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Full text: Grundlagen für die Betriebserlaubnis - gemeinsame Wohnformen für Mütter, Väter und Kinder in Baden-Württemberg / Strohmaier, Jürgen

KVJSJugendhilfe – Service

Grundlagen für die
Betriebserlaubnis –
Gemeinsame Wohnformen für Mütter/
Väter und Kinder in
Baden-Württemberg

Grundlagenpapier

Inhaltsverzeichnis

2

1.	Ausgangslage	

3

2.	

Allgemeine Zielsetzung des Angebotes	

5

3.	

Beschreibung der Zielgruppe	

6

4.	
4.1.	
4.1.1	
4.1.2	
4.1.3	

Erlaubnispflicht und Aufsicht	
Voraussetzung für die Erteilung der Betriebserlaubnis	
Platzzahl und Aufnahmealter	
Räume und Beteiligung anderer Aufsichtsbehörden	
Personalumfang und Qualifikation	

7
7
7
7
8

5.	Konzeption	
5.1	 Strukturelle Aspekte	
5.2	 Pädagogische und entwicklungspsychologische Aspekte	
5.3	 Alltagsunterstützungen, Kooperation und Anschlusshilfen	

10
10
10
11

6.	
6.1	
6.2	
6.2.1	
	
6.2.2	

12
12
12

Differenzierung der verschiedenen Hilfearten	
Differenzierung der Leistungen nach den §§ 27, 34, 41 SGB VIII	
Differenzierung von Leistungen nach § 35a SGB VIII und SGB XII	
Gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder in Verbindung
mit § 35 a SGB VIII	
Gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder im SGB XII	

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1. Ausgangslage
Mit Einführung des SGB VIII wurde die Hilfe für Mütter oder Väter, die alleine für ein
Kind unter sechs Jahren sorgen im Leistungskatalog (zweiter Abschnitt) des SGB
VIII als ein Angebot zur Förderung der Erziehung in der Familie aufgenommen. Die
Hilfe nach § 19 SGB VIII ist eine vielschichtige Hilfeleistung, die persönlichkeitsentwickelnde Hilfen und Elternbildung
vereint und eine Vielfalt möglicher Hilfesettings ermöglicht. Die Intention dieser
Hilfeform ist eine frühzeitige Unterstützung für Mütter oder Väter und schwangere minderjährige beziehungsweise volljährige Frauen. Mit sozialpädagogischen
und therapeutischen Angeboten soll die
Erziehungskompetenz der alleinerziehenden Elternteile nachhaltig gestärkt werden. Gleichzeitig soll durch familienunterstützende Hilfen der Schutz der Kinder
sichergestellt werden.
Angebote im Sinne des § 19 SGB VIII stellen den Müttern oder Vätern mit ihren
Kindern unterschiedliche Betreuungsangebote und geeigneten Wohnraum zur
Unterstützung des Hilfeprozesses zur Verfügung. Die Angebote reichen von der
Mutter/Vater-Kind-Wohngruppe über die
Jugendwohngemeinschaft bis zum Wohnen in Appartements (z. B. im Rahmen
von Betreutem Jugendwohnen) und variieren dadurch in ihrer Betreuungsintensität. Sie können somit unterschiedliche
Bedarfe in Bezug auf den Grad der selbständigen Lebensführung bedienen. „Gemeinsames Merkmal all dieser Wohnformen ist aber, dass Unterkunft und
Betreuung in der Verantwortung eines
Trägers nach dessen Hilfekonzept erfol-

gen (institutionelle Betreuung)...“1
Die Angebote leisten durchweg Hilfe, die
sowohl die Persönlichkeitsentwicklung
der Mütter/Väter, die Entwicklung der Kinder als auch die Eltern-Kind Beziehung
fördern. Ein wesentlicher Aspekt der Hilfe ist die zunehmende Selbständigkeit der
Mütter und Väter bei der Bewältigung des
Alltags mit dem Kind. Der Kern der Unterstützung ist die Hilfe zur Selbsthilfe und
verfolgt das Ziel des eigenständigen Lebens mit dem Kind.
Mit Hilfe der Angebote des § 19 SGB VIII
können die alleinerziehenden Elternteile
bei der Beaufsichtigung ihrer Kinder während ihrer eigenen Ausbildung oder Berufstätigkeit entlastet werden (§ 19. 2 SGB
VIII). Durch die Möglichkeit eine Berufsausbildung absolvieren zu können, sollen
die zukünftigen Lebensbedingungen der
Alleinerziehenden und der Kinder stabilisiert bzw. verbessert werden. Hiermit wird
der Gefahr einer ständigen Abhängigkeit
von Transferleistungen entgegengewirkt
und die Hilfe nachhaltig gestaltet.
Es gelten die allgemeinen Vorschriften
des SGB VIII, wie das Wunsch- und Wahlrecht und die Partizipation der Leistungsberechtigten. Auch wenn der § 19 im
zweiten Abschnitt des Gesetzes angesiedelt ist und deshalb eine Hilfeplanung
nach § 36 nicht explizit vorgeschrieben
wird, ist diese zu empfehlen.

1	 Vgl. Kunkel Sozialgesetzbuch VIII Kinder- u.nd
Jugendhilfe Lehr-und Praxiskommentar
5. Auflage 2014

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Leistungsadressaten sind Mütter oder Väter, die allein für mindestens ein Kind unter sechs Jahren zu sorgen haben oder
tatsächlich allein für das Kind sorgen. Haben die Mütter oder Väter bereits die Alleinsorge für ältere Geschwister, sind diese in die Hilfe einzubeziehen.
Es ist rechtlich möglich, in einer Wohngruppe der Kinder- und Jugendhilfe, in
der Hilfen nach § 34 erbracht werden, junge Mütter oder Väter im Rahmen von § 19
zu betreuen, sofern es konzeptionell vorgesehen ist. Die Mitarbeiter sollten in diesem Fall über die in Kapitel 4.1.3 beschriebenen Qualifikationen verfügen.
Eine ambulante Betreuung von Elternteil
und Kind in der eigenen Wohnung ist hingegen nicht von § 19 SGB VIII erfasst.2
4
2	 Vgl. Wiesner SGB VIII Kinder- u. Jugendhilfe
Kommentar 4. Auflage 2011

Die Erfahrungen in unserem Bundesland
zeigen, dass die sozialräumliche Dimension für junge Mütter und Väter von hoher
Bedeutung sein kann. Die Nutzung der
Ressourcen im Sozialraum und eine damit
in Zusammenhang stehende Kultur der
Kooperation mit Kindertagesstätten, Beratungsstellen, Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen sollten als unerlässlich betrachtet werden.
Ebenso ist eine Vernetzung mit den Angeboten der Frühen Hilfen notwendig.
Die Einbettung in ein soziales Netzwerk
kann den Übergang in selbständiges
Wohnen in das Umfeld der Einrichtung erleichtern.

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2. Allgemeine Zielsetzung des
Angebotes
Die Zielsetzung des Angebots ergibt sich
aus der Gesetzesformulierung des § 19
SGB VIII wie folgt:
„ (1) Mütter und Väter, die allein für ein
Kind unter sechs Jahren zu sorgen haben
oder tatsächlich sorgen, sollen gemeinsam mit dem Kind in einer geeigneten
Wohnform betreut werden, wenn und solange sie aufgrund ihrer Persönlichkeitsentwicklung diese Form der Unterstützung bei der Pflege und Erziehung des
Kindes bedürfen. Die Betreuung schließt
auch ältere Geschwister ein, sofern die
Mutter oder der Vater für sie allein zu sorgen hat. Eine schwangere Frau kann auch
vor der Geburt des Kindes in der Wohnform betreut werden.
(2) Während dieser Zeit soll darauf hingewirkt werden, dass die Mutter oder der
Vater eine schulische oder berufliche Ausbildung beginnt oder fortführt oder eine
Berufstätigkeit aufnimmt.
(3) Die Leistung soll auch den notwendigen Unterhalt der betreuten Personen sowie die Krankenhilfe nach Maßgabe des
§ 40 umfassen.“
Die Absicht der Hilfe ist die eigene Persönlichkeitsentwicklung der Mütter und
Väter, die jetzt die Verantwortung für ein
Kind tragen müssen, zu fördern und Unterstützung zu einer selbstverantwortlichen Lebensführung zu bieten. Die Mög-

lichkeit einer schulischen und beruflichen
Ausbildung muss gegeben und konzeptionell beschrieben sein. Die Erziehungsfähigkeit soll gestärkt werden. Das
Leistungsangebot bietet Hilfe bei der
Überwindung einer aktuellen Überforderungs- und Krisensituation, wie sie eine
oft ungewollte und ungeplante Schwangerschaft und Geburt eines Kindes auslösen kann.
Die Erkenntnisse der Bindungsforschung3
und ihre Bedeutsamkeit für die Entwicklung der Kinder sollen in die Konzepte der
Angebote einfließen und die Mütter und
Väter beim Aufbau einer stabilen Beziehung zu ihrem Kind als wichtigen Wirkfaktor für eine gesunde Entwicklung unterstützen. Entwicklungsverzögerungen und
Vernachlässigungen der Säuglinge und
Kleinkinder sollen durch entsprechende
elementarpädagogische Angebote verhindert und eine altersgemäße Entwicklung ermöglicht werden.
Angebote nach § 19 SGB VIII bieten
den alleinerziehenden Elternteilen und
schwangeren jungen Frauen pädagogische Förderung, die durch ambulante Hilfen nicht erfüllt werden können.
3	 Zum Beispiel: Bowlby, John: Bindung
als sichere Basis – Grundlagen und
Anwendung der Bindungstheorie, München
Basel 2008 und Ziegenhain, Ute u. a.:
Entwicklungspsychologische Beratung für junge Eltern. Grundlagen und Handlungskonzepte
für die Jugendhilfe, Weinheim, München 2006

5

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3. Beschreibung der Zielgruppe
Die im 2. Abschnitt des zweiten Kapitels
des SGB VIII angesiedelte Hilfe nach § 19
schafft Entwicklungschancen für Mütter,
Väter, Kinder sowie Schwangere.
Leistungsempfänger sind Mütter oder Väter, die allein für mindestens ein Kind unter sechs Jahren zu sorgen haben oder
tatsächlich allein für das Kind sorgen. Es
ist durch das Gesetz keine obere Altersgrenze vorgesehen.4

6

Das Kind muss bei Leistungsbeginn unter
6 Jahren sein, dies bedeutet aber nicht,
dass die Hilfe automatisch beendet wird,
wenn das Kind sechs Jahre alt wird. Das
Ende der Hilfe bestimmt der individuelle Hilfebedarf.5 Ältere Geschwisterkinder
können auch mit aufgenommen werden,
um eine Trennung der Geschwister zu vermeiden. Für die Geschwisterkinder gibt es
keine Altersbegrenzung.
Die Mütter oder Väter müssen die Bereitschaft haben, für ihre Kinder alleine sorgen zu wollen. Für die Gewährung der Hilfe nach § 19 SGB VIII ist Voraussetzung,
dass sie aus in ihrer Person liegenden
Gründen und einer mangelnden Erziehungskompetenz nicht in der Lage sind,
das Kind ohne Unterstützung zu erziehen.
Oft fehlt ihnen in dieser Situation auch die
Unterstützung durch die eigene Familie.6
Das Defizit als Erzieherpersönlichkeit des
erziehenden Elternteils muss in unmittel4	 Vgl. Wiesner SGB VIII Kinder- u. Jugendhilfe
Kommentar 4. Auflage 2011
5	 Vgl. Kunkel Sozialgesetzbuch VIII Kinder- u. Jugendhilfe Lehr und Praxiskommentar 5. Auflage
2014
6	 Vgl. Wiesner SGB VIII Kinder- u. Jugendhilfe
Kommentar 4. Auflage 2011

barem und kausalem Zusammenhang mit
einem drohenden oder bestehenden Erziehungsdefizit für das Kind stehen, das
aber noch keine Störungen und Auffälligkeiten, also einen eigenen Hilfebedarf haben darf.7
Außerhalb der Persönlichkeit liegende
belastende Umstände (z. B. Wohnungslosigkeit oder unsichere wirtschaftliche
Situation) reichen für die Gewährung
der Hilfe nach § 19 SGB VIII hingegen
nicht aus8, bzw. müssen durch andere
Transferleistungen ausgeglichen werden.
Möglich ist auch die Aufnahme von
Schwangeren, die aufgrund verschiedener Schwierigkeiten (z. B. ungewollte oder
konflikthafte Schwangerschaft) bereits
vor der Geburt Unterstützung benötigen.
Voraussetzung ist in allen Fällen die Mitwirkungsbereitschaft der Mütter oder Väter bzw. schwangeren Frauen.
Nach Möglichkeit soll im Rahmen der Hilfe (§ 19. 2 SGB VIII) eine schulische oder
berufliche Ausbildung absolviert werden.
Nach Beendigung der Ausbildung sollten
Hilfestellungen zur beruflichen Integration gegeben werden (siehe auch die Kapitel 1 und 5.3)

7	

Vgl. Kunkel Sozialgesetzbuch VIII Kinder-u.
Jugendhilfe Lehr- u. Praxiskommentar 5.
Auflage 2014
8	 Vgl. Kunkel, 2014

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4. Erlaubnispflicht und Aufsicht
Für eine Einrichtung, in der Kinder und
Jugendliche über Tag und Nacht betreut
werden, bedarf der Träger der Einrichtung
gemäß § 45 SGB VIII einer Betriebserlaubnis (vgl. Voraussetzungen zur Erteilung einer Betriebserlaubnis nach § 45 SGB VIII9).
Grundsätzlich fallen hierunter alle Einrichtungen und Angebote nach § 19, in
denen minderjährige Mütter und Väter
untergebracht sind.
Für Einrichtungen bzw. Wohnformen,
in denen ausschließlich Mütter oder Väter wohnen, die volljährig sind und das
Sorgerecht für ihre Kinder haben, bzw.
ihre Erziehungsverantwortung autonom wahrnehmen, greift der Erlaubnisvorbehalt nicht, das heißt, der Träger
benötigt hierfür keine Betriebserlaubnis.
Wenn die volljährigen Mütter oder Väter nicht sorgeberechtigt sind, unterliegen diese Angebote dem Erlaubnisvorbehalt nach § 45 SGB VIII. Eine Prüfung
der Voraussetzungen zur Erteilung der
Betriebserlaubnis nach § 45 SGB VIII ist
in diesen Fällen erforderlich.

4.1 Voraussetzungen für die Erteilung einer Betriebserlaubnis nach
§ 45 SGB VIII
4.1.1 Platzzahl und Aufnahmealter
Das Aufnahmealter der Mütter oder Väter
unterliegt keiner formalen Altersbegrenzung nach oben (es gilt nicht die Altersgrenze von § 41 SGB VIII) „Für Mütter und
Väter sieht die Vorschrift keine obere Altersgrenze vor. Sie können deshalb bereits
bei Beginn der Leistung das 27. Lebens-

9	

9

Grundlagenpapier für Einrichtungen, in
denen Kinder u. Jugendliche über Tag und
Nacht betreut werden, KVJS, Dezernat JugendLandesjugendamt, Juni 2014

jahr vollendet haben.“10. Das untere Aufnahmealter bestimmt der Träger durch
entsprechende konzeptionelle Ausführungen und wird in der Betriebserlaubnis in Abstimmung mit dem Träger festgelegt. Das Aufnahmealter der Kinder ist
mit unter sechs Jahren gesetzlich geregelt, davon ausgenommen sind ältere
Geschwister, allerdings ist dann eine altersadäquate Betreuung für die Geschwisterkinder sicherzustellen.
Die Betriebserlaubnis wird gruppenbezogen erteilt und enthält die Platzzahl der
Mütter oder Väter bzw. Schwangeren und
die maximale Platzzahl der Kinder. Diese richtet sich neben der konzeptionellen
Ausrichtung auch nach den personellen
und räumlichen Gegebenheiten.
7
4.1.2 Räume und Beteiligung anderer
Aufsichtsbehörden
Der Gesetzestext spricht von der Betreuung in einer „geeigneten Wohnform“. Eine
geeignete Wohnform kann eine Wohngruppe mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung
oder eine sonstige betreute Wohnform11
sein. Die Wohnform richtet sich nach den
Erfordernissen der Zielgruppe und damit in Zusammenhang stehendem unterschiedlich intensivem Betreuungsbedarf.
Unabhängig von der Wohnform sollen
Gebäude, Räume und Mobiliar den Bedürfnissen von Säuglingen und Kleinkindern Rechnung tragen. Bauliche Gefährdungen und Gefahrenquellen müssen
ausgeschlossen werden (Sicherung von
Treppenabgängen, Balkonen und Außengelände, Steckdosensicherungen etc.).
Es ist empfehlenswert, dass die Zimmer
10	 Wiesner SGB VIII Kinder- und Jugendhilfe Kommentar 4.Auflage 2011
11	 Vgl. Grundlagen für die Betriebserlaubnis für
Betreutes Jugendwohnen und Jugendwohngemeinschaften (sonstige betreute Wohnform
gem. § 34 SGB VIII), KVJS, Dezernat JugendLandesjugendamt, Juni 2014

Grundlagenpapier

groß genug sind, um eventuell durch
Raumteilung getrennt werden zu können.
So können sie von den Müttern/Vätern
und den Kleinkindern auch bei längerer Verweildauer bewohnt werden, ohne
in der Bewegungsfreiheit zu sehr eingeschränkt zu werden. Zieht ein älteres Geschwisterkind mit ein, sollten zwei beieinanderliegende Räume für diese Mutter
mit ihren Kindern zur Verfügung stehen.
Die Gebäude müssen über ausreichende
Aufenthaltsräume und Spielbereiche außerhalb der Bewohnerzimmer verfügen.

8

In Wohngruppen, in denen während der
Nacht eine Betreuungskraft anwesend
ist, sollte das Zimmer für die Nachtbereitschaft möglichst zentral angesiedelt sein.
Dies stellt sicher, dass die diensthabende Kraft gerade nachts eventuelle schutzgefährdende Vorgänge wahrnehmen und
entsprechend intervenieren kann.
Für die Zubereitung der Babynahrung
sind die Küchen dementsprechend auszustatten. Die Sanitärräume müssen die
Ausstattungsstandards der Babypflege erfüllen.12
Für die Betriebserlaubnis sind Grundrisspläne mit den Angaben der jeweiligen
Raumgrößen und der geplanten Nutzung
dem KVJS-Landesjugendamt vorzulegen.
Die Räume müssen für die vorgesehene
Nutzung vom Baurechtsamt und Gesundheitsamt genehmigt sein.
4.1.3 Personalumfang und Qualifikation
Die Betreuung muss durch pädagogische
und therapeutische Fachkräfte erfolgen.13
Für andere Kräfte kann der Träger eine Zu12	 Hierzu berät das örtlich zuständige Gesundheitsamt
13	 Vgl. Fachkräfteliste in: Voraussetzungen zur
Erteilung einer Betriebserlaubnis, Kap. 10, KVJS,
Dezernat Jugend-Landesjugendamt, Juni 2014

lassung gemäß § 21 LKJHG beim Landesjugendamt beantragen. Kinderpflegerinnen bedürfen keiner Zulassung, wenn sie
ausschließlich im Kinderbetreuungsdienst
der Mutter-Kind-Gruppe tätig und dort
für die Pflege, Erziehung, Bildung und Betreuung der Kinder unter 6 Jahren zuständig sind.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
im Betreuungs- und Fachdienst müssen
über fundierte Kenntnisse der Bindungsforschung und Entwicklungspsychologie
verfügen, sowie Grundkenntnisse in der
Säuglingspflege haben.
Die Aufsicht in den Wohnformen muss
über Tag und Nacht sichergestellt sein,
deshalb ist bei einer rund-um-die-Uhr-Betreuung von einer Mindestpersonalausstattung von 3,6 Vollkräften bei 6 Plätzen bis 4,1 bei 8 Plätzen auszugehen.14 Ein
zusätzlicher Personalbedarf richtet sich
nach der in der Konzeption definierten
Betreuungsintensität. Weiteres Personal
ist notwendig, wenn die Kinder tagsüber
während einer ausbildungsbedingten Abwesenheit der Mütter oder Väter, in der
Einrichtung betreut werden, oder z. Bsp.
in Bezug auf spezielle Förderangebote für
Eltern und Kinder.
Findet die Betreuung in einer Wohngemeinschaft oder im Rahmen eines Betreuten Jugendwohnens statt, ist im Einzelfall
über die Personalmenge zu entscheiden,
abhängig von der jeweiligen Zielgruppe
und dem Konzept bzw. der notwendigen
Betreuungsintensität.
Supervision und Fortbildung sollten den
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als
Qualitätsmerkmal zur Verfügung gestellt
werden.

14	 Vgl. Rahmenvertrag nach § 78f SGBVIII für
Baden-Württemberg, Anlage 1, 8.12.2006

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Für die Erbringung der Leistungen nach
§ 19 SGB VIII gelten die §§ 78 a-g SGB VIII,
in denen Vereinbarungen über Leistungsangebote, Entgelte und Qualitätsentwick-

lung geregelt sind. Die Einrichtungen
müssen ihre Leistungen in Leistungs- und
Qualitätsentwicklungsvereinbarungen
beschreiben und ein Entgelt verhandeln.

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5. Konzeption
Der Gesetzgeber bestimmt in § 45 (3) SGB
VIII dass der Träger mit dem Antrag auf
Betriebserlaubnis eine Konzeption vorzulegen hat.
Grundsätzlich muss die Konzeption, die
in den Hinweisen zur Betriebserlaubnis
nach § 45 SGB VIII in Kapitel 3 aufgelistete
Stichpunkte enthalten.15
Für die Angebote der gemeinsamen
Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder sollen darüber hinaus Aussagen zu
folgenden Themen und Fragekomplexen
in der Konzeption beschrieben werden.
Die folgende Auflistung dient als Orientierung.

5.1 Strukturelle Aspekte
10

•	 Aufnahmeverfahren und Risikoeinschätzung
•	 Zielsetzung des Angebotes und Ausschlusskriterien
•	 Wie wird der Schutzauftrag gem. § 8 a
SGB VIII wahrgenommen?
•	 In welcher Form beobachten/überprüfen die Mitarbeiter die Entwicklung der
Kinder?
•	 Wie wird der Schutz der Kinder sichergestellt?
•	 Welche Strukturen stellt die Einrichtung
zur Verfügung, um während der Ausbildungszeiten der Mütter und Väter die
Kinderbetreuung sicher zu stellen?
•	 Wie ist das Vorgehen in Krisensituationen geregelt, insbesondere im Hinblick
auf die besondere Belastungssituation
der jungen alleinerziehenden Eltern?
•	 Was geschieht zum Beispiel mit dem
Kind, wenn Mutter oder Vater eventuell
längere Zeit ihr Elternrecht nicht ausüben?

15	 Vgl. Voraussetzungen zur Erteilung einer
Betriebserlaubnis nach § 45 SGB VIII, KVJS,
Dezernat Jugend-Landesjugendamt, Juni 2014

5.2 Pädagogische und entwicklungspsychologische Aspekte
•	 Wie wird der Lebenslage und veränderten Lebenssituation der jungen Elternteile Rechnung getragen?
•	 Wie wird die eventuell ungewollte
Schwangerschaft und damit in Zusammenhang stehende Unsicherheit und
Überforderung aufgearbeitet?
•	 Wie werden der Ablöseprozess von den
eigenen Eltern und die gleichzeitige
Einfindung in die Elternrolle begleitet?
•	 Wie werden die Mütter/Väter in der
Pflege und Versorgung ihres Kindes angeleitet?
•	 Wie werden ihnen entwicklungspsychologische Erkenntnisse vermittelt?
Erhalten sie Informationen über die
kindliche Entwicklung und kindliche
Bedürfnisse?
•	 Wie lernen sie die Signale des Kindes
aufzunehmen, zu deuten und adäquat
darauf zu reagieren?
•	 Wie werden Erkenntnisse der Bindungstheorie aufgegriffen und der Aufbau einer stabilen Eltern-Kind-Bindung
gefördert, als wichtige Voraussetzung
für eine positive Entwicklung des Kindes?
•	 Wie werden die alleinerziehenden Eltern darin unterstützt, Erziehungsfähigkeit zu erlangen und eine dauerhafte
Erziehungsverantwortung für ihr Kind
zu übernehmen?
•	 Welche Förderprogramme (z. B. Sprachund Bewegungsförderung) für die Kinder werden angeboten?

Grundlagenpapier

5.3 Alltagsunterstützungen, Kooperation und Anschlusshilfen
•	 Welche hauswirtschaftlichen und lebenspraktischen Kompetenzen werden
den alleinerziehenden Elternteilen vermittelt?
•	 In welcher Form werden der leibliche
Vater/die leibliche Mutter des Kindes,
die Großeltern und der eventuelle Partner der Mutter/die Partnerin des Vaters
einbezogen?
•	 Wie erfolgt die Unterstützung in der
Entwicklung von Ausbildungs-, Berufsund Lebensperspektiven und während
der Ausbildung?
•	 Wie werden die Bedürfnisse der Mütter mit denen des Kindes in Einklang
gebracht? Bekommen sie Entlastung,
um Raum und Zeit für sich zu gewinnen und nicht nur auf die Mutterschaft
reduziert zu sein?

•	 Welche Unterstützung gibt es im Bereich der Sexualpädagogik (Information, Prävention, Schutz)?
•	 Welche Kooperationen und Vernetzungen gibt es mit Hebammen, Ärzten, Frühen Hilfen, Schulen und Ausbildungsstätten und der Agentur für
Arbeit?
•	 Welche Freizeitangebote bestehen, die
die Mütter gemeinsam mit ihren Kindern, oder auch hin und wieder alleine
wahrnehmen können?
•	 Wie verläuft die Integration in das Gemeinwesen?
•	 Wie wird der Übergang in selbständigeres Wohnen gestaltet, wenn eine eigenverantwortlichere Lebensführung mit
dem Kind möglich scheint?
Ist die Aufnahme von jungen alleinerziehenden Vätern geplant, muss die diesbezügliche konzeptionelle Ausgestaltung
gesondert beschrieben werden.

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6. Differenzierung der verschiedenen
Hilfearten
6.1 Differenzierung der Leistungen
nach den §§ 27,34 und 41 SGB VIII

12

Mädchen, die schwanger werden, während sie sich in einer stationären Maßnahme (§§ 27 oder 34 SGB VIII) befinden,
haben weiterhin Anspruch auf Hilfe zur
Erziehung.16 Zu ihrem eigenen Hilfebedarf
kommt durch die Geburt ein eher vermehrter Unterstützungsbedarf in Bezug
auf die Annahme der Mutterrolle und der
Erlangung von Erziehungskompetenz hinzu. Es ist in der Regel nicht zu erwarten,
dass sie ihre Kinder von der Geburt an
teilweise eigenverantwortlich versorgen
und betreuen können. Aus diesem Grund
sollte, wie dies in den §§ 27 (4) und 41 (2)
SGB VIII auch vorgesehen ist, weiterhin
Hilfe zur Erziehung gewährt werden und
keine Überleitung nach § 19 SGB VIII erfolgen. Die Hilfe kann in einer Einrichtung
gemäß
§ 34 SGB VIII erbracht werden. Entsprechend § 39 (7) SGB VIII wird auch der Lebensunterhalt des Kindes sichergestellt.
Hat das Kind ein eigenes Erziehungsdefizit, ist Hilfe zur Erziehung nach den §§
27 ff zu gewähren, da diesem im Rahmen
von § 19 nicht begegnet werden kann. Ob
diese Hilfe gemäß § 34 erbracht werden
kann, oder ob eine ambulante Maßnahme
ausreicht, muss bedarfsgemäß im Einzelfall entschieden werden.
Bei jungen Volljährigen ist zu unterscheiden, ob die Erziehungskompetenz hergestellt werden muss bzw. kann und damit
eine Hilfe nach § 19 angezeigt ist, oder ob
16	 Vgl. Wiesner SGB VIII Kinder-u. Jugendhilfe
Kommentar 4. Auflage 2011

das Persönlichkeitsdefizit im Vordergrund
der Hilfe steht und damit die Förderung
über § 41 fortgesetzt werden muss.

6.2 Differenzierung von Leistungen
nach § 35a SGB VIII und SGB XII
Die Zielsetzung des § 19 legt ihren Fokus
auf die Verfolgung einer schulischen und
beruflichen Ausbildung und Erreichung
einer eigenständigen Lebensführung mit
dem Kind. Deshalb kommt diese Art der
Förderung nur für die Mütter und Väter in
Betracht, bei denen die Aussicht besteht,
dass sie im Laufe der Hilfe diese Ziele erreichen können.
6.2.1 Gemeinsame Wohnformen für
Mütter/Väter und Kinder in Verbindung
mit § 35a SGB VIII
Wird ein minderjähriges Mädchen, bei
dem eine seelische Behinderung droht
oder diagnostiziert ist (§ 35a SGB VIII)
schwanger, muss ebenfalls im Einzelfall
entschieden werden, ob Hilfe nach § 19
SGB VIII passgenau ist. Liegt der Schwerpunkt der Hilfe auch nach der Geburt des
Kindes darin, die Teilhabe am Leben in der
Gemeinschaft zu fördern bzw. zu ermöglichen, ist ein Wechsel nach § 19 SGB VIII
nicht sinnvoll, sondern es müsste die Förderung im Rahmen SGB XII gewährt werden. Liegt der Schwerpunkt aber in der
Förderung der Erziehungskompetenz und
ist langfristig eine eigenständige Erziehung und Versorgung des Kindes durch
die Mutter zu erwarten, sollte die Hilfe
nach § 19 SGB VIII erfolgen.17

17	 Vgl. Kunkel Sozialgesetzbuch VIII Kinder- u.
Jugendhilfe Lehr-u. Praxiskommentar 5. Auflage
2014

Grundlagenpapier

6.2.2 Gemeinsame Wohnformen für
Mütter/Väter und Kinder im SGB XII

gewiesen, sind sie über das SGB XII zu unterstützen.18

Gemäß § 10 (4) SGB VIII sind Leistungen
des SGB VIII gegenüber den Leistungen
des SGB XII vorrangig. Daraus könnte abgeleitet werden, dass behinderte Mütter
und Väter mit einem nicht behinderten
Kind unter sechs Jahren grundsätzlich einen Anspruch auf Förderung nach § 19
SGB VIII haben, sofern die Voraussetzungen hierfür erfüllt sind.
Sind Behinderte Menschen mit einem
Kind jedoch aufgrund ihrer Einschränkungen dauerhaft auf Unterstützung zur
Erziehung und Pflege ihres Kindes an-

Darüber hinaus ist es möglich, ambulante Hilfen der Erziehung nach dem SGB VIII
als ergänzende Unterstützung der Eltern
zu gewähren.
Bei Hilfekombinationen, die sowohl das
SGB VIII als auch das SGB XII betreffen,
empfehlen sich abgestimmte Vorgehensweisen zwischen Jugendhilfe und Eingliederungshilfe.

18	 Vgl. Kunkel 2014

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Juni 2015
15
Herausgeber:
Kommunalverband für Jugend
und Soziales Baden-Württemberg
Dezernat Jugend – Landesjugendamt
Verantwortlich:
Herr Dr. Jürgen Strohmaier
Gestaltung:
Silvia Kurucic
Lindenspürstraße 39
70176 Stuttgart
Kontakt:
Telefon 0711 6375-0
Telefax 0711 6375-449
info@kvjs.de
www.kvjs.de
Bestellung/Versand:
Ulrike.Cserny
Telefon 0711 6375-469
Ulrik.Cserny@kvjs.de

Postanschrift
Postfach 10 60 22
70049 Stuttgart

Hausadresse
Lindenspürstraße 39
70176 Stuttgart (West)

Tel. 0711 63 75-0
www.kvjs.de
        
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