Publication:
2018
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15364904
Path:
2/18
IJAB journal
2 / 2018
11. Jahrgang
Dezember 2018

// In t e r na t io nale J u g e n d a r b eit // I nt e r na t io nale J u g e n d p o lit ik // J u g e n dinf o r ma t i o n

Bundesministerin Giffey:
Internationalen Austausch stärken // 04

Im Fokus: Internationale

Jugend­arbeit – Zugang für alle?

Zugangsstudie // 06
Nachgefragt bei Trägern // 08
Jugendmobilität in Europa // 14
IJAB-POSITIONSPAPIER:
Internationale Jugendarbeit für
Vielfalt und Demokratie

Marie-Luise Dreber,
Direktorin von IJAB

// Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
der Beginn des neuen Jahres ist ein
guter Zeitpunkt, um Althergebrachtes
zu hinterfragen und an der einen oder
anderen Stelle umzusteuern. Das passt
zu unserem Schwerpunktthema. Wir
stellen diesmal aktuelle Studien zur
Internationalen Jugendarbeit und zur
Mobilität junger Menschen vor und
ordnen diese aus Perspektive der Praxis
ein. Denn die Studienergebnisse stellen
durchaus einige bisherige Annahmen in
Frage und geben Hinweise, wie Internationale Jugendarbeit und Jugendmobilität zukunftsweisend entwickelt und
Zugänge erleichtert werden können.
Zunächst steigen wir aber mit einem
Beitrag von Bundesjugendministerin Dr.
Franziska Giffey ein. Sie unterstreicht
die Bedeutung der Internationalen Jugendarbeit für die Jugendlichen und die
Gesellschaft. Ihr Ziel ist es, „den internationalen Jugendaustausch von einem
Angebot für wenige zu einer Chance für
alle jungen Menschen zu machen“.
Wenn es um aktuelle Studien zu unserem Arbeitsfeld geht, darf das Forschungsprojekt „Warum nicht? Studie
zum internationalen Jugendaustausch:
Zugänge und Barrieren“ nicht fehlen.
Dr. Helle Becker stellt die Ergebnisse des
Forschungsteams vor. Doch was bedeuten diese für die Praxis? Wir haben bei
Trägern der Kinder- und Jugendarbeit
nachgefragt, welche Folgerungen und
Konsequenzen sie aus den Ergebnissen
für ihre Arbeit und für die internationale Arbeit in ihrem Bundesland ziehen.

Das Informationsverhalten Jugendlicher
und Entwicklungsmöglichkeiten der
Jugendinformation und Mobilitätsberatung ist Thema der Beiträge von
Prof. Gunilla Widen von der finnischen
Åbo-Akademi Universität und von
Evaldas Rupkus (IJAB). Unter anderem
haben sie mit der Foresight-Methode
in die Zukunft der Jugendinformation
geblickt.
Wie steht es in Europa mit der Mobilität
Jugendlicher? Die große europäische
Studie MOVE untersuchte Mobilitätsmuster junger Menschen in Europa
– und blieb dabei nicht beim Jugendaustausch stehen. Auch weniger beachtete Mobilitätsgründe (Ausbildung,
Unternehmertum, etc.) wurden einbezogen, ebenso wurden angrenzende
Bereiche wie Migration und Brain drain
angesprochen. Prof. Dr. Birte Nienaber
von der Universität Luxemburg stellt
die Studie mit ihren Kolleginnen Jutta
Bissinger und Emilia Kmiotek-Meier
vor. Reinhard Schwalbach von IJAB
plädiert in seinem Kommentar für eine
stärkere Beachtung der Ergebnisse und
Empfehlungen.
Einige Ergebnisse der vorgestellten
Studien finden sich bereits in laufenden
Aktivitäten wieder. So ist das Mapping
der Jugendinfodienste ein erster Schritt
zur Ausweitung der Jugendmobilitätsberatung und zielgruppengerechteren
Ansprache. Auch DiscoverEU stellt einen
niedrigschwelligen Zugang zur Mobili-

immer aktuell

tät dar. Floor van Houdt, Referatsleiterin
bei der EU-Kommission, zieht Bilanz zur
ersten Runde des Programms.
In der nachfolgenden Rubrik stellen
Ihnen Natali Petala-Weber (IJAB)
und Heike Zimmermann (JUGEND für
Europa) mit Beiträgen zum DeutschGriechischen Jugendwerk und zum Europäischen Solidaritätskorps spannende
Entwicklungen der internationalen
Jugendpolitik vor.
Das Heft schließt mit nützlichen Hinweisen für die Praxis, ganz konkret zur
Kommunikation in der Internationalen
Jugendarbeit und mit der Vorstellung
der Online-Enzyklopädie „Youth Wiki“.
Nicht zuletzt möchte ich Sie auf das
IJAB-Positionspapier „Internationale Jugendarbeit für Vielfalt und Demokratie“
hinweisen, das diesem Heft beiliegt. Die
Standortbestimmung angesichts menschenfeindlicher und extremistischer
Strömungen wurde von der Mitgliederversammlung am 6. Dezember 2018
verabschiedet.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine
anregende Lektüre und ein glückliches,
friedvolles neues Jahr
Ihre

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IJAB journal 2/18

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Inhalt
Impressum
Herausgeber:
IJAB – Fachstelle für
Internationale Jugend­­­arbeit der
Bundesrepublik Deutschland e. V.
Godesberger Allee 142-148
D-53175 Bonn
Tel.: +49 (0)228-95 06-0
Fax: +49 (0)228-95 06-199
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Internet: www.ijab.de
Verantwortlich:
Marie-Luise Dreber
Redaktion:
Stephanie Bindzus, Dr. Dirk Hänisch,
Cathrin Piesche
Gestaltung:
blickpunkt x, Köln
Druck:
Druckhaus Süd, Köln
Fotos:
Cover: DisobeyArt / fotolia; S. 2: O. Volke /
IJAB; S. 4: Bundesregierung / Jesco Denzel; S. 5: Franz12/ fotolia; S. 7: A. Rosellen / Transfer e.V. (o.), M. Schempers­hofe
(u.); S. 8: privat; S. 9: AJA (o.), privat
(u.); S. 10: privat; S. 11: privat (o.), N.
Grenningloh (o.); S. 12: Åbo Akademi
University; S. 13: O. Volke / IJAB; S. 14:
M. Brumat; S. 15: goodluz / fotolia; S. 16:
kerkezz / fotolia (l.), O. Volke / IJAB; S. 17:
privat; S. 19: fotolia / akhenatonimages;
S. 20: EU-KOM; S. 21: P. Kram (o.); J. G.
Roco (m.); privat (u.); S. 23: Ch. Herrmann / IJAB; S. 24: B. Vijeikiene / fotolia
(o.); IJAB (u.); S. 26: JUGEND für Europa;
S. 27: O. Volke / IJAB; S. 28: Ch. Herrmann / IJAB; S. 30: ERYICA; S. 31: IJAB
Dezember 2018

2 .......... Editorial
3 .......... Impressum

Im Fokus: Internationale Jugendarbeit – Zugang für alle?
4 .......... Die Welt entdecken – Kinder und Jugendliche durch internationalen Austausch stärken
Dr. Franziska Giffey
6 .......... Warum nicht? – Die „Zugangsstudie“ bringt überraschende Erkenntnisse
Dr. Helle Becker
8 .......... Nachgefragt: Träger der Kinder- und Jugendarbeit zur Zugangsstudie
12 .......... Das Informationsverhalten Jugendlicher
Prof. Gunilla Widén
13 .......... Foresight: Die Zukunft der Jugend(info)arbeit
Evaldas Rupkus
14 .......... Was bedeutet jung und mobil? Ergebnisse aus dem Projekt MOVE
Jutta Bissinger, Emilia Kmiotek-Meier, Prof. Dr. Birte Nienaber
15 .......... MOVE – Denkanstöße, Empfehlungen und Schlussfolgerungen für die Jugendmobilität
Reinhard Schwalbach
17 .......... Kommunikation mit „austauschfernen“ jungen Zielgruppen
Matthias Rohrer
18 .......... Mapping von Jugendinformationsdiensten: Bestandsaufnahme, Analyse
und Empfehlungen
Evaldas Rupkus
20 .......... DiscoverEU: Fakten, Eindrücke und Zukunft
Floor van Houdt

Internationale Jugendpolitik
22 .......... Auf dem Weg zum Deutsch-Griechischen Jugendwerk: Entwicklungen und Perspektiven
Natali Petala-Weber
25 .......... Mehr Solidarität in Europa – das Europäische Solidaritätskorps
Heike Zimmermann

Internationale Jugendarbeit – für die Praxis
27 .......... Youth Wiki zur Jugendpolitik in Europa
Susanne Klinzing
28 .......... Haste Worte? Sprache und Kommunikation in der Internationalen Jugendarbeit
Bettina Wissing

Forum
30 .......... Vorgestellt: liaisons – a toolkit for preventing violent extremism through
youth information, ERYICA (Hg.)
31	���������� Termine und Veranstaltungen
31	���������� Personalia

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Im Fokus //

Internationale Jugendarbeit –
Zugang für alle?
In den vergangenen Monaten wurden sowohl auf europäischer Ebene als auch in Deutschland
mehrere Studien zur Internationalen Jugendarbeit und Jugendmobilität veröffentlicht. Die Ergebnisse geben konkrete Hinweise, wie Jugendlichen ein besserer Zugang zur Internationalen Jugendarbeit ermöglicht werden und Jugendarbeit zukunftsfähig gestaltet werden kann. Das Fokusthema
nimmt diese Hinweise, mögliche Konsequenzen und neue Aktivitäten in den Blick.

Die Welt entdecken – Kinder und Jugendliche
durch internationalen Austausch stärken
Unsere Gesellschaft erwartet viel von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Sie sollen selbstständig
werden, sich qualifizieren und ihren Platz in der Gesellschaft finden. Hinzu kommt: Junge Menschen
stehen heute vor besonderen Herausforderungen. Globalisierung, Digitalisierung und der demografische
Wandel bringen große Veränderungen mit sich. Damit Kinder von Beginn an gut in die Gesellschaft
hineinwachsen, sind gute Kitas und Schulen nötig, die alle von Anfang an fördern. Wir brauchen gerechte
Bildungschancen, damit es jedes Kind packt. Jugendliche werden dann mehr und mehr eigenständig aktiv.
Sie brauchen Freiräume und Angebote, die Welt auf ihre Weise kennenzulernen, Angebote der Jugend­
arbeit.
Franziska Giffey

Internationale Jugendarbeit wertschätzen
Internationale Erfahrungen sind für
junge Menschen besonders wertvoll. Sie
eröffnen neue Horizonte, bringen andere
Menschen und andere Sprachen näher. Sie schärfen zugleich den Blick für
das eigene Land und die eigene Kultur.
Wer einmal in Frankreich in den Sommermonaten in einem Ferienlager oder
an einem sozialen Projekt mitgewirkt
hat, wird das Land und die Menschen
stets anders sehen als ein Wochenend-

Dr. Franziska Giffey, Bundesministerin für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend

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tourist. Wer eine Weile in einer anderen
Sprache zurechtgekommen ist, gewinnt
Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen.
Jugendaustausch ist aber nicht nur für
Einzelne wichtig, sondern auch für die
Gesellschaft. Er stärkt den europäischen
Gedanken. Gerade junge Menschen können mit Begeisterung für Europa, die
europäische Solidarität und das europäische Zusammenwachsen werben. Wer an
einem Projekt mit Menschen aus einem
halben Dutzend Ländern teilgenommen
hat, erlebt, wie aus Fremden Freunde

werden. Er oder sie wird danach eher das
Gemeinsame sehen als die Grenzen und
das Trennende. Jugendaustausch fördert Verständigung und Toleranz, auch
über Europa hinaus – das beste Mittel
um Fremdenfeindlichkeit und Rassismus
vorzubeugen.
Obwohl wir um diese Vorteile wissen,
müssen wir feststellen: Das Angebot
reicht nicht aus, um allen Interessierten eine internationale Erfahrung zu
ermöglichen. Und die Angebote sind
nicht bekannt genug. Wir haben deshalb im Koalitionsvertrag vereinbart,
den internationalen Jugendaustausch
weiter zu stärken. Die ersten Schritte
dafür sind getan. Im Herbst 2018 habe
ich im Beisein des Bundespräsidenten in
Athen eine Vereinbarung zur Gründung
eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks unterzeichnet. Dieser Vereinbarung gingen lange Vorbereitungen und
ein Sonderprogramm des Bundesjugendministeriums voraus. Es hat Aktivitäten
und Projekte vieler Träger gefördert, die
den deutsch-griechischen Austausch
mit Leben gefüllt haben. In der gleichen
Zeit habe ich mich mit meinem israelischen Kollegen über die Gründung eines Deutsch-Israelischen Jugendwerks
verständigt. Die Gespräche fanden im
Rahmen der Deutsch-Israelischen Regierungskonsultationen statt, regelmäßigen Treffen zwischen der Bundesregierung und dem israelischen Kabinett.
Unsere Vereinbarungen stehen im Geist
der besonderen Beziehungen zwischen
Israel und Deutschland. Seit vielen Jahren sichern etliche Akteure in beiden
Ländern mit großem Einsatz und mit
großer Ausdauer einen kontinuierlichen
Jugendaustausch. Dieses Engagement
wollen wir zukünftig verstärkt unterstützen. Ein Beschluss des Deutschen
Bundestags vom 17. Januar 2018 sieht
für 2019 bereits eine Million Euro für das
Deutsch-Israelische Jugendwerk vor. Ab
2020 sollen es 4,5 Millionen Euro sein.
Diese positive Tendenz setzt sich auch bei
beiden weiteren bilateralen Jugendwerken fort. Seit 2018 erhält das DeutschPolnische Jugendwerk eine Million Euro
zusätzlich. 2019 wird der Betrag für das

Die neue Jugendstrategie der Bundesregierung sieht eine Politik für die Jugend,
mit der Jugend und von der Jugend vor

Deutsch-Französische Jugendwerk um
zwei Millionen Euro aufgestockt. Damit
setzen wir ein klares Zeichen: Wir wissen um den Wert der internationalen
Jugendarbeit und des Jugendaustauschs
und sind bereit, sie weiter zu stärken.
Das wollen wir gemeinsam mit den
Fach- und Förderstellen der europäischen und internationalen Jugendarbeit1
angehen. Besonders wichtig ist mir, über
bestehende Aktionspläne hinaus Zugangshemmnisse abzubauen und neue
Zielgruppen für den Internationalen Jugendaustausch zu erreichen.
Jugendpolitik mit Jugendstrategie
voranbringen
Ab Juli 2020 übernimmt Deutschland die
Ratspräsidentschaft in der Europäischen
Union, ab November 2020 den Vorsitz im
Ministerkomitee des Europarates. Diese
Chance wollen wir nutzen, um wichtige
jugendpolitische Themen wie die Mobilität junger Freiwilliger in Europa, die
Förderung demokratischen Engagements
und die Jugendarbeit voranzutreiben.
Letzteres wird im Zentrum der dritten
European Youth Work Convention 2020
in Deutschland stehen. Ziel ist es, eine
gemeinsame Agenda für Jugendarbeit
in Europa zu entwickeln. Auf nationaler
Ebene werden wir die EU-Jugendstrategie ab 2019 als Teil der neuen Jugendstrategie der Bundesregierung umsetzen
– eine Politik für die Jugend, mit der Jugend und von der Jugend.
Wir verstehen Jugendpolitik als Querschnittsaufgabe. Alle Bundesministerien werden erstmals zu den Themen
der Jugendstrategie zusammenarbeiten.
Auch die Weiterentwicklung der Zu-

sammenarbeit mit den Bundesländern
und der lokalen Ebene sind mir wichtig. Gleiches gilt für die Umsetzung der
EU-Jugendstrategie und die Beteiligung
junger Menschen an Entscheidungsprozessen in der EU. Junge Menschen haben
im Rahmen von EU-Jugendkonferenzen
ihre Ziele formuliert: mehr Informationen und mehr Beteiligungsmöglichkeiten, Stärkung der Jugend in ländlichen
Räumen, Zugang zu Jugendorganisationen und europäischen Jugendprogrammen und vieles mehr. Diese EU Youth
Goals und der neue EU-Jugenddialog
sind wichtige Instrumente, um Europa
mit seinen Vorteilen für junge Menschen
greifbarer zu machen und weiterzuentwickeln. Schließlich werden wir diskutieren, welche Rolle die beiden europäischen Förderprogramme Erasmus+
Jugend in Aktion und das im Oktober
2018 von mir in Berlin gestartete Europäische Solidaritätskorps bei der Umsetzung Europäischer Jugendpolitik spielen
können.
Wir wollen in der Jugendpolitik, ob national oder europäisch, die jungen Menschen in den Mittelpunkt stellen und sie
stark machen. Denn es sind die jungen
Menschen, die unseren Kontinent für
die Zukunft gestalten: in einer Welt, in
der nur ein einiges, starkes und solidarisches Europa eine Chance auf Frieden,
Wohlstand und ein gutes Leben bietet.
Deshalb werde ich mich weiter für den
Ausbau der EU-Programme und des internationalen Jugendaustauschs einsetzen. Unser Ziel ist es, den internationalen
Jugendaustausch von einem Angebot für
wenige zu einer Chance für alle jungen
Menschen zu machen.

1 	 Deutsch-Französisches Jugendwerk (DFJW), Deutsch-Polnisches Jugendwerk (DPJW), ConAct – Koordinierungszentrum für den Deutsch-Israelischen Jugendaustausch, Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch (DRJA), Tandem – Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch, IJAB – Fachstelle für
Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., JUGEND für Europa – Deutsche Agentur für die EU-Jugendprogramme

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Im Fokus: Internationale Jugendarbeit – Zugang für alle?

Warum nicht? – Die „Zugangsstudie“ bringt
überraschende Erkenntnisse
Auslandserfahrungen sollten selbstverständlicher Teil des Werdegangs junger Menschen sein. Bislang gibt
es jedoch kaum belastbare Zahlen, wie viele Jugendliche mit Maßnahmen internationaler Jugendarbeit
erreicht werden. Das Forschungsprojekt „Warum nicht? Studie zum internationalen Jugendaustausch: Zu­
gänge und Barrieren“ untersuchte daher, wie hoch der Anteil der Jugendlichen ist, die an internationalen
Austauschaktivitäten teilnehmen oder sich dafür interessieren, welche Motive zu einer Teilnahme führen
bzw. welche Zugangsbarrieren es gibt.
Helle Becker

D

afür entwickelte das bundesweite
Netzwerk „Forschung und Praxis
im Dialog – Internationale Jugendarbeit
(FPD)“ gemeinsam mit den beteiligten
Forschungspartnern ein multimethodisches und interdisziplinäres Forschungsvorhaben:
>>Das SINUS-Institut befragte in einer
Repräsentativbefragung 2.380 junge
Menschen im Alter von 14 bis 27 Jahren.
>>Das Institut für Kooperationsmanagement (IKO) erstellte eine Literaturanalyse. Es führte außerdem Interviews
mit 49 bisher Nichtteilnehmenden aus
der Gruppe der von SINUS befragten
Jugendlichen.
>>Das Forschungsprojekt „Freizeitenevaluation“ wertete Fragebögen aus, mit
denen bisher unterrepräsentierte Teilnehmende Auskunft über ihre Erfahrungen in internationalen Jugendbegegnungen gaben. Es implementierte
zudem eine langfristig angelegte Panelstudie mithilfe von „i-Eval“, einem
Selbstevaluationstool für Jugendbegegnungen.
>>Der Forschungsschwerpunkt Nonformale Bildung der Technischen Hochschule Köln befragte 40 Expert(inn)en
und eine Gruppe Jugendlicher zu strukturellen Rahmenbedingungen der
Internationalen Jugendarbeit. Die TH

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Köln fasste darüber hinaus die Ergebnisse der Einzelforschungen zu einer
Gesamtauswertung zusammen.
Kernbereiche der Untersuchungen waren die klassischen Formate der Internationalen Jugendarbeit, d. h. Workcamps
und Jugendbegegnungen sowie individuelle Freiwilligendienste im Ausland.
Im formalen Bildungsbereich wurden
der individuelle und gruppenbezogene
Schüler(innen)austausch sowie Auslandspraktika als Kernbereiche identifiziert.
Träger und Koordinator des von der Robert Bosch Stiftung und dem Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen
und Jugend (BMFSFJ) geförderten Projekts war transfer e.V. als Koordinator
von „Forschung und Praxis im Dialog“.
Potenzial: Viele Interessierte
10 % aller Jugendlichen haben schon
einmal an einem Format des Kernbereichs Internationaler Jugendarbeit teilgenommen. Die meisten davon zählen
zu den besser Gebildeten aus eher wohlhabenden Familien. Dennoch weist das
Teilnehmendenprofil der internationalen
Jugendbegegnung eine weniger starke
sozioökonomische Verengung auf, und
auch niedrig Gebildete sind hier häufiger
vertreten als beim Schüleraustausch.

Überraschenderweise
konnten
die
Forscher/-innen drei „Potenzialgruppen“
identifizieren – 63 % aller Jugendlichen
und jungen Erwachsenen zwischen 14
und 27 Jahren, die tatsächlich Teilnehmende sind oder es potenziell sein können, weil sie 1. im non-formalen oder
formalen Bereich ein Austauschformat
genutzt haben (26 %), 2. andere Auslandsformate (beispielsweise Au-Pair)
kennengelernt haben (26 %) oder 3.
bislang keine Erfahrungen mit einem organisierten Auslandsaufenthalt gemacht
haben, sich aber nach eigener Aussage
vorstellen können, an einem der Formate
des Internationalen Jugendaustauschs
teilzunehmen (11 %).
Milieuabhängigkeit? Teilnahmegründe
Für weitere Erkenntnisse wurde das
SINUS-Modell von Lebenswelten junger Menschen in Deutschland herangezogen. Danach ergab sich, dass die
relevanten Faktoren für eine Teilnahme
bzw. Nichtteilnahme milieuunabhängig sind. Für eine Teilnahme sind für
90 % der Befragten intrinsische Motive
(Spaß, neue Erfahrungen, andere Kultur
kennenlernen) bedeutsam. Extrinsische
Motive, etwa die Verbesserung von Karrierechancen oder der Wunsch der Eltern, spielen eine nachrangige, dennoch
vorhandene Rolle. Die Ergebnisse der Panelstudie zeigen, dass die Motive „Spaß“

Dr. Helle Becker (Expertise & Kommunikation für Bildung), Dr. Silke Borgstedt (SINUS-Institut), Dr. Wolfgang Ilg (Forschungsprojekt Freizeit­en­
evaluation), Zijad Naddaf und Prof. Andreas Thimmel (beide TH Köln). Es fehlt auf dem Foto Heike Abt (Institut für Kooperationsmanagement – IKO)

und „Gemeinschaftserleben“ tatsächlich
von allen Jugendlichen bei einer Begegnung realisiert werden können und dementsprechend positiv bewertet werden.
Mangelnde Information und „Geisterhypothesen“: Hinderungsgründe
Die Gründe, aus denen junge Menschen
sich gegen die Teilnahme entscheiden,
Angebote als nicht relevant wahrnehmen oder erst gar nicht von den Möglichkeiten erfahren, sind ebenfalls nicht
milieuabhängig. Aber es gibt „Geisterhypothesen“: So spielt die Annahme, dass
internationale Aufenthalte mit hohen
Kosten verbunden sind, eine dominante
Rolle. Zudem wird ein Auslandsaufenthalt von Jugendlichen und Erwachsenen
häufig als Belohnung für leistungsstarke
und engagierte Jugendliche angesehen
– ein Diskurs, der vor allem durch die
Erfahrungen mit schulischen Formaten
gespeist wird. Von der Schule erwarten
sehr viele Jugendliche auch Informationen. Tatsächlich erlangen 63 % diese
hauptsächlich aus dem privaten Umfeld.
Ein großer Anteil derer, die an einem
Austauschprogramm teilnahmen, hatten
die Informationen in der außerschulischen Jugendarbeit erhalten.

Problematisch: Benachteiligungsdiskurs und „Luxusaktivität“
Die Ergebnisse erhärteten die Erkenntnis,
dass potenziell Teilnehmende in allen
Milieus zu finden sind. Dennoch waren
viele der befragten Fachkräfte der Überzeugung, dass die Nichtteilnahme aus
Benachteiligung resultiert. Außerdem
beschrieben sie die Internationale Jugendarbeit als hochschwellige „Luxusaktivität“, die sehr voraussetzungsvoll sei,
on top zu ihrer regulären Arbeit bewältigt werden müsse und außerdem von
schwer erreichbaren Förderprogrammen
abhänge. Diese Aussagen spiegeln einen
Diskurs, der von Seiten der Praxis die
angenommene Benachteiligung reproduziert und auch von Fördererseite dazu
führt, Sonderformate und -programme
aufzulegen, die sogenannte benachteiligte Zielgruppen in den Fokus nehmen.
Gefordert: Stärkung der Jugendarbeit
Um Zugangsbarrieren zu verringern,
ist aus Sicht des Forschungsteams eine
Stärkung der Jugendarbeit notwendig,
damit diese vor allem auf kommunaler
Ebene ausreichend Ressourcen zur Verfügung hat, um eine lebensweltliche
Anbindung Internationaler Jugendarbeit
zu ermöglichen und damit allen jungen
Menschen partizipative, selbstgestaltete
Zugänge zu internationalen Formaten
zu erleichtern. Die lokale Jugendarbeit

braucht darüber hinaus weiterhin die
Unterstützung der zahlreichen regionalen, bundesbezogenen und europäischen
Akteure. Allerdings sollten grundlegende
Veränderungen in der Förderlogik und
die Qualifizierung von Fachkräften die
Umsetzung internationaler Angebote erleichtern und so allen Jugendlichen die
Teilnahme am internationalen Jugendaustausch ermöglichen.
Die Ergebnisse des Forschungsprojekts
werden Ende des Jahres in einer Broschüre (Kurzfassung) und Anfang 2019
als Buchpublikation vorliegen.

Kontakt:
Dr. Helle Becker
Im Projekt Zugangsstudie für die
Informations- und Transferarbeit
zuständig
projekte@helle-becker.de

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Nachgefragt //
Nachgefragt:

Die Ergebnisse der Zugangsstudie wurden auf der Trägerkonferenz
im Juni 2018 in Köln vorgestellt. Wir wollten mehr darüber erfahren,
welche Bedeutung die Träger der Kinder- und Jugendarbeit der Studie
beimessen und haben um Statements zu folgenden Fragen gebeten:
Welche Folgerungen ziehen Sie aus den Erkenntnissen der Zugangs­
studie für Ihre internationale Arbeit beziehungsweise für die inter­
nationale Arbeit in Ihrem Bundesland? Welche Erwartungen verknüpfen Sie damit an die Politik?

Georg Pirker,
Referent für internationale Aufgaben beim
Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e. V. (AdB)

Erfreulich ist, dass die Gruppe der potenziell
am Austausch interessierten jungen Menschen
milieu­übergreifend deutlich größer ist, als das gemeinhin
angenommen wird, und dass wir eben nicht auf die Interessen und Ansprache einer bestimmten Zielgruppe ein
größeres Augenmerk legen müssen. Aus den bisher veröffentlichten Ergebnissen der Zugangsstudie geht recht klar
hervor, dass die Frage des Zugangs zur Internationalen Jugendarbeit allerdings vielschichtig ist, und wir nicht mit einer
holzschnittartigen Lösung bessere Ergebnisse erreichen.
Das geht einher mit unserer Beobachtung, dass die Träger in
der Jugendbildungsarbeit sich durch relativ große Flexibilität
beim Erreichen und Einbinden unterschiedlicher Zielgruppen
auszeichnen. Nichtsdestotrotz stellt sich die die Frage, ob und
wie eine bessere Ansprache und Information bewerkstelligt
werden kann. Beispielsweise müssten wir uns Klarheit verschaffen über die Reproduktion immanenter Barrieren durch
die Zuschreibung „schwer erreichbar“. Genauso stellt sich die
Frage, ob die Zugänge zur Internationalen Jugendarbeit in der

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politischen Bildung von uns und von jungen Menschen in gleicher Weise als Zugänge erkannt werden bzw. entsprechend
erkennbar sind.
Von zentraler Bedeutung sind für uns die konstitutiven
Problematiken der Finanzierungsfragen auf allen Ebenen, sowie die spezifischen Erwartungen Jugendlicher an
Informationsquellen/-orte. Bei letzteren stellt sich einmal
mehr die Frage, wie Schule und außerschulische Kinder- und
Jugendbildungsarbeit sich als Kompetenzfelder wechselseitig
erschließen, erkennen und nutzen.
Die Erwartung, die wir an die Politik haben ist: a) die Erkenntnisse der Zugangsstudie auch international in den relevanten
Kreisen und Gremien insbesondere der europäischen Jugendpolitik zu kommunizieren und zu diskutieren – und zwar auf
Ebene der EU wie auch der Jugendpolitik im Europarat – und
b) für eine bessere Ausstattung mit Ressourcen zu sorgen.
Diese spielt eine entscheidende Rolle und darf kein Hinderungsgrund sein.

Anna Wasielewski,
Geschäftsführung AJA Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustausch gGmbH

Der AJA Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustausch und seine sieben Mitgliedsorganisationen setzen sich seit langem dafür ein, allen Jugendlichen
Schüleraustausch als selbstverständlichen Bestandteil ihres Werdeganges zu ermöglichen, unabhängig von ihrem
Bildungsweg und ihren finanziellen Möglichkeiten.
Die Zugangsstudie zeigt, dass rund zwei Drittel aller Jugendlichen Erfahrungen mit organisierten Auslandsaufenthalten
oder Interesse daran haben. Dieses Ergebnis bestärkt uns,
auch weiterhin daran zu arbeiten, die in der Studie aufgezeigten strukturellen Zugangshindernisse für junge Menschen zu
überwinden. Mit dem AJA-Stipendium und den Stipendienprogrammen der AJA-Mitgliedsorganisationen bieten wir Jugendlichen die Möglichkeit der finanziellen Unterstützung für ihre
Auslandserfahrung. Wir entwickeln neue und niedrigschwellige

Austauschformate für Jugendliche, die bislang noch keinen
Zugang zu internationalem Austausch hatten. Und wir zeigen,
dass internationaler Austausch auch zu Hause stattfinden kann
und setzen uns auf politischer Ebene dafür ein, ehrenamtliche
Gastfamilien in Deutschland für ihr Engagement politisch zu
würdigen und finanziell zu entlasten.
Von der Politik wünschen wir uns die notwendige Unterstützung, um neue Wege in der Ansprache von austauschinteressierten Jugendlichen zu gehen und die in der Studie aufgezeigten Zugangshindernisse überwinden zu können. Die Schulen
sind aufgefordert, ihre Schnittstellenfunktion bei der Weitergabe von Informationen zu internationalen Austauschmöglichkeiten stärker wahrzunehmen und den Jugendlichen entsprechende Angebote bereitzustellen, die sie laut Zugangsstudie
erwarten. Auch durch Lehrer(innen)fortbildungen können diese
Inhalte in den Schulen verankert werden. Damit wäre ein großer Schritt getan, interessierte und motivierte Jugendliche darin zu unterstützen, internationale Austauscherfahrungen zu
machen.

Andrea Pingel,
Referentin Grundsatzfragen bei der Bundesarbeits­
gemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG-KJS)
Alexander Hauser,
Jugendsozialarbeit & Europa, BAG-KJS

Auch wenn die Ergebnisse
der neuen Zugangsstudie
erst in Auszügen bekannt sind, werden sie bereits intensiv diskutiert. Die
Ergebnisse der Studie – so unser erster
Eindruck – stellen einiges klar, was vielleicht nicht unerwartet, aber wichtig zu
beachten ist. Für uns in der Jugendsozialarbeit macht sie vor allem deutlich:
Jugendliche sind in erster Linie Jugendliche, und ob sie Lust haben auf eine
Auslandserfahrung ist keine Frage ihrer
möglichen sozialen Benachteiligung
oder individuellen Beeinträchtigung. Es
gibt zudem ein großes Potenzial derer,
die gerne zum ersten Mal oder erneut
eine internationale Erfahrung machen
wollen. Gleichzeitig wird auch deutlich:
Es gibt strukturelle Hürden wie die Finanzierung oder auch die Bedenken,

den möglichen sprachlichen oder kulturellen Anforderungen nicht gerecht
zu werden. Die Formate und Angebote
brauchen einen lebensweltlichen Bezug
für die Jugendlichen, und bestehende
Angebote passen oftmals nicht für Jugendliche im Übergangsbereich oder in
der Arbeitswelt. In diesem Sinne sind die
Zugänge und Beteiligungsmöglichkeiten
junger Menschen zur Internationalen
Jugendarbeit allerdings unterschiedlich.
Zentrale These der Studie ist, dass die
Jugendarbeit vor Ort der zentrale, auch
sozialpädagogisch begleitete Zugang
für Internationale Jugendarbeit ist bzw.
werden muss – sie sollte daher Bestandteil kommunalen Regelangebots der
Jugendhilfe sein, das im guten Sinne
zugänglich für alle Jugendlichen sein

muss. Wir möchten hier auch die Rolle
der Jugendsozialarbeit noch einmal besonders hervorheben: Sie erreicht gerade die Jugendlichen, die Interesse an
Internationaler Jugendarbeit und keinen
Zugang zu ihr haben. Dabei gilt es auch
unter schwierigen Rahmenbedingungen,
etwa im Übergangsfeld Schule – Beruf
oder in der beruflichen Bildung, internationale Austausche oder Aufenthalte zu
ermöglichen. Zugänge zu schaffen, um
jungen Menschen Teilhabe und Handlungsfähigkeit zu sichern, ist der gesetzliche Auftrag der Jugendsozialarbeit.
Mobilität zu ermöglichen, ist originärer
Bestandteil dieser Aufgabe, diese aber
muss dann auch von den Fachkräften
und den Finanziers zunehmend grenzüberschreitend und international gedacht und umgesetzt werden.

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Nachgefragt

Rolf Witte,
Leitung „Kulturelle Bildung International“ bei der Bundesvereinigung
Kulturelle Kinder- und Jugendbildung

Die Ergebnisse der „Zugangsstudie“, die bisher
veröffentlicht wurden, machen
deutlich, dass wir im Feld der Internationalen Jugendarbeit umdenken
müssen. Bisher sind viele Zentralstellen, Fach- und Koordinierungsstellen,
Bildungsreferent(inn)en und ehrenamtlich Aktive vielfältig
damit beschäftigt, den Ehren- und Hauptamtlichen vor Ort
verständlich zu machen, welche Formate und Formen von internationaler Arbeit überhaupt gefördert werden. Und diese
Vielfalt an Richtlinien, Regelungen, Vorgaben und Einschränkungen sollen potenzielle Erstantragsteller/-innen erst einmal verstehen, bevor sie beginnen, ein grenzüberschreitendes
Vorhaben zu planen. Und mit jedem neuen Jugendwerk, mit
jeder neuen Programmgeneration, mit jeder neuen Sonderausschreibung kommen neue Richtlinien und Regelungen hinzu.
Die Ergebnisse der „Zugangsstudie“ sagen ganz deutlich, dass
wir davon dringend wegkommen müssen, wenn wir möglichst
viele Akteure der Jugendarbeit für die grenzüberschreitende

partnerschaftliche Zusammenarbeit gewinnen wollen. Vielmehr
müssten all unsere Zentral- und Beratungsstellen den lokalen
Trägern der Jugendarbeit zuhören, welche Begegnungs- und
Projektformen sie sich mit ausländischen Partnern vorstellen
können. Weil nur sie ihre Zielgruppe gut kennen und mit ‚ihren‘
Jugendlichen die für sie passenden grenzüberschreitenden Arbeitsformen aus ihrer eigenen Logik heraus entwickeln können,
Formate, die nicht überfordern, sondern motivieren.
Deshalb fordern wir alle Förderinstitutionen auf, gemeinsam
mit der Trägerlandschaft und ausländischen Partnern nachzudenken, wie zumindest Teile der zur Verfügung stehenden Fördergelder unter deutlich offeneren Bedingungen bewilligt werden könnten. Wie wir gemeinsam von lokalen Akteuren aus den
verschiedenen Feldern der Jugendarbeit lernen können, welche
Begegnungsformen und Formate aus ihrer Sicht sinnvoll und
für die Jugendlichen gewinnbringend sind. Diese versuchsweise
gesammelten Erfahrungen sollten eine Hilfe bei der allgemeinen Flexibilisierung der Förderung sein, um wirklich die lokale
Jugendarbeit in ihrer Breite für das grenzüberschreitende Lernen und Erleben gewinnen zu können.

Ferdinand Rissom,
Ressortleiter Internationale Jugendarbeit
Deutsche Sportjugend im Deutschen Olympischen Sportbund e. V.

Grundsätzlich sieht sich
die Deutsche Sportjugend
durch die Ergebnisse der Zugangsstudie in ihrer Arbeit bestätigt. Einige
Punkte laden jedoch auch zur Diskussion ein oder weisen auf einen Handlungsbedarf hin.
Die Erkenntnis, dass das Feld der Internationalen Jugendarbeit weniger elitär
als gedacht ist und sehr unterschiedliche intrinsische Motive zur Teilnahme
an einer Begegnung führen, zeigt wie
wichtig es ist, Vereine mit bestehenden
Jugendgruppen zu erreichen. Wenn im
Sportverein eine ganze Mannschaft an
einem Austausch teilnimmt, werden dadurch auch die Jugendlichen erreicht,
die sich nicht gezielt für ein offen aus-

10

IJAB journal 2/18

geschriebenes
Austauschprogramm
anmelden würden. Somit sieht sich die
Deutsche Sportjugend darin bestätigt,
dass Begegnungen im Bereich des Jugendsports einen wichtigen Beitrag zum
Erreichen aller Jugendlichen leisten. Damit die Lernerfahrung auch dann hoch
ist, wenn die Motivation für eine Teilnahme ursprünglich „nur“ der Spaß oder
das Gruppenerlebnis mit den Freunden
war, ist die Qualität der Arbeit, und damit die Fachkräftequalifizierung besonders wichtig.
Die Erfahrungen im Bereich des Jugendsports decken sich mit dem Ergebnis der Zugangsstudie, dass die Angst
vor Kommunikationsproblemen deutlich
höher ist, als das tatsächliche Auftreten
der Probleme. Jedoch zeigt die Studie
auch, dass bei etwas über einem Viertel der befragten Jugendlichen Kommunikationsprobleme auftreten. Hier
besteht Handlungsbedarf, damit sich
dieser Anteil durch den Einsatz gezielter Methoden reduziert. Die Deutsche

Sportjugend wird daher ihr Engagement
für die Methode der bewegten Sprachanimation fortführen und ihre bewährte
deutsch-französische Arbeitshilfe auch
in einer deutsch-englischen Version veröffentlichen.
Die Zugangsstudie zeigt, dass Zugangsbarrieren insbesondere strukturell bedingt sind. Vor dieser Herausforderung
steht auch die Deutsche Sportjugend.
Als Dachverband ist es das Ziel, Vereine
und Verbände von der Bundes- bis hin
zur kommunalen Ebene in dem Themenfeld zu unterstützen, damit diese für ihre
Mitglieder Jugendbegegnungen anbieten
können. Die personelle Ausstattung im
Themenfeld der Internationalen Jugendarbeit ist in den Strukturen des Jugendsports überschaubar. Dadurch entstehen
neue Herausforderungen. Maßnahmen,
wie das IJAB-Coaching-Projekt zur Etablierung einer internationalen Leitkultur
bei Trägern der Kinder- und Jugendhilfe,
sind für die Strukturentwicklung wichtig
und sollten fortgeführt werden.

Jochen Rummenhöller,
Leiter des Referats für europäische und internationale Jugendpolitik,
Deutscher Bundesjugendring e.V.

Die ersten Erkenntnisse der
Zugangsstudie bringen es
auf den Punkt: es gibt generell ein
positives Interesse bei Jugendlichen
am Jugendaustausch, aber es gibt
unterschiedliche Zugange je nach Lebenswelten. Und es werden zahlreiche
Hürden benannt, die z.T. seit Jahren bekannt sind und Jugendorganisationen in
ihrer Arbeit behindern. Ich hoffe, dass die
Studie nach ihrer Veröffentlichung einen
Beitrag leistet, sie endlich aus dem Weg
zu räumen.
Internationale Jugendarbeit leistet einen
unverzichtbaren Beitrag zur Verständigung und ist ein Zeichen von zivilgesellschaftlichem Engagement. Gerade durch
den Jugendaustausch wird ein gemein-

sames Verständnis für die unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen
Sichtweisen vermittelt. Diese Angebote
müssen ausgebaut und möglichst allen
Jugendlichen zugänglich gemacht werden. Dazu entwickeln Jugendorganisationen weitere Einstiegsformate, auch für
Jugendliche mit Fluchterfahrungen. Die
Weiterentwicklung der Internationalen
Jugendarbeit muss in Zusammenarbeit
mit den Trägern der internationalen Jugendarbeit geschehen und darf nicht an
öffentlich-private Partnerschaften, an
Stiftungen oder Unternehmensstrukturen ausgelagert werden.

der Anerkennung von Kosten im Ausland.
Was mit Haushaltsmitteln anderer Bundesministerien möglich ist, sollte auch im
KJP möglich sein. Solange vorgesehene
Fördersätze teilweise nur zu 50-60 %
ausgezahlt werden, um Austauschzahlen zu erhöhen, darf sich nicht wundern,
wenn sich Jugendliche Austauscherfahrungen nicht leisten können. Ein positives Signal kommt aus dem Deutschen
Bundestag: Die zwischenzeitlich vorgenommene Streichung einer für 2019
vorgesehenen Mittelerhöhung für den
Internationalen Jugendaustausch wurde
in November 2018 zurückgenommen.

Internationale Jugendarbeit ist im SGB
VIII als einer von sechs Schwerpunkten
der Jugendarbeit gesetzlich verankert:
dies erfordert auch eine entsprechende
finanzielle Förderung, Vereinfachungen
bei der Antragstellung und mehr Flexibilität bei den Förderkriterien im Kinderund Jugendplan (KJP), beispielsweise bei

Austausch hat zwei Seiten, er braucht
im anderen Land Partnerstrukturen. Dieser Aspekt kommt in der Zugangsstudie
zu kurz und muss mitgedacht werden,
da sich die politischen und finanziellen
Rahmenbedingungen von regierungsunabhängigen Partnerstrukturen im Ausland zunehmend verschlechtern.

Dr. Lars Schulhoff,
Ministerium für Soziales, Integration und Gleichstellung Mecklenburg-Vorpommern
Referatsleiter Jugendhilfe, Jugendarbeit, Kinder- und Jugendschutz, Rechtsangelegenheiten
der Abteilung

Das Land MecklenburgVorpommern wirkt im
Rahmen seiner Zuständigkeiten
an dem Ziel mit, die europäische
Integration zu verwirklichen und
die grenzüberschreitende Zusammenarbeit, insbesondere im
Ostseeraum, zu fördern“ (Artikel 11 der Verfassung des Landes Mecklenburg-Vorpommern vom 23. Mai 1993 – Europäische Integration, grenzüberschreitende Zusammenarbeit).
Internationale Jugendarbeit (IJA) sollte ein wichtiger Bestandteil in der frühen persönlichkeitsentwickelnden Lebensphase
Jugendlicher sein. Der Artikel 11 der Landesverfassung zeigt
einen umfassenden Auftrag, der sich bis in die Internationale
Jugendarbeit erstreckt.
Die Umsetzung hingegen gestaltet sich oftmals schwierig und
wurde bislang zu selten hinterfragt. Die Zugangsstudie zeigt
nun zielgerichtete Handlungsfelder auf, die für ein Bundesland
wie Mecklenburg-Vorpommern mit den Möglichkeiten des baltischen Raums nutzbringend sein können. Die Gemeinsamkeit,
Jugendliche/r eines Ostsee-Anrainerstaates zu sein, könnte
bildungsübergreifend Anreize für einen kulturellen Austausch

innerhalb des Ostseeraums bieten. Warum IJA gerade keine
Selbstverständlichkeit für Jugendliche ist, sollte hinterfragt
werden. Gerade vor dem Hintergrund, dass nach den gewonnenen Erkenntnissen keine systemischen Gründe für die NichtWahrnehmung von IJA zu konstatieren sind, sind Jugendliche
noch gezielter auf Teilnahmemöglichkeiten anzusprechen. Das
bedeutet ein besseres Erkennen und Anleiten seitens qualifizierter sozialpädagogischer Fachkräfte. Viele Barrieren sind
scheinbar existent („Luxusaktivität“), sowohl bei den in der
Jugendarbeit tätigen Fachkräften als auch bei Jugendlichen
selbst. Die Aufgabe, die bestehenden Barrieren aufzubrechen,
ist sowohl in Zusammenarbeit mit den Landesjugendverbänden, als auch mit Fortbildungsinstituten umzusetzen.
Das Land könnte drei Aufgaben übernehmen, um die (freiwillige) Selbstverständlichkeit von IJA zu befördern:
1. Zielgerichtete Kooperationen mit anderen Landes(Teilen)
eingehen,
2. Impulse zur freiwilligen Mitarbeit aller Träger der Jugendhilfe im Land geben,
3. Fortbildungenseinrichtungen in diesem Segment fördern
und fordern.

IJAB journal 2/18

11

Im Fokus: Internationale Jugendarbeit – Zugang für alle?

Das Informationsverhalten Jugendlicher
Die NGO Creativitas in Litauen hat im Rahmen des Erasmus+-geförderten Projekts „Youth.Info: Future
Youth Information Toolbox“ eine der größten Umfragen zur Jugendinformation in Europa koordiniert.
Nun wurde der Abschlussbericht veröffentlicht. Die hier gewonnenen und aufgezeigten Erkenntnisse
machen die Bedeutung von Jugendinformations- und -beratungsdiensten in Europa deutlich.
Gunilla Widén

U

nsere Informationslandschaft stellt
eine Herausforderung dar. Informationen liegen in unterschiedlichen
Formen und Formaten vor, wir müssen
diverse Tools und Technologien nutzen,
um auf Informationen zuzugreifen und
es ist schwierig, die Qualität der Informationen zu beurteilen. Es gibt bereits
Untersuchungen zum Informationsverhalten, wobei der Fokus der Forschungslinie nicht auf Jugendlichen lag. Es ist
allerdings bekannt, dass z. B. die Informations- und Medienkompetenz eine
wesentliche Rolle beim Lernen spielen.
Es wäre wichtig, besser zu verstehen,
wie sich diese Zielgruppe in der komplexen Informationslandschaft zurechtfindet, die Teil ihres täglichen Lebens
ist. Youth.Info hat sich dieser Aufgabe
angenommen.
Im Zuge des Projektes wurden eine
Umfrage und ein Foresight-Pilotprojekt
durchgeführt. Ziel war es, den aktuellen
und zukünftigen Informationsbedarf der
jungen Generation sowie die Informationsqualität und Nutzerzufriedenheit zu
verstehen und Verbesserungsmöglichkeiten zu erkennen, sodass Informationsangebote den Anforderungen der
Zukunft entsprechend gestaltet werden
können.
Im Jahr 2017 wurde eine Umfrage
durchgeführt, basierend auf einer ähnlichen Befragung von ERYICA im Jahr
2013 (Krzaklewska und Potočnik 20141).
Die Datenerhebung erfolgte mithilfe
eines Fragebogens in 18 europäischen
Ländern, wobei 2.809 vollständige Antworten für die Auswertung genutzt
wurden. Zusätzlich zur Umfrage wur1
2

12

den drei Foresight-Aktivitäten mit 55
Teilnehmenden aus Europa umgesetzt:
drei Future Camps zum Thema Jugendinformation, ein Szenarioentwicklungswebinar sowie eine Delphi-Umfrage (s.
nebenstehender Artikel).
Wesentliche Ergebnisse
Die Ergebnisse2 zeigen, dass Jugendliche
eine große Anzahl unterschiedlicher Informationsquellen nutzen und dabei je
nach Thema bestimmte Quellen bevorzugen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jugendinformationsangebote
mit der Möglichkeit zu persönlichen
Beratungsgesprächen sehr geschätzt
werden. Außerdem spielen Gleichaltrige
und Familienangehörige als Informationsquelle eine große Rolle. Das Internet
und soziale Medien sind natürlich ebenfalls wichtige Quellen, führen allerdings
eher zu Unsicherheit. Die Befragung
zeigt, dass Jugendliche eine ambivalente
Haltung gegenüber Informationen aus
dem Internet haben. Einerseits sehen sie
sich in der Lage, nach Informationen zu
suchen. Andererseits wird das Internet
als eine schwierige Informationsquelle
betrachtet und das Beurteilen und Vergleichen unterschiedlicher Quellen fällt
schwer. Bei negativen Nachrichten oder
Informationen über sie selbst scheinen
Jugendliche sich einer Strategie der sogenannten Informationsvermeidung zu
bedienen.

mationsarbeit der Zukunft. Eine wesentliche Erkenntnis besteht darin, dass es
unter Jugendlichen im Jahr 2030 mehr
Diversität geben wird als erwartet. Die
Ursachen und Folgen dieser Diversität
sind unterschiedlich, was bedeutet, dass
dieser Aspekt eine der größten Herausforderungen in der zukünftigen Jugendinformationsarbeit darstellen wird.
Eine wachsende digitale Kluft ist nicht
nur auf den Zugang zu Technologie zurückzuführen, sondern vielmehr auf unterschiedliche Ausprägungen von Kompetenz, Haltung und Interesse im Umgang
mit digitalen Medien, verschiedene sozioökonomische Hintergründe und nachlassende Lesekompetenz. Die Konsequenzen
sind eine zunehmende Isolierung (SocialMedia-Blasen) sowie mangelnde Berücksichtigung von benachteiligten Personengruppen und Personengruppen mit
besonderen Bedürfnissen. Es kann nicht
oft genug betont werden, wie wichtig es
ist, die Förderung der Informations- und
Medienkompetenz Jugendlicher in den
Mittelpunkt zu stellen.
Kontakt:
Prof. Gunilla Widén
Professorin Information Studies
Åbo Akademi Universität, Finnland
gunilla.widen@abo.fi

Die Ergebnisse des Foresight-Pilotprojektes geben eine Vorstellung von
zukünftigem
Jugendinformationsverhalten, der Informationslandschaft und
-technologien sowie Veränderungen und
Herausforderungen in der Jugendinfor-

Krzaklewska, E. und Potočnik, D. (2014). Survey on Impact of Youth Information and Counselling. In: Ivanovskis, M. und Rupkus, E. Compendium on National
Youth Information and Counselling Structures. European Youth Information and Counselling Agency.
Eine englischsprachige Zusammenfassung der Studie steht hier zum Download zur Verfügung: http://www.creativitas.lt/wp-content/uploads/2018/07/FinalBuilding-on-Information-Needs-and-Trends.pdf

IJAB journal 2/18

Foresight:
Die Zukunft der Jugend(info)arbeit
Wie können Fachkräfte sich auf zukünftige Entwicklungen in der Jugendinformation und Jugend­
arbeit vorbereiten? Die Forschung verwendet schon seit geraumer Zeit Methoden der Vorausschau
für Bereiche wie Klimawandel, Sicherheit oder Ökonomie. Das Projektkonsortium „Youth.info“ bietet
Werkzeuge, die es auch für Jugendarbeiter/-innen leichter machen sollen, die Zukunft ihres Ar­
beitsfeldes abzuschätzen und sich auf mögliche Trends und Entwicklungen frühzeitig einzustellen.
Evaldas Rupkus

Langfristig, partizipativ, vielfältig
„The ability to judge correctly what is
going to happen in the future and plan
your actions based on this knowledge“,
so definiert das Cambridge-Lexikon
„Foresight“. Policy Foresight beruht auf
einer Überlappung von Zukunftsstudien,
strategischer Planung und Politik-Analyse. Der Unterschied zu „Forecasting“
oder zum Erstellen von Prognosen besteht darin, dass beim Policy Foresight
angenommen wird, dass es nicht die
eine Zukunft, sondern mehrere mögliche
Ausprägungen davon gibt. Daher werden häufig unterschiedliche Szenarien
in mittel- bis langfristiger Zukunft (ca.
50 Jahre) erforscht. Was die meisten
Foresight-Methoden beinhalten: alle
betroffenen Akteure/-innen werden in
die Vorausschau einbezogen, es wird
eine gemeinsame Vision aufgebaut und
ein mobilisierender Aktionsplan zur Erreichung der Vision erarbeitet.
Aktiv, nicht reaktiv
Aus der Geschichte lässt sich viel lernen.
Auch ich war begeisterter Geschichts­
enthusiast. Für mein Leben hätte mir
aber die Fähigkeit mehr geholfen, das
erworbene Geschichtswissen mit gesellschaftlichen Entwicklungstrends zusammenzubringen.
Ähnlich verhält es sich in der Politik.
Würden z. B. Gesetzmäßigkeiten wie der
ökonomische Zyklus stärkere Beachtung
in der Ausarbeitung politischer Analysen
und Strategien finden, käme die fast
regelmäßig ausbrechende Krise der Jugendarbeitslosigkeit in der EU vielleicht
weniger überraschend. Würde man sich
Zeit nehmen zu überlegen, was der Klimawandel, die demographische Ent-

wicklung in Afrika und die verheerenden
Konflikte im Nahen Osten für die Migrationspolitik bedeuten, wäre man vielleicht besser auf die Folgen vorbereitet.
Diese Erkenntnis hat auch Konsequenzen für die Jugendarbeit und deren
Dienstleistungen. Dabei ist es notwendig, vom reaktiven zum aktiven Handeln
überzugehen.
Beispiel Jugendarbeit in Vilnius
Für die Jugendarbeit wird Policy Foresight erst jetzt angewendet. Vor vier
Jahren habe ich in Litauen etliche Interviews mit Stadtpolitiker(inne)n,
Ministerialbeamt(inn)en,
Jugendring,
Jugendarbeiter(inne)n und Jugendlichen
geführt. „Wie wird die Jugendinformation in Vilnius in 15 Jahren aussehen?“
lautete die Fragestellung. Da es hier um
längere Planungszeiträume als gewöhnlich ging, hat die Frage authentische
und ehrliche Reaktionen gefordert. Das
Spannende: Wenn man weit in die Zukunft blickt, sind die Positionen viel weniger politisiert und haben viel Konsens­
pozential. Das wird auch von anderen
Forschenden bestätigt, die Foresight für
Konfliktlösung zwischen verfeindeten
Stakeholdern einsetzen.
Inspiriert von diesen ersten Versuchen, aus denen drei Szenarien zur
Entwicklung der Jugendinformation in
der litauischen Hauptstadt geschaffen
wurden, hat die Åbo-Akademi Universität in Turku die Arbeit auf der europäischen Ebene aufgenommen. In zwei
Future-Camps haben Jugendliche ihre
Kommunikationskanäle und Infobedürfnisse im Jahr 2030 anvisiert. In einem
(virtuellen) Expert(inn)enpodium haben

Jugendinfoarbeiter/-innen aus verschiedenen Ländern Szenarien für ihre eigene
Arbeitswelt entwickelt. Und in drei Runden der sogenannten „Delphi-Umfrage“
ist es ein Dutzend Entscheidungsträger/innen unterschiedlicher europäischer
Organisationen gelungen, von über 200
Ideen auf konkrete gemeinsame Visionen für die Zukunft der Jugendinformation und -beratung zu kommen. Das
waren nur drei Pilotmethoden. Es gibt
noch mehr spannende Formate, sich auf
die Zukunftsherausforderungen schon
heute vorzubereiten.

Handbuch für die Jugendarbeit
Das neu erschienene Handbuch „Manual for Foresight
in Youth Information“ stellt „Foresight“ und dessen
Anwendung in der Jugendarbeit dar. Hier finden sich
sowohl theoretische Hintergründe, als auch eine Übersicht über Methoden mit konkreten Tipps, wie Fachkräfte vor Ort es mit vorhandenen Ressourcen schaffen
können, sich fit für die Zukunft zu machen.
Download:
http://www.creativitas.lt/en in der Rubrik „toolbox”

Kontakt:
Evaldas Rupkus
IJAB, Referent Qualifizierung und
Weiterentwicklung der Internationalen
Jugendarbeit
rupkus@ijab.de

IJAB journal 2/18

13

Im Fokus: Internationale Jugendarbeit – Zugang für alle?

Was bedeutet jung und mobil?
Ergebnisse aus dem Projekt MOVE
Das europäische Projekt MOVE will einen forschungsbasierten Beitrag leisten zur Verbesserung der Bedin­
gungen für die Mobilität junger Menschen in Europa. Ein Forscherteam analysiert dazu mit wissenschaft­
lichen Methoden die Mobilität junger Menschen in der EU und vermittelt damit systematisches Wissen
über deren Mobilitätsmuster. Der folgende Beitrag stellt schlaglichtartig einige Ergebnisse dieser großen
europäischen Studie vor.
Jutta Bissinger, Emilia Kmiotek-Meier, Birte Nienaber

M

OVE1 (Mapping mobility – path­
ways, institutions and structural
effects of youth mobility in Europe) setzte
sich mit der innereuropäischen Mobilität
auseinander. Zwischen Mai 2015 und
April 2018 nahmen Wissenschaftler/innen aus Deutschland, Luxemburg,
Norwegen, Rumänien, Spanien und Ungarn die Mobilität der 18- bis 29-Jährigen unter die Lupe, die Erfahrungen in
einem der folgenden sechs Arten von
Mobilität sammeln konnten: Mobilität
von Studierenden, von Auszubildenden,
von Schüler(inne)n, von freiwilligen
Helfer(inne)n, von Arbeitskräften und
von Unternehmer(inne)n. Im Folgenden
werden Hauptbefunde vorgestellt, die
auf zwei Onlineumfragen mit 8.706 Befragten sowie 206 Interviews mit jungen
(ehemals) mobilen Menschen und 40
Expert(inn)en basieren.
Die Studie zeigte deutlich, dass die Daten zur geographischen Mobilität von
(jungen) Menschen in Europa leider bisher nur punktuell vorhanden, inkompatibel oder veraltet sind.
Die (Vor-)Bedingungen für eine Jugendmobilität (z.B. ökonomische Situation,
Migrationsgeschichte) variieren zwischen den Staaten. Dies kann zu einem
ungleichen Zugang zur Mobilität (wer
möchte mobil sein und wer kann es sich
leisten) und unterschiedlichem Erfolg
der jungen Mobilen führen.
Besonders die sozioökonomische familiäre Situation (z. B. finanzielle Lage,
1

14

Das MOVE Projekt wurde durch das Programm
Horizon 2020, Grant Agreement N° 649263
finanziert.

IJAB journal 2/18

Bildungsniveau der Eltern) ist einer der
Hauptfaktoren der Jugendmobilität. In
einigen Fällen sind die Organisationen selektiv: Diejenigen, die die Kriterien nicht
erfüllen, können nicht an einer Mobilität
teilnehmen. Dennoch geben 91,3 % der
Befragten an, selbst die treibende Kraft
für die Entscheidung zur Mobilität gewesen zu sein. Dabei wurden folgende
Hauptmotive genannt: das Erlernen von
Sprachkenntnissen (46,3 %); das Verbessern bereits existierender Sprachkenntnisse (33 %); die Optimierung der aktuellen und zukünftigen Arbeitssituation
(31,2 %); persönliche und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten (28,7 %).
Nach Internetsuchmaschinen (48,5 %)
sind Freunde die zweitwichtigste Informationsquelle, die von 37,5 % der Befragten
genutzt wurde; gefolgt von Lehrer(inne)n
und Tutor(inn)en (32,1 %). Zwar können
Peers ein Faktor sein, Mobilität anzugehen
und helfen z.B. die Einsamkeit im neuen

Land zu überwinden. Gleichzeitig können
jedoch zu enge Bindungen mit Peers der
gleichen Nationalität hemmend für das
eigene interkulturelle Lernen während
des Auslandsaufenthaltes sein. Weitere
hemmende Faktoren variieren zwischen
den Mobilitätsarten. Bei arbeitsbezogenen Mobilitäten (Arbeitnehmer/-innen
und Unternehmer/-innen) sind an den
Arbeitsmarkt gebundene Hindernisse
von Bedeutung, z. B. unterschiedliche
Bewerbungsregeln und Fremdsprachenkenntnisse. Bei Bildungsmobilitäten (Studierende, Auszubildende und Schüler/-innen) bestehen institutionelle Hindernisse,
z. B. unterschiedliche Aufnahmetermine
oder die Nicht-Anerkennung der Qualifikation. Insgesamt bewerten 74,7 % der
Befragten ihre Mobilitätserfahrung jedoch positiv. Motivation und Hemmnisse
der mobilen jungen Menschen können
individuell unterschiedlich ausfallen, was
bei Unterstützungsmaßnahmen beachtet
werden sollte.

Die detaillierten Ergebnisse sowie Empfehlungen der umfassenden Studie
finden sich unter ‚Reports & Publications‘ auf http://www.move-project.eu/.

Kontakt:

Prof. Dr. Birte Nienaber, Associate Professor in Political Geography,
Universität Luxemburg, Birte.nienaber@uni.lu
Jutta Bissinger, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Universität Luxemburg
Emilia Kmiotek-Meier, Doktorandin, Universität Luxemburg

MOVE – Denkanstöße, Empfehlungen und
Schlussfolgerungen für die Jugendmobilität
Die Inhalte und Ergebnisse des Projekts „Mapping mobility – pathways, institutions and structural
effects of youth mobility in Europe“ (MOVE) haben bedauerlicherweise noch nicht den Bekannt­
heitsgrad in Deutschland erreicht, der ihnen im Arbeitsfeld zukommen sollte.1 Dabei hat MOVE den
Anspruch, die Mobilität junger Menschen in der EU zu analysieren und systematisches Wissen über
die Mobilitätsmuster junger Menschen zu generieren. Der folgende Beitrag plädiert für eine stär­
kere Beachtung der Studie und ihrer Ergebnisse.
Reinhard Schwalbach

F

estzuhalten ist, dass MOVE die derzeit aktuellste und umfangreichste
Forschung zum Themenfeld Mobilität
junger Menschen in Europa darstellt.
Es ist eine qualitative Studie, die mit
knapp 9.000 Befragten auch über eine
quantitative Relevanz verfügt. Die sechs
beteiligten Länder (DE, LUX, NO, RO, ES,
HU) arbeiteten in Zweierpaarungen zu je
einem Mobilitätsschwerpunkt: a) in der
beruflichen (Aus-)Bildung, b) Unternehmertum, c) Freiwilligentätigkeit und d)
Schüleraustausch / Jugendaustausch.
Die Studie nimmt eine Clusterung der
europäischen Länder vor, die im Wesentlichen auf zwei Kategorien basiert, EU/

1
2

und
EFTA2-Zentrum-Aufnahmeländer
EU/EFTA-Peripherie-Entsendeländer. Die
Studie zeigt, dass es keinesfalls ausreicht, Jugendmobilität mit weitestgehend harmonisierten Rahmenbedingungen über alle Ländergrenzen hinweg zu
fördern. Förderprogramme, so die Studie,
müssen auch den konkreten Bedingungen in den jeweiligen Ländern angepasst
sein. „One program fits all“ schafft Ungleichheiten. Implizit sind damit auch
Themen der längerfristigen Migration
und des „Brain-drain“ angesprochen,
die weiter untersucht und durchdrungen
werden sollten, auch in Hinblick auf die
qualitative Weiterentwicklung der die
Mobilität fördernden Programme.

Bisherige Veröffentlichungen finden sich unter: http://move-project.eu/reports-publications/
EFTA = Europäische Freihandelsassoziation (englisch European Free Trade Association)

Jugendmobilität mehrdimensional
betrachten
„Mobilität und Migration“ sind mehr als
eine Begriffspaarung: beide Bereiche
haben – bei aller notwendigen (!) Abgrenzung – auch ähnliche Bedingungsfaktoren, die das Projekt durch starke
Forschungspartner aus dem Bereich der
Migration miteinbezogen hat. In dem
engeren Forschungsgegenstand der Mobilität wird deutlich, dass diese Einfluss
auf Migration hat und diese erleichtert.
Noch deutlicher wird dies, wenn Jugendmobilität nicht nur auf den Jugendaustausch beschränkt bleibt – was MOVE
eben nicht tut. Und wenn man den Blick
auf bisher weniger im Fokus stehende
Zielgruppen Jugendlicher und weniger
beachtete Mobilitätsprofile (berufliche
Ausbildung/Bildung, Unternehmertum,
etc.) richtet. MOVE ist eine Forschung,
die damit cross-sektorale Aspekte der

IJAB journal 2/18

15

Im Fokus: Internationale Jugendarbeit – Zugang für alle?

Jugendpolitik – Jugendpolitik als Querschnittspolitik – betrachtet und nicht
nur im Bereich der Jugendarbeit verhaftet bleibt.
Klar wird durch die europäische Perspektive der Studie, dass eine rein nationale
– bspw. auf Deutschland bezogene –
Betrachtung der Jugendmobilität nicht
ausreichend ist und die Perspektive so
verschlankt, dass die Interessen anderer
Länder unberücksichtigt bleiben. Damit
ist auch die EU herausgefordert, sich mit
den sozioökonomischen Ungleichheiten
und Ungleichzeitigkeiten zu beschäftigen und mehr unterstützend zu fördern.
In erster Linie spricht dies auch dafür,
Mittel für eine Fortsetzung der Forschung in diesem Bereich zur Verfügung
zu stellen, etwa mit einem Förderprogramm HORIZON Youth II.
Konkrete Empfehlungen und
Vorschläge
Das MOVE-Projekt gibt in vielen Bereichen Empfehlungen zur Verbesserung
der Gelingensfaktoren und zur Beseitigung von Barrieren in der Jugendmobilität. Es werden finanzielle Strukturmaßnahmen empfohlen, die die sozialen und
wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in
unterschiedlichen Ländern und sozialen
Schichten anpassen sollen.
Die Verbesserung der Information und
Beratung und die Ansprache junger

Menschen, die bisher keinen Zugang
zu den Angeboten der Jugendmobilität
hatten, werden in den Blick genommen.
Intensivere und angepasste Nutzung
von sozialen Medien werden angesprochen. Die Qualität der Information an
Jugendliche ist ein wichtiges Thema. Die
Rolle von Peer2Peer-Information wird
betrachtet, bei gleichzeitiger Öffnung
eines engen Peer-Verständnisses: es gehören neben den gleichaltrigen Jugendlichen auch Eltern, Lehrkräfte und auch
Multiplikator(inn)en dazu. Insgesamt
fordert das Konsortium der beteiligten
Forschungseinrichtungen eine Absicherung von unterstützenden „Umgebungssystemen“ vor, während und nach einem
Mobilitätsaufenthalt. Dazu gehören Datenbanken auf beispielsweise dem Europäischen Jugendportal als einem „single
entry point“, betreuende Einrichtungen
und Personen wie Psycholog(inn)en,
Mentor(inn)en um den Aspekt der Begleitung (guidance) Jugendlicher weiter
zu etablieren. Ein zusätzlicher Appell
geht an die EU zur verbesserten Überwachung von Aufnahme- und Entsendeorganisationen und die verstärkte
Zusammenarbeit von Informations- und
Beratungseinrichtungen auf nationaler
und europäischer Ebene. Die Liste ließe
sich noch deutlich erweitern.
Unbenommen gehört zu einer groß angelegten Forschung, dass solche Empfehlungen getätigt werden. Das muss

Neben Gleichaltrigen gehören auch Eltern, Lehrkräfte und Multiplikator(inn)en
zu den „Peers“ von Jugendlichen

auch erwartet werden können. Ungeachtet der Tatsache, ob jede Empfehlung in
jedem Falle an der Stelle richtig platziert
ist, wo sie vorgenommen wurde3, ist die
Gesamtheit der Vorschläge zur Verbesserung und Innovation eine Stärke des
Projektes. Hier hilft der Dialog mit der
Praxis wie den Informations- und Beratungsnetzwerken national und europäisch. Nicht alles, was in den Resultaten
gefordert wird, ist nicht oder schlecht
vorhanden. Aber dieser Betrachtungswinkel war auch nicht zentraler Bestandteil des MOVE-Projekts. Und was
nicht ist, kann noch werden.
Unverzichtbar erscheint mir der CrossOver der Forschungen mit der Praxis –
Fachkräfte und Einrichtungen – sowie
mit Förderinstitutionen und der verantwortlichen Politik.
Es ist mehr als wünschenswert, dass
es zur Fortsetzung der bisherigen Forschung im MOVE-Projekt kommt, um
weitere Konkretisierungen herauszuarbeiten. Der Kreis der beteiligten Länder kann sicherlich erkenntnisbringend
erweitert werden. Die Umsetzung der
Empfehlungen sollte von der Forschung,
Praxis und Jugendpolitik geprüft und einer Implementierung der Verbesserungsvorschläge der Weg bereitet werden. Das
liegt ganz besonders im Interesse der
jungen Menschen und hilft Chancengerechtigkeit und Teilhabe an Mobilität
herzustellen.
Nicht zuletzt sind Forschungen wie das
MOVE-Projekt hochpolitisch, tangieren
sie doch relevante Themen wie Fachkräftebedarf und sozioökonomische Fairness
in Europa.
Kontakt:
Reinhard Schwalbach
IJAB, Geschäftsbereichsleiter
schwalbach@ijab.de

3

16

IJAB journal 2/18
1/18

An dieser Stelle muss noch erwähnt werden,
dass der finale Abschlussbericht seitens der EU
noch nicht zur Veröffentlichung freigegeben ist.

Kommunikation mit „austauschfernen“
jungen Zielgruppen
Einige Gruppen junger Menschen sind in internationalen Austauschprogrammen deutlich unterre­
präsentiert. Die Gründe dafür sind vielfältig, die Art und Weise der Zielgruppenkommunikation ist
eine davon. Zu diesem Ergebnis kommt eine Zielgruppenstudie, die Barrieren in der Kommunikation
mit „austauschfernen“ Jugendlichen untersuchte.
Matthias Rohrer

U

m „austauschferne“1 Jugendliche
und junge Erwachsene über den
„internationalen Jugendaustausch“ effektiver informieren sowie das Interesse
und die Begeisterung hierfür in dieser
Zielgruppe steigern zu können, muss
sich insbesondere die gestalterische und
inhaltliche Ausrichtung der Kommunikation stärker an den Interessen sowie an
den ästhetischen und lebensstilistischen
Vorlieben junger Menschen orientieren.
Das zeigt die von der Robert Bosch Stiftung finanzierte und von jugendkultur­
forschung.de e.V. durchgeführte qualitative Zielgruppenstudie „Kommunikation
mit „austauschfernen“ jungen Zielgruppen“.
Zielgruppengerechte Kommunikation
Die Medienwelt junger Menschen wird
stark von digitalen Angeboten dominiert.
Zentraler Zugangspunkt zur lebensweltlich und jugendkulturell wichtigen
bunten Kommunikations- und Unterhaltungswelt sind dabei vor allem das
Smartphone und Apps wie Instagram,
YouTube, WhatsApp, Snapchat und mit
Einschränkungen Facebook. Die Ansprüche „austauschferner“ Jugendlicher und
junger Erwachsener an eine adäquate
Kommunikation mit ihnen ist stark von
dieser digitalen Medienwelt und der Art
und Weise der Mediennutzung geprägt.
Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, dass jene, die mit ihnen kommunizieren wollen, sich kompetent in den
für sie relevanten Medien bewegen und

1

Inhalte und Botschaften auf Basis ihrer
Vorlieben und Bedürfnisse aufbereitet
und gestaltet werden. Erfolgsorientierte
Kommunikation mit „austauschfernen“
Jugendlichen und jungen Erwachsenen
nutzt daher die im digitalen Kommunikationsraum vorhandenen vielfältigen
Möglichkeiten zur Ausgestaltung und
versteckt Botschaften und Inhalte nicht
in langen Texten, sondern transportiert
diese idealerweise über ausdrucksstarke
bildzentrierte Trägermedien.
Die relevanten Inhalte kommunizieren
Um „austauschferne“ junge Menschen
für den internationalen Jugendaustausch
zu begeistern, reicht es jedoch nicht aus,
nur die gestalterische Ausrichtung der
Kommunikation anzupassen. Es müssen
auch die richtigen Inhalte kommuniziert
werden. Auch das zeigen die Ergebnisse
der hier vorgestellten Studie deutlich.
Sieht man sich Kommunikationsmaßnahmen von Angeboten an, die das freiwillige Engagement junger Menschen
fördern sollen, dann stehen oft altruistische und gemeinwohlorientierte Motive und Argumente im Mittelpunkt der
Kommunikation. Das sind jedoch Motive
und Argumente, mit denen man beim
durchschnittlichen jungen Menschen
der 2010er Jahre, der in einer hochgradig individualisierten, nach Regeln des
neoliberalen Wettbewerbs funktionierenden Gesellschaft aufgewachsen ist,
kaum Aufmerksamkeit und Wohlwollen

erzielen kann. Denn das Streben nach
Individualismus sowie ökonomisches
Denken, das heißt ein rechnendes,
pragmatisches Kosten-Nutzen-Kalkül
in allen Lebensbereichen, prägen sein
Denken und Handeln. Die zentrale Frage,
die fast aller seiner Aktivitäten und
Handlungen vorausgeht, ist: „Was bringt
es mir persönlich?“ Auch die Kultur der
„austauschfernen“ jungen Zielgruppen
ist stark durch dieses merkantile Denken
bestimmt. Um ihnen den „internationalen Jugendaustausch“ schmackhaft zu
machen, darf man daher in der Zielgruppenkommunikation nicht auf altruistische und gemeinwohlorientierte Motive
und Argumente setzen, sondern muss
ihnen vor allem materielle und immaterielle Vorteile, die sich aus der Teilnahme
am „Internationalen Jugendaustausch“
für sie ergeben, vor Augen führen.
Die ganze Studie lesen:
https://bit.ly/2CGJTSX

Kontakt:
Matthias Rohrer
Studien- und Projektleiter
Jugendkulturforschung und
Kulturvermittlung e.V.
matthias.rohrer@jugendkulturforschung.de

Als „austauschferne“ Jugendliche und junge Erwachsene wurden für die hier vorgestellte Zielgruppenstudie Jugendliche und junge Erwachsene mit niedrigem bzw. mittlerem Bildungshintergrund im Alter
von 14 bis 27 Jahren definiert. Die Eingrenzung basiert auf der von der Robert Bosch Stiftung GmbH und
dem BMFSFJ bei der SINUS Markt- und Sozialforschung GmbH in Auftrag gegebenen Studie „Warum
nicht? Studie zum Internationalen Jugendaustausch: Zugänge und Barrieren.“ Unter anderem zeigte
diese Studie, dass Jugendliche und junge Erwachsene mit niedrigem bzw. mittlerem Bildungshintergrund
unterdurchschnittlich oft Angebote des „internationalen Jugendaustausches“ wahrnehmen.

IJAB journal 2/18

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Im Fokus: Internationale Jugendarbeit – Zugang für alle?

Mapping von Jugendinformationsdiensten:
Bestandsaufnahme, Analyse und Empfehlungen
Das IJAB-Projekt „Mapping bestehender Jugendinformationsdienste in Deutschland“ will zum Ausbau von
Information und Beratung für Jugendliche und Fachkräfte zu Mobilitätsfragen beitragen. Dazu wurden
in einer Synopse1 auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene Netzwerke der Mobilitätsberatung identi­
fiziert, eine Befragung und Interviews mit Beratungsfachkräften sowie abschließend ein Fachtag zu den
Ergebnissen durchgeführt.
Evaldas Rupkus

Bundesweit über 700 Angebote
Das Projekt hat zunächst eine Bestandsaufnahme der Beratungsnetzwerke
durchgeführt, die Auslandsmobilitätsberatung leisten. Deren Standorte wurden
auf einer Deutschlandkarte unter bit.do/­
synopse eingetragen. In der Summe bildet
die Karte über 700 Angebote der Mobilitätsberatung in der gesamten Bundesrepublik ab. Natürlich ist dies keine vollständige Liste, sie gibt aber erste Impulse
für weitere Auswertungen und Analysen.
Für Fachkräfte der Jugendarbeit ist sie
hilfreich um Partnerorganisationen in der
eigenen Umgebung zu finden.
Statistische Erhebung der angebotenen Dienstleistungen
In einer zweiten Phase des Mappings
nahmen im Mai dieses Jahres Verantwortliche der Jugendinformation und
-beratung an einer Online-Befragung
teil. Daran beteiligten sich vor allem
Personen, die den Netzwerken Eurodesk und „Kommune goes international“
angehören, als Mobilitätsberater/-in
in dem Förderprojekt der DIHK Service
GmbH „Berufsbildung ohne Grenzen“ arbeiten oder im Rahmen folgender Servicestellen und –projekten tätig sind: den
(vom BMFSFJ geförderten) Innovationsfondsprojekten, Europe Direct, EURES,
Euroguidance, Jugendinfonetz und dem
Europeers-Netzwerk. Befragt wurden sie
nach wichtigen Kooperationspartnern,
der Beratungsintensität zu vorgegebenen Themen über Auslandsaufenthalte
sowie zur Nutzung von Kommunikationswegen. Insgesamt wurden 108 ausgefüllte Fragebögen ausgewertet.
1

18

Wie intensiv wird über welche
Themengebiete beraten?
Die Befragten gaben zu einer Reihe
vorgegebener Themengebiete im Zusammenhang mit Auslandsaufenthalten
an, ob sie dazu „Information“, „Erstberatung“ oder „begleitende Beratung“
anbieten. Die Auswertung ergab „Förderprogramme“, „Jugendbegegnungen“,
„Praktika“, „berufliche Aus- und Weiterbildung“ und „Freiwilligendienste“ eine
höhere, bei den Mobilitätsthemen „Reisen“, „Au Pair“, „Auslandsschulaufenthalte“, „Auslandsstudium“, „Ferienfreizeiten“ und „Sprachkurse im Ausland“
eine geringere Beratungsintensität.
Die Beratungsintensität hängt natürlich
ab von dem spezifischen Themenportfolio, das jedes Beratungsnetzwerk für
seine Klientel bereithält. Eurodesk, das
Jugendinfonetz, das Netzwerk Kommune
goes International oder Projekte des Innovationsfonds des BMFSFJ im Bereich
Internationale Jugendarbeit beraten
über Themen zu Jugendbegegnungen,
Freiwilligendiensten oder Workcamps
am intensivsten. Europe Direct, EURES/
Euroguidance, „Berufsbildung ohne
Grenzen“ legen ihre Schwerpunkte eher
auf Förderprogramme, Praktika, berufliche Aus- und Weiterbildung, Studium
im Ausland, Arbeiten und Jobben. Die
Auswertung zeigte darüber hinaus auch,
dass die Beratungsintensität immer
dann ausgeprägter ist, je mehr die Befragten in verschiedene Netzwerke eingebunden sind.

Nutzung der Kommunikationskanäle
Fast alle Befragten nutzen E-Mail, Telefon und Internetportal als Kommunikationskanäle für ihre Informations- und Beratungsdienstleistungen. Workshops und
Vorträge, Druckmaterial und Vertretung
auf Messen kommen ebenfalls häufig
vor. Aufsuchende Aktivitäten in Schulen und Newsletter/Verteiler gibt über
die Hälfte der Befragten an, weniger als
die Hälfte (46%) nutzt den Peer-to-Peer
Ansatz, ist bei Sport- und Kulturveranstaltungen oder bei Jugendclubs, -zentren, -treffs und/oder Jugendverbänden
vor Ort tätig. 38% der Befragten berichten über eine Nutzung der Medien
TV, Rundfunk, (Online)-Zeitungen; von
den Social-Media-Möglichkeiten wird
Facebook am häufigsten eingesetzt, die
übrigen stehen am Ende der Liste: Chat,
Instagram, WhatsApp, YouTube, Twitter
und weit abgeschlagen Snapchat.
Fallstudien zu Gelingensfaktoren
An den zwei unterschiedlichen Standorten Bremen und Landkreis Rottweil
führte das Projektteam 13 halbstrukturierte Interviews mit Fachkräften
durch, um einen tieferen Einblick in die
Netzwerk- und Partnerstrukturen vor
Ort zu erhalten und neue Erkenntnisse
über die Gelingensbedingungen zur Erreichbarkeit austauschferner Jugendlicher zu gewinnen. Bei den Fallstudien
wurde hervorgehoben, dass Fachkräfte,
die selber über Auslandserfahrung
verfügen, Jugendliche wirksamer und
nachhaltiger bei Fragen zur Mobilität ansprechen können. Von fast allen
Interviewpartner(inne)n wurden die An-

Die Synopse „Mapping der bestehenden Informations- und Beratungsdienste für Jugendliche und Fachkräfte zu Mobilitätsfragen in Deutschland“ steht unter
www.ijab.de/jimapping zum Download zur Verfügung.

IJAB journal 2/18

Die Wahl der richtigen Kommunikationskanäle ist ein entscheidendes Erfolgskriterium, um Jugendliche für den internationalen
Austausch zu gewinnen

gebote des Eurodesk-Netzwerks im Kontext der Auslandsmobilitätsberatung als
sehr nützlich eingeschätzt und sie nutzen regelmäßig Eurodesk-Broschüren.
Die Mobilitätslots(inn)enweiterbildung
führt ihrer Einschätzung nach zu einer
Stärkung und Orientierung in einem
komplexen Beratungsfeld.
Austauschferne Jugendliche zu erreichen, gestaltet sich eher schwierig. Die
Fachkräfte schildern, dass die Ansprache
von Jugendlichen aus Haupt-, Real- und
besonders Förderschulen am schwierigsten ist, weil diese davon überzeugt sind,
dass Angebote der Internationalen Jugendarbeit nichts für sie und ihre Situation sind. Allgemein wird betont, dass
der finanzielle Aspekt für viele junge
Leute entscheidend ist und wenig Freiräume für längerfristige Auslandsaufenthalte vorhanden seien. Viele Mobilitätsformate sind nicht niedrigschwellig
genug. Für die Antragstellung beispielsweise ist eine Begleitung notwendig,
wofür aber die vorhandene Arbeitszeit
oft fehle. Berichtet wurde von einer
guten Resonanz bei „Einstiegsformaten“ wie beispielsweise Workcamps, da
diese insbesondere auch in den Ferien
ausprobiert werden können. Darüber
hinaus ist die Zusammensetzung der
Teilnehmenden für Jugendliche wichtig.
Die Ansprache Jugendlicher sollte „authentisch und ehrlich“ sein. Dies klappt
gut über Multiplikator(inn)ennetzwerke,
Jugendarbeiter/-innen, Vereine und den
persönlichen Kontakt.
Empfehlungen der Synopse
Drei der Empfehlungen der Synopse sollen hier kurz vorgestellt werden:

>>Die Umfrageergebnisse zeigen ganz
eindeutig: Je mehr ein Träger vernetzt
ist, desto intensiver kann er beraten.
Da jedes Netzwerk seinen eigenen
Schwerpunkt thematisch oder methodisch mitbringt, kann eine Mehrfachzugehörigkeit zu unterschiedlichen
Netzwerken Verstärkung bedeuten.
Um das zu ermöglichen, müssen zeitliche und finanzielle Ressourcen zur
Verfügung stehen.
>>Viele potenzielle Kanäle zum Erreichen junger Menschen werden kaum
bis gar nicht eingesetzt. Wenn es um
Social-Media geht, wird am häufigsten Facebook genutzt, was jedoch
nicht mehr dem Nutzerprofil junger
Menschen entspricht. Diese nutzen
häufiger WhatsApp, Snapchat, Instagram oder YouTube. Sie werden aus
unterschiedlichen Gründen von Fachkräften nicht eingesetzt.
>>Für viele austauschunerfahrene Jugendliche fehlt eine konkrete Vorstellung, wie internationale Begegnungen
funktionieren und dass diese für alle
da sind. Hier fehlen vor allem authentische Erfahrungsberichte aus dem
Freundeskreis. Nur 46 % der Beratungsfachkräfte arbeiten mit jungen
Leuten zusammen und wenden damit
sogenannte Peer-to-Peer-Methoden
an. Die effektivsten Nachrichten sind
solche, die von Gleichaltrigen kommen
– in Form von Erfahrungsberichten
oder motivierenden Posts und Bildern
in Social-Media.
Erste Ideen für koordinierte Öffentlichkeitskampagne
Am 21. September 2018 trafen sich
in der Berliner Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung auf Einladung des

Mapping-Projekts 45 Fachkräfte und
Koordinator(inn)en der bundesweiten
Programme zum „Reach-out-Fachtag“,
um über die jugendgerechte Ansprache
für mehr internationalen Austausch
zu sprechen. Die Vorstellung der „Zugangsstudie“ hat gezeigt, dass es in allen Milieus potenzielle Teilnehmende an
internationalem Jugendaustausch gibt.
Die Studie von jugendkulturforschung.
de gab außerdem Hinweise, wie die Zielgruppen besser anzusprechen sind: mit
pragmatischerer Nachricht, gezielteren
Inhalten und über von Jugendlichen genutzte Kanäle.
Beim Fachtag wurden die Ergebnisse des
Mappings in Form einer Synopse erstmals präsentiert. Die dort enthaltenen
Empfehlungen für mehr Unterstützung
der Fachkräfte wurde auch von den Teilnehmenden in den Arbeitsgruppen bekräftigt. Die Veranstaltung führte auch
dazu, die eigene Praxis im Lichte der Forschungsergebnisse nach Weiterentwicklungspotenzialen zu hinterfragen und
neue Ansätze zu diskutieren. So wurde
die Idee einer bundesweit koordinierten
Öffentlichkeitskampagne ins Gespräch
gebracht. Diese setzt voraus, dass die
Fachkräfte vor Ort mit Weiterbildungsmaßnahmen, aktuellen Materialien und
relevanten Forschungsergebnissen zu
lokalen Informationsbedürfnissen der
Jugendlichen zentral versorgt werden.

Kontakt:
Evaldas Rupkus
IJAB, Referent Qualifizierung und
Weiterentwicklung der Internationalen
Jugendarbeit
rupkus@ijab.de

IJAB journal 2/18

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Im Fokus: Internationale Jugendarbeit – Zugang für alle?

DiscoverEU: Fakten, Eindrücke und Zukunft
Ein Gratis-Reiseticket von der EU – das hatte es bislang noch nicht gegeben! 2018 startete das neue
EU-Programm für Jugendliche. Ein gewagter Ansatz, niedrigschwellig und oft kritisiert. Floor van Houdt,
Referatsleiterin der Europäischen Kommission in der Generaldirektion Bildung, Jugend, Sport und Kultur,
zieht Bilanz und erläutert, wie es weitergehen soll.
Floor van Houdt

D

ie Vision für DiscoverEU war das Ergebnis eines Interrail-Trips durch die
Europäische Union der beiden deutschen
Aktivisten Vincent-Immanuel Herr und
Martin Speer. Nach der Unterstützung
durch Mitglieder des Europäischen Parlaments wurde DiscoverEU 2018 ins Leben gerufen. Das Ziel war, 15.000 achtzehnjährigen europäischen Bürgerinnen
und Bürgern ein Gratis-Reiseticket zur
Verfügung zu stellen, um ihnen unabhängig von ihrem sozioökonomischen
Umfeld und Hintergrund die Möglichkeit
zum Reisen zu geben. Ihre Reisen sollten
die Jugendlichen den anderen Kulturen,
Sitten und Sprachen der Europäischen
Union näherbringen. Durch die Erkundung unseres Kontinents entwickelten
die Reisenden ein besseres Verständnis
für die kulturelle Vielfalt der Europäischen Union und ein deutlicheres Bewusstsein für die Gemeinsamkeiten mit
Gleichaltrigen, was schließlich zu einem
stärkeren europäischen Wir-Gefühl geführt hat.
Aus pädagogischer Sicht stellt die Initiative eine Möglichkeit informellen
Lernens dar. In die Kultur eines anderen Landes einzutauchen ist oft der
beste Weg, um die eigenen Fremdsprachenkenntnisse zu erweitern. Fast alle
DiscoverEU-Reisenden kommunizierten
in Sprachen, die nicht ihre Mutterspra-

20

IJAB journal 2/18

chen sind, und über 60 % konnten ihre
Fremdsprachenkenntnisse verbessern.
Diese Facette des Lernens kann also
als klarer Erfolg verbucht werden. Darüber hinaus gab es noch weitere Lern­
aspekte: Die Achtzehnjährigen gaben
an, zusätzlich noch eine Reihe anderer
Fertigkeiten und Fähigkeiten ausprobiert
und erworben zu haben, wie etwa Organisation und Planung und die Fähigkeit,
sich in unvorhergesehenen Situationen
anzupassen. All das hat bei den Teilnehmenden zu mehr Selbstbewusstsein und
Eigenständigkeit geführt.
Wesentliches Element: Inklusion
Bei der Erarbeitung der Initiative stand
die Inklusion im Mittelpunkt. Um den
Zugang für Jugendliche außerhalb der
üblichen Zielgruppe zu ermöglichen,
wurden gezielt Maßnahmen getroffen,
damit Achtzehnjährige, die weiter entfernt – zum Beispiel in den europäischen
Gebieten äußerster Randlage – wohnen
oder eine Behinderung haben, ebenfalls
teilnehmen konnten. Der Großteil der
Reisen erfolgte zwar mit dem Zug, für
Reisende aus abgelegenen Gegenden
gab es jedoch auch die Option, den Bus
oder die Fähre zu nehmen, in Ausnahmefällen waren sogar Flugreisen möglich. Für Jugendliche mit besonderen
Bedürfnissen gab es zusätzliche Unterstützung, damit sie wenn nötig mit Be-

gleitpersonen reisen konnten. Die Mindestanforderung einer eintägigen Reise
in einen EU-Mitgliedsstaat kam denjenigen entgegen, die nicht zu lange von zu
Hause wegbleiben konnten. Dank dieser
Flexibilität hatten fast 50 Jugendliche
mit Behinderungen die Chance teilzunehmen. Zum ersten Mal allein zu reisen
kann beängstigend sein, gemeinsam zu
reisen kann dagegen eine durchaus ermutigende Erfahrung sein. Deswegen
war es den DiscoverEU-Reisenden möglich, in Gruppen von bis zu fünf Personen zu reisen. Viele Teilnehmende haben
diese Möglichkeit genutzt und sind mit
mindestens einer Freundin oder einem
Freund gereist.
Der inklusive Charakter der Initiative
zeigte sich auch im Auswahlprozess, der
kurz, einfach und niederschwellig gestaltet wurde.
Kritisiert wurde DiscoverEU für die Kosten, die den Reisenden für Unterkunft
und Verpflegung entstehen, weswegen
diese Erfahrung manchen verwehrt blieb.
Wir teilen diese Bedenken und arbeiten
mit den Verantwortlichen daran, Lösungen für diese Hindernisse zu finden.
Es ist jedoch hervorzuheben, dass zwei
Drittel der Teilnehmenden angaben, dass
sie sich die Reise ohne unsere Unterstützung gar nicht hätten leisten können.

Insgesamt sind wir sehr zufrieden mit
der ersten Auflage der Initiative. Die
erste Bewerbungsrunde war im Hinblick
auf die Beteiligung und das Interesse aus
der Zielgruppe ein Erfolg. Über 100.000
junge Menschen haben sich für das
Programm beworben, insbesondere aus
Deutschland, Spanien und den Niederlanden. In allen Mitgliedstaaten wurde
die Initiative mit Begeisterung aufgenommen und so wurden alle Länderquoten erfüllt.
Wer noch nicht von der Wirkung dieser
Initiative überzeugt ist, muss sich nur
die Internet-Statistiken ansehen. Schon
am Einführungstag, dem 12. Juni 2018,
verbreitete sich #DiscoverEU über Twitter und die DiscoverEU-Website erhielt
binnen weniger Tage über eine Million Klicks. Die Erfahrungsberichte, die
die Reisenden im Internet posten, sind
äußerst positiv. Voller Zuversicht und
Dankbarkeit berichten die Jugendlichen
von dem reichen kulturellen Erbe unseres Kontinents sowie von Kontakten
und Begegnungen mit Altersgenossen
aus der ganzen EU. Das beweist, dass die
DiscoverEU-Reisenden den Leitgedanken
der Initiative verinnerlicht haben und
keine Angst davor haben, sich Europa
gegenüber zu öffnen, so wie sich Europa
für sie geöffnet hat.
Aktuell konzentrieren wir uns auf den
nächsten Reisezeitraum. Mit dem Beginn der zweiten Bewerbungsrunde
am 29. November 2018 stehen erneut
12.000 Reisetickets zur Verfügung. Motiviert durch die positiven Reaktionen
der jungen Generation hat die Europäische Union beschlossen, das Budget der
DiscoverEU-Initiative auf 700 Millionen
Euro zu erhöhen. Mit dieser Anhebung
hoffen wir, in den nächsten 7 Jahren
1,5 Millionen jungen Menschen – das
entspricht ca. 4 % aller europäischen
Achtzehnjährigen – ein Gratis-Reiseticket anbieten zu können.
Verbesserungspotenzial ausschöpfen
Es gibt immer noch Verbesserungspotenzial und das neue Budget wird dazu
beitragen, DiscoverEU noch leichter
zugänglich und inklusiver zu machen.
Um diese Ziele zu erreichen, möchten
wir drei Hauptaspekte des Programms
stärken und weiterentwickeln: Zunächst

bauen wir auf der erfolgreichen Strategie für Inklusion und Vielfalt von Erasmus+ auf, welche darauf ausgelegt ist,
die Verbindung zu Nationalen Agenturen, lokalen Partnern und Netzwerken,
die mit benachteiligten Jugendlichen
arbeiten, zu stärken.
Die Flexibilität des Formats wird auch
in Zukunft ein wichtiger Schwerpunkt
bleiben, da die Möglichkeit, in Gruppen
zu reisen bzw. Kurztrips zu unternehmen, als Erfolg hervorgehoben wurde.
Schließlich wird die zusätzliche Finanzierung dafür genutzt, Teilnehmende aus
Gebieten in äußerster Randlage der EU
besser zu unterstützen und Reisenden
mit besonderen Bedürfnissen zusätzliche
Hilfe zu ermöglichen, um zu gewährleisten, dass alle die Chance haben teilzunehmen.
Außerdem soll die pädagogische Wirkung von DiscoverEU weiterentwickelt
werden. Wir sind davon überzeugt,
dass Lernen bei jeder Reiseerfahrung
eine wichtige Rolle spielt und dass DiscoverEU gewiss eine ganze Reihe von
Schlüsselkompetenzen vertiefen und
gleichzeitig Mentalitäten verändern sowie Bürgersinn und Engagement stärken
kann. Wir möchten die Lerndimension
vor, während und nach der Erfahrung
ausbauen. Das könnte auf unterschiedliche Weise erfolgen, zum Beispiel indem
den Jugendlichen vor Reiseantritt Informationen zu Geschichte, Kultur und Bevölkerung bereitgestellt werden; indem
über ein DiscoverEU-Spiel zu örtlichen
Legenden und Traditionen der Kontakt
zur lokalen Bevölkerung hergestellt wird;
oder durch die Ermutigung zur Selbstreflexion und Dokumentation der Erfahrungen im Anschluss an die Reise durch
ein Instrument zur Selbsteinschätzung,
vergleichbar mit dem Youthpass.
DiscoverEU steckt noch in den Kinderschuhen, es besteht Verbesserungspotenzial und wir arbeiten hart daran,
dieses auszuschöpfen. Wir müssen sicherstellen, dass alle Europäerinnen und
Europäer daran teilhaben und davon
profitieren können. Die junge Generation hat die Initiative angenommen und
beflügelt. Wenige Stunden nachdem die
ersten Reisetickets erteilt wurden, waren
junge Europäerinnen und Europäer, die

sich nie zuvor getroffen hatten, bereits
im Gespräch, verabredeten Treffen, gaben Geheimtipps zu ihren Heimatorten
und -städten preis und boten sogar an,
andere DiscoverEU-Reisende bei sich zu
Hause zu beherbergen. Diese Begeisterung beweist, dass DiscoverEU bereits
heute ein wirkungsvolles und notwendiges Programm ist. DiscoverEU ist – so
viel steht fest – aus unserem Leben nicht
mehr wegzudenken.

Kontakt:
Floor van Houdt
Referatsleiterin Jugend,
solidarische Freiwilligentätigkeit,
Praktikantenbüro
Europäische Kommission –
GD Bildung, Jugend, Sport und Kultur

IJAB journal 2/18

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Internationale
Jugendpolitik
Internationale Jugendpolitik

In der internationalen Jugendpolitik lohnt diesmal ein Blick auf die neuen Entwicklungen zum
Deutsch-Griechischen Jugendwerk. Und auch das Europäische Solidaritätskorps, mit dem die EU
den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken will, wird näher beleuchtet.

Auf dem Weg zum Deutsch-Griechischen
Jugendwerk: Entwicklungen und Perspektiven
Am 11. Oktober 2018 zeichneten Bundesjugendministerin Dr. Franziska Giffey und der Generalsekretär für
Jugend, Pafsanias Papageorgiou, im Rahmen des Besuchs von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
bei seinem griechischen Amtskollegen Prokopis Pavlopoulos, das Abkommen zur Gründung des DeutschGriechischen Jugendwerks. Wie geht es nun mit dem deutsch-griechischen Jugendaustausch weiter?
Der folgende Beitrag stellt die jüngsten Entwicklungen und die Perspektiven vor.
Natali Petala-Weber

D

ie Paraphierung des Abkommens zur
Gründung des Deutsch-Griechischen
Jugendwerks sowie die damit verbundene Ankündigung, Leipzig als künftigen
deutschen Standort des Jugendwerks
(DGJW) zu wählen, sind Meilensteine
in der jüngsten jugendpolitischen Zusammenarbeit mit Griechenland. Zuvor
hat das griechische Parlament die am
26. Juli 2017 in Berlin unterzeichnete
bilaterale Ressortvereinbarung über die
Zusammenarbeit im Bereich Jugend und
über die Gründung eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks verabschiedet. Der
Fahrplan, auf den sich beide Regierungen
mit der Unterzeichnung der Ressortvereinbarung festgelegt hatten, scheint somit erfolgreich eingehalten zu werden.
Gremium zur deutsch-griechischen
Jugendzusammenarbeit
Im Dezember 2017 tagte in Bonn, wie
in der Ressortvereinbarung vereinbart,
erstmals das bilateral besetzte Gremium
zur Umsetzung und Entwicklung der
deutsch-griechischen
Jugendzusam-

22

IJAB journal 2/18
1/18

menarbeit. Die Delegationen beschlossen die Durchführung des 3. DeutschGriechischen Jugendforums 2018, die
Installierung einer Arbeitsgruppe zur
Erarbeitung einer Sprachanimation
für den deutsch-griechischen Jugendaustausch sowie die Umsetzung einer
Konferenz, die die deutsch-griechischen
Beziehungen über die Jahrhunderte hinweg aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und ihre Auswirkungen auf den
deutsch-griechischen Jugendaustausch
einschätzen soll. Darüber hinaus waren
sich beide Delegationen einig, dass der
deutsch-griechische Jugendaustausch
zur Stärkung des interkonfessionellen
Dialogs beitragen kann und vice versa
der Jugendaustausch selbst einen Mehrwert erfährt durch eine stärkere Einbindung kirchlich angesiedelter Träger der
Jugendarbeit – insbesondere auch der
bislang unterrepräsentierten Orthodoxen Kirche. Bedingt durch die derzeitigen Strukturen und anlässlich der aktuellen Situation in Griechenland wurde
in dieser ersten Sitzung des bilateralen

Gremiums unter anderem der Wunsch
nach einem Ausbau des Jugendaustausches in den Bereichen Sport und junges
Unternehmertum sowie zwischen Pfadfinderverbänden formuliert.
Sprachanimation im deutschgriechischen Jugendaustausch
Die Bildung einer bilateralen Arbeitsgruppe zur Entwicklung einer Sprachanimation für den deutsch-griechischen
Jugendaustausch ist Ergebnis eines
entsprechenden Fachprogramms im
September 2017. Die Arbeitsgruppe
tagte erstmals im April 2018 und hat
sich zum Ziel gesetzt, unter Anleitung
von
Sprachanimationstrainer/-innen,
die Erfahrung im deutsch-griechischen
Jugendaustausch besitzen, Methoden
der Sprachanimation zu entwickeln, die
explizit die Besonderheiten im deutschgriechischen Kontext aufgreifen. Diese
Methoden werden in der Praxis angewandt, evaluiert und angepasst. Bereits
2019 soll eine erste Methodensammlung
in beiden Sprachen zur Verfügung stehen.

Die Teilnehmenden des 3. Deutsch-Griechischen Jugendforums, zusammen mit Thomas Thomer, Unterabteilungsleiter im BMFSFJ, Jannis
Boutaris, Bürgermeister der Stadt Thessaloniki, Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der Stadt Köln, Pafsanias Papageorgiou, Generalsekretär
für Jugend und Bettina Bundszus-Cecere, Abteilungsleiterin im BMFSFJ (vorne, v. l. n. r.)

Darüber hinaus berät die Arbeitsgruppe zu Qualifikationskriterien und
-maßnahmen der Sprachanimation im
deutsch-griechischen Jugendaustausch.
Dass es bereits jetzt einen Bedarf gibt,
Empfehlungen zu erarbeiten, zeigen die
Anfragen der Träger zu Sprachanimationsschulungen für anstehende Projekte.
Was bisher in der deutsch-griechischen
Arbeitsgruppe erarbeitet wurde, stellte
IJAB im Rahmen der Methodenwerkstatt
für Sprachanimation der bilateralen Jugendwerke und Koordinierungsstellen
vor und ermöglichte somit den Bezug
zur Sprachanimationsentwicklung im
Gesamtkontext der Internationalen Jugendarbeit.
Bilaterale Konferenz „es war einmal.
heute. Jugend im Fokus der deutschgriechischen Beziehungen“
Im Mai 2018 führte die Georg-vonVollmar-Akademie in Kooperation mit
IJAB, der Stiftung Palladion, dem Bayerischen Jugendring und der Vereinigung

der Deutsch-Griechischen Gesellschaften in München die im bilateralen Gremium beschlossene Konferenz über die
deutsch-griechischen Beziehungen und
ihre Auswirkung auf den Jugendaustausch durch. Rund 100 Teamer/-innen,
Multiplikator(inn)en und Expert(inn)en
diskutierten über die deutsch-griechischen Beziehungen aus verschiedenen
Perspektiven: vom Philhellenismus bis
zur zeitgenössischen Kulturzusammenarbeit, über Programme zur Förderung
der Kenntnisse der Sprache des Partnerlands bis hin zur deutschen Besatzung
in Griechenland, zur Erinnerungs- und
Gedenkstättenarbeit in beiden Ländern, der griechischen Migration nach
Deutschland, der Rolle der Medien in
den deutsch-griechischen Beziehungen
und nicht zuletzt unter Betrachtung zukunftsweisender Kooperationsprojekte.
IJAB hat die Vorträge, Diskussionen,
Workshops und Fachbesuche ausführlich
unter www.ijab.de/griechenland dokumentiert.

Neue Dynamik im 3. DeutschGriechischen Jugendforum in Köln
Das 3. Deutsch-Griechische Jugendforum wurde unter Würdigung des
30-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft Köln-Thessaloniki vom 22. Oktober bis zum 25. Oktober 2018 in Köln
durchgeführt, nachdem im Vorjahr das
2. Deutsch-Griechische Jugendforum in
Thessaloniki stattfand. Die öffentlichkeitswirksame Paraphierung des Abkommens zehn Tage vor Beginn des Forums
verlieh der viertägigen Veranstaltung
mit 120 Vertreter(inne)n aus beiden
Ländern neue Schubkraft und Dynamik.
Einerseits intensivierte sich das Interesse der Träger und Akteure, über die
Grundlagen der deutsch-griechischen
Jugendzusammenarbeit
thematisch,
methodisch und strukturell mit ihren
griechischen Partnern zu diskutieren.
Andererseits rückten jetzt stärker Fragen
zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit
in den Vordergrund, die bei den Trägern
sowohl ein gemeinsames Verständnis

IJAB journal 2/18

23

Internationale Jugendpolitik

Am 11. Oktober 2018 wurde in Athen das Abkommen zur Gründung des Deutsch-Griechischen Jugendwerks gezeichnet

als auch die gegenseitige Kenntnis der
Jugendarbeit, der Bildungssysteme, der
zivilgesellschaftlichen Strukturen insgesamt und der Mechanismen der Zusammenarbeit von Staat und Gesellschaft in
beiden Ländern erforderlich machen. Die
Klärung dieser Fragen bildet die Basis
für eine nachhaltige Zusammenarbeit
zwischen Partnern in Griechenland und
in Deutschland.
Das 3. Deutsch-Griechische Jugendforum beinhaltete ein Barcamp. Damit
bot es den Teilnehmenden eine partizipative Plattform. In 24 Sessions wurden
nicht nur Projektplanungen vertieft und
in der Peer-to-Peer-Beratung konkretisiert, sondern auch Strukturen verglichen, Fördermöglichkeiten besprochen,
Vergleiche zu den anderen bilateralen
Jugendwerken gezogen und Methoden
der Jugendarbeit in beiden Ländern vorgestellt. IJAB betreut auch 2019 die im
Zusammenhang mit dem 3. DeutschGriechischen Jugendforums hervorgegangenen Projekte und Bedarfe.
Deutsch-griechischer Jugendaustausch: Perspektive 2019
Geplant ist, dass das Bundesjugendministerium auch 2019 Projekte mit Griechenland über das Sonderprogramm
zur Förderung des deutsch-griechischen

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IJAB journal 2/18
1/18

Jugend- und Fachkräfteaustauschs bezuschusst. Denn trotz der offiziellen
Verlautbarungen über eine Arbeitsaufnahme des Deutsch-Griechischen Jugendwerks im Mai kommenden Jahres
wird die Erarbeitung der Förderrichtlinien des DGJW aller Voraussicht nach
2019 noch nicht abgeschlossen sein.
IJAB steht auch 2019 mit Aktivitäten zur
Verfügung, die der Information, Vernetzung, Qualifizierung und Beratung von
Trägern im deutsch-griechischen Jugendaustausch dienen. Anvisiert ist auch
für 2019 ein Griechenland-Special, die
Erweiterung des Online-Glossars (www.
translation.rocks) sowie die Erweiterung
der digitalen Karte der Erinnerungsorte
unter www.jugenderinnert.jetzt. Im Rahmen von Fachtagen wird IJAB Schwerpunktthemen des deutsch-griechischen
Jugendaustausches auf nationaler
Ebene fachlich vertiefen: Nachdem 2018
das Thema „berufliche Orientierung“ im
Mittelpunkt stand, wird 2019 der Fokus auf die Themen „Umweltbildung“
und „Sport“ im deutsch-griechischen
Jugendaustausch gelegt. Träger haben
hier die Möglichkeit, Informationen zum
Austausch mit Griechenland und speziell zu diesen beiden Schwerpunkten
zu erhalten, Know-how auszutauschen,
Impulse für das Arbeitsfeld zu setzen
und Projektkonzepte zu konkretisieren.

IJAB sieht es als ein besonderes Anliegen
an, bis zur Arbeitsaufnahme des DGJW
die bisher erarbeiteten Themen und
Methoden sowie das stetig wachsende
Netzwerk an Trägern, Akteuren und
Multiplikator(inn)en im deutsch-griechischen Jugendaustausch nachhaltig in
die praktische und konzeptionelle Arbeit
des DGJW zu überführen.

Kontakt:
Natali Petala-Weber
IJAB, Koordinatorin für die jugend­
politische Zusammenarbeit mit
Griechenland
petala-weber@ijab.de

Mehr Solidarität in Europa –
das Europäische Solidaritätskorps
Das Förderprogramm Europäisches Solidaritätskorps (ESK) setzt ein Zeichen für ein soziales und
solidarisches Europa. Die EU reagiert damit auf gesellschaftliche Herausforderungen, indem sie
jungen Menschen leicht zugängliche Möglichkeiten für solidarisches Handeln bietet. Das Programm
zielt auf die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, die Förderung der sozialen Inklusion,
der Solidarität und der Demokratie und versteht sich als praktizierte Europäische Bürgerschaft.
Heike Zimmermann

I

nsgesamt sollen 100.000 junge Menschen bis 2020 von dem neuen EUProgramm profitieren. Das Europäische
Solidaritätskorps verfügt über eine
Mittelausstattung von 375,6 Mio. Euro.
Dabei entfallen 90 % auf Freiwilligeneinsätze und 10 % auf Praktika und Arbeitsstellen. JUGEND für Europa wurde
vom Bundesministerium für Familie,
Frauen, Senioren und Jugend als Nationale Agentur für die Umsetzung in
Deutschland benannt.
Solidarität tut Not
Europa sieht sich zahlreichen sozialen, wirtschaftlichen, ökologischen und
politischen Herausforderungen gegenübergestellt. Zu deren friedlicher, gerechter und nachhaltiger Bewältigung
scheint eine gemeinschaftliche Herangehensweise unumgänglich. Gleichzeitig
erstarken aber in ganz Europa populistische und nationalistische Tendenzen, die das Projekt Europa mit seinen
Grundwerten wie Freiheit, Demokratie,
Rechtsstaatlichkeit und Wahrung der
Menschenrechte zunehmend in Frage
stellen. Vor diesem Hintergrund scheint
es wichtiger denn je, dass die europäischen Grundwerte nicht nur proklamiert,
sondern auch gelebt und angewandt
werden. Hier setzt das Europäische Solidaritätskorps an, denn es bietet jungen
Menschen wie auch Organisationen die
Gelegenheit, sich in einer großen Bandbreite solidarischer Aktivitäten zu engagieren und einen sinnvollen Beitrag für
die Gesellschaft zu leisten.
Das Europäische Solidaritätskorps wurde
am 14. September 2016 in der Rede zur
Lage der Union durch den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker

erstmals angekündigt und in einer ersten Phase im Rahmen des bestehenden
EU-Programms Erasmus+ JUGEND IN
AKTION umgesetzt. Parallel dazu fanden politische Verhandlungen zur Einrichtung eines eigenständigen EU-Programms statt, das seit dem 5. Oktober
2018 offiziell in Kraft ist.
Mehr als ein europäischer
Freiwilligendienst
Das ESK profitiert in vielerlei Hinsicht
von den Erfahrungen und Erfolgen aus
dem Europäischen Freiwilligendienst
und bietet viele neue Möglichkeiten.
So werden auch im ESK die persönliche
Kompetenzentwicklung bei Jugendlichen und die Qualität der Maßnahmen
klar als Programmziele benannt und
durch unterschiedliche Maßnahmen
unterstützt. Die Zielsetzung richtet sich
darüber hinaus aber inhaltlich klar auf
das Engagement für ein soziales und
solidarisches Europa, auf den positiven
gesellschaftlichen Wandel und die Förderung von Demokratie und der aktiven
Bürgerschaft. Das Programm weist damit einen engen Bezug zu den Zielen
der neuen europäischen Jugendstrategie auf. Auch die Bundesministerin, Dr.
Franziska Giffey, begrüßt das Programm:
„Das Europäische Solidaritätskorps ist
eine großartige Chance für junge Menschen, sich freiwillig für ein soziales und
vielfältiges Europa zu engagieren. Durch
ihren solidarischen Einsatz entsteht gesellschaftlicher Zusammenhalt in ganz
Europa. Dieser Zusammenhalt ist bis
heute von enormer Bedeutung für den
Frieden und die Demokratie in Europa.“
Die im Europäischen Freiwilligendienst
in den letzten 20 Jahren entwickelten

Qualitätsmerkmale, Instrumente und
Strukturen werden im ESK fortgeführt
und um weitere Elemente ergänzt. Dies
betrifft das pädagogische Begleitprogramm, die Unterstützung vor und nach
dem Einsatz, Zusatzversicherungen, die
sprachliche und administrative Unterstützung, die Dokumentation und Anerkennung der Lernerfahrungen durch den
Youthpass, Fortbildungsangebote und
Maßnahmen der Qualitätssicherung.
Darüber hinaus werden mit dem ESK zusätzliche weitere Unterstützungs- und
Qualitätsmaßnahmen geschaffen wie
z.B. die Einrichtung des ESK-Portals und
eines ESK-Ressourcenzentrums.
Die Einsatzformen im ESK
Individuelle Freiwilligendienste, bei denen sich junge Menschen über einen
längeren Zeitraum in einem anderen
Land für ein gemeinnütziges Projekt engagieren, verbinden in hervorragender
Weise das Engagement für andere mit
der Chance, selbst vielfältige Lernerfahrungen zu machen und persönliche, interkulturelle, fremdsprachliche, bürgerschaftliche und berufliche Kompetenzen
zu erwerben. Auch wenn es während
dieser Zeit nicht selten kleine oder größere Probleme und Krisen zu meistern
gilt, beenden viele Freiwillige ihren Bericht mit dem bewegenden Satz, dies
sei das wichtigste Jahr in ihrem Leben
gewesen.
Mit dem ESK sollen verstärkt junge
Menschen mit geringeren Chancen angesprochen und ihnen leicht zugängliche Möglichkeiten geboten werden,
sich solidarisch zu engagieren und dabei
Lern- und Lebenserfahrungen für ihre
persönliche Entwicklung zu sammeln.

IJAB journal 2/18

25

Internationale Jugendpolitik

sation von interkulturellen Kochabenden
oder eines Streetart-Projekts gemeinsam
mit jungen Geflüchteten oder eine InfoKampagne zur Europawahl an Schulen.
Zu beachten ist, dass Solidaritätsprojekte immer auch eine europäische Dimension aufweisen müssen.

Hierfür bietet sich insbesondere das
Format der Freiwilligenteams an – im
geschützten Rahmen einer Gruppe und
mit entsprechender Vor- und Nachbereitung können hier über einen kürzeren
Zeitraum erste Engagementerfahrungen
gesammelt werden, die im Idealfall Mut
und Lust auf mehr machen.
Auf sicherlich großes Interesse dürfte
das Format der Solidaritätsprojekte stoßen, das sich an Gruppen junger Menschen richtet, die sich in ihrem lokalen
Umfeld für sozialen Wandel engagieren
und eigenständig ein Projekt durchführen wollen. Denkbar ist z.B. die Organi-

Das ebenfalls neue Format der Praktika
und Arbeitsstellen im Solidaritätsbereich
schließlich bietet interessierten jungen
Menschen die Möglichkeit, erste Berufserfahrungen in diesem Arbeitsfeld zu
sammeln. Es unterstützt darin auch Organisationen, die im Solidaritätsbereich
tätig sind, Europa in ihren Arbeitsalltag
hinein zu bringen. Die Förderung deckt in
der Regel die Mehrkosten ab, die mit der
Anstellung eines jungen Menschen aus
einem anderen Land verbunden sind, wie
z. B. Reise- und Umzugskosten, sprachliche Unterstützung und den erhöhten
Aufwand für die interkulturelle Integration und ggf. zusätzliche Unterstützung.
Ansonsten unterliegen Praktika und Ar-

FÖRDERFORMATE DES ESK IM ÜBERBLICK
Freiwilligenprojekte
Befristete, unbezahlte Vollzeiteinsätze in gemeinnützigen Projekten (Dauer: 2
bis 12 Monate). Junge Menschen mit geringeren Chancen können außerdem
einen Dienst von 2 Wochen bis 2 Monaten leisten.
Freiwilligenteams
Angebot insbesondere für junge Menschen mit geringeren Chancen. Es
besteht die Möglichkeit, Einsätze von Freiwilligenteams zu beantragen, bei
denen sich eine Gruppe junger Menschen gemeinsam in einer akkreditierten
Einrichtung für einen kürzeren Zeitraum engagiert (10 bis 40 junge Menschen,
2 Wochen bis 2 Monate)
Solidaritätsprojekte
Von Jugendlichen in Gruppen (mind. 5 Jugendliche) organisierte inländische
Aktivität. Die Initiative und Umsetzung soll von den jungen Menschen selbst
ausgehen und sich auf ihr direktes Umfeld beziehen. Bei Bedarf kann eine
Organisation bei der Antragsstellung unterstützen (Dauer: 2 bis 12 Monate).
Praktika
Praktikumseinsätze im Solidaritätsbereich, die den jungen Menschen von
der teilnehmenden Organisation vergütet werden (Dauer: 2 bis 6 Monate, in
Ausnahmen bis 12 Monate).
Arbeitsstellen
Von der teilnehmenden Organisation auf Grundlage eines Arbeitsvertrags
vergütete Beschäftigung (Dauer: 3 bis 12 Monate) im Solidaritätsbereich

26

IJAB journal 2/18

beitsstellen den in Deutschland gültigen
Regelungen, so insbesondere bezüglich
Vergütung und Sozialversicherung.
Es gibt gute Gründe für Organisationen,
sich im Europäischen Solidaritätskorps
zu engagieren. Durch die Aufnahme junger engagierter Menschen als Freiwillige, Praktikant(inn)en oder Angestellte,
werden auch europäische Impulse in
die tägliche Arbeit integriert. Organisationen praktizieren europäische Zusammenarbeit mit Partnern aus anderen
Ländern und profitieren vom interkulturellen Austausch in einem europäischen
Netzwerk. Für Fachkräfte stellt JUGEND
für Europa ein breites Fortbildungsangebot zur Verfügung und organisiert Treffen zum Austausch und zur Vernetzung.
Die Beteiligung am ESK dokumentiert
auch das Engagement für ein offenes
und soziales Europa und macht dies
nach innen und nach außen sichtbar.
Schon jetzt steht fest, dass das Europäische Solidaritätskorps auch nach 2020
fortgeführt wird. Die Verhandlungen
über das Nachfolgeprogramm haben
bereits begonnen und es kann davon
ausgegangen werden, dass das nächste
Programm auf den bestehenden Strukturen aufbaut und somit die Kontinuität
des Engagements für alle Beteiligten sichergestellt wird.
Alle Informationen zum ESK finden
Sie unter www.solidaritaetskorps.de;
facebook: jugendfuereuropa
Twitter: jugend_f_europa
Das ESK-Team berät zur Antragstellung:
solidaritaetskorps@jfemail.de
Kontakt:
Heike Zimmermann
Programmkoordinatorin bei
JUGEND für Europa – Nationale Agentur
für das Europäische Solidaritätskorps
zimmermann@jfemail.de

Nützliches
für
Nützliches für die Praxis
die Praxis

Einige Dinge machen das Leben einfach leichter. Zum Beispiel der „Youth Work Translator“,
der Fachbegriffe schnell in verschiedene Sprachen übersetzt. Oder das Youth Wiki, das OnlineLexikon zur Jugendpolitik in Europa. Weitere Tipps geben die beiden folgenden Beiträge.

Youth Wiki zur Jugendpolitik in Europa
Das Youth Wiki ist eine Online-Enzyklopädie über die nationalen Jugendpolitiken in Europa.
Die Plattform ist eine umfassende Datenbank mit nationalen Strukturen, Politiken und Maßnahmen
zur Unterstützung junger Menschen. „Better knowledge for better youth policies“ ist das Ziel
von Youth Wiki (www.youthwiki.eu). Das Youth Wiki wird gefördert von Erasmus+.
Susanne Klinzing

D

as Youth Wiki soll die europäische
Zusammenarbeit im Jugendbereich
stärken. Außerdem werden politische
Entscheidungen durch die Bereitstellung
von zusammenhängenden, verlässlichen
und vergleichbaren Daten und Hintergrundinformationen unterstützt. An der
englischsprachigen Plattform der Europäischen Kommission zur Jugendpolitik
beteiligen sich zurzeit 29 Staaten Europas (Stand Oktober 2018). Neben fast
allen EU-Mitgliedstaaten stellen auch
die ehemalige jugoslawische Republik
Mazedonien, Island, Norwegen und die
Türkei Inhalte auf der Plattform bereit.
Was sind die Inhalte?
Das Youth Wiki deckt die jugendpolitischen Grundlagen und Strukturen jedes
teilnehmenden Landes ab. Unter anderem werden Entscheidungsprozesse in
der Jugendpolitik abgebildet, auf die
ressortübergreifende Zusammenarbeit
im Bereich der Jugend eingegangen, Fördermittel und Strukturen der Förderpolitik für den Bereich Jugend aufgezeigt
und die internationale jugendpolitische
Zusammenarbeit dargestellt. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf den acht
Themen der Europäischen Jugendstrategie 2010-2018: Freiwilliges Engagement, Beschäftigung und Unternehmergeist, Soziale Inklusion, Partizipation,
Allgemeine und Berufliche Bildung, Gesundheit und Wohlbefinden, Kreativität

und Kultur, Jugend in der Welt. Zudem
finden die Nutzer/-innen ein Glossar mit
Erläuterungen zu Begriffen und Termini
aus dem jeweiligen nationalen Kontext
sowie ein umfangreiches Literatur- und
Quellenverzeichnis.
Mit seiner umfassenden Darstellung
jugendpolitischer Inhalte und der geografischen Abdeckung von Strukturen
und Maßnahmen in Europa ermöglicht
das Youth Wiki den Vergleich und die
Gegenüberstellung von Institutionen,
Systemen oder Praktiken, zum Beispiel
bestehender Jugendstrategien und deren Umsetzung und Anwendung in den
einzelnen Staaten.
Deutschsprachiges Angebot
Das Youth Wiki wird in Deutschland
von IJAB umgesetzt. Gemeinsam mit
dem Fachkräfteportal der Kinderund Jugendhilfe (FKP) arbeitet das
Youth-Wiki-Team an der Erstellung
eines deutschsprachigen Youth-WikiBereichs auf dem FKP. Das FKP ist mit
seinen tagesaktuellen Nachrichten zur
Kinder- und Jugendhilfe sowie zu thematisch angrenzender Forschung und
Politik die ideale Plattform, um Inhalte
des Youth Wiki für die deutsche Fachöffentlichkeit abzubilden. Weitergehende
Artikel sowie eigene Beiträge und Analysen von Youth-Wiki-Inhalten ergänzen das Angebot. Die Live-Schaltung

des Bereichs ‚Youth Wiki‘ ist Anfang
2019 vorgesehen.
Ausblick
Youth Wiki wird auch 2019 fortgeführt.
Erweiterte Inhalte und Themenschwerpunkte des Youth Wiki – unter anderem
wurde ein eigenes Kapitel zur Jugendarbeit vorgeschlagen – werden nach der
Sitzung des EU-Jugendministerrats Ende
November 2018 und Verabschiedung der
neuen europäischen Jugendstrategie
2019–2027 Gestalt annehmen.
Deutschland setzt sich im Kreis der EUMitgliedsstaaten für den Ausbau des
Youth Wiki zu einem europäischen Fachkräfteportal ein, unter anderem auch mit
der Einbindung von mehr praxisbezogenen Handreichungen und Ergebnissen des
europäischen Arbeitsplans für die Jugend.
Kontakt:
Susanne Klinzing
IJAB, Referentin Monitoring/Youth Wiki
youthwiki@ijab.de

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27

Nützliches für die Praxis

Haste Worte? Sprache und Kommunikation
in der Internationalen Jugendarbeit
Bei der Organisation internationaler Veranstaltungen sieht man sich mit einer Fülle von Fragen
rund um das Thema Sprache und Kommunikation konfrontiert: Wie kann ich Kommunikation bei
Jugendbegegnungen gestalten? Müssen international besetzte Workshops gedolmetscht werden?
IJAB möchte hier unterstützen und beschäftigt sich deswegen aktuell verstärkt mit Aspekten von
Sprache und Kommunikation in der Internationalen Jugendarbeit.
Bettina Wissing

B

ereits Anfang des Jahres hat der
IJAB Youth Work Translator (www.
translation.rocks) die älteren Versionen der zweisprachigen Printprodukte
„Schlüsselbegriffe der Kinder- und Jugendhilfe“ abgelöst. Damit gibt es nun
ein Online-Übersetzungstool, das speziell für den Kontext der Internationalen
Jugendarbeit entwickelt wurde. Das Tool
enstand im Rahmen der intensivierten
Zusammenarbeit mit Griechenland und
gibt Fachbegriffe, die zur Erklärung von
Strukturen und Besonderheiten der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland wie
auch in Griechenland erforderlich sind,
sprachlich adäquat wieder. Es liegt auf
der Hand, dass ein solches Tool die fachliche Diskussion im Austausch erleich-

tert. Neben den Sprachen Deutsch und
Griechisch stehen auch Englisch und
Chinesisch zur Verfügung. Weitere Sprachen sind vorgesehen und wünschenswert.1 Das Tool kann von Trägern in der
jeweils gewünschten Sprachkombination in die eigenen Webseiten eingefügt
werden. Es bietet Nutzer(inne)n interaktiv die Möglichkeit, weitere Begriffe
vorzuschlagen.
Sprachanimation
IJAB und Kooperationspartner haben im
Rahmen der Intensivierung des deutschgriechischen Austauschs sehr früh die
Sprachanimation als wichtiges Element
für die Gestaltung von Jugendbegegnungen mitbedacht, denn Ziel jeder Jugendbegegnung und auch jedes Fachkräfteprogramms ist es, die Teilnehmenden
miteinander in Kontakt zu bringen. Mit
der Sprachanimation, die in den 1990er
Jahren vom Deutsch-Französischen Jugendwerk entwickelt und seitdem von
Jugendwerken und bilateralen Koordinierungsstellen2 übernommen und adaptiert wurde, besteht eine Methode, die
fern jeder formalen Bildungserfahrung
mit Fremdsprachen die Teilnehmenden
darin unterstützt, Hemmungen abzubauen und Angst vor der Partnersprache zu verlieren. Die Teilnehmenden

erfahren, dass Kommunikation auch mit
geringen Sprachkenntnissen möglich ist
und entwickeln Interesse, mehr über die
fremde Sprache und Kultur zu lernen.
In der AG Sprachanimation im deutschgriechischen Jugendaustausch adaptieren und erarbeiten Praktiker/-innen aus
Deutschland und Griechenland Methoden für den deutsch-griechischen Kontext, probieren sie in Jugendbegegnungen aus und erstellen auf der Grundlage
dieser Erfahrungen eine erste Methodensammlung, die im kommenden Jahr
den Trägern zur Verfügung gestellt wird.
Ein vergleichsweise neuer Aspekt in
der bereits lange bewährten Methode
der Sprachanimation wird derzeit vom
Deutsch-Französischen Jugendwerk erforscht. Dabei wird der Blick über einen
zweisprachigen Sprachkontext hinaus
auf Mehrsprachigkeit durch familiäre
Migrationserfahrungen gelegt. Es geht
um die Frage, wie in deutsch-französischen Begegnungen die Mehrsprachigkeit genutzt werden kann. Im Ergebnis
sollen Methoden entwickelt werden, die
die vorhandene Mehrsprachigkeit aktiv
einbinden und sie nicht als Hindernis
verstehen, sondern als Antrieb, sich anderen zu öffnen.

Bettina Wissing beim Fachtag „Kommunikation in der Internationalen Jugendarbeit“
1
2

28

In Kooperation mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk wird der Youth Work Translator bis Anfang 2019 um Französisch erweitert.
So vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk, Tandem - Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch, ConAct – Koordinierungszentrum DeutschIsraelischer Jugendaustausch, Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch. Von IJAB wurde im Rahmen des Innovationsforums Jugend global eine Arbeitshilfe
zur inklusiven Sprachanimation erarbeitet.

IJAB journal 2/18

Höhere Motivation durch mehr
Sicherheit im Englischen
In verschiedenen IJAB-Projekten, in denen es auch um die Motivierung von
Fachkräften für die Internationale Jugendarbeit ging, offenbarte sich, dass
schlechte oder „eingerostete“ Englischkenntnisse Fachkräfte davon abhalten,
sich aktiv im internationalen Kontext
zu engagieren, mit internationalen Partnern zusammenzuarbeiten oder auch an
europäischen Fortbildungen teilzunehmen. Hier besteht ein klarer Bedarf an
Fremdsprachenqualifizierungen für das
Arbeitsfeld.
Eine gute Möglichkeit, sich diese Kompetenzen berufsbegleitend anzueignen,
sind Onlinekurse. In virtuellen Klassenzimmern kann Sprachpraxis eingeübt und in kleinen Lerngruppen mit
Tutor(inn)en auf die spezifischen Bedarfe der Fachkräfte eingegangen werden. Standortunabhängig ist es möglich,
Kurszeiten am Arbeitsplatz bei geringeren Kosten wahrzunehmen.
Bereits erfolgreich durchgeführt wurde
ein solches Modell in Brandenburg. Das
Ministerium für Bildung, Jugend und
Sport hat in Kooperation mit der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendkoordination einen wöchentlichen Online-Kurs
durchgeführt, der von einem einwöchigen Intensivsprachkurs als Präsenzkurs
und einem abschließenden Fachprogramm in Irland eingerahmt wurde.
Sprachmittlung versus Englisch
In der Vorbereitung auf internationale
Veranstaltungen, egal ob Jugendbegegnung oder Fachkräfteprogramm,
wurden bei IJAB intensive Diskussionen
mit Partnern darüber geführt, ob es eine
Sprachmittlung geben soll oder Englisch
als gemeinsame Veranstaltungssprache
eingesetzt werden kann. Auch Fördermittelgeber können durch ihre Richtlinien diese Entscheidung beeinflussen.
So legen bilaterale Förderprogramme
häufig ein besonderes Gewicht auf die
Sprachmittlung, in Erasmus+ geförderten Aktivitäten hingegen wird häufig
Englisch verwendet, sowohl auf der
Ebene von Jugendbegegnungen als auch
von Fachkräfteaktivitäten.

SPRACHMITTLUNG – PRO

SPRACHMITTLUNG – CONTRA

fehlende Fremdsprachenkenntnisse
stellen keine Teilnahmehürde dar

Honorarkosten für Sprachmittler/innen müssen aufgebracht werden.

Austausch auf Augenhöhe, weil die
Partnersprachen gleichberechtigt
nebeneinander stehen und fehlende
Fremdsprachenkenntnisse kein
Hindernis darstellen

Wird in mehr als zwei Sprachen
konsekutiv gedolmetscht, muss mehr
Zeit für die Sprachmittlung eingeplant werden. (Verlangt viel Geduld
der Teilnehmenden)

emotionale, affektive Ebene von
Sprache bleibt erhalten, wenn die
Teilnehmenden in ihrer Muttersprache kommunizieren können
interkulturelles Lernen: in den Klang
einer Sprache eintauchen, die Teil
der Kultur ist
Teilnehmende können bei inhaltlichen Fragen sicher sein, dass sie
ihre Argumente einbringen können
ENGLISCH ALS VERANSTALTUNGSSPRACHE – PRO

ENGLISCH ALS VERANSTALTUNGSSPRACHE – CONTRA

spart Zeit und Geld (besonders bei
multilateralen Begegnungen mit
vielen Partnerländern)

Für inhaltliche Diskussionen erforderliche Englischkenntnisse können
nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden (Hemmschwelle bei
Anmeldung und Beteiligung)

Diskussionsflüsse und Gedankengänge werden nicht unterbrochen

Bei unterschiedlichen Sprach­niveaus:
Gefälle in der Kommunikation,
das gleichberechtigten Zugang und
Teilhabe verhindert

Erfolgserlebnis bei Teilnehmenden,
dass sie tatsächlich in der Lage sind,
auf Englisch zu diskutieren

Entscheidungshilfe kann obenstehende
Ma­trix sein (siehe Kasten).
Für informelle oder inoffizielle Momente
bei Veranstaltungen reichen Englischkenntnisse häufig aus oder es wird mit
Händen und Füßen kommuniziert.
Diesen Fragestellungen hinsichtlich
Sprache und Kommunikation in der Internationalen Jugendarbeit widmete
sich auch ein Fachtag, den IJAB am 25.
September 2018 in Köln durchführt hat.
Diskussionen zeigten, dass die Frage
Sprachmittlung oder Englisch als Verkehrssprache für viele Träger wichtig
und zugleich schwierig ist. Aus den oben

dargestellten Aspekten muss jeweils abgewogen werden, welche Zugangsvoraussetzungen, Rahmenbedingungen und
Zielsetzungen für Veranstalter prioritär
sind und mit welcher Sprachwahl diese
am besten umgesetzt bzw. erreicht werden können.3
Kontakt:
Bettina Wissing
IJAB, Koordinatorin Sprachendienst
wissing@ijab.de

3

Die Dokumentation des Fachtags „Kommunikation in der Internationalen Jugendarbeit" steht
auf www.ijab.de zum Download zur Verfügung.

IJAB journal 2/18

29

Forum

Vorgestellt:
liaisons – a toolkit for preventing violent
extremism through youth information

E

RYICA – die Europäische Jugend­
informations- und Jugendberatungs­
agentur – hat mit „liaisons“ eine Arbeitshilfe zur Prävention von gewalttätigem
Extremismus durch Jugendliche veröffentlicht. Das Handbuch gibt es in englischer und französischer Sprache.
Die Fähigkeit zu Resilienz und kritischem Denken kann junge Menschen
vor radikalen und extremen Ideen
schützen. Liaisons stellt praktische Methoden und Werkzeuge vor, mit denen
Jugendliche in der Entwicklung dieser
Fähigkeiten unterstützt werden können
und richtet sich damit an alle, die mit
Jugendlichen arbeiten (Jugend- und Sozialarbeiter, Fachkräfte in der Jugend­

ANZ A5quer_SJM2018.qxp_Layout 1 15.06.18 08:22 Seite 1

information, Erzieher/-innen, Lehrkräfte,
Jugendleiter/-innen, Freiwillige usw.).
Das Handbuch stellt einen langfristig
angelegten Ansatz vor, der so komplexe
Themen wie Identität, Diversität, Diskussionskultur und Medien- und Informationskompetenz umfasst. Mit Hilfe der
vorgestellten Tools und Methoden soll
jungen Menschen bewusst werden, dass
>>Unterschiede ein Gewinn sind;
>>Meinungsverschiedenheiten
einen
freien Ideenaustausch fördern und
damit zu einer Veränderung der Gesellschaft beitragen;
>>kritisches Denken dabei hilft, Autonomie und Freiheit zu fördern;

Jugendmarken 2018

liaisons – a toolkit for preventing violent
extremsim through youth information,
2018, 240 Seiten, ERYICA (Hg.)
Bestell- und/oder Downloadmöglichkeit
unter: https://www.eryica.org/tools-resources

>>Selbstvertrauen die Grundlage für
persönliche Verwirklichung und damit
notwendig ist, um seinen Platz in der
Gesellschaft zu finden;
>>all diese (und andere) Elemente wichtige Bestandteile des Zusammenlebens
und als solche unerlässlich für den
Aufbau einer respektvollen und fortschrittlichen interkulturellen Gesellschaft sind.

Stiftung Deutsche Jugendmarke e. V.
rochusstraße 8-10, 53123 Bonn, www.jugendmarke.de

Pilze: Echter Pfifferling, Echter Steinpilz, Maronen-röhrling

BEStEllung

Die Bestellung erfolgt ausschließlich per Vorkasse.
Bankverbindung: Sparkasse KölnBonn
IBAN: DE49 3705 0198 1901 1170 83 • BIC: COLSDE33
ProDuKt

ERSttAGSBRIEF 2018
Ersttagsstempel: Bonn
Ersttagsstempel: Berlin

Mit dem Zuschlagserlös der Briefmarkenserie „FÜR DIE JUGEND“ fördert die Stiftung
Deutsche Jugendmarke seit 1965 Projekte und Bauvorhaben für Kinder und Jugendliche.
Jugendmarken tragen so auf vielfältige Weise zu guten Perspektiven für junge Menschen bei.
Verlangen Sie am Postschalter ausdrücklich

Jugendmarken

Die Jugendmarken 2018 sind vom 9. August bis zum 31. Oktober 2018 an allen Postschaltern
und danach bis auf Weiteres bei der Deutschen Post AG, Niederlassung Philatelie in 92628
Weiden sowie unter www.jugendmarke.de erhältlich.

30

IJAB journal 2/18

7,00 €
7,00 €
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MARKENSAtZ 2018

4,25 €

ZEHNERBöGEN 2018
Echter Pfifferling
Echter Steinpilz
Maronen-Röhrling

Lieferanschrift
Name

telefon

E-Mail

!

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ERINNERUNGSKARtEN 2018
Ersttagsstempel: Bonn
Ersttagsstempel: Berlin

Anschrift

Danke an alle die mit dem Erwerb der Jugendmarken Projekte der Kinderund Jugendhilfe unterstützen!

Gestaltung Postwertzeichen: Sibylle Haase und Professor Fritz Haase, Bremen
Illustrationen Briefmarkenmotive: Albin Schmalfuß aus dem Buch „Führer für Pilzfreunde“
von Edmund Michael 1895, erschienen im Verlag Förster & Borries, Zwickau

AnzAhl

VERSANDKOStEN:
Deutschland: 1,50 €, EU und Ausland: 3,70 €

10,00 €
12,50 €
20,00 €

Termine

Termine und Veranstaltungen
22. - 24. Januar 2019, Bonn
Vorbereitungstreffen zur deutschtürkischen Trägerkonferenz und
Partnerbörse
Veranstalter: IJAB in Kooperation mit
der DTJB
www.ijab.de/tuerkei
11. - 26. Februar 2019, Japan
Fachprogramm zum Thema „Förderung
von sozialen Aktivitäten und bürgerschaftlichem Engagement“
Veranstalter: IJAB im Auftrag des
japanischen Cabinet Office/BMFSFJ
www.ijab.de/japan

Januar bis Juni 2019

9. - 10. April 2019, Bonn
Eurodesk-Weiterbildung zum Mobilitätslotsen / zur Mobilitätslotsin
Veranstalter: Eurodesk Deutschland
www.rausvonzuhaus.de/weiterbildungen
6. - 7. Mai 2019, Bremen
Eurodesk-Weiterbildung zum Mobilitätslotsen / zur Mobilitätslotsin
Veranstalter: Eurodesk Deutschland
www.rausvonzuhaus.de/weiterbildungen
22. Mai 2019, Bonn
IJAB-Mitgliederversammlung
Veranstalter: IJAB
www.ijab.de

4. - 5. März 2019, Berlin
Eurodesk-Weiterbildung zum Mobilitätslotsen / zur Mobilitätslotsin
Veranstalter: Eurodesk Deutschland
www.rausvonzuhaus.de/weiterbildungen

25. Mai - 8. Juni 2019, Japan
Fachprogramm „Das mediale Umfeld
junger Menschen: Herausforderungen
und Lösungsansätze“
Veranstalter: IJAB im Auftrag des
japanischen Bildungsministeriums MEXT/
BMFSFJ
www.ijab.de/japan
2. Quartal, in Deutschland
Jugendarbeit im deutsch-türkischen
Dialog. Study Visit für türkische Fachkräfte der Jugendarbeit
Veranstalter: IJAB
www.ijab.de/tuerkei

Weitere Termine, u. a. in der Zusammen­
arbeit mit China, standen zum Redaktions­schluss noch nicht fest.
Aktuelle Infos unter www.ijab.de

Personalia
Neue Gesichter

Seit dem 1. Juli 2018 ist Svenja
Schumacher als Projektkoordi­
natorin zurück und für Eurodesk
Deutschland zuständig.

Regina Pfeifer ist seit dem 26.
Juli 2018 als Projekt­koordinatorin
zurück bei Eurodesk Deutschland.

Andrea Bruns ist seit dem 1.
Oktober 2018 als Referentin im
Geschäftsbereich Internationale
jugendpolitische Zusammenarbeit
tätig.

Elena Neu hat ebenfalls ihre
Tätigkeit als Referentin im
Geschäftsbereich Internationale
jugend­politische Zusammen­
arbeit am 1. Oktober 2018 auf­
genommen.

IJAB journal 2/18

31

IJAB //
Positionspapier

Internationale Jugendarbeit für
Vielfalt und Demokratie
Standortbestimmung angesichts
menschenfeindlicher und extremistischer
Strömungen
Grundlagen und Haltungen Internationaler Jugendarbeit
Internationale Jugendarbeit hat auf Grund ihrer transnationalen Ausrichtung und grenzüberschrei­
tenden Vernetzung besondere Potenziale und steht vor neuen Herausforderungen. In dem Perspek­
tivpapier „Unterwegs in die Zukunft – Potenziale Internationaler Jugendarbeit“ hat IJAB dazu bereits
2012 ausgeführt: „Globale ökonomische Beziehungen, die Entstehung internationaler und suprana­
tionaler politischer Entscheidungszentren, eine wachsende Europäisierung der Politik, Migration und
zunehmende kulturelle und soziale Heterogenität zeigen ihre Wirkungen in immer komplexer wer­
denden Gesellschaften. Neue Informationstechnologien eröffnen weltweite Kommunikationsmöglich­
keiten und internationale Kontakte fördern Reisen und Mobilität. Vor diesem Hintergrund erweitern
sich die Lebensräume junger Menschen und stellen wachsende Anforderungen an ein gelingendes
Aufwachsen in einer globalen Welt. […] Auslandserfahrungen, grenzüberschreitende Mobilität, inter­
nationaler Austausch und Begegnung, vor allem auf Gegenseitigkeit, werden dabei immer wichtiger.“

IJAB // Positionspapier

Internationale Jugendarbeit und internationale jugendpolitische Zusammenarbeit eröffnen jungen
Menschen Chancen für Bildung, Persönlichkeitsentwicklung und Teilhabe in einer durch Globalisie­
rung geprägten Welt. Sie tragen zu Toleranz und Frieden bei, wirken diskriminierenden und rassisti­
schen Einstellungen entgegen und sensibilisieren für Diversität und das Zusammenleben in der Migra­
tionsgesellschaft. Ziel von IJAB ist es, zu einem besseren gegenseitigen Verständnis junger Menschen
unterschiedlicher Herkunft und Kultur beizutragen, die Vermittlung interkultureller Kompetenzen und
internationaler Bildung zu fördern sowie den Umgang mit Vielfalt zu unterstützen.
Die Mitglieder von IJAB beobachten mit Sorge politische Strömungen, die zum Ziel haben, ausschließ­
lich rein nationale Sichtweisen zur Grundlage von politischen Entscheidungen zu machen und men­
schenfeindliche und extremistische Haltungen zu fördern.
Diese Entwicklungen schlagen sich unmittelbar auf die Internationale Jugendarbeit nieder und stehen
deren Zielen entgegen. Sie stehen im Widerspruch zum Verständnis von Menschenrechten wie sie in
der Menschenrechtscharta der UN, des Europarats sowie in Verfassungen vieler Länder und dem Grund­
gesetz der Bundesrepublik Deutschland niedergelegt sind. Auf diesen Grundlagen versteht sich Inter­
nationale Jugendarbeit und jugendpolitische Zusammenarbeit auch als Beitrag zur Entwicklung einer
starken Zivilgesellschaft und zur Förderung eines demokratischen Gemeinwesens sowie einer gerechten
und solidarischen Welt.
Daher bezieht IJAB Position für Vielfalt, Gleichberechtigung, Respekt, Freiheit und Demokratie! Wir
verurteilen jede Form von Diskriminierung und setzen uns dafür ein, dass internationale Zusammenar­
beit bilateral und multilateral partnerschaftlich unter Berücksichtigung der Anliegen aller beteiligten
Seiten gestaltet wird.

IJAB lässt sich von folgenden Überzeugungen leiten:
kk

Mit unserem Verständnis von Internationaler Jugendarbeit unvereinbar sind Diskriminierung von
Einzelnen und den Gruppen, denen sie sich zugehörig fühlen u. a. wegen der Sprache, der Religion,
des Alters, der Herkunft, der sozialen Lage oder der politischen bzw. anderer Anschauungen oder
aufgrund körperlicher und geistiger Vorrausetzungen, des Geschlechts oder der sexuellen Identität.

kk

Weil alle Menschen mit Bildern und Zuschreibungen aufwachsen, ist niemand gänzlich frei von
diskriminierenden Haltungen. Daher besteht auch bei uns immer der Bedarf, uns für eine diskri­
minierungssensible und selbstkritische Haltung einzusetzen und entsprechende (Fort-)Bildungs­
maßnahmen vorzusehen.

kk

Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus sowie jeder anderen Art
des Totalitarismus und das Erinnern an ihre Opfer ist ebenso Teil unserer Bildungsarbeit wie die
Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und seinen Folgen.

kk

Im Rahmen der Internationalen Jugendarbeit und der jugendpolitischen Zusammenarbeit er­
möglichen wir Orte der Begegnung, des Gesprächs und der Reflexion.

IJAB // Positionspapier

kk

Im internationalen Austausch erfahren wir politische, geografisch oder historisch bedingte Hin­
dernisse, die eine Verständigung beinträchtigen und dauerhafte Partnerschaften erschweren. In
den Begegnungen greifen wir diese Problemlagen auf und suchen nach Lösungen.

kk

Sprache und Verständigung über die Bedeutung von Worten und Gesten und ihre Verwendung
sind wichtige Bestandteile Internationaler Jugendarbeit. Wir stehen für respektvolle Ausdrucks­
formen.

kk

Auch wenn Internationale Jugendarbeit und internationale Zusammenarbeit davon gekennzeich­
net sind, die jeweiligen Partner zu verstehen und in ihren Anliegen zu akzeptieren, findet diese
Empathie ihre Grenze, wenn Menschen ausgegrenzt oder wegen ihrer Identität verachtet werden
und damit Menschenrechte und Grundlagen von Demokratie nicht geachtet und beachtet werden.

kk

Wir sind offen für die Auseinandersetzung über die unterschiedlichen demokratischen Staatsfor­
men.

Herausforderungen annehmen: das Arbeiten in Spannungsfeldern
Die Internationale Jugendarbeit ist ein Lernfeld für junge Menschen mit hohen eigenen und auch von
außen auferlegten Ansprüchen und Leitbildern. Wir kennen diese hohen Ansprüche und stellen uns
den Herausforderungen:
kk

Wir wissen, dass wir in der Zusammenarbeit mit unseren internationalen Partnern aufgrund von
politischen Entwicklungen unsere hier beschriebenen Positionen nicht immer gemeinsam um­
setzen können. Da, wo es möglich ist, versuchen wir, darüber in den Dialog zu gehen.

kk

Wir wissen, dass es für die Internationale Jugendarbeit in Zeiten des Populismus, in der die Politik
der Vereinfachung angewendet wird, schwer ist, komplexe gesellschaftspolitische Themen zu
bearbeiten. Wir reduzieren zielgruppengerecht die Komplexität und haben Freude an der Kon­
troversität.

kk

Wir wissen, dass Internationale Jugendarbeit in Zeiten der Abschottung und der Angst vor Mi­
gration und Globalisierung gute Konzepte und Methoden haben muss, um Unbekanntes zu er­
klären und näherzubringen sowie Verständnis für Neues und Vielfalt durch grenzüberschreitende
Zusammenarbeit zu wecken. Wir haben dazu Konzepte erarbeitet und entwickeln diese kontinu­
ierlich weiter.

kk

Wir wissen, wie schwer es sein kann, in Zeiten einer „Nation zuerst, EU-Nein-Danke-Haltung oder
des Antimultilateralismus“ ein europäisches Bewusstsein und eine kosmopolitische Identität zu
prägen. Aber wir vertrauen auf das hohe Potenzial und die Wirkungsfähigkeit der Internationalen
Jugendarbeit.

Beschlossen von der
IJAB-Mitglieder­

IJAB // Positionspapier

kk

Wir wissen, wie wichtig die Zivilgesellschaft für eine lebendige Demokratie ist. Daher setzen wir
uns gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen dafür ein, dass bürgerschaftliches Engage­
ment gefördert wird und die Aktivitäten zivilgesellschaftlicher Organisationen und deren Struk­
turen nicht beschnitten werden.

kk

Die Europäische Union steht vor ihrer größten Bewährungsprobe seit ihrer Gründung 1957. Der
Erhalt von Frieden ist ihre bedeutendste Errungenschaft. Daher setzen wir uns für ein geeintes,
demokratisches und friedliches Europa ein. Forderungen nach Schließung von Grenzen und
Rückkehr zu nationalstaatlichen Egoismen widersprechen unserem Streben nach Zusammenhalt
und unserer Solidarität in Europa und der Welt.

Für den Umgang im Diskurs
kk

Unsere Trägerlandschaft in der Internationalen Jugendarbeit ist vielfältig. Wir arbeiten auf
Grundlage von § 3 SGB VIII Freie und öffentliche Jugendhilfe: „(1) Die Jugendhilfe ist gekenn­
zeichnet durch die Vielfalt von Trägern unterschiedlicher Wertorientierungen und die Vielfalt
von Inhalten, Methoden und Arbeitsformen“. Wir sind in unserer Arbeit nicht zur Neutralität
verpflichtet. Pluralität ist Ausdruck unserer demokratischen Gesellschaft.

kk

Wer sich heute öffentlich gegen menschenfeindliche oder extremistische Strömungen expo­
niert, muss mit Anfeindungen u. a. in sozialen Netzwerken und beleidigenden E-Mails rechnen.
In diesen Fällen lassen wir unsere Kolleginnen und Kollegen, unsere Mitarbeiterinnen und Mitar­
beiter nicht allein. Wir geben ihnen Rückhalt und bieten Strategien für den Umgang mit solchen
Situationen.

kk

Wir erwarten von Menschen, Organisationen und Vereinigungen Respekt vor anderen und Bereit­
schaft zum Gespräch über Grundhaltungen und angemessene Reaktion auf Argumente.

kk

Wir entscheiden im Einzelfall, ob und inwieweit wir mit Menschen, die mit menschenfeindlichen
oder extremistischen Haltungen auftreten, diskutieren oder ihnen ein öffentliches Podium für
ihre Thesen bieten.

kk

Organisationen oder Vereinigungen, die mit menschenfeindlichen oder extremistischen Haltun­
gen auftreten, bieten wir kein öffentliches Podium in unseren Veranstaltungen. Wir tragen auch
nicht zu einer falsch verstandenen Normalität bei, indem wir bei ihren öffentlichen Veranstal­
tungen auftreten.

kk

Als Gastgeber von Gruppen und Vereinigungen erwarten wir generell, dass diese unsere o. g.
Grundsätze akzeptieren und respektieren. Wir behalten uns eine Prüfung im Einzelfall vor, wenn
wir davon Kenntnis erlangen oder den Eindruck gewinnen, dass dieser Respekt nicht eingehalten
wird.

Beschlossen von der IJAB-Mitglieder­versammlung am 06.12.2018 in Bonn.

Godesberger Allee 142-148
D-53175 Bonn
Tel.: +49 (0)228-95 06-0

info@ijab.de
www.ijab.de

IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e. V. ist auf den Gebieten der
Internationalen Jugendarbeit, Jugendpolitik und Jugendinformation tätig. Die Fachstelle arbeitet im Auftrag des
Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), der Europäischen Kommission, ihrer
Mitgliedsorganisationen und anderer zentraler Träger der Jugendarbeit. Bei IJAB ist JUGEND für Europa, die Nationale
Agentur für die EU-Programme Erasmus+ JUGEND IN AKTION und Europäisches Solidaritätskorps, angesiedelt.
                            
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