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Pflege 2030 – Anforderungen an Politik und Gesellschaft

Full text: Politische Studien Issue 67.2016,1 Pflege 2030 – Anforderungen an Politik und Gesellschaft

Politische
Studien 1/2016
Themenheft

Orientierung durch Information und Dialog

67. Jahrgang | Mai 2016 | ISSN 0032-3462

PFLEGE 2030 – Anforderungen
an Politik und Gesellschaft
Aus dem Inhalt:
Pflegekräftemangel | Pflegeversicherung | Pflegeberuf | Demenz

www.hss.de

„

Editorial

Wie mit pflegebedürftigen Mitmenschen
künftig umgegangen wird, wird zum PRÜFSTEIN
der humanen Güte einer Gesellschaft.

PFLEGE 2030
Der Bereich Pflege entwickelt sich zu einer der großen gesellschaftspolitischen Herausforderungen. Wissenschaftliche Prognosen sprechen von einem Anstieg der Pflegebedürftigen in Deutschland von derzeit 2,4 auf 3,4 Millionen bis zum Jahr 2030.
Voraussichtlich werden 2030 rund 740.000 Pflegekräfte fehlen. Zu den dringlichsten Aufgaben, die es zu bewältigen gilt, gehören: eine deutliche Erhöhung der Versorgungsqualität bei gleichzeitiger Überwindung der Personalengpässe, die Aufwertung von Attraktivität und Wertschätzung des Pflegeberufs im Gesundheitswesen
wie in der Gesellschaft und eine gute Balance zwischen Qualität, Wirtschaftlichkeit
und Humanität.
Wie mit pflegebedürftigen Mitmenschen künftig umgegangen wird, wird zum
Prüfstein der humanen Güte einer Gesellschaft. Es gilt, Rahmenbedingungen zu
schaffen, die unsere Gesellschaft zu einer sorgenden, zu einer pflegenden Gemeinschaft heranwachsen lassen. Ehrenamtliches Engagement im Pflegebereich, vor allem bei niederschwelligen Angeboten und Professionalisierung der ambulanten und
stationären Pflege werden weitere wichtige Themen sein.
Das zweite Pflegestärkungsgesetz ist am 1. Januar 2016 in Kraft getreten. Das
neue Begutachtungsverfahren und die Leistungsbeträge der Pflegeversicherung sollen zum 1. Januar 2017 wirksam werden. Mit der Umstellung von Pflegestufen auf
Pflegegrade wird endlich eine Gleichstellung zwischen physischer und kognitiver
Beeinträchtigung hergestellt. Der medizinische Dienst der Krankenkassen steht allerdings vor der Herausforderung, die Pflegegradumstellung zu meistern. Eine weitere Aufgabe wird die Inklusion von Demenzkranken mit ihren Angehörigen sein.
Ein Bewusstseinswandel muss erreicht werden, der den Blick weg von den Defiziten
lenkt und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht. Nicht am Rande,
sondern in der Mitte der Gesellschaft sollte der Platz für pflegebedürftige Mitmenschen und ihrer Angehörigen sein.
Aus drei Fachtagungen, die die Hanns-Seidel-Stiftung im November und Dezember 2015 mit namhaften Experten aus Politik, Wissenschaft, Verbänden und
Pflegeeinrichtungen durchführte, haben wir in diesem Themenheft der Politischen
Studien eine Auswahl von Vorträgen zusammengestellt, die die notwendigen Weichenstellungen und Herausforderungen für die Pflege von Morgen deutlich machen.
Paula Bodensteiner, Prof. Dr. Siegfried Höfling, Dr. Susanne Schmid
Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung, München
	

1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

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inhalt
06

06	
PFLEGE: HEUTE UND ZUKÜNFTIG

Auf dem Weg zum neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff

Bernhard Seidenath

Ralf Langejürgen

17	
PFLEGE – ZWISCHEN AUFBRUCHSSTIMMUNG UND ÜBERFREMDUNG

Vergesst die Angehörigen nicht

Bernd Reuschenbach

Bernhard Piendl

Zwischen Notstand und Nichtbeachtung

Zukünftig steigende Bedeutung
Martin Kohls

„Wir haben Demenz“
Peter Kolominsky-Rabas /
Sandra Schaller

72	DIE BAYERISCHE DEMENZSTRATEGIE
Gegen das Vergessen

44	PFLEGE 2030
Herausforderungen für einen stationären
Leistungserbringer im ländlichen Raum

03	 EDITORIAL
94	 IMPRESSUM

62	DER BAYERISCHE DEMENZ
SURVEY

Nikolaus Nützel

33	MIGRATION UND PFLEGEBEDÜRFTIGKEIT

RUBRIKEN

53	DIE WEITERENTWICKLUNG DER
PFLEGEVERSICHERUNG

Gewolltes und Gelebtes

27	PFLEGE IN DEN MEDIEN

33

47	PFLEGEVERSICHERUNG 2.0

Eine der größten Herausforderungen
für die Politik

Gabriele Hartl

82	„WIR HABEN ALZHEIMER“
Stationäre Rehabilitation bei Demenz

Harald Schubert

Friedemann Müller

72
4	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

	

1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

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Quelle: CHW/Fotolia

/// Eine der größten Herausforderungen für die Politik

Pflege: heute und zukünftig
Bernhard Seidenath /// Der demographische Wandel stellt die Gesellschaft vor
große Aufgaben. Wir alle werden älter, leben länger und damit steigen das Risiko
der Pflegebedürftigkeit und die Gefahr einer Demenzerkrankung. Gleichzeitig steigt
der Bedarf an Pflegekräften an. Am Umgang mit den Schwächsten aber zeigt sich die
Humanität unserer Gesellschaft. Mit einer Vielzahl von Maßnahmen auf Bundes- und
Landesebene kann es gelingen, eine drohende humanitäre Katastrophe zu verhindern. Dies ist eine der größten Herausforderungen für die Politik von heute und
morgen.
Pflegearbeit ist Schwerstarbeit und verdient die entsprechende Anerkennung und Wertschätzung.

Die Ausgangslage
Heute leben in Deutschland etwa 2,5
Millionen Pflegebedürftige. Schätzungen
zufolge werden bis zum Jahr 2030 ca. 3,4
Millionen Menschen auf Pflege angewiesen sein. In Bayern sind aktuell rund
340.000 Menschen pflegebedürftig – in
15 Jahren werden es rund 477.000 sein.
Zudem haben sich die Familienstrukturen geändert. Aktuell werden noch zwei
Drittel der Pflegebedürftigen im familiären, privaten Umfeld gepflegt – die Tendenz ist aber sinkend. Denn Berufstätigkeit und Mobilität machen es vielen unmöglich, ihre Eltern selbst zu pflegen.
Zudem gibt es weniger Kinder und damit
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POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

auch potenziell weniger Nachwuchs für
die Pflegeberufe.1 Es tut sich somit eine
Lücke zwischen Bedarf und Angebot auf.
Schon heute besteht ein Fachkräftemangel in der Pflegebranche. Es ist deshalb
eine enorme sozial- und bildungspoliti-

Der Themenbereich Pflege wird
zunehmend an Bedeutung und
Brisanz gewinnen.

sche Herausforderung, auch in Zukunft
die Menschen zu versorgen, die pflegebedürftig sind. Dazu müssen pflegende Angehörige unterstützt werden, damit sie
nicht selbst krank werden. Vor allem aber
muss der Beruf des Pflegers für junge
Leute attraktiver werden.
Dass die hohe Bedeutung dieser Fragen in Bayern erkannt wurde, zeigt sich
schon daran, dass Ministerpräsident
Horst Seehofer im Oktober 2013 erstmals ein Staatsministerium gebildet hat,
das die Pflege ausdrücklich im Titel
führt, nämlich das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege
mit Staatsministerin Melanie Huml an
	

der Spitze. Spiegelbildlich hat der Bayerische Landtag erstmals einen „Ausschuss für Gesundheit und Pflege“ konstituiert. Beides belegt eindrücklich den
hohen Stellenwert, den Pflegepolitik in
unserem Land besitzen muss und tatsächlich auch besitzt.2
Der Pflegeberuf ist ein erfüllender
Beruf. Denn Pflege ist immer nahe am
Menschen. Dabei ist es gleich, ob die
Pflege ambulant (durch Pflegedienste,
die zu den Pflegebedürftigen kommen)
oder stationär (in Alten- und Pflegeheimen) erbracht wird. Und doch gibt es
keinen Beruf, der physisch und psychisch so anspruchsvoll ist wie der des
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

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Altenpflegers. Ziel der Politik und der
gesamten Gesellschaft muss es sein,
dass mehr junge Leute diesen Beruf ergreifen, und dass die, die diesen Beruf
für sich gewählt haben, auch in ihm bleiben. Dazu muss die Attraktivität des
Pflegeberufes erhöht werden, was nur
durch ein ganzes Bündel von Maßnahmen gelingen kann. Bei den Arbeitsbedingungen in der Pflege muss dabei
ebenso angesetzt werden wie beim
Image der Pflegeberufe und bei der Attraktivität der Ausbildung.
Anreize für die Pflegeausbildung
Das neue Pflegeberufsgesetz auf Bundesebene soll in erster Stufe im Jahr
2017 in Kraft treten und eine generalistische, gemeinsame Ausbildung in der
Kranken- und Altenpflege einführen. In
letzter Zeit mehren sich die Argumente,
die Ausbildung in der Kinderkrankenpflege – anders als bisher geplant – nicht
auch in die generalistische Ausbildung
mit aufzunehmen. Hierfür sind vor allem praktische Gründe maßgeblich: Die
Anzahl von Praktika-Plätzen in der Kinderkrankenpflege reicht für die zu erwartende große Anzahl an Auszubildenden einfach nicht aus, zudem könnten die im Vergleich wenigen Kinderkrankenpflegestationen
überfordert
werden. In der generalistischen Ausbildung folgt nach der fachübergreifenden
Grundausbildung eine Spezialisierung
für die Alten- oder Krankenpflege.
Durch einen Wechsel von der Alten- in
die Krankenpflege und – wie bisher
schon möglich – von der Kranken- in die
Altenpflege wird sich die Variabilität
und Flexibilität des Pflegeberufs erhöhen, der somit attraktiver wird.
In der Pflegebranche sind junge Arbeitskräfte wichtig. Doch nicht jeder Betrieb bildet aus. Früher hatten Einrich8	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

tungen und Dienste ohne eigene Nachwuchskräfte einen Wettbewerbsvorteil
gegenüber denjenigen, die ausbildeten.
Sie konnten ihre Leistungen günstiger
anbieten als diejenigen, die Verantwortung übernahmen. Die am 11. November 2014 im Ausschuss für Gesundheit
und Pflege des Landtags vorgestellte Bedarfs- und Angebotsprognose des Insti-

Die Einführung einer
Ausbildungsumlage in Bayern ist
sinnvoll und wird kommen.

tuts für Gerontologie an der Technischen Universität Dortmund zu den
Ausbildungsplätzen in der Altenpflege
belegt, dass die gesetzlichen Voraussetzungen für die Einführung einer Ausbildungsumlage in Bayern grundsätzlich
gegeben sind. Demnach besteht im Freistaat nicht nur ein Mangel an Bewerbern, sondern auch an Ausbildungsplätzen. Auch im Lichte der Rechtsprechung
des Bundesverwaltungsgerichts kann
demzufolge eine Ausbildungsumlage in
Bayern rechtssicher eingeführt werden.
Im bayerischen Staatshaushalt sind für
diesen Zweck für die Jahre 2015 und
2016 bereits jeweils sechsstellige Beträge
eingestellt. Durch die Umlage werden
ausbildende mit nicht ausbildenden Betrieben gleichgestellt. Damit wird auch
die Umlage ihren Teil dazu beitragen,
dass mehr junge Menschen den Beruf
des Pflegers ergreifen.
Seit März 2013 stärkt auch schon
das bayerische Bildungsfinanzierungs-

gesetz den Pflegeberuf. Der so genannte
Pflegebonus ist Teil dieses Gesetzes. Er
ermöglicht es den privaten Berufsfachschulen für Altenpflege und Altenpflegehilfe, komplett auf die Erhebung von
Schulgeld zu verzichten, indem sie einen
deutlich höheren staatlichen Zuschuss
als bisher erhalten. Auch hierdurch wird
die Attraktivität der Ausbildung im Bereich der Altenpflege und Altenpflegehilfe gesteigert. Die Zahlung eines
Schulgeldes für die Altenpflege-Ausbildung war für junge Leute sicherlich eine
Hürde, sich für diesen Beruf zu entscheiden. Diese Hürde ist in Bayern seit
dem Jahr 2013 abgebaut.
Neben der klassischen Ausbildung
gibt es in Bayern bereits einige PflegeStudiengänge. Die Akademisierung des
Pflegeberufes schreitet weiter voran.
Auch dies erhöht die Attraktivität des
Berufsbildes und wertet den Berufszweig gesellschaftlich auf. Wichtig allerdings ist, dass der Zugang zum Beruf
des Kranken- und Altenpflegers weiterhin niedrigschwellig für breite Schichten möglich bleibt. Für die herausgehobenen Funktionen in der Pflege aber,
etwa die Pflegedienstleitung, kann eine
akademische Ausbildung sinnvoll sein.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist,
Ausbildungsabbrüche weitestgehend zu
verhindern. Es kommt immer wieder
vor, dass sich Auszubildende in ihrer
Ausbildung nicht wohl fühlen. Eine
enge Begleitung und Praxisanleitung
aber kann verhindern, dass der Azubi
deshalb gleich aufgibt. Modellhaft werden daher seit dem Ausbildungsjahr
2015/16 in Bayern Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) eingesetzt,
um die Schüler besser psychologischsoziologisch zu begleiten und die Supervision zu verstärken. Hierfür wurden
acht Schulen als Projektpartner ausge	

wählt. Ziel ist es, die Erkenntnisse aus
den Modellschulen flächendeckend in
ganz Bayern umzusetzen. In diesem Zusammenhang ist auch positiv zu bewerten, dass mit dem Pflegeberufsgesetz
eine bestimmte Stundenzahl für Praxisanleitung vorgeschrieben und refinanziert werden soll.
Verbesserung der
Arbeitsbedingungen
Nicht selten wird eine Ausbildung in einem Pflegeberuf abgebrochen, weil die
Arbeitsbedingungen in der Pflege als
allzu belastend, ja abschreckend empfunden werden. Auch deshalb und ganz
generell, um die Pfleger in ihrem Beruf
zu halten, müssen die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Dies ist wichtig
für die, die sich gerade in Ausbildung
befinden, für die, die vor ihrer Berufswahl stehen, aber auch und gerade für
die, die den Pflegeberuf ausüben. Beim
Kampf gegen den Fachkräftemangel
kommt den Arbeitsbedingungen eine
Schlüsselrolle zu.

Im Kampf gegen den Fachkräftemangel
müssen die Arbeitsbedingungen
verbessert werden.
Insbesondere dürfen die Arbeitsbedingungen die Pflegekräfte nicht krank
machen, weder an Körper noch an Seele. 2015 hat der Deutsche Bundestag,
neben einigen anderen Gesetzen im Gesundheitsbereich auch das Präventionsgesetz beschlossen. Es sieht vor, dass die
Krankenkassen zwei Euro pro Versichertem für ein Betriebliches Gesundheitsmanagement aufwenden müssen.
Dies ist in der Pflege besonders wichtig,
sozusagen als Pflege der Pflegenden.
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Entbürokratisierung der
Pflegedokumentation
Beim Wunsch nach einer Verbesserung
der Arbeitsbedingungen in der Pflege
wird häufig die Entbürokratisierung der
Pflegedokumentation genannt. Die Dokumentationspflichten in der Altenpflege sollen deshalb auf das erforderliche
Mindestmaß reduziert werden. Der modellhaft erprobte Ansatz „ReduDok“
kann ein wichtiger Baustein zur Erreichung einer möglichst unbürokratischen Pflege sein, in welcher der pflegebedürftige Mensch vollständig im Mittelpunkt steht und die Professionalität
der Pflege betont wird. Auch die Empfehlungen eines Praxistests zur Effizienzsteigerung der Pflegedokumentation
können zur Vereinfachung der Pflegedokumentation herangezogen werden. Begleitend zu der nach der Ombudsfrau
auf Bundesebene so genannten Beikirch-Kommission wurde in Bayern unter dem Vorsitz der früheren bayerischen
Sozialministerin Christa Stewens ein
Koordinierungsgremium
geschaffen.
Die von Frau Beikirch entwickelten Ansätze können ein neues System für die
notwendige Dokumentation im Arbeitsalltag schaffen und sind zudem
vollständig kompatibel mit dem Ansatz
von „ReduDok“.
Zur Reduktion des Dokumentationsdrucks muss insgesamt der kooperative und beratende Charakter der Prüfinstanzen (Medizinischer Dienst der
Krankenversicherung / MDK, Fachstellen für Pflege- und Behinderteneinrich10	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

tungen – Qualitätsentwicklung und
Aufsicht / FQA) sowie das Vertrauen der
Pflegekräfte in die eigene fachliche
Kompetenz unterstützt werden, mit
dem Ziel, dass sich Prüfer und Pflegekräfte auf Augenhöhe begegnen können. Bei den Heimnachschauen, die in
Bayern zu Recht grundsätzlich unangemeldet erfolgen, sollte die Ergebnisqualität der Pflege deshalb deutlich höher
bewertet werden als die Güte der Pflegedokumentation. Dies ist die offizielle
Lesart bei MDK und FQA, doch nach
wie vor berichten Heime davon, dass
dies in der Praxis der Heimnachschauen
anders, nämlich deutlich dokumentationslastiger, gehandhabt wird.
Personalschlüssel
Nicht nur in der Dokumentation, sondern auch bei der Ausstattung mit Personal können sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Seit dem Jahr 2014 wurde der pflegestufenunabhängige Zusatzschlüssel „Sonstige Dienste“ eingeführt.
Bei einer durchschnittlichen Größe eines bayerischen Pflegeheims mit 80
Plätzen bedeutet diese Vereinbarung,
dass zunächst zwei Kräfte mehr pro Einrichtung angestellt werden können.
Mehr Personal bedeutet mehr Menschen, die sich der Pflegebedürftigen annehmen. Das ist ein großer Schritt in die
richtige Richtung. So wird ein Qualitätsgewinn und eine deutliche Verbesserung für die Bewohner und die Pflege-

Es braucht eine bessere Ausstattung
mit Personal, vor allem nachts.

Quelle: Hanns-Seidel-Stiftung

Denn leider ist der Krankenstand im Bereich der Pflege überdurchschnittlich
hoch. An dem anzusetzen, was Pflegekräfte krank macht, verbessert gleichzeitig die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals.

Der bayerische Staat unterstützt und fördert den Pflegebereich tatkräftig, hier als sein fachlicher
Vertreter der Abgeordnete Bernhard Seidenath auf der Expertentagung „Pflege 2030 – Sozial- und
bildungspolitische Herausforderungen“ im September 2015 in München.

kräfte in den Pflegeheimen erreicht, wie
die bayerische Pflegeministerin Melanie
Huml vollkommen zu Recht betont.
Eine ausreichende Ausstattung mit Personal ist tagsüber wichtig – und hier
sind und bleiben der Landespflegeausschuss und die Landespflegesatzkommission aufgefordert, weitere Verbesserungen der Personalausstattung zu erreichen –, aber auch und gerade nachts.
Deshalb hat das Bayerische Gesundheits- und Pflegeministerium im Bereich
des Nachtwachenschlüssels gehandelt.
Die nächtliche Betreuung in Pflegeheimen wurde verbessert, indem festgelegt
wurde, dass künftig nachts in Heimen
mindestens eine Pflegekraft für 30 bis
	

maximal 40 Bewohner anwesend sein
muss. Das ist eine wichtige Verbesserung, auch für die Pflegekräfte. Diese
Regelung gilt seit Juli 2015 und wird ab
Januar 2016 auch sanktioniert.
Verbesserungen im
Krankenhausbereich
Ein gutes Signal setzt in diesem Zusammenhang auch das neue Krankenhausstrukturgesetz, das der Deutsche Bundestag am 5. November 2015 beschlossen hat, mit seinem neuen PflegestellenFörderprogramm und dem Pflegezuschlag. Im Rahmen des PflegestellenFörderprogramms werden in den Jahren
2016 bis 2018 insgesamt 660 Millionen
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

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Euro zur Stärkung der unmittelbaren
pflegerischen Patientenversorgung aufgewendet. Die dadurch geschaffenen
neuen Stellen sollen ausschließlich der
Pflege am Bett zugute kommen. Damit
die Krankenhäuser insgesamt mehr
Pflegepersonal einstellen, wird es zudem einen Pflegezuschlag in Höhe von
500 Millionen Euro jährlich geben. Das
Krankenhausstrukturgesetz mit diesen
neuen Leistungen ist am 1. Januar 2016
in Kraft getreten.

feld durchgeführt und dabei ausgeleuchtet, welche Möglichkeiten es gibt, die
Bezahlung der Pflegekräfte zu erhöhen,
insbesondere welche Refinanzierungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen
könnten. Die Marktmechanismen versagen hier offenbar. Obwohl Pflegekräfte gesucht werden, steigt deren Preis
nicht. Dem gilt es auf die Spur zu kommen. Der Arbeitskreis für Gesundheit
und Pflege der CSU-Landtagsfraktion
unterstützt diese Bestrebungen.

Förderung von Fort- und
Weiterbildungen
Zeitlos gültig ist die Erkenntnis: Mehr
Personal bedeutet mehr Qualität. Allerdings erhöhen auch Fort- und Weiterbildungen die Qualität und drücken
gleichzeitig die Wertschätzung des Arbeitgebers gegenüber dem jeweiligen Arbeitnehmer aus. Der Freistaat Bayern
fördert Fort- und Weiterbildungen für
Fachkräfte in der Pflege deshalb mit bis
zu 800.000 Euro pro Jahr.

Private Vorsorge unentbehrlich
Allerdings muss an dieser Stelle auch die
andere Seite gesehen werden. Wenn die
Pflegekräfte teurer werden, können sich
manche Bürger die ambulante oder stationäre Pflege wiederum nicht mehr
leisten. Seit 2013 fördert der Staat deshalb den Abschluss einer privaten Pflegeversicherung über den so genannten
Pflege-Bahr. Zusammen mit den ungeförderten privaten Pflegezusatzversiche-

Bezahlung
Eine der entscheidendsten Fragen bei
den Arbeitsbedingungen in der Pflege
ist das monatliche Gehalt. Die Bezahlung ist der Schlüssel für mehr Pflegekräfte. Nach unserer Zuständigkeitsverteilung, der mit Fug und Recht bestehenden Tarifautonomie, sind hierfür die
Selbstverwaltungspartner der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer als Tarifvertragsparteien zuständig – eben nicht die
Politik. Die Politik kann folglich nicht
durch ein Schnippen mit dem Finger
Verbesserungen erreichen. Aber sie
kann für höhere Tarifabschlüsse werben. Der Patienten- und Pflegebeauftragte der Bayerischen Staatsregierung,
Hermann Imhof, hat im Herbst 2014 ein
Experten-Hearing zu diesem Themen-

Pflegepersonal sollte besser bezahlt werden.

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

rungs-Policen liegt die Zahl der privaten
Pflegeversicherungsverträge aktuell bei
rund drei Millionen. Das ist respektabel, aber noch weit nicht flächendeckend.
Die Finanzierung der Pflege kann
nur in einem Mix sichergestellt werden.
Aller Voraussicht nach werden alle zusammenhelfen müssen:
•	Die soziale Pflegeversicherung, die
als Teilkasko-Versicherung konzipiert ist,
•	die private Vorsorge, etwa nach dem
so genannten Pflege-Bahr oder über
eine ungeförderte Variante und

•	die Eigenleistungen durch die Betroffenen, ihre Kinder oder den Sozialhilfeträger.
Individuelle Einstufung und
passgenaue Leistung
Die Bundesregierung hat die Stärkung
der Pflege zu ihrem besonderen Schwerpunkt gemacht. Deshalb wurden und
werden die Leistungen der Pflegeversicherung in dieser Wahlperiode durch
zwei Pflegestärkungsgesetze erheblich
ausgeweitet. Mit dem Ersten Pflegestärkungsgesetz (PSG I) erhalten die rund
2,5 Millionen Pflegebedürftigen in
Deutschland bereits seit Januar 2015
mehr Leistungen. Die meisten Leistungsbeträge der Pflegeversicherung
steigen pauschal um 4 Prozent. Erstmals
ist eine Dynamisierung der Leistungen
vorgesehen.
Die Leistungen für die ambulante
Pflege wurden um rund 1,4 Milliarden
Euro erhöht, für die stationäre Pflege
um rund 1 Milliarde Euro. Auch die
Leistungen für die Pflege zu Hause wurden deutlich verbessert, pflegende Angehörige werden so entlastet. Die Unterstützungsangebote für die Pflege zu
Hause wurden ausgedehnt, die Zahl der
zusätzlichen Betreuungskräfte in stationären Pflegeeinrichtungen erhöhte sich
deutlich. Zudem wurde ein Pflegevorsorgefonds eingerichtet. Im Gegenzug
wurden die Pflegeversicherungsbeiträge
für die Leistungsverbesserungen um 0,2
und für den Pflegevorsorgefonds um zusätzliche 0,1 Prozentpunkte, also um
insgesamt 0,3 Prozentpunkte, angehoben.
Im November 2015 hat der Deutsche
Bundestag zudem das Zweite Pflegestärkungsgesetz (PSG  II) beschlossen. Mit
ihm soll ab 2017 der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff und ein neues Begutach	

tungsverfahren eingeführt werden. Die
bisherige Unterscheidung zwischen
Pflegebedürftigen mit körperlichen Einschränkungen einerseits und mit kognitiven und psychischen Einschränkun-

Das Zweite Pflegestärkungsgesetz
ermöglicht eine individuellere und
passgenauere Einstufung.

gen (insbesondere Demenzkranke) andererseits soll dadurch wegfallen. Mit
dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff
sind fünf Pflegegrade für individuellere
Einstufungen und passgenauere Leistungen in der Pflege verbunden anstelle
der bisherigen drei Pflegestufen. Zur Refinanzierung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs wird der Beitragssatz zur
sozialen Pflegeversicherung um weitere
0,2 Prozentpunkte angehoben. Damit
steigt der Beitragssatz in dieser Bundestags-Legislaturperiode 2013 bis 2017
um insgesamt 0,5 Prozentpunkte.
Hilfe für Demenzkranke und
ihre Angehörigen
Demenz gilt als die moderne Geißel unserer Gesellschaft, denn das Alter ist einer der Hauptrisikofaktoren für eine
Demenzerkrankung. Dabei ist über diese Krankheit noch sehr wenig bekannt.
Auf mehrerlei Wegen will der Freistaat
Bayern künftig Licht in dieses Dunkel
bringen. So beleuchtet der Bayerische
Demenz-Survey die Versorgungssituation der Betroffenen. Gute Beispiele, mit
denen an Demenz Erkrankten auf loka1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

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ler Ebene geholfen werden kann und
wird, zeichnet der Bayerische Demenzpreis aus. Auf dem Fachtag Demenz
schließlich wird der Stand der Forschung zu diesem so wichtigen gesundheitspolitischen Thema zusammengefasst und vorgestellt. Alle drei Instrumente wurden und werden auf Vorschlag durch die CSU-Landtagsfraktion
mit staatlichen Mitteln gefördert.
Im Rahmen des Demenz-SurveyProjekts werden Menschen mit Demenz
sowie pflegende Angehörige befragt, um
Informationen über den Verlauf von Demenzerkrankungen sowie über die Versorgung im häuslichen Umfeld zu erlangen. Was brauchen sie an Hilfen? Welche Hilfen kommen an? Sind sie niedrigschwellig genug? Dies zu eruieren, ist
Sinn und Ziel des Surveys, der aktuell
durch Wissenschaftler der Universität
Erlangen-Nürnberg durchgeführt wird
und den der Freistaat in den Jahren
2015 und 2016 mit mehr als 500.000
Euro fördert. Insgesamt drei bayerische
Regionen, nämlich der Landkreis Dachau, der Landkreis Kronach und die Stadt
Erlangen, nehmen daran teil. Die Auswahl der Standorte spiegelt den für den
Flächenstaat Bayern typischen Mix aus
Ballungsgebieten und ländlichen Regionen wider. Da Demenz nicht heilbar ist,
muss die Versorgungsforschung verbessert und ausgeweitet werden. Solange
nicht bekannt ist, was die Ursache für
Demenz ist, muss dafür Sorge getragen
werden, dass die Betroffenen so optimal
wie möglich versorgt werden. Unser Augenmerk muss gerade den pflegenden
Angehörigen gelten.
Da sich die Zahl der Demenzkranken in Bayern in den nächsten vierzig
Jahren wohl verdoppeln wird, hat der
gesundheitspolitische Arbeitskreis der
CSU-Landtagsfraktion auch die Auslo14	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

bung eines Demenzpreises ermöglicht,
mit dem innovative Ansätze gerade im
lokalen Bereich ausgezeichnet werden.
Dieser Preis wurde am 11. November
2015 von Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml erstmals verliehen.
Den ersten Preis erhielt das Projekt
„Stiftsschöpple im Juspi – Demenzkranke helfen im Weinberg mit“, bei der es
eine Kooperation mit einer Winzerei demenziell erkrankten Bewohnern ermöglicht, sich in die jahreszeitlich anfallenden Tätigkeiten in einem Weinberg einzubringen.

Der Freistaat Bayern fördert
finanziell Projekte bezüglich der
Demenzerkrankung.
Am 15. April 2015 fand der erste
Bayerische Fachtag Demenz in München statt. In seinem Rahmen konnten
die Teilnehmer Einblicke in den aktuellen Stand der Demenzforschung gewinnen und einige Leuchtturmprojekte
kennenlernen, die im Rahmen der Bayerischen Demenzstrategie entstanden
waren. Auf Vorschlag der CSU-Landtagsfraktion hat der Bayerische Landtag
im Nachtragshaushalt 2016 Mittel bereitgestellt, damit es auch im Jahr 2016
wieder einen Demenz-Fachtag geben
wird, der die Besucher über neue Forschungsergebnisse informiert.
Körperschaft des Öffentlichen
Rechts als Interessensvertretung
für die Pflege
Bayern macht sich aktuell auf den Weg,
eine Körperschaft des Öffentlichen
Rechts als starke Interessensvertretung
für die Pflege zu etablieren. Die Körperschaft soll die Interessen aller Pflege-

kräfte in Bayern gegenüber Politik und
Gesellschaft vertreten – auf Augenhöhe
wie auch die Standesvertretungen von
Ärzten, Zahnärzten oder Apothekern.
In der Körperschaft sollen Pflegeverbände und einzelne Pflegekräfte Mitglied
werden können. Es soll zwar keine
Pflichtmitgliedschaft geben, aber eine
Pflichtregistrierung der rund 180.000
Pflegekräfte in Bayern. Aufgabe der
Körperschaft, die von einem ehrenamtlichen Präsidium nach außen vertreten
und durch eine Geschäftsstelle mit
hauptamtlichen Mitarbeitern verwaltet
werden soll, soll unter anderem die Weiterentwicklung der Qualität in der Pflege und die Mitwirkung an Gesetzgebungsvorhaben sein. Zudem können
staatliche Vollzugsaufgaben, etwa im
Bereich der Fort- und Weiterbildung in
der Altenpflege, auf die Körperschaft
übertragen werden. Aufgabe der Interessensvertretung kann es schließlich
sein, die Mitglieder in berufsrechtlichen
und fachlichen Belangen zu beraten sowie an der öffentlichen Gesundheitspflege mitzuwirken.
Reputation der Pflegeberufe in
der Gesellschaft
Obwohl Pflegende christliche Nächstenliebe praktizieren und aufopferungsvoll und sehr häufig unter Hintanstellung eigener Bedürfnisse pflegen, ist die
öffentliche Wahrnehmung gespalten.
Denn obwohl der weit überwiegende
Teil der Fälle sehr gut läuft und die Pflege hohe Qualität hat, nimmt der im Vergleich dazu verschwindend geringe Teil
der Fälle, bei denen etwas falsch gelaufen ist, einen überproportional großen
Raum ein. Dies führt bedauerlicherweise zu einer verzerrten öffentlichen
Wahrnehmung und setzt dem Image der
Pflegenden und der Pflege zu.
	

Die Reputation der Pflegekräfte in
der Gesellschaft ist ein hohes Anliegen
auch der Kampagne „Herzwerker“ der
Staatsregierung.3 Die Kampagne hat bereits zu einer gestiegenen Zahl von Aus-

Das Image des Pflegeberufes und der
Pflegenden bedarf der Verbesserung
und verdient mehr Wertschätzung.

zubildenden geführt, ist also ein schöner Erfolg. Der Haushaltsansatz für die
Herzwerker-Kampagne im Bayerischen
Staatshaushalt wurde für die Jahre 2015
und 2016 um jeweils 241.500 Euro erhöht.
Die öffentliche Reputation und
Wertschätzung wird auch durch Auszeichnungen und Ehrungen geprägt.
Deshalb ist es mehr als angebracht, dass
etwa Pflegende, die ihre Angehörigen
selbst zuhause pflegen, öffentlich als
leuchtende Beispiele herausgestellt werden, etwa durch die Verleihung von Orden. Pflegende, insbesondere pflegende
Angehörige, vollbringen im familiären
Umfeld eine unschätzbare Leistung, die
dem Wunsch eines jeden Pflegebedürftigen entspricht.
Fazit
Das Thema Pflege wird uns in den
nächsten Jahren und Jahrzehnten massiv beschäftigen. In den Anstrengungen
der Werbung um qualifizierten Nachwuchs dürfen wir nicht nachlassen. Der
Pflegeberuf muss umfassend gestärkt
werden: durch eine weitere Verbesse1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

15

rung der Arbeitsbedingungen, durch
eine erhöhte öffentliche Wertschätzung
der Pflegeberufe sowie durch eine Pflege
der Pflegenden. Dann wird es gelingen,
mehr junge Menschen in den Beruf des
Pflegers zu bringen und sie auch dort zu
halten – und unsere Gesellschaft besteht den Test ihrer Humanität. ///

/// Bernhard Seidenath MdL
ist gesundheits- und pflegepolitischer
Sprecher der CSU-Landtagsfraktion sowie stellvertretender Vorsitzender des
Ausschusses für Gesundheit und Pflege,
München.

Anmerkungen
  1 I n Deutschland kamen 1964 genau 1.357.304 Babys zur Welt, so viele wie nie zuvor und nie wieder
nach dem Zweiten Weltkrieg. 2004 waren es
705.622, 2011 662.685 und 2014, nun wieder
leicht steigend, 715.000 Kinder, also rund die
Hälfte der Zahl von 1964. 2054 sind diese 40 Jahre
alt, der doppelt so starke Jahrgang 1964 ist dann
90.
  2 Nur in Nordrhein-Westfalen gibt es ein weiteres
Ministerium, das die Pflege im Titel führt, allerdings mit einer gewissen Bauchladen- bzw. Besenwagen-Anmutung: das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes
Nordrhein-Westfalen.
  3 w ww.herzwerker.de – Nähe macht stark, zur Personalgewinnung und Nachwuchskräfteförderung
in der Altenpflege, aber auch in der Kindertagesbetreuung, der Jugendhilfe und in der Behindertenhilfe.

16	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

/// Gewolltes und Gelebtes

Pflege – zwischen Aufbruchsstimmung und Überfremdung
Bernd Reuschenbach /// Inmitten der großen Dynamik, die die Pflegepolitik in
den vergangenen Jahren in guter Absicht entfaltet hat, beklagt die Pflegepraxis eine
zunehmende Überfremdung und wachsende Schwierigkeiten, eigene berufliche Ideale im Umgang mit Pflegebedürftigen und Patienten umsetzen zu können. Es wird im
folgenden Beitrag argumentiert, dass dieses Spannungsverhältnis zwischen Gewolltem und Gelebtem strukturell bedingt ist. Mit der Akademisierung und einer gleichberechtigten Partizipation der Pflege besteht Hoffnung, dieses systemimmanente
Spannungsverhältnis lösen zu können.

Gesetzessequenzen– die Begriffe
gehen aus
Wer die Entwicklung der Pflege in den
vergangenen Jahren verfolgt hat, stellt
fest, dass die Pflegepolitik von einer nie
zuvor dagewesenen Dynamik gekennzeichnet ist. Ein Spiegelbild dieser beschleunigten Entwicklungen sind die
gesetzlichen Änderungen, die schon in
den Begriffen einen stetigen Reformbedarf andeuten: Pflegeleistungs-Ergänzungsgesetz (2001), Pflegequalitätssicherungsgesetz (2002), Pflegeweiterentwicklungsgesetz (2008) und Pflege-Neuausrichtungsgesetz (2012). Bei jüngsten
Änderungen (Pflegestärkungsgesetz I
und II) werden erstmals Ziffern genutzt,
was Raum für mögliche weitere Veränderungen (z. B. PSG III, IV etc.) lässt.
	

Was in der Sequenz von gesetzlichen
Veränderungen wie ein sukzessives Kitten von Schwachstellen anmutet, ist bei
kritischer Betrachtung dem Umstand
geschuldet, dass die Entwicklungen in
der Pflege hochkomplex sind. Hier interagieren verschiedene politische Akteure, Ministerien und Interessensgrup-

Die hochkomplexen Entwicklungen
in der Pflege spiegeln sich auch in
den rasanten gesetzlichen
Änderungen wider.

1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

17

Quelle: Adam Berry/Getty Images

Die zunehmende Qualifizierung der Pflege führt auch zu einer Akademisierung auf diesem Gebiet.
Bundesweit gibt es inzwischen 50 Studiengänge für eine Berufstätigkeit im Pflegebereich.

pen inmitten sich schnell wandelnder
Anforderungen. Es wundert daher
nicht, dass manches Geplante in der Bearbeitungsschleife hängen blieb. Erinnert sei an das adynamische „Jahr der
Pflege“ 2011 oder die Reform des Pflegebedürftigkeitsbegriffs, die knapp 10
Jahre auf sich warten ließ und währenddessen viele Gutachter und Expertengruppen beschäftigte.
Es ist kritisch zu hinterfragen, ob
sich durch die veränderten gesetzlichen
Rahmenbedingungen eine Verbesserung der Ergebnisqualität ergeben hat:
Kommt inmitten der vielfältigen Veränderungsprozesse überhaupt etwas beim
18	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

Patienten, Pflegebedürftigen und Angehörigen an? Hat sich die Versorgungsqualität für ältere Menschen in den vergangenen Jahren zum Besseren gewandelt? Fragt man beruflich Pflegende, so
fällt das Urteil ernüchternd aus. Beklagt
werden die massive Arbeitsverdichtung durch gestiegene Pflegebedarfe,
überladende Qualitätsanforderungen
sowie die wahrgenommene Ungerechtigkeit der Ressourcenverteilung im
Vergleich zu anderen Berufsgruppen
des Gesundheitswesens, weil dies alles
eine Umsetzung pflegerischer Zielsetzungen erschwert oder unmöglich
macht.

Gutgemeintes wird als Last
empfunden
Dieses Spannungsverhältnis zwischen gesetzlichen Regelungen und Entfaltung
pflegerischer Ziele lässt sich exemplarisch
beim Thema Expertenstandards darstellen. Expertenstandards sind auf der
Grundlage wissenschaftlicher Evidenz
entwickelte Empfehlungen zur Gestaltung der praktischen Pflege. Sie dienen als
Richtschnur, wie Pflegende in der Praxis
Risiken einschätzen und Maßnahmen
umsetzen sollen. Durch den Standard
wird ein Handlungskorridor systematisch
beschrieben, der dazu beiträgt, Maßnahmen auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand zu realisieren. Beispielsweise
gibt es Empfehlungen zur Umsetzung des
Schmerzmanagements, zur Dekubitusprophylaxe oder zur Förderung der Mobilität. Die Anforderungen an die Erstellung
und Umsetzung der Expertenstandards
sind in §113 SGB XI geregelt.
Was aus Sicht des Gesetzgebers und
der relevanten Vertragsparteien (Pflegekassen, Leistungserbringer und Sozialhilfeträger) eine wichtige Maßnahme dar-

Gut gemeinte Regelungen
können zu Überfremdung und
Konflikten führen.

stellt, um eine hohe Qualität zu sichern,
führt in der Praxis nicht selten zu Überforderungen und – wegen des damit verbundenen Dokumentationsaufwandes –
zum Belastungserleben. Eine nicht angemessene Implementierung wird als Über	

fremdung und Maßnahme zur Entfernung von der „eigentlichen Pflege“ erlebt.
Hier gerät das professionelle Verständnis
der Pflegenden, die aufgrund einer dreijährigen Ausbildung und vielfältiger beruflicher Erfahrungen umfängliche Expertise erworben haben, in Konflikt mit
der Notwendigkeit, das Handlungswissen in einem Standard zu formalisieren,
standardisiert zu pflegen und das Pflegehandeln zu dokumentieren.
Es lassen sich weitere Beispiele finden, bei denen gutgemeinte gesetzliche
Regelungen die Akzeptanz der Pflegenden herausfordern. Behr argumentiert
für den Bereich der stationären Altenhilfe, dass ca. 900 Gesetze und Regelungen
in den Handlungsbereich der Pflegenden
hineinwirken, teilweise mit widersprüchlichen Umsetzungslogiken.1 Es
gilt, die Akzeptanz, die Umsetzung, die
Nachhaltigkeit und die Wirkung auf die
Betroffenen zu erhöhen. Dies sind zentrale Outcome-Variablen der Implementationswissenschaft, einem Forschungszweig der besonders in der Pflegewissenschaft verstärkt Beachtung findet,2 wohl
auch deshalb, weil hier in besonderem
Maße eine Umsetzung von Maßnahmen
scheitern kann, was eine negative Versorgungsqualität zur Folge haben kann.
Exemplarisch werden im Folgenden
vier Aspekte beschrieben, die als Eigenheiten der Pflege für die Realisierung
politischer Forderungen und gesetzlicher Regelungen bedeutsam sind. Sie
sind als Einflussfaktoren auf dem Weg
zu einer Verbesserung der Versorgungsqualität zu verstehen.
Hohe Ansprüche bei beschränkten
Ressourcen
Die grundsätzlichen Erwartungen an die
pflegerische Versorgung haben sich in
den vergangenen Jahrzehnten nur unwe1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

19

sentlich verändert, auch wenn deren
Umsetzung zunehmend erschwert ist.
Aus Sicht der Betroffenen sind der Erhalt
der Autonomie, eine hohe soziale und
kulturelle Teilhabe trotz gesundheitlicher Einschränkungen und eine personenzentrierte Versorgung schon immer
wesentliche Ansprüche an die Pflege gewesen. Diese Aspekte ziehen sich wie ein
roter Faden durch die Entwicklung des
Sozialgesetzbuches XI. Immer wieder
wird versucht, durch Veränderungen der
Rahmenbedingungen, z. B. Förderung
von innovativen Versorgungskonzepten,
Ausbau von Betreuungsleistungen für
Menschen mit Demenz, Förderung der
Rehabilitation im Alter etc., diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Selbst der
derzeitige Trend, technische Innovationen in die Versorgung zu integrieren,
begründet sich oftmals in dem Wunsch,
ein selbständiges Leben im Alter und bei
Pflegebedürftigkeit zu ermöglichen.

In Deutschland herrscht im Pflegebereich
ein Spannungsfeld zwischen hohem
Qualitätsanspruch und moderater
Finanzierung.
Die Umsetzung dieser zentralen
Zielsetzungen kommt durch die Eigenart des deutschen Pflegesystems an ihre
Grenzen. Das Pflegesystem ist im Sinn
einer Teilkasko-Versicherung konzipiert, d. h., es ist im Versicherungsfall,
z. B. bei Pflegebedürftigkeit, ein Eigenanteil zur Realisierung eben dieser Ansprüche zu leisten. Das führt zu der paradoxen Situation, dass einerseits pflegepolitisch hohe Ansprüche an die Pflege gestellt, andererseits aber geringe
staatliche Ressourcen zu deren Realisierung bereit gestellt werden.
20	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

Erika Schulz hat in einem lesenswerten Beitrag europäische Pflegesysteme
kategorisiert und sieht das System in
Deutschland durch eine moderate Finanzierung bei gleichzeitig hoher Qualitätsanforderung gekennzeichnet.3 Ein
deutlicher Marker für die geringe Finanzierung sind die öffentlichen Pflegeausgaben je Bruttoinlandsprodukte bezogen auf Personen, die 65 Jahre und älter
sind. In Deutschland sind dies nur
0,046 %, in den Niederlanden 0,14 %
und in Schweden 0,2 %. Nur durch einen hohen Eigenanteil der Pflegebedürftigen, z. B. durch Zuzahlung zum Heimplatz, und Pflegetätigkeiten der Angehörigen kann hierzulande der hohe Versorgungsanspruch realisiert werden. Pflegende in stationären und ambulanten
Einrichtungen erleben täglich das Spannungsfeld von Finanzierung und erhöhten Ansprüchen, wenn sie beispielsweise Angehörigen erklären müssen, warum bei Heimkosten in Höhe von 3.000
Euro und mehr nur wenig Kontaktzeit
zwischen Pflegenden und Pflegebedürftigen ermöglicht wird, oder wenn sie
rechtfertigen müssen, dass eine Pflege
am Bedürftigen durch die Beschäftigung mit der Pflegedokumentation zeitlich limitiert ist.
Mit jedem weiteren Anwachsen von
externen Qualitätsanforderungen wird
der Spagat zwischen Anspruch und unzureichender Mittelausstattung schwieriger. Einen besonderen Beitrag zur Einengung der Pflege leisten dabei auch
Skandalisierungen von Pflegemissständen. Was in gut gemeinter Absicht öffentlich gemacht wird, um Missstände
zu beheben, führt eben nicht zur Verbesserung der Rahmenbedingungen
wie z. B. verbesserte Finanzierung, sondern zu steigendem Druck, Qualität
nachweisen zu müssen. Kurz gesagt:

Der Nachweis der Qualität scheint
wichtiger als deren Umsetzung. Dieses
Paradox, das im pflegerischen Qualitätsmanagement
gelegentlich
als
„Schwimmflügel aus Beton“-Phänomen
bezeichnet wird, ist nur durch eine Verbesserung der Rahmenbedingungen zu
lösen.
Mehr denn je leisten beruflich Pflegende eine Bricolage, d. h. eine kreative
Ressourcennutzung, um das Notwendigste zu erreichen, wobei das Notwendigste nicht immer der Bedürfnisbefriedigung der Pflegebedürftigen entspricht,
sondern oftmals die Erfüllung gesetzlicher Anforderung darstellt. Dies entfernt vom Kern der Pflege, nämlich der
professionellen Gestaltung von Interaktionen unter Berücksichtigung der individuellen Bedürfnislage der Pflegebedürftigen und Patienten. Die schwierige
Balance der teils konträren externen
und internalen Ansprüche ist einer der
Gründe für den vorzeitigen Ausstieg aus
dem Beruf.
Taylorisierung als Bedrohung der
Ganzheitlichkeit
Pflegeinnovation und gesetzliche Maßnahmen zur Verbesserung der Pflegequalität kommen an ihre Grenzen, wenn
zur Umsetzung kein qualifiziertes Personal zur Verfügung steht. In allen Bundesländern ist derzeit ein erheblicher
Mangel an Fachkräften festzustellen.
Dieser wird nicht nur durch steigende
qualitative und quantitative Anforderungen verursacht, sondern auch durch
den unzureichenden Zustrom in die
Pflege sowie durch die für einen Dienstleistungsberuf überdurchschnittliche
Fluktuation.4 Für das Jahr 2030 wird
von einer Personallücke von 370.000
Pflegenden ausgegangen, für 2050 sogar
von 737.000 Personen.5 Um diese Lücke
	

zu schließen, sind neben dem Ausbau
der informellen Pflegeleistungsübernahme durch Angehörige der Zustrom in
das Berufsfeld zu erhöhen und die Fluktuation zu reduzieren. Dazu sind alle
Register des strukturierten Personalmarketings zu ziehen, von branchenspezifischen Imagemaßnahmen über einrichtungsspezifische Anwerbemaßnahmen bis hin zur Verbesserung der Ar-

Es mangelt an qualifiziertem
Personal.

beitsbedingungen in der Pflege. Die besondere Bindung an den Beruf und die
hohe Motivation zur Umsetzung pflegerischer Ideale sind wichtige Faktoren,
die einen Verbleib in der Pflege fördern.6
Will man diese erhalten, so sind
Freiräume zu schaffen, damit persönlichen Ziele auch umgesetzt werden können. Die Kompensation und Substitution von Pflegefachkräften durch Betreuungskräfte (sensu §87b SGB XI) und die
Auslagerung von professioneller Pflege
an Hilfskräfte kann dabei als niederschwellige Lösung des Personalproblems betrachtet werden, unter arbeitspsychologischen Gesichtspunkten ergibt sich damit aber die Gefahr einer
Taylorisierung der Pflegetätigkeit. Was
Freiräume schafft, führt zu einer Zergliederung der Humandienstleistung
Pflege in Subklassen von Betreuungsund Pflegeleistung, in deren Konsequenz erlernte Ausbildungsinhalte der
examinierten Pflegefachkräfte nicht
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

21

umgesetzt werden können, weil dafür
nun Betreuungskräfte eingesetzt werden. Bedrohlich für die professionelle
Pflege ist dabei besonders der Umstand,
dass Betreuungskräfte auch vermehrt
pflegenahe Aufgaben übernehmen, z. B.
Pflegebedürftige bei Toilettengängen
unterstützen (47 % der Befragten einer
GKV-Studie) oder beim Waschen und
Ankleiden helfen (21 %).7 Das darf nicht
sein, ist aber die übliche Bricolage des
Handlungsfeldes. Der gesellschaftliche
Anspruch, dass der Pflegeprozess in angemessener Qualität umgesetzt wird,
zwingt bei einem derart zunehmenden
Mix an Qualifikationen und einem steigenden Anteil von Pflegehelfern zu besonderen Qualifikationen der professionellen Pflege. Pflegefachkräfte müssen
heutzutage nicht mehr nur den Pflegeprozess umsetzen, sondern auch bewerten können, welche Berufsgruppe welche Tätigkeiten am besten umsetzen
kann. Sie müssen planen, koordinieren
und für andere Verantwortung übernehmen. Die notwendigen Kompetenzen dazu können insbesondere in einem
Pflegestudium erworben werden.
Akademisierung als
Entwicklungschance
Neben der eben angesprochenen Heterogenität der Berufsbilder ist die Pflege
auch durch eine zunehmende Diversifikation der Qualifikationsniveaus gekennzeichnet. Während bis vor knapp
25 Jahren die höchste Stufe der pflegerischen Karriereleiter nach einer entsprechenden Weiterbildung eine Beschäftigung als Pflegedienstleitung oder als
Lehrende an einer Pflegeschule war, gibt
es seit den 1990er-Jahren erweiterte
Qualifizierungsmöglichkeiten durch ein
Studium. Was zunächst mit den Studiengängen Pflegemanagement und Pfle22	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

gepädagogik begann und später durch
Pflegewissenschaft ergänzt wurde, wurde ab 2004 durch die Einführung einer
Modellklausel in das Krankenpflegegesetz auch für die patientennahe Pflege
selbst ermöglicht. Inzwischen sind bundesweit knapp 50 Studiengänge, meist
in Kooperation mit Berufsfachschulen,

Die veränderten Versorgungsanforderungen bedingten eine
Akademisierung der Pflege- und
Therapieberufe, was zu einer
Qualitätsverbesserung in der
Praxis führte.

entstanden, die für eine Tätigkeit an Patienten oder Pflegebedürftigen qualifizieren. Mit dem neuen Pflegeberufegesetz wird das Studium aus der Modellklausel in die Regelbildung überführt.
Damit sind Ausbildung und Studium
zwei Varianten, um einen berufsqualifizierenden Abschluss zu erwerben. Zusätzlich gibt es Masterstudiengänge,
pflegewissenschaftliche Promotionsstudiengänge und auch Habilitationen, die
die Karriereleiter nach oben öffnen. Es
wird eine wichtige Aufgabe der nächsten Jahre sein, die berufliche Einmündung der Studierenden zu fördern und
qualifikationsangemessene Stellen zu
schaffen.8
Der Anteil an Pflegestudienabsolventen ist mit 0,3 % aller beruflich Pflegenden weit von den Empfehlungen des
Wissenschaftsrates entfernt, der von 10
bis 20 % hochschulisch gebildeter Fach-

kräfte im Gesundheitswesen ausgeht.9
Durch die geringe Anzahl mangelt es an
Einmündungen mit Vorbildcharakter.
Erforderliche strukturelle Veränderungen auf der Station und in den Wohnbereichen sind damit nicht umsetzbar. Der
geringe Anteil an akademischen Pflegenden ist auch deshalb bedauerlich,
weil die Akademisierung nicht Selbstzweck der Pflege ist, sondern durch die
veränderten Versorgungsanforderungen
begründet ist.
Dass die Akademisierung der Pflegeund Therapieberufe auch zu einer Qua-

litätsverbesserung in der Praxis führt,
belegen die verfügbaren Evaluationsergebnisse.10 Durch die Bachelorstudiengänge Pflege gelangen praktisch erfahrene Pflegende ins Berufsfeld, die mit erweiterten Kompetenzen ausgestattet
sind, z. B. für die Beratung, für Prävention oder das Case- und Caremanagement. Sie verfügen über größeres Fachwissen, kennen die komplexen Zusammenhänge im Gesundheitswesen und
sind damit auch wichtige Akteure für
Strukturveränderungen. Die in den Studiengängen intendierten Kompetenzen

Abbildung: Drittmittel pro Professor für das Jahr 2006 (Angaben in 1.000 Euro)

TU-München-Medizin

458

LMU-Medizin

402

Uni-Medizin/Gesundheitsw.
(Bundesdurchschnitt)

353,8

FH-Gesundheitsberufe
Bundesdurchschnitt

18,26

0

100

200

300

400

500

Quelle: Adler /von dem Knesebeck, CHE12

	

1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

23

stehen im Einklang mit den Empfehlungen des Gutachtens des Sachverständigenrates Gesundheit,11 der in der Neuordnung der Berufe und einer Neukonturierung von Kompetenzprofilen eine
wichtige Grundlage für eine gute und
zukunftsfähige Versorgung sieht. Zur
deren Entfaltung bedarf es auch angemessener Rahmenbedingungen auf
Landesebene, beispielsweise durch Stipendienförderprogramme für Pflegestudierende und einen erheblichen Ausbau
der Pflegestudienplätze.
Trotz der wachsenden Bedeutung
der Pflege, gerade im Bereich der Langzeitversorgung, ist die Förderung der
Pflegewissenschaft im Vergleich zur Medizin defizitär. Wie die Abbildung
(S. 23) verdeutlicht, müssen pflegewissenschaftliche Professoren mit einem
Bruchteil an Forschungsgeldern gegenüber den medizinischen Professuren
auskommen, d. h. sie müssen mit minimaler Mittelausstattung evidenzbasierte Grundlagen für die knapp 1,2 Millionen beruflich Pflegenden generieren.
Dass die Forschungssumme der gesundheits- und pflegebezogenen Professuren so gering ist, ist auch dem Umstand geschuldet, dass es in Deutschland nur wenige universitäre pflegewissenschaftliche Lehrstühle gibt, in Bayern bisher gar keinen. Dies führt zu
strukturellen Benachteiligungen in gesundheitsbezogenen Förderprogrammen auf Landes- und Bundesebene. Die
deutliche Dominanz medizinischer Forschung führt letztlich auch zu einer besonderen Konturierung der Versorgungsleistung: Zentral ist der Patient
mit seinen somatischen Problemen, wohingegen die Förderung der Lebensqualität der nicht mehr Heilbaren, der Sterbenden und Pflegebedürftigen defizitär
bleibt. Damit bleibt auch die wissen24	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

schaftliche „Zuarbeit“ für politische
Entscheidungen, z. B. den Ausbau von
Technik in der Pflege oder die Entwicklung von Versorgungsstrukturen für den
ländlichen Raum, eine Domäne anderer
Professionen (Ingenieurswissenschaft,
Medizin) mit ihrer jeweils ganz besonderen Prägung. Das zuvor beschriebene
Spannungsverhältnis zwischen Anspruch und Umsetzung ließe sich entspannen, wenn pflegewissenschaftliche
Erkenntnisse mehr gefördert und im politischen Prozess Beachtung finden würden.
Mangelnde Partizipation gefährdet
die Versorgung
Ein ganz wesentlicher Garant für die gelungene Umsetzung von Innovationen
und (gesetzlichen) Regelungen ist die
Partizipation. Wenn Betroffene beteiligt
werden, können Umsetzungsschwierigkeiten antizipiert und das Commitment
gefördert werden. Was auf der Einrichtungsebene Standard für gelungene
Transformations- und Innovationsprozesse ist, muss sich auf der übergeordneten Ebene in gleicher Weise widerspiegeln. Dies ist bisher aber nur unzureichend der Fall. Die größte Berufsgruppe
im Gesundheitssystem, die beruflich
Pflegenden, ist nicht gleichberechtigt an
Entscheidungsprozessen im Gesundheitswesen beteiligt.13 So fehlt ihnen
eine Stimmberechtigung im Gemeinsamen Bundesausschuss als bedeutsamem
Entscheidungsorgan. Sie sind in kommunalen Gesundheitskonferenzen nur
unzureichend beteiligt und befinden
sich in verschiedenen gesundheitsbezogenen Arbeitsgruppen gegenüber medizinischen Standesvertretern in einer untergeordneten Rolle.
Mit dieser historisch gewachsenen
Ausgrenzung der Pflege in Verbindung

mit der beschriebenen strukturellen
Benachteiligung der Pflegewissenschaft
ist die Einbringung pflegerischer und
pflegewissenschaftlicher Sichtweisen
systematisch gefährdet. Das ist ungerecht und gefährdet die Lösung großer
gesellschaftlicher Herausforderungen.14
Die Forderungen der vergangenen Jahre nach einer stärkeren Beteiligung der
Pflege / Pflegewissenschaft in relevanten Gremien wie z. B. dem GBA, beim
Landesgesundheitsrat durch Gewerkschaften, Hochschulen oder Berufsverbänden blieben weitgehend ungehört.
Demgegenüber scheinen die in einigen
Bundesländern auf den Weg gebrachten Pflegekammern hilfreich, um die

Pflegende, ihre Standesvertretungen
sowie die Pflegewissenschaft müssen
besser und gleichberechtigt partizipiert werden, die Partizipation der
Pflegenden muss durch eine
Pflegekammer verbessert werden.

gleichberechtigte Partizipation der Pflege zu verbessern und die Überfremdung durch andere Akteure zu reduzieren.
Aktionsplan für die nächsten Jahre
Es wurde dargestellt, dass sich Pflegende in einem kontinuierlichen Spannungsverhältnis zwischen Überfremdung und der Umsetzung eigener beruflicher Ideale befinden. Dies bedroht
den Personalbestand und letztlich die
Versorgungsqualität. Aus den darge	

stellten vier Spezifika der Pflegelandschaft lassen sich Appelle an Pflegende
und Einrichtungen ableiten. Zur Lösung struktureller Probleme ist die
Pflegepolitik gefragt. Die Ausführungen sollten deutlich machen, dass die
Pflege mit ihrer Orientierung an lebensweltlichen Bedürfnissen und an
einer sozialen und kulturellen Teilhabe
sowie mit dem Anspruch, die Lebensqualität zu erhöhen, gegenüber anderen
Berufen des Gesundheitswesens einen
spezifischen Auftrag hat. Menschen
kommen in Situationen, in denen Gesundheit nicht mehr das höchste Gut
sein kann, weil sie chronisch krank,
pflegebedürftig oder sterbend sind. In
solchen Lebensphasen brauchen sie
kompetente Pflegende, die sie auf einem angemessen fachlichen und wissenschaftlich gestützen Niveau pflegen
und betreuen.
Neben der Akquise von geeignetem
Personal mit unterschiedlichen Qualifikationslevels sind Freiräume für die Entfaltung pflegerischer Handlungsziele zu
schaffen. Deren Realisierung wurde in
der Vergangenheit durch die strukturelle Ausgrenzung der Pflege erschwert.
Mit der Akademisierung der Pflege und
dem Aufbau von Pflegekammern werden günstige Bedingungen geschaffen,
um den beruflich Pflegenden unabhängig von den Interessen der Kostenträger
und Arbeitgeber eine eigene Stimme zu
geben und so das Votum der Pflegenden
als Experten für die Bedürfnisse der zu
Pflegenden in Entscheidungsprozesse
einzubringen. Inmitten der dynamischen Entwicklung in der Pflege und der
Pflegepolitik wird die Verbesserung der
Partizipation der Pflege die Situation der
beruflich Pflegenden und die Versorgungssituation daher zukünftig verbessern. ///
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

25

/// P
 rof. Dr. Bernd
Reuschenbach
ist Studiengangsleitung des Masterstudiengangs Pflegewissenschaft – Innovative Versorgungskonzepte im Fachbereich Pflege der Katholischen Stiftungsfachhochschule München.

Anmerkungen
  1 B ehr, Thomas: Komplexitätsbewältigung in Betrieben der Sozialwirtschaft, Wiesbaden 2014.
  2 Hoben, Matthias / Bär, Marion / Wahl, HansWerner: Implementierungswissenschaft für Pflege
und Gerontologie, Stuttgart 2015.
  3 S chulz, Erika: Das deutsche Pflegesystem ist im
EU-Vergleich unterdurchschnittlich finanziert,
DIW-Wochenbericht 13/ 2012, S. 10-17.
  4 Neumann, Perdita / Klewer, Jörg.: Pflegepersonalfluktuation und Mitabeiterorientierung in der
Pflege, in: Heilberufe Okt. 2008, S. 13-17.
  5 PROGNOS: Pflegelandschaften 2030. Eine Studie
im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. München, vbw, 2012.
  6 Pokorski, Janusz / van der Schoot, Esther / Wickström, Gustav u. a.: Die Bedeutung der Arbeit für
das Pflegepersonal, in: Berufsausstieg bei Pflegepersonal, hrsg. von Hans-Martin Hasselhorn,
Bernd Hans Müller, Peter Tackenberg u. a., Dortmund 2005, S. 63- 68.
  7 GKV: Betreuungskräfte in Pflegeeinrichtungen,
Berlin 2012, https://www.gkv-spitzenverband.de/
media/dokumente/pflegeversicherung/beratung_
und_betreuung/betreuungskraefte/GKV_Schrif
tenreihe_Band_9_Pflege_Betreuungskraefte.pdf,
Stand: 15.1.2016.
  8 Heyelmann, Lena: Nach dem Pflege-Studium in
die Altenpflege?, Frankfurt 2015.
  9 Wissenschaftsrat: Empfehlungen zu hochschulischen Qualifikationen für das Gesundheitswesen,
2012, http://www.wissenschaftsrat.de/download/
archiv/2411-12.pdf, Stand: 21.5.2015.
10 Darmann-Finck, Ingrid / Görres, Stefan / Muths,
Sabine u. a.: Abschlussbericht. Inhaltliche und
strukturelle Evaluation der Modellstudiengänge
zur Weiterentwicklung der Pflege- und Gesundheitsfachberufe in NRW, hrsg. vom Ministerium
für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter
des Landes NRW, 2014, http://www.mgepa.nrw.

26	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

de/mediapool/pdf/pflege/20150528_NRW-Abschlussbericht-End-26_05_2015.pdf,
Stand:
12.1.2016.
11 S VR (Sachverständigenrat zur Begutachtung der
Entwicklung im Gesundheitswesen): Kooperation
und Verantwortung als Voraussetzungen einer
zielorientierten Gesundheitsversorgung, Gutachten 2007, http://www.svrgesundheit.de/index.
php?id=79, Stand: 15.1.2016; Schulz: Das deutsche Pflegesystem ist im EU-Vergleich unterdurchschnittlich finanziert.
12 Adler Guido / von dem Knesebeck, Jost-H.: Gesundheitsfachberufe – Auf akademischen Wegen,
Deutsches Ärzteblatt 107/9, 2010, S. A 386-90;
CHE: Das CHE-Forschungsranking deutscher
Universitäten, 2007 – Medizin 2006, http://www.
che-ranking.de/downloads/CHE _ForschungsRanking_Medizin_2006.pdf, Stand: 15.1.2016.
13 Heyelmann, Lena: Die Partizipationsmöglichkeiten der Pflegenden steigern, in: Pflegezeitschrift
64/2012, S. 404- 407.
14 Wissenschaftsrat: Zum wissenschaftspolitischen
Diskurs über große gesellschaftliche Herausforderungen, 2015, http://www.wissenschaftsrat.de/
download/archiv/4594-15.pdf, Stand: 21.5.2015.

/// Zwischen Notstand und Nichtbeachtung

Pflege in den Medien
Nikolaus Nützel /// Wenn das Thema „Pflege“ in den Medien auftaucht, wird
es geradezu reflexhaft mit den Wörtern „Notstand“ oder „Skandal“ verknüpft. Die
Versuche von PR-Profis in Ministerien oder Wohlfahrtsverbänden, der Pflege ein
besseres Image zu verschaffen, stehen vor einem kaum lösbaren Problem. Alten-,
Kranken- oder Behindertenpflege eignen sich nicht als Projektionsflächen für
Drama und Heldentum – im Gegensatz etwa zur Notfallmedizin.

Wenn Journalisten oder andere Medienschaffende sich mit Pflege befassen,
dann geschieht oft Folgendes: Männer
und Frauen zwischen 30 und 50 Jahren
greifen ein Thema auf, von dem sie wissen, dass es irgendwie wichtig ist. Doch
dieses Thema flößt ihnen auch Furcht
ein. Sie haben Angst, irgendwann selbst

Das Thema „Pflege“ ist angstbesetzt.
einmal ein „Pflegefall“ zu sein. Oder sie
fürchten sich, damit konfrontiert zu
werden, dass nahe Verwandte von einem Tag auf den anderen auf Pflege angewiesen sind. Journalisten, Drehbuchautoren und Regisseuren graut es vor
dieser Vorstellung. Und wenn sie schon
vor der Situation standen, Pflege für Eltern oder andere Angehörige organisie	

ren zu müssen, haben sie davon hinterher meist nicht viel Heldenhaftes oder
Tröstliches zu berichten. In der Summe:
Das Wort „Pflege“ löst Beklemmung
aus. Es riecht ein bisschen nach Urin, es
lässt das Gefühl des Eingesperrtseins
anklingen.
Die Pflege steht dabei vor der Schwierigkeit, dass sie in den Medien in direkter Konkurrenz zu einem verwandten
Themenfeld steht, nämlich der Medizin.
Doch im Wettbewerb um Attraktivität
und Verwertbarkeit für Medienleute
schneidet die Pflege gegenüber der Medizin zwangsläufig immer schlecht ab.
Wenn Medienleute überlegen, sich dem
Thema Pflege zuzuwenden und dann
abwägen, ob sie sich nicht lieber doch
etwas aus der Medizin aufgreifen sollten, ist schnell klar, zugunsten welchen
Feldes die Entscheidung fällt. Das gilt
auch dann, wenn die Medienleute ihre
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

27

Quelle: ullstein bild - Becker & Bredel

Pflegekräfte und ihre
Interessensverbände setzen
sich, wenn überhaupt,
viel zu schwach für ihre
Themen und berechtigten
Forderungen ein.

Wahl ganz ohne eigene, ängstliche Betroffenheit treffen.
Medizin – die attraktivere
Schwester der Pflege
Wenn ein 65-jähriger Notfallmediziner
im Interview sein Berufsleben Revue
passieren lässt, werden viele Geschichten der Rettung vor dem Tod dabei sein.
Geschichten, die nach der Erlösung von
Leid klingen, nach dem Lösen von Problemen. Geschichten, die Journalisten
ebenso gerne aufgreifen wie die Macher
von Fernsehserien. Aber nicht nur Notfallmediziner wie im US-Fernsehklassiker „Emergency Room“ liefern die Projektionsfläche für Träume von Medienschaffenden und auch ihres Publikums.
Auch Hausarztpraxen oder ganz normale Krankenhäuser, sei es früher einmal die Schwarzwaldklinik oder heute
die Sachsenklinik, sind und bleiben Sujets für Erzählungen über den Medizinbetrieb, die das Publikum sich gerne gefallen lässt.
Auch jenseits fiktionaler Erzählungen lassen sich über die Akutmedizin
viele spannende und hoffnungsfrohe
Geschichten entwickeln, von der neuen
Chance für Krebskranke übers HighTech-Kunstherz bis zu den KlinikClowns, die mit Lachen die Heilung
junger Patienten beschleunigen wollen.
Wer ganz reale Helden der Medizin
sind, lässt sich regelmäßig in Bestenlisten nachlesen, auf denen verschiedene
Medien immer wieder „Top-Ärzte“ mit
Name und Gesicht bekannt machen.
Hat man jedoch jemals von
„Deutschlands bestem Altenpfleger“ gelesen? Von „Deutschlands bestem Hospiz“? Allein die Idee klingt fast sarkastisch. Es ließen sich natürlich auch Heldengeschichten aus dem Pflegealltag erzählen. Ein Porträt einer 65-Jährigen,
	

die nach 40 Jahren in der Altenpflege in
den Ruhestand geht und keinen Tag ihres Arbeitslebens bereut. Oder die Geschichte einer 50-Jährigen, die beide Eltern mit Pflegestufe drei bei sich zu Hause betreut, gleichzeitig einen kleinen
Laden betreibt und sich um ihren berufsunfähigen Mann kümmert. Solche
Heldengeschichten gibt es, doch sie lassen sich kaum ohne einen gewaltigen
Anteil von Melancholie berichten. Wenn
sich die 65-jährige Altenpflegerin an die
Menschen erinnert, mit denen sie zu tun
hatte, wird man von den meisten sagen
müssen: Sie sind tot, oder sie werden es
bald sein. Wenn die 50-Jährige ihren
Alltag schildert, klingt das nach Tapfer-

Das Themenfeld Medizin ist für die
Medien weitaus attraktiver und
besser zu vermarkten.

keit und Unbezwingbarkeit. Aber es
klingt auch nach Aufopferung, nach
dem Opfern langer, wertvoller eigener
Lebensjahre für andere. Das sind Geschichten nicht ohne Trauer.
Ist ein Gegensteuern möglich?
Es ist legitim, wenn Ministerien oder
Pflegedienste Wortschöpfungen wie
„Herzwerker“ oder „Pflegehelden“ ersinnen, um der Betreuung kranker oder
alter Menschen ein besseres Images zu
verschaffen. Es ist aber ebenso legitim,
wenn die Medien solche Versuche der
Imageverbesserung kritisch betrachten.
Journalismus und auch realitätsnahes
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

29

fiktionales Fernsehen sollten zunächst
die Wirklichkeit betrachten und dann
diese Wirklichkeit so unverfälscht wie
möglich abzubilden versuchen. Ein
Journalist, der sich die Pflege in
Deutschland ansieht, hat am Ende viele
Geschichten von Verfall und Leid gehört. Wenn das Leben einer dementen
Frau verlischt, hat das nichts Heldenhaftes. Die Arbeit derer, die diese Frau
betreuen, kann noch so professionell,
noch so gelungen sein, es lässt sich keine
fröhliche Erfolgsgeschichte erzählen.
Natürlich könnte dieser Journalist sich
auch Stoffe suchen, in denen etwa ein
erfülltes Leben unter der Betreuung
hochmotivierter und gelassener Pflegekräfte ein gelungenes Ende findet. Es
gibt solche Geschichten, öfter vielleicht
als viele denken. Aber man muss sie aufspüren.
Wer in den Tagesraum eines ganz
normalen Altenheims tritt, braucht hingegen nicht lange suchen, um ganz andere Geschichten zu finden. Und man
muss als Journalist auch nicht lange investigativ herumforschen, um Heimleiter, Verbandschefs und Angehörige zu
finden, die das Wort vom „Notstand“
ganz unaufgefordert in den Mund nehmen. Personalmangel, fehlendes Geld,
überbordende, als unsinnig empfundene Bürokratie – es gibt Vieles, was sich
anprangern lässt rund um die Pflege,
wenn man etwas anprangern möchte.
So ist es nicht weiter verwunderlich,
dass Medienschaffende die Pflege als
Notstandsgebiet betrachten. Sie haben
den gleichen oder zumindest einen ähnlichen Blick, wie die breite Bevölkerung
ihn hat. Das ist ein Blick voller Angst,
Abwehr und Sorge, bestenfalls voller
Melancholie. Die Medienschaffenden
befeuern diese Atmosphäre der Angst
vor der Pflegebedürftigkeit aber auch,
30	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

weil ihre Reportagen, Dokumentationen oder Serien der Gleichung „Pflege =
Notstand“ nichts Wesentliches entgegensetzen. So steckt das negative Image
der Pflege in einem sich selbst verstärkenden Kreislauf.
Das Dilemma der Krankenpflege
In der Kranken- oder Behindertenpflege
ließen sich wohl andere, frohere Erzählungen leichter aufspüren. Die laufen
dann aber schnell auch Gefahr, etwas
unspektakulär zu sein. „Schwester
Anne pflegt jedes Jahr Dutzende Brustkrebs-Patientinnen. Nicht alle überleben, aber immer mehr kommen irgendwann nicht mehr wieder, weil sie geheilt
sind“ – natürlich könnten Medienleute
einen solchen Stoff verarbeiten. Aber
das Verdienst, dass für immer weniger
Patientinnen etwa die Diagnose „Brustkrebs“ ein Todesurteil ist, wird kaum
jemand bei der Pflege sehen.

Eine positivere Berichterstattung
könnte dem negativen Image der Pflege
entgegen wirken.
Sofort gewinnt wieder das Konkurrenzfeld „Medizin“ den Wettbewerb um
den besser vermittelbaren Erzählansatz.
Neue Operationstechniken, atemberaubende Fortschritte in der Diagnostik
und Therapie – das sind die Stichworte,
die in den Medien fallen, wenn es beispielsweise um Krebs geht. Denn über
solche Stichworte aus der Medizin spannende, bewegende, hoffnungsfrohe Geschichten zu schreiben, ist kein Problem. Auch wenn manches, was auf den
ersten Blick spektakulär erscheint, bei
näherer Betrachtung eher aufgebauscht
ist. Die entsprechende PR-Arbeit der

Pharmabranche erzielt hier jeden Tag
aufs Neue ärgerliche Erfolge, und zwar
nicht nur in den Boulevardmedien. Das
Publikum und auch die Medienmacher
sehen über das Aufgebauschte gerne
hinweg und sind fasziniert vom hoffnungsfrohen Spektakel. Über die Krankenpflege, etwa auf einer onkologischen
Station, jedoch lässt sich beim besten
Willen nichts Spektakuläres berichten,
nicht einmal, wenn man auch hier aufs
Aufbauschen setzen wollte.
Pflege ohne Stimme
Doch nicht nur das Bild, das Medienschaffende aus eigener Initiative von
„der Pflege“ zeichnen, ist problematisch. Auch wenn „die Pflege“ versucht,
ihr Bild in der Öffentlichkeit selbst zu
gestalten, wird es schwierig. In kaum einem anderen Bereich des Sozialwesens
sind die Interessensgruppen so unübersichtlich. Die Ärzteschaft mag zersplittert sein, wenn man sie genauer betrachtet. Doch wer nicht ganz so genau hinschaut, meint, man könne durchaus herausdestillieren, was „die Ärzte“ bewegt
und was sie möchten, was sie fordern.
Verbände, die von sich sagen, dass sie
für „die Pflege“ sprechen, gibt es in so
großer Zahl, und sie sind oftmals durch
Mitgliedervoten so schwach legitimiert,
dass ihre Öffentlichkeitsarbeit stets in
großer Gefahr ist, zu versanden und zu
verhallen.
Wer spricht zu den Medien und zur
Öffentlichkeit für „die Pflege“? Der
Deutsche Pflegerat? Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (bei dem
man als Außenstehender schon gar
nicht versteht, wofür das „K“ in seiner
Abkürzung DBfK steht)? Diakonie? Caritas? Verdi? Spätestens wenn ein Journalist feststellt, wie zerstritten solche
Verbände etwa über das aktuelle Thema
	

„Pflegekammer“ sind, wird er sich leicht
entnervt abwenden und erkennen: Für
„die Pflege“ spricht gar niemand.
Befürworter einer Kammer könnten
diesen Befund als Argument für ihre
Forderungen nach einer berufsständi-

Die Öffentlichkeitsarbeit des
Pflegeberufsstandes ist schlecht.

schen Organisation mit Zwangsmitgliedschaft sehen. Mit dieser Einschätzung sollte man allerdings vorsichtig
sein. Da es mit Sicherheit auf absehbare
Zeit keine Verkammerung der Pflegeberufe auf Bundesebene geben wird, haben einzelne Pflegekammern, die derzeit unter heftigen Konflikten in einigen
Bundesländern auf regionaler Ebene
entstehen, kaum eine Chance, als das
wahrgenommen zu werden, als was sie
gesehen werden möchten: als die eine
Stimme der Pflege. Diese Stimme gibt es
nicht und wird es so schnell nicht geben.
Keine Gegenbewegung von unten
Die Stimmlosigkeit der Pflege erklärt
sich freilich auch dadurch, dass die einzelnen Pflegenden oft lieber schweigen
und ihre Aufgaben still erledigen. Man
muss nicht aufwändige berufssoziologische Studien starten, um zu erkennen:
Wer in der Pflege arbeitet, ist meist nicht
von dem Menschenschlag, der öffentlich und lautstark seine Rechte einfordert. Das gilt für professionelle Pflegekräfte, und für pflegende Angehörige
gilt es ganz besonders.
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

31

Entsprechend ernüchternd fällt ein
Blick in Online-Medien und InternetCommunities aus. Es gibt inzwischen
zwar Youtube-Kanäle, auf denen junge
Pfleger von sich aus schildern, wie befriedigend sie ihre Arbeit empfinden.
Doch die Zahl derjenigen, die sich solche Botschaften ansehen, liegt bei etwa
einem Tausendstel von Youtube-Kanälen, deren Macher nicht wenig Geld damit verdienen, dass sie sich beim Computerspielen zuschauen lassen oder
Schminktipps geben. Pflege gilt bei jungen Leuten nicht als cool oder sexy. Wie
sollte sie auch? Und jeder Versuch, ihr
ein solches Image zu verschaffen, wäre
in der akuten Gefahr, auf peinliche Weise zu scheitern.
Es hat also Gründe, dass Pflege in
der öffentlichen Wahrnehmung als Notstandsgebiet gilt, und dass sie der Öf-

Es liegt nicht in der Natur der
Pflegekräfte, ihre Stimme zu erheben.
fentlichkeit von den Medien fortgesetzt
als Notstandsgebiet vermittelt wird.
Hier gegenzusteuern ist ausgesprochen
schwer. Denn es gibt verschiedenste
Gründe für diesen Befund, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit alle in die gleiche Richtung wirken. Man muss also
möglichweise schon froh sein, wenn
sich das Image der Pflege nicht noch
weiter verschlechtert. So bitter es klingen mag: Den Status quo in der öffentlichen Wahrnehmung und bei der Attraktivität zu halten, könnte für die Pflege
schon ein Erfolg sein. ///

32	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

/// Zukünftig steigende Bedeutung
/// Nikolaus Nützel
arbeitet als freier Journalist für den Bayerischen Rundfunk und andere Medien,
seit 1995 schwerpunktmäßig über Themen aus den Bereichen Sozialpolitik und
Gesundheit, München.

Migration und
Pflegebedürftigkeit
Martin Kohls /// In Zukunft wird es aufgrund der demographischen Entwicklung
mehr pflegebedürftige Menschen geben. Dann sind auch vermehrt Migranten von
Pflegebedürftigkeit im Alter betroffen. Gleichzeitig können Personen mit Migrationshintergrund Personalengpässe schließen sowie zu einer verstärkten interkulturellen
Sensibilität im Gesundheits- und Pflegewesen beitragen.

Einführung
Deutschland zählt zu jenen Ländern in
Europa, die mit der Zuwanderung eine
längere Erfahrung haben und in denen
der Anteil an Migranten einen größeren
Umfang einnimmt. Allein zwischen
1955 und 1973, dem Jahr des Anwerbestopps, kamen etwa 9,5 Mio. Zuwanderer aus den „Anwerbeländern“ in die
Bundesrepublik Deutschland, von denen allerdings auch 5,7 Mio. das Land
wieder verließen. Die damals überwie-

Die Gesundheits- und
Pflegeberichterstattung von
Migranten in Deutschland ist
nicht zufriedenstellend.

	

gend jungen „Gastarbeiter“ befinden
sich heute im Ruhestandsalter und verbringen ihren Lebensabend vielfach in
Deutschland. Zudem leben weitere
Gruppen von älteren Migranten hier,
die seit den 1970er-Jahren im Rahmen
des Familiennachzuges, seit den 1980erJahren vor allem als Spätaussiedler oder
ganz aktuell im Rahmen der Asylzuwanderung nach Deutschland kamen.1
Gleichwohl wird diese Bevölkerungsgruppe immer noch nicht in der Gesundheits- und Pflegeberichterstattung
umfassend und differenziert erfasst. Als
Folge davon liegt ein Mangel an belastbaren Daten zur Gesundheit und Pflege
von Menschen mit Migrationshintergrund vor.2
Erkenntnisse zur Pflegebedürftigkeit bei Migranten
Menschen mit Migrationshintergrund
können im Vergleich zur Mehrheitsbe1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

33

Quelle: Thomas Koehler/Getty Images

leistungen der Pflegeversicherung den
Vorzug vor Sachleistungen, also der ambulanten Pflege bzw. der Pflege in einer
Pflegeeinrichtung, geben und auf familiale Unterstützung gesetzt wird.
Auf der anderen Seite gibt es eine
Vielzahl von Risikofaktoren, die eine erhöhte Pflegebedürftigkeit bei Migranten
verursachen können. So verrichteten
viele Migranten, vor allem die „Gastarbeiter“ der 1950er- bis 1970er-Jahre,
über lange Zeiträume schwere, körperlich belastende Tätigkeiten, die mit einem höheren Risiko der vorzeitigen Erwerbsminderung und Pflegebedürftigkeit im Alter einhergehen. Gegenüber
der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund sind vor allem gering ausgebildete Migranten häufig in sozioökonomischer Hinsicht benachteiligt, was das
Risiko, pflegebedürftig zu werden,
Die Zahl der Zuwanderer im Rentenalter in Deutschland steigt und es gibt mittlerweile auch eigens
auf sie und ihre Bedürfnisse ausgerichtete Pflegeeinrichtungen wie z. B. hier in Berlin, wo sie ihren
Lebensabend verbringen können.

völkerung erhöhte Gesundheitsrisiken
aufweisen. Es ist aber nicht die Migration an sich, die krank macht, sondern es
sind die Gründe und Umstände einer
Migration sowie die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Herkunfts- und
Zielland, die zu einem schlechteren Gesundheitszustand führen können.
Aus den Ergebnissen zahlreicher
Studien zur Pflege von Migranten lassen
sich keine eindeutigen Schlussfolgerungen im Blick auf ihre Pflegebedürftigkeit
ableiten. So gibt es in der einschlägigen
Forschungsliteratur auf der einen Seite
durchaus Hinweise für eine im Vergleich
zu Nicht-Migranten eher geringere Pflegebedürftigkeit bei Migranten, die zum
einen durch „schützende“ Migrations34	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

faktoren (sog. Healthy-Migrant-Effect 3)
und der zumeist beibehaltenen gesünderen Ernährung begründet werden. Daneben wird die bisher eher verhaltene
Inanspruchnahme von gesetzlichen
Pflegeleistungen von Migranten mit den
vorhandenen hohen familialen Solidarpotenzialen erklärt. So besteht bei vielen Migrantengruppen der ausgeprägte
Wunsch, innerhalb der Familie gepflegt
zu werden. Damit korrespondiert eine
überdurchschnittlich hohe Pflegebereitschaft der Angehörigen, insbesondere
der Frauen. Verstärkt wird sie dadurch,
dass die Einkommenssituation von Migranten schlechter als die der deutschen
Bevölkerung ist. Dies trägt dazu bei,
dass pflegebedürftige Migranten Geld-

Bislang nahmen Migranten die
gesetzliche Pflege eher gering in
Anspruch.
ebenfalls erhöht. Berichte aus der Pflegepraxis dokumentieren darüber hinaus
auch fehlende Ressourcen im häuslichen
Pflegealltag, die unter anderem aus den
wohnräumlichen Bedingungen, einer
Überforderung der Angehörigen und
der Tabuisierung von Themenfeldern,
die für die Pflege wichtig sind, resultieren.
Bislang nehmen Migranten im Vergleich zur Bevölkerung ohne Migrationshintergrund gesetzliche Pflegeleistungen unterdurchschnittlich in Anspruch. Dies dürfte sich in Zukunft ändern. Das gilt nicht nur aufgrund sich
wandelnder demographischer Strukturen, sondern auch, weil die von älteren
	

Migranten bislang gegebenen familialen
Solidar- und Unterstützungspotenziale
vermutlich nicht mehr im heutigen Umfang zur Verfügung stehen werden. So
deutet sich an, dass der Wunsch älterer
Migranten nach familialer Unterstützung im Fall von Hilfs- und Pflegebedürftigkeit in den nachfolgenden Generationen bedingt durch veränderte soziale Normen, Lebensstile und Lebensentwürfe auf Grenzen stößt. Hier zeigen
sich durchaus Ähnlichkeiten zu Entwicklungen in der Bevölkerung ohne
Migrationshintergrund. Daher ist mit
einem Anstieg des Bedarfs an professioneller Hilfe zu rechnen.
Exkurs: gesetzliche Rahmenbedingungen
In sozialrechtlicher Definition gelten
Personen als pflegebedürftig (§ 14 SGB
XI), die eine bestimmte Vorversicherungszeit erfüllen und aufgrund von
Krankheit oder Behinderung bei gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen des täglichen Lebens (z. B. Körperpflege, Ernährung)
voraussichtlich für mindestens sechs
Monate Hilfe benötigen. Leistungen aus
der gesetzlichen Pflegeversicherung
werden einkommens- und vermögens­
unabhängig gewährt. Sämtliche Leistungen werden nur auf Antrag gewährt
und ruhen bei Auslandsaufenthalt (länger als sechs Wochen im Kalenderjahr)
sowie Leistungsbezug aus anderen öffentlichen Versicherungen (z. B. gesetzliche Unfallversicherung).
Bisher erfolgt in der gesetzlichen
Pflegeversicherung eine Einordnung in
Pflegestufen, entsprechend des Hilfebedarfs, wobei in Pflegestufe I erhebliche
Pflegebedürftigkeit vorliegen muss, in
Pflegestufe II Schwerpflegebedürftigkeit
und in Pflegestufe III Schwerstpflegebe1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

35

dürftigkeit. Menschen, die zwar in ihrer
Alltagskompetenz erheblich eingeschränkt sind, deren Pflegebedarf aber
unterhalb der Pflegestufe I liegt (sogenannte Pflegestufe 0) haben einen eingeschränkten Leistungsanspruch (z. B. für
Kurzzeitpflege).
Die ambulante (häusliche) Pflege soll
der stationären Pflege vorangehen, damit Pflegebedürftige möglichst lange in
ihrer gewohnten Umgebung bleiben
können. In der ambulanten Versorgung
unterscheidet man zwischen Pflegesachleistungen und Pflegegeld. Unter Sachleistung ist die Inanspruchnahme von
Pflegeleistungen einer Pflegeeinrichtung
zu verstehen. Als Sachleistung können
Pflegeeinsätze bis zu einem Gesamtwert
von 468 Euro monatlich in Pflegestufe I,
bis zu 1.144 Euro in Pflegestufe II, bis zu
1.612 Euro in Pflegestufe III, in Härtefällen auch bis zu 1.995 Euro monatlich
in Anspruch genommen werden (Stand:
1.1.2015). Sofern Pflegegeld bezogen
wird, muss die häusliche Pflege durch
Angehörige oder andere Personen gesichert sein (§ 37 SGB XI). Das Pflegegeld
soll die Eigenverantwortlichkeit und
Selbstbestimmung des Pflegebedürftigen ermöglichen. Ebenso wie die Sachleistungen richtet sich die Höhe des Pflegegeldes nach der Pflegestufe. Das Pflegegeld beträgt seit dem 1. Januar 2015
244 Euro monatlich in Pflegestufe I, in
der Pflegestufe II 458 Euro und in der
Pflegestufe III 728 Euro (§ 37 Abs.1
SGB XI).
Der Deutsche Bundestag hat am
13.  November 2015 das Zweite Pflegestärkungsgesetz (PSG II) beschlossen,
am 1. Januar 2016 ist es in Kraft getreten. Das Gesetz setzt den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff um. Damit erhalten alle Pflegedürftigen gleichberechtigten Zugang zu den Leistungen der Pfle36	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

geversicherung, unabhängig davon, ob
sie von körperlichen oder psychischen
Einschränkungen betroffen sind. Das
Jahr 2016 dient der Vorbereitung des
neuen Begutachtungsverfahrens in der
Praxis und der Umstellung auf die fünf
Pflegegrade sowie die neuen Leistungsbeträge bis zum 1. Januar 2017.4
Für Pflegeleistungen liegen verlässliche Angaben zu den tatsächlichen Kos-

Mit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz wurde der Pflegebedürftigkeitsbegriff neu und umfassender
definiert.

Bevölkerung setzt sich die demographische Alterung der Bevölkerung weiter
fort. Im Jahr 2060 wird voraussichtlich
bereits jeder Dritte (33 %) mindestens
65 Jahre alt sein.
Die Kombination aus schrumpfender
Bevölkerung und demographischer Alterung hat für den Pflegebereich unterschiedliche Konsequenzen. Zum einen
geht das Potenzial an Arbeitskräften und
damit auch die Zahl an potenziellen Pflegekräften zurück, da die Zahl der Bevölkerung im Erwerbsalter (20 bis unter 65
Jahre) sinkt. Zum anderen wird die Zahl
der Pflegebedürftigen weiter ansteigen,
da mehr Ältere und damit potenziell
mehr Pflegebedürftige in Deutschland

Durch zunehmende demographische
Alterung bei gleichzeitig schrumpfender
Bevölkerung wird es zu Engpässen im
Pflegebereich kommen.
leben. Die Zahl der über 80-Jährigen
wird sich kontinuierlich von 4,5 Millionen im Jahr 2015 auf ca. 9 Millionen im
Jahr 2060 erhöhen. Über 13 % der Bevölkerung werden dann mindestens 80
Jahre alt sein (2013: 5 %).
Von den 17,4 Millionen Älteren mit
65 und mehr Altersjahren hatten am
31.12.2014 etwa 715.000 Personen,
d. h. 4,1 %, eine ausländische Staatsangehörigkeit.7 Ihre Zahl hat sich damit

Abbildung 1: Personen mit Migrationshintergrund nach Herkunftsland,
65 Jahre und älter
ten nur für den stationären Sektor vor.
Im Jahr 2011 beliefen sich die durchschnittlichen monatlichen Heimkosten
(Kosten für Pflege sowie Unterkunft
und Verpflegung) in Pflegestufe I auf
1.998 Euro, in Pflegestufe II auf 2.440
Euro sowie in Pflegestufe III auf 2.907
Euro.5 Somit deckt die soziale Pflegeversicherung häufig nicht alle Kosten der
Pflege ab, den Rest trägt der Pflegebedürftige oder seine Familie selbst.
Aktuelle Zahlen zu Migranten in
Deutschland
21 % der gesamten Bevölkerung Deutschlands (80,9 Millionen) waren zum
31.12.2014 65 Jahre und älter. Nach aktuellen Vorausschätzungen des Statistischen Bundesamtes6 wird bis zum Jahr
2060 ein Rückgang der Gesamtbevölkerung auf 67,6 Millionen Einwohner erwartet. Parallel zur Schrumpfung der

Quelle: Statistisches Bundesamt 2015, eigene Berechnungen

	

1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

37

seit 1990 (143.000 Ausländer im Alter
ab 65 Jahren) bereits verfünffacht. Nach
Angaben des Mikrozensus 2014 haben
etwa 20 % der in Deutschland lebenden
Personen einen Migrationshintergrund,
sie sind also entweder selbst zugewandert oder Nachkommen von zugewanderten Personen. Davon waren 1,6 Millionen 65 Jahre und älter (2005: 1,2 Millionen). Hinsichtlich der Herkunftsländer ist eine recht heterogene Verteilung
festzustellen: 13 % haben einen türkischen, 9 % einen polnischen sowie 7 %
einen russischen Migrationshintergrund. Allerdings zeigt sich auch, dass
bei 48 % der älteren Personen mit Migrationshintergrund der Anteil jeweils
unter 1 % liegt. (Vgl. Abbildung 1)
Bis 2030 zeigen Modellrechnungen
für die Älteren unter den Personen mit
Migrationshintergrund eine Zunahme
auf 3,6 Millionen Menschen.8 Diese Bevölkerungsgruppe wird also für Fragen
in Bezug auf das Themenfeld Pflege immer bedeutender.
Pflegebedürftige in Deutschland
Nach zuletzt verfügbaren Zahlen der
bundesamtlichen Pflegestatistik waren
zum Jahresende 2013 etwa 2,63 Millionen Menschen als pflegebedürftig anerkannt.9 Dies sind etwa 3,3 % der gesamten Bevölkerung in Deutschland. Davon
sind mehr als die Hälfte (55,8 %) der
Pflegestufe I zugeordnet. Der Anteil der
Empfänger der Pflegestufe II liegt bei
31,9 % und der Anteil der Pflegestufe III
bei 11,8 %, wobei 0,5 % noch ohne Zuordnung waren.
Mehr als zwei Drittel der Pflegebedürftigen (70,9 % bzw. 1,86 Millionen)
wurden zu Hause versorgt. Pflegegeld
bezogen davon 1,25 Millionen Pflegebedürftige. Diese Personen wurden in der
Regel allein durch Angehörige gepflegt.
38	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

Bei weiteren 616.000 Pflegebedürftigen
erfolgte die Pflege zwar auch zu Hause,
allerdings ergänzt oder vollständig
durch ambulante Pflegedienste. In Pflegeheimen wurden zudem 764.000 Pflegebedürftige versorgt.
Pflegebedürftigkeit ist äußerst altersabhängig. Insgesamt sind etwa 83 % der
Leistungsempfänger älter als 65 Jahre.
Neben der Altersabhängigkeit sind Pflegerisiken auch geschlechtsabhängig,
Frauen sind insgesamt stärker von Pflegebedürftigkeit betroffen. Dies ist vor
allem damit begründet, dass Frauen länger leben und das Pflegerisiko mit dem
Alter ansteigt.

Mit zunehmendem Alter steigt die
Pflegebedürftigkeit.

in Privathaushalten einen Migrationshintergrund.
In der Eingruppierung in Pflegestufen zeigen sich Unterschiede zwischen
Pflegebedürftigen mit und ohne Migrationshintergrund (vgl. Abbildung 2). So
sind 54 % der Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund in die Stufe I eingeordnet, während der Anteil bei Personen
ohne Migrationshintergrund 59 % beträgt. Dagegen ist in der Pflegestufe III
der Anteil von Personen mit Migrationshintergrund im Vergleich zur Personengruppe ohne Migrationshintergrund
überproportional hoch (15 % zu 9 %).
Bei den ambulant betreuten Pflegebedürftigen weisen insgesamt etwa 7 %

einen Migrationshintergrund auf. Dieser Anteil macht bei den vollstationär
Versorgten ca. 9 % aus, wobei die Schätzungen der jeweiligen Heimleitungen
nur einen Wert von 6 % ergaben. Hier
kann davon ausgegangen werden, dass
ein etwaiger Migrationshintergrund von
der Heimleitung nicht immer ersichtlich
ist und daher der Anteil von ihnen eher
zu gering eingeschätzt wurde.12
Pflegekräfte mit Migrationshintergrund
Laut amtlicher Pflegestatistik waren im
Jahr 2013 insgesamt 12.745 ambulante
Pflegedienste und 13.030 stationäre
Pflegeheime in Deutschland zugelassen.

Abbildung 2: Pflegebedürftige mit und ohne Migrationshintergrund nach
Pflegestufen, 2011, in Prozent

Wissenschaftler des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen haben
eine (regionalisierte) Vorausberechnung
der Zahl der Pflegebedürftigen bis 2060
vorgenommen.10 Auf der Grundlage eines Status-quo-Szenarios der altersbezogenen Pflegewahrscheinlichkeiten prognostizieren sie 2020 3,1 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland, 2060 werden
es voraussichtlich 4,6 Millionen sein.
Pflegebedürftige mit Migrationshintergrund
Aufgrund bis dahin fehlender quantitativer Erkenntnisse zu pflegebedürftigen
Personen mit Migrationshintergrund
wurden 2011 im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) im Rahmen der Studie zur “Weiterentwicklung
des Pflegegesetzes“ unter anderem Pflegebedürftige und Pflegekräfte mit Migrationshintergrund befragt.11 Demnach
haben etwa 8 % der Pflegebedürftigen

Quelle: Studie zum Pflege-Weiterentwicklungsgesetz – TNS Infratest Sozialforschung 2011, eigene Darstellung.

	

1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

39

In Pflegeeinrichtungen arbeiteten Ende
2013 insgesamt 1.005.524 Beschäftigte,
hiervon 320.077 in ambulanten Pflegediensten und 685.447 in Pflegeheimen.
Aufgrund der demographischen Entwicklung der Bevölkerung Deutschlands
wird sich der Bedarf an professionellen
Pflegekräften in Zukunft deutlich erhöhen.13 Laut Erkenntnissen der bereits
angesprochenen BMG-Studie zeigt sich,
dass im Jahr 2011 in den ambulanten
Pflegediensten durchschnittlich 11 %
der Pflegekräfte einen Migrationshintergrund besaßen. Hierbei waren strukturelle Unterschiede sichtbar: So beschäftigten 35 % der Pflegedienste gar keine
Pflegekräfte mit Migrationshintergrund,

weitere 28 % wiesen maximal 10 % auf.
In 4 % der Pflegedienste stellten Pflegende mit Migrationshintergrund eine
Mehrheit dar. In größeren Einrichtungen wurden diese vermehrt beschäftigt,
was vor allem auf die stärkere Verbreitung von größeren Diensten in städtischen Räumen zurückzuführen ist.
In vollstationären Einrichtungen arbeiteten nach Angaben der jeweiligen
Heimleitung durchschnittlich 15 % Personen mit Migrationshintergrund (vgl.
Abbildung 3). Nach Auskunft der Pflegekräfte wiesen annähernd 23 % Migrationshintergrund auf. Diese Diskrepanz
ist vor allem dadurch zu erklären, dass
bei Pflegekräften, deren Muttersprache

deutsch ist, ein Migrationshintergrund
von der Heimleitung vielfach nicht mehr
wahrgenommen wurde. Allerdings waren auch hier strukturelle Differenzen
festzustellen: So beschäftigten 14 % der
Heime keine Personen mit Migrationshintergrund, bei 39 % der Einrichtungen stellten sie maximal 10 % der Beschäftigten, während sie bei 4 % die
Mehrheit der Angestellten bildeten.

Der Pflegearbeitsmarkt wird
zukünftig auf mehr Arbeitskräfte
mit Migrationshintergrund und aus
dem Ausland angewiesen sein.

Abbildung 3: Anteile der Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund in
vollstationären Einrichtungen, 2011
Die Entwicklung des Pflegearbeitsmarktes wird auch von der Beschäftigung ausländischer Haushaltshilfen abhängen. Angehörige von Pflegebedürftigen stehen damit vor der Entscheidung,
selber die Pflege zu übernehmen, auf
ambulante Pflegedienste zurückzugreifen, eine stationäre Unterbringung zu
veranlassen oder eine Haushaltshilfe
einzusetzen. Da die Beschäftigung einer
ausländischen Haushaltshilfe oft die
günstigste Alternative zur Versorgung
Pflegebedürftiger darstellt – zumal bei
einer zeitlich intensiven Betreuung –,
dürfte diese Beschäftigungsform in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen.

Quelle: Studie zum Pflege-Weiterentwicklungsgesetz – TNS Infratest Sozialforschung 2011, eigene Darstellung

40	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

Zusammenfassung
Zukünftig wird es für viele Menschen
keine Besonderheit mehr sein, jene Lebensphasen zu erreichen, in denen der
Pflegebedarf besonders hoch ist. Insbe	

sondere die Zahl der Hochbetagten
wird sich in den nächsten Jahren vervielfachen und so die potenziell zu pflegenden Personen ansteigen lassen. Bei
gegebener demographischer Entwicklung sind dann auch vermehrt Migranten von Pflegebedürftigkeit im Alter betroffen. Mit einer Zunahme des Pflegebedarfs ist bereits in der gegenwärtigen
Dekade zu rechnen, wenn verstärkt
mehr Arbeitsmigranten der ersten Generation 70 Jahre und älter werden.
Gleichzeitig geht jedoch auch die Zahl
der Erwerbspersonen zurück. Diese
stellen das Potenzial, aus dem sich das
Pflegepersonal rekrutiert, sei es im familialen, ambulanten oder stationären
Bereich. Weiterhin wird die erwerbstätige Bevölkerung durch das Umlageverfahren auch zur Finanzierung der Pflegeausgaben herangezogen. Personen mit
Migrationshintergrund könnten Personalengpässe schließen sowie zu einer
verstärkten interkulturellen Sensibilität
im Gesundheits- und Pflegewesen beitragen.
Für die Gruppe der älteren Migranten wird in den nächsten Jahren mit einem erhöhten Pflegebedarf gerechnet.
Der erwartete höhere Pflegebedarf wird
zum einen mit der rein demographisch
bedingten Zunahme der Menschen in
dieser Gruppe und zum anderen mit
den gesundheitlichen Belastungen, die
diese Gruppe in ihrem Arbeitsleben ausgesetzt war, begründet. Die Vorstellungen der älteren Migranten über ihre pflegerische Versorgung im Alter unterscheiden sich nur unwesentlich von den
Vorstellungen älterer Menschen ohne
Migrationshintergrund. Ältere Menschen mit Migrationshintergrund erwarten überwiegend Hilfe von ihren
Verwandten und Kindern. Es ist aber
zunehmend zu beobachten, dass nicht
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

41

alle älteren Migranten Verwandte in
Deutschland haben, die diese Aufgabe
übernehmen können und auch wollen.
Insgesamt sind die ambulanten und stationären Angebote der Pflege bei älteren
Migranten wenig bekannt und werden
kaum in Anspruch genommen. Gründe
hierfür sind vor allem Sprachprobleme,
Vorbehalte gegenüber den Pflegeinstitutionen aufgrund schlechter ErfahrunMigranten werden zunehmend

Pflegeeinrichtungen und -dienste in
Anspruch nehmen.
gen, das Vertrauen auf die Pflege durch
Kinder und Verwandte, die Unübersichtlichkeit des Pflegesystems, insbesondere im Bereich der Finanzierung,
sowie das Aufschieben einer möglichen
Rückkehroption.
Für die Weiterentwicklung des Ver­
sorgungsangebots für Migranten werden
in Zukunft vermehrt Erkenntnisse
benötigt, die den quantitativen und
qualitativen Pflegebedarf im Zeitverlauf
dokumentieren sowie eine syste­
matische und zielgerichtete Analyse der
erhobenen Daten erlauben. Gerade vor
Ort ist hierzu schon eine Menge geschehen. Zahlreiche Akteure aus Kliniken,
Pflegeeinrichtungen, Migrantenorga­
nisationen haben zusammen zur kultursensiblen Pflege Richtlinien und Empfehlungen für die optimale Pflege von
Migranten erarbeitet. Mit Konzepten
wie „Interkulturelle Kompetenz“ oder
„Kultursensible Pflege“ wird bereits
vielfach die Öffnung des Altenhilfesystems für ältere Zuwanderer und eine
stärkere Ausrichtung der Versorgung
auf kulturspezifische Bedürfnisse an­
gestrebt. Diese Ansätze zielen darauf ab,

42	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

Sensibilität gegenüber unterschiedlichen Hygienebedürfnissen, Tabus,
Schamgrenzen, Höflichkeitsregeln oder
Formen der Schmerzäußerung zu entwickeln und diese Differenzen im Pflegealltag zu berücksichtigen. Bislang
kaum thematisiert wurden jedoch planungsrelevante Aspekte wie der Umfang
und die Struktur der potenziellen Nachfrage nach solchen Dienstleistungen
oder deren Kosten.
Auf dem Weg zu einer interkulturellen Öffnung der Altenpflege ist jedoch
der Schritt von Theorie zur Praxis nicht
vorgezeichnet. Studien zeigen, dass soziale Dienste zwar grundsätzlich für ältere Migranten offen, für den Umgang
mit dieser Zielgruppe aber meist noch
unzureichend vorbereitet sind. Das zeigt
sich auch daran, dass Angebote und
Dienste mit Mitarbeitern ausländischer
Herkunft stärker in Anspruch genommen werden. Die meisten pflegebedürf­
tigen Migranten werden immer noch
von Familienangehörigen gepflegt. Pflegende Angehörige sind jedoch häufig
überfordert. Hier leisten bestehende Unterstützungsansätze in Form von Migrationssozialdiensten und anderen interkulturell orientierten Einrichtungen
Abhilfe. Allerdings zeigt sich, dass die
Kooperation und Vernetzung dieser Angebote noch an vielen Stellen optimiert
werden kann. Weitere Ziele sind der Abbau von Zugangsbarrieren, die Erhöhung des Bekanntheitsgrades von Ein-

Es bedarf neuer

in­ter­kul­tu­reller Konzepte.

richtungen, die Förderung der interkulturellen Kompetenz der Mitarbeiter
sowie die Schaffung bedarfsgerechter
Dienste und Angebote. Ergänzend sind
zielgruppenorientierte Unterstützungsund Beratungsangebote für pflegende
Angehörige zu nennen wie etwa
Gesprächskreise oder Pflegekurse mit
Übersetzungsmöglichkeiten. ///

/// Dr. Martin Kohls
ist tätig im Bundesamt für Migration und
Flüchtlinge, Nürnberg.

Anmerkungen
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
(BAMF): Migrationsbericht des Bundesamtes für
Migration und Flüchtlinge im Auftrag der Bundesregierung, Nürnberg 2015, http://www.bamf.de/
S h a r e d D o c s /A n l a ge n / D E / P u bl i k at ion e n /
Migrationsberichte/migrationsbericht-2013.
pdf?__blob=publicationFile, Stand: 5.12.2015.
  2 A ls Überblick vgl. Kohls, Martin: Pflegebedürftigkeit und Nachfrage nach Pflegeleistungen von Migrantinnen und Migranten im demographischen
Wandel, Forschungsbericht 12, BAMF, Nürnberg
2012, https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/
DE/Publikationen/Forschungsberichte/f b12pf legebeduerftigkeit-pf legeleistungen.pdf?_ _
blob=publicationFile, Stand: 5.12.2015; Schimany, Peter / Rühl, Stefan / Kohls, Martin: Ältere
Migrantinnen und Migranten – Entwicklungen,
Lebenslagen, Perspektiven, Forschungsbericht 18,
BAMF, Nürnberg 2013, https://www.bamf.de/
S h a r e d D o c s /A n l a ge n / D E / P u bl i k at ion e n /
Forschungsberichte/f b18 -aeltere-migranten.
pdf?__blob=publicationFile, Stand: 5.12.2015;
SVR: In Vielfalt altern – Pflege und Pflegepräferenzen im Einwanderungsland Deutschland, Policy Brief des SVR-Forschungsbereichs 2015-2 und
Bundeszentrale für politische Bildung: Kurzdossier „Migration und Pflege“, August 2015.
  3 Für weitere Informationen siehe Bundeszentrale
für politische Bildung: Kurzdossier „Wie gesund
sind Migranten? Erkenntnisse und Zusammenhänge am Beispiel der Zuwanderer in Deutschland“, 2015, http://www.bpb.de/gesellschaft/
 1

	

migration/kurzdossiers/57300/wie-gesund-sindmigranten, Stand: 5.12.2015.
  4 w ww.bmg.bund.de
  5 Rothgang, Heinz / Müller, Rolf / Unger, Rainer:
BARMER GEK Pflegereport 2013, Schwerpunktthema: Rehabilitation und Pflege, Siegburg 2013,
S. 122, http://presse.barmergek.de/barmer/web/
Portale/Presseportal/Subportal/Presseinforma
tionen/Archiv/2013/131218-Pflegereport/PDFPflegereport-2013,property=Data.pdf,
Stand:
5.12.2015.
  6  Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2060, 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden 2015, https://
www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/
Bevoelkerung/VorausberechnungBevoelkerung/
BevoelkerungDeutschland2060Presse
5124204159004.pdf?_ _blob=publicationFile,
Stand: 5.12.2015.
  7 Statistisches Bundesamt: Fachserie 1. Reihe 2.2:
Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Ergebnisse des Mikrozensus 2014, Wiesbaden 2015,
https://w w w.destatis.de/ DE/ Publikationen/
Thematisch/Bevoelkerung/MigrationIntegration/
Migrationshintergrund2010220137004.pdf?_ _
blob=publicationFile, Stand: 5.12.2015.
  8 Kohls, Martin: Demographie von Migranten in
Deutschland, in: Challenges of Public Health, Nr.
63, Frankfurt / Main 2012.
  9 Statistisches Bundesamt: Pflegestatistik 2013,
Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung,
Deutschlandergebnisse, Wiesbaden 2015, https://
www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/
Gesundheit/Pflege/PflegeDeutschlandergebnisse
5224001139004.pdf?_ _blob=publicationFile,
Stand: 5.12.2015.
10 Rothgang u. a.: Schwerpunktthema: Rehabilitation und Pflege.
11 Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Abschlussbericht zur Studie „Wirkungen des PflegeWeiterentwicklungsgesetzes“, Bericht zu den
Repräsentativerhebungen im Auftrag des BMG von
Infratest Sozialforschung München, Berlin 2011,
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/
fileadmin/dateien/Publikationen/Pflege/Berichte/
Abschlussbericht_zur_Studie_Wirkungen_des_
Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes.pdf, Stand:
5.12.2015.
12 Ebd.
13 Pohl, Carsten: Der zukünftige Bedarf an Pflegearbeitskräften in Deutschland: Modellrechnungen
für die Bundesländer bis zum Jahr 2020, in: Comparative Population Studies – Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 35/ 2, 2010, S. 357-378.

1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

43

/// Herausforderungen für einen stationären Leistungserbringer im ländlichen Raum

Pflege 2030

Die Grundsätze „Rehabilitation vor
Pflege“ und „ambulant vor stationär“
sind auch im oberfränkischen Raum
nicht neu, aber oftmals nur auf dem Papier vorhanden. Das Ungleichgewicht
zwischen ambulanten und stationären
Anbieterstrukturen, sektorale Barrieren
oder zu geringe Unterstützung, vor allem für Pflegebedürftige und deren Angehörigen beim Verbleib in ihrer häuslichen Umgebung, sind nur einige Beispiele, weshalb die zuvor genannten
Versorgungsprinzipien bis heute noch
nicht konsequent umgesetzt wurden. Je
höher die Heimquote, desto höher ist
der Personalbedarf insgesamt und desto
höher sind auch die Kosten der sozialen
Sicherungssysteme, somit letztlich auch
die Kosten für die Pflegebedürftigen
selbst. Die professionelle Heimpflege
wird trotzdem in Zukunft weiterhin
eine wichtige Rolle spielen. Das Ziel der
Politik sollte es hierbei sein, dass die zunehmende Zahl Pflegebedürftiger zu
keiner massiven Zunahme der Platzzahlen in stationären Einrichtungen führt.
44	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

Eine Strategie ist es daher, unsere
klassischen Heime zu einer Art Kompetenzzentren für Pflege weiterzuentwickeln. Zusätzlich zu den stationären
Heimplätzen sind dort oder in unmittelbarer Nähe ein ambulanter Pflegedienst,

Ambulante Pflegestrukturen sollten
Vorrang vor den stationären haben.

eine Tagespflege sowie betreute Wohnformen wie zum Beispiel ambulant betreute Pflegewohngemeinschaften vorhanden. Zusätzlich verfügt das Kompetenzzentrum über ein sogenanntes „atmendes“ System mit flexibel belegbaren
Kurzzeitpflegeplätzen, die ohne Belegungszwang in Notfall- oder Krisensituationen in Anspruch genommen kön-

Quelle: Miriam Dörr/Fotolia

Harald Schubert /// Zukunft Pflege – der demographische Wandel sorgt für eine
Zunahme an Pflegebedürftigen bei gleichzeitiger Abnahme des Potenzials an
Pflegenden. Diese Herausforderung trifft insbesondere auch den stationären Sektor.
Deshalb gilt es, Strategien zu entwickeln, die eine qualitativ hochwertige Versorgung
bei gleichzeitig attraktiven Arbeitsbedingungen gewährleisten.

Der Bedarf an gutem und qualifiziertem Pflegepersonal im Pflegebereich wird mit dem demographischen Wandel stark ansteigen. Ein gutes Arbeitsumfeld bringt hier Wettbewerbsvorteile.

nen. Ein derartiges Konzept wird gerade
im oberfränkischen Kronach im Rahmen der Demographie Pilotregion Oberfranken erprobt und in Kooperation mit
der Wilhelm-Löhe-Hochschule Fürth
evaluiert. Ein weiteres wichtiges Feld ist
die Vernetzung und Verzahnung dieser
Angebote, damit der Pflegebedürftige
oder dessen Angehöriger dieses durchaus komplexe Leistungsangebot aus einer Hand erhält. In Zukunft ist es auch
von zunehmender Bedeutung, diese Angebote auch bei Firmen und Unternehmen bekannt zu machen, da am Arbeitsplatz häufig erstmals Probleme auftauchen, wenn der Arbeitnehmer in seiner
Familie eine oft plötzliche und unvorhergesehene Pflegesituation lösen muss.
Zusammenfassend müssen in Zukunft Pflegeangebote besser miteinan	

der kombinierbar und erweiterbar sein.
Die Anbieter von Pflegeleistungen müssen sich zunehmend zu Systemanbietern
entwickeln, um viele Angebote aus einer
Hand anzubieten. Bei kleinen Anbietern
sind Kooperationen eine Möglichkeit,
um ein entsprechendes Portfolio zu gewährleisten.

Kooperation und Angebote aus einer Hand
sind die Pflegemodelle der Zukunft.
Die zweite sehr wichtige Säule einer
Zukunftsstrategie ist die Akquise, Sicherung und Bindung der gut qualifizierten Fachkräfte. Im Bereich der Akquise müssen potenzielle Auszubildende dort abgeholt werden, wo sie sich be1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

45

finden. Eine konsequente Ansprache im
Bereich der sozialen Netzwerke ist dabei
genauso wichtig wie die enge Kooperation mit Schulen der Region. Zudem sind
Strategien, um Mitarbeiter dauerhaft zu
binden, von großer Bedeutung. Hier gilt
es, von Seiten der Führung Rahmenbedingungen zu schaffen, welche die Mitarbeiter unterstützen, sich mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten einzubringen. Die Vereinbarkeit von Familie und
Beruf wird in der gesamten Branche zukünftig eine noch wichtigere Rolle spie-

Gute Arbeitsbedingungen unterstützen die notwendige Gewinnung
von qualifiziertem Fachpersonal.

len, da der Anteil weiblicher Kräfte sehr
hoch ist. Außerdem sind zunehmend
betriebsinterne Lösungen gefragt, die
den Mitarbeitern bei allen Betreuungsfragen vom Kind bis zum Seniorenalter
Hilfestellung bieten. Ein Beispiel ist das
Leuchtturmprojekt „Lebensqualität für
Generationen“, welches der BRK Kreisverband Kronach in Zusammenarbeit
mit der Gemeinde Steinbach am Wald
initiiert hat. Des Weiteren ist es eine
große Herausforderung, die Gesundheit
der zunehmend älteren Mitarbeiter zu
erhalten und aktiv zu fördern. Im Pflegebereich sind flexible Programme wie das
i-gb Gesundheitsnetz gefragt, in dem
der Mitarbeiter nahezu frei wählt, welches gesundheitsfördernde Angebot er
nutzen möchte. Vergessen werden darf
in diesem Feld jedoch nicht, dass ausrei46	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

chend funktionstüchtige Hilfsmittel für
den Pflegebereich vorgehalten werden
müssen. Auch Angebote, die eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung
der Mitarbeiter unterstützen, sind sinnvoll. Beispiele hierfür sind das Bereitstellen einer Salatbar oder kostenloser
Zugang zu frischem Wasser. Diese werden auch von den Mitarbeitern sehr geschätzt.
Abschließend betrachtet gibt es sehr
viele Maßnahmen, die auch von Seiten
der Leistungserbringer ergriffen werden
können, um in Zukunft eine qualitativ
hochwertige Versorgung zu gewährleisten. Gefordert ist aber selbstverständlich auch die Politik, um in diesem zunehmend immer wichtiger werdenden
Bereich der Pflege gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Dies gilt vor allem
im Bereich der Entbürokratisierung der
Dokumentation, der flexiblen Anpassung der Leistungen der Pflegekassen an
die Inflation und der Neuregelung der
Pflegeausbildung, hin zu mehr Perspektiven für die Fachkräfte. ///

/// Harald Schubert
ist Einrichtungsleiter des BRK Seniorenhauses Kronach sowie Gründer und Geschäftsführer der Initiative – Gesunder
Betrieb GmbH.

/// Auf dem Weg zum neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff

PFLEGEVERSICHERUNG 2.0
Ralf Langejürgen /// Die Einführung der sozialen Pflegeversicherung vor 20 Jahren
bildete einen großen Meilenstein in der Entwicklung der sozialen Sicherungssysteme
in Deutschland. Der Mitte der 90er-Jahre im SGB XI verankerte und im Wesentlichen
auf die körperlichen Defizite ausgerichtete, also verrichtungsbezogene Pflegebedürftigkeitsbegriff führte damals zu einer tendenziellen Benachteiligung von an Demenz
erkrankten Personen. Diese Schieflage wurde früh erkannt und durch Einzelmaßnahmen in Teilen korrigiert. Doch erst jetzt mit dem Pflegestärkungsgesetz II und der
damit verbundenen Einführung eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs wird die
Ungleichbehandlung grundlegend beseitigt.

Rückblick
Revolutionen kommen in der Regel über
Nacht und verändern bisher scheinbar
Unverrückbares schlagartig. In der
Kranken- und Pflegeversicherung sind
solche „Revolutionen“ eher die Ausnahme. Vor allem der Vorlauf, also der Vorabend der Revolution, kann oft Jahre,
manchmal Jahrzehnte dauern, je nach
Handlungsdruck oder politischer Großwetterlage. Dass es dann nach Jahren
des Wartens doch fast über Nacht über
die Akteure des Gesundheitswesens hereinbricht, ist wiederum nichts Ungewöhnliches und im oft hektischen Getriebe der Berliner Gesundheitspolitik
sogar eher Normalität.
Die zweite Stufe der Pflegereform, die
zum 1. Januar 2016 in Kraft trat, gehört in
diesen besonderen „revolutionären Kontext“, der sich gut mit der Wendung „es
	

kommt langsam, aber gewaltig“ umschreiben ließe. Kaum sind zehn Jahre –
nach den ersten zaghaften Reformanläufen im Jahre 2006 – ins Land gegangen,
ist es auch schon so weit: Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff steht unmittelbar
vor der Tür und mit ihm ein neues Pflege-

Das Pflegestärkungsgesetz II hatte einen
langen Vorlauf.
gradesystem, das endlich den Grad der
Selbständigkeit des Pflegebedürftigen in
den Mittelpunkt stellt und endlich dafür
sorgt, dass demenziell Erkrankte den körperlich beeinträchtigten Pflegebedürftigen systematisch gleich gestellt werden.
Das Pflegestärkungsgesetz II ist deshalb ein entscheidender Beitrag zu mehr
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

47

Quelle: Alexandra Beier/Getty Images

CDU / CSU und SPD im Koalitionsvertrag im Herbst 2013 festgehalten, dass
mit der Umsetzung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs begonnen werden
soll. Nach intensiven Beratungen entschied sich die Politik schließlich für
eine zweistufige Einführung. Mit dem
Ersten Pflegestärkungsgesetz (PSG I),
das zum 1. Januar 2015 in Kraft trat, erfolgten Leistungsverbesserungen, insbesondere eine Ausweitung der Leistungen für Personen mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz sowie
eine Flexibilisierung der Leistungsansprüche. Die Pflegeleistungen wurden

Die Umsetzung des neuen
Pflegebedürftigkeitsbegriffes erfolgt
in zwei Stufen mit dem Ergebnis einer
Pflegeversicherung 2.0
Durch das Pflegestärkungsgesetz II kann mit den kognitiv und psychisch eingeschränkten Pflegebedürftigen nun ein weitaus größerer Kreis von Versicherten als bisher Leistungen erhalten.

Gerechtigkeit in der Pflegeversicherung.
Bemerkenswert dabei ist, dass sich auch
die bereits voll integrierten Bezieher
klassischer
Pflegeleistungen
nicht
schlechter stellen, sondern sich besitzstandswahrend in das neue System einreihen. Was kann es Schöneres geben,
als eine „Revolution“, an deren Ende
sich viele besser stellen und buchstäblich niemand schlechter stellt. Das gibt
es so in dieser Form wohl nur im deutschen Gesundheitswesen, wo auf Revolutionen gelegentlich Konterrevolutionen folgen, am Ende aber, dank der unermüdlichen Anstrengungen der Versicherten, viele mehr bekommen, sich
aber niemand schlechter stellt als zuvor.
Rückblende: Im Mai 2012 nahm der
Expertenbeirat zur konkreten Ausge48	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

staltung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs seine Arbeit auf. Seine Aufgabe
war es, inhaltlich an den Bericht des ersten Expertenbeirats anzuknüpfen und
die noch offenen Fragen zur Finanzierung der Einführung und zur rechtssicheren Überleitung zu klären. Mit dem
Abschlussbericht des zweiten Expertenbeirates 2013 lagen den Parlamentariern
die erforderlichen Eckpunkte zur Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs vor – jetzt war ihr Handeln gefordert.
Bereits mit dem Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz (PNG), das zum 1. Januar
2013 in Kraft trat, wurden neue bzw.
verbesserte Leistungen für Demenzkranke und ihre Angehörigen auf den
Weg gebracht. Anschließend haben

dynamisiert, ein Pflegevorsorge-Fonds
eingerichtet sowie eine Beitragsanpassung zur Finanzierung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs in Gesetzesform
gegossen.
In der zweiten Stufe, das heißt im
Rahmen des PSG II, geht es nun schwerpunktmäßig um die Einführung des
neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs und
damit um eine komplette strukturelle
Neujustierung der Pflegeleistungssystematik. Ein in der Geschichte der Pflegeversicherung beispielloses Vorhaben,
das gewaltige Umsetzungsaufwände mit
sich bringen wird und das bereits zum
1.  Januar 2017 komplett implementiert
sein soll. Die Erwartungen und Aufgaben, die mit der Einführung des neuen
Pflegebedürftigkeitsbegriffs bei allen
Beteiligten einhergehen – den Pflegebedürftigen und deren Angehörigen, den
Pflegeeinrichtungen und den Pflegekräf	

ten, der Pflegeselbstverwaltung, den
Pflegekassen und letztendlich auch der
Politik –, sind hoch. Klar ist, dass es zu
einer grundlegenden Überarbeitung des
Leistungs-, Vertrags- und Vergütungsrechts kommen wird. Im Ergebnis entsteht die Pflegeversicherung 2.0.
Fünf Pflegegrade statt drei
Pflegestufen
Durch eine Reihe von gesetzgeberischen
Maßnahmen wurde die Situation von
Demenzerkrankten in Teilbereichen bereits ab 2001 verbessert. Die nun folgende systematische Neuausrichtung wurde von zwei Expertenbeiräten vorbereitet und in mehreren Detailstudien umfassend wissenschaftlich-fachlich abgesichert. Pflegesystematisch soll es deshalb nicht mehr um den zeitlichen Aufwand für einzelne, vorwiegend auf körperliche Beeinträchtigungen bezogene
Maßnahmen gehen, sondern um den
Grad der Selbständigkeit als neuen
Maßstab für die Bewertung der Pflegebedürftigkeit. Dieser neue Maßstab
macht auch eine Neudefinition der pflegefachlichen Einordnung erforderlich,
die sich nach der Überleitung nicht
mehr in einem Pflegestufen-, sondern in
einem Pflegegradesystem niederschlagen soll.
Das Besondere an dieser Neujustierung ist, dass auch die bisherigen Leistungsbezieher der Pflegeversicherung
den Schutz ihres aktuellen Besitzstandes garantiert bekommen. Hier hat der
zweite Expertenbeirat klare Vorgaben
entwickelt und die Überleitung so gestaltet, dass für Leistungsbezieher ohne
eingeschränkte Alltagskompetenz ein
automatischer Stufensprung erfolgt.
Das heißt, wer bisher Leistungen der
Pflegestufe 2 erhält, wird in den Pflegegrad 3 der künftigen Pflegegradesyste1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

49

Neuer Bewertungsmaßstab der
Pflegebedürftigkeit ist der Grad der
Selbständigkeit.

matik übergeleitet. Für an Demenz Erkrankte wird sogar ein doppelter Stufensprung erfolgen. Das heißt, wer bisher Leistungen der Pflegestufe 2 erhält,
wird in den Pflegegrad 4 übergeleitet.
Vertrags- und vergütungsrechtliche
Anpassungen erforderlich
Mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff gilt es, neben den leistungsrechtlichen Veränderungen auch die vertragsund vergütungsrechtlichen Bedingungen anzupassen. Dieser Aufgabe muss
sich vor allem die Pflegeselbstverwaltung stellen. Im ambulanten und teilstationären Bereich sind die bisher in § 123
SGB XI übergangsweise geregelten Leistungen für Personen mit erheblich
eingeschränkter Alltagskompetenz in
die Verträge zu integrieren. Dies kann
im ambulanten Bereich z. B. durch eine
Neufixierung der Leistungskomplexe
erfolgen.
Im stationären Bereich werden die
vertrags- und vergütungsrechtlichen
Anpassungen gravierender sein, um die
derzeit auf die Pflegestufen ausgerichteten Rahmenverträge und Vergütungsvereinbarungen auf die Pflegegrade umzustellen. Das muss bei bundesweit ca.
12.000 stationären Pflegeeinrichtungen
erfolgen. Die vom Expertenbeirat empfohlene Umsetzungszeit beträgt trotzdem nur 12 Monate – bei der großen
Zahl der Einrichtungen und der Kom50	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

plexität der Veränderungen eine gewaltige Herausforderung.
Bei der Neuausrichtung der Rahmenverträge und der Vergütungsvereinbarungen werden auch die Personalschlüssel auf die Pflegegrade neu zu justieren sein. Ein Abgleich, der schwierige
Verhandlungen und aufwändige Abstimmungen erfordern wird. Darüber
hinaus gilt es, bei budgetneutraler Umrechnung der bisherigen Pflegevergütung einen einrichtungseinheitlichen
Eigenanteil (EEE) zu berechnen.
Hohe Erwartungen und anspruchsvolle Umsetzung
Pflegeeinrichtungen und Pflegekräfte
haben die Erwartung, dass sie mit Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs mehr Zeit für die Pflege haben
und endlich die engen Vorgaben der
zeitgebundenen Minutenpflege überwinden. Inwieweit dieser Wunsch vollständig in Erfüllung gehen kann, wird
erst die weitere Entwicklung zeigen. Die
Pflegekassen hingegen erwarten, dass
durch die Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs das Dickicht des
leistungsrechtlichen Dschungels gelichtet wird und klarere Regeln die Prozesse
durchgreifend „entschlacken“. Auch die
Frage, ob diese Erwartung Wirklichkeit
wird, lässt sich erst beantworten, wenn
Erfahrungen aus dem Umsetzungsprozess vorliegen. Die Leistungsinanspruch­
nahme und damit auch das leistungsrechtliche Geschehen sollen sich für
Versicherte und Kassen transparenter
darstellen und unbürokratischer werden, beispielsweise was Kostenerstattungsverfahren oder die Gleichbewertung der Verhinderungs- und Kurzzeitpflege angeht. Auch hier bestehen konkrete Erwartungen an die Reform, die
erst den Realitätstest bestehen müssen.

Fest steht auf jeden Fall: Der seit langem von allen erwartete neue Pflegebedürftigkeitsbegriff wird die bisherige
ungleiche Behandlung von kognitiv und
psychisch eingeschränkten Pflegebedürftigen im Vergleich zu körperlich
Eingeschränkten beenden. Ein weitaus

Erst der Praxistest wird zeigen,
ob die Reform die Erwartungen aller
Seiten besteht.
größerer Personenkreis von Versicherten kann zukünftig Leistungen der Pflegeversicherung erhalten. Damit gehen
alte Forderungen der Sozialen Pflegeversicherung in Erfüllung und damit sind
zumindest die Grundlagen für eine
durchgreifende Weiterentwicklung des
Systems gelegt.
Pflegeversicherung 2.0 – wie geht
es weiter?
Dauerhaft erfolgreich wird die Reform
erst, wenn auch die Finanzierungsvoraussetzungen langfristig gesichert sind.
Hierzu wird es weiterer Anstrengungen
im Zusammenhang mit der Dynamisierung der Leistungsbeiträge bedürfen.
Nur wenn es gelingt, die Leistungen
dauerhaft an wirtschaftliche Kenngrößen wie z. B. die Preisentwicklung zu
koppeln und die im SGB XI bereits verankerte Dynamisierung der Leistungsbeiträge auch in die Realität umzusetzen, werden wir für die PKV die notwendige Nachhaltigkeit der Finanzierungsgrundlagen erreichen. Das heißt,
es ist ein großer Schritt nach vorn gelungen und es ist gut, dass mit der zweiten
Stufe der Pflegereform nun nach langer
Diskussion der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff eingeführt wird. Die Pflege	

versicherung wird damit gerechter, aber
– das ist der Wermutstropfen – langfristig auch teurer. Es ist jetzt schon absehbar, dass die ab 2017 fest eingeplante
Beitragssatzerhöhung von 0,2 Prozentpunkten nicht ausreichen wird, um vor
allem die umfassenden Überleitungsund Bestandsschutzregelungen für den
Übergang von den drei Pflegestufen zu
den fünf Pflegegraden zu finanzieren.
Zur Deckung dieser Kosten werden die
Pflegekassen die Mittel des Ausgleichsfonds der Pflegeversicherung erheblich
abschmelzen müssen.
Schon jetzt zeichnet sich eine neue
Reformdebatte ab, die auf eine Stärkung
der kommunalen Ebene im Rahmen eines Pflegestärkungsgesetzes III hinauslaufen dürfte. Die damit zusammenhängende Diskussion über eine Verschiebung von Finanzmitteln der Pflegeversicherung zu den Kommunen ist kritisch
zu sehen, denn das Verschieben von Finanzmitteln über Systemgrenzen hinweg ist keine adäquate Antwort auf die
zukünftigen Herausforderungen der Altenpflege. Sollte es wirklich dazu kommen, dass die Pflegekassen für die Finanzierung der Pflegeberatung der
Kommunen herangezogen werden, liefe
das auf einen gefährlichen Systembruch
hinaus. Das Geld der Beitragszahler der
Pflegeversicherung muss auch weiterhin
für Leistungen der sozialen Pflegeversicherung zur Verfügung stehen und darf

Die Reform der Pflegeversicherung
ist auf Dauer nur über steigende
Beiträge finanzierbar.

1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

51

nicht in Aufgaben fließen, die von der
rechtlichen Systematik her nur steuerfinanziert sein können.
Umsetzung und Fortentwicklung
der Pflegeversicherung 2.0 werden alle
Beteiligten – Politik, Versicherte, Pflegekassen, Sozialhilfeträger und Leistungserbringer – in den kommenden Jahren
vor erhebliche Herausforderungen stellen, die sich nur gemeinsam bzw. im
Verbund lösen lassen. Der Verband der
Ersatzkassen e. V. (vdek) wird in jedem
Fall seinen Beitrag zu einem engen Miteinander der Akteure leisten und den
anstehenden Veränderungsprozess weiter aktiv und im Interesse der Versicherten vorantreiben. ///

/// Dr. Ralf Langejürgen
ist Leiter der Landesvertretung des Verbandes der Ersatzkassen e. V. (vdek),
Landesvertretung Bayern, München.

52	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

/// Vergesst die Angehörigen nicht

Die Weiterentwicklung der
Pflegeversicherung
Bernhard Piendl /// Die Diskussion um die Weiterentwicklung der Pflegeversicherung hatte vor allem den Zugang demenziell erkrankter Menschen zu ihren Leistungen im Fokus. Es darf aber nicht vernachlässigt werden, dass die Angehörigen oder
andere ehrenamtlich Engagierte immer mehr Unterstützung brauchen. Dies geschieht
durch fachlich qualifizierte Beratung, aber auch durch Entlastungsangebote.

Die besondere Herausforderung
demenzieller Erkrankungen
Als im Jahr 1995 die Pflegeversicherung
als weitere Säule der Sozialversicherung
eingeführt wurde, hatte man bekanntlich nur die körperbezogene Pflege im
Blick. Die Leistungen aus der Pflegeversicherung galten der Grund- und der Behandlungspflege sowie der dadurch bedingten hauswirtschaftlichen Versorgung. Keine Rolle spielte damals bei der
Gesetzgebung der Aufwand, der durch
andere Faktoren entsteht, nämlich
durch demenzbedingte Fähigkeitsstörungen, durch psychische Erkrankungen und durch geistige Behinderung.
Dass damit eine erhebliche Lücke offen
blieb, wurde allen, die damit zu tun haben, sehr schnell klar. Dementsprechend wurde der Ruf, diese Lücke zu
schließen, immer lauter. Mit dem Pflegestärkungsgesetz, das in zwei Stufen
eingeführt wurde bzw. wird, wird dieser
	

Forderung Rechnung getragen. Mit dem
neuen und erweiterten Pflegebedürftigkeitsbegriff ist der geforderte und überfällige Paradigmenwechsel vollzogen.
Man kann mit Fug und Recht sagen,

Das Pflegestärkungsgesetz schließt
demenzielle Erkrankungen sowie
die Unterstützung des häuslich
pflegenden Umfelds mit ein.

dass ein neues Kapitel der Pflegeversicherung aufgeschlagen ist, weil jetzt
auch Menschen mit einer demenziellen
Erkrankung zu vollumfänglichen Leistungsberechtigten werden.
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

53

Quelle: Ulrich Baumgarten/Getty Images

längst zum Alltag gehört. Lange vor der
gesetzlichen Neuregelung musste diese
auf die Anforderungen reagieren, die
sich aus demenziellen Erkrankungen
und anderen kognitiven Beeinträchtigungen ergeben. Die erste und wichtigste Antwort auf diese Herausforderungen
ist ein entsprechendes Angebot an Fortbildungen und Weiterqualifizierungen,
die durch die verschiedenen Institute im
Bereich der Freien Wohlfahrtspflege
vorgehalten werden. Beispielhaft sei hier
die Weiterbildung zur Fachkraft für gerontopsychiatrische Pflege und Betreuung genannt, wie sie in der Katholischen
Akademie für Berufe im Gesundheitsund Sozialwesen in Bayern1, der Fortbildungsakademie der sieben bayerischen
Diözesancaritasverbände und des katholischen Krankenhausverbandes Bayern seit über 10 Jahren angeboten wird.
Durch niedrigschwellige Betreuungsangebote sollen die pflegenden Angehörigen entlastet werden.

Die öffentliche Wahrnehmung und
Würdigung hatte nahezu ausschließlich
diese Entwicklung eines neuen Begriffes
der Pflegebedürftigkeit im Blick. Weniger Aufmerksamkeit erfuhr eine andere,
aber ebenso notwendige Weiterentwicklung. Es galt, neben den unmittelbar Betroffenen auch die Unterstützung der
Angehörigen und des sozialen Umfeldes
zu verbessern. Diese Verbesserung setzte nicht erst mit dem Pflegestärkungsgesetz ein. Sie entspricht zugleich einer
kontinuierlichen und beharrlichen Forderung der Freien Wohlfahrtspflege.
Dazu später mehr.
Pflegestärkungsgesetz
Ausschlaggebend für die Leistungen aus
der Pflegeversicherung ist künftig der
Grad der Selbständigkeit. Der zeitliche
54	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

Aufwand spielt keine unmittelbare Rolle
mehr. Dabei ist es unerheblich, ob diese
Selbständigkeit durch körperliche, geistige oder psychische Beeinträchtigungen
bestimmt wird. Die Pflegebedürftigkeit
wird erhoben innerhalb der Module Mobilität, kognitive und kommunikative
Fähigkeit, Selbstversorgung, Umgang
mit krankheits- und therapiebedingten
Anforderungen sowie Gestaltung des
Alltagslebens und soziale Kontakte. Dieser Paradigmenwechsel ist nur zu begrüßen, ebenso wie die neue Perspektive,
bei den betroffenen Personen nicht bei
den Defiziten, sondern bei den Potenzialen und Fähigkeiten anzusetzen.
Durch den Gesetzgeber ist nunmehr
einer Realität Rechnung getragen, die
für die Dienste und Einrichtungen der
Freien Wohlfahrtspflege in Bayern

Die Organisationen der Freien
Wohlfahrtspflege haben schon vor
Jahren mittels Aus- und Weiterbildung
auf die gerontopsychiatrischen
Anforderungen reagiert.
Sie hat dabei eng mit der Alzheimer Gesellschaft zusammengearbeitet. Die
Weiterbildung erstreckt sich über einen
Zeitraum von ca. zwei Jahren und ist
staatlich anerkannt. Es werden professionelle Lösungen für den Berufsalltag in
der Pflege gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen erarbeitet. Die Entwicklung zeitgemäßer Betreuungskonzepte und praxisorientierter Handlungsstrategien sind dabei von besonderer Bedeutung. Die Weiterbildung umfasst nicht nur die fachliche, sondern
auch die persönliche Kompetenz. Diese
langfristig angelegte Weiterbildung für
	

Personen, die bereits über eine Qualifikation als Gesundheits- und Krankenpfleger bzw. Altenpfleger verfügen bzw.
bereits Führungsverantwortung im Bereich der Pflege tragen, wird ergänzt um
kurze Veranstaltungsformate zum Thema Demenz für Fachkräfte, Hilfskräfte
und Betreuungskräfte.
Angehörige mit bedenken
Die Freie Wohlfahrtspflege hat in ihren
Diensten und Einrichtungen eine beachtliche Professionalität bei der Pflege und
Betreuung von Menschen mit einer eingeschränkten Alltagskompetenz und hier
vor allem im Bereich demenzieller Erkrankungen entwickelt. Sie war sich dabei aber immer bewusst, dass nicht nur
die betroffenen Personen, sondern auch
deren Angehörige sowie das gesamte soziale Umfeld mitbedacht werden müssen.
Dies schlägt sich zum einen wiederum
im Fort- und Weiterbildungsangebot nieder. Als Beispiel seien hier noch einmal
Angebote der Katholischen Akademie in
Regensburg angeführt wie „Beratung
und Begleitung von pflegenden Angehörigen im Kontext von Demenz“, „Angehörige als Partner gewinnen“, „Die Sprache demenziell erkrankter Menschen
verstehen – gelingende Kommunikation
gestalten“ usw. Zum anderen wurden erhebliche Anstrengungen unternommen,
unmittelbare Dienstleistungen für die
Angehörigen und das weitere soziale
Umfeld demenziell erkrankter Menschen
zu etablieren. Hier sind vor allem die
Fachstellen für pflegende Angehörige
und die niedrigschwelligen Betreuungsangebote zu nennen.
Fachstellen für pflegende Angehörige
Die Bereitschaft, Angehörige zu Hause
zu pflegen und zu betreuen, ist nach wie
vor stark ausgeprägt und wird oft viel zu
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

55

wenig gewürdigt. Dieser Dienst kann
gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dies gilt in gleicher Weise bei der
Pflege und Betreuung von Menschen
mit physischer und kognitiver Einschränkung der Selbständigkeit. Allerdings ist ganz nüchtern festzuhalten,
dass diese Leistung auch zu einer Belastung werden kann. Dies gilt umso mehr,
wenn man bedenkt, dass viele pflegende
Angehörige selbst im fortgeschrittenen
Alter sind.
Die Würdigung und Wertschätzung
pflegender Angehöriger muss sich deshalb ganz konkret in entsprechenden
Unterstützungsleistungen niederschlagen. Hier spielen die Fachstellen für
pflegende Angehörige eine wichtige Rolle. Ihre Aufgabe ist es, einen Beitrag zur
Erhaltung der Gesundheit und seelischen Stabilität pflegender Angehöriger
zu leisten. Angehörige müssen auch auf
das eigene Wohlbefinden achten und
Grenzen der Belastungsfähigkeit rechtzeitig erkennen. Die Fachstellen für pflegende Angehörige bieten Beratung über
Hilfe- und Entlastungsangebote. Sie geben Auskunft über gesetzliche Regelungen und Fragen der Finanzierung und
bieten begleitende Unterstützung. Sie
sind Ansprechpartner für die ganz alltäglichen Sorgen und Herausforderungen, die sich aus der Pflege und Betreuung im Alltag ergeben.
In Bayern gibt es derzeit 108 Fachstellen für pflegende Angehörige. Sie
werden überwiegend von den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege getragen. Sie finden sich in Alten- und Servicezentren, an Pflegestützpunkten oder
in Mehrgenerationenhäusern. Das bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege gibt Auskunft über die
Standorte der Fachstellen.2 Im Rahmen
des Förderprogrammes „Bayerisches
56	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

Netzwerk Pflege“ unterstützt das Land
Bayern die Fachstellen mit einem jährlichen Betrag von rund 1,3 Mio. Euro.
Entsprechend der aufgezeigten Entwicklung trägt das Angebot der Fachstellen der Tatsache Rechnung, dass
gerade auch die Angehörigen demenzi-

Die Fachstellen für pflegende
Angehörige beraten und unterstützen.
ell erkrankter Menschen auf Hilfe und
Unterstützung angewiesen sind. Hier
ist freilich die Frage berechtigt, ob der
Begriff der „pflegenden Angehörigen“
nicht auch sprachlich ausgeweitet werden sollte. Denn das Wort Pflege ist vermutlich nach wie vor von der Vorstellung einer körperbezogenen Pflege dominiert. Menschen mit einer demenziellen Erkrankung erfordern einen besonderen Aufwand, auch wenn kein
Bedarf an Grund- oder Behandlungspflege im engeren Sinn gegeben ist. Der
Begriff „pflegende und betreuende Angehörige“ wäre hier hilfreich, damit
auch Angehörige demenziell erkrankter
Menschen sich mehr angesprochen fühlen, das Angebot der Fachstellen wahrzunehmen.
Niedrigschwellige Betreuungsangebote
Menschen mit einer dauerhaft erheblich
eingeschränkten Alltagskompetenz haben Anspruch auf zusätzliche Betreuungs- und Entlastungsleistungen. Voraussetzung ist die Feststellung eines
erheblichen Bedarfes an allgemeiner
Beaufsichtigung und Betreuung nach
§ 45a SGB XI bei Menschen, die zuhause leben. Diese Feststellung ist bei der
Pflegekasse zu beantragen. Die Kosten

für die zusätzlichen Leistungen werden
monatlich bis zu einer Höhe von 104 €
(Grundbetrag) oder 208 € (erhöhter Betrag) ersetzt. Über die Höhe entscheidet
die Pflegekasse auf Empfehlung des Medizinischen Dienstes der Krankenkasse.
Diese Beträge können für finanzielle
Aufwendungen eingesetzt werden, die
aus der Tages- oder Nachtpflege, der
Kurzzeitpflege oder den besonderen Angeboten der allgemeinen Anleitung und
Betreuung sowie Angeboten der hauswirtschaftlichen Versorgung durch zugelassene Pflegedienste entstehen. Und
sie können für die Inanspruchnahme
niedrigschwelliger Betreuungsangebote
verwendet werden.
Niedrigschwellige Betreuungsangebote haben ihre gesetzliche Grundlage
in § 45 b und c des elften Sozialgesetzgebungsbuches. Sie sind auf Menschen

Zusätzliche Betreuungs- und
Entlastungsleistungen helfen den
pflegenden Angehörigen.

mit Demenzerkrankung, mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen ausgerichtet, wenn ein erheblicher allgemeiner Betreuungsaufwand gegeben ist. Unter pflegefachlicher
Anleitung übernehmen Helfer die Betreuung der Pflegebedürftigen zu Hause
oder in Gruppen. Sie entlasten pflegende Angehörige oder nahestehende Pflegepersonen und stehen ihnen beratend
zur Seite. Die Entlastung erfolgt durch
Dienstleistungen oder eine Alltagsbe	

gleitung, die die vorhandenen Ressourcen und Fähigkeiten stärkt und stabilisiert.
Bereits im Jahr 2010 hat die Freie
Wohlfahrtspflege in Bayern mit der
„Agentur zum Auf- und Ausbau niedrigschwelliger
Betreuungsangebote“3
wichtige Schritte gemacht und Impulse
gesetzt. Sie informiert Angehörige und
Ehrenamtliche über Entlastungsangebote und die Möglichkeit zu einem eigenen Engagement. Sie unterstützt Träger,
indem sie Beratung beim Aufbau von
Projekten, bei der Anerkennung und
Förderung der Projekte, aber auch bei
der Gewinnung und Schulung von Ehrenamtlichen bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit anbietet. Inzwischen haben
sich in Bayern rund 600 niedrigschwellige Beratungsangebote etabliert, die
durch das Land Bayern gefördert werden. Zu diesem Aus- und Aufbau hat die
genannte Agentur einen wesentlichen
Beitrag geleistet und wichtige Impulse
gesetzt. Trotz dieser beeindruckend hohen Zahl kann allerdings noch nicht von
einer flächendeckenden Versorgung gesprochen werden. Hier sind weiterhin
ganz erhebliche Anstrengungen vonnöten. Unter den Begriff der niedrigschwelligen Betreuungsangebote fallen
vor allem ehrenamtliche Helferkreise,
Betreuungsgruppen und Angehörigengruppen.
Ehrenamtliche Helferkreise
Niedrigschwellige Betreuungsangebote
können zu Hause durch ehrenamtliche
Helferkreise in Anspruch genommen
werden. Geschulte Ehrenamtliche übernehmen die Betreuung der pflege- oder
betreuungsbedürftigen Personen. So
können die Angehörigen für eine gewisse Zeit bestimmten Aufgaben nachgehen oder auch Zeit für sich selber haben,
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

57

ohne Angst haben zu müssen, jemanden
zu vernachlässigen. Diese ehrenamtlichen Helfer durchlaufen eine Schulung
im Umfang von 40 Stunden im Bereich
Demenz. Ihre Fortbildung orientiert
sich am Curriculum der Alzheimer Gesellschaft. Ehrenamtliche werden nur
unter Anleitung von Fachkräften tätig.
Sie treffen sich regelmäßig zum fachlichen Austausch mit gerontopsychiatrischen Fachkräften oder Sozialpädagogen. Die ehrenamtlichen Helferkreise
schaffen für die Angehörigen eine wertvolle stundenweise Entlastung.

und Fähigkeiten, die durch die Erkrankung meist schon deutlich beeinträchtigt sind, können wieder geweckt werden. Wichtig ist die Orientierung an den
konkreten Biographien der betroffenen
Personen. Betreuungsgruppen werden
von Fachkräften geleitet, denen ehrenamtliche Helfer zur Seite stehen. Diese
durchlaufen wie die Ehrenamtlichen der
Helferkreise eine Fortbildung im Umfang von 40 Stunden. Auch diese Betreuungsgruppen leisten eine erhebliche
Unterstützung für Angehörige demenziell erkrankter Personen.

Betreuungsgruppen
Zu diesen niedrigschwelligen Betreuungsangeboten durch ehrenamtliche
Helferkreise im individuellen Bereich
des häuslichen Umfeldes kommen Angebote außer Haus. Hier sind vor allem
die Betreuungsgruppen zu nennen. Sie
bieten pflege- und betreuungsbedürftigen Personen Kontaktmöglichkeiten in
einer ansprechend gestalteten Umgebung und werden meist wöchentlich
oder 14-tägig gegen einen geringen Kostenbeitrag angeboten. Durch verschiedene Programme, die sich an den Ressourcen der Betroffenen orientieren,
wird Gemeinschaft gepflegt und Abwechslung geboten. Das gemeinsame
Musizieren gehört hier ebenso dazu wie
das gemeinsame Kochen. Interessen

Angehörigengruppen
Der Betreuungsaufwand und damit die
Belastung der pflegenden und betreuenden Angehörigen werden naturgemäß
höher, wenn die Erkrankung fortschreitet. Um mit dieser Belastung gut umgehen zu können, nehmen Angehörige
gerne die Angebote von Angehörigengruppen an. Die regelmäßigen Treffen
finden unter fachlicher Anleitung statt.
Inzwischen haben sich in Bayern etwa
135 Gruppen etabliert, mit steigender
Tendenz. Sie bieten die Möglichkeit,
Kontakte mit Menschen in einer vergleichbaren Situation zu knüpfen. Den
Austausch von Erfahrungen, aber auch
das Gespräch über die persönliche Situation erleben die Teilnehmer als wertvoll und hilfreich.
Neben den ambulanten Pflegediensten sind auch Familienpflegestationen
als Anbieter niedrigschwelliger Betreuungsangebote anerkannt. Weniger bekannt dürfte sein, dass dies auch für
Dorfhelferinnenstationen und die
offene Behindertenarbeit gilt. Speziell
für landwirtschaftliche Betriebe und
den ländlichen Raum bietet z. B. die
„Katholische Dorfhelferinnen und
Betriebshelfer“-GmbH (KDBH)4 Hilfe

Es gibt niedrigschwellige Betreuungsangebote wie ehrenamtliche
Helferkreise sowie Betreuungs- und
Angehörigengruppen.

58	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

und Unterstützung. Gesellschafter sind
der Bayerische Bauernverband und der
Landes-Caritasverband Bayern.
Beratung
Allen Diensten und Angeboten zur Entlastung und Unterstützung gehen eine
fundierte und qualifizierte Beratung sowie gegebenenfalls eine Schulung voraus. Die Beratung gewinnt zunehmend
an Bedeutung. Sie muss auf die individuelle Situation eingehen und auf den
konkreten Bedarf der Pflegebedürftigen, der Angehörigen und des gesamten
sozialen Umfeldes zugeschnitten sein.
Das ist eine höchst anspruchsvolle Aufgabe und geht weit über Aufklärung
und Weitergabe von Informationen hinaus. So wichtig die Entlastungsangebote
auch sind – es muss immer berücksichtigt werden, dass die Hauptlast bei den
pflegenden Angehörigen bleibt. Diese
wird oft von Hilflosigkeit, Angst, Isolation oder auch Scham begleitet. Es ist
ein wesentliches Merkmal qualifizierter
Beratung, diese Erfahrungen zu erkennen, ernst zu nehmen und zu ihrer Bewältigung beizutragen. Es geht in der
Beratung darum, die betroffenen Personen und vor allem die Angehörigen darin zu unterstützen, die eigene Situation
zu verstehen, Lösungen zu entwickeln,
miteinander in regelmäßigen Abständen
die Entwicklung in den Blick zu nehmen
und kontinuierlich zu begleiten. Unabdingbar ist dabei, Vertrauen herzustellen und aufzubauen. Nur so kann es gelingen, Belastungsspitzen zu vermeiden
und damit einen wichtigen Beitrag zu
leisten, dass Angehörige die Pflege möglichst lange selber übernehmen und dabei selber gesund bleiben können.
Beratung ist an mehreren Stellen gesetzlich verankert. Nach § 37 Abs. 3
SGB XI ist ein Beratungsbesuch für Pfle	

gebedürftige, die ausschließlich Pflegegeld beziehen, verpflichtend. Er kann
auch bei der Inanspruchnahme von Pflegesachleistungen in Anspruch genommen werden. Er wird durch eine zugelassene Pflegeeinrichtung oder eine anerkannte Beratungsstelle durchgeführt.
Bei den (bisherigen) Pflegestufen I und
II erfolgt dieser halbjährig und bei der
Pflegestufe III vierteljährlich. Dieser Beratungsbesuch will die Qualität der Pflege zu Hause sichern und für die häuslich
Pflegenden vor allem praktische pflege-

Individuelle und konkrete Beratung der
pflegenden Angehörigen ist sehr wichtig
und hilfreich.
fachliche Unterstützung geben. Er ist
nach dem zuvor aufgezeigten Verständnis von Beratung für die Pflegebedürftigen und deren Angehörige eine große
Chance. Denn oft stellt sich heraus, dass
viele individuelle Fragestellungen geklärt und Möglichkeiten der Entlastung
vermittelt werden können. Nicht selten
ergibt sich daraus, dass eine weitere umfangreiche Schulung im häuslichen Umfeld sinnvoll und notwendig ist.
Dieser Anspruch auf Schulung im
häuslichen Umfeld ist in § 45 SGB XI
gesetzlich verankert. Der Gesetzgeber
verfolgt damit das Ziel, „soziales Engagement im Bereich der Pflege zu fördern
und zu stärken, Pflege und Betreuung zu
erleichtern und zu verbessern sowie
pflegebedingte körperliche und seelische Belastungen zu mindern und ihrer
Entstehung vorzubeugen“5. Die Schulung wird durch eine Pflegefachkraft erbracht und umfasst in der Regel einen
zeitlichen Umfang von bis zu 120 Minuten. Sie kann bei Bedarf auch wiederholt
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

59

durchgeführt werden, vor allem wenn
sich die Pflegesituation bzw. die Erkrankung verändert. Diese Schulung ist von
großer Bedeutung. Sie kann zu einer
besseren Betreuung der Pflegebedürftigen, aber auch zur Entlastung und Unterstützung der Angehörigen oder auch
der Betreuungspersonen beitragen. Eine
sinnvolle und notwendige Ergänzung
sind allgemeine und spezielle Pflegekurse für Pflegepersonen oder pflegende
Angehörige wie zum Beispiel Pflegekurse für Angehörige von Menschen, die an
einer Demenz erkrankt sind.
Schließlich ist in § 7 a SGB XI der
Anspruch auf Pflegeberatung geregelt.
Er umfasst alle Fragestellungen, die im
Zusammenhang mit einem Pflegebedarf
gegeben sind. Diese Beratung wird entweder durch die Kasse selber oder in deren Auftrag durch einen ambulanten
Pflegedienst erbracht. Qualifikation
und Fortbildung der Pflegeberater regelt
nicht der Gesetzgeber selber. Hierzu soll
der Bund der Pflegekassen Empfehlungen erarbeiten. Hier ist dringend anzuraten, dass neben der Qualifizierung in
den Bereichen Pflegefachwissen, CaseManagement und Recht auch die Beratungskompetenz zu einem inhaltlichen
Schwerpunkt wird. Dazu gehören u. a.
Themen wie Strukturierung der Gespräche, Beratungsansätze oder spezifische
Interventionen bei der Gesprächsführung. Auch hierzu bietet die Katholische
Akademie für Berufe im Gesundheitsund Sozialwesen in Regensburg bereits
seit Jahren eine modularisierte Weiterbildung sowie ausgewiesene Fortbildungen an.
Ausblick
Insgesamt lässt sich festhalten, dass
durch das Pflegestärkungsgesetz der Bereich der Beratung gestärkt wurde.
60	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

Trotzdem ist kritisch anzumerken, dass
der im Gesetz geschaffene Rahmen nach
wie vor zu eng bemessen ist, um dem genannten Anspruch von Beratung gerecht zu werden. Ein Beispiel mag dies
belegen: Eine Beratung nach § 37 Abs. 3
wird bei den Pflegegraden 2 und 3 mit
bis zu 22 € und bei den Pflegegraden 4
und 5 mit bis zu 32 € vergütet. Umgerechnet auf die Kosten einer Fachkraftstunde bleiben hier gerade mal 15 bis 20
Minuten für die eigentliche Beratung.
Eine entscheidende Rolle wird weiterhin die demographische Entwicklung
spielen. Die in der modernen Gesell-

Die fachliche Kompetenz der
Freien Wohlfahrtspflege ist für die
Demenzkranken und die pflegenden
und betreuenden Angehörigen von
hohem Wert.
schaft geforderte Mobilität und die seit
Jahrzehnten anhaltend niedrige Geburtenrate führen dazu, dass den Menschen
mit Pflege- und Betreuungsaufwand immer weniger Angehörige gegenüberstehen. Angehörige und sonstige Nahestehende sowie Ehrenamtliche stehen nicht
unbegrenzt zur Verfügung und dürfen
auch nicht über Gebühr strapaziert werden. Dies darf bei allen künftigen politischen Entscheidungen niemals außer
Acht gelassen werden.
Bei der Pflege von Demenzkranken
und der Unterstützung pflegender und
betreuender Angehörigen nimmt die
Freie Wohlfahrtspflege eine umfassende
Verantwortung wahr. Sie beschränkt
sich nicht auf ihre Dienste und Einrichtungen. Sie tritt hier als wichtiger Akteur im Sozialraum auf. Und sie leistet
einen wesentlichen Beitrag, dass de-

menziell erkrankte Menschen in der
Mitte der Gesellschaft ankommen. Dies
trägt auch erheblich zur Entlastung der
Angehörigen bei.
Die Gesellschaft profitiert von der
fachlichen Kompetenz und der hohen
Professionalität der Freien Wohlfahrtspflege. Die Kommunen sind gut beraten,
bei der Gestaltung des Sozialraums diese Kompetenz zu nutzen. Dies gilt in
gleicher Weise für die Pflege- und die
Krankenkassen. Angehörige von demenziell erkrankten Menschen haben
einen hohen Beratungsbedarf. Beratung
ist mehr als die Weitergabe von Informationen, z. B. zu rechtlichen Ansprüchen. Beratung ist ganzheitlich zu sehen. Denn eine demenzielle Erkrankung
löst bei den Angehörigen Ängste und
Unsicherheit aus. Diese gilt es, ernst zu
nehmen und aufzugreifen. Angehörige
brauchen Wertschätzung, Begleitung,
Entlastung und Unterstützung. Hier
verfügen die Mitarbeitenden der freien
Wohlfahrtspflege über eine reiche Erfahrung und spezifische Kompetenzen.
Es ist sinnvoll, diese auch zu nutzen. ///

	

/// Bernhard Piendl
ist Prälat und Landes-Caritasdirektor
des Deutschen Caritasverbandes, Landesverband Bayern e. V., München.

Anmerkungen
  1 K atholische Akademie für Berufe im Gesundheitsund Sozialwesen in Bayern e. V., Ostengasse 27,
93047 Regensburg.
  2 http://www.stmgp.bayern.de/pflege/pflege_zu_
hause/hilfen_angehoerige/index.htm
  3 Siehe www.niedrigschwellig-betreuung-bayern.de
  4 K atholische Dorfhelferinnen und Betriebshelfer
GmbH (KDBH), Dr.-Georg-Heim-Allee 1, 84036
Landshut.
  5 § 45 Abs. 1 SGB XI.

1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

61

/// „Wir haben Demenz“

Der Bayerische Demenz Survey
Peter Kolominsky-Rabas / Sandra Schaller /// Demenzerkrankungen gehören zu

Ein­füh­rung
Bedingt durch den demographischen
Wandel wird es in Zukunft zu einem
Anstieg der Demenzerkrankungen
kommen. Aufgrund der Progredienz
der Erkrankung sowie der krankheitsbedingten Verhaltensweisen betrifft
die Diagnose einer Demenz meist die
gesamte Familie („Wir haben Demenz“). Gegenwärtig wird die Mehrheit der Personen mit Demenz in
Deutschland von Angehörigen aus dem
familiären Umfeld unterstützt bzw. gepflegt. Auch aus Sicht des Gesundheitssystems kommt den Angehörigen
eine zentrale Rolle zu, denn sie sind
„Deutschlands größter Pflegedienst“1.
Gleichzeitig belegen jedoch mehrere
Studien die hohe Belastung pflegender
Angehöriger von Personen mit De62	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

menz.2 Diese bleibt nicht ohne Folgen.
Studien zeigen, dass pflegende Angehörige signifikant häufiger depressiv
sind, 3 sich die Belastung negativ auf
den Pflegestil auswirkt,4 das eigene
Sterberisiko steigt 5 sowie die Einweisung in ein Pflegeheim von Personen
mit Demenz früher erfolgt.6
Trotz der dargestellten Situation
wissen wir sehr wenig über die häusli-

Die meisten Demenzerkrankten in
Deutschland werden häuslich und
von Angehörigen versorgt.

Quelle: Gerhard Seybert/Fotolia

einer der größten gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Herausforderungen.
Dennoch wissen wir heutzutage sehr wenig darüber, wie sich das Ausmaß der häuslichen Versorgung von Personen mit Demenz durch Angehörige darstellt. Das Projekt
Bayerischer Demenz Survey zielt darauf ab, Versorgungslücken sowie Bedarfe herauszustellen und Handlungsempfehlungen für die häusliche Versorgung bei Demenz
bereitzustellen.

„Wir haben Demenz“. Nicht selten bringt diese Diagnose Familien und insbesondere die pflegenden
Angehörigen an den Rand ihrer Nerven und Kräfte.

che Versorgung von Personen mit Demenz. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR Gesundheit) stellt
dazu fest: „Dazu, wie sich das Ausmaß
und die Art der Pflege durch Angehörige
in den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen darstellt, ob bzw. welche regionalen Unterschiede sich dabei ausmachen lassen und wie sich die Situation in
ländlichen Regionen darstellt, liegen
noch zu wenig konkrete bundesweite
Daten vor.“7 Insbesondere gibt es kaum
	

Informationen darüber, wie die Betroffenen nach der Diagnosestellung behandelt und von wem sie betreut werden
bzw. welche Bedürfnisse während des
Krankheitsverlaufs sowohl für den Patienten als auch für die pflegenden Angehörigen bestehen. Jedoch gerade vor
dem Hintergrund steigender Prävalenzraten sowie der Tatsache, dass das informelle Pflegepotenzial sinkt, ist eine Bedarfsanalyse und Optimierung der
häuslichen Versorgungssituation unabdingbar.
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

63

Herausforderung Demenz: Strategische Initiativen auf internationaler
und nationaler Ebene
Demenzerkrankungen gehören zu einer
der größten Herausforderungen der Gesundheitspolitik weltweit. Vor dem dargestellten Hintergrund sowie sozialer
und gesundheitsökonomischer Folgen
der Erkrankung wurde Demenz 2012
von der WHO zur „Public Health Priority“ ernannt.8 Im März 2015 fand die
erste WHO-Ministerkonferenz zu Demenz („Global Action Against Dementia“) statt, deren Ziel es war, dem Thema
Demenz auch auf nationaler Ebene zu
begegnen. Bereits in der Paris Declaration von Alzheimer Europe aus dem
Jahr 2006, welche die gesellschaftlichen
Prioritäten für den Umgang mit Demenz
aufzeigt, wird als erster Punkt „Recog-

nise Alzheimer‘s disease as a major public health challenge and to develop European, international and national action programmes“, genannt.9 2014 wurde die Glasgow Declaration verabschiedet, welche derzeit das aktuellste Dokument von Alzheimer Europe darstellt.
Für die nationale Ebene wird abermals
die Entwicklung nationaler Demenzstrategien gefordert: „Develop comprehensive national dementia strategies
with allocated funding and a clear monitoring and evaluation process“10. Derzeit existieren in einigen, aber längst
nicht allen europäischen Staaten, nationale Demenzpläne bzw. Demenzstrategien, welche die genannten Aspekte adressieren und konkrete Maßnahmen sowie ein fest definiertes Budget vorsehen
(Abb. 1).

Abbildung 1: Nationale Demenzstrategien in Europa

Quelle: Alzheimer Europe 201511

64	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

Seit 2011 fordert die Deutsche Alzheimer Gesellschaft einen nationalen
Demenzplan für Deutschland. Dieser
Aufruf fand Eingang in die Initiative
„Allianz für Menschen mit Demenz“
der Bundesregierung, welche als ein erster Schritt auf dem Weg zu einer deutschen Demenz-Strategie gesehen werden kann.12
Auf Länderebene hat Bayern als erstes Bundesland im Juli 2013 die „Bayerische Demenzstrategie“ veröffentlicht. In
Bayern leben derzeit ca. 220.000 Personen mit Demenz. Bis 2020 ist gegenwärtig mit einem Anstieg der Zahl der De-

Bayern hat 2013 als erstes

Bundesland mit der
„Bayerischen Demenzstrategie“
einen Handlungsplan entwickelt.

menzerkrankten um gut 20 % auf ca.
270.000 zu rechnen, bis 2032 um mehr
als 50 % auf ca. 340.000.13 Mit der Bayerischen Demenzstrategie sollen die Bevölkerung für das Thema Demenz sensibilisiert und vor allem Ängste abgebaut
werden, um der Stigmatisierung und
Tabuisierung der Krankheit entgegenzuwirken und um die Lebensqualität
der Betroffenen und ihrer Angehörigen
zu verbessern.14 Sie umfasst insgesamt
zehn Handlungsfelder, um definierte
Ziele zu erreichen.
In diesem Kontext kommt der Versorgungsforschung eine wesentliche Bedeutung zu. Sie hat das Ziel, Erkenntnisse darüber zu generieren, wie Prozes	

se der Versorgung ablaufen und welche
Auswirkungen sie in der Anwendungsroutine auf die Beteiligten und auf das
Gesundheitssystem haben.15 Damit
trägt sie u. a. dazu bei, Defizite und Bedarfe im Versorgungsalltag aufzuzeigen,
fundierte Versorgungskonzepte zu entwickeln sowie Versorgungsstrukturen
und -prozesse zu evaluieren. Auch im
Rahmen der Bayerischen Demenzstrategie kommt der Versorgungsforschung
eine relevante Bedeutung zu, denn „angesichts der Notwendigkeit, die Qualität der Versorgung zeitnah zu verbessern, wird […] dazu der Ausbau der versorgungsnahen und bevölkerungsbasierten Demenzversorgungsforschung
notwendig“16.
Im Rahmen der Situation pflegender
Angehöriger von Personen mit Demenz
kann Versorgungsforschung gezielt
dazu eingesetzt werden, die Versorgungsqualität zu verbessern. Eine Versorgungsforschung für pflegende Angehörige von Personen mit Demenz ist insofern unabdingbar, da sie Versorgungslücken sowie Bedarfe verschiedener Bevölkerungsgruppen aufzeigt und Handlungsempfehlungen im Sinne einer Verbesserung der häuslichen Pflegesituation generiert.
Das Projekt Bayerischer Demenz
Survey
Vor diesem Hintergrund wird das Projekt Bayerischer Demenz Survey (BayDem) als multizentrische Langzeitstudie vom Bayerischen Staatsministerium
für Gesundheit und Pflege (StMGP) an
drei Standorten in Bayern gefördert. Das
übergreifende Ziel von BayDem ist die
Generierung von Langzeitdaten zur
häuslichen Pflege- und Unterstützungssituation bei Menschen mit Demenz,
um Versorgungslücken sowie Bedarfe
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

65

Die multizentrische Langzeitstudie
BayDem soll die häusliche Pflegesituation Demenzkranker und ihrer
Angehörigen verbessern.

herauszustellen und Handlungsempfehlungen bereitzustellen. Längerfristiges
Ziel ist eine Verbesserung der häuslichen Pflegesituation für Menschen mit
Demenz sowie für pflegende und unterstützende Angehörige.
Das Projekt Bayerischer Demenz
Survey ist als multizentrische Langzeit-

studie angelegt und wird seit Februar
2015 an den drei Standorten Dachau,
Erlangen und Kronach durchgeführt.
Diese Standorte spiegeln die für den
Freistaat unterschiedlichen Strukturen
aus Ballungsgebieten und ländlichen
Regionen sowie die unterschiedlichen
demographischen Entwicklungen wider. Abbildung 2 zeigt die regionalisierte
Bevölkerungsvorausberechnung in Bayern (2032 gegenüber 2012). Dabei wird
die unterschiedliche Struktur der drei
Projektstandorte verdeutlicht:

•	Erlangen sowie der Landkreis Erlangen-Höchstadt mit einer Bevölkerungszunahme von 2,5 % bis 7,5 %
sowie
•	die Stadt und der Landkreis Dachau
mit einem starken Bevölkerungszuwachs um mehr als 7,5 %.
Diese Entwicklungen besitzen einen
deutlichen Einfluss auf die zukünftige,
v. a. häusliche Versorgung von Personen
mit Demenz.
Projektteilnehmer sind pflegende
bzw. unterstützende Angehörige von
Personen mit Demenz. Diese werden
über Kliniken, Hausärzte, Pflegedienste
sowie Beratungsstellen rekrutiert. Abbildung 3 zeigt das aktuelle Kooperationsnetzwerk des Bayerischen Demenz

•	der sehr ländlich geprägte Stadt- und
Landkreis Kronach mit einer deutlichen Abnahme der (vor allem jüngeren) Bevölkerung um mehr als 7,5 %
(informelles Pflegepotenzial sinkt);

Abbildung 2: Regionalisierte Bevökerungsvorausberechnung Bayern

Abbildung 3: Kooperationsnetzwerk Bayerischer Demenz Survey

Quelle: Bayerisches Landesamt für Statistik 2015

Bevölkerungsentwicklung in den kreisfreien Städten und Landkreisen Bayerns
Veränderung 2032 gegenüber 2012 in Prozent

66	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

Surveys an den drei Standorten Dachau,
Erlangen und Kronach.
Die Einschlusskriterien für Personen
mit Demenz sind das Vorliegen einer
medizinisch gesicherten Demenzdiagnose nach ICD-10 (F00-F03) sowie der
Wohnsitz im häuslichen Bereich (nicht
stationär) und an einem der drei Standorte (Stadt- und Landkreise Dachau, Erlangen, Kronach). Pflegende Angehörige
können ab einem Mindestalter von 18
Jahren teilnehmen und müssen die
Hauptpflege- bzw. Hauptunterstützungsperson der Person mit Demenz
sein.
Neben den dargestellten Einschlusskriterien muss vor Projektteilnahme eine
ausführliche Aufklärung über das Projekt durchgeführt worden sein. Bei Zu-

Quelle: Bayerischer Demenz Survey (BayDem)

	

1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

67

stimmung zur Teilnahme wird die Einverständniserklärung der Person mit Demenz bzw. des eingesetzten Betreuers /
Bevollmächtigten sowie die Einverständniserklärung des pflegenden Angehörigen, eingeholt. Erst ab diesem Zeitpunkt
ist eine Teilnahme am Projekt möglich.

Die Hauptpflegepersonen wurden im
Zeitraum von 12 Monaten dreimal
gezielt zu Krankheitsverlauf, der
häuslichen Situation sowie deren
Veränderungen befragt.

Das Projekt BayDem wurde von der
Ethikkommission der Medizinischen
Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg geprüft und
genehmigt. Teilnehmende pflegende
Angehörige von Personen mit Demenz
werden im Rahmen des Projektes in persönlichen Interviews und anhand eines
standardisierten
Erhebungsbogens
durch geschultes Personal befragt. Die
Interviews können entweder zu Hause
oder in einer Einrichtung der Kooperationspartner stattfinden. Im Anschluss an
die Ersterhebung findet sechs Monate
später eine zweite Befragung und sechs
Monate darauf eine dritte statt. Ziel ist
es, Daten über den Krankheitsverlauf
hinweg zu erheben (Langzeitdaten), um
gezielte Aussagen über die Situation im
häuslichen Bereich zu treffen und Veränderungen zu erfassen.
Das Erhebungsinstrument umfasst
dabei die nachfolgenden zehn zentralen
Module:
68	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

Patientenpfade
Bis es zu einer medizinisch gesicherten
Diagnose einer Demenz kommt, dauert
es in der Regel mehrere Monate bzw.
Jahre und Patienten und Angehörige haben zur Diagnoseabklärung häufig
mehrere Kontakte zu verschiedenen
Ärzten bzw. Einrichtungen (z. B. Hausarzt, Facharzt). Diese Kontaktaufnahmen zur Diagnoseabklärung ab dem
Zeitpunkt der ersten wahrgenommenen
Symptome werden im Rahmen des Moduls „Patientenpfade“ systematisch erfasst. Diese Informationen sind relevant,
um Aussagen über den Diagnoseprozess
sowie dessen Dauer zu treffen und
Handlungsempfehlungen zur Optimierung bereitzustellen. Zudem wird systematisch erfasst, wie Angehörige und
Personen mit Demenz nach dem Zeitpunkt der Diagnosestellung im häuslichen Setting versorgt werden bzw. welche Bedürfnisse bestehen.
Versorgungssituation
Im Modul „Versorgungssituation“ werden zunächst allgemeine soziodemographische Angaben zur Person mit Demenz sowie zum pflegenden Angehörigen erhoben. Dabei soll der Fragestellung „Wer pflegt wen?“ in den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und
Pflegekonstellationen
nachgegangen
werden. Zudem werden medizinische
Parameter wie Diagnose, Medikation
und Nebenerkrankungen erfasst.
Pflege
Im Rahmen des Moduls „Pflege“ werden
Angaben zu der Ausübung von Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) wie z. B.
Körperpflege, Essen, Gang zur Toilette
sowie zu den instrumentellen Aktivitäten des täglichen Lebens (IADL), z. B.
Einkaufen, Hausarbeit, Erledigung von

finanziellen Angelegenheiten, Einnahme von Medikamenten, u. s. w. erfasst.
Dazu wird das Instrument ADCS-ADL
eingesetzt.17 Des Weiteren werden Informationen über die Pflegeeinstufung
aufgenommen.
Kognition
Um den kognitiven Verlauf der Erkrankung zu erfassen sowie zur Schweregradeinteilung der Demenz18 wird der
Mini-Mental-Status Test (MMST) eingesetzt.19
Verhaltenssymptome
„Herausforderndes Verhalten“ im Sinne
von psychischen und Verhaltenssymptomen ist bei Demenzerkrankungen
sehr häufig und kann in verschiedenen
Stadien der demenziellen Erkrankung in
unterschiedlicher Ausprägung und
Kombination auftreten. Diese Verhaltenssymptome werden anhand des Neuropsychiatrischen Inventars (NPI) erhoben.20
Lebensqualität
Die Lebensqualität wird sowohl für die
Person mit Demenz (Qol-AD)21 als auch
für den Angehörigen (EQ-5D-5L)22 über
den Krankheitsverlauf hinweg erfasst.
Ökonomische Aspekte
Um die ökonomischen Auswirkungen
der Erkrankung für die Familien und
Gesundheitssysteme zur erfassen, wird
das Instrument „Resource Utilization in
Dementia“ (RUD) eingesetzt.23 Dort
werden sowohl informelle Pflegezeiten
als auch formale Pflege und stationäre
Aufenthalte aufgenommen.
Pflegebelastung
Zur systematischen Erhebung der subjektiven Pflegebelastung der Angehöri	

gen wird die „Häusliche Pflegeskala“
nach Graessel eingesetzt.24
Soziale Netzwerke
Das Ausmaß der Unterstützung für
pflegende Angehörige durch ihre eigenen sozialen Netzwerke wird im Rahmen der „Lubben Social Network Scale“
erfasst.25
Inanspruchnahmeverhalten und
Bedürfnisse
Eine systematische Bedarfserhebung
pflegender Angehöriger wird anhand
von 18 Problembereichen des „Carers‘
Needs Assessment for Dementia (CNAD)“ durchgeführt.26 Erfasst wird, ob Bedarfe in diesen Bereichen bestehen und
wenn ja, ob und wie diese gedeckt sind.
Zudem wird das Inanspruchnahmeverhalten von bestimmten Angeboten und
Maßnahmen systematisch erhoben.
Ausblick
Vor dem Hintergrund fehlender kausaler Therapien für Demenz, steigender
Demenz-Prävalenzraten sowie der Tatsache, dass das informelle Pflegepotenzial sinkt, kommt einer Bedarfsanalyse
sowie der Optimierung der häuslichen
Versorgungssituation bei Demenz eine
wesentliche Bedeutung zu. Das Projekt
Bayerischer Demenz Survey wurde ge-

Mittels der Bedarfsanalyse BayDem lassen
sich gezielte und optimierte Handlungsstrategien für die häusliche Versorgung
Demenzkranker entwickeln.
zielt vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege gefördert, um die häusliche Versorgung von
Personen mit Demenz durch pflegende
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

69

Angehörige in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Regionen darzustellen und Handlungsempfehlungen
für eine optimierte häusliche Versorgungssituation bereitzustellen. ///

/// U
 niv.-Prof. Dr. med.
Peter Kolominsky-Rabas, MBA
ist Geschäftsführender Vorstand des Interdisziplinären Zentrums für HTA und
Public Health, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

/// Dipl.-Sozialwirtin
Sandra Schaller
ist Projektleiterin Bayerischer Demenz
Survey (BayDem), Interdisziplinäres
Zentrum für HTA und Public Health,
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

70	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

Anmerkungen
  1 Robert Koch Institut: Pflegende Angehörige –
Deutschlands größter Pflegedienst, GBE kompakt
3/2015.
  2 Adelman, R. D. / Tmanova, L. L. / Delgado, D.
u. a.: Caregiver burden: a clinical review, JAMA
311/10 2014, S. 1052-1060; Chiao, C. Y. / Wu, H.
S. / Hsiao, C. Y.: Caregiver burden for informal
caregivers of patients with dementia: A systematic
review, in: Int. Nurs. Rev. 62/3 2015, S. 340-350;
Adabbo, R. / Graessel, E.: Perceived burden of informal caregivers of a chronically ill older family
member: burden in the context of the transactional stress model of Lazarus and Folkman, in: GeroPsych: the journal of gerontopsychology and
geriatric psychiatry, 24/3 2011, S. 143-154.
  3 Pinquart, M. / Sorensen, S.: Differences between
caregivers and noncaregivers in psychological
health and physical health: a meta-analysis, in:
Psychol Aging 18/2 2003, S. 250-267.
  4 H ansberry, M. R. / Chen, E. / Gorbien, M. J.: Dementia and elder abuse, in: Clin Geriatr Med 21/2
2005, S. 315-332.
  5 S chulz, R. / Beach, SR: Caregiving as a risk factor
for mortality: the Caregiver Health Effects Study,
JAMA, 282/23 1999, S. 2215-2219.
  6 E ska, K. / Graessel, E. / Donath, C. u. a.: Predictors of institutionalization of dementia patients in
mild and moderate stages: a 4-year prospective
analysis, Dement Geriatr Cogn Dis Extra, 3/1
2013, S. 426-445.
  7 Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen: Bedarfsgerechte Versorgung – Perspektiven für ländliche Regionen und
ausgewählte Leistungsbereiche, Gutachten 2014.
  8 World Health Organization (WHO): Dementia – a
public health priority, 2012.
  9 A lzheimer Europe: Paris Declaration, 2006.
10 A lzheimer Europe: Glasgow Declaration, 2014.
11 A lzheimer Europe: National Dementia Plans,
2015.
12 Bundesmininsterium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Allianz für Menschen mit Demenz, 2016.
13 Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL): Gesundheitsreport
Bayern. Demenzerkrankungen – Update 2014.
14 Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit
und Pflege: Bayerische Demenzstrategie 2013.
15 Grassel, E. / Donath, C. / Hollederer, A. u. a.:
(Evidence-based health services research-a short
review and implications) Gesundheitswesen, 77/3
2015, S. 193-199.
16 StMGP: Bayerische Demenzstrategie 2013.
17 G alasko, D. / Bennett, D. / Sano, M. u. a.: An inventory to assess activities of daily living for clinical trials in Alzheimer‘s disease, The Alzheimer‘s
Disease Cooperative Study, Alzheimer Dis Assoc
Disord 1997, 11 Suppl 2, S. 33-39; Dieslb.: ADCS
Prevention Instrument Project: assessment of instrumental activities of daily living for communitydwelling elderly individuals in dementia prevention clinical trials, Alzheimer Dis Assoc Disord,
20/4 Suppl 3 2006, S. 152-169.
18 Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), Deutsche

Gesellschaft für Neurologie (DGN): S3-Leitlinie
Demenz, 2009.
19 Folstein, M. F. / Folstein, S. E. / McHugh, P. R.:
„Mini-mental state“. A practical method for grading the cognitive state of patients for the clinician,
J. Psychiatr. Res., 12/3 1975, S. 189-198.
20 Cummings, J. L. / Mega, M. / Gray, K. u. a.:
The Neuropsychiatric Inventory: comprehensive
assessment of psychopathology in dementia, Neurology, 44/12 1994, S. 2308-2314.
21 Thorgrimsen, L. / Selwood, A. / Spector, A. u. a.:
Whose quality of life is it anyway? The validity and
reliability of the Quality of Life-Alzheimer‘s Disease (QoL-AD) scale, Alzheimer Dis Assoc Disord, 17/4 2003, S. 201-208.
22 Herdman, M. / Gudex, C. / Lloyd, A. u. a.: Development and preliminary testing of the new fivelevel version of EQ-5D (EQ-5D-5L), Qual Life
Res, 20/10 2011, S. 1727-1736.
23 Wimo, A. / Gustavsson, A. / Jonsson, L. u. a.:
Application of Resource Utilization in Dementia
(RUD) instrument in a global setting, Alzheimers
Dement, 9/4 2013, S. 429-435 e17.
24 Graessel, E. / Berth, H. / Lichte, T. u. a.: Subjective
caregiver burden: validity of the 10-item short
version of the Burden Scale for Family Caregivers
BSFC-s, BMC Geriatr 2014, S. 14/23.
25 Lubben, J. / Blozik, E. / Gillmann, G. u. a.: Performance of an abbreviated version of the Lubben
Social Network Scale among three European community-dwelling older adult populations, Gerontologist, 46/4 2006, S. 503-513.
26 Wancata, J. / Krautgartner, M. / Berner, J. u. a.:
The Carers‘ Needs Assessment for Dementia
(CNA-D): development, validity and reliability, in:
Int Psychogeriatr, 17/3 2005, S. 393-406.

	

1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

71

Quelle: BSIP/Getty Images

/// Gegen das Vergessen

Die Bayerische Demenzstrategie
Gabriele Hartl /// In Bayern leben derzeit ca. 220.000 Menschen mit Demenz, Tendenz steigend. Um dieser Herausforderung zu begegnen, hat die Bayerische Staatsregierung eine ressortübergreifende Demenzstrategie entwickelt. Die Bayerische
Demenzstrategie hat fünf Leitziele und zehn Handlungsfelder, die alle mit konkreten
Projekten hinterlegt sind.

Aufgrund der demographischen Veränderungen muss in Bayern bis zum Jahr
2020 von einem Anstieg von derzeit
220.000 auf rund 270.000 Menschen
mit Demenz ausgegangen werden. Bis
zum Jahr 2032 werden voraussichtlich
ca. 340.000 an Demenz erkrankte Menschen in Bayern leben. Um dieser politi-

Gegen die zunehmende Zahl von
Demenzkranken hat Bayern
eine umfassende Strategie entwickelt.
schen und gesamtgesellschaftlichen Herausforderung zu begegnen, wurde im
Juli 2013 die interministeriell erarbeitete Bayerische Demenzstrategie veröffentlicht. Darin haben bereits bestehende Maßnahmen Eingang gefunden, zu
denen fortlaufend neue Projekte hinzukommen.
Die Bayerische Demenzstrategie ist
von fünf Leitzielen getragen:
72	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

•	den Bewusstseinswandel in der
Gesellschaft im Umgang mit dem
Thema Demenz weiter voranzuführen,
•	die Selbstbestimmung und Würde
der Betroffenen in allen Phasen der
Erkrankung zu bewahren,
•	die Lebensbedingungen und die Lebensqualität für die Erkrankten und
ihre Angehörigen zu verbessern,
•	die Rahmenbedingungen dafür zu
schaffen, Betroffenen ein Leben in
der Mitte unserer Gesellschaft zu ermöglichen und
•	eine angemessene, an den Bedürfnissen orientierte medizinische Versorgung, Betreuung und Pflege sicherzustellen.
Auf Grundlage der fünf Leitziele
wurden zehn Handlungsfelder entwickelt, zu denen es eine Vielzahl konkreter Projekte gibt. Eine Auswahl wird im
Folgenden dargestellt. Weitere Informationen finden sich unter www.stmgp.

Demenz kann jeden treffen. Umso wichtiger ist es, wirksame Präventivstrategien und Maßnahmen
zu entwickeln, wie es in Bayern bereits geschieht.

bayern.de/pflege/demenz/. Sofern nicht
anders erwähnt, werden die genannten
geförderten Projekte vom Bayerischen
Staatsministerium für Gesundheit und
Pflege finanziell unterstützt.
Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit
Obwohl das Thema Demenz langsam
aus der Tabuzone heraustritt, ist der
Umgang mit der Erkrankung für Betroffene und Angehörige oft noch schambesetzt und auch Menschen, die nicht direkt mit Demenzkranken konfrontiert
sind, meiden das Thema aus Unsicherheit. Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit sind erforderlich, um Ängste und
Tabus im Umgang mit Betroffenen weiter abzubauen.
	

Gefördert werden Demenzpaten, die
sich in ihrem Umfeld ehrenamtlich für
eine neue Kultur im Umgang mit Menschen mit Demenz einsetzen. Durch Information und Aufklärung tragen sie
dazu bei, dass Menschen mit Demenz
mehr Verständnis entgegengebracht
wird. Dazu suchen sie aktiv den Kontakt zu Bürgern in ihrem persönlichen
Umfeld. Sie sprechen über das Thema
und geben praktische Hinweise zu einem angemessenen Umgang mit Betroffenen.
Im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultus,
Wissenschaft und Kunst wurde am
Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung die Handreichung
„Verständnis für Menschen mit Demenz
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

73

– eine Herausforderung für allgemeinund berufsbildende Schulen“ entwickelt. Sie gibt Lehrkräften Anregungen
für Lernarrangements, in denen sich
Schüler mit dem Thema Demenz auseinandersetzen und Kompetenzen im
Umgang mit an Demenz erkrankten
Menschen entwickeln können.
Im April 2015 wurden auf dem
1.  Bayerischen Fachtag Demenz ausgewählte Projekte, die im Rahmen der
Bayerischen Demenzstrategie entstanden sind, vorgestellt. Der Fachtag soll in

Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit
helfen, Ängste im Umgang mit
Demenzkranken abzubauen.
Zukunft als Forum für die Vorstellung
innovativer Projekte und zur Förderung
des fachlichen Austausches regelmäßig
stattfinden.
Ab dem Frühjahr 2016 wird eine
Wanderausstellung des Bayerischen
Staatsministeriums für Gesundheit und
Pflege zur Demenz durch Bayern touren.
Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt mit dem Landesverband Bayern
der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.
Ihr Ziel ist es, auch Menschen, die bisher nicht mit der Erkrankung konfrontiert wurden, auf das Thema aufmerksam zu machen, Verständnis für Menschen mit Demenz zu erwecken und
Ängste abzubauen.
Prävention und Früherkennung
Neuere Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass Risikofaktoren für HerzKreislauf-Erkrankungen auch einen
Einfluss auf die Entwicklung von Demenzerkrankungen haben. Ein gesundheitsförderlicher Lebensstil kann dazu
74	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

beitragen, bis ins hohe Alter gesund und
leistungsfähig zu bleiben.
Das vom Institut für Sportwissenschaften und Sport an der FriedrichAlexander-Universität Erlangen-Nürnberg entwickelte Projekt GESTALT ist
ein Bewegungsprogramm zur Vorbeugung demenzieller Erkrankungen. Es
wendet sich an ältere Erwachsene, die
körperlich nur wenig oder gar nicht aktiv sind und damit ein erhöhtes Risiko
für eine Demenz haben. Mit insgesamt
40 Übungseinheiten war das Erlanger
Pilotprojekt recht aufwendig in der
Durchführung. Daher wird derzeit eine
verkürzte Version des Programms entwickelt, die unter dem Titel „GESTALT
kompakt“ die bewährten Elemente in 12
Wochen vermittelt und den Anforderungen des „Leitfadens Prävention“ der
Gesetzlichen Krankenversicherungen
entspricht. Das Programm wird im Rahmen der Initiative Gesund.Leben.Bayern gefördert.
Das Projekt „Sport und Bewegung
trotz(t) Demenz“ des Landesverbands
Bayern der Deutschen Alzheimer Gesellschaft wird als Modellvorhaben gefördert. In Kooperation mit unterschiedlichen Verbänden, Vereinen und
Organisationen, die im Bereich Sport
und Bewegung tätig sind, sowie mit regionalen Demenznetzwerken werden
Sport- und Bewegungsangebote entwickelt, an denen Menschen mit Demenz
in unterschiedlichen Phasen der Erkrankung teilnehmen können. Die Angebote sollen in ganz Bayern von speziell geschulten Kursleitern umgesetzt
werden.
Aus-, Fort- und Weiterbildung
Die Behandlung und Betreuung von
Menschen mit Demenz sowie der Umgang mit ihnen erfordern einschlägiges

Wissen, insbesondere bei den pflegerischen und medizinischen Berufsgruppen. Darüber hinaus soll jeder, der in
seinem Berufsalltag mit demenziell erkrankten Menschen zu tun hat, im Umgang mit Betroffenen geschult sein.

Ein gesunder Lebensstil senkt das
Risiko für Demenzerkrankungen.

In der Ausführungsverordnung zum
Pflege- und Wohnqualitätsgesetz (AVPfleWoqG) wird neben anderen zentralen Weiterbildungen auch die Weiterbildung gerontopsychiatrische Pflege und
Betreuung geregelt. Der erfolgreiche Abschluss der Weiterbildung, die es nur in
Bayern gibt, berechtigt zum Führen der
Weiterbildungsbezeichnung „Fachkraft
für Gerontopsychiatrische Pflege“ für
Fachkräfte im Bereich der Pflege oder
„Fachkraft für Gerontopsychiatrische
Betreuung“ für Fachkräfte im Bereich
der Therapie oder der sozialen Betreuung.
Gefördert wird das Projekt „Menschen mit Demenz im Krankenhaus“
des Landesverbands Bayern der Deutschen Alzheimergesellschaft. Ein wesentlicher Bestandteil ist, die Krankenhäuser durch Schulung des Krankenhauspersonals, Sensibilisierung der Klinikmitarbeiter und Beratung Angehöriger zu unterstützen. In einer derzeit
laufenden dritten Phase des Projekts
wird eine krankenhausspezifische Empfehlung zum Umgang mit herausforderndem Verhalten erarbeitet, die so	

wohl theoretische als auch praktische
Hilfen beinhaltet.
Der professionelle Umgang mit
Menschen mit einer Demenzerkrankung erfordert von den Polizeibeamten
einschlägiges Wissen und entsprechende Verhaltensweisen. Bereits in der praxisorientierten Ausbildung werden die
notwendigen Lerninhalte in den Rechtsfächern, den praktisch-taktischen Fächerkombinationen und den persönlichkeitsbildenden Fächern wie z. B. Berufsethik, Kommunikation und Konfliktbewältigung weitergegeben. Die Auseinandersetzung mit Werten und Normen,
Menschenbild und Menschenwürde
wird im Rahmen einer werteorientierten
Menschenbildung z. B. in Workshops
oder Projekttagen verstärkt. Zusätzlich
wird das Thema Demenz zielgruppenund bedarfsorientiert im Rahmen der
Fortbildung bei der Bayerischen Polizei
wiederholt aufgegriffen und behandelt.
Aus- und Fortbildungen sind für alle
Berufsgruppen, die mit Demenzkranken
in Kontakt kommen, sinnvoll.

Die Bayerische Justiz bietet Betreuungsrichtern die Möglichkeit von viertägigen Fortbildungen, bei denen sie in die
betreuungsrichterliche Praxis eingeführt werden. Diese werden zwei Mal
pro Kalenderjahr durchgeführt.
Häusliche Versorgung und
Entlastung pflegender Angehöriger
Zwei Drittel der Demenzkranken werden zu Hause versorgt, meistens von
Angehörigen. Angehörige oder andere
nahestehende Personen, die Demenzkranke betreuen und pflegen, sind hohen Belastungen ausgesetzt. Um die
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

75

häusliche Pflege in diesem Umfang auch
in Zukunft sicherstellen zu können, ist
der Erhalt der Gesundheit und der Pflegebereitschaft pflegender Angehöriger
unerlässlich. Benötigt werden ein Pflege- und Betreuungsmix aus Fachkräften, geschulten Ehrenamtlichen und
Angehörigen sowie Beratungs- und Unterstützungsangebote, auf die Betroffene und Pflegepersonen jederzeit zugreifen können.
Zur Entlastung der häuslich Pflegenden werden derzeit ca. 560 niedrigschwellige Betreuungsangebote gefördert. Dazu zählen v. a. Betreuungsgruppen und ehrenamtliche Helferkreise.
Dort engagieren sich unter fachlicher
Leitung über 2.200 ehrenamtliche Helfer. Eine gemeinsam mit den Pflegekassen geförderte Agentur zum Auf- und
Ausbau niedrigschwelliger Angebote
trägt dazu bei, diese Angebote noch
weiter in die Fläche zu bringen.
Unterstützung erhalten häuslich
Pflegende in den rd. 100 geförderten
Fachstellen für pflegende Angehörige.
Aufgabe dieser ist es, durch psychosoziale Beratung, begleitende Unterstützung
und Entlastung der pflegenden Angehörigen älterer pflegebedürftiger Menschen zu verhindern, dass die Angehörigen durch die oft lang andauernde Pflege selbst erkranken und zum Pflegefall
werden. Die Fachstellen für pflegende
Angehörige gibt es seit dem Jahr 1998.
Sie werden aus dem Förderprogramm
„Bayerisches Netzwerk Pflege“ gefördert.
„MAKS aktiv“ steht für Motorische,
Alltagspraktische, Kognitive und Spirituelle Aktivierung – ein Konzept zur
nicht-medikamentösen Aktivierung für
demenzerkrankte Menschen. Die Aktivierungstherapie verspricht einen längeren Erhalt alltagspraktischer und kogni76	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

tiver Fähigkeiten, als dies bei klassischen medikamentösen Therapien der
Fall ist. Um „MAKS aktiv“ auch für zu
Hause lebende Menschen mit kogniti-

Häuslich Pflegende brauchen
Unterstützung und Entlastung.

ven Beeinträchtigungen zu erschließen,
wurde die Therapie für Tageseinrichtungen für Senioren angepasst und erweitert (MAKS-T). Aktuell läuft eine
große Wirksamkeitsstudie, an der bundesweit 34 Tageseinrichtungen für Senioren, davon 17 in Bayern, beteiligt sind.
Das Projekt wird vom GKV-Spitzenverband gefördert. In Bayern wird dieses
Projekt finanziell unterstützt durch Förderung einer Studie zu nicht-medikamentösen Aktivierungsmaßnahmen für
Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung in der Tagespflege mit telefonischer
Angehörigen-Kurzintervention
(„DeTaMAKS“), die von der FriedrichAlexander-Universität Erlangen-Nürnberg durchgeführt wird.
Stationäre Versorgung im Krankenhaus und in der geriatrischen
Rehabilitation
Ungefähr 10-20 % der Patienten, die wegen einer körperlichen Erkrankung im
Krankenhaus sind, leiden an Denkstörungen bis hin zu einer Demenz. Diese
Begleiterkrankung stellt die Allgemeinkrankenhäuser vor große Herausforderungen. Bereits im Jahr 2011 wurden im
Bayerischen Gesundheitsministerium

20 Empfehlungen für eine verbesserte
Versorgung von Patienten mit Demenzerkrankungen im Allgemeinkrankenhaus erarbeitet und an alle Krankenhausträger versandt. Die Empfehlungen
zeigen Möglichkeiten auf, wie belastende Situationen für die Patienten, Angehörigen und das Krankenhauspersonal
reduziert werden können. Neben der
Fortbildung des Krankenhauspersonals
beinhalten sie Maßnahmen zu Veränderungen in den Strukturen und Prozessen sowie zur baulichen Gestaltung. Ein
großer Teil der empfohlenen Maßnahmen kann bereits kurzfristig ohne großen Aufwand im Rahmen der vorhandenen Ressourcen eines Krankenhauses
umgesetzt werden. Um die Krankenhäuser noch besser auf die Herausforderung Demenz vorzubereiten, werden
einzelne modellhafte Projekte gefördert.
Seit Jahren wird die stationäre geriatrische Versorgung gezielt aufgebaut. In
der Geriatrie werden ältere Patienten
anhand eines umfassenden Behandlungsansatzes versorgt. Die geriatrische
Behandlung umfasst die körperlichen,
funktionellen, geistigen, psychischen
und sozialen Aspekte der älteren Menschen. Insgesamt gibt es in Bayern über
4.600 Betten der Geriatrie, 2.773 geriatrische Rehabilitationsbetten und ergänzend dazu 1.884 Betten der Akutgeriatrie.
Stationäre Versorgung in
Pflegeeinrichtungen
Demenzielle Erkrankungen sind der
häufigste Grund für einen Umzug ins
Pflegeheim. Pflegeeinrichtungen müssen sich auf die Bedürfnisse von Demenzpatienten einstellen und ihre Konzepte anpassen.
Laut der Ausführungsverordnung
des Pflege- und Wohnqualitätsgesetzes
	

(AVPfleWoqG) müssen in stationären
Einrichtungen der Pflege und für ältere
Menschen gerontopsychiatrisch qualifizierte Fachkräfte im Verhältnis von je
einer Fachkraft pro 30 Bewohnern, in
gerontopsychiatrischen Einrichtungen
oder Wohnbereichen im Verhältnis von
je einer Fachkraft pro 20 Bewohnern
eingesetzt werden. Sofern mindestens
zwei Vollzeitstellen mit Fachkräften für
Gerontopsychiatrie vorzuhalten sind,
muss mindestens eine davon Pflegefachkraft sein. Durch diese rechtliche Vorgabe sollen die besonderen Bedürfnisse
der gerontopsychiatrisch erkrankten
Menschen Berücksichtigung finden.
Pflegeoasen für schwer demenzkranke Menschen zielen auf eine Minimierung oder Vermeidung von Ängsten ab,
verhindern Einsamkeit und Isolation

Die Pflegeeinrichtungen müssen auch
auf die Bedürfnisse Demenzkranker
ausgerichtet sein.
und vermitteln Sicherheit und Geborgenheit. Bewährt haben sich Pflegeoasen als Wohnbereich einer Pflegeeinrichtung sowie Tagespflegeoasen. Gefördert wurde die wissenschaftliche Begleitung zur Einführung von Konzepten
der Pflegeoase.
Ab dem Jahr 2016 werden die Einrichtungen der Kurzzeitpflege sowie der
Tages- und Nachtpflege im Hinblick auf
besondere bauliche Anforderungen für
Demenzerkrankte finanziell unterstützt. Ein neues Förderprogramm wird
dazu beitragen, ein demenzgerechtes
Umfeld zu schaffen oder zu verbessern.
Es soll dazu beitragen, die Anzahl verfügbarer Plätze dieser alternativen Versorgungsformen zu erhöhen.
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

77

Sterbebegleitung
Da bei Demenzkranken die Möglichkeiten, autonom und selbstbestimmt zu
handeln, eingeschränkt sind, ist eine
mitfühlende und sensible Sterbebegleitung von Bedeutung, die die mit dieser
Erkrankung einhergehenden besonderen Bedürfnisse berücksichtigt. Hospizarbeit und Palliative Care sind geprägt
von mitmenschlicher Zuwendung und
ermöglichen den Patienten eine umfassende Versorgung. Neben der reinen
Sterbebegleitung sollte bei Menschen
mit Demenz eine integrative Palliative
Care schon zu einer frühen Phase an Bedeutung gewinnen.
Der regelmäßig am Bayerischen
Staatsministerium für Gesundheit und
Pflege tagende interdisziplinär zusammengesetzte Expertenkreis „Palliativmedizin und Hospizarbeit“ hat eine
Ethische Handlungsorientierung in der
Hospiz- und Palliativversorgung entwickelt. Menschen, die sich als Ehrenamtliche, Professionelle, Familienangehörige oder Freunde dazu entschließen,
Menschen mit oder ohne Demenz auf
ihrem letzten Lebensweg zu begleiten,
erhalten hier fachübergreifend zu ethischen und spirituellen Fragen eine
Handreichung.

Eine ganzheitliche Sterbebegleitung
ist auch für Demenzkranke von großer
Bedeutung.
Der geförderte Lehrfilm „Das letzte
Lebensjahr von Anni Huber“ greift die
Bedürfnisse Demenzerkrankter im palliativgeriatrischen Kontext auf. Pflegende sollen konkrete Anleitung und hilfreiche Anregungen für ihren Praxis­
alltag erhalten. Inhaltliche Schwerpunk78	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

te sind u. a. die Schmerzwahrnehmung
und -deutung bei Menschen mit Demenz, nichtmedikamentöse und medikamentöse Schmerztherapie sowie die
ethische Entscheidungsfindung in der
Pflege mittels ethischer Fallbesprechung
und palliativer Notfallpläne.
Vernetzung und kommunale
Strukturen
Eine wesentliche Voraussetzung für eine
optimale Ausnutzung der vorhandenen
Ressourcen und für eine schnelle und
wirkungsvolle Unterstützung der Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen ist eine optimale Vernetzung der
Akteure aller Bereiche. Dazu gehören
neben einer Stärkung der sektorenübergreifenden Versorgung auch der weitere
Ausbau und die Stärkung von regionalen und überregionalen Netzwerken.
Die Landkreise und kreisfreien Städte sind seit dem 1. Januar 2007 gem.
Art. 69 Abs. 2 des Gesetzes zur Ausführung der Sozialgesetze (AGSG) gefordert, regionale integrative Seniorenpolitische Gesamtkonzepte, die nach dem
Grundsatz „ambulant vor stationär“ die
Lebenswelt älterer Menschen mit den
notwendigen Versorgungsstrukturen
sowie neue Wohn-und Pflegeformen für
ältere und pflegebedürftige Menschen
im ambulanten Bereich umfassen, zu erstellen. Diese gehen weit über die bisherige Pflegebedarfsplanung hinaus. Ein
spezielles Handlungsfeld ist dabei den
Angeboten für besondere Zielgruppen,
wie z. B. Menschen mit Demenz, gewidmet.
Mehrgenerationenhäuser sind am lokalen und regionalen Bedarf orientierte
zentrale Treffpunkte und Anlaufstellen
für alle Generationen in den Städten,
Gemeinden und Landkreisen Bayerns.
Sie haben eine starke generationenüber-

greifende Ausrichtung und bilden in einem Netzwerk großfamiliäre und nachbarschaftliche Bildungs- und Unterstützungsstrukturen nach. Eine zunehmend
wichtige Zielgruppe der Mehrgenerationenhäuser sind demenziell erkrankte
Menschen und deren betreuende Angehörige. Die Häuser kooperieren dabei
eng mit Pflegeberatungsstellen und Pflegestützpunkten sowie mit den regionalen Alzheimer Gesellschaften und vielen
weiteren Akteuren. Mehrgenerationenhäuser werden durch das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser II des
Bundes und durch die Kommunen gefördert. Das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und
Integration unterstützt besonders vom
demographischen Wandel betroffene
und finanzschwache Kommunen bei
dieser Finanzierung.
Aus Modellprojekten heraus ist der
Ambulante Gerontopsychiatrische Verbund Bayern (AGVB) entstanden, ein
Zusammenschluss von Fachleuten aus
der ambulanten gerontopsychiatrischen
Versorgung in Bayern, die sich insbesondere für den Ausbau einer bedarfsgerechten ambulanten gerontopsychiatrischen Versorgung, der Entwicklung und
Realisierung innovativer Konzepte und
der Weiterentwicklung bestehender
Versorgungsangebote einsetzen.
Grundlagen- und Versorgungsforschung
Ziel der Grundlagenforschung ist es, Ursachen und Risikofaktoren von verschiedenen Demenzformen zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln. Die Versorgungsforschung trägt
dazu bei, innovative, ortsnahe, ambulante Versorgungsstrukturen und -konzepte für Menschen mit Demenz zu erproben und zu verbreiten.
	

Das im Jahr 2009 gegründete Deutsche Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen in München soll in Zusammenarbeit mit den bestehenden Forschungsstrukturen beider Münchner
Universitäten die Forschung in den Bereichen Neurobiologie, Neurodegeneration
und Demenzen weiter vorantreiben. Das
2010 am Klinikum der Universität München in Betrieb genommene Institut für

Regionale und überregionale
Netzwerke unterstützen
Demenzkranke und Angehörige.

Schlaganfall- und Demenzforschung
(ISD) hat sich zum Ziel gesetzt, die
Forschung im Bereich von Schlaganfallund Demenzerkrankungen voranzutreiben und zur Entwicklung neuer Behandlungsoptionen beizutragen. Dort werden
zum Beispiel klinische Studien zur
Prüfung neuer Medikamente zur Behandlung der Alzheimer-Demenz oder
zum Einsatz bereits bekannter Medikamente bei Hirnleistungsstörungen bzw.
Demenzerkrankungen durchgeführt.
Die Bayerische Landesarbeitsgemeinschaft Gesundheitsversorgungsforschung mit der Geschäftsstelle am
Bayerischen Landesamt für Gesundheit
und Lebensmittelsicherheit (LGL) wurde im Jahr 2012 gegründet. Als konkrete Maßnahme werden z. B. Eckdaten
zur Häufigkeit und zur Entwicklung der
Demenzerkrankungen bereitgestellt wie
der Gesundheitsreport Bayern 3/2014
„Demenzerkrankungen – Update 2014“,
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

79

der im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung vom LGL erstellt wurde.
Gemeinsam mit der sozialen und
privaten Pflegeversicherung werden Modellvorhaben gefördert, die der Weiterentwicklung der ambulanten Versor-

Der Freistaat Bayern fördert
Modellvorhaben zur Verbesserung
der Versorgung.

gung Demenzkranker dienen. Schwerpunkte waren zuletzt stadtteilbezogene
Demenzpaten, innovative Betreuungsansätze in Gastfamilien, die Entwicklung neuer ambulanter Wohnformen
oder der Aufbau eines interkulturellen
Demenz-Netzes für ältere Migranten.
Gefördert wird das Projekt „Bayerischer Demenz Survey“ des Interdisziplinären Zentrums für Health Technology
Assessment und Public Health der Friedrich-Alexander-Universität
ErlangenNürnberg. Anhand von Daten zum
Krankheitsverlauf, dem Versorgungsund Pflegeaufwand sowie der Angehörigenbelastung soll ein besseres Verständnis für die Auswirkungen von Demenzerkrankungen auf die Betroffenen sowie
ihre Familien gewonnen und deren Versorgungssituation verbessert werden. Die
Daten werden an drei unterschiedlichen
Standorten in städtisch und ländlich geprägten Regionen in Bayern erhoben.
Rechtliche Betreuung
Durch den fortschreitenden Verlust der
geistigen Fähigkeiten und die damit ver80	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

bundenen Einschränkungen, in eigenen
Angelegenheiten rechtlich wirksam zu
handeln, ist es notwendig, frühzeitig
selbst oder später im Sinne der Betroffenen die Möglichkeiten der rechtlichen
Betreuung zu regeln. Unabhängig davon
ergibt sich mit dem weiteren Verlauf der
Demenzerkrankung durch verschiedenste krankheitsbedingte Einschränkungen die Gefahr der Selbstgefährdung, die Schutzmaßnahmen für die
Betroffenen erforderlich machen kann.
Das Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen hat in Zusammenarbeit mit der
Betreuungsstelle beim Landratsamt
Garmisch-Partenkirchen den Werdenfelser Weg entwickelt. Er setzt auf die
Vermeidung von Freiheitsbeschränkungen durch intensive Prüfung pflegerischer Alternativen. Zu diesem Zweck
werden vom Gericht speziell geschulte
Verfahrenspfleger mit eigener pflegerischer Berufserfahrung eingesetzt, die in
jedem Einzelfall gemeinsam mit allen
Beteiligten prüfen, ob durch vorbeugende Maßnahmen wie Niederflurbetten,
Schutzkleidung oder Bewegungstraining eine Fixierung des Betroffenen vermieden werden kann. In Bayern, aber
auch in anderen Bundesländern haben
sich zwischenzeitlich zahlreiche Gerichte dem Werdenfelser Weg angeschlossen. Zur Weiterentwicklung der Maßnahmen im Rahmen des Werdenfelser
Wegs werden Fachtagungen abgehalten,
so zuletzt am 17. Juli 2015 zum Thema
„Vermeidung der Freiheitsentziehung
durch Medikamente“. Die Organisation
der Fachtagung liegt bei den Initiatoren
des Werdenfelser Wegs.
Die Kampagne „Eure Sorge fesselt
mich“ sensibilisiert pflegende Angehörige und Personal in Pflegeeinrichtungen
und stellt bewährte Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen vor.

Herzstück der Kampagne ist eine mit
fachlicher Unterstützung des Projekts
Redufix produzierte DVD, die über das
Thema freiheitsentziehende Maßnahmen informiert und in zwei Kurzfilmen
– zur häuslichen und zur stationären
Pflege – in anschaulicher Art konkrete
Hilfestellungen zur Vermeidung solcher
Maßnahmen gibt.
Die „Initiative München, Psychopharmaka in Alten- und Pflegeheimen“
verfolgt das Ziel, über den Einsatz von
Psychopharmaka in Alten- und Pflegeheimen zu informieren und die Zusammenarbeit aller beteiligten Stellen zum
Wohl der Heimbewohner zu fördern.
Hierzu findet eine enge Kooperation
zwischen dem Bayerischen Staatsministerium der Justiz, dem Bayerischen
Staatsministerium für Gesundheit und
Pflege, dem Betreuungsgericht Mün-

Vorhaben auf den Weg zu bringen. Mit
der Demenzstrategie wurde ein langfristig angelegter Prozess eingeläutet, der
auf einen Bewusstseinswandel in der
Gesellschaft hinwirkt. Eine interministerielle Arbeitsgruppe unter Leitung des
Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege arbeitet unter Einbeziehung von Kooperationspartnern
weiterhin an der Umsetzung der Bayerischen Demenzstrategie.
Demenzkranken ein Leben in Würde zu ermöglichen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, von der alle
Bürger betroffen sind. Um den Anforderungen gerecht zu werden, ist eine kontinuierliche komplexe Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz in allen
Handlungsfeldern erforderlich. Jeder ist
aufgerufen, in seinem Verantwortungsbereich zu handeln und notwendige
Maßnahmen umzusetzen. ///

Der beispielgebende Werdenfelser Weg
setzt auf die Vermeidung von
Freiheitsbeschränkungen.
chen, dem Medizinischen Dienst der
Krankenversicherung in Bayern, dem
Bayerischen Hausärzteverband, den Betreuungsstellen der Stadt und des Landkreises München und den Fachstellen
für Pflege- und Behinderteneinrichtungen, Qualitätsentwicklung und Aufsicht
(FQA) in der Altenpflege statt.

/// LMRin Dr. Gabriele Hartl
ist Leiterin des Referats Demenzstrategie, Ehrenamt in der Pflege, Patientenangelegenheiten im Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege,
München.

Ausblick
Die Bayerische Demenzstrategie wird
gelebt. Das haben nicht zuletzt die 77
vielfältigen und ideenreichen Projekte
gezeigt, die für den Bayerischen Demenzpreis 2015 eingereicht wurden. Die
prämierten Projekte sollen anderen Institutionen ein Anstoß sein, ähnliche
	

1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

81

/// Stationäre Rehabilitation bei Demenz

„Wir haben Alzheimer“
Friedemann Müller /// Kaum eine Erkrankung ruft so viel Angst hervor wie die Alz-

Stationäre Rehabilitation bei
Demenz
Wenige Sätze drücken die Problematik
einer Erkrankung so schlaglichtartig
aus wie der Satz „Wir haben Alzheimer“, den man manchmal bei der Untersuchung vom Ehepartner eines Betroffenen vernimmt. Er bringt zum Ausdruck,
wie sehr die Erkrankung eines Menschen sein eigenes, aber auch das Leben
des Partners verändert. Dabei ist es für
die Betroffenen meist die beste Situation, wenn sich der vertraute Ehepartner
für den Erkrankten verantwortlich fühlt
und ihm einen möglichst langen Verbleib in der alten Umgebung gewährleistet. Deutlich schlechter steht es um alleinstehende Erkrankte. Bisher verfügbare pharmakologische Therapieoptionen sind leider nur sehr eingeschränkt
wirksam. Trotz intensiver Forschung
82	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

wurde noch keine kausale Therapie gefunden.
Während in der frühen Phase der Betroffene das Leiden oft noch selbst verbalisieren kann, auch wenn es selten zu
expliziten Konsequenzen führt, ist im
Verlauf die Gefahr groß, dass Angehörige aufgrund verständnislosen Verhaltens Fremder oder häufiger noch aus
Scham dazu tendieren, die Öffentlichkeit zu meiden. Für viele Partner ver-

Eine Demenzerkrankung betrifft
auch das familiäre und
betreuerische Umfeld.

Quelle: highwaystarz/Fotolia

heimer Demenz. Neben dem schleichenden Persönlichkeitsverlust des Betroffenen
droht die Überforderung der betreuenden Familienangehörigen, die die Hauptlast der
Pflege tragen. Eine stationäre Rehabilitation für Patient und Partner könnte einen
Teil des Schreckens abfangen, Ressourcen so lange wie möglich erhalten und den
Betreuern helfen, ihrer Aufgabe gewachsen zu sein.
Gedächtnistraining gegen das Vergessen – damit sollte man frühzeitig und präventiv anfangen.
Einmal erkrankt, hilft es nur geringfügig.

langt es eine große Anpassungsleistung,
das sich verändernde Verhalten des Betroffenen zu akzeptieren, insbesondere
sich wiederholende Fragen zu ertragen
und darauf zu antworten, sich nicht
mehr auf den anderen verlassen zu können, ja zunehmend mehr häusliche Arbeiten alleine übernehmen oder mindestens steuern zu müssen. Auch dem
wohlmeinendsten Angehörigen passiert
es häufig, dass er den Betroffenen maßregelt, zurechtweist, kritisiert oder auch
nur korrigiert. Eine Vielzahl von Studien hat gezeigt, dass hoher, pflegebedingter Stress mit verstärkter Depressivität
und Erschöpfung des Betreuers einhergeht.1 Dies führt auch zu vermehrten
körperlichen und psychosomatischen
	

Beschwerden der Angehörigen, was am
stärksten bei Demenz aufzutreten
scheint.2
Kurative Medizin oder
Rehabilitation?
Bisher hat die kurative Medizin den an
Demenz erkrankten Menschen außer
einer mäßig wirksamen symptomatischen Therapie wenig zu bieten. Da
setzt das bio-psycho-soziale Modell der
Rehabilitation an, das neben einer hier
nicht mehr realistischen Teilhabe am
Arbeitsleben die Teilhabe am Leben in
der Gemeinschaft als eine der Zielsetzungen postuliert. Körperfunktionen
und -strukturen sind nicht mehr veränderbar, aber Aktivitäten und Partizipati1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

83

Das bio-psycho-soziale Modell ersetzt den
bisher auf Defizite ausgerichteten Ansatz
durch Orientierung auf die Ressourcen.
on sind durch Modifikation von personenbezogenen und Umweltfaktoren beeinflussbar. Die wichtigste Rolle kommt
dabei dem Lebensgefährten und Betreuer zu.
In der Rehabilitationswissenschaft
spielt nicht die diagnoseorientierte
Krankheitstaxonomie die entscheidende Rolle. Mit dem bio-psycho-sozialen
Modell, wie es in der International Classification of Function (ICF)3 ausgeführt

ist, wird ein bedeutender Paradigmenwechsel vollzogen. Funktionale Probleme sind nicht mehr Attribute einer Person, sondern sie sind das negative Ergebnis einer Wechselwirkung. Diese
Betrachtung eröffnet ganz neue Perspektiven der Hilfe. Die ICF ist dank des
zugrundeliegenden Modells nicht primär defizitorientiert, also weniger eine
Klassifikation der „Folgen von Krankheit“. Vielmehr wird die Interdependenz
von „Komponenten von Gesundheit“
wie Körperfunktionen, Körperstrukturen, Aktivitäten und Partizipation (Teilhabe) sowie Umweltfaktoren betont.
Somit ist der Ansatz ressourcenorien-

Abbildung 1: Wechselwirkungen zwischen den Komponenten der ICF

Gesundheitsproblem
(Gesundheitsstörung oder Krankheit)

Körperfunktionen
und -strukturen

Aktivitäten

tiert. Probleme sind nicht mehr Attribute einer Person, sondern sie sind das negative Ergebnis einer Wechselwirkung,
die beeinflussbar ist. Das der ICF zugrunde liegende Verständnis der Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Komponenten zeigt Abbildung 1.
Das Modell einer stationären
Rehabilitation bei Demenz
Eine medizinische Rehabilitation wie
nach einem Schlaganfall ist bei einem an
Demenz Erkrankten in der Regel nicht
sinnvoll, da ein Wiedererwerb der verlorenen kognitiven Fähigkeiten nicht möglich ist und selbst bei intensivstem
Gedächtnistraining nur geringfügige
Verbesserungen erzielbar sind. Trotzdem lässt sich gerade auf der Basis des
Modells der ICF eine sinnvolle und
erfolgreiche Rehabilitation ermöglichen.
Es gibt einige wenige Institutionen in

Deutschland, die dies anbieten. Eine der
ältesten und oft auch als Namensgeber
für die anderen Einrichtungen fungierend ist das Alzheimer Therapiezentrum
(ATZ) in Bad Aibling, dessen Konzept
hier kurz dargestellt werden soll (Abb.
2). Es basiert auf drei Säulen der Behandlung. Der Erkrankte und sein betreuender Partner werden für drei bis vier Wochen stationär aufgenommen, leben in
dieser Zeit gemeinsam in einem wohnlich eingerichteten Apartment und erhalten täglich ein Programm mit TherapieEinheiten für den Patienten, den Betreuer oder auch gemeinsam in Gruppen.
Medizinische Behandlung des
Betroffenen
Eine kausale Behandlung der Demenz
ist derzeit ja nicht möglich, eine geringe
pharmakologische Beeinflussung allerdings schon. In Einklang mit den Leitli-

Abbildung 2: Eine stationäre Rehabilitation bei Demenz beruht auf 3 Säulen der
Behandlung:

>>	Medizinische Behandlung

Partizipation
(Teilhabe)

	

medikamentöse Therapie, Diagnostik

>>	Förderung der Ressourcen
	an erhaltenen Fähigkeiten ausgerichtetes individuelles Therapieprogramm für die Betroffenen
Umweltfaktoren

Quelle: Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit ICF, hrsg. vom Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), Köln 2005, S. 21.

84	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

>>	 Enger Einbezug der Angehörigen

personbezogene
Faktoren

	

intensives Schulungs- und Unterstützungsprogramm

Quelle: eigene Abbildung

	

1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

85

nien der wissenschaftlichen Fachgesellschaften4 kann die symptomatische Behandlung mit antidementiver Medikation durch Cholinesterasehemmer oder
bei stärker fortgeschrittener Erkrankung mit Memantine begonnen oder
nochmals neu versucht werden, wenn
Nebenwirkungen zum Abbruch eines
ersten Therapieversuchs geführt haben.
Hier ist die engmaschige Betreuung des
Patienten während einer Rehabilitationsmaßnahme hilfreich. Sehr viel häufiger und auch in der Wirkung durchgreifender ist die psychopharmakologische

Differenziert und vorsichtig
eingesetzt kann pharmakologische
Intervention hilfreich für alle
Betroffenen wirken.

Einstellung der Betroffenen. Oft kann
mit den modernen Antidepressiva, insbesondere aus der Klasse der Selektiven
Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer
wie z. B. Citalopram eine häufig vorkommende depressive Grundstimmung
gebessert werden. Bei zusätzlich vorhandenen Schlafstörungen können andere Substanzen helfen, z. B. Mirtazapin, auch wenn hierzu die Datenlage
weniger günstig ist.
Obwohl die Hauptstoßrichtung einer Rehabilitationsmaßnahme natürlich
nicht-pharmakologische Interventionen
sind, ist die Möglichkeit, auch den Einsatz von atypischen Antipsychotika unter engmaschiger therapeutischer und
ärztlicher Supervision zu optimieren,
86	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

besonders wertvoll. Im fortgeschrittenen Stadium einer Demenzerkrankung
kann neben Depression auch vermehrt
herausforderndes Verhalten auftreten.
Darunter werden Verhaltensweisen wie
Aggressivität / Agitiertheit, Angst und
nächtliches Umherirren, manchmal bedingt durch Halluzinationen und
Wahnvorstellungen, zusammengefasst.
Andere, den Angehörigen weniger belastende Verhaltensprobleme sind Apathie und die Tendenz zum Rückzug.
Diese Verhaltensstörungen verkürzen
im Mittel die Zeit bis zur vollstationären
Versorgungspflichtigkeit um zwei Jahre.5 In Pflegeeinrichtungen betrifft dieses Problem bis zu drei Viertel aller Bewohner.6 Gerade weil es Ziel ist, die Betroffenen nicht „ruhig“ zu stellen, ist ein
sehr differenzierter Umgang mit sedierender Medikation erforderlich. Sowohl
das vorsichtige Reduzieren einer seit
längerem gegebenen antipsychotischen
Substanz als auch ein Umsetzen auf ein
weniger psychomotorisch dämpfendes
Medikament ist unter stationären Bedingungen leichter möglich. Dies ist besonders wichtig, da die DART Studie7
nach zwölfmonatiger Anwendung eines
Antipsychotikums bei Demenz-Patienten eine steigende Mortalität zeigte.
Selten kommt es auch vor, dass die
Diagnose korrigiert werden muss, da
daraus Behandlungskonsequenzen erwachsen, z. B., weil ein Lewy-Body Syndrom nur als Alzheimer Erkrankung
gewertet wurde.
Förderndes Rehabilitationsprogramm
Auch wenn die Patienten bei der Aufnahmeuntersuchung auf die Frage nach
ihrem Befinden sehr häufig mit „gut“
antworten, sind die Auswirkungen der
Krankheit auf das Erleben von Betroffe-

nen doch sehr durchschlagend. Sie erfahren zunehmend ein Scheitern an Aufgaben, die sie früher problemlos erledigen konnten und stoßen ständig an ihre
Grenzen. Dieser schleichende Verlust
der eigenen Identität führt zu viel Unsicherheit, Angst, Apathie und abnehmender Aktivität. Neue Verhaltensweisen können in der Regel nicht mehr erworben werden. So ist beispielsweise
der Gebrauch eines Mobiltelefons oft
nicht mehr möglich. Dagegen bleiben
alte Erinnerungen noch lange erhalten.
Grundzüge der Persönlichkeit wie auch
die sozialen Umgangsformen sind anhaltend stabil. Besonders das Erleben
von Gefühlen, auch wenn sie kaum
noch verbalisierbar sind, oder das
Wahrnehmen des emotionalen Gehaltes
einer Interaktion können die Kommunikation sowohl positiv als auch negativ
bestimmen.
Erinnerungsarbeit
Aus diesem Grunde sollte kein leistungsorientiertes Vorgehen, wie es z. B.
spezielles Training der Gedächtnisfunktion beinhaltet, durchgeführt werden.
Dagegen ist das Anregen kognitiver Tätigkeit, beispielsweise durch Beschäftigung mit vertrauten Dingen, gut möglich. Im Rahmen der biographieorientierten Erinnerungsarbeit mit mitgebrachten eigenen Fotos, Bild- und Tonmaterial (Bücher, Musikstücke) oder
durch die Beschäftigung mit alten und
vertrauten Gegenständen, z. B. aus einer
Grabbelkiste, können die Betroffenen
wieder positive Erlebnisse erfahren.
Auch Kommunikations- und Erinnerungsspiele (Sprichwörter, Chronik)
werden mit viel Spaß erlebt. Wichtig ist
dabei immer die gezielte, individuelle
Förderung von Aktivität und Kreativität
ohne Überforderung (Reizüberflutung),
	

damit positive Erlebnisse vermittelt werden können. Dadurch können eine Verbesserung und Stabilisierung der Stimmung und die Stärkung des Selbstbewusstseins erreicht werden. Die Beto-

Biographieorientierte Erinnerungsarbeit
mit Vertrautem soll Aktivität und
Kreativität fördern und positive
Erfahrungen bewirken.
nung muss dabei immer auf der Akzeptanz und bejahender Kommunikation
(Validation) liegen. Negative Erfahrungen (Defizite, Kritik, Abwertung) müssen vermieden werden, da das implizite
emotionale Gedächtnis bei Menschen
mit Demenz noch relativ lange erhalten
zu sein scheint. Negative Erfahrungen
können nachwirken, auch wenn keine
bewusste Erinnerung mehr daran vorhanden ist. Auch bei Menschen mit Demenz gibt es einen emotionalen Gedächtniseffekt: Negative Informationen
und Erfahrungen werden stärker erinnert als neutrale.
Kunst- und Gestaltungstherapie
Wie viele ältere Erwachsene haben auch
die Betroffenen ihre gestalterische Kreativität oft viele Jahre nicht mehr gelebt.
In der Gestaltungstherapie mit verschiedenen Maltechniken („Nass in Nass“,
Seidenmalen, Dialogmalen etc.) lernen
viele wieder eine unentdeckte Seite der
Persönlichkeit kennen oder entdecken
eine zwischenzeitlich verschollene wieder. Hier können nonverbal Gefühle
ausgedrückt und verarbeitet werden.
Selbstverständlich muss jeglicher Leistungsanspruch dabei vermieden werden. Insbesondere Männern fällt es
manchmal schwer, Einladungen zu derartigen, scheinbar nicht ergebnisorien1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

87

tierten Tätigkeiten anzunehmen. Eventuell können dann „härtere“ Materialien helfen wie Arbeiten mit Holz oder
Speckstein.
Musik und Bewegung
Mit großer Begeisterung lassen sich unsere Paare zu Bewegungs- und Musikeinheiten einladen. Auch im ambulanten Bereich der Demenzbetreuung sind
Paartanzveranstaltungen
inzwischen
gut besuchte Einrichtungen. Im Rahmen der stationären Rehabilitation
kommen unsere Paare immer wieder
freudig erfüllt aus diesen Stunden.
Durch das Tanzen verbessern sich auch
Koordination und Konzentration und es
fördert die Gemeinsamkeit der Paare.
Daneben sind auch Singstunden mit älterem Liedgut (bis hin zu Schlagern der
60er-Jahre) Therapieeinheiten, in denen
alte Erinnerungen und Lebensfreude aktiviert werden. Gerade die Kombination
aus körperlicher Betätigung und Bewegung zusammen mit koordinierter At-

Mit Wandern, Spazierengehen, Gymnastik
und Tanzen kann man dem
Bewegungsdrang demenzieller Patienten
gut entgegenwirken.
mung bei gleichzeitigen kognitiven Inhalten ermöglicht emotional positiv besetzte Erfahrungen. Hier werden soziale
Kontakte noch gefördert, selbst wenn
eine intensivere sprachliche Kommunikation bereits verloren gegangen ist.
Der Bewegungsdrang stellt gerade
bei Betroffenen mit fortgeschrittener
Demenz eine Herausforderung für die
Betreuer dar. Daher sind auch andere
Arten von Bewegungstherapien wie
Wandergruppen, geführte Spaziergänge
88	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

oder leichte Gymnastik ebenfalls ein
wichtiger Bestandteil.
Angehörigenarbeit
Ein sehr wichtiger Teil einer gemeinsamen Rehabilitation betrifft die Angehörigen. Viele der in den Therapien angeregten Aktivitäten, in denen der Betroffene sich selbst wieder als Handelnder
erleben kann, wird er zu Hause nur
dann weiterführen, wenn die äußeren
Voraussetzungen und der Anstoß dazu
durch den Angehörigen geschaffen und
gepflegt werden. Für die Angehörigen
selbst ist es oft ein überwältigendes Gefühl, wenn Ressourcen des Erkrankten
wieder sichtbar werden und sie Persönlichkeitselemente des geliebten Partners
wieder erleben können.
Angehörige, die ihre erkrankten
Partner pflegen, werden aber häufig
selbst krank. Vor allem Depressionen
oder das sogenannte Burn-Out spielen
eine große Rolle. Jeder sechste pflegende
Angehörige hat zeitweilig damit zu
kämpfen. Nach einer Studie der Siemens
BKK liegt damit die Häufigkeit der Depression unter pflegenden Angehörigen
mehr als drei Mal höher als im Durchschnitt.8 Darüber hinaus kann man von
einer extrem hohen Dunkelziffer ausgehen. Gleichzeitig erlauben sich die Pflegenden selbst offenbar kaum eine längere Behandlung oder einen erforderlichen
Klinikaufenthalt, weil sie um die
Schwierigkeiten wissen, in die der an
der Demenz erkrankte Partner ohne seine gewohnte Bezugsperson gerät. Daher
sind besonders Modelle hilfreich, in denen ein gemeinsamer Aufenthalt mit
Angeboten für Betroffene und Betreuer
organisiert werden kann. Alternative
Angebote, die die Betreuer als Klienten
behandeln und die demenz-erkrankten
Partner quasi in Kurzzeitpflege nehmen,

erleben weniger Nachfrage. In diesem
Sinne hatte im Februar 2011 der damalige Gesundheitsminister Philipp Rösler
vorgeschlagen, gemeinsame Kuren von
Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen zu ermöglichen, ähnlich den Mutter-Kind-Kuren.9 Leider ist dies mit
ganz wenigen Ausnahmen nicht umge-

setzt worden. Aus der LEANDER-Studie10 wissen wir, dass es einen deutlichen Rückgang der Depressivität bei
Angehörigen gibt, die tagklinische Angebote nutzen und somit Entlastung für
sich selbst schaffen können.
Im Rahmen des drei- bis vierwöchigen Aufenthalts im ATZ lernen die Be-

Abbildung 3: Teufelskreismodell der Pflege von Demenzpatienten
durch Angehörige

P r ot

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P r ot

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Fak

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Stress

Maladaptive
Selbstwirksamkeit
Negativere Bewertung der
Pflegesituation
Geringeres Vertrauen in
eigene Kompetenzen

Eingeschränkte
physische/psychische
Gesundheit

Geringere Qualität
der Pflege
Unangemessenes
(z.B. aggressives)
Verhalten ggü.
Patient

Schlechtere Bewältigung
der Pflegeaufgaben

Quelle: Kunzler, A.: Stress, Respekterleben und psychische Gesundheit pflegender Angehöriger von Demenzpatienten: Eine längsschnittliche Pilotstudie, Diplomarbeit, Fachbereich Psychologie, Philipps-Universität Marburg, Marburg 2015, S. 17.

	

1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

89

treuer den Umgang mit der eigenen Belastung realistischer einzuschätzen.
Sehr wichtig ist der Erfahrungsaustausch mit gleichermaßen Betroffenen,
nicht selten entwickeln sich daraus
Freundschaften über viele Jahre. Psychologisch stützende, krankheitsverarbeitende Einzel- und Gruppengespräche
finden mit den Bezugstherapeuten statt.
Die intensive Betreuung durch die Klinikseelsorger ermöglicht offene Gespräche. Die Partner werden dazu ermutigt,
auch für sich selbst zu sorgen. Das Erleben von Solidarität und Unterstützung
durch andere Mitbetroffene und die
zeitliche Entlastung ermöglichen es,
Hilfen anzunehmen. Die Betreuer erfah-

Pflegende Angehörige müssen
achtsam mit sich selber sein und
brauchen dabei professionelle
Unterstützung.

ren, wie sich durch besseren Umgang
mit dem kranken Partner Konflikte reduzieren lassen und sie lernen auch, die
eigene Kompetenz besser einzuschätzen. Hierbei unterstützt ganz wesentlich
das Modell-Lernen am Beispiel von
Therapeuten und anderen Angehörigen.
Ziel ist dabei auch eine Einstellungsänderung: das Annehmen der Erkrankung
bei gleichzeitigem Erkennen von Ressourcen des erkrankten Partners. Unterstützt wird dies durch Entspannungsund Imaginationsübungen, Techniken
wie Muskelrelaxation oder autogenes
Training für die Betreuer. In der Paar90	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

massage treten die Angehörigen auf behutsame Weise in Kontakt mit dem
kranken Partner.
Wissensvermittlung alleine wirkt
sich nur gering auf das psychische
Wohlbefinden und die Lebensqualität
der Betreuer aus. Trotzdem sind für die
Bewältigung des Alltags auch eine sozialpädagogische Beratung über das
Schwerbehindertenrecht, die Pflegeversicherung oder notfalls auch eine
Heimunterbringung wichtige Bestandteile des Programms. In der Pflegeberatung werden Probleme der Körperhygiene, Hilfsmittel bei Inkontinenz u. v. a.
angesprochen. Zur Vorbereitung auf das
Leben mit der Erkrankung gehören
auch eine umfangreiche Wissensvermittlung über die Erkrankung, Empfehlungen für eine sinnvolle ambulante
Fortsetzung ressourcenorientierter Therapie und falls notwendig, eine Vorbereitung auf die Teilnahme an Gruppen
in Tagesstätten sowie der Abbau von
Hemmschwellen bei der Inanspruchnahme von externer Hilfe. Ziel ist es,
beim Aufbau tragfähiger Netzwerke für
zu Hause zu unterstützen.
Viele der erwähnten Elemente wären
für die Paare im ambulanten Rahmen
oft nicht im erforderlichen Umfang zu
erreichen, insbesondere nicht bei Wohnorten außerhalb größerer Städte. Selbst
bei guten ambulanten Strukturen können durch die Intensivität des Angebotes mit hoher, dem Alter und der Erkrankung angepasster Therapiedichte
bei gleichzeitig kurzen Wegen die Kompetenz und Befindlichkeit der Angehörigen verbessert werden.
Nachweis der Wirksamkeit
Während die Durchführung von Medikamentenstudien zwar aufwändig, aber
angesichts des finanziellen Interesses

der forschenden Pharmafirmen leistbar
ist, sind große Studien zu nicht-pharmakologischen Behandlungsansätzen selten und meist in der Aussagekraft eingeschränkt. Trotzdem kommt die Neufassung der S3-Leitlinie11 zu einer klaren
Aussage: „Psychosoziale Interventionen
sind zentraler und notwendiger Bestandteil der Betreuung von Demenzerkrankten und deren Angehörigen. Ansätze und Ziele dieser Verfahren sind
wesentlich breiter als die der pharmako-

Die Wirksamkeit des multifaktoriellen
Ansatzes der Rehabilitation im ATZ ist
wissenschaftlich erwiesen.
logischen Therapien.“ Bei der Literaturübersicht wird ebenfalls relativ klar,
dass gezieltes kognitives Training nicht
sinnvoll, eine kognitive Stimulation mit
Anregung kognitiver Aktivität, z. B.
über „Aktivierung von Altgedächtnisinhalten“ aber empfehlenswert ist. Generell sind die Empfehlungsstärke und
Evidenzgrade nicht hoch.
Bezüglich eines intensiven multifaktoriellen Ansatzes, wie es eine mehrwöchige Rehabilitation von Betreuern und
Betroffenen im ATZ darstellt, konnten
wir im Rahmen eines vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Forschungsprojektes12 zusammen mit der
Universität Ulm die Wirkung im Vergleich zu einer Wartegruppenkontrolle
untersuchen. Dabei wurden Betroffene
und Betreuer bei der Anmeldung im
ATZ zu Hause besucht und der Ausgangszustand erhoben. Bei der Hälfte
der Paare wurde der Verlauf der Erkrankung ohne die Behandlung erfasst.
Nach vier Monaten, d. h. drei Monate
nach der Entlassung aus dem ATZ und
	

weitere drei Monate danach wurden die
Paare wieder zu Hause besucht. Obwohl
im Programm des ATZ keine gezielten
Kognitionsübungen enthalten sind,
zeigte sich doch ein positiver Effekt auf
die Kognition, besonders bei männlichen Betroffenen, und eine Besserung
der Depressivität bei weiblichen Betroffenen. Auch die Angehörigenbelastung
war in der Therapiegruppe signifikant
reduziert, was durch einen deutlichen
Effekt bei männlichen Pflegenden bewirkt wurde. Dieser Unterschied war
drei Monate nach der Entlassung noch
als signifikant nachweisbar, nach weiteren drei Monaten zwar noch in der Tendenz vorhanden, durch die deutliche
Reduktion der Kontrollgruppenpaare,
die auch in die stationäre Rehabilitation
drängten, jedoch nicht mehr signifikant.
Zusammenfassung
Angesichts der demographischen Entwicklung ist die Betreuung der Demenzkranken ohne die pflegenden Angehörigen in Deutschland nicht organisierbar.
Nach einer groben Schätzung würde
sich der Bedarf an Alten- und Pflegeheimplätzen verdoppeln, wenn nur 5 %
der Angehörigen die Betroffenen nicht
weiter pflegen würden.13 Eine verantwortungsvolle Gesundheitspolitik muss
daher alle Anstrengungen unternehmen, um diese Leistung weiterhin zu
ermöglichen. Dazu sind Maßnahmen
notwendig, um die Betreuer langfristig
gesund, leistungsfähig und kompetent
zu erhalten. Da die ambulanten Maßnahmen nicht in allen Fällen ausreichen,
stellt die stationäre Kurzzeitrehabilitation für Patient und Lebenspartner gemeinsam eine wirksame Option dar.
Durch den beschriebenen ressourcenorientierten Ansatz bei der Betreuung der
1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

91

Betroffenen wird das Konfliktpotenzial
in der Betreuung reduziert, die Lebensqualität der Erkrankten erhöht sowie
die Betreuungskompetenz und ihre
Nachhaltigkeit verbessert.
Rechtlich ist bisher in Deutschland
eine Paar-Rehabilitation nicht möglich.
In unserer Einrichtung wird die Betreuung des Angehörigen gewissermaßen
ohne Auftrag und Kostenerstattung ge-

Der erfolgreiche ressourcenorientierte
Ansatz in Form der Paar-Rehabilitation
verdient Unterstützung und eine
Verbesserung der Rechtsgrundlage.
leistet. Allerdings sollte klar geworden
sein, dass diese gemeinsame Betreuung
von Erkranktem und Angehörigem
deutlich effektiver ist als alle isolierten
Ansätze. Für das Paar sind die Voraussetzungen für eine Leistung zur medizinischen Rehabilitation, nämlich die Rehabilitationsbedürftigkeit, die Rehabilitationsfähigkeit und eine positive Rehabilitationsprognose auf der Grundlage
realistischer alltagsrelevanter Rehabilitationsziele positiv zu bewerten, wenn
man ernsthaft das bio-psycho-soziale
Modell des ICF mit seiner Bewertung
der Kontextfaktoren und dem Ziel der
Partizipation zugrunde legt. Dann sollte
auch die häufig geäußerte Gutachterstellungnahme „Alzheimer ist nicht rehabilitierbar“ der Vergangenheit angehören.
Sehr schön hat die Ziele einer stationären Rehabilitation ein Arztbrief einer
Gedächtnisambulanz
zusammengefasst: „Erfreulicherweise präsentiert
sich das Ehepaar und insbesondere die
Patientin trotz der Progredienz im letzten Jahr in einer relativ stabilen Stim92	

POLITISCHE STUDIEN // Themenheft 1/2016

mung, […] und in weiterhin erfreulicherweise guten Kooperationsfähigkeit ohne
größere Dekompensation mit Agitiertheit oder anderen neuropsychiatrischen
Symptomen im häuslichen Umfeld.
Hierzu hat wesentlich der Aufenthalt
[…] beigetragen. Dort hat das Ehepaar,
insbesondere der Ehemann, u. a. Techniken in der empathischen Validierung
gelernt, […] so dass bis heute keinerlei
Eindosierung von Neuroleptika oder gar
eine notfallmäßige Klinikeinweisung
notwendig wurde.“ ///

ents in Norwegian nursing homes, Int. J. Geriatr.
Psychiatry 9/2007, S. 916-291.
  7 Ballard, C. / Hanney, M. L., / Theodoulou, M. /
Douglas, S. / u. a.: The dementia antipsychotic
withdrawal trial (DART-AD): long-term follow-up
of a randomised placebo-controlled trial, Lancet
Neurol. 2/2009, S. 151-157.
  8 Studie der Siemens BKK, zitiert im deutschen Ärzteblatt vom 28.1.2011, http://www.aerzteblatt.de/
nachrichten/44480, Stand: 12.3.2016.
  9 http://www.aerzteblatt.de/archiv/80909/Pflegezu-Hause-Roesler-will-A ngehoerige-besserunterstuetzen, Stand: 12.3.2016.
10 Z ank, S. / Schacke, C.: Projekt Längsschnittstudie
zur Belastung pflegender Angehöriger von demenziell Erkrankten (Längsschnittergebnisse der LEANDER-Studie), Universität Siegen, https://www.
hf.uni-koeln.de/31147, Stand: 12.3.2016.
11 http://www.dgn.org/leitlinien/3176-leitliniediagnose-und-therapie-von-demenzen-2016,
Stand: 12.3.2016.
12 S chiffczyk, C. / Romero B. /Jonas C. / Lahmeyer
C. / u. a: Efficacy of short-term inpatient rehabilitation for dementia patients and caregivers: prospective cohort study, Dement Geriatr. Cogn. Disord. 5-6/2013, S. 300-312.
13 Gutzmann, H. / Zank, S.: Demenzielle Erkrankungen, Stuttgart 2005.

/// Dr. med. Dipl. Psych.
Friedemann Müller
ist Arzt für Neurologie, Physikalische
Therapie und Rehabilitationswesen und
Chefarzt in der Schön Klinik, Bad Aibling.

Anmerkungen
1 Kunzler, A.: Stress, Respekterleben und psychische
Gesundheit pflegender Angehöriger von Demenzpatienten: Eine längsschnittliche Pilotstudie, Diplomarbeit, Fachbereich Psychologie, Philipps-Universität Marburg, Marburg 2015.
  2 Peng, H. L. / Chang, Y. P.: Sleep disturbance in
family caregivers of individuals with dementia: A
review of the literature, Perspectives in Psychiatric
Care 49/2013, S. 135-146.
  3 I nternationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit ICF, hrsg. vom
Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), Köln 2005, S. 21.
  4 http://www.dgn.org/leitlinien/3176-leitliniediagnose-und-therapie-von-demenzen-2016,
Stand: 12.3.2016.
  5 Phillips, V. L. / Diwan, S.: The incremental effect
of dementia-related problem behaviors on the time
to nursing home placement in poor, frail, demented older people, J. Am. Geriatr. Soc. 2/2003,
S. 188-193.
  6 Testad, I. / Aasland, A. M. / Aarsland, D.: Prevalence and correlates of disruptive behavior in pati	

1/2016 Themenheft // PoLITISCHE STUDIEN 	

93

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