat später, am 9. November 1989, verkünden Jutta Seidel und Bärbel
Bohley auf einer internationalen Pressekonferenz, die Journalisten drängen sich auf
dem Hof ihres Wohnhauses, dass das Neue Forum nun auch staatlich anerkannt ist.
Noch in der Nacht öffnen sich die Schlagbäume Richtung Westen.

Elisabeth Weber

Elisabeth Weber Bericht über meine ersten Erfahrungen der Zusammenarbeit von Grünen und Bündnis 90

Bericht über meine ersten
Erfahrungen der Zusammenarbeit
von Grünen und Bündnis 90

Zwischen Weihnachten und Sylvester 1990 versuchte ich, einen Bericht über meine
Arbeit im Verbindungsbüro der grünen Bundestagsfraktion zur Volkskammerfraktion Bündnis 90/Grüne von April 1990 bis Oktober 1990 zu schreiben, über die
Vorgeschichte, über die vielen Gespräche und Eindrücke. Es wurde kein ordentlicher
politischer Bericht daraus. Sobald ich mich an den Computer setzte und zu schreiben
anfing, wurde ich überschwemmt von der Woge der ungeordneten Gedanken,
Erfahrungen und Erlebnisse. Es wurde eine Art selbstreflektierendes Ordnen meiner
selbst. Ich erinnerte mich an mein DDR-Bild in der Schulzeit in Hamburg, schrieb
über meine Erfahrungen mit der DDR während meiner Studienzeit in Westberlin,
wo ich von 62-72 lebte und aktiv an der Studentenbewegung teilnahm (SEW miese
Taktierer, manchmal in Ostberlin – gutes Theater, aber sonst nicht attraktiv, keine
Leute kennengelernt). Dann die Zeit als Mitglied einer maoistischen Organisation,
links und antisowjetisch. Dann neuer Anfang, die Erfahrungen in der Russell-Gruppe
in Köln und die Begegnungen mit Bernd Eisenfeld1, Jürgen Fuchs und Roland Jahn.
Dann die Diskussionen in der Bundestagsfraktion der Grünen, wo ich seit Dezember
1983 als Mitarbeiterin erst von Milan Horácˇek, dann Uli Fischer, dann Helmut Lippelt
arbeitete. Schwerpunkt waren Ost-West-Beziehungen. Aber auch Beteiligung an
dem intensiven Streit mit Dirk Schneider u.a. über den Zusammenhang von Frieden
und Menschenrechten. Und manchmal Reisen nach Ostberlin, die erste zu einem
konspirativen Treffen mit einer Oppositionsgruppe im September 1984. Aber meistens
Einreiseverbot. Dann die vielen Gespräche mit Bärbel Bohley während ihres Zwangsaufenthalts im Westen 1988. Der unordentliche Bericht wurde nie abgeschlossen und
nie veröffentlicht. Ich gab ihn einigen Freunden und Freundinnen und vergaß ihn.
Als jetzt das Grüne Archiv mich freundlich anfragte, ob sie im Kontext ihres
Jahrbuchs über die friedliche Revolution 89/90 Teile meines längst vergessenen
1	

Im Text erwähnte Personen (mit Ausnahme von Mitarbeitenden und sehr bekannten Politikerinnen und Politikern) sind im Anhang dieses Berichts nach Vornamen alphabetisch sortiert
nachzusehen. Weiterführende biographische Angaben finden sich unter: http://de.wikipedia.
org/wiki/DDR-Opposition, http://www.jugendopposition.de, in: Ilko-Sascha Kowalczuk/
Tom Sello (Hrsg.): Für ein freies Land mit freien Menschen. Opposition und Widerstand in
Biographien und Fotos, Berlin 2006, und in: Heinrich-Böll-Stiftung/Werner Schulz (Hrsg.): Der
Bündnis-Fall, Bremen 2001.
23

Im August 88 kann Bärbel entgegen aller Prognosen der Westfreunde zurückkehren
nach Ostberlin. Wegen meines Einreiseverbots kann ich mit ihr nur noch telefonieren.
Besuchen geht nur, wenn es mir gelingt, auf dem Transit von Moskau über BerlinSchönefeld nach Ostberlin zu kommen.
Am 16.1.89 kann ich sie besuchen. Sie erzählt mir von Henrich und nimmt
mich mit zu Reinhard und Poppe und zu einer Beratung, ob es Zeit sei für ein neues
Angebot zum Zusammenschluss der vereinzelten oppositionellen Gruppen. Die
Diskussion ist für mich interessant. Aber meine Kategorien taugen nicht zur Beurteilung der Situation. Ich erzähle von Memorial und von Polen.
Am 7.6. 89 breche ich eine Moskau-Reise vorzeitig ab, um zu Rajas Beerdigung zu
gehen. Auf dem Transit nach Ostberlin. Bärbels Tür ist offen, und sie starrt mich an,
wie einen Geist, als ich eintrete: «Dass sie dich reinlassen. Weißt du nicht, dass heute
eine Demonstration ist. Überall stehen sie.» Ich erzähle und erzähle von Raja, und
Bärbel hört mir zu und versteht mich.
Im Sommer 89 machen wir Ferien in Wales. Als ich zurückkomme, erzählt
Milan von einem Seminar in Ungarn, und wie er sich ein Stück Stacheldraht vom
Eisernen Vorhang abgeschnitten hat. Abend für Abend die Interviews mit den Flüchtlingen in der bundesrepublikanischen Botschaft in Prag, dann in Budapest, dann in
Warschau.
Hilflose Versuche der Grünen, mit der Situation politisch fertig zu werden. Ein
Gespräch des Bundesvorstands mit Jürgen Fuchs, Roland Jahn, Lotte Templin, das
von Unverständnis, aber auch schlampiger Vorbereitung gekennzeichnet ist. Die
westliche Selbstgewissheit der Grünen ist auffallend. Sie ist der Situation nicht mehr
angemessen. Aber ich habe auch kein Konzept für eine bessere Politik.
Am 1.10. fahre ich nach Berlin. Diesmal wieder Einreiseverbot. Ich treffe mich mit
Roland Jahn, Ralf Hirsch und Jürgen Fuchs, die mich beschwören, dass die Situation
sich rasend schnell entwickle und dass die Grünen mehr helfen müssten.
Ein Seminar in der Evangelischen Akademie Mülheim mit dem Titel «Geh doch
rüber!» mit vielen Gesprächen zwischen BRD-lern und Ex-DDR-lern. Lotte Templin
und ich leiten verschiedene Arbeitsgruppen. Gemeinsam stellen wir fest, dass es
heute nicht mehr heißt «Geh doch rüber!», sondern «Bleib doch drüben!». Erschrocken registriere ich, dass die DDR-Übersiedler alle sagen, dass sie die BRD als Heimat
empfinden, während die Westdeutschen, die zu Besuch in die DDR kommen, die
DDR als Ausland erleben.
Am 21.10. wieder Einreiseverbot. Treffen mit Milan, Lukas, Jürgen Fuchs und
Freya Klier. Ergebnisloses Hin- und Herdiskutieren, was man gemeinsam machen
könne.
Wie wird es weitergehen? Panzer und Schüsse wie gegen die Studentenbewegung
in Peking oder friedlicher Umbruch? Wir diskutieren und grübeln. Etwas ratlos kehre
ich in die Stressroutine von Bonn zurück.
24

Grünes Gedächtnis 2009

Papiers veröffentlichen könnten, habe ich verblüfft um die Zusendung des Papiers
gebeten, es gerührt wieder gelesen und dann gerne zugesagt. Zugleich musste ich
natürlich viele Seiten kürzen. So habe ich alles Nachdenken über die Vorgeschichte
gestrichen. Veröffentlicht wird hier das nicht überarbeitete, minimal gekürzte
Kapitel über Sommer/Winter/Frühjahr 89/90.

Elisabeth Weber Bericht über meine ersten Erfahrungen der Zusammenarbeit von Grünen und Bündnis 90

Gerd Poppe, Reinhard Weißhuhn und Elisabeth Weber (v.l.n.r.) im Gespräch am Rande
einer Begegnung des polnischen Präsidenten Lech Walesa mit Mitgliedern von Bündnis 90
in Berlin am 2.4.1992.

Am 9.11. besuche ich nachmittags Lew, um wie immer ein bisschen zu erzählen
und schnell wieder wegzugehen, weil ich die Leere noch nicht ertrage. Dann YogaKurs, den ich Sibylle zuliebe angefangen habe und anschließendes freundschaftliches
Plaudern in einer Alternativkneipe.
Gegen 22 Uhr komme ich nach Hause. Jürgen sitzt vor dem Fernseher und sagt:
«Die Mauer ist auf.» Ich sage: «Du spinnst. Mach keine blöden Witze.» Er: «Guck doch
selber.» Und gemeinsam sitzen wir vor dem Fernseher, hören Radio, telefonieren,
weinen, trinken Sekt. Es ist wahr: Die Mauer ist auf.
Am nächsten Tag fahre ich nach Bonn, überstürzte Diskussionen bei den Grünen.
Krampfhaftes Suchen nach der eigenen Identität im Streit darüber, welcher grüne
MdB bei der Nationalhymne am Donnerstagabend im Bundestag aufgestanden sei
oder sogar mitgesungen habe. Nach Ostberlin kein Durchkommen. Die Bundestagsfraktion beschließt, nach Berlin zu fahren. Ich buche auch, gebe dann meine Karte
an Bernd Ulrich. Ich kann nicht fahren. Zu sehr bin ich erschüttert. Zu unangenehm
finde ich den politischen Tourismus. Im Aufzug treffe ich Carstens. Alle haben Tränen
in den Augen und lächeln sich parteiübergreifend zu.
Jürgen ruft abends an. Er ist nach Berlin geflogen. Nachts telefoniere ich mit
Bärbel und sage, dass ich nicht kommen will. Sie freut sich, sagt, dass sie nicht in den
Westen gehen will.
Samstags Ost-West-Treffen in Düsseldorf. Danach habe ich frei. Karnevalseröffnung auf der Domplatte und dem Bahnhof. Es gelingt mir, noch einen Flug nach
Berlin zu bekommen.
25

26

Grünes Gedächtnis 2009

Abends treffe ich Jürgen in Berlin. Hand in Hand gehen wir die Mauer entlang.
Mitten in der Nacht sind Menschenströme unterwegs. Eine einzige Bewegung.
Gehen, stehenbleiben. Gucken, weitergehen. Wir lassen uns mittreiben. Reihen uns
ein in eine Bewegung, die zugleich konzentriert und rastlos ist. Es ist wie eine Suche,
eine Art kollektive Suche nach den 28 Jahren Eingemauert-Sein. Stumme Bewegung
von Tausenden. Und unaufhörlich das helle Klopfen der Mauerspechte.
Ich rufe Bärbel an und sage, dass ich doch gekommen bin. Sie freut sich genauso
unlogisch trotz des Telefonats vor 24 Stunden wie ich selbst.
Am nächsten Morgen fahren wir zur Friedrichstraße. Überall Leute aus der
DDR mit diesen weit offenen Blicken. Stumm studieren sie alles. Die Aschbecher
in der U-Bahn. Die Halterung der Papierkörbe. Das Holz der Bänke. Die Fugung
der Kioskwände. Alte Ehepaare gehen Hand in Hand, bleiben stehen, gehen höflich
beiseite, prüfen alles, was sie sehen, berühren die Fahrplantafel, streichen über die
Litfaßsäule. Und jedes Mal ist die Bilanz klar: Es ist besser als bei uns.
Neben mir sitzt eine alte Frau. Ich frage, woher sie kommt: «Aus Königs Wusterhausen.» Ein Geschmack nach Fontane. Ich sage, dass ich aus Köln komme. Erschrocken und lächelnd rückt sie beiseite: «Aus Köln? Wo der Dom steht?»
An der Kontrolle zeigt Jürgen seinen neuen EG-Pass. Kurz darauf wird er durchgewunken. Zum ersten Mal seit 15 Jahren. Bei mir dauert es etwas länger. Die Schlange
wird teilnahmsvoll unruhig. Dann plötzlich doch das Visum.
Wir fahren zu Bärbel. Ein Zettel im Schlüsselloch. Bin bis mittags im Französischen Dom. Wir gehen hin und treffen das Neue Forum bei einer Beratung über
eine Stellungnahme. Umarmung mit Reinhard Schult. Wie viel ist passiert, seit wir
uns zuletzt gesehen haben.
Lukas ist auch da, und anschließend gehen wir zusammen essen, trinken Kaffee
bei Bärbel, überreden sie, mit uns rüberzugehen.
Es scheitert, weil am Potsdamer Platz keine BRD-Bürger und an der Friedrichstraße keine Autos rüber können. So holen wir Irena und Micha Kukutz ab und gehen
zusammen essen. Ein Abend voller Freundschaft und voller Streit. «Warum freut
Ihr euch nicht, dass die Mauer auf ist? Ihr seid Sektierer und wollt nicht sehen, was
passiert.» – «Ihr habt keine Ahnung. Ich fühle mich genauso ohnmächtig wie früher.
Genauso Objekt wie früher. Heute ist unsere Revolution kaputt gemacht.» Die naive
Freude von uns Westlern und die Wut und Enttäuschung der DDR-ler prallen immer
wieder aufeinander und können nur durch die freundschaftliche Verbundenheit
ausgehalten werden.
Immer wieder dieselbe Kritik am Westen: Konsumgesellschaft, Ellenbogengesellschaft. Gereizt antworten wir: «Vergesst doch endlich euer Schulungswissen.
Der Westen sind auch wir, die Grünen. Die Alternativbewegung, wir konkrete
Menschen.»
Irena macht ihr Gefühl, gedemütigt zu sein, durch eine Geschichte deutlich:
Sie selbst hatte keine Zeit, nach Westberlin zu gehen. Aber ihr Sohn war den ganzen
Samstag dort, erzählt, dass es ihm nicht gefallen habe, es sei zu voll und viel längere
Schlangen als in der DDR. Und anschließend habe er ihr 190 DM über den Tisch
geschoben. Zweimal Begrüßungsgeld. 190 DM sind schwarz getauscht fast doppelt
soviel, wie sie im Monat verdient. Im selben Moment habe sie gewusst, dass jetzt
ihre Arbeit nichts mehr wert ist, dass es besser ist, einmal in der Woche im Westen
putzen zu gehen als rund um die Uhr in einem Ostberliner Krankenhaus zu schuften.

Elisabeth Weber Bericht über meine ersten Erfahrungen der Zusammenarbeit von Grünen und Bündnis 90

Ich beginne, ihre Gefühle zu verstehen. Erzähle einige Wochen später polnischen
Freunden davon, die trocken kommentieren: «Na endlich merken die in der DDR es
auch einmal.»
Am Montag fliege ich zurück nach Bonn mit sehr gemischten Gefühlen, Verletztheit, Verständnis, dem Gefühl, gebraucht zu werden und abgelehnt zu werden.
Die Begegnungen überstürzen sich. Am 17.11. grüner Parteitag in Saarbrücken.
Ich mache mit einer anderen Frau Diskussionsleitung bei einem Plenum mit Ludwig
Mehlhorn, Thomas Klein, Marion Seelig, Carlo Jordan, Katrin Eigenfeld, Kazimierz
Woycicki.
Außer Kazik kenne ich niemanden persönlich, aber alle Namen sind mir bekannt.
Gespräche über Gespräche. Kazik macht Ludwig Mehlhorn und mich miteinander
bekannt. Mit Kathrin Eigenfeld fliege ich zurück nach Berlin, und traurig erzählt sie
mir, dass ihr Sohn vor zwei Wochen beschlossen hat, mit Frau und Kind im Westen zu
bleiben. Alles umsonst?
16. Dezember, Treffen mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Ostberliner Freundinnen und Freunden. Am Tag danach besuche ich Ludwig Mehlhorn und lasse
mir seine Samisdat-Ausgaben von Übersetzungen polnischer Schriftsteller zeigen.
Anschließend zu Bärbel. Wir gehen spazieren, essen in einer Kneipe. Sie erzählt mir,
dass Momper sie und andere zu einem Gespräch geholt habe, sie beschworen habe,
die Regierung zu übernehmen, ihnen sogar eine Ministerliste vorgeschlagen habe.
Sie fragt, was ich dazu meine. Ich denke nach, vergleiche mit den polnischen Erfahrungen, sage dann: «Ja, es wird dich vielleicht erstaunen, aber ich halte das für richtig.
Und du?» – «Ich auch», sagt sie. «Aber damit stehe ich wohl allein.» Die Situation in
der DDR wird immer krisenhafter. Oder schreiben das nur FAZ und BILD?
Am 25.12. mit Jürgen nach Eisenach, Erfurt, Naumburg, Altenburg und nach
Berlin. Wir treffen György Dalos und Helmuth Frauendorfer, fahren zusammen zu
Bärbel. Am 31.12. holen wir sie ab und fahren über Dresden nach Prag, um mit Milan
und seinen Freunden Sylvester zu feiern. Mit Bärbel im Auto über die Grenze nach
Prag. Unvorstellbar.
Am 3.2. eine Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung und des Neuen Forums
in Leipzig. Katrin Eigenfeld und ich machen zusammen die Diskussionsleitung.
Hinterher erzählt sie mir, wie große Angst sie gehabt habe, dass ich mit meiner
Westroutine sie in die Ecke drücken würde, und wie erleichtert sie zugleich gewesen
sei, mich neben sich zu wissen. Ich spüre, wie die Koordinaten meines Lebens sich
verändern.
Nach wie vor fahre ich fast jeden Tag nach Bonn, diskutiere über Ost-WestWirtschaftsbeziehungen, initiiere mit anderen ein Netzwerk Polen-Hilfe von unten,
höre Berichten über die Veränderungen in der CSSR und in Rumänien zu. Genug
zu tun. Sinnvoll und nützlich. Doch zunehmend merke ich, wie mich die Veränderungen in der DDR aus dem Gleis werfen. Kohls Zehn-Punkte-Programm, die Rede
von Willy Brandt auf dem SPD-Parteitag, die Erklärung von Modrow zur deutschen
Einheit. Viele Jahre lang habe ich versucht, eine grüne Ostpolitik für die BRD mit
zu entwickeln. Eine Ostpolitik für Deutschland steht außerhalb meines Horizonts.
Viele polnische Freunde haben mir immer wieder gesagt: «Wenn Gorbatschow an
der Macht bleibt, wird die Mauer fallen und Deutschland wird sich vereinen.» Ich
erinnere mich an eine lange leidenschaftliche Diskussion mit David Warszawski,
in der ich ihm zu beweisen versuchte, dass ein deutscher Nationalstaat anachroni27

28

Grünes Gedächtnis 2009

stisch sei, dass er weder der EG noch dem Wunsch der Nachbarn noch den neuen
ökologischen Problemen noch dem Wunsch der BRD-Bürger noch den föderativen
Traditionen entspreche, dass dies ein Konzept aus dem 19. Jahrhundert und nicht des
ausgehenden 20. Jahrhunderts sei. Er hatte mich mit freundschaftlichem Interesse
angehört. Ich habe ihn an keinem Punkt überzeugt. In vielen Diskussionen habe ich
gegen Bahr und Ehmke, Karsten Voigt und auch gegen viele Grüne zusammen mit
Milan und anderen dafür gestritten, dass die Staaten Osteuropas nicht stabil sind,
dass die demokratische Opposition als Verbündete ernst zu nehmen, nicht nur eine
Frage der Moral, sondern auch politischer Weitsicht sei.
Wie schnell habe ich recht bekommen, und wie wenig nützt mir das! Immer
wieder fällt mir der Satz von Gorbatschow ein: «Letztlich ist es die Woge und nicht der
Schaum, der trägt.» Waren meine dissidentischen Freunde und Freundinnen letztlich
nur der Schaum? Ist das Nationalgefühl die Woge, die trägt? Es kann nicht sein.
Ein politisches Denken in den Interessen des Nationalstaats gehört nicht in das
Europa der Jahrtausendwende.
Mit Bestürzung muss ich feststellen, wie sehr ich mich selbst, trotz aller blockübergreifenden Konzepte, auf den Status quo eingestellt hatte, auf die geteilte Welt
und die Anstrengung, sie zu unterlaufen. Mit dem Ende der Teilung wird plötzlich
auch die Anstrengung zu ihrer Überwindung überflüssig.
Bei jedem Gespräch mit Bärbel und anderen Freunden und Freundinnen merke
ich, dass die Zeit der intensiven Besuche hinter der Mauer vorbei ist, dass wir
beginnen müssen, wirklich zusammenzuarbeiten. Und ich merke, welch ein Unterschied es ist, sozusagen konsequenzlos befreundet zu sein oder politisch ernsthaft
zusammenzuarbeiten. Bei jedem Besuch wird mir klarer, dass Treue zu den ehemals
dissidentischen Freunden bedeutet, sich auf diese Zusammenarbeit einzulassen, und
zugleich sehe ich, wie schwierig das sein wird, wie verschieden wir sind.
Als Mitarbeiterin der grünen Bundestagsfraktion nehme ich teil an den Diskussionen über die Stellungnahmen der Grünen zu den deutsch-deutschen Veränderungen. Zusammen mit Udo Knapp entwerfe ich Resolutionen und Diskussionsvorlagen. Doch es gelingt nicht, einen Weg aus den hilflosen Streitereien zu finden. Zu
hart sind die Grünen in ihrem Selbstverständnis von der deutsch-deutschen Entwicklung überrumpelt worden. Ich kann das gut verstehen, geht es mir doch teilweise
selber so. Zugleich aber kommt es mir immer sinnloser vor, Zeit und Kraft in diese
Diskussionen zu stecken. Weder in Bonn noch bei der grünen Bundestagsfraktion
kann ich mir darüber klar werden, was mit uns passiert.
Als die grüne Bundestagsfraktion beschließt, ein Büro zur Wahlkampfunterstützung der DDR-Opposition zu machen, melde ich mich zur Mitarbeit. Erleichtert
fliege ich am 19.2.90 nach Berlin, fahre zum Reichstag, wo die Bundestagsfraktion
ein Büro hat. Niemand ist da. Der Pförtner gibt mir einen Schlüssel, und ich irre
durch die Gänge des Reichstags. Ein Büro neben dem anderen, voll eingerichtet mit
Schreibtischen und Schreibmaschinen. Eins nach dem anderen leer. Ein Haus voll
Geschichte im Wartestand.
Endlich finde ich das Büro der Grünen. Ich hinterlasse einen Zettel und fahre
zu Elsbeth, die mir freundlicherweise ein Zimmer in ihrer Wohnung zur Verfügung
stellt.
Dann Bärbel anrufen und zu ihr fahren. Ein Brief von ihr und Katja Havemann an
Gysi ist im Neuen Deutschland abgedruckt. Drohanrufe. Ich gehe ans Telefon, damit

Elisabeth Weber Bericht über meine ersten Erfahrungen der Zusammenarbeit von Grünen und Bündnis 90

Bärbel sich nicht jedes Mal in lange Diskussionen einlässt und wir überhaupt nicht
zum Reden kommen.
Um sechs kommt jemand aus Werder mit einem Auto, um Bärbel zu einer
Wahlveranstaltung nach Werder abzuholen. Ich fahre mit und fahre staunend zum
ersten Mal von Ost nach West (Kontrolle), quer durch Westberlin (Kontrolle) nach
Werder.
Bündnis 90 in Werder macht zusammen mit Frauen der ASF aus Westberlin eine
Frauenveranstaltung. Ein kleiner Kreis von Zuhörerinnen. Selbst mir fällt der Unterschied auf zwischen der routinierten politischen Selbstdarstellung der Westfrauen
und den kurzen Fragen der Ostfrauen.
Am 20.2. beginnen wir mit einer Bürobesprechung all derer, die zur Wahlkampf­
unterstützung gekommen sind. Dietrich Wetzel gibt einen Überblick und teilt uns
ein. Alle Anderen werden zur Unterstützung des Bündnisses Grüne/UFV, das noch
kaum Wahlkampf begonnen hat, eingeteilt. Bündnis 90 hat schon einen professionellen Wahlkampf begonnen. Nur ich soll zu ihnen gehen. Damit bin ich sehr
zufrieden.
Anschließend gehe ich zu Fuß vom Reichstag, rechts am Brandenburger Tor
vorbei, Kontrolle, Unter den Linden entlang zum Haus der Demokratie. Für viele
Monate wird das mein täglicher Gang sein.
Im Haus der Demokratie emsiges Hin und Her, Stress, Nervosität, Überforderung, Fremdheit in Räumen, die mich an die Ärmlichkeit und Hässlichkeit einer alten
Schule in den frühen 50er-Jahren erinnern. Ich gehe an den Büros der einzelnen
Organisationen vorbei: VL, IFM, DJ, das Wahlbüro von Bündnis 90. Und überall auf
den Fluren treffe ich Leute. Fast alle, die ich überhaupt in der DDR kenne, scheinen
inzwischen in diesem Haus zu arbeiten oder wenigstens vorbeizuschauen. Ludwig
Mehlhorn ist im Wahlstab von Bündnis 90 und nimmt mich sofort zu den anderen
mit. Mühsam versuche ich, mir die Namen und die Gesichter zu merken: Eva Reich
und Jutta Seidel, Christiane Ziller und Klaus Freymuth, Rudolf Schäfer und Stephan
Bickhardt. So viele neue Personen, von denen ich nie gedacht hatte, dass es sie gibt.
Ludwig, Reinhard, Lotte und Ulrike helfen mir, mich zurechtzufinden. Bärbel ist
nicht im Wahlstab und meistens beim Neuen Forum, das seine Büros in der RosaLuxemburg-Straße hat.
Ich versuche, die Struktur des Wahlbüros zu verstehen. Vergeblich. Schließlich
begreife ich, dass sie selbst ihre Struktur nicht kennen. Also mache ich mich daran, ein
Strukturschema des Wahlstabes und der Verantwortlichkeiten darin aufzuzeich­nen,
so wie ich es verstanden habe. Ich zeige das Schema Rudolf Schäfer, der es wütend
durchstreicht: «Alles falsch.» Erschrocken sieht Ludwig, der daneben steht, mich
an. Aber mir beginnt die Sache Spaß zu machen. Ich gehe in jedes Büro, zeige ihnen
das Schema und frage, was sie selbst anders sehen. Wer ist ihrer Ansicht nach für
Finanzen zuständig? Wer für Presse? Was ist der Unterschied zwischen Wahlbüro und
Wahlstab? Zugleich frage ich alle nach ihrer Telefonnummer, um diese mit auf den
Zettel zu schreiben.
Und immer wieder wird mir die private Telefonnummer gegeben. Ich sage:
«Nein, ich will nicht die private Nummer. Ich will die von dem Büroapparat hier vor
dir.» Verblüfft stelle ich fest, dass die meisten sie nicht wissen und wir erst durch
kompliziertes Hin- und Hertelefonieren die Nummer rauskriegen. Ich komme mir
vor wie beim Übergang von mündlicher Geschichtsüberlieferung zur schriftlichen
29

30

Grünes Gedächtnis 2009

und beginne zu verstehen, was es heißt, von privaten Zirkeln in einen öffentlichen
politischen Raum zu treten.
Ich gebe bei der nächsten Sitzung des Wahlstabes mein allseitig gebilligtes Strukturblatt ab, erzähle von meinen Beobachtungen, werde freundschaftlich aufgezogen
(als Landvermesserin bei den Eingeborenen) und frage: «Bin ich damit Durchsetzerin kapitalistischer Normen oder ist das einfach grundlegend für eine vernünftige
Arbeitsorganisation?» Eigentlich habe ich bis heute auf diese Frage keine Antwort
bekommen.
Niemand sagt mir, was ich nun eigentlich für den Wahlkampf tun soll. Alles läuft
auch ziemlich gut. So erledige ich einige der mir übertragenen Verbindungsaufgaben,
helfe ein bisschen organisieren, diskutiere mit und mache Vorschläge, aber hauptsächlich streife ich herum, spreche mit vielen Leuten und werde ein bisschen eine
Art Spezialistin für Kulturschock, d.h. für die gemeinsame Reflektion über die tiefen
kulturellen Unterschiede zwischen Ossis und Wessis.
Ich versuche, etwas Licht in die Geldverteilungsstreitereien zwischen Grünen,
AL, Bündnis 90, Ostgrüne usw. zu bringen. Empört sagt mir Cordula: «Also, wenn ihr
für alles eine Quittung haben wollt, dann behaltet doch euer Scheißgeld.» Protokolle
von Sitzungen scheint es zu geben, aber niemand weiß, wer sie hat und wo sie aufbewahrt werden. Luise sagt mir, dass sie das Westgeld erst zählen müsse. Sie bewahre es
unter dem Bett. Mit Lachen und mit Erschütterung nehme ich teil an den Gehversuchen von einer konspirativen Organisation, in der die Geldverwaltung reine Vertrauenssache ist – am besten möglichst wenige wissen, von wem das Geld kommt und
wofür es verwendet wird, und wo es ein schwerer Fehler ist, darüber ein Protokoll
anzufertigen und dies dann auch noch irgendwo aufzuheben –, hin zum öffentlich
kontrollierbaren Verwalten öffentlicher Gelder.
Zum ersten Mal im Leben nehme ich an einem Wahlkampf teil, in dem die
Verantwortlichen frühestens abends zum Zeitunglesen kommen. Ich war vorbereitet darauf, dass für Leute von der Opposition in der DDR die offiziellen Zeitungen
nicht wichtig sind. Erst jetzt aber beginne ich zu ahnen, wie tief verschieden unsere
Erfahrungen mit Öffentlichkeit sind. In Bonn leben wir Grüne in einem Geflecht
von Informationen, die sich aufeinander beziehen und in dem wir selbst ein Teil
sind. Ein Artikel in der FAZ zeigt mir, wie grüne Ideen konservativ aufgenommen
oder zurückgewiesen werden. Die Nachricht über die CDU-Fraktionssitzung gibt
mir Hinweise, auf wen in der CDU man sich stützen könnte bei einem Antrag
gegen die Colonia Dignidad. Die Nachricht über den Verlauf des Irak-Iran-Kriegs
kann bedeuten, dass Petra Kellys Rüstungsexport-Anfrage vielleicht doch eine
Chance hat usw. usw. Ich bin gewohnt, mich selbst als aktiven Teil von verschiedenen aktiven Gruppen, die selbst wieder Teil einer aktiven Gesellschaft sind, zu
sehen. Jetzt werde ich konfrontiert mit Menschen aus einer Gesellschaft, die keine
Öffentlichkeit kennt, in der es kein aktives Sich-Aufeinander-Beziehen gibt. Informationen wie z.B. Meinungsumfragen, Einschaltquoten oder Fernsehberichte über
eine oppositionelle Demonstration gibt es entweder nicht, oder sie sagen zwar
wie etwa die Auflagenhöhe des Neuen Deutschland oder der Marx-Engels-Ausgabe etwas über den Reichtum und die Macht der SED aus, aber nichts über die
Interessen der Leser. Ich wusste zwar etwas über Osteuropa, aber erst jetzt beginne
ich zu verstehen, dass in der DDR die oppositionellen Zirkel gegen die SED-Macht
nicht nach demokratischen, öffentlichen und westlichen Kriterien lebten, sondern

Elisabeth Weber Bericht über meine ersten Erfahrungen der Zusammenarbeit von Grünen und Bündnis 90

dass sie selbst tief geprägt sind von der erstickten und unfreien Atmosphäre einer
Gesellschaft ohne Öffentlichkeit.
Mit Verblüffung erlebe ich Pressekonferenzen von Bündnis 90, die zwei Stunden
dauern und sowohl von den Journalisten wie auch von Vertretern anderer Organisationen zu Grundsatzdebatten genutzt werden. Ich sehe, dass es Freundschaft und
Vertrauen zu einigen West-Journalisten gibt, aber nicht, weil sie gut berichtet haben,
sondern weil sie sich trauten, Bücher und Materialien hin- und herzutransportieren.
Ich merke, dass Bärbel Artikel über Podiumsdiskussionen, an denen sie teilnahm,
nicht kennt, dass später Jens Reich oder Jochen Gauck mit Interesse zuhören, wenn
ich ihnen erzähle, was in der Zeit über sie stand. «Ach ja, da ist mal einer da gewesen.»
Aber keine Bitte, den Artikel mitzubringen. Menschen, die gewohnt sind, ohne öffentliches Echo zu leben. Menschen, die gewohnt sind, auf eigene Planung mehr oder
weniger zu verzichten. Was man realisieren kann oder nicht, hängt ja sowieso nicht
von einem selbst ab. Wir in Bonn leben in Handlungsketten, die fast automatisch
ablaufen: Eine Veranstaltung wird beschlossen, Referenten einladen, Raum buchen,
Einladungstext schreiben, drucken lassen, verteilen, Tickets buchen usw.
Im Wahlkampf im Haus der Demokratie sind viele bereit zu helfen. Aber es gibt
keinerlei gemeinsame Erfahrung mit solchen funktionierenden Handlungsketten.
Wenn man zufällig jemanden trifft, der den Kirchenvorstand einer Kirche kennt,
wird der Kirchenraum festgemacht. Vielleicht trifft man ihn aber auch nicht. Telefon
haben nur einige. Aber zufällig kommt Biermann vorbei und man kann ihn für die
Veranstaltung gewinnen.
Später im Versuch, Bundestagsfraktion «Die Grünen» und Volkskammerfraktion «Bündnis 90/Grüne» zu verbinden, erlebe ich belustigt den Aufeinanderprall
der verschiedenen Arbeitsweisen. Der West-MdB sagt einem Ostler, er möge einen
Raum reservieren. Dieser hat es aber nicht gemacht, weil der Zuständige nicht zu
Hause war und ist tief erstaunt, dass der Westler ungehalten wird. Ein Ost-MdV bittet
in Bonn jeden West-Mitarbeiter, den er trifft, ihm ein Ticket für den nächsten Tag zu
reservieren. Am nächsten Tag ruft zornbebend unsere Reisestelle an, warum denn
jetzt fünf Tickets gebraucht werden, es wäre doch nur eins zugesagt. Unser Reichstagsbüro verblüfft durch immer hochgestochenere soziokulturell-philosophische
Erklärungen.
Zunehmend merke ich, wie ich selber mich verändere, meine eigene Planungssouveränität über mein eigenes Leben sich entgrenzt. Während ich in Warschau
meine polnische Freundin damit verblüffte, dass ich mir am ersten Tag eine ganze
Woche voll Terminen zusammentelefonierte und diese dann auch mehr oder
weniger exakt einhielt, lasse ich mich jetzt einfach in die andere Lebensweise fallen
und schreibe nach Bonn, dass ich langsam veroste und sie das bei der Auftragsgestaltung bitte berücksichtigen möchten. In Bonn kämpfe ich darum, trotz des PolitikStresses Herrin über meine eigene Zeit zu sein. Jetzt höre ich auf, Bücher zu lesen,
zu schreiben, eine eigene Planung für mich zu machen, lebe nur noch im Zuhören,
Erzählen, Nachdenken und wieder Erzählen. Selten habe ich mich so sehr außerhalb
meiner selbst und sicher in mir selbst gefühlt.
Am 21.2. fahre ich mit Almuth Kottwitz, Bärbel, Klaus Wolfram und Ludwig nach
Schwerin zur zentralen Wahlkampferöffnungsveranstaltung von Bündnis 90. Auf dem
Podium sitzen mehr als zwanzig Kandidaten und Kandidatinnen, die sich nachein­
ander vorstellen. «Ich bin Physiker, habe 3 Kinder, habe in meiner Stadt im Oktober
31

32

Grünes Gedächtnis 2009

die Demonstrationen mit organisiert und die Stasi mit aufgelöst.» Immer wieder
dieselben Sätze. Keine Wahlreklame, keine Versprechungen, kein Beschimpfen des
politischen Gegners. Diejenigen, die an ihren Orten im Herbst die Wende organisiert
haben, stellen sich vor. Eine Diskussion wird gefordert. Immer wieder: «Warum sind
so wenige hier?» Es sind einige Tausend. Ich finde es nicht wenig. Aber sie haben eine
riesige Halle gemietet, die natürlich nicht voll ist. Was haben sie erwartet? Vielleicht
die Hunderttausende der Montagsdemonstrationen. Ich verstehe ihren Schock. Und
ich lächle zu dem Beitrag eines Pommern, der entrüstet protestiert: «Ich bin einverstanden, dass Pommern geteilt ist. Die Oder-Neiße-Grenze muss bleiben. Aber dass
hier die Fahne von Mecklenburg höher hängt und größer ist als die von Vorpommern,
das ist eine Schande.» Die Kommission zur Klärung des Hauptstadtstreits RostockSchwerin berichtet. Ich freue mich, wie ernsthaft und gerade sie über ihre Nachforschungen berichtet.
Eine Grußrede von Hildegard Hamm-Brücher, Grußadressen von Richard von
Weizsäcker und Rita Süßmuth. Wütend flüstert Almuth mir zu: «Bin ich denn hier auf
einer CDU-Veranstaltung? Uns Grünen wurde doch gesagt, dass keine Parteivertreter
reden sollen.»
Später versuche ich ihr zu erklären, dass Menschen, die bei uns nach ihrer Parteizugehörigkeit beurteilt werden, hier nach anderen Kriterien eingeladen werden.
Hildegard Hamm-Brücher hat während der Synode in Rostock abendelang mit der
kirchlichen Opposition diskutiert. Weizsäcker und Süßmuth werden als authentische
Vertreter einer demokratischen politischen Kultur eingeladen.
Welch Abgrund zwischen den politischen Erfahrungen. Oder bin ich schon zu
sehr verostet? Später wird mir von Wessis immer wieder vorgeworfen, dass ich zu
wenig grüne Interessen vertreten, und von Ossis, dass ich zu sehr grüne Parteipolitikerin sei.
Langsam lerne ich die drei Bürgerbewegungen, die sich zum Bündnis 90 für die
Wahl zusammengetan haben, genauer kennen. Zuerst scheint es mir rein zufällig,
welcher von den alten Freunden jetzt in welcher der drei Organisationen gelandet
ist, und für mich sind die alten Freundschaften sowieso eine gute Chance, mich nicht
in die Streitereien zwischen den drei Organisationen hineinziehen zu lassen. Doch
allmählich erkenne ich, dass die drei Organisationen in der Tat eigene Konturen
haben.
Die «Initiative Frieden und Menschenrechte», die einzige offen auftretende
Oppositionsgruppe unabhängig von der Kirche, die es in der DDR gab, besteht in
ihrem inneren Kern aus den alten Oppositionellen, in der Regel mit Knast-, Stasiverfolgungs- und Berufsverbotserfahrung. Mit ihren Schwerpunkten Minderheitenrechte und Europapolitik sind sie mir inhaltlich sehr nahe. Sehr früh treten einzelne
ihrer Mitglieder in bewusster Abgrenzung zu SPD und PDS für die Zusammenarbeit
mit den Grünen der BRD ein. Aber es ist eine sehr kleine Gruppe, meist aus einzelnen
intellektuellen Individuen aus städtischen Milieus bestehend. Eine Verbindung
zwischen diesen alten Oppositionellen und den wenigen neu hinzugekommenen
Leuten scheint kaum gelungen. Manchmal gehe ich sonntagabends zu ihrer Berliner
Mitgliederversammlung. Die Stimmung erinnert mich zuweilen an die Beratungen
an den Westberliner Universitäten während der Studentenbewegung. Ein ähnliches
Auseinanderklaffen zwischen den intellektuellen Autoritäten des SDS und der Basis
an den Instituten. Demokratie Jetzt vereint ein ganz anderes Milieu aus der DDR,

Elisabeth Weber Bericht über meine ersten Erfahrungen der Zusammenarbeit von Grünen und Bündnis 90

das ich so gar nicht mehr erwartet hatte. Mit Achtung und fast Rührung lerne ich
Personen wie Hans-Jürgen Fischbeck, Michael Bartoszek, Konrad Weiß und Wolfgang
Ullmann kennen, Menschen, die in ihren meist akademischen Berufen zwar kein
Berufsverbot, aber keine ihren Fähigkeiten entsprechenden Stellungen hatten.
Ihre Geradheit stützt sich auf bildungsbürgerlich-christliche Werte, die mich an die
Veröffentlichungen der GVP in der BRD und immer wieder an Gustav Heinemann
erinnern. Mein Vater hatte die GVP gewählt, und ich fühle mich an eine wichtige
Oppositionstradition der BRD erinnert, die es aber bei uns seit dem Aufgehen der
GVP in der SPD und seit der Studentenbewegung als eigenes gesellschaftliches Milieu
nicht mehr gibt. In Demokratie Jetzt gibt es eine Kultur der Höflichkeit, des Siezens,
des intellektuellen Gesprächs, der Achtung von gesellschaftlichen Umgangsformen,
von der ich langsam verstehe, wie tief entgegengesetzt sie dem Stasi-System war, wie
sehr sie auch Schutz gegen das Stasi-System bot.
Das Neue Forum lerne ich als Organisation erst langsam kennen. Am 22.2.
fahre ich ins Büro des Neuen Forums, weil ich mit Bärbel verabredet bin. Ich treffe
Michael Kukutz wieder, der jetzt Geschäftsführer des Neuen Forums ist, und er sagt
mir: «Geh doch hoch, Bärbel ist oben. Mittwochs ist immer Republiksprecherrat.» So
gehe ich hoch. Auf der Treppe treffe ich einen Mann mit Bart. Wir stutzen beide. Es
ist Martin Böttger, den ich lange nicht gesehen habe. Wir umarmen uns voll Wiedersehensfreude. Oben sitzt der Republiksprecherrat. Fast nur Männer. Einige kenne ich
von früher – Heiko Lietz und Reinhard Schult natürlich. Aber es sind nicht die alten
Freunde und auch nicht die inhaltlichen Diskussionen, die mich viele Wochen jeden
Mittwoch zum Republiksprecherrat führen. Es ist die Begegnung mit einer Fülle
von Menschen aus der Provinz der DDR, deren Integrität und Aufrichtigkeit mich
bezaubert. Für viele Wochen wird Mittwochmittag einer meiner Lieblingstermine.
Essengehen mit Leuten vom Sprecherrat des Neuen Forums und mir erzählen lassen.
Die einen bereiten eine Veranstaltung zum 17. Juni in Erfurt vor, sammeln Material,
bringen Zeitzeugen zum Sprechen. Die anderen erzählen von der zunehmenden
Feindlichkeit an ihrem Ort gegen die sowjetischen Streitkräfte, erzählen mir von
den Offiziersfrauen, die putzen gehen, von den geheim gehaltenen Umweltschäden
durch die Armee, erzählen mir, wie sie zum sowjetischen Stadtkommandanten gehen
und verhandeln: «Wir sind besorgt über die zunehmende Feindlichkeit Ihnen gegenüber. Wir bieten Ihnen Hilfe und Freundschaft an. Aber bitte kommen auch Sie uns
entgegen. Verringern Sie ihre Tiefflugübungen und legen Sie ihre Einflugschneise
nicht mehr über das städtische Krankenhaus.» Wieder andere erzählen, dass der
Direktor der einzigen Schule in einem Dorf, ehemals Stasi, die Schule abgeschlossen,
in den Westen gegangen und den Schlüssel mitgenommen hat. Das Neue Forum lädt
alle Lehrer ein zu einer Beratung, wie der Schulunterricht weitergehen kann. Fast alle
Lehrer und Lehrerinnen kommen.
In den Gesprächen lerne ich ein Stück DDR kennen, das ich sonst nie hätte
kennenlernen können. Und eine Phase in der Geschichte der DDR, die es vielleicht
nur in der Provinz gab. Bärbel hat recht, wenn sie sagt: «Soviel Freiheit wird es nie
wieder geben.» Manchmal fühle ich mich erinnert an Heyms Schwarzenberg und
kann kaum aufhören, zu fragen und zuzuhören.
Es gibt viele Spannungen zwischen dem eher linken Berliner Arbeitsausschuss
und den eigentlich unpolitischen Leuten aus der Provinz. Später werden diese
Spannungen auch meine ruhige Position einer befreundeten Wessi-Frau angreifen.
33

34

Grünes Gedächtnis 2009

Aber im März und April ist für mich das Neue Forum die unmittelbarste Verkörperung
der Idee von Bürgerbewegung, von «Verantwortung, nicht Macht», von parteiunabhängigem Engagement für das Allgemeinwohl. Manchmal werde ich von Anderen
in der DDR kritisiert: «Du überschätzt das Neue Forum.» Meine Antwort ist: «Ich
überschätze es nicht. Ich liebe es.»
Manchmal kommen Vertreter der West-Grünen ins Haus der Demokratie, offizielle Delegationen oder Vertreter der einzelnen Flügel. Ich versuche ihnen zu erklären,
dass die Bürgerbewegungen der DDR anders sind als wir. Zum einen sind Demokratie,
Ökologie und Feminismus, die in den West-Grünen verbunden sind, in der DDR in
verschiedene Organisationen getrennt. Demokratie, mit den jeweiligen Akzenten
Menschenrechte bei IFM, Rechtsstaat und Bürgerbeteiligung bei DJ, Stasi-Auflösung
und kommunales Bürgerengagement beim Neuen Forum, Ökologie bei der Grünen
Partei und der Grünen Liga, Feminismus beim UFV. Die beiden letzten lerne ich erst
später und viel oberflächlicher kennen. In der Wahlzeit sind andere dafür zuständig,
später habe ich kaum Zeit dafür. Andere Themen, die für die West-Grünen wichtig
sind wie Dritte Welt oder Sozialpolitik sind in allen fünf Organisationen nur am Rande
wichtig.
Der Unterschied liegt aber nicht nur im Getrenntsein der Themen und ihrem
additiven Zusammenfügen im Bündnis der verschiedenen Organisationen. Die
Schemata und Verknüpfungen, die Erkennungsmerkmale der Flügel, die die Grünen
entwickelt haben, passen nicht. Gegen die Parteiform und für Regierungsbeteiligung,
gegen die ersatzlose Streichung des § 218 und für Beteiligung der Vereinigten Linken
– solche Kombinationen gibt es bei den West-Grünen nicht. Die Erfahrungen sind
andere. Die Orientierungen sind nach Zuverlässigkeit in der Illegalität entstanden.
Viele Positionen sind noch abstrakt. Mit Schadenfreude oder Mitleid sehe ich die
Mühen der Flügelvertreter bei ihren Erkundungsversuchen in der DDR. Leider lassen
sich nur wenige dann auf den Prozess des Kennenlernens ein. Neue Freundschaften
etwa zwischen einer feministischen Reala und einer SED-Soziologin sind selten.
Jeden Montag ist ein Großteil der Freunde im Wahlbüro nicht da. Der Runde
Tisch tagt. Die Sitzungen werden im Fernsehen übertragen und in vielen Büros läuft
der Fernseher von früh bis spät. Leider bin ich nur einmal mitgefahren, zur letzten
Sitzung, über den Verfassungsentwurf und den Bericht der Kommission zur Stasi-Auflösung. Die Oktober-Demonstrationen, die Stasi-Auflösung, der Runde Tisch, später
die Volkskammerfraktion – Schritte des Selbständigwerdens einer Gesellschaft. Ich
sehe zugleich, dass Leute, die sich in diesen oder in einem dieser Schritte bewährt
haben, legitimiert sind, für die Opposition zu sprechen. Vielleicht legitimierter als
viele der Bundestagskandidaten, die wenig später auf grünen Landesparteitagen in
entsetzlichem Strömungsgerangel nominiert werden.
Der große helle Raum mit dem riesigen viereckigen Tisch ist angefüllt mit
Menschen. Die Mitte ist leer, aber rings um den Tisch sitzen dicht nebeneinander
die Delegierten der verschiedenen Organisationen, dahinter Berater und von den
Organisationen benannte Experten. Im hinteren Teil einige Stuhlreihen für die Presse.
Reinhard und Ulrike, Poppe und Wolfgang, so viele, die ich aus Hinterzimmern und
Küchen kenne, sitzen hier und diskutieren mit Leidenschaft und Ernst über die
Zukunft ihres Landes. Ich sehe, dass sie hier eine Erfahrung machen, die weit über
unsere Erfahrungen in Bonn hinausgeht. Für einen Augenblick habe ich das Gefühl,
dass in diesem Raum wirklich die Vision einer besseren DDR anwesend ist. Warum

Elisabeth Weber Bericht über meine ersten Erfahrungen der Zusammenarbeit von Grünen und Bündnis 90

konnte die SED dies erst zulassen, als sie selbst am Ende und das Land ruiniert war.
Die Rede von Jens Reich in Schwerin fällt mir ein: «Wir wollen Verantwortung, nicht
Macht.» Hier in diesem Saal scheint dies verwirklicht. Ja, sie haben Verantwortung
und keine Macht. Die neuen Machthaber sind schon am Horizont sichtbar.
Ich war in Warschau während des Runden Tisches, ebenfalls kurz vor seinem
Ende. Ich besuchte damals täglich die langen Pressekonferenzen, in denen Solidarnosc die Ergebnisse der Verhandlungen vorstellte. Eine ähnliche Stimmung von
Aufbruch und ernster Begeisterung. Eine ähnliche Vielfalt von Arbeitsgruppen und
Unterarbeitsgruppen, in denen die Kompetenz der bisher verbotenen und unterdrückten 2. Kultur sich endlich öffentlich einmischen, verhandeln, die Gegenseite
überzeugen, Konsense finden konnte.
Aber als die Runden Tische begannen, sich zu verselbständigen, zogen beide Seiten
den Schlussstrich. Die Aufgabe des Runden Tisches, die Zulassung von Solidarnosc
und die Ausarbeitung eines Wahlgesetzes, war erfüllt. Der Wahlkampf begann und
damit die letzte Phase der sich selbst beschränkenden Revolution. In der Situation,
in der, wie Lenin sagt, «die Herrschenden nicht mehr können und die Beherrschten
nicht mehr wollen» hatte Solidarnosc nicht zu den Gewehren gerufen, sondern den
Runden Tisch als Methode des gewaltfreien Systemwechsels konzipiert.
Für die DDR kam der Runde Tisch zu spät. Anders als in Polen, wo die Bevölkerung damals bereit war, den schwierigen Weg der Reformen mitzutragen und auch
keine andere Möglichkeit hatte, sind die Menschen in der DDR dazu nicht mehr
bereit. Die außerordentliche Möglichkeit der Einheit scheint die Mühen der Reform
aus eigener Kraft überflüssig zu machen. Über Geld, Schulden und Wirtschaft wird in
Niederschönhausen nicht mehr gesprochen.
In der Stadt hängen die Wahlplakate der anderen Parteien. Deutlich sind die
Schriftzüge der SPD-, CDU- und FDP-Zentralen aus Bonn zu erkennen. Wahlveranstaltungen sind angekündigt. Aber von Bündnis 90 scheint kaum jemand Interesse
zu nehmen, zu einer der Veranstaltungen der anderen Parteien hinzugehen. Auch ich
bin nur zu einer Veranstaltung gegangen, einem deutsch-deutschen Frauentreffen,
veranstaltet von der Frauen-Union, der Frauenorganisation der CDU. Hochrangige Gäste aus dem Westen, weibliche MdBs der CDU, auf dem Podium auch Rita
Süßmuth. Im Saal überwiegend Westlerinnen, Frauen der Ost-CDU und Frauen des
UFV, des Neuen Forums und unabhängiger Frauengruppen. Renate Hellwig singt ein
Loblied auf die Marktwirtschaft als wären wir im Staatsbürgerkundeunterricht kurz
nach der Währungsreform. Bärbel Bohley und verschiedene Frauen aus dem UFV
gehen ans Podium. Sie reden sektiererisch und ungeübt, greifen die CDU an, weil
sie die Oder-Neiße-Grenze in Frage stellt. Rita Süßmuth antwortet. Und zu meinem
Erschrecken versucht sie nicht, die jungen DDR-Frauen zu verstehen, sondern weist
sie hochfahrend und autoritär zurecht. Eine Rita Süßmuth, wie ich sie vorher noch
nie erlebt habe. «Die Marktwirtschaft zerstört also die Umwelt. Aber was hat der
Sozialismus gemacht?» Als ob Bärbel Bohley die SED wäre. Ein Schlagabtausch im
Systemvergleich, der mich an die Zeit vor der Studentenbewegung erinnert, als die
Herrschenden bei uns noch nicht gewöhnt waren, auf Veranstaltungen überzeugen
zu müssen.
Anschließend heftige Diskussionen auf den Fluren zwischen den jungen
DDR-Frauen und perlengeschmückten Unternehmerinnen aus dem Rheinland. Ein
Abgrund von gegenseitigem Unverständnis. Ich habe das Gefühl, die CDU-Frauen
35

Unsere Gruppe, die den Wahlkampf von Bündnis 90/Grüne/UFV unterstützt hatte,
schrieb einen gemeinsamen Abschlussbericht an den Fraktionsvorstand und schlug
einstimmig vor, ein Verbindungsbüro der grünen Bundestagsfraktion zur Volkskammerfraktion Bündnis 90/Grüne in unserem kleinen Reichstagsbüro einzurichten und
so die Zusammenarbeit unter neuen Bedingungen fortzusetzen. Der Fraktionsvorstand stimmte am nächsten Tag zu. Unser Fraktionsgeschäftsführer Michael Vesper
schrieb eine interne Stellenausschreibung. Bewerbungsfrist innerhalb von 5 Tagen.
Ich überlegte vier Tage, dann ging ich zu Michael Vesper, bewarb mich, der Vorstand
entschied und am Tag darauf flog ich erneut nach Berlin. Die Herausforderungen und
Möglichkeiten waren zu deutlich, zu interessant, zu richtig, um einfach aufzuhören.

36

Grünes Gedächtnis 2009

fahren kopfschüttelnd nach Hause mit der festen Überzeugung, dass es in der DDR
nur missgeleitete SED-Anhänger gibt, die man so gründlich wie möglich umerziehen
muss.
Der schönste Abend ist die zentrale Wahlveranstaltung von Bündnis 90 für
Berlin. Der Raum ist die Gethsemanekirche, eine der wenigen Versammlungsmöglichkeiten der Opposition vor der Wende. Die Kirche ist überfüllt mit Menschen.
Bärbel moderiert, Wolf Biermann singt, vorne stellen sich alle Berliner Kandidaten und Kandidatinnen auf: Jens Reich und Marianne Birthler, Gerd Poppe und
Sebastian Pflugbeil, Eberhard Seidel und Hans-Jürgen Fischbeck. Es ist ein großes
Familientreffen der Opposition. Viele haben Tränen in den Augen: Wird es je wieder
so sein? Zum letzten Mal die stille leise Kultur der DDR-Opposition. Die einfache
Sprache der Fürbittgebete: «Ich zünde eine Kerze an und denke an meine Freundin,
die Angst hat, morgen verhaftet zu werden. Ich zünde eine Kerze an und denke an
meinen Onkel, der bei der Stasi ist und nicht den Mut hat, auszusteigen. Ich denke an
meine Freundin im Knast, die Angst um ihre Kinder hat. Wie wird es weitergehen?»
Die Kandidaten stellen sich noch einmal in dieser Sprache vor: «Ich bin Physiker»,
sagt Sebastian Pflugbeil. «Ich zweifle an allem. Nur in einem bin ich sicher. Dass die
Atomkraftwerke gefährlich sind.» Diese Sprache ist jetzt nicht mehr nötig. Aber wie
schön ist sie.
Am 17. und 18. März tagt unsere Ost-West-Gruppe, erstmals im Reichstag, am 18.
abends Wahlfete im Haus der Demokratie. Alles ist überfüllt. Nachdem klar ist, dass
Bündnis 90 nicht einmal 5% bekommen hat, weniger als die PDS, dass die CDU hoch
gewonnen hat, breitet sich Wut, Enttäuschung und Depression aus. Ich hatte kein
wesentlich höheres Ergebnis erwartet. Warum soll eine solche Opposition in einer
Gesellschaft, die viel autoritärer und undemokratischer ist als die unserige mehr
Stimmen bekommen als wir? Aber meine Argumente und meine Gelassenheit greifen
nicht. Zu nah ist die Erinnerung an die großen Demonstrationen, an die Rufe von
Zehntausenden: «Wir sind das Volk», «Neues Forum, Neues Forum.»
Am nächsten Morgen Pressekonferenz. Erste Namen der durchgekommenen
Kandidaten werden genannt: Jochen Gauck, Ilse Nierade, Günter Nooke, Jens,
Marianne, Konrad, Ullmann. Poppe ist noch unklar.
Jürgen war an diesem Wochenende mitgekommen, und wir fahren gemeinsam
mit dem Auto zurück. Am nächsten Tag wieder nach Bonn. Auftrag erledigt.

Namensliste zum Bericht von Elisabeth Weber
Almuth Kottwitz
Bärbel Bohley
Bernd Eisenfeld
Carlo Jordan
Christiane Ziller
David Warszawski
	 (Pseudonym für Konstanty Gebert)
Dietrich Wetzel
Dirk Schneider
Eberhard Seidel
Elsbeth Zylla
Eva Reich
Freya Klier

Elisabeth Weber Bericht über meine ersten Erfahrungen der Zusammenarbeit von Grünen und Bündnis 90

Gerd Poppe
Günter Nooke
György Dalos
Hans-Jürgen Fischbeck
Heiko Lietz
Helmut Lippelt
Helmuth Frauendorfer
Ilse Nierade-König
Irena Kukutz

Marianne Birthler
Marion Seelig
Martin Böttger
Michael Bartoszek
Michael Kukutz
Milan Horácˇek
Petra Kelly
Raja (Raissa) Orlowa-Kopelew
Ralf Hirsch
Reinhard Schult
Reinhard Weißhuhn
Roland Jahn
Rolf Henrich
Rudolf Schäfer
Sebastian Pflugbeil
Sibylle Plogstedt
Stefan Heym
Stephan Bickhardt
Thomas Klein
Uli Fischer
Ulrike Poppe
Wolf Biermann
Wolfgang Ullmann

Jens Reich
Jochen (Joachim) Gauck
Jürgen Fuchs
Jutta Seidel
Katja Havemann
Katrin Eigenfeld
Kazimierz Wóycicki
Klaus Freymuth
Klaus Wolfram
Konrad Weiß
Lew Kopelew
Lotte Templin
Ludwig Mehlhorn
Luise Schramm
Lukas Beckmann

37

Anne Ulrich

Ohne Frauen ist kein Staat zu
machen
Der frauenpolitische Aufbruch im Winter 1989/90 und
der Unabhängige Frauenverband
Jetzt ist es also schon fast ein halbes Leben her, dass ostdeutsche Frauen mit der
Überzeugung auf die Straße gingen, dass nun «niemand mehr um die Frauenfrage
herumkomme». Der Staub von Einheitserfahrungen, sozialpolitischen Umbrüchen
und neuen bösen Konflikten in der Welt liegt darüber. 1989/90 gab es viele Ängste,
aber vor allem gab es enorme Hoffnung, eine, wie wir längst wissen, überzogene, aber
wirkmächtige Euphorie und leidenschaftliches Engagement, aus dem so manches
in den politischen Biographien bis heute nachwirkt. Wie davon heute berichten?
Erinnern an 1989 braucht bereits das Erzählen, und dieses kann auch dafür nützlich
sein zu überlegen, wo Ambitionen, Ziele und Konflikte der Wende- und Nachwendezeit eben Geschichte sind und wo sie – in welcher Weise modifiziert – womöglich
in Aspekten aktuell geblieben sind. Ein in vielen Varianten diskutiertes Thema der
Zeit war die Frage, ob DDR-Frauen gegenüber den westdeutschen Schwestern aus
40 Jahren Realsozialismus einen Emanzipationsvorsprung mitbrachten oder ob vor
allem feministisches Niemandsland zu erwarten sei. Wie sich herausstellte, stimmte
irgendwie beides, und vice versa konnten die Ost- den Westdeutschen vorhalten,
sich um Kopfgeburten zu zerstreiten, wo es um Ökonomie ging. Es dauerte etwas, bis
der Reformbedarf sowohl der sozialistischen Arbeitsreligion als auch des europäisch
hinterherhinkenden Ernährermodells verstanden war – bereits getrübt vom Sachverhalt, dass in der Politik zur deutschen Einheit Fraueninteressen eine sehr untergeordnete Rolle spielten.1 Jedenfalls haben viele frauenbewegte Frauen im Westen den
politischen Aufbruch der ostdeutschen Schwestern – und speziell das Experiment
«Unabhängiger Frauenverband (UFV)» – teils skeptisch, aber doch auch mit einiger
Hoffnung auf einen gesamtdeutschen Impuls verfolgt.
Ich werde hier in Spots einige Aspekte der Entwicklung von Frauenaufbrüchen
und UFV-Geschichte beleuchten, um damit hoffentlich auch Gesprächsstoff darüber
zu bieten, was zu lernen bliebe.

Tatsächlich war Gleichberechtigung der Frauen Verfassungsgrundsatz und Staatsauftrag seit der ersten Verfassung der DDR. «Mann und Frau sind gleichberechtigt. Alle
Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen,
sind aufgehoben» (1949, Art. 7). «Die Förderung der Frau, besonders in der beruf1	

38

Vgl. Anne Hampele Ulrich: Frauen- und Geschlechterpolitik im vereinten Deutschland, in:
Rainer Hufnagel und Titus Simon (Hrsg.): Problemfall Deutsche Einheit, Wiesbaden 2004. S.
243-264.

Grünes Gedächtnis 2009

Frauenpolitik in der DDR: Staatlich kontrollierte Emanzipation

Anne Ulrich Ohne Frauen ist kein Staat zu machen

Flugblatt zu einer Demonstration gegen den § 218 im Juni 1990, ursprünglich Flugblatt der
Lila Offensive

lichen Qualifizierung, ist eine gesellschaftliche und staatliche Aufgabe» (1968, Art. 20).
Infolgedessen waren Frauen in der DDR überwiegend erwerbstätige Mütter, flankiert
durch umfangreiche arbeitsrechtliche und – seit den 70er Jahre unter Honecker
forcierte – sozialpolitische Maßnahmen, entsprechend ökonomisch eigenständig und
darin durchaus selbstbewusst. Die kritischen Fraueninitiativen zielten freilich auf die
39

spezifische Konstruktion dieses Emanzipationsmodells: Sozialistische Gleichberechtigung, Aushandlung ihrer Ziele und Methoden und Beteiligung von Frauen konnte
nur im Rahmen des herrschenden Ordnungskonzepts des Demokratischen Sozialismus stattfinden, einem auf Lenin zurückgehenden Ordnungskonzept der hierarchischen Durchsetzung von Entscheidungen unter Anerkennung der «führenden
Rolle» der Staatspartei, nach der Blockparteien, Massenorganisationen und Staat
funktionieren sollten mit dem Ziel, die «einheitliche Leitung» der gesellschaftlichen
Prozesse zu gewährleisten – und dabei politischen Pluralismus oder gar Opposition
auszuschließen. Das Handeln der Frauen hatte den staatlichen Zielen zu dienen.
Die politisch-weltanschaulich gewollte und zugleich volkswirtschaftlich notwendige Vollerwerbstätigkeit der Frauen wurde in der realsozialistischen Sicht der Dinge
bereits als Teilhabe am staatlichen Prozess definiert: «Indem nämlich die Arbeiterinnen um ökonomische Erfolge in der Produktion ringen, würden sie zugleich ihren
sozialistischen Staat stärken, der allein ihre wirkliche Gleichberechtigung garantieren
könnte. Durch ihre Berufstätigkeit leisteten die Frauen also ihren spezifischen Beitrag
zum Aufbau des Sozialismus.»2 Die Frauenzeitschrift Für Dich titelte 1982 ganz in
diesem Sinne: «Wir machen Staat – und er macht uns.» Im Rahmen dieser staatlich
kalkulierten Emanzipation wurde erwartet, dass der Anspruch auf Gleichberechtigung nur in einer Weise erhoben wurde, in der sich der paternalistische Staat, der die
Gleichberechtigung gewährte, einem Streit um Ziele und Konzepte nicht zu öffnen
brauchte. Ein klassisches Resultat war, dass Frauenpolitik «Mutti-Politik» bleiben
konnte. Sie zielte auf die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Berufstätigkeit und
richtete sich ziemlich ausschließlich an die mehrfach belasteten Mütter, nicht an die
Väter und kinderlosen Frauen.
Tatsächlich konnte die Ära der «Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik»
unter SED-Chef Honecker – als Gegenzug zur Absage an Wachstumseuphorie und
Kommunismusversprechen – erfolgreich als neuer Gesellschaftsvertrag gerade
für jüngere Familien etabliert werden. Auf dem Weg gelang auch weitgehend, sich
gegen die Versuchungen der neuen westlichen Frauenbewegungen zu immunisieren. In Reaktion auf die § 218-Proteste wurde 1971 das Abtreibungsrecht liberalisiert, und noch in den Achtzigern wurde verlautbart, Feminismus sei in der DDR
nicht nötig, weil hier die Frauenfrage sozialpolitisch gelöst sei. Der Deal «sozialistisch-paternalistischer Wohlfahrtsstaat gegen Loyalität» nutzte sich allerdings im
Zuge der wirtschaftlichen Entwicklungen ab. Die jüngeren Leute waren gegenüber
der Honecker-DDR weder idealisierend noch dankbar, sie war Normalität und wurde
an ihren Selbstbeschreibungen und Versprechen gemessen. Gerade auch hinsichtlich
der Situation von Frauen und den Tabus der Frauenpolitik brachte die DDR mit der
Erosion ihrer wirtschaftspolitischen Kraft ihr Kritikpotenzial hervor.

Was in der realsozialistischen Welt auf jeden Fall nicht vorgesehen war, war Selbstorganisation. Während die späten Siebziger im Westen den sozialen Bewegungen
und ihrer Institutionalisierung gehörten, hatte sich im Osten, ohne liberal-mediale
Öffentlichkeit, eher eine alternative Nischenkultur entwickelt. Als mit den Achtzi2	

40

Gabriele Gast: Die politische Rolle der Frau in der DDR, Düsseldorf 1973, S. 32.

Grünes Gedächtnis 2009

Grassroots in den letzten Jahren der DDR

gern außerhalb staatlicher Regulierung und Auftragsvergabe informelle Gruppen
entstanden, die sich mit liegengebliebenen Themen außerhalb des offiziellen
Kanons der Politik befassten, wie Grenzen des Wachstums, Militarismus und Frieden,
globale Gerechtigkeit, Geschlechterverhältnisse, da taten sie dies unter teils hohen
persönlichen Risiken und in stark voneinander abgeschiedenen Szenen. Insbesondere Wissenschaft und parteireformerische Gruppen, staatliche Klubszene und die
zweifelsohne wichtigste Teil-Öffentlichkeit, die evangelische Kirche, blieben stark
voneinander abgeschottet, der Diskussionsprozess blieb notwendig fragmentarischer, die Akteurinnen wussten größtenteils sehr wenig oder nichts voneinander.
Dass es jenseits der offiziellen Forschung zur «Frau in der sozialistischen Gesellschaft» feministisch versierte Wissenschaftlerinnen gab, fiel andernorts erst auf, als
diese sich im November 1989 an die neu entstehende Öffentlichkeit wandten. Sie
wiederum dürften wenig davon gewusst haben, dass unter dem Dach der Kirche
– und nicht jederzeit zur reinen Freude der Kirchenleitungen – eine Frauen-Szene
bestand, die die Traditionen und Institutionen der Kirche (offene Arbeit, Frauenarbeit, Gottesdienste, Kirchentage, Auslandskontakte der Gemeinden und Studentengemeinden etc.) nutzen konnten, um Debatten anzustoßen und zu sozialisieren.
Die «Frauen für den Frieden» (Kontext Nachrüstungsdebatte und Wehrdienstgesetz)
gingen schließlich überwiegend in die gemischtgeschlechtlichen allgemeinpolitischen Oppositionsgruppen, andere Gruppen bestanden fort oder entstanden zum
Ende der Achtziger hin überhaupt erst.

Anne Ulrich Ohne Frauen ist kein Staat zu machen

Innere Öffnung im Herbst 1989: Aufbruch der Teil-Öffentlichkeiten
In der finalen Krise von Regierung, Gesellschaft und Staat meldeten sich frauenbewegte Frauen erst zu Wort, als sich andere Oppositionsgruppen schon formiert
hatten. Bei den meisten wird eine Rolle gespielt haben, dass zuerst die «allgemeine»
Politik und Befreiung zu stehen habe – Haupt- und Nebenwiderspruch in der Revolution der Kerzen. Noch im September 1989 wurden bei einem Vernetzungstreffen im
thüringischen «frauenbewegten Ballungsgebiet»3 (O-Ton Interview) eine verbindlichere Organisation der Frauen und ein Rundbrief verabredet, die Realisierung aber
verschoben zugunsten des «allgemeinpolitischen» Engagements für die Zurückdrängung der «alten Macht». In Thüringen wie in Berlin gab dann aber den Ausschlag
für frauenpolitische Einmischung, dass die Frauen-Anliegen in den Statements der
Oppositionsgruppen schlicht keine Rolle spielten, so dass Frauen schließlich die
Einmischung in eigener Sache beschlossen.
Nach dem Antrag des Neuen Forums auf staatliche Anerkennung schritten
Thüringerinnen doch zur Tat. Als Bürgerinneninitiative Frauen für Veränderung
veröffentlichten sie am 12. Oktober 1989 einen Offenen Brief, in dem sie ihre Betroffenheit über Massenausreise und staatliche Ignoranz aussprachen, und legten
ein Diskussionspapier «Überlegungen zu gesellschaftlichen Veränderungen im
Hinblick auf Gerechtigkeit, Frieden, Ökologie und Gleichberechtigung» vor. Gefordert wurden die demokratische Erneuerung der Gesellschaft, «um den Sozialismus
3	

Alle O-Töne entstammen Interviews, die die Autorin für ihre Dissertation zum UFV geführt hat.
Sie sind nachzulesen in: Anne Hampele Ulrich: Der Unabhängige Frauenverband. Ein frauenpolitisches Experiment im deutschen Vereinigungsprozess, Berlin 2000.
41

4	
5	

42

Petra Streit 1989, zitiert in: Anne Hampele Ulrich: Der Unabhängige Frauenverband. Ein frauenpolitisches Experiment im deutschen Vereinigungsprozess, Berlin 2000, S. 65.
Irene Dölling u.a.: Geht die Erneuerung an uns Frauen vorbei?, in: Berliner Zeitung, 7.11.1989.

Grünes Gedächtnis 2009

lebbarer zu machen», die gesetzliche Verankerung der Gleichberechtigung sowie
Vorschläge zu unterschiedlichen Politikfeldern unter Maßgabe einer Beteiligung der
Frauen. Schritte hin zu einer eigenen Infrastruktur wurden konkretisiert. «Die Zeit
der Nur-Bestandsaufnahme ist für viele Frauen in der DDR vorüber. […] Die Veränderungen, die wir wollen, müssen wir auch selbst schaffen.»4 Gedacht war an einen
Selbsthilfefonds, eine Gleichstellungsvertretung und ein Frauenzentrum in Erfurt.
Frauen-Initiativen gegen die Ignoranz der Oppositionellen entstanden, wo etwa,
wie beim Neuen Forum Leipzig, wortführende Männer vertraten: «Wozu Quote? Da
brauchen wir auch Quoten für Brillenträger». (O-Ton Interview)
In Berlin wandten sich Wissenschaftlerinnen, die teils seit geraumer Zeit an der
Etablierung eines Netzwerks von Frauenforscherinnen arbeiteten, am 6.11.89 in
einem Offenen Brief an die Parteiführung: «In dem jetzt in Gang gekommenen Dialog
spielen die Interessen von Frauen bislang eine untergeordnete Rolle. In unserer
Gesellschaft existiert kein Bewusstsein über die reale Lage der Frauen und ihren
Ausschluss aus den wichtigsten Entscheidungsbereichen.»5 Sie forderten Politikberatung durch öffentliche Diskussion ihrer Forschungserkenntnisse und die «Zulassung
einer selbständigen Frauenbewegung».
Hier am Regierungssitz, wo die Beschleunigung der politischen Ereignisse
vielleicht am dichtesten zu erleben war, traten jetzt diverse Frauengruppen auf,
darunter auch die «Lila Offensive (Lilo)» mit Katrin Rohnstock, Christina Schenk, Ev
Labsch u.a. Sie rief mit einem Flugblatt «Frauen in die Offensive!» zur Teilnahme an
der bis dato größten nichtstaatlichen Berliner Demonstration am 4. November auf:
«Wir wollen uns in den Prozess der sozialistischen Erneuerung einmischen [...] und
dies bewusst aus der Sicht von Frauen tun. […] Wir kämpfen für eine sozialistische
Gesellschaft ohne patriarchale Verhältnisse. – Gemeinsam mit Männern!» Lilo legte
einige Papiere zu einer feministischen Kritik der DDR-Frauenpolitik und Positionen
zur anlaufenden Reform der Gesellschaft vor, die später Eingang in die Programmatik
des sich gründenden UFV finden sollten. Die Stellung der Geschlechter könne nicht
nur als ökonomisches, sondern müsse als sozialpsychologisches Thema angegangen
werden. Es bedürfe «außer sozialistischen Produktionsverhältnissen eines tiefgreifenden Wandels des gesellschaftlichen Bewusstseins, der geistigen Kultur […] und
der Gesellschaft». Der Weg zu Gleichstellung und gleicher Wertigkeit verlange grundsätzlich eine Veränderung in der gesellschaftlichen Stellung der Männer. Lilo werde
sich jedoch «auf die Belange der Frauen konzentrieren» und politischen Einfluss
ausgehend vom Ort und den Interessen der Frauen suchen.
Als das nächste Erfurter Vernetzungstreffen am 2. Dezember 1989 stattfand,
hatten sich in Berlin bereits die Ereignisse überschlagen. Regierung und Politbüro waren Anfang Dezember zurückgetreten. Die Staatsgrenze war seit dem 9.
November offen, die Massendemonstrationen forderten die deutsche Einheit. Die
Kontaktgruppe einiger Bürgerrechtler/innen bereitete seit Oktober konspirativ, seit
November in diplomatischen Gesprächen mit der SED-Führung, die Einberufung
eines Runden Tisches vor, «um Möglichkeiten gemeinsamen politischen Handelns

Anne Ulrich Ohne Frauen ist kein Staat zu machen

zu besprechen»6. In der neuen Luft öffentlicher Reformdebatten entstanden neue
Dynamiken auch daraus, dass Frauen aus bisher nicht miteinander in Kontakt
stehenden Bereichen zusammentrafen, um Strategien der Einmischung zu beraten.
Spezielle Wirkungen entfaltete eine solche öffentliche Debatte, zu der Lilo zum 23.
November in die Berliner Gethsemanekirche eingeladen hatte. Hier trafen sich neben
Lilo diverse Einzelne und Gruppen, u.a. die «Lesben in der Kirche», Initiativen wie
«Matilde» und «Erster Weiblicher Aufbruch (EWA)», aus denen später Frauenzentren
hervorgingen, Frauen vom FDJ-unterstützten, homosexuellen Sonntagsclub, aus
der stark staatlich kontrollierten Wissenschaft wie z.B. SOFI – Sozialistische (später
Solidarische) Fraueninitiative, eine Frauengruppe aus der Hochschule für Ökonomie
und Frauen aus Theater, Pädagogik, Verlagen u.a. Einführend forderte die Gemeindepädagogin Ev Labsch, «dass für die Frauenproblematik ein öffentliches Bewusstsein wächst» und «dass Frauenpolitik von Frauen selbst gestaltet wird». Am Ende
entstand eine Initiativgruppe, die einen «Aufruf an alle Frauen» verfasste. Dieser
wurde republikweit über die staatliche Nachrichtenagentur ADN und den Rundfunk
verbreitet und rief dazu auf, «eine angemessene politische Interessenvertretung von
Frauen» zu schaffen und sich zu dem Zweck am 3. Dezember in der Berliner Volksbühne zu versammeln, wo sich für den Tag Schauspielerinnen zu einem «FrauenSpektakel» verabredet hatten. So kam es, dass bei dem lang verabredeten Erfurter
Treffen dieses – kurzfristig für den Folgetag geplante – Berliner Treffen angekündigt
und durchaus kontrovers diskutiert wurde. Einige der Thüringer Frauen fühlten
sich überrumpelt (die Konkurrenz zwischen «Provinz» und «Hauptstadt» hatte in
der DDR eine gut gepflegte Tradition), manche sprachen von einem Wunder. Einige
nahmen dann an dem Volksbühne-Treffen teil, bei dem spontan die UFV-Gründung
beschlossen wurde.
An diesem Frauen-Spektakel in der Volksbühne am 3. Dezember 1989 haben ca.
1.200 Frauen und einige Männer teilgenommen, die sich sowie rund 60 Initiativen
vertraten. Die Frauen trugen eine breite Palette von Kritik und Forderungen vor. Auch
ein Konzept für ein Gleichstellungs-Ministerium wurde präsentiert. Die als Gastgeberin fungierende Schauspielerin Walfriede Schmitt trug ein Thesenpapier der zur
Initiativgruppe gehörenden Kulturwissenschaftlerin Ina Merkel vor: «Einige FrauenFragen an ein alternatives Gesellschaftskonzept oder Manifest für eine autonome
Frauenbewegung.» Darin wurde abschließend die Gründung einer Organisation
gefordert, die die Frauen in den anlaufenden gesellschaftlichen Reformprozessen
vertreten sollte. Dieses «Manifest» wurde per Akklamation zum provisorischen
Gründungsprogramm des hier proklamierten Unabhängigen Frauenverbandes. Die
Verfasserin und die Vortragende wurden spontan zu Sprecherinnen gewählt, die die
Frauen bei dem vier Tage später erstmals zusammenkommenden Zentralen Runden
Tisch vertreten sollten. Ganz offensichtlich hatten die dann am 7.12.89 vor der Tür
dieses taufrischen Revolutionsgremiums protestierenden Frauen keine Vorstellung von den diffizilen diplomatischen Aushandlungsprozessen, die der Einberufung dieser außergewöhnlichen Mediationsinstanz zwischen Staat und Opposition

6	

Wolfgang Ullmann: Ansprache in der Berliner Gethsemanekirche am 27.10.1989, in: Wolfram
Bürger und Michael Weichenhan (Hrsg.): Demokratie – jetzt oder nie! Perspektiven der Gerechtigkeit, München 1990, S. 147f.
43

vorausgegangen waren.7 Die Formulierung im «Manifest», durch eine Verbandsgründung «die Repräsentanz bei Modrow am Runden Tisch unmittelbar zu sichern», zeigt,
dass die entsprechende Zeitungsmeldung gar ganz missverstanden worden war. Die
Regierung Modrow war im parlamentarisch arbeitenden Gremium nicht vertreten,
und der runde Tisch war ganz sicher keine Einrichtung «bei Modrow». Ihre schließliche Zulassung zur zweiten Sitzung verdankten die UFV-Frauen – ebenso wie die
ebenfalls spät gegründete Grüne Liga – vor allem der engagierten Vermittlung von
Wolfgang Ullmann, der die Symmetrie des Runden Tisches wesentlich mit ausgehandelt hatte und der die Meinung vertrat, dass «angesichts der politischen Bedeutung
der Frauengleichstellungsfrage die Frauen auf jeden Fall am Runden Tisch» beteiligt
sein sollten.8

Eine UFV-Mitgründerin aus einer kirchlichen Frauengruppe konstatierte rückblickend: «Die Gründung eines unabhängigen Frauenverbandes war die Möglichkeit,
über den Suppenschüsselrand Kirche hinauszukommen, aus der Gruppenisolation herauszukommen, dem DFD etwas entgegenzusetzen.»(O-Ton Interview) Sie
genoss die Innovation, sich als Zusammenschluss von Frauen mit gemeinsamen
Erfahrungen und Interessen über weltanschauliche Grenzen hinweg politisch zu
organisieren. Dieses Organisationskonzept war allerdings in einer Situation, in der
sich «alte Macht» und Opposition revolutionär gegenüberstanden, nicht unbedingt
eingängig, und diese Konfrontation fokussierte sich am Runden Tisch und führte zu
teils anhaltenden Spannungen zwischen UFV-Vertreterinnen und den weltanschaulich «sortierteren» kirchlich-sozialethischen Oppositionsgruppen und zwar, weil die
Kulturen dort unvermittelt aufeinander krachten.
Die aufgrund ihrer Manifest-Autorenschaft zur Sprecherin bestimmte Ina Merkel
war SED-Mitglied – was als U-Boot der Staatsseite begriffen wurde und zu massiven
atmosphärisch-kulturellen Störungen zwischen kirchlichen respektive sozial­
ethischen Gruppen und UVF führte. Die Mischung der Fronten zwischen Staatsseite/
SED und Bürgerrechtsseite erschien ihnen zu dem Zeitpunkt und in der Situation
keinesfalls tolerierbar. Auch als die entschieden parteilose Soziologin Uta Röth als
Sprecherin nachrückte, hatte sie hartnäckig unter dem Vorwurf zu leiden, «SED-Frau»
zu sein, nachdem sie in der Akademie darunter zu leiden gehabt hatte, dass sie nicht
Parteimitglied geworden war – eine skurrile Situation. Paradebeispiel dafür, wie das
Aufbrechen der bisher getrennten Teilöffentlichkeiten nicht in der kurzen Zeit unter
den gegebenen Befindlichkeiten und Handlungszwängen nutzbar gemacht werden
konnte. Die Auswahl des politischen Personals war in der spontanen Kürze der Zeit
ganz sicher von vielen – vermutlich die Akademikerinnen bevorzugenden – Zufällen
geprägt. Die biografie-politische Auseinandersetzung zwischen in der DDR staatsfernen und staatsnahen Feministinnen begleitete zwangsläufig die Geschichte des
auf die beschriebene Weise zustande gekommenen UFV und eben auch die Kooperation mit den homogen staatsfernen Gruppen auch innerhalb des UFV. Die im UFV
aktive Feministin Samirah Kenawi wies darauf hin, es habe unter den bewegten
7	
8	

44

Vgl. Uwe Thaysen: Der Runde Tisch oder: Wo blieb das Volk?, Opladen 1990.
Ullmann, a. a. O.

Grünes Gedächtnis 2009

Der UFV am Runden Tisch

Anne Ulrich Ohne Frauen ist kein Staat zu machen

Frauen durchaus teils ein «schizophrenes» Verhältnis zum DDR-Staat gegeben, wo
die Kritik mehr dem Patriarchat als der Diktatur gegolten habe. Manche Beteiligten
fanden wiederum, dass in den sozialethischen Gruppen das frauenbewegte Anliegen
kein Verständnis gefunden habe (Modell «Quote für Brillenträger»), und der generalisierte Vorwurf gegen die Feministinnen, «staatsnah» zu sein, habe auch dazu gedient,
hierüber hinwegzutäuschen. Belege finden sich für beide Lesarten, Mischformen
eingeschlossen. Dieser Konflikt wirkte auch noch bis in die Parteibildungsprozesse
der ostdeutschen Opposition mit den westdeutschen Grünen hinein und fand nicht
zuletzt im gesamtdeutschen Bundestag ein skurriles Nachspiel, als Konrad Weiss
versuchte, den Druck des § 218-Antrag der UFV-MdB Christina Schenk auf Bundestagspapier zu verhindern.
Das frauenpolitische Engagement am Zentralen Runden Tisch wurde u.a.
sichtbar in dessen zentralem Dokument, dem Entwurf einer neuen Verfassung, der
schließlich einen Passus gegen Diskriminierung und das Staatsziel der Förderung von
Gleichstellung enthielt sowie das Recht der Frauen festschrieb, über einen Schwangerschaftsabbruch selbst zu entscheiden. In der auf Initiative des UFV ab Januar
tagenden AG Gleichstellung, die auch als Gleichstellungsstelle des Runden Tisches
selbst fungierte, waren Grüne Liga, IFM, SDP (Eva Kunz), VL und Organisationen der
«alten DDR» (DFD, SED, PDS, FDGB u.a.) vertreten, nicht aber CDU und Demokratischer Aufbruch. Gleichstellungsfragen und Instrumentarien zu ihrer Realisierung
bildeten die zentralen Forderungen des UFV am Runden Tisch. Nachdem er sich
schon Mitte Dezember mit der Forderung nach einem Staatssekretariat für Gleichstellungsfragen an den Ministerpräsidenten Modrow gewandt hatte, wurde in einem
Gespräch zwischen AG und Regierung Unterstützung für die Gleichstellungsfragen
und Sekretariatsforderung zugesagt. Dafür, dass die Forderung nach Gleichstellungsstellen und -ressourcen unter der kommenden Volkskammerregierung bis in die
Kommunen hohe Priorität genoss, war die prominente und streitbare Vertretung des
Themas am zentralen Runden Tisch ohne Zweifel eine relevante Voraussetzung.
Die Sozialcharta ist ein zweites geschichtsträchtiges Dokument der Arbeit des
UFV am Zentralen Runden Tisch. Sie wurde im Februar 1990 formuliert, unter bereits
dramatisch veränderten Vorzeichen. Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich bereits
eine Vereinigungspolitik (Wirtschafts-, Währungs- und Verkehrsunion) ab, weshalb
Rundtisch-Proklamationen sich bereits stark auch an die bundesdeutsche Regierung
adressierten, und die DDR-Regierung unter De Maizière, nach dem «Sturm» auf die
Stasi-Zentrale Normannenstraße massiv unter innerem sicherheitspolitischen Druck,
hatte die Rundtischfraktionen der Opposition gebeten, einer «Regierung der nationalen Verantwortung» beizutreten. Für den UFV gehörte zu diesen «Ministern ohne
Geschäftsbereich» Tatjana Böhm, die dann die Sozialcharta bei der UFV-Gründungsversammlung vorstellte und beim Bonn-Besuch der Regierungsdelegation gegenüber
der bundesdeutschen Seite vertrat. Diese Charta bildete einen Katalog sozial- und
arbeitsrechtlicher Standards unter geschlechter- und frauenpolitischen Gesichtspunkten, die die gesellschaftlichen Reformen flankieren sollten. Dazu gehörten das
Recht auf Schwangerschaftsunterbrechung nach DDR-Fristenregelung, Mieterschutz
und Mietpreisbindung, bedarfsdeckende Kinderbetreuung als Bedingung der Vereinbarkeit von Beruf und Elternschaft, Sicherung der arbeitsrechtlichen Regelungen
zum Elternschutz und Sicherung eines Grundeinkommens. Der Runde Tisch forderte
im Februar die weitere Ausarbeitung durch einen gesamtdeutschen Runden Tisch zu
45

sozialpolitischen Fragen, um die «sozialpolitischen Errungenschaften beider Seiten»
zu harmonisieren und in die Vereinigungspolitik zu retten. Obwohl im März von
der Volkskammer beschlossen, gelang es nicht, Sozialcharta-Kriterien im Weiteren
relevant für die anlaufenden Verhandlungen zur Wirtschaftsreform und Währungsunion zu machen.

Freie Wahlen zur DDR-Volkskammer vorzubereiten war eine zentrale, vielleicht die
historisch wesentliche Aufgabe des Runden Tisches gewesen. Im Januar 1990 hatte
man sich auf ein Wahlgesetz geeinigt, das neben Parteien auch die Kandidatur
von Bewegungen und Listenverbindungen zuließ, die sich hierfür freilich formell
konstituieren mussten. Die offizielle Gründung des UFV, bei dem er sich Programm
und Statut gab, fand daher erst am 17. Februar 1990 statt. Westdeutsche Mitgliedschaft wurde ausgeschlossen und erst 1993 erlaubt. Doppelmitgliedschaften sollten
erlaubt sein, um Frauen «über alle sozialen und weltanschaulichen Schranken
hinweg» aufnehmen und vertreten zu können. Die Organisation sollte dezentral und
rätedemokratisch beschaffen sein. Zentrales Ziel: reale Gleichstellung im Rahmen
einer «Lösung der deutschen Frage, vor der sich die Europäer nicht fürchten müssen»,
deutsche «Einigung» in einem «wechselseitigen Reformprozess».
Unter den Frauen bei den Grünen aus Westdeutschland und Westberlin gab es
viele, die sich eine Kooperation wünschten, zumal die feministische Programmstrecke ansonsten unter den ostdeutschen Oppositionsgruppen so gut wie gar nicht
besetzt war. Tatsächlich gingen schließlich die ostdeutsche Grüne Partei und der UFV
ein Wahlbündnis ein – mit einem für den UFV fatalen Konstruktionsfehler: Weil zuerst
unklar war, ob Wahllisten nach DDR-Bezirken oder eine republikweite Liste aufzustellen seien, und weil die UFV-Frauen sich von warnenden Westberliner AL-Frauen
nicht einreden lassen wollten, sie müssten das Reißverschlussprinzip mit einer Frau
auf jedem ersten Platz übernehmen, zog am Ende gar keine UFV-Vertreterin in das
DDR-Parlament ein. Ausgehandelt wurde eine Landesliste, auf der der erste Platz der
Grünen Partei zustand. Gewählt wurde schließlich aber nach Bezirkslisten, für die
dieser Aufstellungsschlüssel übernommen wurde. Auf allen 13 Bezirkslisten war der
1. Platz grün besetzt, von den durch Grün-Lila erreichten 8 Mandaten fiel keiner an
den UFV. Die Grüne Partei konnte sich zu keiner Revision entschließen. Die Berliner
Grünen unterstützten die UFV-Forderung nach Mandaten, aber gerade hier stand
mit Vera Wollenberger eine prominente Frau auf dem ersten Platz und behielt ihr
Mandat. Die UFV-Unterhändlerinnen kündigten daraufhin das Wahlbündnis auf,
wenn auch verbunden mit der Absicht auf weitere «sachbezogene Zusammenarbeit».
Rückblickend erscheint diese Szene als ein Beispiel von vielen, an dem sichtbar wird,
dass unter rasch umbrechenden Rahmenbedingungen Entscheidungen zu treffen
waren, für die Erfahrungen zu sammeln gar keine Zeit war.
Faktisch war damit der die organisatorische Entwicklung der meisten anderen
Oppositionsgruppen prägende Einstieg in die Parlamentarisierung gescheitert. Im
Weiteren blieb der UFV als Organisation verhängnisvoll ambivalent gegenüber der
Frage, ob er auf Wahlbeteiligung zielen oder als außerparlamentarisches Netzwerk
und Lobby arbeiten wollte. Anfangs gelang noch, via Listenbündnissen einzelne
Kandidatinnen zu platzieren. So zog im Dezember 1990 die UFV-Kandidatin Christina
46

Grünes Gedächtnis 2009

Scheiternde Parlamentarisierung

Schenk mit dem Wahlbündnis «Bündnis 90/Die Grünen» in den gesamtdeutschen
Bundestag ein und spielte dort für die wenigen gesamtdeutsch noch verhandelten
frauenpolitischen Themen Schwangerschaftsabbruch und Gleichstellungspassus im
Grundgesetz eine Rolle.9 Sibyll Klotz zog als UFV-Vertreterin über die Liste der AL in
das Berliner Abgeordnetenhaus ein. In einigen Landtagen kandidierten UFV-Frauen
in bunt wechselnden Oppositionskoalitionen, um schließlich mit drei Mandaten
in den Landesparlamenten der ersten Legislaturperiode vertreten zu sein. Aber die
Rationalität von Wahlpolitik wurde nicht Teil des organisatorischen Selbstverständnisses, und die Chancen offener Listen reduzierten sich rasch, während es generell
keine klare Mehrheit für die eine oder andere Organisationsform gab. Unter einem
«politischen Verein» konnten sich viele UFV-Frauen nichts Einflussreiches vorstellen,
und doch fassten sie den Beschluss, sich kein Parteistatut zu geben, nur mit einer
sehr knappen Mehrheit unter dem zeitlichen Zwang der ablaufenden Rechtsangleichung für die ostdeutschen «Sonstigen politischen Vereinigungen» (Sept. 1991),
während die «Basis» bereits überwiegend in der neu entfalteten Projekteszene aktiv
war und wenig Luft für Wahlkampfpolitik entfaltete. Diese organisationspolitische
Nicht-Entschiedenheit trug viel zur Erosion bei, die der UFV erfuhr.

Anne Ulrich Ohne Frauen ist kein Staat zu machen

Befristetes Überleben als frauenpolitische Bewegungsorganisation
Nach dem für die Bürgerbewegten so frustrierenden wie eindeutigen Resultat der
Volkskammerwahl – die Wählerinnen und Wähler wünschten Einheit statt Reform
– setzte ein Prozess der Demobilisierung und der weltanschaulichen, aber auch
der funktionalen Differenzierung ein. Die Revolutionärinnen des Winters 89/90
sahen sich binnen weniger Monate einer völlig veränderten Organisationsumwelt gegenüber. Der Aufbau kommunaler Gleichstellungsverwaltungen und der als
«mushroom-effect» beschriebene Aufwuchs einer Projekteszene konnte als Verwirklichung von UFV-Forderungen verstanden werden, allerdings verlor der UFV als
Organisation rasch an Einfluss. Die Projekteszene entwickelte sich stark in Abhängigkeit von Akteurinnen vor Ort und der Politik des Zweiten Arbeitsmarktes (ABM).
Das Politikfeld Gleichstellung wurde bald durch die Parteien dominiert. Parallel
betrieben die westdeutschen Parteien und Verbände ihre ostdeutsche Erweiterung:
Die Parteien schufen im Osten ihre parteiinternen Frauenorganisationen (Frauenunion, AsF, Liberale Frauen etc.), die westdeutschen Frauenverbände gründeten
sich aus (Landfrauenverband, kirchliche Verbände, zahlenmäßig am stärksten die
berufsständischen Verbände). Als 1991/92 auf Initiative der Ostberliner Außenstelle
des BMFJ ein Sonderprogramm aufgelegt wurde, das den Aufbau pluraler Frauenverbandsstrukturen aus Bundesmitteln förderte, gelang es dem UFV nicht, hierbei eine
strategische Rolle einzunehmen. Als zudem begleitende Verbindungsbüros in den
neuen Bundesländern aufgelegt wurden, wurde deren Koordination dem Deutschen
Frauenrat übertragen und nicht etwa einem ostdeutschen Newcomer.
Trotzdem – und entgegen der rasch proklamierten These der neuen Transformationsforschung, ostdeutsche Organisationen ohne West-Entsprechung hätten in der
Politik zur deutschen Einheit keine Überlebenschancen – überlebte der UFV einige
Jahre, und zwar eben als politischer Verein innerhalb der frauenbewegten Szene. Als
9	

Vgl. Anne Hampele Ulrich, in: Rainer Hufnagel und Titus Simon, a. a. O.
47

48

Grünes Gedächtnis 2009

Organisator feministischer Debatten und Proteste bildete er ein politisches Angebot,
das vom sich etablierenden System der Interessenvertretung nicht abgedeckt und
doch von ausreichend vielen gewollt war. Gerade diese politische Form machte ihn
auch für die westdeutsche frauenbewegte Szene attraktiv, die sich bewusst nicht
organisiert hatte, aber eben dies doch auch als strategisches Defizit gerade in gering
mobilisierten Zeiten erfuhr. Tatsächlich konnte der UFV als eine Bewegungsorganisation der ostdeutschen und zusehends auch westdeutschen feministischen Szene
agieren. Der UFV organisierte 1990/91 diverse § 218-Proteste, 1990 u.a. die Konferenz
«Frauen in Ost und West – es geht ums Ganze» und 1992 «Wohin zieht der frauenpolitische Zug?». Nicht zuletzt mit Unterstützung der Hamburger Frauenanstiftung, für
die er der zentrale Kooperationspartner in die ostdeutsche Frauenprojektelandschaft
war, organisierten die UFV-Frauen 1993 den Kongress «Wi(e)der die Vereinzelung»,
bei dem sich Projekte-Frauen, Gewerkschafterinnen und Parteifrauen (v.a. freilich
Grüne), Kirche und Wissenschaft trafen. Sie einte das Bedürfnis nach frauenpolitischer Aktion jenseits parteienpolitischer Bindungen gegenüber der «Abwicklung
der Frauenfrage» seit der Vereinigung (ostdeutsche Frauen-Arbeitslosigkeit; § 218-ReReform) und einem zunehmenden Rassismus beim Abbau des Asylrechts (Asylkompromiss). Jenseits der vorigen Abgrenzung der Ostdeutschen gegen westdeutsche
«Landnahme» wurde hier verabredet, die Initiative zu einem nationalen FrauenStreiktag zum nächsten Internationalen Frauentag zu unterstützen, mit der Absicht,
zu einer dauerhaften gesamtdeutschen Organisationsweise zu kommen. «Wir haben
auch den Traum von einer bundesweiten feministischen Organisation noch nicht
ausgeträumt [...]. Wir wünschen uns, dass ein Ergebnis des Kongresses ist, wider
die Vereinzelung zu konkreten Vereinbarungen zu kommen, wie wir künftig zusammenarbeiten werden [...], um uns als Frauenbewegung auf die politische Bühne
zurückzumelden.» (Alles Flaute 1993) Es wurde beschlossen, gemeinsam zu einem
bundesweiten Frauen-Streiktag 1994 zu mobilisieren, wie ihn auch schon die 4.
Bundesfrauenkonferenz der Grünen und Gewerkschafterinnen erwogen hatten
– und für dessen Realisierung dann der UFV und das Bundestagsbüro von MdB
Christina Schenk wesentliches Engagement und auch finanzielle Ressourcen mobilisierte. Die danach (v.a. in Kassel) weitergeführten Bündnistreffen debattierten, wie
die Vernetzung auf Dauer zu stellen sei. Hier formierte sich die Gründungsinitiative
zur Neuauflage einer Frauenpartei alternativ zu einem Konzept einer Netzwerkoder Lobby-Vereinigung. Deren Befürworterinnen sahen die Breite des Bündnisses
durch die Parteiform gefährdet und plädierten für Aktionsfelder wie Wahlprüfsteine,
Wahlkampagnen, Netzwerkarbeit und thematische Initiativen. In der Folge zerfiel das
Aktionsbündnis in Parteigründerinnen und Netzwerkrest, und die Kräfte keiner Seite
reichten mehr für öffentliche Hörbarkeit und Wirksamkeit. Der UFV, dessen gesamtdeutsche Expansion damit gescheitert war, löste sich als Bundesverband schließlich
1998 auf. Dies war am Ende stimmig, wenn auch das Bedauern bleibt, dass damit
einer der wenigen eigensinnigen ostdeutschen Beiträge zur politischen Inneneinrichtung des vereinigten Deutschlands verschwand.

2
Das historische Dokument

Die Gründung der Grünen Partei
in der DDR
Die Ausrufung der Grünen Partei beim Delegiertentreffen von
DDR-Umweltgruppen in der Berliner Bekenntnisgemeinde am
5. November 1989 und die Gegenerklärung
Dokument 11

Berlin, den 05. November 1989
GRÜNDUNGSINITIATIVE FÜR EINE GRÜNE PARTEI IN DER DDR2
Für eine Erneuerung unserer Gesellschaft hat die Umgestaltung unserer zerstörten
Umwelt entscheidende Bedeutung. Aber nicht nur unsere Umwelt ist bereits
verseucht, sondern in noch viel größerem Maße unser Bewußtsein, nämlich durch
die Utopie, daß ständig wachsender Wohlstand und – als seine Bedingung – permanentes wirtschaftliches Wachstum zum Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung
gemacht werden kann. Diese Art von Utopie suggeriert uns, der Mensch könne sich
willkürlich im Lebenssystem Erde bewegen. Sie versteigt sich sogar zu der militanten
Behauptung, er könne sich die Erde unterwerfen.
Damit verbunden ist die Vorstellung, daß Leistung und ihre Belohnung zentraler
Maßstab der Bewertung menschlichen Seins wären. Diese Annahme, in ihrer
Arroganz, verdrängt die Schwachen an den Rand ihrer möglichen Existenz. Ja, sie
kippt sie zunehmend über diesen Rand ab.
Dabei ist es gleichgültig, ob sie auf der Pflegestation einsam und würdelos abtreten,
ob sie in die Massengräber der Dritten Welt geschaufelt oder im Museum der ausgestorbenen Pflanzen- und Tierarten auch noch zur Schau gestellt werden.

Wir handeln also nur aus Selbsterhaltungstrieb, wenn wir als Mitverantwortliche
diesem Prozess und Bewußtsein Einhalt gebieten. Daher werden wir mit der GRÜNEN
PARTEI unserer ökologischen Weltsicht in der Gesellschaft der DDR politische Kraft
verleihen, in dem wir sie kompromißlos zum Ausgangspunkt aller unserer Bestrebungen machen.
1	
2	

50

Vorlage: Zweiseitiges Typoskript, Archiv Grünes Gedächtnis, A – Gerhard Bächer, Vorl. Sign. 3.
Alle Großschreibungen wie im Original.

Grünes Gedächtnis 2009

Unser dergestalt verseuchtes Bewußtsein hat folgerichtig die zum ersten Mal in der
Geschichte der Erde mögliche Vernichtung allen Lebens bereits eingeleitet.

Wir, als Initiativgruppe, haben folgenden
	

GRÜNDUNGSAUFRUF ZUR GRÜNEN PARTEI IN DER DDR beschlossen:

Die GRÜNE PARTEI in der DDR stellt sich auf die Seite aller Kräfte, die sich für
Demokratie und Freiheit durch tiefgreifende Reformen in unserem Land einsetzen.
Sie ist ökologisch, feministisch und gewaltfrei.
DIE BESONDEREN ZIELE DER GRÜNEN PARTEI SIND:
Der konsequente ökologische Umbau unseres Landes in radikaler Absage an umweltzerstörendes, rohstoffvergeudendes Wachstum und den3 stalinistisch geprägten
Umgang mit Menschen, Wirtschaft und Umwelt. Sofortiger Handlungsbedarf besteht
für die ökologischen Katastrophengebiete im Raum Leipzig – Bitterfeld – Halle,
Dresden – Karl-Marx-Stadt und Cottbus und zur Rettung vieler historischer Altstädte,
Kulturlandschaften und Schlösser, z. B. in Mecklenburg.
Die endgültige4 Sicherung des Friedens durch allgemeine und vollständige Abrüstung.
Der Abbau der Militärbündnisse, die Reduzierung der NVA auf das geringste notwendige defensive Niveau und die Aufhebung der militärischen Sperrgebiete – ist eine
zwingende Notwendigkeit zur Erhaltung von Frieden und Umwelt.
Wir lehnen Gewalt, nationalen5 Chauvinismus und Rassismus ab und bekennen6 uns
zum konsequenten Antifaschismus.

Dokument: Die Gründung der Grünen Partei in der DDR

Die uneingeschränkte Gleichberechtigung aller Frauen und Männer auf allen
wirtschaftlichen und politischen Ebenen, von den örtlichen Volksvertretungen bis
zur Zusammensetzung des Staatsrates, die immer noch den Charakter überwiegend
patriarchalischer Institutionen haben. Der Frau als Mutter steht in dieser Beziehung
eine bevorzugte Stellung zu.
Die Natur ist um ihrer selbst willen vor der ungehemmten Entfaltung des Menschen
zu schützen. Nur so kann sie Grundlage menschlicher Gemeinschaft und Kultur sein.
Bei jeder wirtschaftlichen Aktivität ist daher zu fragen: Wohin, für wen, weswegen?
Die GRÜNE PARTEI setzt sich prinzipiell für eine DAUERHAFTE ENTWICKLUNG
ein.
Wir wollen vor allem verhindern, daß die gegenwärtige Erneuerungsbewegung in
unserem Land unter dem Druck unvernünftigen, kurzsichtigen, materiellen Nachhol-

3	
4	
5	
6	

Im Original: dem.
Im Original: entgültige.
Im Original: Nationalen.
Im Original: bekannen.
51

bedarfs7 eine Gesellschaft der Ellbogenfreiheit, der Verschwendung und Wegwerfmentalität entstehen läßt.
Wir halten die ökologische Orientierung aller Bildungsebenen für dringend geboten,
u. a. die Einführung von Umwelt- und Friedenskunde.
Auf der Grundlage der Verfassung der DDR handelnd, setzen wir uns für eine Verfassungsreform ein.
Wir setzen voraus, daß die Tätigkeit der GRÜNEN PARTEI in der DDR keiner staatlichen Behinderung unterliegen wird.
Wir werden projektgebunden – sowohl national wie auch international – mit allen
Bürgern, Organisationen und Gruppierungen zusammenarbeiten, die unsere Vorstellungen, auch in Teilbereichen, unterstützen.
Als Teil der Bewegung der europäischen Grünen setzen wir uns für gerechte Verteilungsstrukturen ein, die auch den Völkern der Dritten Welt eine DAUERHAFTE
ENTWICKLUNG garantieren und den Zusammenbruch des globalen Ökosystems
verhindern helfen.
Wir fördern grenzübergreifende Partnerschaften zum gemeinsamen ökologischen
Umbau von Umwelt-Krisengebieten.
Im Vertrauen auf die grundsätzliche Wende unseres Landes rufen wir alle interessierten Bewohnerinnen und Bewohner – gleich welcher Anschauung, Religion und
Nationalität – auf:
Aus Sorge um die katastrophale Entwicklung unserer Umwelt, aus Verantwortung für
unsere Kinder und die noch ungeborenen Generationen – schließt Euch im örtlichen
und regionalen Bereich zu Basisgruppen der GRÜNEN PARTEI der DDR zusammen.

Die erste Delegiertenvollversammlung, die u. a. Programm, Struktur und Personalfragen der GRÜNEN PARTEI in der DDR beschließt, wird Anfang 1990 in einem der
von der Umweltzerstörung am schwersten betroffenen Orte der DDR stattfinden.
FÜR EINE G R Ü N E WENDE – DIE G R Ü N E PARTEI!9
7	
8	
9	

52

Im Original: Nachholgebedarf.
Im Original: Macht.
Die nachfolgenden Kontaktadressen von Mario Hamel und Henry Schramm sind weggelassen.

Grünes Gedächtnis 2009

Wählt Sprecherinnen und Sprecher, erarbeitet Vorschläge für das Programm
und die basisdemokratische Organisationsstruktur. Erarbeitet auf der Grundlage von Problem- und Förderungskatalogen für Eure Gemeinden, Städte,
Regionen und die gesamte DDR ALTERNATIVE KONZEPTE, macht8 kreative
und praktikable Vorschläge zum ökologischen Umbau unserer Gesellschaft.
Beginnt mit Aktionen!

Dokument 210

Gemeinsame Erklärung11

Berlin, 5. November 89

Das Wissen um den Ernst und die Dringlichkeit der globalen und lokalen ökologischen Probleme führt uns zusammen. Die Mitverantwortung, die jeder von uns für
die Lösung der vor uns stehenden, schier unbewältigbaren Aufgaben des Umweltschutzes in der DDR in sich spürt, drängt uns zum Handeln. Dieses Handeln kann
nur ein gemeinsames sein. Ungeachtet unterschiedlicher Erfahrungen und Weltanschauungen wollen wir uns zusammenschließen.
Die breite ökologische Bewegung in den verschiedenen auf dem Boden der Kirche
gewachsenen Vereinigungen, die DDR-weite Kraft der Kulturbund-Umweltgruppen
und -Freundeskreise, die Schriftsteller, Künstler, alle Menschen, die sich für die
Bewahrung der natürlichen Umwelt und den Aufbau einer menschlichen Gesellschaft, die mit der Natur in Einklang lebt und neue Wertmaßstäbe setzt, persönlich
engagieren12 – sie alle müssen zu einer koordinierten Zusammenarbeit finden.
Bei Bewahrung der Selbständigkeit aller teilnehmenden Gruppen sollte in einem
gemeinsamen Arbeits- und Diskussionsprozeß ein b r e i t e s g r ü n e s B ü n d n i s13
entstehen. Dieser Prozeß hat bereits begonnen.

Dokument: Die Gründung der Grünen Partei in der DDR

Die nächsten Aufgaben wären die Einigung auf einen gemeinsamen Forderungskatalog für den ökologischen Umbau unserer Gesellschaft und die Diskussion der Frage,
wie wir zusammen zu realem politischen Einfluß gelangen können. Uns ist klar, daß
die Lösung der ökologischen Probleme nur möglich sein wird, wenn eine grundsätzliche Umgestaltung der gesamten Gesellschaft gelingt. Deshalb wäre dringend die
Frage zu klären, wie wir diejenigen gesellschaftlichen Kräfte, die dieses Ziel inhaltlich und organisatorisch am konsequentesten anstreben, am besten unterstützen
können.
Auch die Frage der Gründung einer grünen Partei oder einer ähnlichen politischen
Interessenvertretung kann und darf nur gemeinsam entschieden werden. Einer zu
bildenden Initiativgruppe sollten Vertreter aller Bereiche der DDR-Umweltbewegung
angehören. Eine übereilte Entscheidung dieser Frage, ohne daß alle diejenigen, die
sich bereits intensiv mit dem Problem der Notwendigkeit, der möglichen Struktur
und den wichtigsten Aufgaben einer solchen politischen Vereinigung auseinandergesetzt haben, die Möglichkeit hatten, ihre gedankliche Vorarbeit mit in die Entscheidung einfließen zu lassen – eine solche möglicherweise unausgereifte Entscheidung
unter Zeitdruck sollten wir vermeiden.
10	

Vorlage: zweiseitiges Typoskript (Kopie), Archiv Grünes Gedächtnis, A – Gerhard Bächer, Vorl.
Sign. 3.
11	 Im Original: «Gemeinsame Erklärung» unterstrichen.
12	 Im Original: «persönlich engagieren» zusammen geschrieben.
13	 Alle gesperrten Schreibweisen wie im Original.
53

Letzten Endes geht es um unsere g e m e i n s a m e Zukunft. Wir alle hier wissen
genug, um sicher sagen zu können: Wir leben in einer Phase der Menschheitsentwicklung, in der koordiniertes politisches Handeln und politische Verantwortlichkeit
im großen wie im kleinen Maßstab nötiger sind denn je. Wir brauchen das gemeinsame Verstehen und das gemeinsame Verantwortungsbewusstsein, wir brauchen
eine neue Ethik.
Wenn wir in diesem Sinne handeln, haben wir Grund zur Hoffung.

14	

54

Das folgende Blatt ist weggelassen. Es enthält die Namen von 62 Unterzeichnern und Unterzeichnerinnen unter Angabe der Gruppenzugehörigkeit.

Grünes Gedächtnis 2009

Vertreter von Gruppen der Gesellschaft für Natur und Umwelt,
des Verbandes Bildender Künstler
und der Arche14

Christoph Becker-Schaum

Kommentar: Die Gründung der Grünen Partei in der DDR

Kommentar
Der Ost-West-Vergleich ist so oft ebenso erhellend wie misslich. Das gilt auch für
die Grünen. Dabei provoziert die Doppelexistenz von «Grünen» (West) und «Grüner
Partei» (Ost) irreführende Assoziationen geradezu unwillkürlich. Dass sich das
schwarz-rot-gelbe Farbenspiel des westdeutschen Parteiensystems am Ende der
1970er Jahre um einen grünen Tupfer erweitert hat, hatte Ursachen und Rahmenbedingungen, die sich von denen der Gründung der Grünen Partei in der DDR grundsätzlich unterschieden. Inmitten der Herausforderung der SED-Herrschaft durch
die Bürgerbewegungen im Sommer und Herbst des Jahres 1989 traten immer neue
Gruppen mit Erklärungen an die Öffentlichkeit. Es kam also zu einer Ausdifferenzierung des Oppositionsmilieus, zu der der Zusammenfindungsprozess, den die Grünen
im Westen zehn Jahre vorher durchgemacht hatten, geradezu als Gegenteil erscheint.
Die Gründung der Grünen Partei in der DDR im Oktober/November 1989 findet
keinen entsprechenden Vorgang in der Bundesrepublik zehn Jahre vorher. Vor allem
wäre es gänzlich verfehlt, wollte man die eine der politischen Organisationen, die
im Ausdifferenzierungsprozess der Bürgerbewegungen die grüne Fahne gehisst hat,
die Grüne Partei in der DDR, als das einzige und genaue Pendant der Grünen (West)
begreifen. Die in den 1980er Jahren – leider nur von einer Minderheit innerhalb der
West-Grünen – unterhaltene Solidarität mit der DDR-Opposition und die durch sie
eingeleiteten persönlichen Beziehungen zwischen Ost und West machten solche
Unterschiede ohnehin nicht. Wenn es also ein östliches Pendant zu den West-Grünen
gab, konnten es nur die Bürgerbewegungen insgesamt sein. Symptomatisch dafür
steht die Entscheidung der sächsischen Grünen im September des Jahres 1990, nicht
den Zusammenschluss mit den West-Grünen zu suchen, sondern zuerst den mit den
anderen Bürgerbewegungen in Sachsen. Vielleicht kann man also sagen, dass sich im
Herbst 1989 etwas ausdifferenziert hat, was grundsätzlich zusammengehörte.
So gesehen müsste man in Bezug auf die beiden oben abgedruckten Dokumente
fragen, was die Akteure der unabhängigen Ökologiebewegung der DDR bewogen
hat, in Abgrenzung zum Neuen Forum eine Grüne Partei zu gründen. Der Text
des Gründungsmanifests vom 5. November gibt diese Gründe nicht her. Die Ziele
der Bürgerbewegungen sind grundsätzlich dieselben. Trotzdem prallt der Appell
der in der Berliner Bekenntnis-Gemeinde versammelten Umweltschutzgruppen
(siehe Dokument 2) bei den zur Parteigründung Entschlossenen ab. Sie wollen
sich nicht aufhalten lassen und werden drei Wochen später, am 25. November
1989, die tatsächliche Gründung der Grünen Partei vollziehen. Die Gründe für ihre
Handlungsweise, haben Wolfgang Kühnel und Carola Sallmon-Metzner gezeigt1,
1	

Wolfgang Kühnel/Carola Sallmon-Metzner: Grüne Partei und Grüne Liga. Der geordnete
Aufbruch der ostdeutschen Ökologiebewegung, in: Helmut Müller-Enbergs/Marianne Schulz/
Jan Wielgohs (Hrsg.): Von der Illegalität ins Parlament. Werdegang und Konzept der neuen
Bürgerbewegungen, Berlin 1991, S. 166-220.
55

2	

3	
4	
5	
6	

56

Ilko-Sascha Kowalczuk: Unabhängige Umweltbewegung. Einführung, in: Ilko-Sascha Kowalczuk/
Tom Sello (Hrsg.): Für ein freies Land mit freien Menschen. Opposition und Widerstand in
Biographien und Fotos, Berlin 2006, S. 275.
Wolfgang Kühnel/Carola Sallmon-Metzner, a.a.O., S. 173.
Ebd., S. 174.
Ebd., S. 176.
Vgl. den oben genannten Aufsatz von Kühnel und Sallmon-Metzner.

Grünes Gedächtnis 2009

liegen in den Erfahrungen der unabhängigen Ökologiebewegung der DDR in den
1980er Jahren. In der DDR-Opposition waren, wie Ilko-Sascha Kowalczuk2 betont
hat, Friedens-, Menschenrechts- und Umweltarbeit integriert. Frauen-, Umwelt-,
Friedens-, Menschenrechts- und Dritte-Welt-Gruppen gab es seit den 1970er Jahren
in Ost und West, aber die Bedingungen, unter denen sie tätig sein konnten, waren
gänzlich verschieden. In der DDR waren sie in ihrem öffentlichen Auftreten durch
die Parteidiktatur der SED und ihren Unterdrückungsapparat radikal beschränkt.
Sie hatten prinzipiell keinen Zugang zur DDR-Öffentlichkeit, den allein die offiziellen staatlichen Organisationen besaßen. Allerdings gab es daneben kirchliche und
unabhängige Gruppen, die im Schutzraum der evangelischen Kirche als der einzigen
zugelassenen nicht-staatlichen Organisation tätig waren. Nischen gab es gleichwohl
auch im staatlichen Bereich. Nehmen wir nur die Umweltbewegung: Um umweltpolitisches Interesse und Protest aufzufangen und zu kanalisieren, wurde 1980 im
Rahmen der Massenorganisation Kulturbund der DDR die Gesellschaft für Natur und
Umwelt (GNU) gegründet, die zeitweilig rund 60.000 Mitglieder hatte, die sich für
den Umweltschutz in der DDR engagierten.3 Innerhalb der GNU gab es Arbeitskreise,
insbesondere die Stadtökologiegruppen, durch die eine überregionale Vernetzung in
Form von Seminaren existierte.4
Die unabhängige Umweltbewegung der DDR dagegen umfasste einen wesentlich kleineren Personenkreis, aber immerhin schätzen Wolfgang Kühnel und Carola
Sallmon-Metzner, dass es 1989/1990 ca. 80 bis 90 Gruppen mit regionalen Schwerpunkten in Halle, Leipzig, Dresden, Erfurt, Berlin und Schwerin gegeben habe.5 Eine
Vernetzung dieser Gruppen existierte durch die von Pfarrer Hans-Peter Gensichen im
Kirchlichen Forschungsheim Wittenberg organisierten ökologischen Seminare. Die
Geschichte der unabhängigen Umweltbewegung der DDR kann hier nicht ausführlich
dargestellt werden.6 Sie konzentrierte sich anfangs auf die Verwüstungen der Umwelt
im Raum Bitterfeld, bekannt durch den Roman «Flugasche» von Monika Maron. Ihre
weiteren Wendepunkte waren im April 1986 die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl,
die zur Auseinandersetzung mit den – teils geplanten – Atomkraftwerken bei Greifswald und Stendal und dem Uranabbau in der DDR führte. Eine weitere Folge von
Tschernobyl war die Gründung der Umweltbibliothek im Keller der Berliner Zionsgemeinde im September desselben Jahres mit Bibliothek, Ausstellungsraum, Druckerei
und den «Umweltblättern», deren führende Mitarbeiter ein Jahr später verhaftet
wurden. Die folgenden internen Auseinandersetzungen um Selbstverständnis,
Professionalität und Vernetzung führten im Januar 1988 zur Gründung des grünökologischen Netzwerks Arche mit der Zeitschrift Arche Nova und wenige Monate
später zum Ausschluss der Netzwerk Arche-Mitglieder aus der Umweltbibliothek.
Die Mitglieder der Gründungsinitiative der Grünen Partei entstammen überwiegend
dem grün-ökologischen Netzwerk Arche. Sie machten seit dem Frühjahr 1989 weitere
Erfahrungen, was ihr Selbstverständnis und Organisation betraf, als im Zusammen-

Kommentar: Die Gründung der Grünen Partei in der DDR

Plakat der Grünen Partei in der DDR und der Grünen Liga, ca. 1990

57

Grünes Gedächtnis 2009

hang mit der gefälschten Kommunalwahl vom 7. Mai die Idee Grüner Listen aufkam
und im Zusammenhang des Neuen Forums diskutiert wurde. Diese Idee war von den
Mitgliedern der Initiativgruppe schließlich verworfen worden. Soweit der Erfahrungshintergrund, der zur Gründung der Grünen Partei führte und der die Entschiedenheit
der Gruppe erklärt, die Grüne Partei zu gründen. Bemerkenswert, aber auch bezeichnend ist, dass die Initiativgruppe das Delegiertentreffen in der Berliner BekenntnisGemeinde am 5. November 1989 als Öffentlichkeit zur Verkündung ihrer Entscheidung wählte. Auf diesem Delegiertentreffen waren sowohl die Stadtökologiegruppen
der GNU im Kulturbund wie die unabhängige Umweltbewegung vertreten. Indem
die Initiativgruppe dieses Treffen aussuchte, um die Gründung der Grünen Partei zu
erklären, hat sie sich an die gesamte Ökologiebewegung der DDR gewandt.

58

3
Bestände im Archiv Grünes
Gedächtnis

60

Grünes Gedächtnis 2009

Plakat zur Landtagswahl in Brandenburg am 14.10.1990.

Steffi Rönnefarth

Der Bundesverband Demokratie
Jetzt und die Landesverbände
Demokratie Jetzt und Neues
Forum Brandenburg

Steffi Rönnefarth Der Bundesverband Demokratie Jetzt und die Landesverbände Demokratie Jetzt und Neues Forum Brandenburg

Ein Vergleich zweier Bürgerbewegungs-Überlieferungen

Im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen die Überlieferungen zweier Bürgerbewegungsgruppen. Die eine – der Bestand B.V.2 Demokratie Jetzt 1989 – 1991 – gibt einen
Einblick in die Herkunft der Mitglieder, die politische Ausrichtung und das Engagement einer Gruppe der ostdeutschen Bürgerbewegung. Die Unterlagen stammen aus
dem ehemaligen Haus der Demokratie in der Friedrichstraße 1651 in Berlin-Mitte. Es
handelt sich hierbei um die Aktenführung der Bundesgeschäftsstelle der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt (DJ), entstanden zwischen 1989 und 1991. Im September
2003 übergab Erhard O. Müller2, Leiter des Forum Bürgerbewegung, die Papiere, die
er seit dem Zusammenschluss zum Bündnis 90 verwahrt hatte, aus den Räumen des
Hauses der Demokratie in der Greifswalder Straße 4 an das Archiv Grünes Gedächtnis.
Allerdings fehlen bei der Überlieferung die Personal- und Finanzunterlagen. Letztere
befinden sich im Bestand B.I.5 im Archiv Grünes Gedächtnis, der Überlieferung
des Berliner Büros von Bundesvorstand und Bundesgeschäftsstelle Bündnis 90/Die
Grünen aus der Dircksenstraße in Berlin. Vermutlich wurden sie in den Jahren nach
1990 als prüfungsrelevante Unterlagen von der Nachfolgeorganisation Bündnis 90
übernommen und aufbewahrt.
Die andere Überlieferung bildet genau genommen nur einen Teil eines Archivbestandes, nämlich des Landesverbandes Brandenburg von Bündnis 90/Die Grünen
– C Brandenburg I.1 LaVo/LGSt. Es sind die Unterlagen aus den Landesverbänden
Brandenburg von Demokratie Jetzt und Neuem Forum (NF). Übernommen wurden
sie aus dem Grünen Haus in der Potsdamer Otto-Nuschke-Straße, später Lindenstraße 53, das erst die Bürgerbewegungen, später dann den Landesverband von
Bündnis 90/Die Grünen in Brandenburg beherbergte.
Die Überlieferungen geben einen exemplarischen, im letzten Fall nur auf den
ehemaligen Bezirk Potsdam3 bezogenen Einblick in das Engagement der einzelnen
Bürgerbewegungen bis zum Zusammenschluss zur Partei Bündnis 90. In der revolutionären Zeit versuchten Demokratie Jetzt und Neues Forum die hereinbrechenden
1	
2	
3	

Heute hat das Haus der Demokratie seinen Sitz in der Greifswalder Straße 4.
Erhard O. Müller war von Beginn an ein Sympathisant und Wegbegleiter der Bürgerbewegungen
und ein Verfechter von Bürgerbeteiligung und Demokratie.
Ab dem 03.10.1990 beziehen sich die Unterlagen auf das gesamte Land Brandenburg.
61

Probleme und Schwierigkeiten und deren Lösungen zu ihrem Anliegen zu machen.
Dass dies in der kurzen Zeit und mit den unzulänglichen Mitteln unmöglich zu realisieren war, davon erhält man beim Lesen einen ersten Eindruck.

Zum Bestand B.V.2 Demokratie Jetzt 1989 – 1991

4	
5	
6	
7	

62

AGG, B.V.2, Sign. 100 und 101.
AGG, B.V.2, Sign. 27.
Von der Illegalität ins Parlament, vgl. Helmut Müller-Enbergs, Marianne Schulz, Jan Wielgohs
(Hrsg), Berlin 1992, S.105.
AGG, B.V.2, Sign. 24.

Grünes Gedächtnis 2009

Überliefert sind hier Texte der unabhängigen kirchlichen Friedensbewegung aus den
80er-Jahren, die eine Verortung der Bürgerbewegung ermöglicht und einen Blick in das
Milieu der Mitgliederschaft zulässt. Darunter befinden sich beispielsweise ein Bericht
der Fastengruppe in der Erlöserkirche Berlin-Lichtenberg «Fasten für das Leben» vom
6. bis 12. August 1983, Einladungen zu Friedensseminaren Anfang der 80er-Jahre, Texte
und Thesenpapiere zu Abrüstungsbestrebungen der kirchlichen Friedensinitiativen. In
einem Schreiben an den damaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker,
vom 08.04.1983 weist die Friedensgemeinschaft Jena auf die fragwürdige Friedenspolitik der DDR-Führung und ihre Behinderung von Friedenskundgebungen hin.4
Diese Texte aus der unabhängigen Friedensbewegung der ehemaligen DDR
machen im Verhältnis eher einen geringen Teil der Unterlagen des Archivbestandes
aus. Sie bilden aber den Grundstock eines von vier Schwerpunktbereichen, nämlich
der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Bürgerbewegung Demokratie
Jetzt, die bis zum Zusammenschluss der Bürgerbewegungsgruppen im Herbst 1991
zur Partei Bündnis 90 reicht. Mit der Abbildung der Initiatorinnen und Initiatoren
und späteren Mitbegründerinnen und Mitbegründern von Demokratie Jetzt und
auch der relativ flächendeckend vorliegenden Adressenlisten, sowohl als Unterlagen
zu Gremiensitzungen als auch in Form von Teilnehmendenlisten, Kandidatenlisten
etc., gibt der Bestand einen personellen Einstieg in die Forschung über ostdeutsche
Friedensgruppen der 80er-Jahre und einen Teil der ostdeutschen Bürgerbewegung,
der sich für eine demokratische Umgestaltung der Gesellschaft einsetzte.
Von führenden Mitgliedern wie Hans-Jürgen Fischbeck, Benno Hasse, Wolfgang
Ullmann und Konrad Weiß gibt es personenbezogene Ablagen. Sie enthalten
Sammlungen von Texten, Essays, Ideenpapiere, Offene Briefe und Presseausschnitte
von und über ihre Person.
Ein besonders wichtiges Dokument ist der Antrag «Absage an Praxis und Prinzip
der Abgrenzung»5, der 1986 für die Berlin-Brandenburger Synode von Stephan
Bickhardt und Ludwig Mehlhorn erarbeitet und schließlich ein Jahr darauf von HansJürgen Fischbeck im April 1987 in die Synode der evangelischen Kirchen eingebracht
wurde.6 Es ist im Vorfeld der revolutionären Ereignisse der erste Vorstoß 1986/87 im
kirchlichen Umfeld, die Missstände in der DDR-Gesellschaft öffentlich zu thematisieren. Mit ihm und dem «Aufruf zur Einmischung in eigener Sache» vom 12.09.1989,
der eine beträchtliche Resonanz hervorgerufen hat, die hier in Form von zahlreichen
Antwortbriefen7 überliefert ist, zeichnet der Bestand die Geburtsstunde der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt auf.

Steffi Rönnefarth Der Bundesverband Demokratie Jetzt und die Landesverbände Demokratie Jetzt und Neues Forum Brandenburg

Einen quantitativ weitaus größeren Teil bilden die Gremienunterlagen, die mit
den Sitzungsunterlagen der Bundesvertreterkonferenzen und Basisgruppentreffen
den Bogen von der Bundesebene bis hin zu kleinen Ortsgruppen spannen. In den
Unterlagen von Vertreterkonferenzen, Sprecherrat, Geschäftsausschuss, Länderausschuss und Basisgruppen werden die Arbeitsschwerpunkte und Zielsetzungen von
Demokratie Jetzt sichtbar. Oftmals werden die Anliegen der Bürgerbewegungsgruppe,
beispielsweise über Berichte von Vertreterinnen und Vertretern am Zentralen Runden
Tisch oder aus der Volkskammerfraktion über ihre dortige Arbeit, sehr deutlich in den
Zusammenhang mit der parlamentarischen bzw. parlamentsnahen Arbeit gebracht.
Die Unterlagen der Bundesvertreterkonferenzen liegen für den Zeitraum Januar
1990 bis Juli 1991, die des Sprecherrats von März 1990 bis September 1991 vor.
Bedenkt man, dass die Gründungsinitiative von Demokratie Jetzt, nach Einrichtung des Initiativkreises «Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung» im Jahre
1986 offiziell am 12.09.1989 erfolgte und am 21./22.09.1991 in Potsdam bereits der
Zusammenschluss zur Partei Bündnis 90 stattfand, kann man hier von einer zusammenhängenden Dokumentation der beschlussfassenden Gremien einer Gruppe der
Bürgerbewegung ausgehen.
Ein umfangreicher Schriftwechsel der Bundesgeschäftsstelle von Demokratie
Jetzt mit den einzelnen Basisgruppen lässt den Informationsaustausch und die
Rückkopplung der eigenen Arbeit erkennen und zeigt eine sehr gute Vernetzung
innerhalb der Bewegung.
Zu den großen Schwerpunktthemen von Demokratie Jetzt gehörte die Arbeit
an einem neuen Verfassungsentwurf. Dieser wurde sowohl in der ursprünglichen
Fassung für die DDR als auch nach dem 3. Oktober 1990 als gesamtdeutscher
Verfassungsentwurf maßgeblich von Wolfgang Ullmann8, einem der Sprecher von
Demokratie Jetzt, erst am Zentralen Runden Tisch und später im «Kuratorium für
einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder»9 vorangetrieben.
Weitere Bemühungen von Demokratie Jetzt galten der Mitwirkung am Einigungsvertrag, der Gründung der Treuhand und natürlich auch der Beobachtung der Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen. Die Offenheit für die Anliegen anderer Gruppen der
Bürgerbewegung und das Ausloten der Möglichkeiten für eine zukünftige politische
Einmischung ließen Demokratie Jetzt schon sehr früh auf andere Oppositionsgruppen zugehen. Schon im März 1990 gab es in den Protokollen des Sprecherrats
erste Überlegungen zu Wahlbündnissen und Fraktionsbildungen zusammen mit der
8	

9	

Ullmann saß bis März 1990 für Demokratie Jetzt am Zentralen Runden Tisch der DDR, wurde
danach für die Listenverbindung Bündnis 90 in die Volkskammer gewählt. Er war seit Dez.
1990 für die Bundestagsgruppe, später für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Mitglied des
Deutschen Bundestags, zuletzt von 1994–1999 Mitglied des Europäischen Parlaments.
Das Kuratorium gründete sich am 16.06.1990 im ehemaligen Berliner Reichstag. Dazu aufgerufen hatten Wegbereiterinnen und Wegbereiter einer neuen Verfassung, nachdem der vom
Zentralen Runden Tisch im April 1990 vorgelegte «Entwurf für eine neue Verfassung der DDR
von der Volkskammer abgelehnt und zudem durch den Beschluss zur Vereinigung am 3. Oktober
1990 ad absurdum geführt worden war. Der Versuch des Kuratoriums, mit der Arbeit an einer
neuen gesamtdeutschen Verfassung den historischen Zeitpunkt zu nutzen und einen Anschluss
der ostdeutschen Länder an das Grundgesetz nach § 23 GG (nachdem in allen weiteren Bundesländern nach deren Beitritt zum Bundesgebiet das Grundgesetz in Kraft zu setzen war) zu
verhindern, scheiterte ebenfalls.
63

10	
11	
12	
13	
14	
15	

64

AGG, B.V.2, Sign. 7.
AGG, B.V.2, Sign. 62.
Bestehend aus Demokratie Jetzt, Neues Forum und Initiative Frieden und Menschenrechte.
AGG, B.V.2, Sign. 64.
AGG, B.V.2, Sign. 10.
Nach erstem Protest ersetzte Voit die Fahne durch die Israel- und UNO-Fahne; AGG, B.V.2, Sign.
7.

Grünes Gedächtnis 2009

Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM), dem Neuen Forum (NF), der Grünen
Partei (GP) und dem Unabhängigen Frauenverband (UFV). Vom 1. bis 3. Februar 1991
fand im Haus der Demokratie ein gemeinsames Treffen von Demokratie Jetzt und der
Initiative Frieden und Menschenrechte statt, auf der sie eine Beschlussvorlage zum
Bündnis 90 erarbeiteten.10
Neben den Dokumenten zur Gründungsgeschichte, der Gremiensitzungen, der
Geschäftsstellenarbeit und Vernetzung wird auch die parlamentarische Arbeit von
Demokratie Jetzt sichtbar. Das Spektrum reicht von Adresslisten der Vertreterinnen
und Vertreter des Zentralen Runden Tisches, über Ergebnisse der Runden-Tisch-Gespräche von der 1. Sitzung am 07./08.12.1989 bis zur letzten Sitzung am 12.03.199011
bis hin zum Aufruf von Bündnis 9012 zur letzten Volkskammerwahl am 18.03.1990.
Zu diesem Aufruf liegen Kandidatenlisten aller 15 Bezirke der ehemaligen DDR13 vor.
Weiterhin finden sich Listen mit Angaben der Zuständigkeitsbereiche der einzelnen
Volkskammerabgeordneten aus den verschiedenen Gruppen der Bürgerbewegung.
Darüber hinaus lassen sich auch einige spannende Einzeldokumente finden.
Es gab nach der Revolution von einigen westdeutschen Zeitungen die paradoxe
Behauptung, die friedliche Revolution im Herbst 1989 sei quasi ein Meisterstück des
Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gewesen, das ihr eigenes Überleben sichern
sollte. Dass dies völlig absurd ist, stellte eine Erklärung der Initiatoren der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt, Hans-Jürgen Fischbeck, Michael Bartoszek, Gerhard
Weigt, Stephan Bickhardt, Ulrike Poppe, Ludwig Mehlhorn, Martin König, Wolfgang
Ullmann und Konrad Weiß vehement richtig: «Wir sind uns dessen bewusst, dass
die Stasi in erheblichem Umfang mit Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) in Oppositionsgruppen eingedrungen ist und dass es ihr gelungen ist, Aktionen dieser Gruppen zu
behindern, zu verhindern oder zu zersetzen. Die Behauptung einiger westdeutscher
Zeitungen (…) ist nicht nur falsch und absurd, sondern sie diffamiert überdies alle,
die sich in den Bürgerbewegungen und Oppositionsparteien engagiert haben.»14
Und selbst die Zusammenarbeit innerhalb einer Oppositionsgruppe konnte sich
mitunter schwierig gestalten. Diese Erfahrung machte ausgerechnet Demokratie
Jetzt, die für Demokratie und Bürgerbeteiligung einstand und sich plötzlich im
Zwiespalt zwischen Außendarstellung und der innerorganisatorischen Umsetzung wiederfand. So musste sie sich mit der offen bekundeten Privatmeinung des
Geschäftsführers Thomas Voit zur Frage des Golfkrieges auseinandersetzen. Voit
hisste während des Golfkrieges die USA-Flagge15 auf dem Balkon der Geschäftsstelle am Haus der Demokratie und ließ kurzerhand den Schlüssel zur Balkontür
verschwinden. Er versuchte dies mit der Behauptung zu legitimieren, er wolle eine
Auseinandersetzung mit dem Thema innerhalb der Bewegung provozieren, da seiner
Ansicht nach die Position von Demokratie Jetzt in der Öffentlichkeit nicht eindeutig
sei. In letzter Konsequenz reichte er schließlich seine Kündigung als Geschäftsführer
ein.

Für die Bündnisarbeit nicht minder kritisch war ein Schreiben des in den Medien
stark präsenten Bundestagsabgeordneten Konrad Weiß an die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, in dem er die Rücknahme des parlamentarischen Antrags
von Christina Schenk zur Neuregelung des Abtreibungsrechts forderte: «Ich bin der
Überzeugung, dass dieser Entwurf in elementarer Weise dem Naturrecht ebenso
widerspricht wie dem Grundgesetz und dass daher seine Drucklegung als Drucksache des Deutschen Bundestages oder seine öffentliche Behandlung sitten- und
verfassungswidrig und dem Hohen Hause unangemessen wäre.»16 In den im Bestand
befindlichen, 10 Tage vor dem Schreiben an Frau Süssmuth herausgegebenen Pressemitteilungen klingt die Argumentation etwas diplomatischer: «Deshalb werde ich
für eine Gesetzesregelung stimmen, die das ungeborene Kind bestmöglich schützt,
zugleich aber Müttern und Vätern eine Gewissensentscheidung in Freiheit und
Würde ermöglicht.»17

Steffi Rönnefarth Der Bundesverband Demokratie Jetzt und die Landesverbände Demokratie Jetzt und Neues Forum Brandenburg

Teilbestand C Brandenburg I.1 – Demokratie Jetzt und Neues Forum
Brandenburg
Ganz anders stellt sich die Überlieferung von Teilen der Bürgerbewegung im Bestand
C Brandenburg I.1 dar. Hier ist es weniger die Dokumentation der gesamten Tätigkeit und der Arbeit einzelner Mitglieder dieser Bewegungsgruppen, als vielmehr
das Einbringen von gesellschaftsverändernden, sozial gerechten und ökologisch
geprägten Gedanken und Zielen in die politische Gremienarbeit vor Ort.18 Engagement und Initiativen aus der Bewegung wurden hier in neu besetzte, stellenweise
immer noch klassisch strukturierte und kommunal agierende Gremien eingebracht.
So fanden sich plötzlich Bürgerbewegte neben Mitgliedern neuer Allianzparteien und
neben alten Kadern aus DDR-Massenorganisationen in den Räten und der Stadtverordnetenversammlung wieder.
Die Aktenstruktur bildet die politische Arbeit einer Geschäftsstelle in Zeiten des
politischen und gesellschaftlichen Umbruchs sehr gut ab. Der Versuch, die gesellschaftlichen Veränderungen und die daraus entstehende Probleme aufzunehmen,
die Arbeit anderer Bürgerbewegungsgruppen zu verfolgen und Antworten darauf in
die politische Gremienarbeit vor Ort einfließen zu lassen, kennzeichnet ihre Struktur.
Es finden sich Ordner mit Gremienunterlagen aus der eigenen Arbeit sowie Protokolle der Bundesvertreterkonferenzen, des Geschäftsausschusses und des Sprecherrats. Der Schriftwechsel zwischen der Geschäftsführung von Demokratie Jetzt in
Brandenburg und einzelnen Basisgruppen im Bezirk Potsdam oder interessierten
Bürgerinnen und Bürgern bietet ein Spiegelbild damaliger Problemlagen.
Offensichtlich werden die Probleme auch in den Anträgen an die Gremien der
Stadt und des Bezirkes Potsdam bzw. später des Landes Brandenburg: Beschlüsse
der Stadtverordnetenversammlung zur Wohnraumvergabe, zur Weiternutzung von
Objekten des ehemaligen Amtes für Nationale Sicherheit, der Staatssicherheit und
vieler weiterer kommunaler Anliegen. Anträge des Runden Tisches Potsdam an den
16	

AGG, B.II.2, Sign. 778.
AGG, B.V.2, Sign. 29.
18	 Zu dem damaligen Zeitpunkt meinte das den Bezirk Potsdam, ab dem 03.10.1990 umfasste es
dann das gesamte Land Brandenburg.
17	

65

Rat der Stadt zur Verbesserung der baulichen Gestaltung Potsdams19, der Antrag der
Grünen Liga an den Runden Tisch des Bezirks Potsdam zum Erhalt eines der letzten
Klarwasserseen in der norddeutschen Tiefebene als Naturschutzgebiet Stechlinsee20
und die versuchte Einflussnahme auf die Gestaltung der Landesverfassung sind nur
ein kleiner Auszug aus der Vielfalt der kommunalen und teilweise landesbezogenen
Gremienarbeit, die hier im Bestand ihren Niederschlag findet.
In den «Brandenburgischen Bündnisquärälen» warf Grit Poppe, Geschäftsführerin von Demokratie Jetzt in Brandenburg, einen kritischen, zum Teil sehr ironisch
angehauchten Blick auf die Bündnisgespräche und -verhandlungen der Bürgerbewegungsgruppen und zeichnete damit ein gelungenes Stimmungsbild aus der Bürgerbewegung. Da wurde nachgedacht über neu eingeübte Worte wie «Fünfprozentklausel»,
über die Gründung eines gemeinsamen Bürger-Forums als letzte Überlebenschance
der Bürgerbewegung diskutiert, über eine nicht zu verkraftende Spaltung des Neuen
Forums sinniert und mit Vorschlägen für einen passenden Bündnisnamen jongliert.21
Hier wurde sowohl Kritik laut an der Kraftverschwendung und dem Aufhalten an
Nebensächlichkeiten, anstelle des Aufgreifens naheliegender Probleme, als auch
der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass aller Kontroversen zum Trotz die Einsicht
gewinnt, dass nur gemeinsam ein Staat zu machen ist.

Bilanz

19	

AGG, C Brandenburg I.1, Sign. 3.
AGG, C Brandenburg I.1, Sign. 1.
21	 AGG, C Brandenburg I.1, Sign. 135, Niederschrift von Grit Poppe vom 30.07.1990.
20	

66

Grünes Gedächtnis 2009

So wie der Bestand Demokratie Jetzt als Überlieferung der Bundesgeschäftsstelle
und quasi Koordinationszentrum der gesamten Demokratie-Jetzt-Bewegung umfassender angelegt ist, ist auch die Dokumentation der Inhalte vielfältiger und gibt im
Gegensatz zum Teilbestand des Landesverbands Brandenburg auch Aufschluss über
Gründung und Bewegungsgeschichte. Er vermittelt ein umfassendes Bild über die
Organisation Demokratie Jetzt von ihrer Gründung bis zum Zusammenschluss zum
Bündnis 90.
Die Unterlagen des Landesverbands Brandenburg sind dagegen naturgemäß
nicht so umfangreich. Zu den aussagefähigsten Unterlagen gehören die Protokolle
der Landessprecherräte von Neuem Forum und Demokratie Jetzt. Während ein
großer Teil der Unterlagen, so z.B. die Protokolle des Republiksprecherrats des Neuen
Forums und des Bundessprecherrats von Demokratie Jetzt, eine Arbeitsgrundlage
darstellen, aber nicht aus der Feder der Landesverbände herrühren. Diese Art Informations- und Arbeitsmaterial gibt es in verhältnismäßig großem Umfang ebenfalls
zu den bundesweiten Initiativen von Demokratie Jetzt und Neuem Forum sowie zu
anderen Bürgerbewegungsgruppen. Zur Entwicklung der Bewegungsgruppen findet
sich nichts. Dafür wirken hier die landesspezifischen Initiativen bzw. das auf die
Kommune Potsdam bezogene Engagement in den verschiedenen städtischen und
landesweiten Gremien nach.

Annegret Hünninghaus

Bündnis 90/Grüne in der
Volkskammer der DDR

Annegret Hünninghaus Bündnis 90/Grüne in der Volkskammer der DDR

Eine Bestandsbeschreibung

22. März 1990, Haus der Demokratie, Berlin. Vier Tage nach der ersten freien Wahl
der DDR-Volkskammer saßen sich zwanzig frisch gewählte Abgeordnete des Neuen
Forum (NF), der Grünen Partei (GP), der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt (DJ) und
der Initiative für Frieden und Menschenrechte (IFM) an dem Ort gegenüber, der im
Dezember 1989 vom Zentralen Runden Tisch der DDR aus SED Parteivermögen an
die ostdeutsche Bürgerbewegung übergeben worden war.
Zwanzig Abgeordnete, die sich nach einem für alle Beteiligten enttäuschenden
Wahlergebnis zur Fraktion Bündnis90/Grüne zusammengeschlossen hatten, be­ab­
sichtigten, gemeinsam Politik zu machen und am wohl letzten Kapitel DDR-Geschichte mitzuschreiben.
Eine harte Zeit lag vor ihnen. Ursprünglich für vier Jahre gewählt, sollten sie nun,
innerhalb von sechs Monaten ein Land neu strukturieren und angliedern.
Auf die Abgeordneten warteten schwierige Arbeitsbedingungen. Während die
eigentliche parlamentarische Arbeit schon in vollem Gang war, musste sich die
Fraktion der Bündnisgrünen erst einmal organisieren. Zwar waren die Ausschüsse
verteilt, ein Fraktionsgeschäftsführer ernannt und ein Parlamentarischer Geschäftsführer sowie der Fraktionssprecher gewählt, doch gab es außer Wolfgang Templin
keinen regulären Mitarbeiter der Fraktion.
Erst Mitte Mai konnte eine Pressestelle eingerichtet werden, wurden Finanzexperten und Juristen eingestellt und persönliche Mitarbeiter gesucht. Auch Arbeitsmaterialien wie Schreibmaschinen und Kopiergeräte konnten erst zu diesem
Zeitpunkt angeschafft werden. Hinzu kamen Probleme mit den Räumlichkeiten. Die
Mitglieder der Fraktion Bündnis 90/Grüne mussten öfter ihre Büros wechseln. Es gab
Fälle, in denen sich drei Abgeordnete mit ihren Mitarbeitern ein Büro teilten.1 Der
Unfalltod der Abgeordneten Ilse Nierade und die damit verbundene Einarbeitung
ihres Nachfolgers erschwerten die Arbeit ebenfalls.
Inzwischen mussten sich die Abgeordneten bei ihrer parlamentarischen Arbeit
durch Berge von Papier kämpfen. Matthias Platzeck drückte das so aus: «Es war für
viele das erste Mal im Leben, Druckerzeugnisse nach Gewicht zu verarbeiten. Die
Faustregel lautete: werktags ein Kilogramm, sonntags ein halbes Kilogramm.»2 Denn
die meisten Anträge und Gesetzesentwürfe wurden schon am nächsten Tag in der
Volkskammer debattiert und verabschiedet. Die Schwerpunkte der parlamenta1	
2	

Interview mit Priska von Klitzing, ehemalige Mitarbeiterin der Fraktion, geführt am 24.10.1998
mit Annegret Hünninghaus in Gosen bei Berlin.
«Die ersten 100 Tage…» von Matthias Platzeck, in: Regenbogen. Berlin 1.Jg. (1990) Nr. 1, S. 1.
67

3	
4	
5	

6	
7	

68

Ebd.
Ebd.
Vgl. Jens Reich: Fraktion Bündnis 90/Grüne Partei: Positionen und Bilanz, in: Mandat für
deutsche Einheit, Die 10. Volkskammer zwischen DDR-Verfassung und Grundgesetz, Opladen
2000 S. 174.
Seine Nachfolge als Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes trat die
ebenfalls bündnisgrüne Abgeordnete Marianne Birthler im Jahr 2000 an.
Protokoll der Vorstandssitzung der Fraktion Bündnis 90/Grüne am 18.09.1990, in: AGG B.III,
Sign. 6.

Grünes Gedächtnis 2009

rischen Arbeit der Fraktion Bündnis 90/Grüne, wie auch aller anderen Volkskammerfraktionen, bildeten die Themen «deutsche Verfassung» und «Einigungsvertrag»
sowie der Zeitpunkt der Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Dieser führte in
den Tagen um den 17. Juni 1990 zu einer «innerfraktionellen Zerreißprobe», als einige
Mitglieder um Konrad Weiß, Dr. Wolfgang Ullmann und Vera Wollenberger3 sowie
Abgeordnete aus den Fraktionen der SPD und CDU einen Antrag auf den sofortigen
Anschluss nach Artikel 23 zum Geltungsbereich des Grundgesetzes in die Volkskammer einbringen wollten. Diese Aktion rief innerhalb der Fraktion Bündnis 90/
Grüne eine «messerscharfe und schonungslose», aber dennoch sachliche Diskussion
hervor, die als Reifeprüfung der Fraktion angesehen wurde.4
Die letzte DDR-Volkskammer befasste sich mit drei großen Gesetzgebungsverfahren.
Das erste fand am 21. Juni 1990, der 16. Tagung der Volkskammer, statt und
entschied über das Gesetz zum Vertrag über die Schaffung einer Währungs-,
Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Deutschen Demokratischen Republik
und der Bundesrepublik Deutschland vom 18. Mai 1990. Alle anwesenden bündnisgrünen Abgeordneten stimmten gegen dieses Gesetz.
In der Frage um den Termin der Selbstauflösung der DDR und des Beitritts zur
BRD, die die zweite namentliche Hauptabstimmung betraf, zeigte sich die Fraktion
gespalten.
Die letzte große Abstimmung betraf den Einigungsvertrag, der das eigentliche
Dokument der staatlichen Vereinigung und der Selbstauflösung der DDR darstellt.
Seine Ausarbeitung stand unter enormem Zeitdruck. Die Parlamente beider deutscher
Staaten waren nur formal daran beteiligt und unzureichend informiert. Trotzdem
gelang es, in wenigen Tagen vor der Verabschiedung noch einige Veränderungen zu
beschließen.5 Hier hatte die Fraktion Bündnis 90/Grüne einen maßgeblichen Anteil.
So wurden die Akten der Staatssicherheit nicht wie geplant ins Bundesarchiv nach
Koblenz verlegt, sondern einer neu gegründeten Behörde übergeben, deren Leitung
der bündnisgrüne Abgeordnete Joachim Gauck übernahm.6
Die letzten Arbeitswochen vor der Wiedervereinigung und der Auflösung der Volkskammer waren bei der Fraktion bestimmt von Planungen für die Übergangszeit, also
die Zeit vom 3. Oktober 1990 bis zur ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2.
Dezember 1990. In der Fraktionssitzung vom 18. August 1990 wurde in geheimer Wahl
darüber abgestimmt, wer nach der Vereinigung in den Bundestag delegiert werden
sollte. Die Weiterbeschäftigung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und die weitere
Verwendung der finanziellen und organisatorischen Ressourcen waren zu klären.
Auf der Tagesordnung der Vorstandssitzung am 18. September 1990 stand die
Frage: «Was wird aus den Schriftgutbeständen?»7 Ein erstes Konzept sah vor, die

Annegret Hünninghaus Bündnis 90/Grüne in der Volkskammer der DDR

Plakat zur Volkskammerwahl am 18.3.1990

Einladung zum Kongress am 19.6.1990

Akten in einen Teil «öffentlicher Bestand» und in einen zweiten Teil «Fachbereiche»
zu gliedern und in die Struktur des Berliner Büros der neuen Bundestagsfraktion
einzubringen.8 Ein zweites Konzept sah vor, unter anderem die Protokolle der Volkskammer, eine Zeitungs- und Presseschau, Gesetzblätter und die Protokolle der Fraktionssitzungen sowie eine doppelte Überlieferung der Drucksachen zu archivieren.
Pressemitteilungen und Presseveröffentlichungen sollten bei den Abgeordneten
angefordert und ebenfalls im Archiv aufbewahrt werden.
Mitte November 1990 begannen die Mitarbeiterinnen Priska von Klitzing,
Dorothee Busching und Silvia Benjowski mit dem Aufbau des Archivs, das in Anlehnung an das zweite Konzept strukturiert wurde.
Als «Unterstellmöglichkeit» kam die Robert-Havemann-Gesellschaft, als Archiv
der DDR-Opposition, die Heinrich-Böll-Stiftung9, als grünnahe politische Stiftung,
oder ein staatliches Archiv in Betracht. Auf jeden Fall aber sollten die Akten vorerst im
Berliner Büro der Bundestagsgruppe Bündnis 90/Die Grünen, das sich im Reichstag
befand, untergebracht werden, um dort als Sachakten für politische Verhandlungen
mit der zukünftigen Fraktion bzw. als ein Wissenspool für die Abgeordneten der fünf
neuen Länder zu dienen.
Nach etwa viermonatiger Arbeit an der Zusammenstellung der Akten übergab
man diese dem Berliner Büro der Bundestagsgruppe Bündnis 90/Die Grünen. Nach
8	
9	

Ebd.
Die Heinrich-Böll-Stiftung in Köln sollte das Archiv für den Fall aufnehmen, dass keine neue
Bundestagsfraktion zustande käme, in: Persönliche Aufzeichnungen Priska von Klitzing vom
15.11.1990.
69

deren Auszug aus dem Reichstagsgebäude Anfang des Jahres 1995 wurden die Akten
in zehn Kisten verpackt und dem Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung übergeben.
Somit ist der Bestand B.III Volkskammerfraktion Bündnis 90/Grüne eine Zusammenstellung verschiedener Ablagen der Fraktion sowie der einzelnen Fraktionsangehörigen. Er gliedert sich in Unterlagen der Fraktionsgeschäftsführung, darunter die
Protokolle der Fraktionssitzungen, in allgemeine Korrespondenzakten der Fraktion,
Sammlungen von Stellungnahmen und Anträgen sowie die Personalunterlagen
der Fraktion. Den Hauptteil des Bestands machen die Dokumente der einzelnen
Abgeordneten der Fraktion Bündnis 90/Grüne aus. In ihnen finden sich vorrangig
Unterlagen zur Fraktions- und Ausschusstätigkeit, daneben Korrespondenzen und
Veröffentlichungen. Die Akten der Abgeordneten Joachim Gauck und Bernd Reichelt
wurden nicht überliefert. Im Bestand enthalten sind schließlich noch Sammlungen
der Protokolle der Volkskammertagungen von April bis Oktober 1990 sowie Drucksachen der Volkskammer und Gesetzesblätter der DDR.
Interessanterweise sind Unterlagen zur Bündnispolitik der Bürgerbewegungen
untereinander sowie zu den Beziehungen zu den Grünen in der Bundesrepublik in
allen Teilen des Bestandes enthalten. Sie dokumentieren die Entwicklung vom April
bis zum Herbst des Jahres 1990. Vereinzelt finden sich in den Akten der Abgeordneten
auch Dokumente aus der Zeit vor der Konstituierung der Volkskammerfraktion,
zumeist aus ihrer Mitarbeit am Runden Tisch.
Der Bestand B.III Volkskammerfraktion Bündnis 90/Grüne im Archiv Grünes
Gedächtnis gibt Einblick in die politische Arbeit der Fraktion und einzelner Fraktionsmitglieder.
Er wurde nach der Arbeit als öffentlich zugängliche Dokumentation zusammengestellt und ist insofern auch ein Kunstprodukt.
70

Grünes Gedächtnis 2009

Alle Abgeordneten und Mitarbeiter/innen der Volkskammerfraktion Bündnis 90/Grüne
1990.

Christoph Becker-Schaum

Christoph Becker-Schaum Der Archivbestand Gerhard Bächer und die Grüne Partei in der DDR

Der Archivbestand Gerhard
Bächer und die Grüne Partei in
der DDR
Wer die Bestandsübersicht des Archivs Grünes Gedächtnis durchsieht, dem wird
auffallen, dass sie oder er zwar den Bestand Demokratie Jetzt, aber keinen entsprechenden Bestand Grüne Partei in der DDR findet. Was auf den ersten Blick verwundern mag, findet seine Erklärung durch die Umstände, unter denen die Akten der
beiden politischen Vereinigungen ins Archiv gelangt sind. Für interessierte Nutzer/
innen sind die Umstände häufig nicht einfach zu durchschauen. In der Regel verhält
es sich so, dass die Überlieferung der Organisationsakten der politischen und insbesondere der organisatorischen Entwicklung folgt. Die heutige Partei Bündnis 90/Die
Grünen ist das Ergebnis eines komplizierten Vereinigungsprozesses, der durch eine
Sonderentwicklung in Sachsen noch einen Tick komplizierter geworden ist. Wenn
man aber den sächsischen Sonderfall – die Gründung der Landespartei «Bündnis 90/
Grüne in Sachsen» am 27. bis 29. September 1991 – außen vor lässt, haben wir einen
Vereinigungsprozess in drei Schritten: erstens am 3. Dezember 1990 der Zusammenschluss von «Die Grünen» und «Grüner Partei in der DDR»; zweitens am 21./22.
September 1991 der Zusammenschluss der Bürgerbewegungen «Neues Forum,
Demokratie Jetzt» und «Initiative Frieden und Menschenrechte» zur Partei «Bündnis
90»; drittens die Vereinigung von «Die Grünen» und «Bündnis 90», die am 14. bis 16.
Mai 1993 nach Parteitagsbeschlüssen und Urabstimmungen der Mitglieder mit dem
ersten Parteitag von Bündnis 90/Die Grünen abgeschlossen ist. Auf die politisch
beschlossene Fusion der Organisationen folgt – wiederum in der Regel – die Zusammenlegung der Geschäftsstellen und diese impliziert die Zusammenführung der
Akten. So umfasst die Überlieferung des Landesverbandes Berlin die im Haus der
Demokratie geführten Berliner Akten der «Grünen Partei in der DDR». Sie sind bei der
Fusion der Alternativen Liste (Westberlin) und der Grünen Partei (Ostberlin) an die
fortan gemeinsame Landesgeschäftsstelle der Alternativen Liste abgegeben worden
– und, Jahre später, im Zuge der Archivierung des Landesverbands ins Grünen-Archiv
gelangt. So gesehen scheint die eigentliche Anomalie zu sein, dass die Aktenführung
der zentralen Geschäftsstelle von Demokratie Jetzt als eigenständiger Archivbestand
erhalten geblieben ist. Die DJ-Akten sind nämlich trotz Fusion von Demokratie Jetzt
mit der Initiative Frieden und Menschenrechte und Teilen des Neuen Forums nicht
Teil der Aktenführung der 1991 gegründeten Partei Bündnis 90 geworden. Politisch ist
das nicht leicht nachvollziehbar oder zumindest ambivalent, für die künftigen Historikerinnen und Historiker der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt ist es allerdings ein
außerordentlicher Glücksfall. Die Historie des Stahlschranks mit den DJ-Akten ist die,
dass dieser Schrank im Haus der Demokratie in der Berliner Friedrichstraße in der
Obhut desjenigen Büros stehen blieb, das im Rahmen der Assoziation von Bündnis
71

72

Grünes Gedächtnis 2009

90 und Die Grünen für die Betreuung der früheren Mitglieder von Bündnis 90 eingerichtet worden war, und auch noch in das spätere Berliner Haus der Menschenrechte umzog, ehe er schließlich vom Leiter des Büros, Erhard O. Müller, dem Archiv
übergeben wurde.
Historikerinnen und Historiker der Grünen Partei haben so viel Glück nicht. Nach
dem Sonderparteitag der Grünen Partei vom 7. bis 9. September 1990 in Berlin, der
die Modalitäten des Zusammenschlusses mit den Grünen (West) und die personelle
Vertretung im Vorstand der gesamtdeutschen Grünen ab dem 3. Dezember 1990,
dem Datum der Vereinigung, beschlossen hat, wurde entschieden, die Geschäftsstelle in der Friedrichstraße aufzulösen. Den hauptamtlichen Mitarbeitenden der
Geschäftsstelle wurde gekündigt. Dadurch bröckelte die Arbeit in der Geschäftsstelle langsam ab. Schließlich klärten Vorstand und Mitarbeitende untereinander,
dass sie die Akten aufteilen und mit nach Hause nehmen würden. Die meisten Akten
befinden sich nach wie vor im Privatbesitz. Teile dieser Akten sind aber inzwischen
verschwunden. Nur ein kleiner Teil der Akten, der weder die Personalakten noch
die Finanzakten umfasste, wurde damals an die Bundesgeschäftsstelle abgegeben.
Friedrich Heilmann und Gerhard Bächer haben die Akten, die sie damals mitgenommen haben, inzwischen an das Archiv abgegeben. Ebenfalls sind die wenigen
an die Bundesgeschäftsstelle der Grünen abgegebenen Akten inzwischen von dort
ins Archiv gelangt. Nach der Auflösung des Berliner Büros des Bundesvorstands, das
nach der Wahl von Marianne Birthler zur Parteivorsitzenden eingerichtet worden
war, kamen im größeren Umfang Finanzakten der Bürgerbewegungen und eine
Aktenserie zur Dokumentation von Bündnis 90 in das Archiv. Diese Akten betrafen
wiederum nicht die Grüne Partei. Aus all diesen Gründen gibt es keinen historisch
bedeutsamen Archivbestand Grüne Partei in der DDR im Archiv Grünes Gedächtnis.
Historikerinnen und Historiker der Grünen Partei müssen sich also anders behelfen.
Die naheliegende Frage lautet: Was ist denn überhaupt im Archiv?
Eine Archivrecherche nach Unterlagen, die die Grüne Partei betreffen, quer über
alle Archivbestände, führt außer den bisher genannten Akten der Grünen Partei im
Bestand des Landesverbands Berlin und der Bundesgeschäftsstelle zu den Depositarbeständen von Mitgliedern und Aktiven der Grünen Partei sowie zu den Beständen
Dritter, in denen sich ihre politische Arbeit für die Grüne Partei bzw. ihre Zusammenarbeit mit der Grünen Partei niederschlägt. Dabei sind sechs Bestände von herausragender Bedeutung: die genannten Depositarbestände von Friedrich Heilmann und
Gerhard Bächer und derjenige der Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld sowie
die Aktenbestände der Volkskammerfraktion Bündnis 90/Grüne, der Fraktion Die
Grünen im Bundestag und der Bundesgeschäftsstelle Die Grünen aus dem Jahr 1990.
Die Politikfelder, zu denen diese Bestände insbesondere Aufschluss vermitteln, seien
in aller Kürze genannt: im Fall des Depositarbestands von Friedrich Heilmann sind es
die Vorstands- und Sprecher/innen-Ebene der Grünen Partei, zudem noch dadurch
interessant, dass Friedrich Heilmann später Mitglied des Bundesvorstands von Die
Grünen und Sprecher des brandenburgischen Landesvorstands von Bündnis 90/
Die Grünen wurde; Im Fall des Depositarbestands von Gerhard Bächer die Presseund Öffentlichkeitsarbeit der Grünen Partei; im Fall des Depositarbestands von Vera
Lengsfeld ist es ihre parlamentarische Arbeit im Deutschen Bundestag im Bereich
der Außen- und Sicherheitspolitik; im Fall der Volkskammerfraktion ihr Anteil an
der parlamentarischen Verhandlung über die Vereinigung der beiden deutschen

Christoph Becker-Schaum Der Archivbestand Gerhard Bächer und die Grüne Partei in der DDR

Carlo Jordan, Vollrad Kuhn, Gerhard Bächer (v.l.n.r.)

Staaten und den Umgang mit dem DDR-Erbe; im Fall der Bundestagsfraktion die
politische Zusammenarbeit zwischen der Bundestagsfraktion und der Volkskammerfraktion; schließlich im Fall der Bundesgeschäftsstelle die Verhandlungen zur
Vorbereitung der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl 1990 und zur Vereinigung
der beiden grünen Parteien. Die beiden zuletzt genannten Bestände sind hier nur
in Hinsicht auf das Jahr 1990 und die Beziehung zur Grünen Partei genannt. Hinzukommen eine Aktenserie im Bestand der Landesgeschäftsstelle von Bündnis 90/Die
Grünen Brandenburg und eine Reihe von Depositarbeständen grüner Politikerinnen
und Politiker aus Ost und West, von denen stellvertretend der von Wilhelm Knabe
genannt sei. Er war als Bundestagsabgeordneter (West) 1990 an einer umweltpolitischen Veranstaltung der Grünen (Ost) beteiligt, und das findet Niederschlag in
seinem Depositum.
Im Folgenden wird es ausschließlich – und damit komme ich zum Ende der
Vorrede – um den Depositarbestand von Gerhard Bächer gehen. Wer ist Gerhard
Bächer? Gerhard Bächer stammt aus Saalfeld in Thüringen, wo er 1952 geboren ist.
Nach der Schule verweigerte er den Waffendienst in der NVA, besuchte das kirchliche Proseminar in Naumburg an der Saale und studierte einige Semester Theologie.
Schließlich zog er 1975 nach Berlin-Prenzlauer Berg und machte eine Ausbildung an
der Spezialmusikschule für U-Musik in Berlin-Friedrichshain. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Kunstglaser und Gebäudereiniger. Seit 1979 war er freiberuflicher
Musiker. Seit dem Sommer 1989 gehörte er zu den Initiatoren der Grünen Partei und
wurde nach der Gründung der Partei Leiter der Pressestelle. Aus dem persönlichen
Engagement für die Grüne Partei war ein Beruf geworden, der durch die Auflösung
der Geschäftsstelle nach einem Jahr abrupt beendet wurde. Ein Jahr Aufbauarbeit
war mit einem Schlag zu Ende. Die Auflösung der Geschäftsstelle und ihre Umstände
haben ihn tief verletzt. Mit dieser Parteipolitik wollte er nichts mehr zu tun haben.
Gerhard Bächer lebt nach wie vor in Berlin. Er ist Musiker, schreibt für die theaterpädagogische Zeitschrift «SpielArt» und engagiert sich im Verein «Berliner Regional
– Verein für nachhaltiges Wirtschaften».
73

74

Grünes Gedächtnis 2009

Sein Bestand besteht überwiegend aus den Unterlagen der Pressestelle der
Grünen Partei in der Geschäftsstelle im Haus der Demokratie in der Berliner Friedrichstraße, daneben und nicht weniger wertvoll befinden sich Korrespondenzen
und Dokumente aus seinem Engagement im grün-ökologischen Netzwerk Arche.
Sie bilden den Hintergrund ab, vor dem sich Gerhard Bächer an der Gründung der
Grünen Partei in der DDR beteiligte. Der besondere Glücksfall dieses Depositums
besteht deshalb darin, dass es die Voraussetzungen der Grünen Partei mitüberliefert, so weit Gerhard Bächer an dem Geschehen teilgenommen hatte, was undenkbar
wäre, wenn der Bestand ausschließlich die in der Geschäftsstelle der Grünen Partei
angelegten Akten umfassen würde.
Gerhard Bächer hat seine Unterlagen dem Archiv vor zwei Jahren übergeben. Der
erste Eindruck ist, dass sie noch in demselben Zustand sind, in dem sie Ende 1990
waren. Das Ganze füllt sechs Archivschachteln und besteht aus Schnellheftern, in
Klarsichthüllen verpackten Dokumenten, Protokollserien und losen Materialien, ist
insofern in sich unterschiedlich stark systematisiert, aber die vorhandene Ordnung
erlaubte allemal, dass man jeden gesuchten Vorgang sofort finden konnte. Bei der
Übernahme sind 12 vorläufige Signaturen gebildet worden, die in der Regel mehrere
Schnellhefter und Klarsichthüllen umfassen, in einigen Fällen so viele, dass zu einer
Signatur drei Faszikel gehören. Die Unterlagen sind bei der vorläufigen Signaturenbildung nicht vorsortiert worden – das wird im Rahmen der Bearbeitung und
Findbucherstellung geschehen –, so dass eine Beschreibung nach Signaturen nicht
ganz einfach ist.
So enthält Sign. 1 das Eingeständnis des Gründungsmitglieds Henry G. Schramm,
dass er Informant der Stasi war, mit der Presseerklärung des Parteivorstands und
anderem vom September 1990. Als nächstes folgen Mappen vom März 1990 für die
geplante Broschüre der Volkskammer, in der die neuen Abgeordneten mit personenbezogenen Angaben und Fotos erscheinen sollen. Ihr Inhalt ist etwas pikant, denn
im Wahlkreis 03 (Dresden) hat der Diplom-Chemiker Peter Hildebrand ein Mandat
gewonnen und im Wahlkreis 12 (Potsdam) der Diplom-Ingenieur Matthias Platzeck.
Platzecks Parteizugehörigkeit lautet Grüne Partei, während für Hildebrand «parteilos»
angegeben ist. Genauso verhält es sich bei einer Liste der Spitzenkandidat/innen der
Grünen Partei in den Bezirken: einer ist parteilos, nämlich Peter Hildebrand. Und
genauso in den Wahlkampfzeitungen: Die Grüne Partei hat es angegeben, wenn
einer ihrer Kandidaten parteilos war. Kurz: Matthias Platzeck ist im Rahmen der
Wahlkampfführung der Grünen Partei als ihr Mitglied – und Minister – aufgetreten.
Dabei hatte Matthias Platzeck im November 1989 entschieden gegen die Gründung
der Grünen Partei Stellung bezogen und war stattdessen einer der wichtigsten
Sprecher der Grünen Liga geworden, die er auch am Runden Tisch vertreten hatte. In
der Wahlkampfstrategie vom Februar/März 1990 und in seinen Interviews erscheint
er jedoch als Exponent der Grünen Partei, der die Einheit der ökologischen Bewegung
jenseits des Unterschieds von Grüner Partei und Grüner Liga betont, auch wenn der
heutige Ministerpräsident betont, damals als parteiloser Kandidat angetreten zu
sein. Der Faszikel dokumentiert im Übrigen die Wahlkampforganisation der Grünen
Partei mit Terminplanung, Wahlkampfmaterial, Anzeigen, Medieneinsatz, Meinungsumfragen und Auswertung.
Im zweiten Faszikel finden sich die entsprechenden Unterlagen zur Kommunalwahl im Mai 1990. Er enthält auch die Protokolle des DDR-Delegiertenrates

Christoph Becker-Schaum Der Archivbestand Gerhard Bächer und die Grüne Partei in der DDR

der Grünen Partei sowie das Protokoll der 1. gemeinsamen Sitzung von Vorstand,
DDR-Delegiertenrat und Volkskammerfraktion. Die in meinen Augen wichtigsten
Papiere der unter der Sign. 1 zusammengefassten Schnellhefter und Hüllen sind
diejenigen zum Gründungsprozess der Grünen Partei vom Oktober und November
1989 mit Erklärungen, Protokollen, Kontaktadressen, die den Kontext der Entstehung
der Grünen Partei im Gesamtzusammenhang von grün-ökologischem Netzwerk
Arche, Stadtökologiegruppen im Kulturbund der DDR und Grüner Liste im Neuen
Forum beleuchten. Hier befindet sich auch ein Schnellhefter mit Flugblättern, der
ebenfalls einzelne Flugblätter der Gesellschaft für Natur und Umwelt enthält.
Die Papiere im Faszikel mit der Sign. 2 vertiefen den Eindruck. Sie sind teilweise
älter, in der Regel aus den Jahren 1988/89. Die ältesten sind ein Brief von Pfr. Eppelmann an Honecker vom Sept. 1981 und der Berliner Appell vom 25.01.1982. Ein
Teil dieser Papiere bezieht sich auf das grün-ökologische Netzwerk Arche. Unter
anderem geht es um die Aufstellung eines Tschernobyl-Denkmals im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen im Januar/Februar 1989, um eine Protestresolution gegen
das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, um die Durchführung von Treffen u.a.m. In diesem Faszikel befindet sich ferner ein Schnellhefter
mit verschiedenen Aufrufen vom Herbst 1989, von Künstlern, von den Bürgerbewegungen Demokratie Jetzt, SDP, Neues Forum, Demokratischer Aufbruch und weniger
bekannter Gruppen wie der Sozialistisch-Demokratischen Alternative (7.10.1989).
Schließlich befinden sich in einem weiteren Schnellhefter Korrespondenzen und
Protokolle aus dem Vorfeld der Einrichtung des Runden Tisches sowie vom Runden
Tisch selbst.
Der Faszikel mit der Sign. 3 beginnt ganz persönlich. Einige Fotos und Porträtaufnahmen zeigen Gerhard Bächer im Gespräch mit Carlo Jordan und Vollrad Kuhn.
Hier liegen auch zwei Delegiertenkarten und sein Mitgliedsausweis; Gerhard Bächer
hatte den Mitgliedsausweis Nr. 2. Es folgen Unterlagen der Initiativgruppe zur
Gründung der Grünen Partei. In einem Brief von Marianne Harich an Mario Hamel
vom 21.10.1989 tritt sie entschieden für eine schnelle Parteigründung ein: für eine
«Parteigründung, die schrittweise aus der Basis herauswächst», sei keine Zeit mehr.
Sie spricht sich auch dagegen aus, allzuviel Rücksicht auf andere zu nehmen. «Die
Grüne Partei der DDR sollte sich als völlig selbständige politische Organisation mit
eigenem Programm und Statut formieren und dann erst Überlegungen darüber
anstellen, in welchen konkreten Fragen, zu[r] Erreichung welcher gemeinsamer Ziele
sie mit anderen Parteien, gesellschaftlichen Organisationen, Gruppen und Initiativen
Bündnisse schließen und auch praktisch zusammenwirken kann.» Zuletzt, auf Seite
vier des maschinengeschriebenen Briefes, gibt sie zu denken, ob nicht die Mitglieder
der Grünen Partei, «wenigstens aber ihre Funktionäre», auf ein Minimum alternativer Lebensweise verpflichtet werden sollten: «z.B. bescheidene Lebensführung
unter Ausschluß von Autobesitz». Ein Brief von Wolfgang Harich kommentiert später
den Programmentwurf. Dieser Faszikel ist dadurch besonders interessant, dass er in
zahlreichen Briefen, Entwürfen und Erklärungen die Diskussion um die Gründung
der Grünen Partei im Zusammenhang mit den Alternativentwürfen – Grüne-Alternative Partei (GAP), Grüne Liste – widerspiegelt. Die folgenden Papiere beziehen sich
auf das Gründungsverfahren, die Gründungserklärung, die Programmdiskussion und
schließlich den Gründungsparteitag in Halle. Mario Hamel ist bereits als Adressat von
Briefen erwähnt. Generell verhält es sich so, dass der Archivbestand auch Briefe an
75

Grünes Gedächtnis 2009

andere Akteure der Grünen Partei enthält, außer an Mario Hamel vor allem an Carlo
Jordan.
Sign. 4 ist überwiegend eine Pressedokumentation aus dem Jahr 1990. Sie berührt
als solche auch die Wahlen zu den Landtagen und zum Bundestag. Die Dokumente
zur Wahlvorbereitung liegen überwiegend in Sign. 5. Hier befindet sich auch die
vollständige Sammlung des Informationsblatts der Grünen Partei, das zwischen
März und Dezember 1990 in insgesamt 12 Ausgaben erschienen ist. Sign. 6 enthält
insbesondere Konzeptunterlagen zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Grünen
Partei, Sign. 7 eine Sammlung von Pressemitteilungen aus dem Zeitraum März
bis Dezember 1990. Die Belege, die den Großteil des Faszikels Sign. 8 ausmachen,
beziehen sich auf Ausgaben des grün-ökologischen Netzwerks Arche in den Jahren
1988/1989. Es folgen zwei Mappen mit Protokollen und Sitzungsunterlagen zum
Medienkontrollrat der DDR; an den entsprechenden Sitzungen hat Gerhard Bächer,
so weit das vorläufig festzustellen war, nicht teilgenommen. Die beiden letzten
Mappen enthalten «Verschiedenes». Sie machen zwar nicht weniger als ein Drittel
des Ganzen aus, aber den Charakter des Bestands ändern sie deshalb noch nicht.
Die Highlights des Bestands befinden sich in den ersten drei Signaturen, die deshalb
ausführlicher beschrieben sind, die nachfolgenden enthalten die Brot-und-ButterArbeit einer Parteipressestelle. Vor allem auf die drei ersten stützt sich deshalb die
Beurteilung des Quellenwertes: Das Depositum ist dadurch wertvoll, dass es erstens
die Gründungsgeschichte der Grünen Partei im Kontext des persönlichen Engagements eines ihrer Gründungsmitglieder und zweitens die Wahlkampagnen und die
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Partei aus den Unterlagen des für die Pressearbeit Zuständigen anhand seiner originären Arbeitsunterlagen enthält.

76

4
Archivprojekte

Anne Vechtel

Christa Nickels zu den grünen
Anfängen im Kreis Heinsberg, zur
Rotation und zum Feminat
1

Zeitzeuginnengespräch

Das Archiv Grünes Gedächtnis hat 2008 die Veranstaltungsreihe «ZeitzeugInnengespräche im Archiv» ins Leben gerufen. Mit diesen Gesprächen möchte das Archiv den
Dialog zwischen jungen politisch Interessierten, Aktiven und den ersten grünen Politikerinnen und Politikern fördern, die bereits durch eine Generation getrennt sind. Es
möchte subjektive Erinnerungen an die grünen Anfänge aufzeichnen und dokumentieren und damit politisch Interessierten und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Möglichkeit bieten, sowohl auf wissenschaftliche Analysen wie auf ZeitzeugInnengespräche zurückgreifen zu können.
Im Rahmen dieser Reihe war am 10. Juni 2008 Christa Nickels zu Besuch. Eindrucksvoll berichtete sie von ihren persönlichen politischen Anfängen und denen der Grünen
im Kreis Heinsberg. Sie erinnerte an vergessene und nicht genügend gewürdigte
Aspekte, Bedingungen und Wirkungen grüner Parteigeschichte und bewertete die viel
und kontrovers diskutierten Markenzeichen der ersten Bundestagsfraktion – Rotation
und Feminat – aus ihrer heutigen Perspektive. Dabei wurde deutlich, dass sich im
Verlauf der fast 30-jährigen Parteigeschichte bestimmte Erinnerungen und Interpretationen verfestigt haben, die heute vervollständigt und neu bewertet werden sollten.

Die grünen Anfänge im ländlichen Kreis Heinsberg

1	

78

Dieser Bericht basiert auf einem Tonmitschnitt des Gesprächs, das Anne Vechtel mit Christa
Nickels am 10.06.2008 im AGG in Berlin führte. Die Autorin hat aus der Fülle des Materials ihr
wichtig erscheinende Themen ausgewählt und diese zusammen mit ihren Erinnerungen an das
Gespräch in diesem Bericht zusammengetragen. Die kursiv gekennzeichneten Zitate wurden in
Abstimmung mit Christa Nickels aus Gründen der Lesbarkeit redaktionell bearbeitet. Das gesamte
Gespräch steht als Tonkassette im Archiv Grünes Gedächtnis zur Nutzung zur Verfügung.

Grünes Gedächtnis 2009

Im Kreis Heinsberg, dem westlichsten Landkreis Nordrhein-Westfalens an der Grenze
zu den Niederlanden, gibt es in den 60er- und 70er-Jahren keine größeren Städte und
Industrieansiedlungen. Der nördliche Kreis hat einige größere Gewerbebetriebe und
kleinere Städte, während der südliche Kreis eher bäuerlich geprägt ist.
Hier wächst Christa Nickels auf. Sie besucht ein katholisches Mädchengymnasium, macht 1971 Abitur und wird Krankenschwester. Sie heiratet und bekommt zwei
Kinder.

Soweit scheint die Welt im Kreis Heinsberg in Ordnung zu sein, wären da nicht im
Fernsehen Bilder vom Vietnamkrieg und der Hungerkatastrophe in Biafra zu sehen,
die Christa Nickels schockieren und empören. Und als Mitte der 70er-Jahre die
SPD-Regierung unter Helmut Schmidt beginnt, Atomenergie massiv zu fördern, und
immer deutlicher wird, dass dem Kreis Heinsberg in der westlichen Militärstrategie
eine ganz besondere Stellung droht, nämlich die Auf- und Hochrüstung mit amerikanischen atomar bestückten Pershing-II-Mittelstreckenraketen und Marschflugkörpern, drängt es Christa Nickels zum Handeln.2 Sie ist als engagierte Christin verunsichert und empört über eine Politik, die viel Geld zur Förderung einer Energie- und
Militärpolitik ausgibt, die Menschen gefährdet, Geld, das dann beispielsweise bei
der Förderung guter Kinderbetreuung eingespart wird. Ihr reichen Beten und Hoffen
nicht mehr. Sie sucht nach Möglichkeiten, sich politisch einzubringen und schaut
sich bei der örtlichen CDU und SPD um. Christa Nickels entscheidet sich aber gegen
ein Engagement bei diesen beiden Parteien.

Anne Vechtel Christa Nickels zu den grünen Anfängen im Kreis Heinsberg, zur Rotation und zum Feminat

Christa Nickels: «Und da wurde mir von der SPD gesagt: Du willst doch
politisch etwas machen. Dann musst du doch in eine Partei eintreten.
[…] Aber ich habe mich geweigert, mich an so etwas Verschwiemeltem zu
beteiligen, was die Kraft von Menschen neutralisiert, weil die Parteispitze in
wesentlichen Fragen ganz anders agierte als Parteiprogramm und -basis es
wollten. Und dann kamen ja die verschiedenen Vorläuferparteien der Grünen
auf.»
In dieser für sie unbefriedigenden Situation begegnet ihr im Europawahlkampf
1979 Herbert Gruhl mit seiner Grünen Aktion Zukunft (GAZ). Die GAZ ist eine der
Gründungsorganisationen der Grünen, die sich in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre
in der politischen Öffentlichkeit der BRD melden. Neben der GAZ zählen die Grüne
Liste Umweltschutz (GLU) in Niedersachsen, die Aktionsgemeinschaft Unabhängiger
Deutscher (AUD) in Bayern, die Freie Internationale Universität (FIU) in Düsseldorf
um den Künstler Joseph Beuys und der Achberger Kreis vom Bodensee zu den Vorläufern.3
Diese Organisationen eröffnen Christa Nickels die politische Alternative. In Heinsberg wird um die Jahreswende 1978/1979 von einer kleineren Gruppe von ungefähr
zehn Engagierten ein Kreisverband der GAZ gegründet, der dann im Europawahlkampf im Juni 1979 vor Ort die charakteristischen grünen Plakate klebt und für die
«Sonstige Politische Vereinigung Die Grünen» Öffentlichkeitsarbeit macht. Christa
2	

3	

Hier ist die Entwicklung hin zum Nato-Doppelbeschluss von 1979 gemeint. Er bestand aus
zwei Teilen: aus dem Angebot zu Verhandlungen mit dem Warschauer Pakt über die beiderseitige Begrenzung von sowjetischen und amerikanischen atomaren Mittelstreckenraketen und,
für den Fall des Scheiterns dieser Verhandlungen, aus der Androhung mit der Aufstellung einer
neuen Generation atomarer Mittelstreckenraketen in Westeuropa.
GAZ (Herbert Gruhl tritt aus der CDU aus und gründet im Juli 1978 die Grüne Aktion Zukunft);
GLU (seit 1977 in Niedersachsen aktiv); AUD (die Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher
wurde bereits 1965 gegründet, nach einer programmatischen Wendung in Richtung Ökologie
erfolgte 1980 der Auflösungsbeschluss zugunsten der Grünen); FIU (Free International University 1973-1988, u.a. von den Künstlern Joseph Beuys, Klaus Staeck und Georg Meistermann
gegründet); Achberger Kreis (Anthroposophenkreis vom Bodensee).
79

Nickels meldet ihren Wunsch nach Mitgliedschaft bei der GAZ Heinsberg an, die ihr
dann aber nach dem Europawahlkampf rät, nicht mehr Mitglied der GAZ zu werden,
weil sich im Winter eine nordrhein-westfälische Landespartei Die Grünen gründen,
und die GAZ sich auflösen werde. Christa Nickels gründet daraufhin im Dezember
1979 in Hersel bei Bonn die Grünen NRW mit. Daran beteiligt sind auch die zehn
Mitglieder der GAZ aus Heinsberg, die der neuen Partei geschlossen beitreten. Im
Anschluss an die Gründung der grünen Landespartei wird im Januar 1980 dann
bereits der Kreisverband Heinsberg der Grünen gegründet. Die Parteigründung ist
politisch und strategisch nicht umstritten. Themen und Auftreten der neuen Partei
lassen Christa Nickels aufatmen.
Christa Nickels: «Für mich war das ein richtiger Befreiungsschlag
endlich nicht mehr nur diese ewig von grauen Wahlplakaten grinsenden
Männerköpfe zu sehen, sondern dann auch endlich mal ein Plakat in
lebendigen Farben mit einer Aussage, die einfach stimmte: Wir haben die Erde
von unseren Kindern nur geborgt.»
Und die Resonanz auf die neue Partei im Kreis Heinsberg gibt ihr Recht.
Christa Nickels: «Das war für mich der Beweis dafür, dass die Gründung
der Grünen kein theoretisches Konstrukt war, sondern von vielen aus der
Bevölkerung regelrecht als Befreiungsschlag empfunden wurde. Wir haben da
eine Lücke gefüllt.»

Christa Nickels: «Das grüne Projekt ist keine linksradikale Gründung.
Es war tatsächlich ein breites Gründerspektrum, und ich behaupte mal
einfach, dass die Linken zwar den Drive gebracht haben, aber dass uns der
Gründungsprozess mit seinen vielen Sprengkräften nicht um die Ohren
geflogen ist, hat auch etwas damit zu tun, dass da Wertkonservative waren,
die einen Laden zusammenhalten konnten, die bei Sitzungen so lange sitzen
blieben, bis die wichtigen Beschlüsse gefasst wurden, und so mit dafür gesorgt
haben, dass da was Vernünftiges dabei herauskam.»

80

Grünes Gedächtnis 2009

Unter den Gründer/innen der Heinsberger Grünen sind junge Abiturient/innen
und ältere Menschen, und das unterscheidet sie von den stark studentisch
geprägten großstädtischen grünen Milieus. Die älteren Grünen kommen z.T. aus
etablierten großen Organisationen wie der Kirche. Es sind auch einige darunter,
die sich bereits in den 50er-Jahren in der Anti-Atomtod-Bewegung engagiert
haben. Diese, so Christa Nickels, wertkonservativen Menschen sind für den Aufbau
und die Etablierung der politischen Arbeit der neuen Partei enorm wichtig. Sie
haben Erfahrung in politischer Arbeit, sie haben Know-how und können ein
Projekt organisieren und zusammenhalten. Und sie haben das in dieser besonderen politischen Situation notwendige soziale und wirtschaftliche Standing,
das die Mitglieder der jungen Partei vor den massiven persönlichen Angriffen
schützt, denen sie auf dem Land ausgesetzt sind. Das grüne Projekt ist auf dem
Land kein linkes, sondern in erster Linie ein von Wertkonservativen getragenes.

Im Kreis Heinsberg gibt es Anfang 1980 eine neue grüne Partei, die sich direkt zu
einer wichtigen Anlaufstelle für die Bevölkerung entwickelt. Sie ist die Adressatin,
wenn es um den Raketenstandort Geilenkirchen, AKWs und, zur Überraschung
von Christa Nickels, um Umweltskandale geht. Erdreichverseuchungen, Wasserverschmutzungen und falsche Spritzmitteleinsätze werden den Grünen angezeigt, und
die Partei organisiert dann die politische Gegenöffentlichkeit.
	
Christa Nickels: «Ich hatte mich zwar von Haus aus immer für die Umwelt
interessiert, hatte aber vor der Tür keinen Anlass, mich zu engagieren. Das
kam dann mit der Gründung. Als wir als KV Die Grünen namhaft waren,
haben alle Leute uns als Petitions- und Beschwerdeausschuss für sämtliche
Umweltangelegenheiten angesehen. Egal ob es sich um kleine Sachen wie
falschen Spritzmitteleinsatz oder Hecken roden oder um große Skandale wie
den um die Reaktivierung des Militärflughafens handelte, bei der massenhaft
kontaminiertes Erdreich in Naturschutzgebiete geschüttet wurde.»

Anne Vechtel Christa Nickels zu den grünen Anfängen im Kreis Heinsberg, zur Rotation und zum Feminat

Ein breites Bündnis organisiert 1982 den ersten Ostermarsch in der Region, demonstriert
mit dem Aachener Friedenskreuz4 gegen Raketenstandorte, steigt in Fabrikgelände ein
und bringt Umweltverschmutzungen ans Licht. Die Medien, wie z.B. das Fernsehmagazin Monitor, sind interessiert, kommen, und das ZDF berichtet bundesweit.
Christa Nickels: «Die Grünen haben bei uns die erste Demo seit der
Nachkriegszeit veranstaltet. Wir waren das Ferment, das die Leute
zusammenbrachte. In dieser sozialen Gemengelage haben viele gesucht, und
wir haben ihnen mit Studien und Infos das Rüstzeug an die Hand gegeben,
das zeigte, dass es auch anders geht. Wir waren ansprechbar für Initiativen
aus der Bevölkerung und haben dann Bürgerinitiativen erst ins Leben
gerufen. Friedensbewegung, auch Frauenbewegung, das gab es bei uns alles
nicht. Und die hätten sich nicht zusammengefunden, wenn die Grünen da
nicht den Drive rein gebracht hätten.»
Eine schwierige, aber fast unerlässliche Bündnispartnerin ist auch in Christa Nickels
Umfeld die DKP. Die zermürbenden Auseinandersetzungen um jedes Flugblatt auszuhalten ist nicht leicht. Die Konzentration auf sachliche politische Arbeit macht auch
diese schwierige Partnerin erträglich und führt letztlich dazu, dass das grüne Projekt
sich stabilisieren und verbreitern kann.
Christa Nickels: «Wir waren Gegner der DKP, die wir als verlogen empfunden
haben, weil sie einseitig gegen die Nato agitierte. […] Wir hatten kein Problem
damit, die Informationen, die diese vermutlich vom DDR-Geheimdienst
hatte, für unsere Publikationen zu benutzen. Wir haben das natürlich erst
einmal nicht geglaubt und verifiziert, bevor wir es benutzt haben. Wir hatten
große Probleme, an Infos zu den Waffensystemen, die bei uns stationiert
wurden, zu kommen. Wenn man sich bei uns erkundigte, wurde man belogen.
Unsere Informationen stammten deshalb aus den Jahresberichten der
4	

Ein christliches Symbol der Aussöhnung mit Frankreich aus den 50er-Jahren.
81

Kunigunde Birle, Petra Kelly, Christa Nickels, Gerda Degen (v.l.n.r.) bei einer Veranstaltung
der Friedensbewegung in Geilenkirchen am 14.2.1981.

Bestärkt in dieser Bündnispolitik und in ihrem Politikstil wird Christa Nickels durch
die frühe Begegnung mit Petra Kelly, die ihr wegen ihres amerikanisch geprägten Stils
auffällt. Petra Kelly kommt zu Aktionen der Heinsberger Grünen. Sie tritt persönlich
auf. Und auf Parteitagen ist sie nicht nur auf dem Podium zu sehen, sondern diskutiert mit den Delegierten. Sie beeindruckt Christa Nickels, weil sie an einem internationalen, globalen grünen Netzwerk aus den unterschiedlichsten Persönlichkeiten
und Gruppen arbeitet. Diese persönliche und basisorientierte Arbeit verbindet sich
bei Petra Kelly mit einer in langjähriger Tätigkeit als EU-Verwaltungsrätin erworbenen politischen Sachkompetenz besonders in Wirtschafts- und Sozial-, Umweltund Frauenpolitik. Und, dies erinnert Christa Nickels als besonders eindrucksvoll,
sie kann politisch begabte Menschen für das Politikmachen gewinnen. So bittet Petra
Kelly 1982 Christa Nickels, nach Japan zu reisen und dort beim Hiroshima-Gedenktag
der japanischen Friedensbewegung für die deutsche Friedensbewegung und die
Grünen zu sprechen.
Diese Art Politik zu machen, nämlich bündnis- und basisorientiert, scheint
Christa Nickels auch die einzig erfolgversprechende auf dem Land zu sein. Die
82

Grünes Gedächtnis 2009

amerikanischen Rüstungsfirmen, die wir persönlich angeschrieben haben.
Wir haben uns nicht in Abgrenzungskämpfen inhaltsleerer Art erschöpft,
sondern in der Sache gearbeitet und bei uns gibt es kein Flugblatt, das nicht
Abrüstung in Ost und West fordert.»

politischen Gegner/innen der Grünen sind ihr alle persönlich bekannt, und sie muss,
will sie ein Anliegen vorantreiben, z.B. bei einem Schützenfest mit dem Bürgermeister einer Gemeinde sprechen, in dessen Gebiet die Grünen gerade eine Umweltverschmutzung skandalisieren.

Anne Vechtel Christa Nickels zu den grünen Anfängen im Kreis Heinsberg, zur Rotation und zum Feminat

Christa Nickels: «Petra Kelly habe ich schon sehr früh kennengelernt. Für
mich ist sie eine historische Persönlichkeit, die in die gleiche Reihe gehört
wie Willy Brandt. Sie hatte einen ganz anderen, modernen, amerikanisch
geprägten und viel effizienteren Stil als hierzulande üblich. Sie war eine
internationale Person mit Kontakten in die USA, Japan, Australien. Sie
war eine Frau mit großer politischer und beruflicher Erfahrung, die sie
in zehn Jahren Arbeit als EU-Verwaltungsrätin gesammelt hatte. Und
sie arbeitete an einem internationalen, fachlichen, generationen- und
schichtenübergreifenden globalen Netzwerk. Ich habe sie auf Parteitagen
erlebt, da war sie immer unter den Delegierten unterwegs und führte
persönliche Gespräche. Wir haben sie angeschrieben, und sie kam tatsächlich
zum Ostermarsch 1982 zu uns raus. Und sie hat mich dann dazu motiviert,
sie bei der Ansprache der japanischen Friedensbewegung zum Jahrestag des
Atombombenabwurfs zu vertreten. Einen solchen Politikstil sollten Parteien
heute, jenseits von Stipendienvergabe, wieder vermehrt praktizieren. Sie
sollten sich in ihrem Umfeld nach politisch begabten Menschen umschauen
und sie für das Politikmachen gewinnen.»

Erfolg haben die Grünen in Heinsberg, so betont Christa Nickels, weil sie in einem
breiten politischen Spektrum und im Bündnis mit unterschiedlichsten Menschen
und Gruppen arbeiten, weil sie Menschen anderer Meinung ernst nehmen und sich
mit ihnen persönlich und sachorientiert auseinandersetzen.

Die Rotation in der ersten Bundestagsfraktion
Christa Nickels: «Mich hat das, was hinter der Rotation stand, fasziniert
[…] Wir waren der Meinung, dass das Parlament durchlässiger gemacht
werden muss und alle Menschen Gelegenheit bekommen müssen, Politik
mitgestalten zu können. Wir waren der Meinung, dass Menschen mit ganz
gewöhnlicher Alltags- und Berufserfahrung politische Gestaltungsmacht
auf Zeit bekommen sollten, weil sie die authentischen Experten sind.
Und die anschließend mit dem Wissen, das man in der Politik erworben
hat, wieder in die normalen Lebens- und Berufssphären gehen sollten.
Die Politiker/innen sollten sozusagen als Multiplikator/innen dienen,
die die Menschen zur Selbstermächtigung bringen. Das ist Demokratie,
Volksherrschaft. [… ] Dieser Ansatz scheint mir heute wichtiger denn je,
denn das Berufsleben hat sich so beschleunigt und flexibilisiert, dass ein
normaler Beruf fast zu einem Ausschlusskriterium fürs Politikmachen
geworden ist, weil die Arbeitsweisen nicht zusammengehen. Unser grünes
Rotationsmodell hat allerdings den Praxislangtest für einen solchen
Anspruch in keiner Variante bestanden.»
83

Die neue grüne Partei entsteht auch aus Verdruss an der politischen Klasse der 60erund 70er-Jahre, deren Abgehobenheit, Spießigkeit und Filz die Grünen kritisieren. Sie
wollen eine grundsätzliche demokratische Erneuerung. Sie wissen, dass sie sich alternativ organisieren müssen, um lebendig, durchlässig und damit demokratisch sein
zu können. Frauen und Männer aus allen Bevölkerungsschichten mit Lebens- und
Berufserfahrung sollen Politik auf Zeit machen können. So soll ein abgeschottetes
Berufspolitikertum verhindert und dafür gesorgt werden, dass Menschen mit einer
ganz normalen privaten und beruflichen Biographie in die Politik gehen können. Um
dies gewährleisten zu können, müssen neue Verfahrensweisen eingesetzt werden. Die
Instrumente heißen Rotation bei Ämtern und Mandaten, offene Listen und Mindestquotierung bei Listenaufstellungen zu Wahlen.5
Die Grünen knüpfen große Hoffnungen an das Rotationsprinzip, als sie sich
1983 für den Bundestag zur Wahl stellen. Allerdings sitzen sie, so Christa Nickels
heute, unter den organisatorischen und politischen Bedingungen der frühen
grünen Partei einer Lebenslüge auf. Denn die Rotation kann nur mit Bürogemeinschaften von Vor- und Nachrückern6 funktionieren, die sowohl persönlich wie
politisch harmonieren. In der ersten Fraktion gibt es solche Bürogemeinschaften
nur in Ausnahmefällen. Im Normalfall bietet die Bürogemeinschaft dagegen viel
persönlichen wie politischen Konfliktstoff. Oft finden sich nicht einmal Abgeordnete zusammen, die im gleichen Politikfeld geschweige denn mit vergleichbaren
politischen Vorstellungen arbeiten. Und nur wenige Abgeordnete haben Berufe
mit Rückkehransprüchen zur persönlichen Absicherung im Hintergrund. Für viele
ist ein Bundestagsmandat oder die Querrotation in ein Parteiamt eine berufliche
Option. Auch Christa Nickels riskiert beruflich recht viel, als sie sich auf dieses
Rotationsmodell einlässt. Sie hat keinen Rückkehranspruch auf ihren alten Arbeitsplatz im Krankenhaus von Heinsberg.

5	

6	

84

Offene Listen setzen für eine Listenaufstellung nicht die Parteizugehörigkeit voraus. Die
Mindestquotierung regelt, dass Frauen die ungeraden Listenplätze bekommen, d.h. der 1. Platz,
der 3. Platz usw. sind Frauenplätze.
Bürogemeinschaften bestanden aus zwei Abgeordneten, die Vorrücker hatten das Mandat
die ersten zwei Jahre inne, die Nachrücker die letzten zwei Jahre der Legislaturperiode. Beide
konnten aber die vollen vier Jahre in der Fraktion arbeiten, einmal zwei Jahre mit offiziellem
Mandat, dann zwei Jahre ohne Mandat, aber als stimmberechtigtes Fraktionsmitglied.

Grünes Gedächtnis 2009

Christa Nickels: «Die Rotation war extrem anstrengend und teuer, und
die damit verbundenen basisdemokratischen Utopien konnte sie nicht
einlösen. Aber dennoch haben sich in der schwierigen Gründungszeit die
monetären Kosten dafür gelohnt. Das war richtig gut angelegtes Geld. Und
zwar deshalb, weil sich ja die Nachrücker oder Wegrücker nicht auf die
faule Haut gelegt haben, sondern tatsächlich mit der doppelten personellen
Besetzung gearbeitet wurde. Die jeweiligen Abgeordneten waren im
Parlament sehr eingespannt, so dass die Nachrücker oder Wegrücker mehr
in die Gesellschaft hinein gearbeitet haben. Ich habe als Wegrückerin z.B. die
erste große NRW-Frauenversammlung mit 1000 Frauen mit organisiert, die
Quotierung, das Frauenstatut und die erste Frauenreferentin in unserer Partei
mit durchgekämpft. Alles, was mit den Grünen verbunden wird, gewaltfreie
Strategie, Abrüstung, Umweltpolitik, Gleichberechtigung der Geschlechter, ist

Anne Vechtel Christa Nickels zu den grünen Anfängen im Kreis Heinsberg, zur Rotation und zum Feminat

Christa Nickels bei der 1. Bundesfrauenkonferenz der Grünen vom 19.-20.10.1985 in Köln.

in dieser schwierigen Zeit dadurch, dass mit doppelter Besetzung gearbeitet
werden konnte, die über aktuelles Know-how verfügte, in die Gesellschaft
imprägniert worden und umgekehrt, haben wir den Bundestag damit
imprägniert.»
So arbeiten faktisch 58 stimmberechtigte Fraktionsangehörige vier Jahre in der 10.
Wahlperiode.7 Sie beauftragen mit ihren kleinen und großen Anfragen die Ministerialbürokratie damit, grüne politische Themen wissenschaftlich zu bearbeiten, und
lösen einen regelrechten Modernisierungsschub in der Verwaltung des Bundestages
aus. Sie beauftragen aber auch Gutachten bei Experten und Forschern ihres thematischen und politischen Umfeldes und legen damit den Grundstock für wissenschaftliche Karrieren und neue Institute, die ohne die Nachfrage nach Themen der
Friedens-, Umwelt- und Frauenbewegung aus Partei und Bundestagsfraktion nicht
entstanden wären. Die Verbraucherinitiative und die Öko-Institute sind hierfür
Beispiele.
Trotz dieser Erfolgsbilanz, die Christa Nickels dem Rotationsprinzip in der
Gründungsphase bescheinigt, konnte die ursprüngliche Hauptforderung damit nicht
eingelöst werden, und diese ist aktueller denn je. Eine parlamentarische Demokratie,
die ihren Auftrag ernst nimmt, muss sich Gedanken darüber machen, wie sie effektive Partizipationsmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger gestaltet, das Parteienmonopol durchlässig und Politikmachen attraktiv macht.
7	

Der ersten grünen Bundestagsfraktion gehörten 28 Abgeordnete an, dazu kamen zwei Vertreter/
innen aus dem Saarland und Bremen, wo die Grünen die 5% Hürde nicht genommen hatten.
Insgesamt hatte die Fraktion 58 stimmberechtigte Mitglieder.
85

Der weibliche Vorstand in der ersten Bundestagsfraktion
Christa Nickels: «Die Fraktion hat den weiblichen Fraktionsvorstand
geschluckt, nicht weil sie der Meinung war, jetzt ein großes feministisches
Projekt starten zu wollen, sondern weil sie dieser Frauenkonstellation
fachlich und menschlich zutraute, die schwierige Hürde Rotation zu
nehmen.»
Die Bundestagsfraktion ist 1984 in einer schwierigen Lage. Der Fraktionsvorstand
muss neu gewählt werden, und die Umsetzung der Rotation steht an. Die sechs
Abgeordneten, die dann den zweiten Vorstand bilden, finden sich nach langen Vorgesprächen zusammen und formulieren ihre Bedingung für die Übernahme dieser
schwierigen Position. Sie wollen nicht getrennt und nur in der von ihnen vorgeschlagenen Konstellation gewählt werden. Christa Nickels, Annemarie Borgmann, Heidemarie Dann, Waltraud Schoppe, Antje Vollmer und Erika Hickel ist bewusst, dass sie
die typische Lösung in einer fast typischen politischen Situation sind.8

Die grünen Frauen ergreifen diese Chance und stellen ihre Bedingungen. Sie
übernehmen die Aufgabe, aber nur in der von ihnen selbst bestimmten personellen
Konstellation, von der sie wissen, das sie verlässlich ist, professionelles, konkurrenzfreies Arbeiten garantiert und Rücksichtnahmen auf familiäre Anforderungen
aushält. Insofern ist das von den Medien so bezeichnete Feminat nicht als «feministischer Coup» in die eigene Fraktion oder ins Parlament hinein angelegt. Allerdings
ist den Politikerinnen bewusst, dass sie in dieser besonderen Konstellation und mit
der Virulenz der Neuen Frauenbewegung im Hintergrund erfolgreich sein müssen,
wollen sie Frauen in der Politik und der Frauenbewegung insgesamt keinen Bärendienst erweisen. Frauen haben sich bei den Grünen relativ gute Startbedingungen
für das Politikmachen erkämpft. Die Mindestquotierung bei Listenaufstellungen
und die 50%-Quotierung bei Ämtern und Mandaten sorgen dafür, dass zahlenmäßig
genug Frauen da sind, die Erfahrung und Qualifikation erwerben und entscheidende
Positionen einnehmen können. Dies ist auch der Grund dafür, dass 1984 gleich sechs
qualifizierte Frauen für den Fraktionsvorstand zur Verfügung stehen. Die zahlenmä8	

86

Die sechs Politikerinnen, die den weiblichen Fraktionsvorstand 1984-1985 stellten: Die Sprecherinnen Waltraud Schoppe, Antje Vollmer, Annemarie Borgmann und die drei parlamentarischen
Geschäftsführerinnen Christa Nickels, Erika Hickel, Heidemarie Dann.

Grünes Gedächtnis 2009

Christa Nickels: «Unorthodoxe befähigte Kandidatinnen und auch
Kandidaten kommen meistens nur dann zum Zuge, wenn die Karre so im
Dreck steckt, dass die vielen Herren, die meinen, die großen Oberstrategen
zu sein, sich nicht verbrennen wollen. […] Wenn Frauen dann zugreifen,
ist das doch nur gut. Ich würde mir wünschen, dass das dann nicht immer
Alleingänge sein müssen. Wir hatten damals die Möglichkeit, weil alle
sechs Fraktionsvorstandsmitglieder neu gewählt wurden, und wir sechs
Frauen vom «Feminat» haben uns davon eine große persönlich-familiäre
Erleichterung bei der Ausübung dieser schwierigen Aufgabe erhofft. Die auch,
bei allen Dissensen, eingetreten ist.»

ßige Stärke bewirkt darüber hinaus auch, dass politischer Streit und scharfe Auseinandersetzungen produktiv bleiben können. So bewertet Christa Nickels heute die
heftige frauenpolitische Auseinandersetzung zwischen Müttern und Feministinnen
bei den Grünen in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre als konstruktiv und politisch
langfristig wirkend. Grüne Frauen verändern das Klima und setzen Themen. «Gewalt
gegen Frauen», «§ 218», «Vereinbarkeit von Beruf und Familie», «Mehr Zeit und
Geld für Kinder» und das «Antidiskriminierungsgesetz» sind Themen, die heute
zum politischen Mainstream gehören und von den vielen qualifizierten Frauen der
ersten Bundestagsfraktion durch kontroverse und scharfe Auseinandersetzungen
angestoßen werden konnten. Langfristig betrachtet haben sowohl das Rotationsprinzip als auch die Quotierungsregelung dazu beigetragen, grüne Inhalte zu positionieren.

Anne Vechtel Christa Nickels zu den grünen Anfängen im Kreis Heinsberg, zur Rotation und zum Feminat

Christa Nickels: «Das Lob […] für die grünen frauenpolitischen Inhalte und
Themen greift zu kurz, wenn es nicht gleichzeitig die Instrumente, Quotierung
und Frauenvorstand, mit einschließt, die die professionelle Bearbeitung
und damit Etablierung dieser Themen erst ermöglichten. Dabei hat sich
das Instrument Quotierung bis heute bewährt. Die in das Rotationsprinzip
gesetzten Erwartungen dagegen nicht. Um die damit verbundenen
Erwartungen sicher in der politischen Praxis zu verankern, müssen wir uns
etwas besseres einfallen lassen.»

87

5
Neuerscheinungen

Christoph Becker-Schaum

Sechs Jahrzehnte alt ist die Bundesrepublik inzwischen, und vierzig Jahre sind seit
«68» vergangen, aber über die Deutung von «68» im Rahmen der bundesrepublikanischen Geschichte besteht bis heute so wenig Übereinstimmung wie eh und
je. Dabei war «68» kein spezifisch deutsches Ereignis. Überall in den entwickelten
Industriegesellschaften des Westens, aber nicht nur dort, sondern auch in MittelOst-Europa, Lateinamerika und Ostasien, kam es zu einer Kulmination von Protestbewegungen. Allerdings, je weiter man den Bogen spannt, desto heterogener wird
der Inhalt, der mit der Chiffre «68» bezeichnet wird. Dabei deutet die Verwendung
der Jahreszahl «68» – oder die des Monatsnamens Mai – auf eine einmalige kurze
Revolte. Die meisten Histroriker/innen nehmen aber in ihrer Interpretation Bezug
auf eine Überlagerung und Kulmination von unterschiedlichen mittel- und langfristigen Prozessen, die sich von Land zu Land durchaus unterscheiden können. Um
nur einige zu nennen: die tiefgreifende Modernisierung der westlichen Industriegesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg und die Entladung der mit ihr verbundenen
Spannungen; die Außerparlamentarische Opposition gegen die Große Koalition und
speziell gegen die Notstandsgesetze; die amerikanische und internationale Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg; der jugendkulturelle Protest gegen die KonkurrenzLeistungs-Konsum-Gesellschaft; der Generationenkonflikt der ersten Nachkriegsgeneration, d.h. der ersten Generation, die nach dem Nationalsozialismus sozialisiert
worden ist, mit ihren Vätern, Großvätern und Müttern. Da die 68er-Bewegungen,
zumindest in den entwickelten Industriegesellschaften des Westens, zur radikalen
politischen Linken gehörten, mussten sie sich gegenüber dem sozialdemokratischen
Reformismus wie gegenüber dem stalinistischen Kommunismus definieren. Das
führte zum Durchbruch neomarxistischer Theorien. Daneben blieb ein Rest von
Einvernehmen mit der stalinistischen Herrschaftspraxis trotz der bekannten Verbrechen unausrottbar, namentlich der Schauprozesse der 30er-Jahre, des Putsches in der
Tschechoslowakei 1948, der Niederschlagung des 17. Juni 1953 und des Ungarnaufstandes 1956. Entsprechend groß waren die Hoffnungen, die mit dem Prager Frühling
verbunden waren.
Für die Deutung von «68» ist die Frage, welchen Beitrag die 68er-Generation
zur Überwindung autoritärer und deutsch-nationaler Restbestände und damit zur
Liberalisierung der Bundesrepublik geleistet hat, immer eine maßgebliche gewesen.
Dagegen nimmt die schärfste Verneinung der Liberalisierungsthese als Begründung
in Anspruch, dass die 68er-Bewegung den Terrorismus der RAF hervorgebracht habe.
Dabei gibt es starke Parallelen zwischen Deutschland und Italien. Dass das postfaschistische Italien und das post-nationalsozialistische Deutschland die beiden
Länder sind, die am meisten unter dem Terrorismus zu leiden hatten, gehört auch
zum Deutungshorizont von «68». In Italien, schien mir aufgrund der Auslagen der
90

Grünes Gedächtnis 2009

68er-Nachlese

Christoph Becker-Schaum 68er Nachlese

Buchhandlungen, hat der dreißigste Jahrestag der Ermordung von Aldo Moro mehr
Resonanz gefunden als der vierzigste von Sessantotto. In Deutschland sieht es kaum
anders aus.
Die Bundeszentrale für politische Bildung hat in diesem Jahr die Verbreitung eines
Buchs befördert, das wie kaum ein anderes gegen die Liberalismus-These polemisiert.
Den polemischen Charakter des Buches von Götz Aly zeigen schon der Titel «Unser
Kampf» und nicht weniger die Kapitelüberschriften «Kraft durch Freude, Lust durch
Aktion», «Machtergreifung in Westberlin», «Hemmungslos deutsch: USA-SA-SS» etc.
Hemmungslos ist jedenfalls die Schreibart. Pöbeleien wie die folgende empfinde
ich unverzeihlich: «[...] Bild linker Demonstrationen: Nach dem Block der Lehrergewerkschaft kommt der Schwulenblock, dann folgen, die Reihen fest geschlossen, die
Ärzte gegen den Atomtod [...]» (S. 46). Die These des Autors ist jedenfalls unmissverständlich: die Achtundsechziger sind die Kinder der Dreiunddreißiger. Götz Aly
muss deshalb die herrschende Meinung revidieren, dass die 68er-Generation als
Nachkriegs- und Nach-NS-Generation die politische Auseinandersetzung mit der
«Väter-Täter-Generation» geführt habe. Die 68er, so die Behauptung des Autors,
hätten die damalige juristische Aufarbeitung des Nationalsozialismus, die nicht nur
mit dem Auschwitzprozess die ganze Breite der nationalsozialistischen Verbrechen
ins Visier genommen hatte, nicht einmal wahrgenommen (S. 151/152). Sie hätten den
Nationalsozialismus vielmehr verdrängt, und schon gar nicht könnten sie für sich in
Anspruch nehmen, die Aufarbeitung durch beharrliches Nachfragen und Bohren in
Gang gesetzt zu haben.
Als Bilanz gibt sich das «Achtundsechzig»-Buch von Wolfgang Kraushaar und
zumindest in den zentralen Kapiteln, in denen er von den Konstitutionsfaktoren,
der Kulturrevolution, den Dynamiken und den Kampagnen handelt, kann es als
eine solche gelten. Nicht begründet scheinen mir dagegen seine Retuschen am
Bild von Rudi Dutschke zu sein. Um aus dem entschiedenen Internationalisten
einen überzeugten Nationalen zu machen, reicht es nicht aus, auf einen mehr als
10 Jahre nach seinem Tod bekannt gewordenen Text zu verweisen (S. 44 und öfter).
Wolfgang Kraushaar laboriert mit den Schwierigkeiten, die sich aus den Widersprüchen zwischen einer massenkulturellen und einer elitenzentrierten Argumentation
ergeben. Wo Norbert Frei gleich auf dem Klappentext vom Lebensgefühl Hunderttausender spricht, die 1968 für eine antiautoritäre, d.h. auf Vernunft und Konsens
beruhende, Gesellschaft auf die Straße gegangen seien, schätzt Wolfgang Kraushaar,
«die Anzahl der einstigen Aktivisten dürfte [...] kaum über 10000 gelegen haben» (S.
58). Seine Darstellung fokussiert auf eine kleine Minderheit um den SDS als Kern
der Bewegung, die einem Bonmot zufolge auf den Stehplätzen des Stadions von
Wacker Burghausen Platz findet, und nicht auf ein Generationenphänomen. Dass er
die Entscheidung, mit welchem Ansatz – kleine Minderheit oder Generationenkohorte – das Phänomen der 68er-Bewegung zutreffender angegangen wird, mit einem
Hinweis auf theoretische Probleme des Generationenbegriffs bei Karl Mannheim
fällt, hat mich nicht überzeugt. Wolfgang Kraushaar jedenfalls verwirft die Generationenkohorte, aber damit ruiniert er sein Eingangskapitel über die Hippiebewegung,
das an der Stelle nur richtig wäre, wenn er den anderen Ansatz gewählt hätte. Um
als eine «Bilanz» gelten zu können, benutzt Wolfgang Kraushaar teils problematische
Kategorien. Einer dieser Grundbegriffe ist der des Ursprungsmythos. Als solche
gelten ihm Gewalt, Sexualität und Dritte Welt. «Die Gewalt», schreibt er (S. 82), «war
91

92

Grünes Gedächtnis 2009

das insgeheime Magnetfeld der Achtundsechzigerbewegung.» Das ist starker Tobak
und kann so, wie Kraushaar argumentiert, nicht als gerechtfertigt gelten. Wenn es
darum geht, «insgeheime» oder Substrukturen bloßzulegen, bleibt seine dualistische
Betrachtungsweise – u.a. Martin Luther King und das Prinzip der gewaltfreien Aktion
vs. Stokely Carmichael und die gewalttätige Militanz der Black-Power-Bewegung –
an Oberflächenphänomenen kleben. Sein Elitismus treibt ganz zuletzt noch eine
sonderbare Blüte hervor, wenn er auf das protestantische Pfarrhaus als Ursprung der
68er verweist (S. 270). Für was alles hat dieses Pfarrhaus nicht schon als Begründung
herhalten müssen: für die Aufklärung, den Idealismus, die Romantik bis hin zu Nietzsche u.a.m. Ich bin dafür, es aus der Verantwortung für die 68er zu entlassen, sonst
hat es am Ende noch die RAF am Hals.
Der Generationenkonflikt über den Umgang mit dem Nationalsozialismus in
der Bundesrepublik und über das Verhalten der Vätergeneration während des Nationalsozialismus machen den Ansatz aus, den Norbert Frei gewählt hat. Sein Kapitel
«Kinder der Verdrängung. Die Geburt einer Generation aus dem Geist der NS-Kritik»
liest sich als Gegentext primär zu Götz Aly, aber aus den genannten Gründen auch zu
Wolfgang Kraushaar. Ein solcher Generationenkonflikt muss über Jahre wachsen und
sich aufladen. Erst dann lässt sich die Eruption des Protestes in den Jahren 1967/68
verstehen. Auf dieser Basis kann Norbert Frei ein Panorama der weltweiten Protestbewegungen zeichnen, das außer der alten Bundesrepublik Frankreich, die USA, Japan,
Italien, die Niederlande, Großbritannien, die Tschechoslowakei, Polen und die DDR,
aber keines der lateinamerikanischen Länder, in eigenen Abschnitten behandelt.
Die drei hier angeführten Bücher zu «68» sind also denkbar verschieden. Sie sind
inkompatibel. Allein wenn man mit Götz Aly die 68er als neue 33er behandelt, ist
jeder Versuch, mit Norbert Frei zu einer international vergleichenden Betrachtung
zu kommen, von vornherein verbaut. Bei Götz Aly wird man, nicht zuletzt wegen der
Vielzahl persönlicher Schmähungen, vor allem gegen Antje Vollmer, den Eindruck
nicht los, dass er von einem schlecht verborgenen Anliegen getrieben ist. Sein Buch
liest sich wie ein Stein, den er auf die Regierungs-68er der rot-grünen Koalition von
1998 schmeißt. Die drei Bücher transportieren eine jeweils andere Zeitvorstellung.
Bei Götz Aly erleidet die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1968, bzw.
bereits seit dem Eintritt von Rudi Dutschke in den SDS, einen Knacks, der die weitere
Entwicklung der Protestbewegungen in Richtung der sektiererischen K-Gruppen,
aber auch in Richtung auf die RAF öffnet. Seine Zeitvorstellung entspricht insofern
eher der des Roten Jahrzehnts von Gerd Koenen. Anders dagegen die Zeitvorstellung bei Norbert Frei, er schildert die Entwicklung einer kritischen Masse im Gefüge
der bundesrepublikanischen Gesellschaft der 60er-Jahre und ihre Entladung in den
Jahren 1967/68. Durch sie wird der Weg für die neuen sozialen Bewegungen, insbesondere die neue Frauenbewegung, geöffnet (Frei, S. 225). Er hat also einen anderen
Gegenstand als Götz Aly, denn er behandelt die 68er-Bewegung als Zentralereignis
der Geschichte der Liberalisierung der bundesrepublikanischen Gesellschaft in den
60er- und 70er-Jahren.
Ich möchte hier ergänzend auf drei weitere, durchweg biographische Bücher
hinweisen. Rossana Rossanda, die in Deutschland bekannteste intellektuelle
Kommunistin Italiens, hat ihre Autobiographie geschrieben. Sie enthält ihre persönliche Geschichte seit ihrer Kindheit und zugleich die Geschichte ihrer politischen
Erfahrungen von ihrem Eintritt in den Widerstand gegen die deutsche Besatzung bis

Christoph Becker-Schaum 68er Nachlese

zu ihrem Ausschluss aus der kommunistischen Partei 1969. Das Buchcover, das der
Suhrkamp-Verlag gewählt hat und das Rossana Rossanda mit einem Manifesto-Plakat
aus dem Jahr 1976 zeigt, ist missverständlich, denn diese Zeit ist nicht Gegenstand der
Biographie, sondern hoffentlich einem zweiten Band vorbehalten. In diesem Band
schildert Rossana Rossanda neben ihrer persönlichen Geschichte den wachsenden
Konflikt um die Halbheiten der PCI-Führung gegenüber dem Kurs der sowjetischen
kommunistischen Partei bis hin zum Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in
die Tschechoslowakei 1968, ihre Rolle als leitende Kulturpolitikerin der Partei und ihr
Empfinden über die wachsende Kluft zwischen der Parteistrategie der italienischen
Kommunisten und der gesellschaftlichen Entwicklung in Italien, die zu ihrem Bruch
mit der Parteiführung und damit zu ihrem Parteiausschluss führt. Das macht ihre
Biographie unter der Perspektive des italienischen «68» und des heißen Herbstes in
den Fabriken Norditaliens zu einer spannenden Lektüre, obwohl letztere selbst nicht
mehr Themen sind. Dazu nur ein Aspekt: Rossana Rossanda bezieht sich in ihrem
Selbstverständnis auf die Militanz der Mailänder Betriebsorganisationen der kommunistischen Partei und auf die wachsende Kluft zwischen diesen Genossinnen und
Genossen und den Führungsgruppen in der Partei. Darin liegt einer der wesentlichen
Gründe, warum sie zu einer explizit linken Kritik am Stalinismus kommt. Hier liegen
auch deutliche Parallelen zu Jean-Paul Sartres Haltung, jedenfalls erschließt sich
meines Erachtens am ehesten von hierher, wieso es zu einem westlichen Maoismus
kommen konnte, dem Rossana Rossanda auch nicht unverdächtig war. Bei Götz Aly
hat man immer den Eindruck, dass Maoismus eine Form von Geisteskrankheit war.
Peter Schneider hat eine «autobiographische Erzählung» über sein «68»
geschrieben, die ich hier erwähnen möchte, weil nirgendwo sonst ein führendes
Mitglied des Kreises um Rudi Dutschkes, ohne übrigens SDS-Mitglied gewesen zu
sein, in dieser Ausführlichkeit seinen persönlichen Konflikt mit seinem Vater dargestellt hat. Er schildert aber auch die Anti-Springer-Kampagne, die er mitentworfen
hat. Ein dritter Grund, seine Autobiografie besonders hervor zu heben, ist, dass er
damals Tagebuch geschrieben und dieses für die autobiografische Erzählung wieder
ausgegraben hat.
Paul Hockenos ist ein amerikanischer Journalist und Politologe, der in Berlin
lebt und für ein amerikanisches Publikum den Prozess der Liberalisierung der
politischen Kultur der Bundesrepublik und den Wandel der «alten» Bundesrepublik
über die Wiedervereinigung zur Berliner Republik beschreibt. Er hat gewissermaßen
ein Doppelbuch geschrieben, indem er zum einen die Bedeutung der 68er- und der
neuen sozialen Bewegungen für die Liberalisierung der Bundesrepublik beschreibt.
Neben der Frankfurter Spontiscene kommt insbesondere der Friedensbewegung
in seiner Darstellung ein großes Gewicht zu. Dieses alles macht Paul Hockenos zu
einem klassischen Vertreter der Liberalisierungsthese. Zum anderen hat er in die
Geschichte der Bundesrepublik eine umfassende Biografie von Joschka Fischer eingewoben. Sie zeigt Joschka Fischer vor dem Hintergrund des Wandels, den Deutschland seit dem Krieg bis zur Gegenwart erfahren hat und geradezu als Prototypen der
Berliner Republik. Hockenos Variante der Liberalisierungsthese ist also so etwas wie
eine Konvergenzthese. Dieser Fischer ist damit das Gegenbild von dem, was man
sich jenseits des Atlantiks klischeemäßig von einem deutschen «kraut» macht. Paul
Hockenos Fischer-Biographie ist auch für ein bundesdeutsches Publikum interessant, zum einen, im Zusammenhang mit den bisher genannten Buchtiteln, weil sie
93

eine Geschichte der Bundesrepublik aus der Perspektive der Generation der «68er»
ist. Zum anderen gewinnt sein Fischer, indem er sowohl in Auseinandersetzung mit
der bundesrepublikanischen Realität als auch im Kontext der Oppositionsbewegungen steht, an Façettenreichtum, was Hockenos Wahl seiner Perspektive bestätigt,
denn dieser Fischer geht keineswegs in der Realität der sozialen Bewegungen auf,
obwohl er hier Protagonist der 68er-Generation ist.
Götz Aly: Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück, Frankfurt am Main: S.
Fischer 2008.
Norbert Frei: 1968: Jugendrevolte und globaler Protest, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2008.
Paul Hockenos: Joschka Fischer and the Making of the Berlin Republic: an Alternative
History of Postwar Germany, Oxford/New York: Oxford University Press 2008.
Wolfgang Kraushaar: Achtundsechzig: eine Bilanz, Berlin: Propyläen 2008.
Rossana Rossanda: Die Tochter des 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main: Suhrkamp
2007.
Peter Schneider: Rebellion und Wahn: mein 68, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2008.
Petra Kelly. Eine Erinnerung

Petra Kelly. Eine Erinnerung Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung
Berlin, November 2007, 192 Seiten, über 140 Photographien, Preis: 20 Euro
ISBN 978-3-927760-68-4
Bestelladresse: Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstraße 8, 10117 Berlin
Tel. 030-285340, Fax: 030-28534109, E-mail: info@boell.de, Internet: www.boell.de

94

Grünes Gedächtnis 2009

Petra Karin Kelly (1947-1992) war eine der bekanntesten
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in den achtziger
Jahren, eine Ikone der globalen Antiatom- und Friedensbewegung und eine Vorkämpferin für Ökologie und Menschenrechte. Im November 2007 wäre sie 60 Jahre alt geworden.
Aus diesem Anlass hat die Heinrich-Böll-Stiftung einen
großformatigen Bildband über Petra Kelly herausgegeben.
Das Buch zeigt anhand von vielen, zum Teil unveröffentlichten Photos die wichtigsten Stationen aus dem Leben
Petra Kellys, macht verständlich, was sie geprägt hat, und
bietet einen Blick auf die Gründerzeit der Grünen. Daneben
werden in Auszügen aus Originaltexten Kellys nicht nur die persönlichen Motive für
ihr politisches Engagement, sondern auch die Hoffnungen, Ängste und Kämpfe ihrer
Zeit deutlich. Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter sowie Nachgeborene äußern sich
in kurzen Stellungnahmen zu Petra Kelly. Sechs Essays beleuchten ihr Leben und
Werk. Ein Anhang mit Informationen u. a. zur Petra-Kelly-Stiftung und dem PetraKelly-Archiv runden den Band ab.

Die Autorinnen und Autoren

Christoph Becker-Schaum ist Leiter des Archivs Grünes Gedächtnis der Heinrich-BöllStiftung. Jüngste Veröffentlichung: «Überlieferungsbildung der Anti-Atom-Bewegung
im Grünen-Archiv», in: R. Kretzschmar; C. Rehm; A. Pilger (Hrsg.): «1968» und die
«Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er-Jahre»: Überlieferungsbildung und Forschung
im Dialog, Stuttgart 2008.
Annegret Hünninghaus war bis 2001 Archivarin im Archiv Grünes Gedächtnis der
Heinrich-Böll-Stiftung. Sie ist zurzeit in Elternzeit und arbeitet als Betreuerin in der
Offenen Ganztagsschule.
Irena Kukutz arbeitet seit 1992 in Archivierungs- und Dokumentationsprojekten
der Robert-Havemann-Gesellschaft. Sie forscht und publiziert zur Geschichte der
DDR-Opposition und zu frauenpolitischen Themen. Sie ist Gründungsmitglied der
Bürgerbewegung Neues Forum und wurde 1990 auf der Liste Bündnis 90 in das erste
Gesamtberliner Abgeordnetenhaus gewählt, dem sie als Mitglied der Parlamentarischen Gruppe von Neues Forum/Bürgerbewegung bis 1995 angehörte. Eine Veröffentlichung zur Gründungsgeschichte des Neuen Forums ist für 2009 geplant.
Steffi Rönnefarth ist Archivarin im Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung. Archivfachliche Veröffentlichungen.

Christoph Becker-Schaum 68er Nachlese

Anne Ulrich (geb. Hampele) ist Koordinatorin der Grünen Akademie der HeinrichBöll-Stiftung. In den 80ern vielfach in der DDR (und Ungarn) unterwegs, war sie
1989-1995 wissenschaftliche Assistentin am Arbeitsbereich DDR-Forschung und
-Archiv der FU Berlin (ZI 6), dann Lehrbeauftragte und Lektorin. Jüngste Veröffentlichung: Frauen- und Geschlechterpolitik im vereinten Deutschland, 2004.
Anne Vechtel ist Archivarin im Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung.
Bevor sie zum Archiv Grünes Gedächtnis kam, arbeitete sie in Projekten zur Frauengeschichte und Frauenförderung. Archivfachliche Veröffentlichungen.
Elisabeth Weber war aktiv an der Studentenbewegung mit allen Höhen und Tiefen
beteiligt. Von Dezember 1983 bis Dezember 2002 war sie Osteuropa-Referentin bei
Bundestagsabgeordneten der Grünen und Bundestagsfraktionen von Bündnis 90/
Die Grünen. Ehrenamtlich ist sie im Lew Kopelew Forum Köln, im Fachbeirat Europa
der Heinrich-Böll-Stiftung und im Beraterkreis der Marion Dönhoff Stiftung tätig.
Jüngste Veröffentlichung: «Lew Kopelew als Politikberater», in: Von Moskau an den
Rhein, Dezember 2008.

95

Die Freundinnen und Freunde der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützen die Werte und
Ziele der Stif­tung. Sie fühlen sich der politischen und moralischen Haltung Heinrich
Bölls verbunden. Menschenrechte, Kunst und Kultur liegen den Freundinnen und
Freunden der Heinrich-Böll-Stif­tung am Herzen. Mit ihren Mitgliedsbeiträgen
för­dern sie unbürokratisch und schnell Menschenrechts­aktivisten, Künstler und
Kunstprojekte.

Angebote an die Freundinnen und Freunde:
	
	
	
	
	

	

	exklusive Informationen über die Stiftungsarbeit
	spezielles Veranstaltungsangebot
	politische Begegnungsreisen zu den Auslandsbüros
	Vernetzung im grünen Umfeld
	persönliche Einladungen zu besonderen Veranstaltungen wie der Petra-KellyPreisverleihung oder dem Sommerfest des Heinrich-Böll-Hauses in Langenbroich
	Verlinkung unserer Homepage mit ihrer Website

Wir laden Sie ein, Mitglied zu werden und damit Teil unserer grünen Ideenwerkstatt
und unseres internationalen Netzwerkes – ob als Privatperson, als Institution oder
als Unternehmen. Als Freund oder Freundin tragen Sie dazu bei, Quali­tät und Selbst­
ständigkeit der Heinrich-Böll-Stiftung langfristig zu sichern.

«Die Heinrich-Böll-Stiftung ist ein Stück autonomer und
engagierter politischer Kultur in Deutschland – sie verdient
Ihre Unterstützung.»
György Dalos, ungarischer Autor in Berlin

Machen Sie mit!
Ansprechpartnerin:
Dr. Janina Bach
Heinrich-Böll-Stiftung
Schumannstraße 8, 10117 Berlin
T 030 28534-112
F -119
E bach@boell.de
Informieren Sie sich über unser Programm unter: www.boell.de/freundeskreis

Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung
Eldenaer Straße 35, 10247 Berlin

T 030-28534260 F 030-28534-5260 E archiv@boell.de I www.boell.de

1. Beiträge zur Zeitgeschichte Irena Kukutz Die Gründung des Neuen Forums Elisabeth Weber Bericht über meine
ersten Erfahrungen der Zusammenarbeit von Grünen und Bündnis 90 Anne Ulrich Ohne Frauen ist kein Staat zu machen
– der frauenpolitische Aufbruch im Winter 1989/1990 und der Unabhängige Frauenverband 2. Das historische Dokument
Die Gründung der Grünen Partei in der DDR. Kommentiert von Christoph Becker-Schaum 3. Bestände im Archiv Grünes
Gedächtnis Steffi Rönnefarth Der Bundesverband Demokratie Jetzt und die Landesverbände Demokratie Jetzt und Neues
Forum Brandenburg – ein Vergleich zweier Bürgerbewegungs-Überlieferungen Annegret Hünninghaus Bündnis 90/Grüne
in der Volkskammer der DDR – eine Bestandsbeschreibung Christoph Becker-Schaum Der Archivbestand Gerhard Bächer
und die Grüne Partei in der DDR 4. Archivprojekte Anne Vechtel Christa Nickels zu den grünen Anfängen im Kreis Heinsberg, zur Rotation und zum Feminat 5. Neuerscheinungen 68er-Nachlese. Annotiert von Christoph Becker-Schaum

Heinrich-Böll-Stiftung
Die grüne politische Stiftung

Schumannstr. 8, 10117 Berlin
030-285 340 F 030-285 341 09 E info@boell.de I www.boell.de

ISBN 978-3-927760-98-1
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.