Abgeordnetenhaus von Berlin - 11. Wahlperiode
32. Sitzung vom 31. Mai 1990
1648
(A) Stellv. Präsidentin Frohnert eröffnet die Sitzung um 13.03 Uhr.
Stellv. Präsidentin Frohnert: Meine Damen und Herren!
Ich eröffne die 32. Sitzung des Abgeordnetenhauses von Berlin
und begrüße Sie herzlich.
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Ich darf Sie bitten, über eine Veränderung in den
Ausschußüberweisungen zu entscheiden. Der Antrag
der Fraktion der REP über Hausbesetzung in der Marchstraße
23, Drucksache 11/392, war allein an den Ausschuß für Inneres,
Sicherheit und Ordnung überwiesen worden. Dieser Ausschuß
hat sich jetzt nach Beratung in der Sache für unzuständig erklärt.
Die hinter diesem Antrag stehenden Probleme seien überwiegend
sozialer Art. Im Einvernehmen mit dem Ältestenrat möchte
ich Ihnen deshalb vorschlagen, diesen Antrag nunmehr an den
Ausschuß für Gesundheit und Soziales - federführend - und an
den Ausschuß für Wissenschaft und Forschung zu überweisen.
Darf ich dazu Ihr Einverständnis feststellen? - Danke, das ist so
beschlossen.
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Ferner habe ich darauf hinzuweisen, daß zeitgleich drei
Anträge auf Durchführung einer Aktuellen
Stunde eingegangen sind, und zwar:
1. Antrag der Fraktion der CDU zum Theme „Der Senat
gefährdet durch seine Politik, insbesondere durch die beabsichtigten
Stelleneinsparungen bei der Polizei, die innere Sicherheit“,
2. Antrag der Fraktion der SPD und der Fraktion der AL zum
Thema: „Auswirkungen des Staatsvertrages auf den Berliner
Landeshaushalt“,
3. Antrag der Fraktion der REP zum Thema; „Drohender Wegfall
der Berlinförderung“.
Im Ältestenrat konnte kein Einvernehmen darüber erzielt werden,
(B) welches Thema heute behandelt werden soll, so daß vom Plenum
eine Entscheidung getroffen werden muß. Zuvor haben die
Fraktionen Gelegenheit, zur Aktualität der beantragten Aktuellen
Stunden Stellung zu nehmen, und zwar bis zu fünf Minuten. -
Das Wort hat der Kollege Landowsky.
Landowsky (CDU): Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren
I Das, was aktuell und dringlich ist, wird traditionell hier im
Haus unterschiedlich beurteilt.
[Dr. Niklas (SPD): Nicht durchweg!]
Die SPD-Fraktion beantragt eine Aktuelle Stunde zu dem
Thema: „Auswirkungen des Staatsvertrages auf den Berliner
Landeshaushalt“. Sie will also letztlich das Thema der Kosten
der Einheit diskutieren, ich muß feststellen: So fragen eigentlich
nur Neider im Lafontaineschen Sinn, und das bei einem Landeshaushalt,
der zu über 50 % aus dem Bundeshaushalt gespeist
wird.
[Beifall bei der CDU - Unruhe bei der SPD]
Das wäre dringlich, wenn es heute um eine Haushaltsberatung
ginge, es ist aber sicherlich nicht dringlich in bezug auf die
Sache und die anstehenden Problemlösungen.
[Zurufe von der SPD und der AL: Nein, nein!]
- Wir werden den Haushaltsplan im Dezember beschließen, und
dann werden wir mit ihnen darüber diskutieren.
Nur eines sage ich Ihnen: Wir haben beantragt, daß der Senat
im Bundesrat den Staatsvertrag unterstützen soll. Ich hoffe, daß
beide Koalitionsfraktionen dazu in der Lage sind. - Herr Dr.
Köppl hat soeben in einem Radiointerview gesagt, daß er für die
Ablehnung des Staatsvertrages sei. Werden Sie sich zunächst
einmal einig, dann können Sie in diesem Parlament auch als
Koalition diskutieren.
Was aber die Leute draußen interessiert, daß ist ihre Sicherheit,
[Beifall bei der CDU]
ihre Sicherheit auf den Straßen, in der Innenstadt, in den
U-Bahnhöfen, in den S-Bahnhöfen. Die älteren Menschen interessiert
das, auch die jüngeren und die Familien.
[Frau Künast (AL); Erzählen Sie jetzt wieder,
daß die Busse dreckig sind?]
Jeden Tag lesen sie Berichte über Jugendbanden in der Stadt,
die die Jugendlichen und die Familien in der Innenstadt und vor
den Jugendheimen verängstigen. Sie sind sogar schon so weit
verängstigt - das ist ganz aktuell, da können Sie nicht abwiegeln
-, daß sie sich nicht einmal mehr trauen, sich an die Polizei
zu wenden. In einer derartigen Situation geht der Senat von Berlin
her und will 220 Polizeibeamtenstellen abbauen. Das ist
gegen das Interesse der Bevölkerung, gegen den Widerstand
der Polizeigewerkschaften und natürlich auch gegen unseren
Widerstand.
Was wir brauchen, ist notfalls ein Mehr an Polizei, um die Bürger
schützen zu können, und zwar Polizei vor den Schulen, vor
den Jugendheimen, im öffentlichen Nahverkehr, in der Innenstadt.
[Beifall bei der CDU - Dr. Niklas (SPD):
Reden Sie zur Aktualität!]
Daß Sie dieser aktuellen Frage - gestern gab es die dritte Folge
in einer Morgenzeitung allein über das Problem der ausländischen
Jugendbanden - heute aus dem Weg gehen wollen, das
demaskiert Sie wirklich, meine Damen und Herren von der Koalition!
[Beifall bei der CDU]
Stellv. Präsidentin Frohnert: Das Wort hat der Kollege Dr.
Staffelt.
Dr. Staffelt (SPD); Frau Präsidentin I Meine sehr verehrten
Damen und Herren! Wir haben als Regierungsfraktionen in der
Vergangenheit mehrfach in Abwägung der Interessen verschiedener
Fraktionen innerhalb dieses Parlaments eine Zurücknahme
unserer Vorschläge anheimgestellt. Wir sehen uns heute
dazu wirklich nicht in der Lage. .
Werter Herr Landowsky, es geht mit dem Staatsvertrag um
existenzielle Fragen unserer Stadt Berlin.
[Beifall bei der SPD]
Es besteht die dringende Notwendigkeit, daß dieses Parlament
mit seiner Diskussion dem Senat deutlich macht, wie es zu
diesem Staatsvertrag und möglichen Nachbesserungen steht,
damit die Position des Abgeordnetenhauses von Berlin in die
Beratungen des Bundesrates und auch des Deutschen Bundestages
einbezogen werden kann.
Herr Landowsky, die Probleme subjektiven Sicherheitsempfindens
sind wichtig: aber die soziale Unsicherheit der Menschen
in dieser konkreten Situation unserer Stadt ist sehr viel
höher zu bewerten. Sie gehört in die politische Diskussion.
[Beifall bei der SPD und der AL]
Sie haben anläßlich der Landesbezirkstagung der Polizeigewerkschaft
bereits Ihre Angstnummer abgelassen.
[Gelächter bei der CDU]
Wenn Sie - insbesondere gegenüber jungen Leuten - vorschlagen,
Probleme der Sicherheit allein mit mehr Polizei lösen zu wollen,
sind Sie auf dem Holzweg. Sie tun der Polizei keinen guten
D' enSt ' [Beifall bei der SPD und der AL]
Wir sind der Auffassung, daß es heute gilt, den wichtigen Vertrag
zu diskutieren, der bekanntermaßen im nächsten Monat
beraten und verabschiedet werden soll und der über die Zukunft
unserer Stadt ganz wesentlich entscheiden wird.
[Adler (CDU): Haben Sie bei Lafontaine gefragt,
ob Sie das sagen dürfen?]
Das ist unsere allererste Aufgabe als Parlamentarier in dieser
Stadt [Beifall bei der SPD und der AL]
Stellv. Präsidentin Frohnert: Als nächster Redner für die
Alternative Liste Herr Dr. Köppl!