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Band Nr. 29, 15. Mai 1986

Volltext : Plenarprotokoll (Public Domain) Ausgabe 1986, 10. Wahlperiode, Band II, 19.-35. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus  von  Berlin  -  10.  Wahlperiode

29.  Sitzung  vom  15.  Mai  1986

1571

(A)  Präsident  Rebsch  eröffnet  die  Sitzung  um  13  Uhr.
Präsident  Rebsch;  Meine  Damen  und  Herren!  Ich  eröffne
die  29.  Sitzung  des  Abgeordnetenhauses  von  Berlin  und  bekunde ­
  unseren  unbeugsamen  Willen,  daB  die  Mauer  fallen
und  daB  Deutschland  mit  seiner  Hauptstadt  Berlin  in  Frieden
und  Freiheit  wiedervereinigt  werden  muß.
Zunächst  möchte  ich  Ihnen  mitteilen,  daß  die  Fraktion  der
AL  ihre  Große  Anfrage  über  Verhältnis  des  Bausenators  zu
Recht  und  Gesetz,  Drucksache  10/643,  und  ihren  Antrag  auf
Annahme  einer  Entschließung  über  Asylrecht  für  politisch
Verfolgte,  Drucksache  10/605,  zurückgezogen  hat.
Dann  darf  ich  darauf  hinweisen,  daß  der  Herr  Regierende
Bürgermeister  mit  Schreiben  vom  12.  Mai  1986  gebeten  hat,
eine  Erklärung  zum  Thema  „Folgerungen  aus  dem  Unglück  im
sowjetischen  Kernkraftwerk  Tschernobyl“  abgeben  zu  können. ­

Zu  dem  Komplex  „Atomreaktorunfall  Tschernobyl“  liegen
somit  folgende  Verhandlungsgegenstände  vor:  1.  eine  Erklärung ­
  des  Regierenden  Bürgermeisters,  2.  ein  Antrag  auf
Durchführung  einer  Aktuellen  Stunde  -  Tagesordnungspunkt ­
  2  3.  eine  Große  Anfrage  der  AL-Fraktion  -  Tagesordnungspunkt ­
  3  a  -,  4.  vier  Anträge  der  AL  bzw.  der  SPD-Fraktion
-  Tagesordnungspunkte  3b  bis  3e  -  sowie  folgende  Dringlichkeiten: ­
  a)  Antrag  der  SPD-Fraktion  auf  Annahme  einer  Entschließung ­
  zum  Reaktorunfall,  b)  ein  SPD-Antrag  über  Veränderung ­
  der  Energiepolitik  und  c)  ein  AL-Antrag  über  Erweiterung ­
  der  Koordinationsgruppe  zur  Umweltkatastrophe.  Der
Ältestenrat  schlägt  Ihnen  vor,  diesen  Themenkreis  wie  folgt
abzuwickeln:  Zuerst  gibt  vor  Eintritt  in  die  Tagesordnung  der
Regierende  Bürgermeister  diese  Erklärung  ab.  Für  die  Besprechung ­
  der  Erklärung,  die  mit  der  Aktuellen  Stunde  verbunden
wird,  erhält  jede  Fraktion  eine  Redezeit  bis  zu  20  Minuten,  und
zwar  in  der  Redereihenfolge  SPD,  CDU,  AL,  F.D.P.  Danach  wird
(B)  die  Große  Anfrage  begründet  und  vom  Senat  beantwortet.  Im
Anschluß  daran  werden  auch  die  Anträge  mit  in  die  Aussprache ­
  eingeführt.  Bei  dieser  Aussprache  beträgt  die  Redezeit
bis  zu  45  Minuten  pro  Fraktion,  wobei  die  Redezeit  für  die
Begründung  Großer  Anfragen  angerechnet  wird.  Wenn  am
Schluß  der  Aussprache  ein  Mitglied  des  Senats  das  Wort
ergreift,  hat  jede  Fraktion  danach  eine  Redezeit  von  fünf  Minuten. ­
  Der  Ältestenrat  schlägt  auch  für  diese  Aussprache  die
Redereihenfolge  SPD,  CDU,  AL,  F.D.P.  vor.
Nach  Erledigung  dieses  Themenkreises  werden  die  Mündlichen ­
  Anfragen  aufgerufen.  Erhebt  sich  gegen  diese  Verfahrensweise ­
  Widerspruch?  -  Das  ist  nicht  der  Fall.  Das  ist  dann
so  beschlossen.
Bevor  ich  nun  dem  Regierenden  Bürgermeister  das  Wort
erteile,  hat  Frau  Bischoff-Pflanz  das  Wort  zur  Geschäftsordnung ­
  erbeten.
Frau  Bischoff-Pflanz  (AL):  Herr  Präsident!  Meine  Damen
und  Herren!  Ich  möchte  im  Namen  meiner  Fraktion  den  Antrag ­
  stellen,  mit  der  heutigen  Sitzung  des  Abgeordnetenhauses ­
  etwas  später  zu  beginnen.  Ich  würde  außerdem  dringend
den  Regierenden  Bürgermeister  und  die  zuständigen  Senatoren ­
  bitten,  mit  den  Leuten,  die  vor  dem  Haus  stehen  und  sehr
beunruhigt  sind,  über  die  Zusammenhänge  mit  der  Katastrophe ­
  in  Tschernobyl  zu  reden  und  denen  zur  Verfügung  zu
stehen.
Sollte  dies  nicht  möglich  sein,  dann  bitte  ich  doch  zumindest ­
  zu  erwägen,  die  Erklärung  des  Regierenden  Bürgermeisters ­
  den  Menschen  nach  draußen  zu  übertragen.  Ich  glaube,
wir  nehmen  es  alle  ernst,  daß  sie  beunruhigt  sind.
[Beifall  bei  der  AL  -  Unruhe  bei  der  CDU]
Präsident  Rebsch:  Frau  Bischoff-FTIanz,  ich  kann  über  diesen ­
  Antrag,  später  zu  beginnen,  nicht  abstimmen  lassen;
denn  die  Sitzung  hat  bereits  begonnen.

Das  Wort  hat  nunmehr  der  Herr  Regierende  Bürgermeister  (C)
zur  Abgabe  einer
Erklärung
über  Folgerungen  aus  dem  Unglück  im  sowjetischen
Kernkraftwerk  Tschernobyl
Diepgen,  Regierender  Bürgermeister:  Herr  Präsident!
Meine  sehr  verehrten  Damen  und  Herren!  Am  28.  April  1986
wurde  in  Skandinavien  eine  stark  erhöhte  Radioaktivität  gemessen. ­
  Als  Ursache  stellte  sich  ein  Reaktorunglück  im  sowjetischen ­
  Tschernobyl  heraus.  Heute  wissen  wir:  Dies  war
der  schwerste  Unfall  in  der  Geschichte  der  friedlichen  Nutzung ­
  der  Atomenergie  mit  erheblichen  gesundheitlichen,  politischen ­
  und  auch  psychischen  Folgen.
Unser  Mitgefühl  gilt  in  erster  Linie  den  Opfern  in  der  UdSSR,
den  Toten  und  den  Verletzten,  die  mit  dem  Tode  ringen,  sowie
ihren  Angehörigen.  Die  Zahl  der  Opfer  in  Rußland  wird  sicher
noch  größer  werden.
Lassen  Sie  mich,  bevor  ich  mich  den  konkreten  Auswirkungen ­
  auf  Berlin  zuwende,  eine  allgemeine  Vorbemerkung  zu
diesem  Unglück  machen:  Ich  denke,  wir  alle  sind  durch  diese
Katastrophe  in  der  Ukraine  nachdenklicher  geworden,  skeptischer, ­
  aber  auch  lernfähiger.  Ganz  unabhängig  davon,  wie
jeder  von  uns  zur  Kernenergie  stehen  mag,  uns  wird  ganz  allgemein ­
  wieder  bewußt,  daß  Technik  und  Institutionen  von
Menschen  gemacht  sind  und  deshalb  auch  fehlerhaft  sein
können.  Der  Kernphysiker  und  Philosoph  Carl-Friedrich  von
Weizsäcker  formuliert  das  etwas  schärfer:
Jede  technische  Entwicklung  erzeugt  Gefahren.  Es
kommt  darauf  an,  das  Maß  ihrer  Größe  und  Beherrschbarkeit ­
  zu  kennen.  Was  überhaupt  wirkt,  ist  auch  gefährlich. ­
  (°)
Deswegen  wäre  eine  geistige  Einschätzung  verkehrt,  die  sich
blind  der  Technik  verpflichtete.  Nicht  die  Technik  darf  dem
Menschen  seine  Wertordnung  diktieren,  nein,  umgekehrt:  Die
Technik  hat  dem  Menschen  zu  dienen.  Dazu  jedoch  ist  sie
auch  lebensnotwendig.
Dabei  dürfen  wir  zwei  Gefahren  nicht  erliegen:  Wir  dürfen
uns  nicht  zum  Hexenmeister  entwickeln,  der  die  Geister  nicht
mehr  bannen  kann,  die  er  gerufen  hat.
[Vereinzelter  Beifall  bei  allen  Fraktionen]
Und  wir  dürfen  nicht  aus  Angst  vor  der  Technik  untätig  gegenüber ­
  der  Technik  werden  und  damit  genau  das  erreichen,  was
wir  mit  der  Angst  vermeiden  wollten;  zum  Sklaven  der  Technik
zu  werden,  nämlich  durch  Nichtanwendung,  durch  ihre  Umgehung. ­

Es  liegt  mir  völlig  fern,  auf  Tschernobyl  fatalistisch  zu  reagieren, ­
  nur  laut  „trotzdem“  zu  rufen  und  alles  für  unvermeidbarzu
erklären.  Aber  Tschernobyl  muß  uns  auch  in  Erinnerung  rufen:
Es  gibt  kein  menschliches  Leben  ohne  Risiko.
[Schenk  (AL):  Danke!]
Auch  ein  Höchstmaß  von  Verantwortung  kann  Katastrophen
nicht  ausschließen.  Die  Aufgabe  des  Staates  besteht  in  diesem ­
  Zusammenhang  darin,  nach  Gefahren  zu  suchen,  sie  zu
erkennen  und  auch  auszusprechen,  aber  vor  allem,  sie  für  die
Menschen  so  gering  wie  irgend  möglich  zu  halten.
Nach  dem  Unglück  gab  es  in  Berlin  und  in  der  Bundesrepublik ­
  im  ganzen  eine  Reihe  von  Anfangsproblemen.  Auch
wegen  der  mangelnden  Information  aus  der  Sowjetunion
konnte  man  die  Gefahren  des  Unglücks  nicht  genau  abschätzen. ­
  Vielerorts  ist  man  davon  ausgegangen,  daß  eine  radio-
            
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