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Volume Nr. 7, 25. Mai 1989

Full text: Plenarprotokoll (Public Domain) Issue1989, 11. Wahlperiode, 1.-16. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus von Berlin - 11. Wahlperiode 
7. Sitzung vom 25. Mai 1989 
245 
Frau Greve 
(A) zum Beispiel Ihre Aufforderung an Frau Dr. Martiny, sie möge ihre 
Hausaufgaben machen, fand ich etwas übertrieben. 
[Beifall bei der SPD und der AL - Schütze (CDU): 
Das war ein bißchen platt, Frau Grevel] 
Aber lassen Sie mich nun zu der Großen Anfrage auch für 
meine Fraktion etwas sagen. Frau Senatorin Dr. Martiny hat in 
ihrer Antwort auf die Große Anfrage der CDU-Fraktion deutlich 
gemacht, daß der neue Senat nicht die Absicht hat, das Deut 
sche Historische Museum dem Grund nach in Frage zu stellen. 
Auch der Inhalt des Koalitionspapiers läßt eine derartige Deu 
tung nicht zu. Die von Ihnen geäußerte Sorge, mit der anstehen 
den Überprüfung des vorliegenden Konzepts könnte der Baube 
ginn verschoben werden, mag nicht unbegründet sein, schuld 
daran aber hat weder der rot-grüne Senat, noch besteht die vor 
gebliche Rücksichtnahme auf den kleineren Koalitionspartner, 
die Sie uns unterstellen möchten. Schuld an einer solchen Ver 
zögerung - wenn sie denn eintritt - hat ausschließlich der abge 
wählte Senat, 
[Beifall bei der SPD und der AL - 
Widerspruch bei der CDU - Zurufe von den REP] 
der ein Konzept für das Deutsche Historische Museum hinterlas 
sen hat, das in fast allen wichtigen Fragen unfertige Lösungen 
präsentiert, 
[Dr. Krähe (CDU): Worüber reden Sie eigentlich?] 
- Warten Sie es doch ab! Ich bin noch nicht fertig, ich habe 
gerade erst angefangen. - Lösungen, die allesamt von herausra 
genden Experten und Politikern entwickelt, diskutiert und 
beschlossen worden sind, aber - leider - ohne weite Kreise der 
Bevölkerung nach ihrer Meinung zu fragen und am Entwicklungs 
prozeß zu beteiligen. 
[Beifall bei der SPD und der AL] 
Das sollte nachgeholt werden. Es wäre daher außerordentlich 
(B) 
nützlich, wenn die bisher erworbenenn Objekte für das Deutsche 
Historische Museum ausgestellt würden, damit sich die Berline 
rinnen und Berliner ein eigenes Bild von dem Vorhaben machen 
können. Ich bin überzeugt davon, daß das sicher auch ein guter 
Anlaß für viele Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt wäre, in eine 
lebhafte Diskussion zu diesem Geschenk eines Deutschen 
Historischen Museums einzutreten. 
Der jetzige Senat hat nicht die Absicht, Gelder aus Bonn nur 
ausschließlich und deshalb anzunehmen, weil sie zusätzliche 
Bauinvestitionen - so wichtig diese auch sind - ermöglichen. In 
einer Zeit knapper Ressourcen und schwieriger Probleme beim 
Wohnungsbau, der Stadtentwicklung, dem Umweltschutz und 
der aktiven Beschäftigungspolitik darf sich ein solches Objekt 
nicht ausschließlich mit dem finanziellen Zufluß rechtfertigen; zu 
sätzlich muß es sich aus sich selbst heraus mit einem überzeu 
genden und einleuchtenden Konzept begründen. 
[Beifall bei der SPD und der AL] 
Wie soll sonst wohl dem jungen Ehepaar, das seit Jahren ver 
geblich eine preiswerte Wohnung sucht, begreiflich gemacht 
werden, daß für die Ausstellung von Geschichte leicht 400 Mil 
lionen DM locker gemacht werden können, für den Bau von Sozi 
alwohnungen hingegen nicht. 
Bevor ich auf die einzelnen Kritikpunkte eingehe, gestatten Sie 
mir einen kritischen Blick auf die Idee des Museums als solche. 
Ich kenne kein Land - und Sie können mich gern eines Besseren 
belehren - auf dieser Welt, das sich und seinen Bürgern ein 
Museum verordnet - um den Begriff des Oktroi zu vermeiden -, 
dessen Aufgabe es ist, dessen Geschichte von den Anfängen 
bis zur Gegenwart auszubreiten. Viele Historiker, deren Beruf 
und Berufung gerade darin besteht, die Geschichte zu erfor 
schen und darzustellen und die deshalb ein besonderes, profes 
sionelles Interesse an einer solchen Einrichtung haben müßten, 
stellen das Deutsche Historische Museum grundsätzlich in 
Frage. Sie halten es schlicht für überflüssig. 
Herr Kollege Lehmann-Brauns, Sie haben uns vorhin eine 
kleine Märchenstunde zur Auflockerung unterbreitet. Ich möchte 
Sie gerne einladen zu einem kleinen Spaziergang - in Gedanken (C) 
natürlich nur. 
[Allgemeine Heiterkeit! - Pieroth (CDU): 
Mit wem gehen Sie denn jetzt?] 
- Mit Ihnen sehr gerne! - 
[Allgemeine Heiterkeit] 
Auf dem kurzen Stück von der Kochstraße in Kreuzberg 
[Anhaltende Unruhe bei der CDU] 
bis zur — Jetzt müssen Sie aber zuhören, um mir auch folgen zu 
können in Gedanken. - Von der Kochstraße in Kreuzberg bis zur 
Heidestraße in Tiergarten begegnet uns mit dem Martin-Gro- 
pius-Bau und der benachbarten Ausstellung „Topographie des 
Terrors“, den Relikten des Potsdamer Platzes, mit dem Filmhaus 
„Esplanade“, dem sowjetischen Ehrenmal auf der Trasse der 
ehemaligen Siegesallee, dem Brandenburger Tor, dem Reichs 
tag mit seiner Ausstellung „Fragen an die deutsche Geschichte“, 
dem ehemaligen Hamburger Bahnhof, ferner aus neuerer Zeit 
der Kongreßhalle, den Kulturbauten am Kemperplatz und 
schließlich der Mauer selbst so viel Geschichte in lebendiger 
Form, daß sich zwangsläufig die Frage stellt, was ein Histori 
sches Museum - mindestens für die Neuzeit - zusätzlich bieten 
kann. 
[Beifall bei der SPD und der AL - 
Edel (SPD): Die M-Bahn kommt auch noch dazu!] 
Viele Experten meinen, das Museum könne bestenfalls zweit 
klassig werden, weil die sogenannten Realien vom Karlsschrein 
in Aachen bis zur Kaiserkrone in Wien nicht zu haben sind und 
der hohe Anschaffungsetat in Berlin an anderer Stelle Sinnvolle 
res bewirken könnte. Dieser letzte Einwand ist schon deshalb 
ernst zu nehmen, weil die übrigen Länder der Bundesrepublik 
mindestens ideell am Aufbau des Deutschen Historischen Muse 
ums beteiligt sind. Ich bitte Sie, den Artikel 3 der Gründungsver 
einbarung zu lesen. Aktive Hilfe könnte schlechterdings dann (D) 
nicht erwartet werden, wenn deren Interessen durch unser 
Museum tangiert werden oder zumindest dieser Eindruck ent 
steht. 
Außerdem denke ich an die einschneidenden Kürzungen, 
denen durch den Haushaltsausschuß des Bundestages die 
Etats der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz seit 
Jahren unterliegen. Es ist völlig unklar, welche Restriktionen 
diese noch zu erwarten haben, wenn erst die Folgekosten für 
das Deutsche Historische Museum finanziert werden müssen. 
Ich halte die Grundsatzkritik nicht für falsch, gleichwohl 
möchte ich sie nicht neu beleben, weil die Koalition die Grün 
dungsvereinbarung nicht in Frage gestellt hat. Ich betone das 
ausdrücklich! Auf die Einschränkungen, die der Vertrag in Arti 
kel 8 enthält und die gleichermaßen für Bonn und Berlin gelten, 
hat Frau Senatorin Martiny bereits hingewiesen. Sie werden 
aber, meine Damen und Herren von der Opposition, zur Kenntnis 
nehmen müssen, daß wir den Handlungsspielraum, den die Ver 
einbarung gewährt und den die Kultusministerkonferenz in ihrer 
Stellungnahme vom 18. September 1987 zur Grundlage ihrer 
Zustimmung gemacht hat, nutzen und ausschöpfen werden. 
Höchst problematisch ist für uns der gewählte Standort Und 
hier war meiner Ansicht nach das vorschnelle Vorgehen unseres 
Bausenators Nagel zu dem Zeitpunkt nicht gerade hilfreich. 
[Beifall bei der SPD und der AL - 
Zurufe von der CDU: Oh, oh! - 
Kohl (SPD): Das war sehr, sehr höflich!] 
Das weite Areal zwischen Reichstag und Kongreßhalle, zwi 
schen der Spree und der Straße des 17. Juni stellt als solches in 
seiner jetzigen von Krieg und Nachkriegszeit geprägten Gestalt 
etwas wie ein Geschichtszeugnis dar, mit dem äußerst behut 
sam umgegangen werden sollte. Natörlioh weiß ich um den 
besonderen Reiz dieses Standortes für ein Deutsches Histori 
sches Museum, nämlich zwischen dem „Haus der Weltkulturen“ 
der Kongreßhalle und dem Reichstag mit seiner intelligenten und 
anregenden Ausstellung „Fragen an die deutsche Geschichte“.
	        
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