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Volume Nr. 48, 12. März 1987

Full text: Plenarprotokoll (Public Domain) Issue1986/87, 10. Wahlperiode, Band III, 36.-49. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus von Berlin - 10. Wahlperiode 
48. Sitzung vom 12. März 1987 
Schürmann 
(A) Entwicklung des Lehrerbedarfs und künftigen Bedarfs an 
Pädagogen in Berlin“ verfüge. Sie, Frau Senatorin, sind der 
Meinung, daß es sich dabei um - und wieder zitiere ich aus 
dem „Landespressedienst'' - „eine gute Nachricht, die insbe 
sondere die Berliner Lehrer, die Eltern schulpflichtiger Kinder 
in unserer Stadt, aber auch Studenten und Schüler interessie 
ren dürfte", handele. 
Und nun wird es spannend, ich bitte Sie, genau zuzuhören. 
Weiter heißt es im Originalton des „Landespressedienstes“: 
Dazu Senatorin Laurien: Das Offenhalten eines Einstel 
lungskorridors als arbeitsmarkt- und strukturpolitische 
Maßnahme, die kontinuierliche Beobachtung der Be 
darfsentwicklung und die Haushaltsbeschlüsse des Berli 
ner Senats werden dafür sorgen, daß es auch künftig in 
Berlin zu Defiziten bei der Deckung des Lehrerbedarfs 
kommen wird, daß es also in unseren Schulen in den 
nächsten Jahren genug Lehrer geben wird. 
Frau Senatorin, Freud läßt grüßen! 
[Fabig (F.D.P.): Das war doch ein Schreibfehler!] 
Gestern hat bei der GEW eine Expertenanhörung zur 
Problematik der Versorgung unserer Schulen mit Lehrern 
stattgefunden. Ein Tag vor dieser Expertendiskussion haben 
die Herren der Koalition die Teilnahme abgesagt, die Senats 
schulverwaltung tat das schon etwas früher. Frau Senatorin 
und meine Damen und Herren von der Koalition, ich bin 
verwundert über Ihr parlamentarisches Fingerspitzen- und 
Feingefühl, nicht einen Tag vor einer Parlamentsdebatte dort 
beim Expertenhearing die Dinge vorwegzunehmen. 
[Fabig (F.D.P.): Aber Herr Schürmann, jetzt 
drehen Sie die Dinge aber nicht um!] 
(8) - Herr F a biQ. Sie haben nachher noch die Möglichkeit, hierzu 
zu sprechen. - Das ist das, was mir im Ohr geblieben ist. 
Allerdings habe ich sonst, wenn es um Initiativen und Anträge 
der SPD zur Bildungspolitik geht, nicht das Gefühl, daß ein 
derartiges Fingerspitzengefühl entwickelt wird, sondern eher 
die Erfahrung machen müssen, daß Sie, Frau Senatorin, gern 
mit Presseerklärungen dazwischentreten, um eine Initiative 
der Opposition im Vorfeld zu neutralisieren. Ich bin dankbar, 
daß es Ihnen mit der eingangs zitierten Erklärung nicht 
gelungen ist, sondern daß tatsächlich offensichtlich doch die 
Interessierten auf die eigentliche Debatte bei der Expertenan 
hörung gestern und möglicherweise auch heute achten wer 
den. 
Aber lassen Sie mich, so gespannt wir nun auch auf Ihre 
Zahlen sind, die Sie uns angekündigt haben, auf die Zahlen 
des Gutachtens von Budde und Stuke der Max-Träger-Stiftung 
im Aufträge der Berliner GEW eingehen. Vor einem Jahr 
hatten wir das bundesweite Gutachten von Budde/Klemm zum 
Teilarbeitsmarkt Schule in der Bundesrepublik. Jetzt liegen 
also die entsprechenden Spezialstudien für die meisten 
Bundesländer vor, darunter auch das für den Teilarbeitsmarkt 
Schule in den 90er Jahren in Berlin. 
So wie die Bundeszahlen bisher von keinem Experten oder 
seriösen Bildungspolitiker bestritten wurden, so werden übri 
gens auch die Berliner Zahlen von niemandem bisher bestrit 
ten Nicht nur die GEW arbeitet mit diesen Zahlen, sondern 
auch die Gewerkschaft der Lehrer im Deutschen Beamten 
bund hält diese Zahlen für ausgesprochen seriös. Herr Dr. 
Kramarz, der ja der CDU angehört, hat als Vorsitzender der 
GdL gestern erklärt, daß die Expertise ganz vorzüglich 
gearbeitet sei. Er hat die Arbeit gelobt und das Zahlenwerk 
ganz ausdrücklich bestätigt. Von da her fühle ich mich bei der 
Breite des Lobes ermuntert, von diesem Zahlenwerk auszuge 
hen und daraus auch unsere Forderungen abzuleiten. Lassen 
Sie mich aber in Kürze darstellen, was dieses Gutachten für 
die Schulentwicklung und damit auch für die Lehrerentwick 
lung aussagt. 
Gegenwärtig unterrichten 17 900 Lehrerinnen und Lehrer an (C) 
den allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen Ber 
lins. Mehr als ein Viertel von ihnen, das sind 28%, sind 
Teilzeitbeschäftigte. Zusammen erbringen sie die Unterrichts 
leistung von etwa 16000 vollbeschäftigten Lehrern. Ebenfalls 
rund ein Viertel von ihnen ist gegenwärtig 45 Jahre und älter 
und wird damit bis zum Jahre 2000 aus Altersgründen aus dem 
Schuldienst ausscheiden. 
Zusätzlich werden aus einer Reihe sonstiger Gründe Lehre 
rinnen und Lehrer aus dem Schuldienst ausscheiden, deren 
Zahl aufgrund empirischer Werte der zurückliegenden Jahre 
mit 1% des jeweiligen Lehrerbestandes angenommen wird. 
Unter der - wenn auch unrealistischen - Annahme, daß bis 
zum Jahre 2000 keine Neueinstellungen vorgenommen wür 
den, verringerte sich dieser Bestand an Lehrerinnen und 
Lehrern auf rund 10600 Vollzeitlehrer. Anders herum heißt 
dies, daß bis zum Jahre 2000 rund 5400 Vollzeitlehrer - ca, 
6000 Personen - infolge von Pensionierungen und aus sonsti 
gen Gründen aus dem Schuldienst ausscheiden werden. 
Will man bis zum Jahre 2000 die gegenwärtig erreichte 
Lehrerversorgung - gemessen als Schüler-Lehrer-Relation - 
sowie die vom Senat bereits zugesagten pädagogischen 
Verbesserungen - Frequenzsenkung in der Sekundarstufe I 
auf 26, Realisierung des Bandbreitenmodells in der Grund 
schule, Einrichtung weiterer Integrationsmodelle etc. - in den 
90er Jahren aufrechterhalten, so benötigt man dazu einen 
Rahmen von rund 15100 Vollzeitlehrern, also etwa 900 weni 
ger als im vergangenen Schuljahr. 
Zwar wird der Lehrerbedarf in den kommenden Jahren bis 
zum Beginn der 90er Jahre der Schülerzahlenentwicklung 
entsprechend noch geringfügig zurückgehen, bezogen auf 
das Jahr 2000 wird er sich allerdings nur um diesen Wert vom 
gegenwärtigen Bestand unterscheiden. 
Will man in den 90er Jahren den derzeit erreichten Standard (°) 
an Unterrichtsversorgung garantieren, so muß die Lücke 
zwischen dem Bedarf von 15100 Vollzeitlehrern im Jahre 2000 
und dem Bestand von 10600 Vollzeitlehrern durch Neueinstel 
lungen geschlossen werden. Setzt der Senat seine bisherige 
Einstellungspolitik fort-ca. 100 bis 150 Stellen pro Jahr-, so 
bedeutet dies, daß bis zum Jahr 2000 etwa 2500 bis 3500 
Lehrer in den Berliner Schulen fehlen werden. Obwohl diese 
Lehrerinnen und Lehrer tatsächlich erst in der ersten Hälfte 
der 90er Jahre zur Deckung des Unterrichfsbedarfs gebraucht 
werden - solange sinken die Schülerzahlen schneller, als 
Lehrer aus Alters- und sonstigen Gründen aus dem Dienst 
ausscheiden -, 
[Fabig (F.D.P.): Schneller leben!] 
plädieren wir für eine kontinuierliche Einstellungspolitik, die 
auf den künftigen Bedarf ausgerichtet ist. Dazu wären in den 
kommenden 14 Jahren Neueinstellungen in einem Umfang 
von mindestens 300 bis 350 Stellen jährlich notwendig. Es 
stellt sich natürlich die Frage, ob eine solche Politik finanzpoli 
tisch verantwortbar sei und ob nichtein Lehrerberg eingestellt 
würde, für den es bei nach 2005 wieder zurückgehenden 
Schülerzahlen keine Verwendung mehr gebe, aber dies 
scheint vertretbar, da etwa beginnend mit dem Jahr 2005 
jährlich eine erhebliche Zahl von Lehrern ausscheiden wird; 
dann nämlich erreicht die gegenwärtig stärkste Altersgruppe 
der Lehrer - die jetzt 35- bis 40jährigen - das Pensionsalter. 
Wir haben die unterschiedlichsten Gründe, uns heute zu 
fragen, ob es tatsächlich richtig ist, schon jetzt darüber 
nachzudenken, ob ein bevorstehender und absehbarer Fehl 
bedarf der 90er und späten 90er Jahre von uns so einfach 
hingenommen werden kann oder ob jetzt schon daran gedacht 
werden muß, diesem Tatbestand gegenzusteuern. Wir haben 
zur Zeit an unseren Universitäten einen einmaligen Abbau der 
Lehrerstudienkapazitäten; sowohl an der Freien Universität 
wie an der Technischen Universität werden in unverantwort- 
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