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Full text: Gartenstadt des 21. Jahrhunderts

Fachtagung

Gartenstadt des 21. Jahrhunderts
Leitlinien für die Planung neuer und ergänzender
Stadtquartiere – grün und urban
Fachtagung am 07. und 08. Dezember 2015 im FORUM Adlershof

Gartenstadt des 21. Jahrhunderts
Leitlinien für die Planung neuer und ergänzender
Stadtquartiere – grün und urban
Fachtagung am 07. und 08. Dezember 2015 im FORUM Adlershof

PROGRAMM
7. Dezember 2016
BLOCK 1

Moderation: Elke Frauns
büro frauns kommunikation | planung | marketing

Begrüssung
Politischer, sozialer und fachlicher Anlass der Fachtagung
Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup
Staatssekretär für Bauen und Wohnen, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Berlin
Impulsvortrag
aus dem Buch „Dichte Atmosphäre“. Über die bauliche Dichte und ihre Bedingungen
in der mitteleuropäischen Stadt
Eberhard Tröger
Departement Architektur, Technische Hochschule Zürich
Statements
Erwartungen an die Fachtagung
Prof. Dr. Harald Bodenschatz _ Center for Metropolitan Studies, TU Berlin, Berlin
Andrea Gebhard _ Mahl Gebhard Konzepte, Landschaftsarchitekten BDLA, München
Uli Hellweg _ HELLWEG URBAN CONCEPT GbR, Berlin
Reiner Nagel _ Bundesstiftung Baukultur, Potsdam
Prof. Dipl.-Ing. Christa Reicher _ rha reicher haase associierte GmbH, Aachen
Prof. Peter Zlonicky _ Büro für Stadtplanung und Stadtforschung, München
und Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup

BLOCK 2

Die Gartenstadt nach Ebenezer Howard:
Die Siedlungen der 1920er Jahre
und Wohnquartiere der Nachkriegszeit
Prof. Dr. Jörg Haspel
Landeskonservator, Landesdenkmalamt Berlin
Vor-Stadt – Vor-Land:
Urbanisierung des ländlichen Raums. Wohnungsbauprojekte
in Berlin nach 1989 (Anforderungen, Leitbilder, Erfahrungen)
Dr.-Ing. Paola Alfaro d’Alençon
Urban Research and Design Laboratory, TU Berlin
Wohnungsneubau in Berlin:
Erfahrungen aus Sicht der Investoren
Henrik Thomsen
GROTH GRUPPE, Berlin
Wohnungsneubau in Berlin:
Die Entwicklungsgebiete Rummelsburger Bucht
und Wasserstadt Oberhavel
Uli Hellweg
HELLWEG URBAN CONCEPT GbR, Berlin

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BLOCK 3

Wohnungsneubau in Freiburg:
Der neue Stadtteil Freiburg-Rieselfeld
Klaus Siegl
Leiter (a.D.) der städtischen Projektgruppe Rieselfeld, Stadt Freiburg im Breisgau
Wohnungsneubau in München:
München-Freiham
Steffen Kercher
Referat für Stadtplanung und Bauordnung, Landeshauptstadt München
Wohnungsneubau in Wien:
Aspern – Die Seestadt Wiens
Jakob Kastner
Projektmanager Öffentlicher Raum, Wien 3420 Aspern Development AG, Wien
Wohnungsneubau anderswo
Ein Blick nach London
Dr. Cordelia Polinna
Polinna Hauck Landscape + Urbanism, Berlin
Zwischenbilanz Tag 1
Prof. Dr. Harald Bodenschatz, Andrea Gebhard, Uli Hellweg, Reiner Nagel,
Prof. Dipl.-Ing. Christa Reicher, Prof. Peter Zlonicky
und Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup

8. Dezember 2016

Moderation: Elke Frauns
büro frauns kommunikation | planung | marketing

Willkommen
Begrüssung, Zwischenbilanz Tag 1
Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup
Arbeit in den drei Workshops
AG 1
Baustein der Großstadtregion (Einbettung in das Umfeld / in die Stadtregion)
Öffentlicher Raum und (Nah-)Mobilität
Begleitung: Prof. Dr. Harald Bodenschatz und Andrea Gebhard
AG 2
Prozess- und städtebauliche Qualitäten (Baukultur)
Neudefinition des Begriffes Gartenstadt
Begleitung: Reiner Nagel und Prof. Peter Zlonicky
AG 3
Urbane Programmierung (Lernen aus der Vergangenheit)
Nachbarschaften und soziale Infrastruktur
Begleitung: Uli Hellweg und Prof. Dipl.-Ing. Christa Reicher
PRÄSENTATION UND DISKUSSION
Vorstellung der Ergebnisse der AGs und Diskussion im Plenum
Prof. Dr. Harald Bodenschatz, Andrea Gebhard, Uli Hellweg, Reiner Nagel
Prof. Dipl.-Ing. Christa Reicher, Prof. Peter Zlonicky
AUSBLICK UND ABSCHLUSS
Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup

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Titel der Broschüre | Titel des Kapitels

BEGRÜSSUNG

Politischer, sozialer und fachlicher Anlass der Fachtagung
Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup
Staatssekretär für Bauen und Wohnen, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Berlin

„Herzlich willkommen zur Fachtagung „Gartenstadt des 21.
Jahrhunderts“. Schön, dass Sie heute so zahlreich den Weg
nach Adlershof gefunden haben. Dies ist ein guter Ort für
diese Tagung, weil hier vor 25 Jahren die Geschichte eines
neuen Stadtteils begonnen hat. Damals haben wir diskutiert, wie die neue Wissenschaftsstadt Adlershof aussehen
soll, welche Nutzungen hier sinnvollerweise angesiedelt
werden können und wie eine ‚urbane Mischung‘ erreicht
werden kann. Mittlerweile ist eine ganze Menge erreicht
worden: Schauen Sie sich um, was hier entstanden und was
noch im Werden ist. Die Idee, hier ein gemischtes Stadtquartier mit einem entsprechenden Anteil des Wohnens entstehen zu lassen, ist schon Wirklichkeit geworden. Adlershof
hat in Berlin auch deswegen einen guten Ruf, weil hier das
Instrument der städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme
erfolgreich eingesetzt wurde. Hier ist eine solche Entwicklungsmaßnahme ‚in progress‘ zu erleben – ein gutes Beispiel
für die Möglichkeiten dieses Instrumentariums, die weitere
Entwicklung Berlins mitzugestalten.
Berlin ist in den letzten vier Jahren um 175.000 Einwohner
gewachsen, dieses Jahr erwarten wir etwa 100.000 Menschen
mehr in unserer Stadt. Dabei stellen die geflüchteten Menschen einen sehr großen Anteil dar. Diese Zahlen zeigen auf,

dass der Wachstumsdruck und damit die Herausforderungen
deutlich größer geworden sind. Berlin wächst aber nicht nur in
der Einwohnerzahl, sondern seit 2005 auch im Bereich der
Arbeitsplätze: So sind in den letzten zehn Jahren 250.000 Arbeitsplätze hinzugekommen. Dieser Aspekt ist sicherlich auch
Grund für die steigende Einwohnerzahl seit 2010. Nach der
Wende haben wir zunächst 15 Jahre lang eine Strukturkrise
erlebt. Seit 2005 wächst Berlin aber auch wieder ökonomisch
stärker als der Rest der Republik. Beim Blick auf die Einwohnerzahlen wird klar: Wir brauchen nicht 6.000 oder 10.000 neue
Wohnungen pro Jahr, sondern 20.000 oder mehr Wohnungen.
Dies ist eine große Herausforderung, die wir jedoch gemeinsam bewältigen können. Dafür müssen wir uns allerdings auf
mittlere oder längere Sicht darauf einstellen, dass wir uns auf
einem sehr dynamischen Wachstumspfad befinden.
Die benötigten Flächen stehen grundsätzlich zur Verfügung.
Ermittelt wurden 1.100 Standorte für den Wohnungsbau. Allerdings werden Wohnflächenpotenziale nicht automatisch
zu gebauten Wohnungen. Wir erleben in der Stadt derzeit eine
sehr dynamische Entwicklung der Bodenpreise – man könnte
in diesem Zusammenhang auch von Grundstücksspekulation
sprechen. So sind in den letzten fünf Jahren die Grundstückpreise um etwa 100% gestiegen – allein im letzten Jahr um
etwa 30%. Auch in diesem Jahr setzt sich der Trend in ähnlicher Dimension fort. Wenn wir auf absehbare Zeit pro Jahr
etwa 20.000 Wohnungen brauchen, wird die Innenentwicklung das alleine nicht leisten können. Wir müssen davon ausgehen, dass wir mindestens 5.000 Wohnungen pro Jahr auf
Standorten bauen müssen, die sich außerhalb der Kulisse der
klassischen Innenentwicklung bewegen. In anderen Worten:
Berlin muss jährlich ein Stadtquartier mit 5.000 Einwohnern
als Stadterweiterung oder Stadtergänzung realisieren.
Die ersten Quartiere sind bereits auf den Weg gebracht: Die
Elisabeth-Aue in Pankow soll ein Quartier mit etwa 5.000
Wohnungen werden und auf dem Flughafen Tegel wird das
Schumacher Quartier mit 5.000 Wohnungen geplant. Der angesprochene Umsteuerungsprozess ist also schon in Gang
gekommen. Wir haben in Berlin in der Vergangenheit zudem
bereits grundlegende und hilfreiche Erfahrungen gemacht,
bspw. mit den Projekten Wasserstadt Oberhavel, Rummelsburger Bucht, Adlershof, Biesdorf-Süd, Altglienicke, KarowNord, Buch IV oder Eldenaer Straße. Eine der wichtigsten Fragen dieser Tagung wird sein, was wir aus den Projekten der
1990er Jahre lernen können.

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Aus der Erfahrung dieser Projekte heraus möchte ich bereits
folgende Aspekte benennen:
•	 Stadtentwicklung erfordert einen langen Atem. Am Beispiel Adlershof kann man sehen, dass der lange Atem
durchgehalten wurde, am Beispiel Biesdorf-Süd, dass dies
nicht gelungen ist.
•	 Eine urbane Dichte war bei all diesen Projekten immer angestrebt, realisiert werden konnte sie zumindest in Teilen.
•	 Bei fast allen Projekten stand zudem die Nutzungsmischung im Fokus. In Bezug auf die Versorgung mit Arbeitsplätzen ist Adlershof als Erfolgsgeschichte anzusehen.
•	 Soziale Heterogenität ist im Neubau schwer zu reproduzieren, daher stellt dieser Aspekt bei zukünftigen Projekten eine große Herausforderung dar.
•	 Die postfossile Mobilität wurde zum damaligen Zeitpunkt noch nicht diskutiert, spielt aber heute eine umso
größere Rolle.
•	 Der öffentliche Raum und das öffentliche Grün wurden
zumeist anhand von Richtwerten betrachtet. Heute muss
man die kritische Frage stellen, wieviel öffentlichen
Raum und öffentliches Grün die neuen Quartiere brauchen und wieviel eine Stadt dauerhaft „bespielen“ und
unterhalten kann.
•	 Insgesamt werfen die Projekte die Frage auf, ob trotz
guter Umsetzung sektoraler Themen und Aufgaben insgesamt tatsächlich auch ein guter Städtebau realisiert
werden konnte.
Wir haben uns also vorgenommen, in kritischer Reflexion von
in Berlin, Deutschland und darüber hinaus gesammelten Erfahrungen zu hinterfragen, ob der Begriff der Gartenstadt des
21. Jahrhunderts sich dazu eignet, eine neue Leitidee der Verknüpfung von Stadtqualität und Freiraumbezug zu etablieren
und ob urbane, grüne, gemischte, vernetze und bezahlbare
Quartiere entstehen können. Der Begriff Gartenstadt ist also
ein Arbeitstitel, er soll zentrale Qualitätsmerkmale neuer
Quartiere beschreiben. Denn beim Wohnungsbau geht es
trotz der anfänglich genannten Zahlen nicht nur um Quantität. Es geht ganz zentral um die Frage, welche Qualitäten wir
erzeugen wollen und können, wie wir in Zukunft leben und
wohnen wollen. Ob Menschen gut wohnen und leben können,
entscheiden aber nicht nur die Wohnung und die Miethöhe,
sondern auch das Wohnumfeld, die städtebauliche Einbettung, die sozialräumliche Situation im Quartier, die funktionale und soziale Mischung, die infrastrukturelle Ausstattung
sowie die Erreichbarkeit eines möglichst differenzierten Arbeitsplatzangebotes. Hieraus ergibt sich als weitere zentrale
Frage, was zukünftig die tragfähigen Mobilitätssysteme in

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Ergänzung bestehender Stadtstrukturen sind. Da nur etwa
20% der Bauflächen dem Land Berlin gehören, werden wir
uns auch darüber unterhalten müssen, welche Instrumente
wir zur Verfügung haben, um neue Stadtqualität auf privaten Grundstücken entstehen lassen zu können.
Abschließend möchte ich auf die Ziele der Veranstaltung zu
sprechen kommen: Wir wollen darüber diskutieren, welche
Qualitätskriterien und welche Verfahren Grundlage einer
guten Quartiersentwicklung sind und was Eckpunkte einer
Gartenstadt des 21. Jahrhunderts sein können. Wir hoffen,
dass wir am Ende der Tagung bereits erste Ergebnisse formulieren und diese in einem anschließenden Prozess weiter
verdichten können. Ziel ist es, dass wir als Verwaltung, als
Politik und als Akteure der Immobilienwirtschaft Orientierung für einen spannenden Prozess gewinnen können. Berlin steht erneut vor einer großen Wachstumsherausforderung „einer neuen Gründerzeit“ und wir können es gut, aber
auch weniger gut machen. Wir alle können dazu beitragen,
dass wir es gut machen! Ich freue mich auf eine spannende
Diskussion mit Ihnen!“
„Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir
uns auf einem sehr dynamischen Wachstumspfad
befinden.“
„Wenn wir auf absehbare Zeit pro Jahr etwa
20.000 Wohnungen brauchen, wird die Innenentwicklung das alleine nicht leisten können.“
„Beim Wohnungsbau geht es nicht nur um Quantität. Es geht ganz zentral um die Frage, welche
Qualitäten wir erzeugen wollen und können, wie
wir in Zukunft leben und wohnen wollen.“

Titel der Broschüre | Titel des Kapitels

IMPULSVORTRAG

… aus dem Buch „Dichte Atmosphäre“
Über die bauliche Dichte und ihre Bedingungen
in der mitteleuropäischen Stadt
Eberhard Tröger
Departement Architektur, ETH Zürich

Für Eberhard Tröger ist der Begriff der Gartenstadt eng mit
der Vorstellung von „Paradiesen“ verknüpft, da dieser das
damals wie heute angestrebte Ideal einer Koexistenz von
Kultur und Natur ausdrücke. Auch wenn die „grüne Stadt“
derzeit überall diskutiert werde, fehle doch ein ganzheitliches Konzept zur Implementierung des Grüns in die Struktur
der Stadt. Die heute gültigen Herausforderungen entsprechen dabei zu großen Teilen immer noch denen zu Ebenezer
Howards Zeiten. Allerdings seien heute andere Konsequenzen daraus zu ziehen.
Herr Tröger zeigt in diesem Zusammenhang verschiedene
Beispiele vermeintlich grüner Paradiese in neuen Stadtquartieren, die jedoch in ihrer städtebaulichen Unentschiedenheit als „eierlegende Wollmichsäue“ zu bewerten seien.
In Anlehnung an den Sketch „Die Wegbeschreibung“ von
Gerhard Polt stellt er die Frage, ob man tatsächlich durch
den „Mischmasch der Vorstädte“ hindurch müsse, um ins
„Paradies“ zu kommen.

Für die Auseinandersetzung mit den heute gegebenen Situationen der Vorstädte verweist Herr Tröger auf die in seinem
Buch „Dichte Atmosphäre“ vorgenommene Untersuchung
von Quartieren, deren Dichtekategorie 5 (1.2-1.5) denen einer heutigen Gartenstadtidee entspricht. An den Beispielen
zeigt er, dass trotz annähernd gleicher baulicher Dichte völlig unterschiedliche Parzellierungen, Bauformen und Anteile
des öffentlichen Raumes realisiert wurden. Die Atmosphären in den einzelnen Quartieren erscheinen dementsprechend ebenfalls völlig unterschiedlich.
Insbesondere in der Gestaltung der Straßenräume, die den
größten Teil des öffentlichen Raumes einnehmen, liegen große Potenziale, um gezielt Atmosphären zu „stimmen“ und
zum vernetzten Kontinuum einer „gestimmten Stadt“ zu gelangen. Die Kenntnis und Analyse der räumlichen und zeitlichen Schichtungen eines Stadtbildes seien in Geschichte(n)
zusammenzuführen und bilden die Basis für eine solche
„Stimmung“. Ein Kontinuum zu gestalten vermöge jedoch nur
der öffentliche Raum und darin am besten die Straße. Um eine
Stadt auf dem Gerüst des öffentlichen Raumes aufzubauen,
müssen die privaten und öffentlichen Bereiche klar definiert
und erkennbar gemacht werden. Mit Blick auf die untersuchten städtebaulichen Experimente der Vergangenheit kommt
Herr Tröger zu dem Schluss, dass die Grenzen zwischen Stadt
und Natur nicht zu scharf zu ziehen seien, sondern nur enge
Verzahnungen zwischen den Bereichen und Ebenen die Möglichkeit städtebaulicher „Paradiese“ zulassen.
„Wenn man über Gartenstädte spricht, liegt es für
mich nahe, über Paradiese zu sprechen.“
„Die privaten Investoren wie die Immobilienabteilungen der Städte und Gemeinden versprechen derzeit
eierlegende Wollmichsäue, die Stadt und Land, Kultur und Natur auf das Perfekteste vereinen sollen.“
„Die größten Probleme – atmosphärisch und sozial
betrachtet – ergeben sich, wenn die Grenzziehungen
zwischen öffentlichen und privaten Räumen verwischen und halbe Sachen dazwischen entstehen.“

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STATEMENTS

Erwartungen an die Fachtagung
Begleitet wurde die Fachtagung durch sechs Expertinnen und Experten:
Prof. Dr. Harald Bodenschatz _ Center for Metropolitan Studies, TU Berlin, Berlin
Andrea Gebhard _ Mahl Gebhard Konzepte, Landschaftsarchitekten BDLA, München
Uli Hellweg _ HELLWEG URBAN CONCEPT GbR, Berlin
Reiner Nagel _ Bundesstiftung Baukultur, Potsdam [erst am zweiten Tag anwesend]
Prof. Dipl.-Ing. Christa Reicher _ rha reicher haase associierte GmbH, Aachen
Prof. Peter Zlonicky _ Büro für Stadtplanung und Stadtforschung, München
Prof. Dr. Harald Bodenschatz stellt die Frage in den Raum,
welche Assoziationen mit dem Begriff Gartenstadt verbunden
werden. Notwendig sei ein Perspektivwechsel der Diskussion
über städtische Entwicklungen: Über die Innenstadt hinaus
müssen auch die Randlagen der Großstadtregion in den Fokus
genommen werden. Dabei dürfe der Blick nicht an Stadt- oder
Landesgrenzen enden.
In Bezug auf die geschichtlichen Assoziationen „Dichte“ und
„kompakte Stadt“ verweist Prof. Dr. Bodenschatz auf die Tatsache, dass aufgrund der gestiegenen Zahl der Quadratmeter
Wohnfläche pro Kopf heute bereits sehr aufgelockerte und
„entdichtete“ Verhältnisse in vermeintlich dichten Stadtquartieren vorherrschen.
Ziel dieser Veranstaltung solle sein, Prinzipien und Leitlinien,
die für die Gartenstadt in der Außenstadt maßgeblich sein
sollen, zu diskutieren. Eine „neue Gartenstadt“ dürfe dabei
nicht mehr nur sich selbst genügen, sondern müsse einen
Beitrag für die umliegenden Quartiere leisten und diese mit
Qualitäten bereichern, ohne sich gegenüber ihrem Umland
als etwas Besseres darzustellen.
„Wir diskutieren nicht nur die Innenstadt und
ihre Zukunft, sondern auch die Stadtlagen, in denen die meisten Bewohner der Großstadtregion
leben und wo die Gartenstadt dazu beitragen muss,
die Großstadtregion zu qualifizieren.“
„Eine neue Gartenstadt darf nicht mehr nur sich
selbst genügen, sondern sie muss einen Beitrag
leisten für die umliegenden Quartiere, sie muss sie
bereichern, nicht belasten und nicht erniedrigen.“

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Andrea Gebhard stellt drei Aspekte in den Mittelpunkt ihrer
Betrachtung einer Gartenstadt des 21. Jahrhunderts:
1.	 Wie kann mit Mobilitätsangeboten im öffentlichen (Straßen-)Raum eine Verbindung zwischen Quartieren sowie
auch innerhalb der Quartiere geschaffen werden? Ein besonderes Augenmerk sei dabei auf die von allen Altersgruppen nutzbare Nahmobilität zu richten.
2.	 Wie werden private Räume ausgestaltet und wie sind
diese gegenüber dem Gegenpol der öffentlichen Räume
abgegrenzt? Frau Gebhard verweist in diesem Zusammenhang auf die Notwendigkeit einer „Unterschiedlichkeit der Räume“.
3.	 Wie können öffentliche Freiräume in den Quartieren einen
Beitrag zur Biodiversität und einer „neuen Wildnis“ leisten?
Über alle Aspekte hinweg gesehen sei es unabdingbar, dass
neu geplante Stadtteile – auch über eine Auseinandersetzung
mit dem Thema „Schönheit“ – einen eigenen Charakter und
eine spezifische Identität ausbilden.
„Die Straßenräume einer Gartenstadt müssen robuste, offene Räume sein, die Verbindung schaffen und als öffentlicher Raum nutzbar sind.“
Prof. Peter Zlonicky verweist bei der Verwendung des Begriffes Gartenstadt auf die historischen Wurzeln. Nach Ebenezer Howard handele es sich um ein ganzheitliches Konzept
mit Grundzügen einer sozialen Stadt, bei dem Formen des
gemeinschaftlichen Eigentums in den Vordergrund gestellt
wurden. Ein zentraler Aspekt ist für Prof. Zlonicky der Gedanke Howards, dass es sich beim Konzept der Gartenstadt
um ein „working model“ handele, bei dem am realisierten
Beispiel zu lernen und das Konzept in der jeweiligen Zeit neu
zu denken sei.

Titel der Broschüre | Titel des Kapitels

In Bezug auf die Gartenstadt sei heute insbesondere nachzudenken über eine Offenheit hinsichtlich der Bevölkerungszusammensetzung, über das anzustrebende Maß an Dichte und
die Zuordnung von Wohnen und Freiraum, über die Produktivität – auch im öffentlichen Raum – sowie die Schönheit und
die Anmutung der Quartiere.
„Gartenstadt ist nicht ein festzumachender Begriff für eine Zeit, sondern es ist die Herausforderung, ständig neu darüber nachzudenken, was
eine Gartenstadt überhaupt ist.“

„Es ist die Frage in den Blick zu nehmen, welche
Elemente im Prozess vorgehalten werden müssen, um einen lebendigen und attraktiven Stadtteil zu bekommen.“
„Ob der Begriff der Gartenstadt der richtige ist,
sei einmal dahin gestellt. Auf jeden Fall sollten
wir uns im Denken über die zukünftige Stadterweiterung nicht zu sehr beschränken und determinieren lassen.“

„Grundlegende Qualität einer Gartenstadt ist der
nutzbare Freiraum. Damit sind heute höhere
Dichten zu erreichen als in traditionellen Gartenstadtkonzepten. Gartenstadtqualität und höhere Wohnbauten schließen sich nicht aus, wenn
jeder Wohnung ein nutzbarer Freiraum zugeordnet werden kann.“

Prof. Christa Reicher formuliert die Erwartung, über die Frage
zu diskutieren, welche einzelnen Bausteine eine „bessere
Stadt“ benötige. Hierfür sollten der Wandel und die Beständigkeit von Stadtvorstellungen im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Anhand gebauter Stadtmodelle könnten ein „Realitätscheck“ vorgenommen und elementare Bausteine für
zukünftige Entwicklungen abgeleitet werden.

Uli Hellweg wirft die Frage auf, welche Form von neuer Stadterweiterung wirklich gebraucht werde und welcher Begriff
und welche Leitidee hierfür passend seien. Zur Beantwortung dieser Frage seien aus den realisierten Formen der
Stadterweiterung die richtigen Lehren zu ziehen. Da auch
bei wechselnden Konjunkturzyklen sozial stabile Gerüste zu
schaffen seien, solle der Blick neben den planerischen insbesondere auch auf die prozessualen Aspekte der Stadtentwicklung gerichtet werden.

Neben dem physischen solle dabei insbesondere der soziale
Raum mit den Nachbarschaften eines Quartiers und den für
sie hilfreichen Bedingungen in den Blick genommen werden.
Darüber hinaus sei zu untersuchen, wie soziale Infrastrukturen zu organisieren sind, damit ein intelligentes Netzwerk
entsteht und die Voraussetzungen für eine lernende und integrierende Stadt geschaffen werden können. Prof. Reicher betont zudem, dass Stadterweiterungen über lange Zeiträume
erfolgen und Planung daher fähig sein müsse, im Prozess zu
justieren und Nachbesserungen zu ermöglichen.

Zu beachten seien in diesem Zusammenhang unter anderem
die Zielgruppen des Wohnungsbaus, die vorzuhaltenden Angebote und Infrastrukturen sowie die Qualitäten des Freiraums. Rückwirkend lasse sich konstatieren, dass erfolgreiche Gebiete immer auch einen Bedeutungsüberschuss über
sich selbst hinaus für die Gesamtstadt erwirkt haben.

„Wie kann Planung dazu beitragen, dass mehr
Kommunikation, mehr Vernetzung, mehr Gemeinschaft oder einfach mehr Nachbarschaft entsteht?“
„Eine ideale Dichte gibt es nicht. Zu fragen ist
vielmehr: Welche Bausteine führen dazu, dass es
eine Lebendigkeit im Stadtteil gibt?“

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Die Gartenstadt nach Ebenezer Howard:
Die Siedlungen der 1920er Jahre und Wohnquartiere
der Nachkriegszeit
Prof. Dr. Jörg Haspel
Landeskonservator, Landesdenkmalamt Berlin
Die sechs denkmalgeschützten Siedlungen repräsentieren
einen neuen Typus des sozialen Wohnungsbaus aus der Zeit
der klassischen Moderne und übten in der Folgezeit beträchtlichen Einfluss auf die Entwicklung von Architektur
und Städtebau aus. Insbesondere die jeweiligen Anordnungen und Nutzungen von privaten, halb-öffentlichen und öffentlichen Freiräumen lassen sich an den oben genannten
Siedlungen sowie dem im Anschluss vorgestellten Hansaviertel untersuchen.

Prof. Dr. Jörg Haspel stellt die sechs Siedlungen der Berliner
Moderne vor, die im Juli 2008 von der UNESCO in die Liste des
Welterbes aufgenommen wurden:
•	 die Gartenstadt Falkenberg, auch bekannt als die
„Tuschkastensiedlung“;
•	 die Siedlung Schillerpark, die mit den verwendeten
Backsteinen holländische Impressionen vermittelt;
•	 die Großsiedlung Britz, auch bekannt als die
„Hufeisensiedlung“;
•	 die Wohnstadt Carl Legien, mit ihren U-förmigen
Zeilenbauten und offenen Höfen;
•	 die Weiße Stadt mit offener Binnenstruktur aus Rand- und
Zeilenbauten und ineinander fließenden Grünräumen;
•	 die Großsiedlung Siemensstadt, die mit ihrer aufgelockerten Anordnung den Bezug zum umgebenden
Grünraum sucht.

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Prof. Dr. Jörg Haspel weist darauf hin, dass das Modell der
Gartenstadt 1898 ursprünglich für die planmäßige Stadtentwicklung als Reaktion auf die schlechten Wohn- und Lebensverhältnisse sowie die horrend steigenden Bodenpreise in
den stark gewachsenen Großstädten entworfen wurde. Heute werde der Begriff umgangssprachlich für besonders begrünte Städte verwendet, wodurch oftmals falsche Assoziationen entstünden.
Zum besseren Verständnis der Gartenstadt empfiehlt Prof. Dr.
Jörg Haspel das Buch „Gartenstadt. Geschichte und Zukunftsfähigkeit einer Idee.“

„Als Denkmalpfleger hat man den Eindruck, dass
die Gartenstadt nicht nur Geschichte, sondern
auch eine Zukunft hat – aber auch, dass die gardencity of tomorrow nicht so aussieht, wie wir
sie kennen, sondern wahrscheinlich ganz neu gedacht werden muss.“

Titel der Broschüre | Titel des Kapitels

Vor-Stadt – Vor-Land:
Urbanisierung des ländlichen Raums. Wohnungsbauprojekte
in Berlin nach 1989 (Anforderungen, Leitbilder, Erfahrungen)
Dr.-Ing. Paola Alfaro d’Alençon
Urban Research and Design Laboratory, TU Berlin
Widerständen gegen gewerbliche Nutzungen auf die Nahversorgung reduziert. Besondere Mängel zeigen sich auch in
der Verkehrserschließung und der überörtlichen Anbindung
des Gebietes.

Dr. Paola Alfaro d’Alençon weist darauf hin, dass die Entstehung der Vor-Städte im Umfeld Berlins in der Nachwendezeit
durch große Erwartungen bezüglich eines Bevölkerungswachstums, eine erwartete Suburbanisierung hin zu einer
polyzentrischen Stadtlandschaft, politische Diskussionen zu
einer Fusion der Länder Berlin und Brandenburg sowie eine
pragmatisch ausgerichtete Strategie zum Wohnungsbau befördert wurden.
Die Betrachtung der in dieser Zeit entstandenen Siedlungen
Kirchsteigfeld in Potsdam und Karow-Nord in Berlin-Pankow
ergebe, dass diese nicht als Gartenstädte zu bezeichnen seien. Vielmehr handele es sich um Vorstädte, die den Bedarf an
„Massenwohnungsbau“ in einer ordentlichen Qualität abdecken. Über identifizierbare Stadtgrundrisse wurde den Vierteln ein ,,authentisches Gesicht” gegeben.
Die unter großem Handlungsdruck erfolgte, pragmatisch
ausgerichtete Standortentwicklung in Karow-Nord lasse
sich heute wie folgt bewerten: Die gewünschte urbane Qualität ist insbesondere hinsichtlich der Bewohnerstruktur nur
beschränkt erreicht worden. Eine explizite Nutzungsmischung wurde bereits im Vorfeld des Projektes aufgrund von

Im Kirchsteigfeld werde deutlich, dass der Bau von städtisch
anmutenden Blockrandstrukturen keineswegs automatisch
zu der gewünschten „Urbanität“ führt. Die in Befragungen
festgestellte hohe Wohnzufriedenheit der Bewohner zeige,
dass oftmals andere Prioritäten als in der Beurteilung durch
Externe gesetzt werden. Insgesamt sei jedoch zu konstatieren, dass Anspruch und Realität bei der Entwicklung des
Gebietes in weiten Teilen nicht übereinstimmen: Kritisch
anzuführen seien insbesondere die mangelnde Frequentierung der zentralen Plätze sowie die nicht geregelte Pflege
der Frei- und Naturräume. Positiv hervorzuheben seien indes das Konzept zur Farbegestaltung, das zur Identitätsbildung des Gebietes beitrage, sowie die rege genutzten Gärten und Innenhöfe.
Als Schlussfolgerung hebt Dr. Paola Alfaro d’Alençon hervor,
dass im Prozess der Entwicklung der Projekte Möglichkeiten
zu belassen seien, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner Räume aneignen und untereinander und mit dem Gebiet
interagieren können.

„In den Gebieten müssen Räume gegeben sein, in
denen man agieren kann, denn über eigene Aktivitäten kann man einen Bezug zu seinem Wohnraum
entwickeln und weiter fördern. Es geht bei der
Entwicklung der Gebiete nicht darum, dass alles
vorgeplant ist – es ist vielmehr in der Projektentwicklung ein Beitrag zu leisten, mit dem die
Bewohner involviert werden können.“

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Wohnungsneubau in Berlin:
Erfahrungen aus Sicht der Investoren
Henrik Thomsen
GROTH GRUPPE, Berlin
Um eine Akzeptanz in der Bürgerschaft sicherzustellen und
die Projekte zum Erfolg zu führen, müsse bei den anstehenden Veränderungsprozessen im städtischen Raum das Thema Kommunikation intensiver bearbeitet werden. Neben
der Partizipation, der Abwägung von Interessen und der
Konsensfindung spiele dabei auch der Aspekt des Marketings eine Rolle.
Darüber hinaus geht Henrik Thomsen auf die Rolle des Projektentwicklers ein. Um die hohe Zahl an benötigten Wohnungen realisieren zu können, bedürfe es in Teilen auch
immer einer Spekulation sowie einer Beschleunigung der
Verfahren. Hinsichtlich der Auswahl der richtigen Instrumente zur Entwicklung neuer Quartiere und Stadtteile sei
jedoch stets ein gemeinsamer Weg das Ziel.

Henrik Thomsen beginnt seinen Vortrag mit der Frage, welche
Aspekte bei der Frage nach einem guten Leben in der Stadt
heute relevant sind und ob diese noch dieselben Leitmotive
wie zur Entstehungszeit des Begriffes Gartenstadt sind.
Den Blick hat Henrik Thomsen auf die Frage nach dem Konflikt zwischen Nachverdichtung und Stadterweiterung gerichtet. Hierbei setzt er sich für Nachverdichtung und Erweiterung gleichermaßen ein, wobei die Stadterweiterung
immer vor dem Hintergrund des derzeitigen enormen Flächenverbrauchs sowie den Fragen rund um die Themen Mobilität und Versorgung bewertet werden muss.

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„Ist die ‚Gartenstadt des 21. Jahrhunderts‘ das
richtige Leitmotiv für die nun anstehenden Entwicklungen?“
„Eine dichtere Stadt ist das, was einen Großteil der
Antwort auf die anstehenden Herausforderungen
ausmacht.“
„Nachverdichtung vs. Stadterweiterung? Vor dem
Hintergrund der Zahlen und Fakten sollten wir über
beides nachdenken!“
„Wenn wir über die Stadt von morgen nachdenken,
wird es die große Aufgabe sein, über den Konsens
und die Akzeptanz zu sprechen, insbesondere im
politischen Raum. Dabei geht es um mehr als den
kleinsten gemeinsamen Nenner.“

Titel der Broschüre | Titel des Kapitels

Wohnungsneubau in Berlin:
Die Entwicklungsgebiete Rummelsburger Bucht
und Wasserstadt Oberhavel
Uli Hellweg
HELLWEG URBAN CONCEPT GbR, Berlin
In seinem Fazit benennt Uli Hellweg das Entwicklungsrecht
als ein oftmals unterschätztes Instrument der Stadtentwicklung, bei dessen Anwendung jedoch einige Lehren zu berücksichtigen seien:
•	 Es sind sozial und wirtschaftlich resiliente Standortkonzepte zu entwickeln!
•	 Über eine Mischung der Nutzungen sind Bedeutungsüberschüsse in den Gebieten zu schaffen!
•	 Verkehrliche und soziale Infrastrukturen sind zeitgleich zu
erstellen!
•	 Die Strukturen sind entsprechend der Bevölkerungsentwicklung auszugestalten und sind adaptiv und prozessorientiert zu entwickeln!
Uli Hellweg geht zunächst auf die Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung in Berlin in der Nachwendezeit ein. Nach
der Phase des Wachstums, in der die Entwicklungsbereiche
Wasserstadt Berlin-Oberhavel, Alter Schlachthof, Rummelsburger Bucht, Biesdorf Süd sowie Johannisthal / Adlershof
ausgewiesen wurden, kam es zu einer u.a. durch die Suburbanisierung zu begründenden Schrumpfung. In der Folge einer
radikalen Umsteuerung auf die Entdichtung und den Einfamilienhausbau kam es nach Ulli Hellweg zu einer Reihe politischstrategischer Fehleinschätzungen und planerisch-operativer
Fehler von Politik, Senat und Entwicklungsträgern.
In Bezug auf die genannten Entwicklungsbereiche können
jedoch eine ganze Reihe positiver Aspekte wie die Funktion
als Motor des Wohnungsbaus, die Durchführung umfangreicher Umweltsanierungsmaßnahmen sowie die Erzielung realer positiver stadtwirtschaftlicher Effekte (Steuereinnahmen) festgehalten werden.

•	 Es bedarf mehr Mut zu Experimenten, Unfertigkeit und
Vielfalt, um einprägsame Orte schaffen zu können!
•	 Als Basis einer kooperativen Entwicklung werden längerfristige Bündnisverträge der beteiligten Akteure benötigt!
•	 Für die benötigten Entwicklungszeiträume ist ein politischer Konsens herzustellen!

„In den Entwicklungsgebieten der Vergangenheit
wurden Maßstäbe für die gemischte Stadtentwicklung gesetzt – weil es gelungen ist, einen großen
Bedeutungsüberschuss zu produzieren.“
„Qualitativ gute Freiflächen sind der Schlüssel für
den Erfolg der neuen Projekte.“

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Wohnungsneubau in Freiburg:
Der neue Stadtteil Freiburg-Rieselfeld
Klaus Siegl
Leiter (a.D.) der städtischen Projektgruppe Rieselfeld,
Stadt Freiburg im Breisgau
Insgesamt wurde eine Konzeption der Gleichwertigkeit von
städtebaulichen und architektonischen, sozialen und kulturellen, ökologischen und ökonomischen Zielen verfolgt.
Zur Verwirklichung dieses Anspruches wurde eine ämterund dezernatsübergreifende Projektgruppe eingerichtet
und ein breit angelegter Entwicklungsprozess mit einer
großen Beteiligungstiefe angestoßen, bei dem auch der
Gemeinderat eng und kontinuierlich eingebunden wurde.
Durch die konsequente Bürgerbeteiligung von Anfang an
und die Installation der Quartiersarbeit sowie den zügigen
und bedarfsgerechten Ausbau der öffentlichen Infrastruktur wurden entscheidende Voraussetzungen für die frühzeitige Entstehung des sozialen und kulturellen Lebens im
neuen Stadtteil geschaffen.

Klaus Siegl stellt in seinem Vortrag den seit Anfang der
1990er Jahre in der Entwicklung befindlichen Freiburger
Stadtteil Rieselfeld vor, der aus einer großen Nachfrage nach
Wohnraum heraus als neuer Stadtteil am Rande der Stadt
entwickelt wurde. Mit 4.100 Wohnungen und knapp 10.000
Einwohnern präsentiert sich das Rieselfeld heute als ein sehr
lebendiger Stadtteil.
Die mit dem Projekt verbundenen stadtentwicklungspolitischen Ziele lagen insbesondere in einer urbanen Qualität
mit hoher Dichte, einem flexiblen und lernenden Städtebau,
einer funktionalen und gebäudetypologischen Mischung sowie einer umweltorientierten Planung mit u.a. Niedrigenergiebauweise und einer hohen Qualität der Grün- und Freiflächen. Besondere Bedeutung kam den gemeinsam genutzten
Blockinnenbereichen zu, welche die Aufenthaltsqualität im
engeren Wohnumfeld deutlich erhöhten und zur Entstehung
einer guten und qualitätsvollen Vernetzung öffentlicher und
privater Grünflächen im Stadtteil und dem umgebenden
Landschaftsraum führten.

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Als ein wesentlicher Erfolgsfaktor des neuen Stadtteils haben sich nach Ansicht von Klaus Siegl die gemischt genutzten Strukturen erwiesen. Erwirkt wurden diese durch eine
langfristig ausgerichtete Vermarktung, bei der nicht der
schnelle Verkauf einzelner Grundstücke im Fokus stand. Auf
der Grundlage der Kleinparzellierung in jedem Baublock
konnte somit eine große strukturelle Vielfalt bei den Typologien, den Bau- und Wohnformen, den Nutzungen wie auch
bei den Zielgruppen erreicht werden.

„Von einem zweidimensionalen Plan zu einem
dreidimensionalen Lebensraum bedarf es eines
intensiven Prozesses der Kommunikation, des
Lernens und des lösungsorientierten Denkens.“

Titel der Broschüre | Titel des Kapitels

Wohnungsneubau in München:
München-Freiham
Steffen Kercher
Referat für Stadtplanung und Bauordnung,
Landeshauptstadt München
jeglicher Art im Bild des Stadtteils zu vermeiden. Eine ausgeprägte soziale Vielfalt der Zielgruppen solle durch unterschiedliche Finanzierungsmodelle und Trägerstrukturen, die
sich in denselben Baublöcken wiederfinden, erreicht werden.
Zur Gewährleistung der Qualitätssicherung werden Wettbewerbe und eine Beratungsgruppe für verschiedene Flächen
im Stadtteil eingesetzt. Die Vergabe der Grundstücke erfolge
in Freiham nach einem am Verkehrswert orientierten Festpreis entsprechend qualitativer Kriterien.
Als Herausforderung beschreibt Steffen Kercher das „Timing“
im Vergabeprozess: Bereits zu einem frühen Zeitpunkt müsse
die Leistungsfähigkeit der Bauträger gewährleistet sein. Für
die öffentliche Hand ergebe sich das Risiko, bereits vor der
Schaffung von Baurecht umfangreiche Vorleistungen wie den
frühzeitigen Bau von Grundschulen zu erbringen.
Vor dem Hintergrund des prognostizierten starken Bevölkerungszuwachses Münchens entsteht im Westen der Stadt
der Stadtteil Freiham. Dieser ist am Autobahnring und einer
S-Bahn-Station gelegen und soll zukünftig 20.000 Einwohner beherbergen. Im bisherigen Entwicklungsprozess stieg
aufgrund des Handlungsdruckes die vorgesehene Geschossflächenzahl um 80% auf nun im Mittel 1,8. Anzupassen sind dementsprechend auch die Angebote im Bereich
der sozialen Infrastruktur.

„Um zu einer guten Qualität im Wohnungsbau zu
kommen, muss man sich auf einen Marathonlauf
einlassen. Trotz des Handlungsdruckes müssen die
Projekte im Prozess reifen.“

In Bezug auf die Integration in den Landschaftsraum wird der
grundsätzliche Entwurfsgedanke „Stadt weiterbauen“ verfolgt. Steffen Kercher berichtet, dass dem allgemeinen
Wunsch nach kleinteiliger und abwechslungsreicher Architektur nachgekommen werden soll. Dabei spielen vor allem
verschiedene Gebäudetypen eine Rolle, um Wiederholungen

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Wohnungsneubau in Wien:
Aspern – Die Seestadt Wiens
Jakob Kastner
Projektmanager Öffentlicher Raum,
Wien 3420 Aspern Development AG, Wien
Im Masterplan wurden wesentliche Planungsgrundsätze
formuliert, die sowohl die Bebauung (urban, vielfältig, maßstäblich) als auch den Grünraum (50% öffentlicher Raum,
zentraler Park, frühe Erstellung der Grünräume) betreffen.
Zwei Zitate aus dem Entwicklungsprozess charakterisieren
die neue Seestadt Aspern:
•	 „Freiräume sind das Gerüst der Stadt.“
•	 „Ziel ist eine Rückeroberung des öffentlichen Raums!“
Einen weiteren gewichtigen Baustein bei der Konzeption des
Stadtteils stelle die Mobilität dar. Hier sei zu konstatieren,
dass der öffentliche Verkehr vor dem Individualverkehr stehe. Ausdruck finde dieser Anspruch bspw. in einem Verleihsystem für Lastenräder.

Aspern – die Seestadt Wiens – stellt das aktuell größte Stadtentwicklungsprojekt der österreichischen Hauptstadt dar.
Bei einer durchschnittlichen Dichte von 2 werden 10.500
Wohneinheiten für mehr als 20.000 Menschen geschaffen.
Zur Anbindung an die Innenstadt wurde eine U-Bahn-Linie
bis zum Projektgebiet verlängert.
Die Entwicklung des Gebietes wird im Wesentlichen organisiert von der Projektleitung Seestadt Aspern – zuständig für
die Projektsteuerung und das Controlling – und der Wien
3420 aspern development AG, welche den Kontakt zu den
Investoren und Bauträgern hält und als Bindeglied zwischen
öffentlichen und privaten Interessen fungiert. Bei den weiteren beteiligten Institutionen ist insbesondere die Aspern Seestadt Einkaufsstraßen GmbH hervorzuheben. Diese mietet
zentral Geschäftsflächen an und vermietet diese weiter, um
einen optimalen Nutzungs- & Angebotsmix zu garantieren.

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Ein besonderes Augenmerk wurde laut Jakob Kastner darauf
gelegt, bereits während der Phase der Bauarbeiten Identitäten zu stiften. Hierzu wurden Projekte der Zwischennutzungen sowie Veranstaltungen wie die mit Baukränen realisierte Choreographie „Kranensee“ durchgeführt.

„Rückeroberung des öffentlichen Raumes bedeutet: Weg von den privaten Grünflächen, die oftmals lediglich als Abstandsflächen fungieren,
hin zu einer belebten, funktionierenden Stadt.“

Titel der Broschüre | Titel des Kapitels

Wohnungsneubau anderswo:
Ein Blick nach London
Dr. Cordelia Polinna
Polinna Hauck Landscape + Urbanism, Berlin

„Wir müssen uns noch stärker als bisher mit der
Frage auseinandersetzen, wer überhaupt die Zielgruppen der neuen Stadtquartiere sind.“
5.	 Mit gutem Beispiel voran: Durch Vorleistungen der öffentlichen Hand, bspw. durch Parks und attraktiv gestaltete Außenanlagen, werden vormals mit negativen Assoziationen
behaftete Lagen und Orte ins öffentliche Bewusstsein gerückt und für Investoren und Bewohner attraktiv gemacht.
6.	 Londons isolierteste Suburb? Barking Riverside gilt als ein
Beispiel, bei dem die Entwicklung – trotz großflächiger Grünflächen und öffentlicher Räume als erweiterte Wohnzimmer
– weniger gelungen ist. Sowohl die verkehrliche Anbindung
an den Großraum London als auch die Versorgungs-, Freizeitoder Gesundheitsinfrastruktur fehlen. In der Folge wird versucht, über geförderte Kulturprojekte lokale Identitäten zu
entwickeln.

An neue Stadtquartiere ergeben sich besondere Anforderungen, um eine soziale Polarisierung, insbesondere in der Peripherie, zu vermeiden. Die Vorgehensweise der Stadt London
wird von Dr. Cordelia Polinna mit folgenden zentralen Aspekten charakterisiert:
1.	 Wohnungsbau hat in London höchste politische Priorität.
Durch die bereits seit vielen Jahren andauernden Bemühungen in diesem stadtpolitischen Themenfeld rückt verstärkt
die äußere Stadt in den Focus.
2.	 Stadterweiterungen werden in die strategische Gesamtplanung eingebettet. Freie Flächen oder Konversionsgebiete
werden in großräumige Entwicklungs- und Verkehrsstrategien eingeordnet und mit der Schaffung von Arbeitsplätzen
verknüpft. Die Gesamtpläne werden auf Entwicklungsprojekte auf Stadtteilebene heruntergebrochen.
3.	 Zentrumsbildung: Vorhandene Zentren werden nachverdichtet und mit zusätzlichen Funktionen der sozialen Infrastruktur, Versorgung oder Mobilität angereichert.
4.	 Konversion: Flächen und Immobilien mit guter Anbindung
durch den öffentlichen Nahverkehr werden mit einer hohen
Dichte zu attraktiven Wohnlagen entwickelt.

7.	 Qualitäten der äußeren Stadt aufgreifen: In verschiedenen
Projekten wird versucht, das Gute vom Land mit dem Guten
der Stadt zu verknüpfen und somit Investitionen in die Gebiete anzuregen.
Unter der Überschrift „Learning from London“ benennt Dr.
Cordelia Polinna folgende Punkte, die in die Diskussion zur
weiteren Entwicklung Berlins einzubringen sind:
•	 Neue Stadtquartiere sind in großräumige Planungen eingebunden und werden im Zusammenhang betrachtet.
•	 Die Anbindung an den ÖPNV ist entscheidend für eine positive Entwicklung des Quartiers.
•	 Soziale Infrastrukturen und Frei- und Grünflächen bilden
den Kern der Quartiersentwicklung.
•	 Einzelhandel, Gastronomie und Arbeitsmöglichkeiten sind
Grundlage für ein lebendiges Quartier.
•	 In der Freiflächengestaltung können Qualitäten der äußeren Stadt herausgearbeitet werden.
•	 Die öffentliche Hand muss Vorleistungen erbringen, vor
allem bei der Gestaltung von öffentlichen Räumen und
Straßenräumen als attraktive Aufenthaltsräume.
•	 Künstlerische Projekte wirken identitätsbildend.

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ZWISCHENBILANZ
TAG 1

In einer offenen Diskussionsrunde wurde zum Abschluss
des ersten Veranstaltungstages eine Zwischenbilanz zum
Thema gezogen. Die wesentlichen Erkenntnisse aus den
Vorträgen und Hinweise zu den in Berlin zu diskutierenden
Fragestellungen sind an dieser Stelle thematisch zusammengefasst wiedergegeben.

2.	 Mit der Bedeutung eines Quartiers für seine Umgebung
kommt dem Zentrum eine wesentliche Rolle zu. Wie kann
daher über die notwendige soziale Infrastruktur hinaus die
Herausbildung attraktiver Zentren organisiert werden?
Wie können ganz praktisch ökonomische Nutzungen in die
Erdgeschossbereiche der Quartiere integriert werden?

Nutzungen in den Quartieren und
Bedeutung für das Umfeld

Öffentliche Räume und Freiraum

Bei der Entwicklung neuer Wohnquartiere ist immer auch der
Bezug auf die Stadt und auf das jeweilige Umfeld mit zu bedenken. Angeregt wurde, Projekte so zu konstituieren, dass
ein Mehrwert für Stadt und Umfeld erzielt werden kann. Hierfür sind zwei Aspekte zu beachten:
1.	 Ein überzeugender neuer Stadtteil braucht eine eigene
Identität und eine Erkennbarkeit, die sich im Maßstab und
in der städtebaulichen Prägnanz widerspiegeln.

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Eine besondere Bedeutung wird dem Verhältnis von Bebauung und Freiraum sowie den Möglichkeiten zur Nutzung des
öffentlichen Raumes beigemessen. Insbesondere zur Herausbildung von Identitäten der Quartiere, zur Implementierung
ökologischer Aspekte sowie einer möglichen Eindämmung
des Wohnraumbedarfes spielen prägnante und dezidiert geplante Freiraumstrukturen eine gewichtige Rolle. Zu hinterfragen ist in diesem Zusammenhang, in welcher Dimension
die Räume langfristig unterhalten werden können, ob dazu
eine Übertragung von Verantwortung an die Bewohner einen
Ansatz bietet und wie eine Anpassung und Weiterentwicklung
ermöglicht werden kann.

Titel der Broschüre | Titel des Kapitels

Verkehr und Mobilität
Eine große strategische Bedeutung für Berlin wird die Frage
einnehmen, wie neue Quartiere mit ihrer Umgebung verknüpft und die verkehrliche Anbindung organisiert werden.
Was heißt daher „Gartenstadt des 21. Jahrhunderts“ in Bezug
auf die verschiedenen Verkehrssysteme MIV, ÖPNV und zukünftig vermehrt auch Sharing-Systeme? Welche Standards
müssen realisiert werden, damit eine leistungsfähige Erreichbarkeit mit den verschiedenen Verkehrssystemen gewährleistet wird und das Stadtversprechen, welches bei der Gartenstadt immer mitschwingt, auch tatsächlich eingelöst
werden kann?

Typologien und Kosten des Bauens
Bei der Entwicklung neuer Wohnungsbauprojekte muss unter
dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit versucht werden, die Erstellungskosten gering zu halten. Unter Berücksichtigung der verschiedenen Zielgruppen des segmentierten Wohnungsmarktes ist zu überdenken, ob eine Rationalisierung des Bauens
sowie ein flächensparendes, kleinräumiges Wohnen verwirklicht werden können. Kann es beispielsweise mittels einer modularen und vorfabrizierten Bauweise gelingen, zugleich kostensparend und architektonisch und städtebaulich hochwertig

zu bauen? In Hinblick auf die Typologie des Bauens wird herauszuarbeiten sein, wie die Bezahlbarkeit, die Größenordnung von Strukturen sowie die Körnigkeit und das Mischungsverhältnis von Nutzungen in Einklang zu bringen sind.

Prozesse und Instrumentarium
Hinsichtlich des aktuellen Drucks auf dem Wohnungsmarkt ist
es wichtig, bei neuen Entwicklungsmaßnahmen schnell zu
Baurecht zu kommen. Dennoch gilt es, bei der Entwicklung der
Quartiere essentielle städtebauliche Qualitäten zu sichern. Es
stellt sich daher die Frage, wie auf der einen Seite Prozesse
schlank und Kosten niedrig gehalten werden können, auf der
anderen Seite aber auch Baukultur gewährleistet wird. Neben
einem noch engeren Zusammenwirken von Anbietern und
Nachfragern auf dem Wohnungsmarkt wird eine entscheidende Rolle spielen, wie das bestehende rechtliche Instrumentarium angewendet werden wird. Um die Möglichkeiten sowohl
der Finanzierungs- als auch der Steuerungsstrukturen zu verbessern, ist in diesem Zusammenhang das städtebauliche
Entwicklungsrecht in den Blick zu nehmen.

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TAG 2

Ergebnisse der Arbeitsgruppen
AG 1
Baustein der Großstadtregion (Einbettung
in das Umfeld / in die Stadtregion)
Öffentlicher Raum und (Nah-)Mobilität

Von herausgehobener Bedeutung ist der Zeitpunkt der Investitionen in verkehrliche Infrastrukturen: Da einmal etablierte Verhaltensmuster und Images nur schwerlich wieder
geändert werden können, sind die Investitionen gleich zu
Beginn zu tätigen.

Begleitung
Prof. Dr. Harald Bodenschatz und Andrea Gebhard

Für Berlin ist die Diskussion noch zu führen, ob die Tragfähigkeit der ÖPNV-Systeme gegeben ist bzw. unter Auflösung
bestehender Zielkonflikte hergestellt werden kann.

Einbindung in die Region / Verkehr und Mobilität

„Ein bedeutender Aspekt des Stadtversprechens liegt eigentlich darin, dass die Bewohner auf die Nutzung des Autos
verzichten können. Für diese ist dies jedoch oftmals undenkbar. Allenfalls kann ein Verzicht auf den Zweitwagen erwirkt
werden.“ (Joachim Sichter)

Zur Einbindung neuer Entwicklungsgebiete in ihr jeweiliges
Umfeld bedarf es überörtlicher Konzepte, Masterpläne und
regionaler Abstimmungen. Angesichts des Bevölkerungswachstums Berlins und der damit verbundenen Herausforderungen muss Planung räumlich und sektoral übergreifend
erfolgen. Insbesondere die Verkehrssysteme sind großmaßstäblich zu betrachten.
Zu unterscheiden sind Stadtmobilität und Nahmobilität. Als
Rückgrat der Anbindung der Gebiete an die Gesamtstadt ist
ein leistungsfähiger ÖPNV unabdingbar. Es sollte gewährleistet sein, dass der ÖPNV besser ausgebaut ist als der Individualverkehr oder zumindest gleiche Ausgangsbedingungen vorherrschen. In den Gebieten selber ist anzustreben,
dass ergänzende intelligente Verkehrssysteme eine Vernetzung im Inneren gewährleisten.
Beachtet werden muss, dass der Individualverkehr viel Platz
benötigt. Relevant für das Maß der Autonutzung sind Lebensstile und Mentalitäten der Bewohnergruppen und Zielgruppen der Gebiete. Im Sinne einer Reduktion des Individualverkehrs ist hierauf – soweit als möglich – Einfluss zu
nehmen. Für die Funktionsfähigkeit der öffentlichen Verkehrssysteme hingegen bedarf es bestimmter Dichten in den
Gebieten. Vor diesem Hintergrund sollte die bauliche Dichte
nicht zu niedrig angesetzt werden.
Zu unterscheiden ist eine stadtwirtschaftliche (Wunsch respektive Anspruch) und eine haushaltswirtschaftliche (Realismus) Betrachtung der Investitionen. Zu fragen ist daher,
welche tatsächlichen Möglichkeiten für markante Investitionen in neue Verkehrsinfrastrukturen gegeben sind und wo
Mittel bereits im Bestand gebunden sind. Wenn größere Verkehrsinfrastrukturen aufgrund dieser Restriktionen nicht
neu geschaffen werden können, spricht dies eher für die
Schaffung kleinerer Siedlungseinheiten.

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Innenentwicklung
Für das weitere Wachstum Berlins sollte die Innenentwicklung das Primat der Planung darstellen. Dabei sind stadtpolitisch jedoch vielfältige Widerstände zu überwinden. Angesichts der Zielkonflikte scheint diese Handlungsmaxime
derzeit nicht umsetzbar, ein weiterer diesbezüglicher Lernprozess ist vonnöten. Maßgebliche Fragestellungen in diesem Zusammenhang sind:
•	 Welche Rationalitäten sind maßgeblich?
•	 Wie können Regelungsprozesse beschleunigt werden?
•	 Können Konflikte in Politik und Stadtgesellschaft ausgehalten werden?
Vor dem Hintergrund der Stichpunkte (und ggf. auch Pole)
Innenentwicklung, Nachhaltigkeit und Investitionen in die
Verkehrsinfrastruktur ist die Frage zu beantworten, wo die
weitere Entwicklung Berlins vordringlich stattfinden sollte:
In der Elisabeth-Aue (wird in Teilen kritisch gesehen) oder
eher in Karow-Nord?

Mehrwerte
Aus den Projekten heraus sind ein Bedeutungsüberschuss
und Mehrwerte für die Umgebung zu entwickeln. Dies können bspw. neue Schulen, die das Umfeld mit versorgen oder
eine verbesserte Anbindung an großräumigere Stadtstrukturen sein. Um ggf. vorhandenen Widerständen begegnen
und auf Innenentwicklung ausgerichtete Projekte befördern
zu können, sind diese Mehrwerte der neuen Entwicklungsge-

Titel der Broschüre | Titel des Kapitels

biete herauszustellen. Der Nachweis, welche positiven und
ggf. zunächst verborgenen Effekte für das Umfeld erzielt
werden können, ist als wichtiger strategischer Zug für die
Akzeptanz der Projekte zu sehen. Zur konkreten Implementierung dieses Ansatzes ist ein „Mehrwert-Check“ zu entwickeln und anzuwenden.

Zentrum
Zur Zusammenführung der sektoralen Aspekte einer Gartenstadt bedarf es eines städtebaulichen Zentrums als Identifikationsort. Dieses Zentrum muss – bei allen Schwierigkeiten, die sich aus funktionalen und ökonomischen Aspekten
ergeben – eine qualitätsvolle architektonische Gestaltung
aufweisen. Auch durch prägnante und eine Gestik aufweisende Architektur kann ein Bedeutungsüberschuss erwirkt
werden. Gegeben sein müssen Einkaufsmöglichkeiten ebenso wie Orte und Kristallisationspunkte, an denen informelle
Treffen der Bevölkerung ermöglicht werden.
Das Zentrum liegt in der Regel an den Schnittpunkten der
Verkehrsnetze, zumeist in Richtung Innenstadt orientiert.
Eine unmittelbare Verknüpfung mit dem ÖPNV ist obligatorisch. Zu beantworten ist die Frage, ob Hauptstraßen mit
Geschäftsnutzungen als Typus eines Zentrums für die Gartenstadt fungieren können oder ob es gestalteter Plätze
bedarf. Darüber hinaus ist offen, ob ein urbaner, aber isolierter Platzraum ein Zentrum darstellen kann oder ob eine
Einbindung in die Grünstrukturen der Umgebung gegeben
sein muss.
Zur Gewährleistung der Funktionsfähigkeit und Realisierbarkeit ansprechender Zentren sind große Anstrengungen
vonnöten. Ob diese in einer zentralen Steuerung und einem
zentralen Management, in Quersubventionierungen und
der Aussprache von Mietgarantien oder in weiteren Bereichen liegen, ist individuell zu klären. Benötigt werden hingegen in jedem Fall ein langer Atem sowie die Erbringung von
Vorleistungen zur Entwicklung des Zentrums.

Freiräume
Zu unterscheiden sind drei Ebenen „grüner Freiräume“:
•	 Grün zur Einbindung in den Landschaftsraum,
•	 halböffentliches Grün,
•	 private Gärten.
Die öffentlichen Freiräume sollten Bezug nehmen auf die
umgebenden Strukturen. Ein grünes Wegenetz ist wichtig
für die Implementierung in ein überörtliches System. Der
Freiraum fungiert so als Begegnungsort zwischen alten und
neuen Strukturen.

Die Nutzung der Freiräume orientiert sich an den Lebensstilen
der (zukünftigen) Bewohner. Im Sinne einer Belebung der
Quartiere sind die Voraussetzungen dafür zu schaffen, den
öffentlichen Raum als Ersatz für private Gärten zu nutzen
(öffentliche Gärten). So sind bspw. entsprechend des Bedarfes
der Bevölkerung informelle Sportangebote im Freiraum zu
ermöglichen. Auch das halböffentliche Grün sollte nicht isoliert angelegt sein, sondern sich zum Außenraum verhalten.
Private Gärten können horizontal und vertikal angelegt sein
und sind in die architektonische Gestaltung einzubeziehen.
Die Ausgestaltung in Form von „produktiven Gärten“ trägt
zur Ansprache von Zielgruppen für die Entwicklungsgebiete
sowie zur Identifikation und Bindung der Bewohner bei.
Ebenso wie die Verkehrsinfrastrukturen oder die Angebote
mit Zentrumsfunktion sind auch die Grünstrukturen nach
Möglichkeit vorab zu entwickeln. Dazu bedarf es jedoch oftmals eines Mentalitätswechsels und der Entwicklung neuer
Finanzierungsmodelle. Zu berücksichtigen sind dabei Aufwand und Kosten für die Grünpflege sowie die Frage, welche
Trägerschaftsmodelle – auch in Bezug auf die Anwendbarkeit des Anspruches und der ursprünglichen Ideen der Gartenstadt hinsichtlich einer politischen Gemeinschaft – umgesetzt werden können.

Straßenraum
Die Gestaltung des Straßenraums ist von größter Bedeutung
für die Wahrnehmung und das Erleben des öffentlichen
Raums. Dementsprechend ist der Straßenraum als Nutzungs- und Begegnungsraum auszugestalten. Von entscheidender Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Frage,
wie viele Stellplätze im Straßenraum untergebracht und wo
diese angeordnet werden.
Bei der Beantwortung dieser Frage stoßen die Ansprüche der
Planer in vielen Fällen unvereinbar auf die Vorstellungen
seitens der Bewohner („Die Macht des Faktischen holt planerische Ansprüche ein.“). So wird die Weitergabe von Kosten
für Pkw-Stellplätze an die Bewohner derzeit oftmals gesellschaftlich nicht akzeptiert.
Grundsätzlich ist jedoch anzustreben, den Straßenraum im
Kernbereich der Quartiere von Pkw-Stellplätzen frei zu halten. Auf der Quartiersebene sind dezentrale Pkw-Abstellanlagen mit Angeboten zur Mikromobilität sowie mit Logistikkonzepten zu kombinieren. Für einen leistungsfähigen
Umweltverbund werden zudem eigene Fahrrad(schnell)
straßen benötigt.

21

Begriff Gartenstadt
Es herrscht ein „internes“ und ein „externes“ Verständnis
des Begriffes Gartenstadt vor. Oftmals sind mit dem Begriff
Konnotationen verbunden, die sich nicht aus den Zeiten der
Ursprungsidee auf die heutige Zeit übertragen lassen. So
steht ggf. die anzustrebende, notwendige Dichte der Entwicklungsgebiete im Gegensatz zu den Implikationen des
Begriffes Gartenstadt.
Zu fragen ist, welche Visionen sich innerhalb der Idee der
Gartenstadt realisieren lassen. Im diskutierten Zusammenhang wird Gartenstadt verstanden als Innenentwicklung der
Außenstadt. Die Diskussion, ob der Begriff über die Funktion
als Arbeitstitel hinaus für Berlin passend ist, muss noch geführt werden. Eine „Rechtfertigung“ des Begriffes könnte
über besondere Frei- und Grünflächen mit einem starken
Bezug zum umgebenden Raum und einer ausgeprägten
Nutzbarkeit erfolgen.

AG 2
Prozess- und städtebauliche Qualitäten
(Baukultur)
Neudefinition des Begriffes Gartenstadt
Begleitung
Reiner Nagel und Prof. Peter Zlonicky

Begriff Gartenstadt
Der Begriff Gartenstadt sollte weiterhin als Arbeitstitel verwendet werden. Er umklammert im Sinne eines übergeordneten Prinzips – auch mit Blick auf seine historische Bedeutung und seine breite öffentliche Anerkennung – die für die
Entwicklung und Ausprägung städtebaulicher Qualitäten
notwendigen Elemente: Freiraum, Bebauung, Beschäftigung, Erholung und Produktion. Die Bedeutung der Gartenstadt verweist somit weit über den Grünraum hinaus. Der
Begriff ist zudem geprägt durch einen sozialen und genossenschaftlichen Charakter einer reformorientierten Stadt,
die jeweils aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen in den
Mittelpunkt stellt. Er beinhaltet somit vielfältige qualitative
Anknüpfungspunkte, um eine Gartenstadt nicht als reines
„Retro-Modell“ anzuwenden, sondern sie mit Blick auf heutige, sich aus Zuwanderung und Wohnungsnot ergebende
Anforderungen weiterzuentwickeln. Vorsicht ist geboten vor
einer „inhaltsleeren“ Verwendung des Begriffes als rein immobilienwirtschaftliches Marketinglabel.

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Leitlinien zur Entwicklung
städtebaulicher Qualitäten
Identität des Stadtteils aufnehmen und ausprägen
Jeder neue Stadtteil braucht eine eigene Identität. Es macht
dabei keinen Sinn, neue Begrifflichkeiten und Namen zu erfinden. Vielmehr ist die bereits vorhandene Substanz als
Anknüpfungspunkt zu nutzen und in den Bezug zur Gesamtstadt einzubetten. Dies können beispielsweise Flurnamen,
ein besonderer Ort wie eine Parkanlage oder ein See, eine
bauliche Form oder auch geplante soziale Einrichtungen mit
Bedeutung über den Stadtteil hinaus sein. Von Vorteil ist in
diesem Zusammenhang ein „Gründungsnarrativ“, das es
erlaubt, mit dem neuen Stadtteil eine eigene Geschichte zu
verknüpfen. Förderlich für einen identitätsstiftenden Charakter des Stadtteils sind neben dem Namen solche Ausstattungselemente, die auch mit neu zuziehenden Bewohnern
weiterzuentwickeln sind und Raum für Partizipation und
Aneignung bieten (z.B. öffentlicher Raum, Spielflächen).

Freiraum als strukturierendes
Grundgerüst gestalten
Zur Entwicklung und Strukturierung einer attraktiven Gartenstadt ist Freiraum ein konstituierendes Element. Jede
Wohnung sollte einen unmittelbaren Bezug zu nutzbarem
Freiraum aufweisen. Der Freiraum ist hier in seiner gesamten
Bandbreite von Bedeutung: Sowohl großmaßstäblich als der
verbindende, soziale Raum der Gemeinschaft, in dem vielfältige Aktivitäten wie Bewegung, Sport etc. möglich sind, als
auch kleinmaßstäblich im direkten Zusammenhang mit dem
privaten Wohnen, beispielsweise in Form von breiten Balkonen oder Terrassen, die einen individuellen Rückzug ermöglichen. Vor dem Hintergrund eines gemischten Angebotes
unterschiedlicher Wohnungsgrößen kann Freiraum auch als
„Außenwohnraum“ verstanden werden, der den privaten
Wohnraum qualitativ erweitert (Stichwort: Kompensation
kleinerer Wohnflächen) und die Chance bietet, die verschiedenen Nutzergruppen wie Anwohner und Arbeitnehmer im
Quartier über eine rein infrastrukturelle Verbindung als Wegeführung hinaus miteinander zu verbinden.
Von Beginn an mitzudenken sind Aspekte der Kosten und
Pflege des Freiraums. Dabei ist auch die Dynamik von Natur
und Freiraum zu beachten und als Qualitätsmerkmal in die
Konzeption einzubeziehen. Ein Duplizieren des Freiraumangebotes von „Gartenstädten“ des vergangenen Jahrhunderts kann hier nicht das Ziel sein. Notwendig ist die Berücksichtigung aktueller Ansprüche der verschiedenen
Zielgruppen. Über Konzepte wie „Urban Gardening“, Kleingärten oder Mietergärten können private Zuordnungen und
damit Verbindlichkeiten für den Freiraum geschaffen wer-

Titel der Broschüre | Titel des Kapitels

den. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, was der Freiraum
über quantitative und qualitative Mindeststandards hinaus
bieten muss, um den Ort zu etwas Besonderem zu machen.

Verflechtungen mit der Stadt stärken
Eine neue Gartenstadt sollte nicht als suburbanes, abgekoppeltes System „auf der grünen Wiese“, sondern als weitergebauter Stadtbaustein im Kontext der bestehenden Bebauung („Stadt in der Stadt“) gedacht werden. Im Bereich der
verkehrlichen Infrastruktur gilt es, den Anschluss an den
ÖPNV in hoher Qualität und bereits mit Fertigstellung der
Wohnungen sicherzustellen. Spezifische Formen der Mobilität wie beispielsweise Radschnellwege sind miteinzubeziehen, um unterschiedliche potenzielle Bewohner anzusprechen. Des Weiteren kann auch über kulturelle und soziale
Einrichtungen, die einen Mehrwert über den Stadtteil hinaus entfalten, eine enge Verflechtung mit der Gesamtstadt
hergestellt werden. Die Größe des neuen Stadtteils ist dabei
der entscheidende Maßstab für ein adäquates Angebot.

Produktive Potenziale fördern
Eine neue Gartenstadt sollte, um dem Ursprung des Begriffes
gerecht zu werden, immer auch ein produktiver Stadtteil
sein. Produktiv ist hierbei in mehrerlei Hinsicht zu verstehen:
Es geht um urbane Landwirtschaft, um Gartenbau und
Selbstversorgung wie zum Beispiel um produktiv nutzbare
Dachlandschaften. Es geht jedoch auch um verschiedene Formen von Arbeit im Quartier mit Dienstleistungen, Produktion, kleinteiligem Gewerbe oder (Reparatur-)Werkstätten. Die
Herausforderung besteht darin, Gewerbe, Arbeit und Wohnen zusammen zu denken. Hierfür gibt es gute Beispiele, bei
denen es gelungen ist, einen unmittelbaren Zusammenhang
von Produktion, Arbeiten und Wohnen herzustellen.

Integrierende Quartiere entwickeln
Ein wichtiges Merkmal neuer „Gartenstädte“ sollte sein,
über „Aufnahmequalitäten“ zu verfügen, die bei ihren Bewohnern ein über das reine Wohnen hinausgehendes Zugehörigkeitsgefühl zum Stadtteil entstehen lassen (Stichwort:
Doug Sanders „Arrival City“). Dies kann über ein adäquates
Angebot an Kultur- und Bildungseinrichtungen wie Bibliotheken, Volkshochschulen, Kindergärten und vor allem
Schulen (Stichwort: Lebenslanges Lernen) als auch über soziale Einrichtungen wie z.B. interkulturelle Gärten ermöglicht werden. Hier kann das Motiv des „Campus“ einen Ansatzpunkt darstellen. Diese sozialpolitischen Komponenten
neuer Siedlungen müssen insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen massiven Zuwanderung mitgedacht
werden. Lebendige Erdgeschosszonen sollten hierfür Nutzungsmöglichkeiten bereitstellen. Ein neuer Stadtteil ist so-

mit nicht als reine Wohnstadt, sondern als Quartier mit funktionaler Mischung anzulegen. Mit Blick auf die Ermöglichung
eines lebenslangen Wohnens im Quartier sind je nach Lebensphase adäquate Wohnungsgrößen sowie die für Versorgung
und Pflege notwendigen Infrastrukturen mit zu denken.

Vielfalt des Wohnens ermöglichen
Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und
einer Pluralisierung der Gesellschaft kann ein dichtes Nebeneinander vielfältiger und vor allem auch preiswerter
Wohnungstypen in Verbindung mit einer kleinteiligen Nutzungsmischung verschiedene Nutzergruppen ansprechen
und dabei helfen, eine vielfältige Quartiersstruktur zu entwickeln. Handlungsfelder für eine gewünschte Mischung
sind zum einen die städtebauliche Struktur (von der Parzelle über das Areal bis hin zum Quartier) und zum anderen die
Eigentümerstruktur. Städtebaulich wäre eine robuste,
großflächige Grundstruktur in Verbindung mit differenzierter, kleinteiliger Körnigkeit ein verfolgenswerter Ansatz.
Monostrukturen sind in jedem Fall zu vermeiden.
Da der Bezug zum Freiraum für jede Wohnung gewährt werden soll, ist die Zahl der Vollgeschosse auf maximal sieben
zu begrenzen, da sonst ein direkter Freiraumbezug nur
schwer herstellbar ist (Stichwort: Jan Gehl „Stadt der Blickkontakte“). Modulare Bauweisen bieten hier die Chance,
auch mit geringeren Wohnflächen hohe Wohnqualitäten zu
erzeugen, u.a. indem die geringere Wohnfläche durch ein
erhöhtes Freiraumangebot ausgeglichen wird.
Zu klären bleibt die Frage, ob die Herstellung einer sozialen
Mischung über einen politisch festgelegten Schlüssel ein
Modell für eine Gartenstadt des 21. Jahrhunderts sein kann,
oder ob sich der neue Siedlungstyp ohne zu starke Reglementierung nutzungsoffener am Markt orientieren soll. Die
Qualifizierung des Standortes und die soziale Mischung
müssen hier zusammen gedacht werden. Allem voran soll
die Attraktivität des neuen Stadtteils über die angebotene
Qualität bei der ÖPNV-Anbindung, der „rechtzeitigen“ Bereitstellung des Freiraumes sowie bei vielfältigen Nutzungsangeboten und Wohnformen erzeugt werden. In diesem
Zusammenhang kann auch über eine Quersubventionierung der Angebote in den verschiedenen Preislagen nach
Münchener Vorbild nachgedacht werden.

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Bedeutungsüberschuss für die Stadt profilieren
Über besondere Einrichtungen (Bildungseinrichtung, Park
o.ä.), die über das Quartier hinaus für die Gesamtstadt einen
qualitativen Nutzen entfalten, kann ein Bedeutungsüberschuss bewirkt werden. Auch im Bereich der Energieproduktion kann sich ein neuer, klimaneutraler Stadtteil positiv auf
die Berliner Energiebilanzen auswirken. Dabei sollte jedoch die
ästhetische Komponente nicht vernachlässigt werden: Auch
die Schönheit eines neuen Stadtteils kann als Qualitätsmerkmal profiliert werden und die Stadt als Ganzes aufwerten.

Leitlinien für eine hohe Prozessqualität
Integrierte Gesamt-Projektverantwortung
durch Entwicklungsträger
Die Komplexität und Dringlichkeit der Aufgabe sowie die qualitativen Ansprüche erfordern interdisziplinäre Ansätze ebenso wie eine integrierte Gesamtverantwortung. Dies kann über
eine erfahrene und kompetente Entwicklungsträgerstruktur
sichergestellt werden, die die gesamte Entwicklungskette von
der Projektentwicklung und der Planrechtsbegleitung über
das Erschließungs- und Entwicklungsmanagement bis hin
zum Verkauf und Vertrieb verantwortet und ggf. auch Bestandshalter einbindet. Ein solches Vorgehen ist auf städtischen Flächen ohnehin möglich. Auf nicht-städtischen Flächen können über das Entwicklungsrecht städtische Flächen
gebildet und ein öffentlich verantwortlicher Projektträger, der
über alle Leistungsphasen zuständig ist, eingesetzt werden.

Besonderes Augenmerk auf die Phase Null
Die vorlaufende Phase der Projektentwicklung (Phase Null)
ist anhand einer Projektumfeld-Analyse (Akteurs-Scoping)
so detailliert wie möglich auszugestalten, um zu sondieren,
wer zu beteiligen und wie in den Prozess einzubinden ist.
Von Beginn an sollte – beispielsweise über die Auseinandersetzung mit guten Beispielen – darauf geachtet werden, ein
gemeinsames Verständnis der Planungsaufgabe zu erzeugen. Zugleich sind in dieser Phase im Rahmen einer ersten
öffentlichen Diskussion die Rahmenbedingungen des Projektes frühzeitig zu kommunizieren. Aufgrund der Vielzahl
der Rahmenbedingungen und der sehr konkreten Zielstellung ist anstelle eines offenen städtebaulichen Ideenwettbewerbs ein kooperatives Verfahren zu empfehlen, welches
über eine Mehrfachbeauftragung den Dialog befördert. Der
Städtebau sollte durch interdisziplinäre Planungsteams kooperativ und im Dialog mit den städtischen und gesellschaftlichen Akteuren erarbeitet werden. Als Arbeitsebene ist der
konkrete städtebauliche Maßstab (1:1000 – 1:500) zu wählen. Für die Honorierung von maximal fünf bis sechs Pla-

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nungsteams sind konkrete Entscheidungskriterien zu entwickeln und festzuhalten. Mit Blick auf das notwendige
Kommunikationskonzept stellt sich als Herausforderung die
Frage, wie Wohnungssuchende, die noch nicht als Nutzer
des neuen Stadtteils auftreten, in den Prozess eingebunden
werden können.

Kontinuierliche Beteiligung und Teilhabe
auf allen Ebenen
Ein Erfolgsfaktor liegt in einem offenen, mitdenkenden, ergebnisorientierten und kooperativen Planungs- und Entwicklungsprozess. Die Einbindung von nur schwer identifizierbaren Akteuren wie z.B. Wohnungssuchenden erfordert
ein besonderes Verfahren. Ein möglicher Ansatz ist die Bildung von Vertreterstrukturen wie beispielsweise Bürgerpiloten oder Zukunftslotsen, die ihre Interessen kontinuierlich
in den Prozess einbringen. Wichtig ist dabei ein iterativer
Prozess, der stetig über Rückkopplungsschleifen vertieft
wird. Ein elementarer Baustein ist zudem eine auf mehreren
Ebenen stattfindende Beteiligung – auf lokaler Ebene, auf
bezirklicher Ebene, aber – um Mehrwerte für die Gesamtstadt zu ermöglichen und um der Gefahr zu begegnen, lediglich Partikularinteressen am Standort einzubinden – auch
auf gesamtstädtischer Ebene. Zur stetigen Einbeziehung der
verschiedenen Interessen im Verlauf des Prozesses werden
kontinuierliche, öffentliche und stadtweite Standortkonferenzen in Verbindung mit kleinteiligen Multiplikatoren-Gesprächen und lokaler Information empfohlen.

Gesamte Entwicklungskette als Prozess denken
Die gesamte Entwicklungskette umfasst hierbei Planung,
Entwicklung, Erschließung, Vertrieb und das Einbinden von
Bestandshaltern. Um eine qualitätsvolle Siedlungsentwicklung zu ermöglichen, muss im Bereich der Infrastruktur (verkehrliche, technische, soziale, kulturelle und freiraumbezogene Infrastruktur) in Vorleistung gegangen werden. Dies
garantiert am ehesten ein städtischer Entwicklungsträger,
bei dem das Entwicklungs- und Erschließungsmanagement
in einer Hand liegt und der neben der Umsetzung der öffentlich-rechtlichen Anforderungen auch privatrechtliche, grundstücksbezogene Instrumente zur Qualitätssicherung nutzt.
Weiterführend sollte verstärkt über die Anwendung des Instrumentes der städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme
nachgedacht werden, um die Eigentumsfragen zu klären und
eine gute Ausgangsposition für die öffentliche Hand zu erzeugen. Für die Anlaufphase des Quartiersmanagements
sollten zur Optimierung des realisierten Ergebnisses im Betrieb Strukturen und Rücklagen geschaffen werden. Ein paralleles Monitoring erlaubt hierbei eine schrittweise Verbesserung des neuen Stadtteils.

Titel der Broschüre | Titel des Kapitels

AG 3
Urbane Programmierung (Lernen aus der
Vergangenheit)
Nachbarschaften und soziale Infrastruktur
Begleitung
Uli Hellweg und Prof. Dipl.-Ing. Christa Reicher

Infrastruktur und Zentrenbildung
Der Etablierung und Sicherung einer örtlichen Infrastruktur
wird eine essentielle Bedeutung für eine qualitative Zentrenbildung zugeschrieben. Grundlegend ist dabei die Vernetzung
von sozialen, stadt-technischen und verkehrlichen Infrastrukturen. Die Tragfähigkeit dieser Infrastruktur hängt entscheidend von der zugrunde liegenden Siedlungsstruktur sowie der
Größe der Stadt ab. Wichtig ist, dass die jeweilige Infrastruktur am richtigen Platz „installiert“ wird und somit ihre Wirkung bestmöglich entfalten kann.
Die Zentralität muss als qualitative Dimension zur Etablierung eines neuen Stadtquartiers aufgefasst werden. Neue
gewerbliche Aktivitäten sind dabei in die Zentren zu integrieren. Denkbar sind hier als neue Modelle beispielsweise sogenannte Co-Working-Spaces. Freiberufler, Kreative oder kleinere Startups arbeiten bei dieser neuen Arbeitsform meist in
größeren, offenen Räumen und können auf diese Weise Cluster bilden und voneinander profitieren.
Im Spektrum der sozialen Infrastruktur sind relevante (Fach-)
Akteure bei der Siedlungsentwicklung unmittelbar mit in die
Diskussion einzubeziehen. Wichtig ist hier, neben sozialräumlichen oder freiräumlichen Fragen auch Themen der Bildungslandschaft als ergänzendes System zu erörtern. Schulische
Zentren können als soziale Netzwerke im Raum fungieren
und eine bedeutsame Rolle im Quartier einnehmen.

Gestaltung, Programmierung und Prozess
in der Siedlungsentwicklung
Die Anforderungen an das Wohnen und die damit einhergehende Gestaltung und Programmierung eines Prozesses im
Wohnungsneubau haben sich stark verändert. Es stellt sich
die Frage, wie auf diese Veränderungen reagiert werden kann
und welche neuen Anforderungen einzuhalten sind. Wie viel
(physische) Setzung braucht ein Stadtteil? Ist eine stringente
Programmierung und ein Management für einen Stadtteil
nötig und was kann ein institutioneller Rahmen im Sinne eines Managements bewirken?
Die Anfangs- und Pionierphase bei der Gestaltung eines Prozesses ist wesentlich und trägt entscheidend zur Prägung der
Typologie bei. Wichtig ist, dass die Ausschreibung zur Quar-

tiersentwicklung bereits die angestrebte Typologie enthalten
sollte, da sie starken Einfluss auf den späteren Prozess nimmt.
Das Image eines Stadtteils wird entscheidend in der Pionierphase geprägt.
Neben der räumlichen und gestalterischen Prägung eines
Stadtteils ist es unerlässlich, die soziale Entwicklung parallel
in den Prozess einzubeziehen. Das soziale Image eines Quartiers kann gegebenenfalls mit gesteuert und frühzeitig beeinflusst werden. Die „Software“ zur Quartiersentwicklung muss
in die „Hardware“ integriert werden, um eine ganzheitliche
Struktur zu erreichen. Wichtige Faktoren einer „sozialen Programmierung“ sind etwa Jugendfreizeiteinrichtungen als
sehr beständige und nachhaltige Komponenten im Quartier.

Nachbarschaften und Gemeinschaft
Die Nachbarschaft wird als der räumliche Bezug von verschiedenen Menschen charakterisiert. Im Siedlungsbau wird die
Entwicklung von neuen und gut eingespielten Nachbarschaften als eine der zentralen Herausforderung bewertet.
Dabei stellen sich folgende Fragen:
•	 Welche Qualitäten und Kriterien müssen gut funktionierende Nachbarschaften aufweisen?
•	 Wie viel Gemeinschaft brauchen wir? Und wie viel Privatheit
ist im Umkehrschluss nötig?
•	 Wo und in welchem Kontext funktionieren Nachbarschaften
am besten und welche Kriterien sind dafür entscheidend?
•	 Wie sieht die Idealvorstellung von Nachbarschaft aus?
Nachbarschaften entwickeln sich in der Regel durch eigene
und eher schwer steuerbare Regeln. Wird allerdings einer rein
ökonomischen Maxime gefolgt und bei der Quartiersentwicklung der Fokus auf sehr homogene Zielgruppen gelegt, bedingt dies die Schaffung von „Milieu-Ghettos“. Insofern ist von
Anfang an eine Durchmischung der Quartiere anzustreben.
Nachbarschaften, die durch große Heterogenität und Durchmischung geprägt sind, übernehmen eine wichtige Funktion
für die Integration von Menschen in die Gemeinschaft. Auf der
anderen Seite bedingen sie aber auch ein gesteigertes Bedürfnis nach Sicherheit. In diesem Zusammenhang darf die Förderung von Privatheit nicht vernachlässigt werden. Diese hat
ebenso eine Daseinsberechtigung wie der öffentliche Raum
als eine von allen nutzbare Fläche. Neben vollständig privaten
Bereichen können in diesem Zusammenhang beispielsweise
halb-öffentliche Räume wichtige „Pufferfunktionen“ übernehmen und Ausgleich schaffen. Als Referenz kann hier noch
immer der Hinterhof in der gründerzeitlichen Bebauung dienen, der für die Bewohnerinnen und Bewohner viele Funktionen eines halb-öffentlichen Raumes abdeckt.

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Im öffentlichen Raum sind Möglichkeiten für Aneignungsräume und individuelle Entfaltungs- und Gestaltungsoptionen zu gewährleisten. Dabei sind kulturelle und soziale Infrastrukturen ebenso zu beachten wie das kulturelle Erbe des
Standortes. Bei der Gestaltung von Gemeinschaft sind zudem Kirchengemeinden und Sportvereine zu berücksichtigen. Diese strahlen oftmals positiv in das Quartier aus und
tragen wesentlich zur Bildung einer funktionierenden Nachbarschaft bei.
Gemeinschaft wird als ein soziales Netzwerk begriffen und
unterliegt einer radikalen, digitalen Veränderung. Netzwerkstrukturen sind stark im Wandel und werden immer dynamischer. Da auch neue Technologien eine digitale Gemeinschaft
erwirken können, sind in der Quartiersentwicklung auch die
sich aus der Nutzung der sozialen Medien ergebenden Bedingungen zu berücksichtigen.

Soziale Zielgruppen und Integration
Die soziale Mischung trägt wesentlich zur Funktionalität eines
Standortes und einer Nachbarschaft bei und macht eine Stadt
oder einen Stadtteil attraktiv und lebenswert. Das Zulassen
einer Mischung im Quartier wird als sehr wichtig und im Umkehrschluss das Verhindern von Monostrukturen durch die
öffentliche Hand als zwingend notwendig eingeschätzt.
Die Schaffung von sozialer Mischung ist somit die Voraussetzung für gut funktionierende Quartiere – insbesondere auch,
um Menschen mit Migrationshintergrund in die Gesellschaft
zu integrieren. Das Wohnumfeld spielt in diesem Zusammenhang die entscheidende Rolle, sodass beispielsweise auch die
Integration von Flüchtlingswohnungen in den Bestand als Herausforderung mit besonderer Bedeutung erachtet wird.

Gesamtstädtischer Standortbezug
Ein Konzept für neues Wohnen muss einerseits einem gesamtstädtischen Standortbezug entsprechen, andererseits
auch gleichzeitig kleinräumige Erfordernisse betrachten.
Die strategische Vernetzung der Stadt, die Berücksichtigung der verschiedenen Standortqualitäten sowie die Einbettung in das Umfeld sind entscheidende Aspekte in der
Siedlungsentwicklung.
Im Rahmen von neuen Wohnprojekten muss konsequent
über die Ränder der Stadt nachgedacht werden. Dabei sind
sämtliche Infrastrukturen mitzudenken und in die Abwägung einzubeziehen. Eine passgenaue Öffentlichkeitsarbeit, eine frühzeitige Bürgerbeteiligung sowie ein Prozess
zur Markenentwicklung der Quartiere können bei Bauvorhaben am Rand der Stadt von Anfang an zur positiven Entwicklung beitragen.

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Anforderungen an die Architektur
Im Rahmen von Neubauvorhaben sind moderne und nachhaltige Architekturkonzepte gefragt. Insbesondere sind Fragen von „Universal Design“ und Barrierefreiheit als Maßgabe
zu beachten und bei neuen Baustrukturen von Anfang an
einzuführen. Die Barrierefreiheit bedeutet dabei „mehr Komfort für alle“ und prägt die Struktur eines Quartiers positiv.
Auf die Anpassungsfähigkeit von Städtebau und Architektur ist zunehmend ein Fokus zu legen. Instrumente zur
Steuerung und Variierung von Wohnungsgrößen sind in
diesem Zusammenhang von besonderer Relevanz. Insbesondere bei Funktionsbauten (bspw. studentisches Wohnen, Wohnen für Senioren oder Wohnungsbau für Flüchtlinge) sind moderne Konzepte gefragt, die die erforderlichen
Funktionen mit einer möglichst schnellen (modularen) Anpassung der Bauten vereinen.

Institutionelle Rahmenbedingungen
Institutionelle Rahmenbedingungen bei Neubauprojekten
stellen oftmals ein Hindernis dar und verlangsamen den Prozess. Hintergrund ist hierbei, dass politische Prozesse einem
sehr kurzfristigen Zeitkorridor folgen, während planerische
Prozesse tendenziell langfristig ausgelegt sind. Wichtig erscheint es in diesem Zusammenhang, über die Anpassung
und Neuausrichtung von institutionellen Rahmenbedingungen – auch im Rahmen des Instrumentariums des Baugesetzbuches – nachzudenken.

Titel der Broschüre | Titel des Kapitels

TAG 2

Abschlussrunde
In einer Abschlussrunde mit den Experten/innen wurden die
verschiedenen diskutierten Aspekte resümiert und Handlungsansätze für die Zukunft skizziert.

Prozess
Angesichts des aktuellen Handlungsdruckes zum Bau von
Wohnraum stellt sich die Herausforderung, den Anspruch zur
systematischen und sektoral umfassenden Planung aufrecht
zu erhalten. Masterpläne und Integrierte Stadtentwicklungskonzepte bleiben auch zukünftig unverzichtbare Instrumente. Bei der Aufgabe, die Projekte sorgfältig vorzubereiten und
zugleich schnell in die Realisierung einzusteigen, können bei
den beteiligten Akteuren grundsätzlich unterschiedliche
Standpunkte ausgemacht werden.
Vermeintlich konträre Ansätze sind in diesem Zusammenhang aufzulösen, zum Beispiel:
•	 „organisatorische Aufgabe“ und „gestalterische Aufgabe“,
•	 „schnelle Reaktion“ und „langer Atem“,
•	 „notwendige Information“ und „offene Kommunikation“,
•	 „bedarfsdeckender Realismus“ und „visionäre Bilder“.

Finanzielle Ressourcen
Hinsichtlich der ökonomischen Dimension der Projekte wurde
die „Stadtwirtschaftlichkeit“ als zentraler Aspekt ausgemacht. Festzuhalten ist, dass Investitionen in die Qualität von
Wohnquartieren eine gute stadt- und regionalwirtschaftliche
Investition in die Zukunft darstellen. Im Außenbereich zu entwickelnde Quartiere erfordern höhere Investitionen in die Infrastruktur. Für diese gibt es jedoch gute Argumente, die für
die öffentliche Diskussion herauszuarbeiten sind.
Zur Senkung der originären Baukosten ist zu prüfen, inwieweit eine modulare Bauweise genutzt werden kann, um bedarfsgerecht, zügig und preiswert Wohnraum zu schaffen.

Ergebnis der Entwicklungsprozesse
Wohnungsbau ist mehr als das rein quantitative Schaffen von
Wohnraum. Integriert in die Stadtentwicklung sind auch Aspekte wie Freiraum, Bildung und Verkehr einzubeziehen. Als
Instrument der Kommunikation ist ein „Mehrwert-Check“
einzusetzen, um Bedenken gegenüber einer Entwicklung von
neuen Quartieren zu begegnen.

Einverständnis besteht, dass auch bei einem konkret bestehenden Handlungsdruck eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit qualitativen Zielen unerlässlich ist. Gute Gestaltungskonzepte sind insbesondere über eine kooperative
Stadtentwicklung und einen Dialogprozess zu erlangen.

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FAZIT
Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup
„Die Darstellungen der Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen
geben uns eine gute Grundlage, um ein Anforderungsprofil
für eine neue Stadtentwicklung in der Außenstadt zu formulieren. Jetzt stehen wir vor zwei Aufgaben: Zum einen das zu
verdichten, was wir hier gemeinsam erarbeitet haben. Zum
anderen werden wir uns der Frage widmen müssen, wie der
formulierte hohe Anspruch operationalisiert werden und
eine Umsetzung gelingen kann.
Zum Thema „Zentren“ wurden bereits Hinweise zu Dichten,
Tragfähigkeiten und Wirtschaftlichkeit gegeben. Für die
Quartiersentwicklung von erheblicher Bedeutung sind zudem
die Aspekte des Handels und der Erdgeschossnutzungen.
Die Ergebnisse der Tagung sollen als Hilfestellung für die
Arbeit der Verwaltung dienen und helfen, die strategische
Ausrichtung von Politik und Verwaltung bei der Bewältigung
des Berliner Bevölkerungswachstums zu unterstützen.

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Die Potenziale der Innenentwicklung werden in dieser Hinsicht
nicht ausreichen, es muss auch über größere Entwicklungsprojekte im Rahmen der Arrondierung und Stadterweiterung
nachgedacht werden.
Dafür muss ein Leitbild erarbeitet werden und es muss Einvernehmen bezüglich der Instrumente hergestellt werden. Ein
Ergebnis in diesem Zusammenhang ist, das Instrument der
städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme wieder gezielt einzusetzen. Zudem muss eine Wohnungsbaustrategie mit einer
Strategie für die Infrastrukturentwicklung verbunden werden.
Diese Aspekte sind vor dem Hintergrund der haushaltspolitischen Rahmenbedingungen zu diskutieren.
Wichtig ist auch, die Wohnungsbauprojekte und damit verbundenen Zielsetzungen und Ergebnisse der letzten 20 Jahre
systematisch zu untersuchen. Vor dem Hintergrund der anstehenden Debatte zur zukünftigen Organisation der Stadtentwicklung und des Wohnungsbaus ist der Austausch aller beteiligten Akteure – wie er auch mit dieser Tagung ermöglicht
wurde – von besonderer Relevanz.“

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Impressum
Herausgeber
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt
Kommunikation
Württembergische Straße 6
10707 Berlin
Fachliche Konzeption
Abt. IV, Wohnungswesen, Wohnungsneubau
Stadterneuerung, Soziale Stadt, Referat IV D
Koordination: Takis Sgouros
Begleitung, Moderation, Dokumentation und Gestaltung
büro frauns kommunikation | planung | marketing, Münster
Elke Frauns, Tilmann Backhaus
in Kooperation mit:
IMORDE Projekt- & Kulturberatung GmbH, Berlin
Ulrich Pappenberger, Martin Weghofer
Bildnachweis
Till Budde, Berlin

Berlin, Februar 2016
        
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