Path:
Volume Nr. 69, 11. Februar 1988

Full text: Plenarprotokoll (Public Domain) Issue1988, 10. Wahlperiode, Band V, 68.-81. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus von Berlin - 10. Wahlperiode 
69. Sitzung vom 11. Februar 1988 
(A) 
(B) 
Präsident Rebsch eröffnet die Sitzung um 13 Uhr. 
Präsident Rebsch: Meine Damen und Herren! Ich eröffne 
die 69. Sitzung des Abgeordnetenhauses von Berlin und be 
kunde unseren unbeugsamen Willen, daß die Mauer 
fallen und daß Deutschland mit seiner Hauptstadt Berlin 
in Frieden und Freiheit wiedervereinigt werden muß. 
Vor Eintritt in die Tagesordnung möchte ich einer Berliner Poli 
tikerin und Parlamentarierin gedenken, 
[Die Anwesenden erheben sich] 
die ein politisches Leben von seltener Intensität, von seltener 
Geradlinigkeit und demokratischer Standfestigkeit führte. Und 
von Anfang an war es den Hilfsbedürftigen, denen auf der Schat 
tenseite des Lebens, gewidmet: Ella Kay, Stadtälteste von 
Berlin, ehemalige Senatorin für Jugend und Sport und frühere 
Abgeordnete, ist am 3. Februar dieses Jahres verstorben. 
Ella Kay wurde am 16. Dezember 1895 am Weddinger Oskar 
platz als Kind einer Arbeiterfamilie geboren. Schon früh fand sie 
ihren Platz in der Sozialdemokratischen Partei: 1919 wurde die 
gelernte Jugendtürsorgerin SPD-Mitglied, 1924 Bezirksverord- 
nete in Prenzlauer Berg. 1925 übernahm sie dort die Leitung des 
Jugendamtes. Von 1929 bis 1933 gehörte sie der Stadtverord 
netenversammlung von Berlin an. Schon 1933 wurde sie von 
den Nazis aus ihrem Amt entfernt. 1946 war sie Mitglied der 
ersten Berliner Stadtverordnetenversammlung nach dem Krieg, 
1947 Bezirksbürgermeisterin in Prenzlauer Berg. Ernst Reuter 
beauftragte sie 1949 mit dem Aufbau der Jugendverwaltung. 
1955 wurde sie auf Otto Suhrs Wunsch Senatorin für Jugend 
und Sport. 1956 erhielt sie einen Sitz im Bundesvorstand der 
SPD. 1962 trat sie nach sieben Jahren Amtszeit als Senatorin 
von ihrem Amt zurück. Bis 1968 - also zehn Jahre lang - gehörte 
sie dem Abgeordnetenhaus von Berlin an. 
In ihrer langen, erfolgreichen politischen Laufbahn hat sie sich 
nie für bequeme Wege oder faule Kompromisse entschieden. 
Sie hat stets gefordert - energisch, nachdrücklich, ohne An 
sehen der Person. Doch tat sie das nie für sich, sondern für dieje 
nigen, die zu schwach waren, sich selbst zu vertreten. Das Wohl 
der Jugend, einer Jugend, die durch Krieg, Not und Wiederauf 
bau überfordert war, lag Ella Kay stets am Herzen. Ihr ist es zu 
verdanken, daß in Berlin 1955 das erste „Jugend-Ministerium“ 
geschaffen wurde und in Neukölln das erste „Haus der Jugend“. 
Ihre Aktion „Kleinkinder in Luft und Sonne“ ist noch heute bei 
spielhaft. 
„Die Erwachsenen vergessen ihre Jugend zu schnell. Die 
beste Pädagogik ist es, wenn man den Mut hat, im Rückspiegel 
des Lebens sich selbst zu kontrollieren“ - das war ihre Haltung 
den jungen Menschen gegenüber. 
Die von Kreuzberg ausgehenden Krawalle waren für sie kein (C) 
Grund, „die Jugend von heute“ zu verurteilen. Tief betroffen 
machte sie allerdings die in letzter Zeit zunehmende Demokratie 
verdrossenheit der jungen Leute. Doch sprach sie ihnen auch 
dabei nicht allein die Schuld zu - uns Politiker sah sie mit in der 
Verantwortung für diese Entwicklung. 
Als sie 1962 ihr Amt als Senatorin niederlegte und die politi 
sche Verantwortung für Vorgänge in einem Riegenest über 
nahm, bei denen zwei Kinder ums Leben kamen, zeigte sie ein 
Maß an politischem Verantwortungsbewußtsein und moralischer 
Integrität, das selten war und ist. „Über eine solche Entschei 
dung redet man nicht - man trifft sie“, erklärte sie damals ihren 
überraschten und betroffenen Freunden. 
Die Macht, die sie mit ihrem Amt erhielt, die Macht über Dinge 
und über Menschen, ist für Ella Kay nie zu einer Gefahr ihrer Lau 
terkeit geworden. Sie hat all die Anforderungen, die unsere 
Demokratie an Politiker stellt, kraft ihrer Persönlichkeit erfüllt: 
verantwortungsbewußtes, am Allgemeinwohl orientiertes Den 
ken und Handeln, Unbestechlichkeit, faires Verhalten dem poli 
tisch Andersdenkenden gegenüber. Darin soll Ella Kay uns Vor 
bild und Verpflichtung zugleich sein. Dies um so mehr, als ge 
rade angesichts der Ereignisse der letzten Monate die Glaub 
würdigkeit von Politik und Politikern von manchem Bürger ange- 
zweifelt wurde. 
Wir werden Ella Kay nicht vergessen. Sie hat sich um unsere 
Stadt verdient gemacht. 
Meine Damen und Herren, Sie haben sich zu Ehren der Ver 
storbenen von Ihren Plätzen erhoben, ich danke Ihnen. 
Meine Damen und Herren, ich möchte Ihnen dann mitteilen, 
daß anstelle des ausgeschiedenen Abgeordneten Dr. Mahlo 
Herr Dr. Hauke Jessen nachgerückt ist. Ich darf den Kollegen Dr. 
Jessen auch in Ihrem Namen herzlich begrüßen. 
[Allgemeiner Beifall] 
Dann gebe ich bekannt, daß die Fraktion der AL folgende An- (D) 
träge zurückgezogen hat: 
1. Antrag über Nachdruck der Senatsbroschüre über Infor 
mationen für Sozialhilfeempfänger, Drucksache 10/1589, 
2. Antrag über Fertigstellung der IBA-Neubau-Projekte, Druck 
sache 10/1777, 
3. Antrag über Veränderung der Bemessungsgrundlage bei 
der Gewährung von Brennstoffhilfen, Drucksache 10/1819. 
Nunmehr kann ich Ihnen auch offiziell zur Kenntnis bringen, 
daß gemäß einstimmigen Empfehlung des Ältestenrats ab sofort 
wieder die Konsensliste eingeführt werden soll. Sie liegt Ihnen 
für die heutige Sitzung bereits vor; 
Der Ältestenrat empfiehlt, nachstehende Tagesordnungspunkte ohne Aussprache wie folgt zu behandeln: 
TOP 7 
a) 10/1988 
Pogromnacht 
vertagt 
b) 10/2004 
Reichspogromnacht 
zurückgezogen 
TOP 8 
10/1989 
Passagierkapazität in Tegel 
an VerkBetr (f), StadtUm, WiArb, Haupt 
TOP 10 
10/2002 
Vorruhestandsgesetz 
an WiArb 
TOP 11 
10/2003 
Rückkehr ausländischer Frauen 
an Ausl (f), Frauenfr 
TOP 12 
10/2005 
Härtefallkommission 
an Ausl (f) 
TOP 14 
10/2007 
Jugendhilfestationen 
an JugFam, Haupt 
TOP 14 B 
10/2013 
Suizidprävention im Justizvollzug 
an Recht als JustizA., (f), GesSoz 
(unter Anerkennung der Dringlichkeit) 
TOP 14 D 
10/2015 
Sozialhilfe an Frauen mit 
nichtehelichen Kindern 
an Frauenfr, GesSoz (f), 
(unter Anerkennung der Dringlichkeit) 
TOP 14 E 
10/2027 
Abschiebestopp 
an Ausl 
(unter Anerkennung der Dringlichkeit) 
TOP 14 F 
10/2028 
Auskunftsgebühr bei Datensammlungen 
an InnSichO 
(unter Anerkennung der Dringlichkeit) 
TOP 14 G 
10/2029 
Volkszählungsgegner 
an InnSichO 
(unter Anerkennung der Dringlichkeit) 
4089
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.