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Full text: Berliner „Bärwerdung“ / Rennert, Anne

Anne Rennert
Berliner „Bärwerdung“
Rodčenkos Illustrationen zu Majakovskijs Pro ėto
In Aleksandr Rodčenkos Fotomontagen zu Vladimir Majakovskijs Liebespoem von 1923 kommt die enge kulturelle Verbindung zwischen
Moskau und Berlin zum Ausdruck. Der Avantgarde-Künstler ließ sich von
George Grosz’ Aquarell-Collagen inspirieren und verwendete Ausschnitte aus Berliner Illustrierten sowie ein Lichtbild, das seine spätere Vogelperspektive vorwegnimmt. Berliner Orte wie die Villa der Stummfilm-Diva
Henny Porten und der Zoologische Garten wurden zum Schauplatz für
die russische Verserzählung. Doch auch der preußische Militarismus ist
in den Illustrationen präsent.

Für Edmund
Als der russische Künstler Aleksandr Rodčenko im März 1925 mit dem Zug von
Moskau nach Paris reiste, hatte er nur elf Stunden Aufenthalt in Berlin. In der französischen Hauptstadt sollte er an der Gestaltung des sowjetischen Pavillons auf der
Ausstellung Exposition internationale des Arts décoratifs et industriels modernes
beteiligt sein. Zeitlebens blieb dies seine einzige Auslandsreise. Aus Berlin schickte er
seiner Familie eine Postkarte vom Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor.1 Doch was
er im Einzelnen in der Stadt besichtigte, ist bisher nicht bekannt. Rodčenko berichtete
lediglich: „In Berlin war ich nur kurz, von 10 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, deshalb
habe ich nur wenig gesehen. Obwohl ich mit sehr gierigen Augen beobachtete“.2 Der
Künstler nannte kein Datum für seinen Zwischenhalt in der Reichshauptstadt, doch
lässt sich Sonnabend, der 21. März 1925 rekonstruieren.3 An diesem Tag beschäftigte
die Presse ein abendlicher „Hofball bei Zille“ mit sechs Orchestern und Gesang von
Claire Waldoff. In Anwesenheit des Malers Heinrich Zille sollte im Großen Schauspielhaus das Stück Mein Milljöh uraufgeführt werden.4 In Rodčenkos Briefen nach
———
Anne Rennert (1965), Dr. phil., Kunsthistorikerin, Berlin
Der vorliegende Beitrag ist eine erweiterte Fassung meines Aufsatzes: Rodčenko, Majakovskij und der Bärenzwinger im Zoologischen Garten Berlin, in: Wiener Slawistischer
Almanach, 68/2011, S. 148–157.
1
Krystyna Gmurzynska-Bscher u.a. (Hg.): Rodchenko and Stepanova in Paris. Ausstellungskatalog Galerie Gmurzynska. Köln 1993, 1/Abb. 15, o. Pag.
2
Brief 24. März 1925, in: V Pariže. Iz pisem domoj, in: Novyj Lef, 2/1927, S. 11.
3
Am 19. März schrieb Rodčenko aus Riga, am folgenden Tag ging es weiter nach Berlin.
Nach einem ganztägigen Aufenthalt in Köln erreichte er am 23. März Paris; ebd., S. 9 und 11.
4
Berliner Tageblatt, 54/137, 21. März 1925, o. Pag.
OSTEUROPA, 65. Jg., 11–12/2015, S. 125–140

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Anne Rennert

Hause aus Paris, die er 1927 auszugsweise in der Zeitschrift Novyj Lef veröffentlichte,
hieß es über Berlin:
Die Deutschen sind sehr eigentümlich. Man bekommt den Eindruck, als bestünden sie nur aus Zigarrenrauch. Grosz hat das Charakteristische in der
Berliner Gesellschaft sehr gut herausgestellt, sie ist wirklich so.5
Von George Grosz besaß Rodčenko eine Mappe mit Zeichnungen. Aus dem Portfolio
Im Schatten hatte er im April 1923 die Lithografie Dämmerung6 in der Zeitschrift LEF
(Abb. 1), deren Mitherausgeber er seit März war, reproduziert und sie der AquarellCollage Brillantenschieber im Café Kaiserhof7 gegenübergestellt. Grosz verband hier
erstmals Elemente der Collage mit dem Aquarell und schuf ein neues Gestaltungsprinzip, das auch auf die russische Avantgarde wirkte. Seine sozialkritischen Großstadtszenen entlarvten den moralischen Verfall der Nachkriegsjahre als Folge des
preußischen Militarismus, der ungebrochen war.

Abb. 1: Arbeiten des Konstruktivisten George Grosz, Doppelseite aus LEF, 2/1923, o.
Pag., Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Abteilung Historische
Drucke, © Estate of George Grosz, Princeton, N.J. / VG Bild-Kunst Bonn, 2015
———
5
Novyj Lef, 2/1927, S. 11.
6
Berlin: Malik Verlag 1921, Nr. 7. Die Zeichnung aus dem Jahr 1919/20 hat Grosz mit dem
Titel Ecce homo versehen; Frank Whitford (Hg.): The Berlin of George Grosz. Drawings,
watercolours and prints 1912–1930. Ausstellungskatalog Royal Academy of Arts, London.
New Haven [Conn.], London 1997, S. 113.
7
Aus der Mappe Mit Pinsel und Schere: 7 Materialisationen. Berlin: Malik Verlag 1922, S. 1.

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Rodčenko registrierte die erneute Gefahr und schrieb, sechs Wochen nach seinem
Berliner Aufenthalt, aus Paris:
Die Deutschen haben Hindenburg gewählt und die Franzosen haben Angst
bekommen; das bedeutet wieder Monarchie, wieder Militarismus, eine
Bedrohung Frankreichs [. . .]. Es ist schrecklich, „14 Millionen Ermordete“
und schon wieder 1914 . . .8

Moskva – Berlin
Seit Beginn der 1920er Jahre hatte der Moskauer Künstler über Vladimir Majakovskij
sowie über Osip und Lilja Brik, die regelmäßig nach Berlin reisten, Verbindungen in
die damalige Metropole. Als Avantgarde-Künstler und Fotograf war er hier inzwischen
bekannt und wurde 1924 in Franz Jungs Monographie Das geistige Rußland von heute
namentlich erwähnt.9 In einem bisher unveröffentlichten Brief bat Rodčenko Osip
Brik ausdrücklich, er sollte von seiner Reise nach Berlin berichten, „wie es Grosz
dort“ gehe.10
Immer wenn Majakovskij nach Moskau zurückkehrte, brachte er „Koffer voller Zeitschriften, Kataloge und Bücher“11 mit und übergab Rodčenko die Kunstpublikationen.
Auch an den Kiosken in Moskau konnte der Künstler in den 1920er Jahren Berliner
Zeitschriften wie Die Woche erstehen,12 deren Illustrationen er ausschnitt und nach
Motiven sortierte. Als er im Frühjahr 1923 auf Bitten seines Freundes das Liebespoem
Pro ėto (Das bewusste Thema) illustrierte, sollte er jene Bildausschnitte verwenden.13
Es entstanden acht Fotomontagen mit Zusatzvarianten, welche die Liebeslyrik des
Dichters kongenial verbildlichen. Majakovskij hatte das Poem in einer achtwöchigen
Trennungszeit von seiner Geliebten Lilja Brik verfasst und den widersprüchlichen
Empfindungen in Metaphern und Verwandlungen Ausdruck verliehen. Als er Lilja
Jur’evna im Sommer 1915 kennenlernte, war diese bereits seit drei Jahren mit Osip
———
8
Brief vom 4. Mai 1925, in: Varvara Rodčenko, Aleksandr Lavrent’ev (Hg.): Rodčenko: Opyty
dlja buduščego. Dnevniki, stat’i, pis’ma, zapiski. Moskva 1996, S. 152. – Hindenburg wurde
im zweiten Wahlgang am 26. April 1925 zum deutschen Reichspräsidenten gewählt (der erste
fand am 29. März statt).
9
Franz Jung: Das geistige Rußland von heute. Berlin 1924, S. 98.
10
Rossijskij Gosudarstvennyj Archiv Literatury i Iskusstva (RGALI), Moskva, Fond Osip
Maksimovič Brik, f. 2852, op. 1, ed. chr. 248. Undatierter eigenhändiger Brief Rodčenkos mit
der Ziffer 1 oben rechts, von fremder Hand hinzugefügt. Der Bogen wird gemeinsam mit einem
Brief aus Vachtan in einem am 30. August 1930 abgestempelten Umschlag aufbewahrt; Anne
Rennert: Rodčenkos Metamorphosen. Zur Dynamik der Form im fotografischen Werk. FU
Berlin, Diss., 2005, S. 242f.
11
Rabota s Majakovskim, in: Rodčenko, Opyty [Fn. 8], S. 236.
12
1929 fotografierte Rodčenko einen solchen Zeitungskiosk mit internationalem Sortiment:
Gazetnyj kiosk, Silbergelatine-Abzug, Moskau, Rodčenko-Stepanova-Archiv, in: Aleksandr
Lavrent’ev (sost.): Aleksandr Rodčenko. Fotografija – iskusstvo. K 115-letiju so dnja
roždenija Aleksandra Michajloviča Rodčenko. Moskva 2006, S. 309.
13
Bisher belegt werden konnten Likörflaschen der Oppacher Firma E.L. Kempe & Co und der
schlesischen St.-Barbara A.G. sowie die Dicke Berta, jenes schwere, von Krupp konstruierte
Geschütz, das im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam; Anne Rennert: Rodčenkos Metamorphosen. Zur Dynamik der Form im fotografischen Werk. München 2008, S. 85 und 119f.

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Anne Rennert

Brik verheiratet. In Majakovskijs Verserzählung Pro ėto durchläuft das lyrische Ich
als Folge der Eifersucht eine Zoomorphose, in der es sich in einen Bären verwandelt:
Noch gestern ein Mensch,
bin ich im Handumdrehn,
Eckzähne vorstoßend,
zum Raubtier geworden.
Mein Hemd ward zum Haarkleid,
die Zotten gesträhnt.
Auch du strebst dorthin!?
Liegst dem Draht in den Ohren?!
Kein Waldbär, ein Eisbär.
Will heimkehrn zum Eismeer.14

Вчера человек –
единым махом
клыками свой размедведил вид я!
Косматый.
Шерстью свисает рубаха.
Тоже туда ж!?
В телефоны бабахать!?
К своим пошел!
В моря ледовитые!

Rodčenko hat diese Mutation in der dritten Fotomontage zu den Versen Ich halt mir
die Ohren zu, – / wiewohl das nichts nützen wird. / Und ich hör meine Stimme / aus
seinem Mund visualisiert (Abb. 2).
Aus Verzweiflung über die Trennung von seiner Geliebten droht sich der Poet in die
Neva zu stürzen. Der Künstler montierte Majakovskij mit Spazierstock aus einem Foto
von Abram Šterenberg rechts oben auf eine eiserne Brückenkonstruktion. Darunter
hockt der Dichter ein weiteres Mal, von Bären umgeben, im arktischen Eis. Eine Keilform und mit Tusche gezeichnete Fachwerkträger führen „konstruktivistisch“ in die
Tiefe.
Hier hält sich Majakovskij die Ohren zu, um den Hilferuf seines anderen, selbstmörderischen Ichs nicht hören zu müssen und fleht:
Verlass mich nicht, halt ein!
bleib stehen! Wladimir!
Was vereiteltest du damals
den erlösenden Sprung?
Wärs nicht besser,
am Pfeilerrand wär mein Herz
zerschellt?15

Владимир!
Остановись!
Не покинь!
Зачем ты тогда не позволил мне
броситься?
С размаху сердце разбить о быки?

Als Eisbär vermag sich der Dichter vor der „Newa-Tiefe“ auf ein „Kissenfloß“ zu
retten und paddelt mit der Tatze weiter ins „Grön- / Lapp- / Liebe-Land?“.16

———
14
Vladimir Majakovskij: Pro ėto / It / Das bewusste Thema. Original-Fotomontagen Alexander
Rodtschenkos. Übersetzt von Hugo Huppert. Berlin 1994, S. 109. Russ. Fassung, ebd., S. 12.
15
Ebd., S. 113.
16
Ebd., S. 114ff.; Russischer Originaltext: „Gren / lap / ljub-landija?“, ebd., S. 18.

Berliner „Bärwerdung“

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Abb. 2: Seite aus: Majakovskij: Pro ėto. Moskva, Petrograd. Staatsverlag, 1923, Teil I,
o. Pag., Illustration v. Aleksandr Rodčenko, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer
Kulturbesitz, Abteilung Historische Drucke, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

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Anne Rennert

Zu dieser dritten Fotomontage hat Rodčenko noch eine Variante (Abb. 3) angefertigt,
die Majakovskij vor einem Wolkenkratzer in die Schräge kippt. Hier werden dem
suizidalen Dichter weitere Tiergestalten und eine moderne Militärtechnik zugeordnet.
Während von unten eine Kanone auf Schienen emporragt, die von einem drehbaren
Geschütz zu Wasser flankiert wird, fährt oben links ein „amerikanischer Raupenschlepper“ ins Bild hinein. Dieses Foto wurde im Mai 1922 „seitenverkehrt“ in der
Zeitschrift Die Woche abgedruckt, die im Kommentar darauf hinwies, wie „leicht“
das neue Gefährt „in einen Kriegswagen zu verwandeln“ sei (Abb. 4). Ein Eisbär
beschnuppert den weitgereisten Dichter, der mit Mütze und Spazierstock auf einem
Kissen wie auf einer „Eisscholle“ landet, als er vom Hochhaus ins Meer stürzt. Aus
den Wellen des Eismeeres taucht ein weiterer weißer Bär auf, der ihn zu beobachten
scheint. Unten links dringen Polarforscher in entlegene arktische Regionen vor. Und
ein dritter, neugieriger Eisbär wurde in einen Bilderrahmen gesetzt, von wo aus er
sehnsüchtig zu den warmen Sofakissen hinunterschaut.

Abb. 3: Aleksandr Rodčenko: Variante
der Fotomontage zu den Versen Ich halt
mir die Ohren zu [. . .], Pro ėto, Teil I,
Papier auf Karton, Collage, 35,2 x 22 cm;
Staatliches Majakovskij-Museum, Moskau; Quelle: Majakovskij, Pro ėto [Fn.
14], S. 159, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Abb. 4: Seite aus: Die Woche: Moderne
illustrierte Zeitschrift, Jg. 24, Nr. 18, 6.
Mai 1922, S. 440; Staatsbibliothek zu
Berlin – Preußischer Kulturbesitz,
Abteilung Historische Drucke

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Abb. 5: Porträtfoto von Henny Porten, Postkarte vor 1905; Archiv der Autorin

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Berlin-Dahlem
Diese Kissen gehörten der berühmten Filmschauspielerin Henny Porten (Abb. 5), die
im Frühjahr 1922 mit ihrem Ehemann Wilhelm von Kaufmann eine Villa in BerlinDahlem bezogen hatte. Die illustrierte Modezeitschrift Die Dame berichtete Ende
April ausführlich über das mondäne „Heim“ in der Parkstraße und bildete auch Portens
privates Schlafgemach ab.17 Aus diesem Heft entnahm Rodčenko die „Ecke aus dem
Schlafzimmer“ (Abb. 6) und überklebte das Gemälde von Ludwig Kainer. Dessen
nackte Figurengruppe unter einem Baum, die an Paul Gauguins Südseebilder erinnert,
wurde durch einen Polarbären in arktischer See ersetzt (Abb. 7). Mit diesem Detail
spielte Rodčenko auch auf die metaphorische Reihe aus Majakovskijs Verserzählung
an: „Als Eisbär erstieg ich die weißeste Scholle. / Bin auf weißem Kissen übers Wasser
geglitten.“18 Henny Portens weiße Möbel im Neorokoko-Stil samt Decken und Vorhängen bildeten eine geeignete Kulisse für die erdichtete Welt aus Schnee und Eis.
Als „Repoussoirfigur“ setzte Rodčenko einen Pfeife rauchenden Chinesen vor das
Pressefoto von Waldemar Titzenthaler. Portens Ehebett fand Eingang in die Druckausgabe von Pro ėto, wo es die Verse Sie – im Bett. / Sie liegt, gelassen. / Er . . . / Ein
Telefon auf dem Tisch (Abb. 8) illustriert. Der Künstler schnitt das verzierte Möbel
samt Nachttisch aus einem weiteren Foto Titzenthalers (Abb. 9) heraus und montierte
Lilja Brik auf die weißen Kissen. Majakovskijs modische Geliebte steht nun mit Pumps
und Topfhut auf dem Dahlemer Bett, die Hände lässig in den Hosentaschen. Darunter
erscheint sie abermals als liegende Muse, die sich verdoppelt hat, auf dem Kanapee.

Abb. 6: Fotografie aus: Die Dame, Jg. 49,
Abb. 7 Detail aus Abb. 3, Quelle: Majakovskij,
Heft 14, 1922, S. 6; Staatliche Museen zu
Pro ėto [Fn. 14], S. 159; © VG Bild-Kunst,
Berlin, Kunstbibliothek
Bonn 2015
———
17
Henny Porten in ihrem Heim, in: Die Dame, 14/1922, S. 5–7.
18
Majakovskij, Pro ėto [Fn. 14], S. 111.

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Abb. 8: Seite aus: Majakovskij, Pro ėto. Moskau, Petrograd: Staatsverlag, 1923, Teil I, o. Pag.,
Illustration von Aleksandr Rodčenko; Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz,
Abteilung Historische Drucke, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

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Abb. 9: Fotografie aus: Die Dame, Jg. 49, Heft 14, 1922, S. 6; Staatliche Museen zu
Berlin, Kunstbibliothek

Berlin-Tiergarten
Die Verserzählung Pro ėto kulminiert in einem Tiergarten, welcher Majakovskijs
Liebe künftige Auferstehung und Erlösung verheißt. Rodčenko illustrierte diese letzte
Fotomontage zu den Versen . . . (denn auch sie liebte Tiere) / sie die Wege betritt im
Gehege (Abb. 10) mit fotografischen Fragmenten, die als Bauten des Zoologischen
Gartens in Berlin identifiziert werden können. Im Zentrum der Collage verwandte er
den Ausschnitt eines Zeitungsfotos von der Elefantenpagode, die 1873 im indischen
Stil errichtet worden war.19 Vor das Dickhäuterhaus montierte der Künstler eine indische Leopardenjagd, flankiert vom Lama und einem Papagei, dem er die langen
Schwanzfedern stutzte. Drei Löwenbabys sind Lilja Brik zugeordnet, die in Šterenbergs Porträt den Betrachter direkt fixiert. Hinter ihren Kopf und die linke Schulter
klebte Rodčenko das Foto des Bärenzwingers aus dem Berliner Zoo.
Diese „Neue Bärenburg“ war eine massive Festung für das Wappentier der Stadt, die
in der Hauptachse des damaligen Eingangs lag und 1968 abgerissen wurde. An ihrer
Stelle befindet sich heute das Tigergehege. Als dritter Bau für verschiedene Bärenarten
war das historistische Tierhaus 1870 im Stil der italienischen Festungsarchitektur des
15. Jahrhunderts errichtet worden. Einige Klinker des Rundbogens sind in der oberen
rechten Bildecke deutlich zu erkennen. Das Foto zeigt eine Innenansicht des zentralen
Mittelkäfigs, in dem ein Eisbär am Gitter entlang läuft. Vor den Stäben reihen sich die
———
19
Hans-Georg Klös, Ursula Klös (Hg.): Der Berliner Zoo im Spiegel seiner Bauten. 1841–
1989. Eine baugeschichtliche und denkmalpflegerische Dokumentation über den Zoologischen Garten Berlin. Berlin 21990, S. 70–73.

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Abb. 10: Seite aus: Majakovskij, Pro ėto. Moskau, Petrograd: Staatsverlag, 1923, Teil III,
o. Pag., Illustration von Aleksandr Rodčenko; Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer
Kulturbesitz, Abteilung Historische Drucke, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

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Abb. 11: Zoologischer Garten, Berlin, Bärenzwinger, Postkarte um 1930; Archiv der Autorin

Abb. 12: Bärenzwinger im Zoo Berlin, aus: Atlas zur Zeitschrift für Bauwesen,
25/1875, Blatt 41; Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin
Kinder einer Schulklasse dicht aneinander. In Begleitung des strengen preußischen
Lehrers mit Hut und Stock halten sie sich artig am Geländer fest. Über eine Treppe an
der Rückseite des Zwingers konnte man auf eine Plattform gelangen und die Tiere
von oben beobachten (Abb. 12). Von dieser erhöhten Position über den Käfigen wurde

Berliner „Bärwerdung“

137

die Schwarzweißfotografie aus Pro ėto aufgenommen. Rodčenko wählte mithin nicht
die traditionelle, noch in den 1930er Jahren übliche Postkarten-Ansicht (Abb. 11),
welche die Front nach Nordost abbildete. Der Künstler, der erst im Winter 1923/24
selbst zu fotografieren begann, verwandte hier bereits ein Lichtbild, das seinen späteren
Blickwinkel „von oben nach unten“ (sverchu vniz)20 antizipiert. Nicht erst der Aufenthalt 1925 in Paris, wo er eine Luftaufnahme der Stadt erwarb, sollte sein Interesse an
der Vogelschau wecken.21 Die Überwindung der herkömmlichen Perspektive des
„Bauchnabels“ (s pupa)22 setzte bereits mit der Berliner Aufnahme ein.
Im Innern der Burg konnten auch die Bären auf dem ansteigenden Felsen und an
Baumstämmen hochklettern. Eine historische Postkarte aus der Serie Berliner Typen
(Abb. 13) zeigt den entlaubten Baum in der Stallung für den „Syrischen Bären“. Noch
interessanter als die verspielt kämpfenden Raubtiere erschienen dem anonymen Fotografen jedoch die Besucher mit ihren Sommerhüten. Der Schriftsteller und Begründer
des russischen Formalismus Viktor Šklovskij, der den Berliner Tiergarten im Exil
häufig aufsuchte, schrieb in seinem Briefroman Zoo oder Briefe nicht über die Liebe
(Abb. 14) über das Gehege: „Oh, Garten! [. . .] Wo die Bären behend hochklettern
und hinunterblicken, in Erwartung der Anweisungen des Wärters.“23 Seine Zeilen vom
Frühjahr 1923 waren an die Schwester Lilja Briks, Elsa Triolet, adressiert, die seine
Zuneigung indes nicht erwiderte.

Berlin – Moskva
Im bildlichen Kontext der Collage wird jener einsame Eisbär zum Symbol für Majakovskij und dessen „Bärwerdung“ (razmedvežen’e).24 Die Innenansicht des Käfigs
kehrt die Betrachterperspektive um, sodass das Raubtier neugierig die Besucher hinter
den Gitterstäben zu beobachten scheint. Über das Bassin, in dem die anderen Bären
schwimmen konnten, wie eine Fotografie von Hans G. Casparius dokumentiert,25 klebte
Rodčenko eine Löwin, die den Käfig bewacht. Majakovskij hatte wie die zahlreichen
russischen Emigranten den Berliner Zoo persönlich besucht, in dem es zu dieser Zeit
einen russischen Musik-Pavillon (Abb. 15) gab. Er fotografierte hier seine Freundin
Lilja vor einem Marabu26 und erwähnte diese Aufnahme ausdrücklich in Pro ėto:
Vielleicht,
Может
vielleicht,
может быть
dass irgendeinmal,
когда-нибудь
in einer Tiergarten-Allee
дорожкой зоологических аллей
(denn auch sie liebte Tiere)
и она – она зверей любила
———
20
Aleksandr Rodčenko: Puti sovremennoj fotografii, in: Novyj Lef, 9/1928, S. 31–39, hier S. 39.
21
Steve Yates, Nancy Foley (Hg.): Alexander Rodchenko. Abangoardiako argazkigintzea,
fotomontaketea eta zinemagintzea. Ausstellungskatalog Fundación Bilbao Bizkaia Kutxa.
Bilbao 2003, S. 220 und 223.
22
Aleksandr Rodčenko: Krupnaja bezgramotnost’ ili melkaja gadost’, in: Novyj Lef, 6/1928,
S. 42–46, hier S. 43.
23
Viktor Šklovskij: Zoo oder Briefe nicht über die Liebe. Aus dem Russischen von Alexander
Kaempfe. Frankfurt/Main 1980, S. 11–12.
24
Majakovskij, Pro ėto [Fn. 14], S. 12.
25
Zoologischer Garten Berlin, Eisbären, Silbergelatine-Abzug, um 1930. Landesarchiv Berlin.
Auch Friedrich Seidenstücker und Roman Vishniac fotografierten den Eisbärkäfig um 1930
von der Plattform aus.
26
Bengt Jangfeldt (sost.): Ljubov’ ėto serdce vsego. V.V. Majakovskij i L.Ju. Brik, perepiska
1915–1930. Moskva 1991, Abb. 16.

138
sie die Wege betritt im Gehege
und lächelt, genau so,
wie ich sie auf dem Foto im
Tischfach seh.
Sie ist schön.
Sie lässt man sicher auferstehn.27

Anne Rennert
– тоже ступить в сад
улыбаясь
вот такая
как на карточке в столе.
Она красивая –
ее наверно воскресять.

Doch anders als in den von Rodčenko illustrierten Versen, welche die „Erlöserin
Liebe“ (spasitel’ ljubov’) topografisch mit dem Zoo verknüpften,28 fand der Dichter
im realen Leben keine Erlösung. Vladimir Majakovskij erschoss sich am 14. April
1930 aus Enttäuschung über die Liebe und die Politik, wie es in seinem Abschiedsbrief hieß.29 Sein Leichnam wurde vom Lubjanskij proezd in die Wohnung der Briks
in die Gendrikov-Gasse gebracht, dort gebettet und von Rodčenko fotografiert.
Siebzehn Jahre später nahm der Künstler mehrfach einen Eisbären im Moskauer Zoo
auf. Dieser 1864 eröffnete Tierpark war der älteste Zoo Russlands. Nach der Erweiterung des Geländes 1926 wurde das neue Bärengehege auf der Titelseite der Berliner
Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (Abb. 16) abgebildet und der Zoo als „kulturelle Leistung
der Sowjet-Union“ herausgestellt. Das russische Symboltier badet jedoch nicht allein
in seinem Revier, sondern bildet ein „Bärenkollektiv“. Rodčenkos Foto (Abb. 17) von
1947 zeigt einen einzelnen kräftigen Bären von oben, der mit Kopf und Pfoten aus
dem dunklen Wasser auftaucht. Der querformatige Ausschnitt hat ihn aus dem architektonischen Kontext herausgelöst. In der Weite des Wassers ist das Zootier dezentriert
und nichts deutet mehr auf seine Gefangenschaft hin. Das Foto könnte auch in der
arktischen Wildnis aufgenommen worden sein.

Abb. 13: Berliner Typen. Vor dem Bärenzwinger im Zoologischen Garten, Postkarte nach 1905
———
27
Majakovskij, Pro ėto [Fn. 14], S. 147. Die russ. Fassung, ebd., S. 42.
28
Ebd., S. 16 u. 42f. Zum Tierpark als Reservat der Liebe Johannes Holthusen: Tiergestalten
und metamorphe Erscheinungen in der Literatur des russischen Avantgarde (1909–1923).
München 1974, S. 55ff.
29
Nyota Thun: „Ich – so groß und so überflüssig“. Wladimir Majakowski. Leben und Werk.
Düsseldorf 2000, S. 340.

Abb. 14 Viktor Šklovskij, Zoo ili pis’ma ne o ljubvi. Berlin: Helikon, 1923, Umschlag von El
Lisickij, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Abteilung Historische Drucke

Abb. 15 Russischer Musik-Pavillon im Zoologischen Garten Berlin, Postkarte, gelaufen 1904,
Archiv der Autorin

Berliner "Bärwerdung"

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Abb. 16: Arbeiter-Illustrierte-Zeitung, Jg. 5, Nr. 24, 1926, Titelseite; Staatsbibliothek
zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Abteilung Historische Drucke

140

Anne Rennert

Wie eine Hommage an den Dichterfreund wirkt dieses Tierbild, das Majakovskij
postum aus seinem irdischen Gefängnis befreit – eine Hommage auch an die weit zurückliegenden Jahre einer sehr fruchtbaren Zusammenarbeit. Über diese Kongenialität
von Wort- und Bild-Kunst urteilte der russische Linguist Roman Jakobson, der im
Exil den Prager Strukturalismus prägte, retrospektiv: „wie er [i.e. Rodčenko] Pro ėto,
die Semantik von Pro ėto verstanden hat, ist erstaunlich“.30
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb der Berliner Blickwinkel „von oben nach
unten“ in Rodčenkos Fotografie präsent. Seine Enttäuschung über die Barbarei der
von ihm geschätzten Kulturnation war indes groß. Während der deutschen Luftangriffe
auf Moskau hatte er mehrmals aufs Dach seines achtstöckigen Wohnhauses steigen
müssen und Brandbomben heruntergeworfen. Im Tagebuch von 1943 notierte er: „Die
Deutschen brandschatzen und zerstören fortwährend, es ist das Jahrhundert führender
Technik und Wissenschaft . . .“31 Grosz hatte Deutschland inzwischen verlassen, auch
Ludwig Kainer war 1933 nach Paris emigriert. Henny Porten musste 1935 aus ihrem
luxuriösen Haus ausziehen und die Wohnung mehrfach wechseln, da sie sich weigerte, ihren jüdischen Mann zu verlassen. Lilja Brik, die fließend Deutsch sprach, überstand den Antisemitismus der Stalinzeit, schied aber 1978 freiwillig aus dem Leben.
Rodčenkos Kunst der Fotomontage, insbesondere seine Illustration von Pro ėto, bleibt
jedoch ein beeindruckendes Dokument der engen kulturellen Verbindung zwischen
Ost und West.

Abb. 17: Aleksandr Rodčenko, Eisbär, Silbergelatine-Abzug, 1947; Privatsammlung,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2015
———
30
Roman Jakobson: Budetljanin nauki [1977], in: Bengt Jangfeldt (sost.): Jakobson-budetljanin.
Sbornik materialov. Stockholm 1992, S. 26.
31
„Vse nemcy žgut i uničtožajut, vek peredovoj techniki i nauki . . . “, Notiz vom 6. April 1943,
in: Rodčenko, Opyty [Fn. 8], S. 338.
        
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