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Volume Nr. 22, 13. Februar 1986

Full text: Plenarprotokoll (Public Domain) Issue1986, 10. Wahlperiode, Band II, 19.-35. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus von Berlin - 10. Wahlperiode 
22. Sitzung vom 13. Februar 1986 
1215 
Küche 
(A) Meine Damen und Herren, wir müssen uns klarmachen, wie 
schnell der medizinische Fortschritt ist. Heute noch bewährte 
Methoden, wie z. B. die Bypass-Chirurgie, werden in kürzester 
Zeit in der Medizin durch andere Methoden ersetzt. Investitionen 
und Anlagen gerade im Krankenhaus müssen laufend erneuert 
und angepaßt werden. Das Beispiel Bypass-Chirurgie, 1976 
erstmalig in den USA angewendet, steht heute nicht mehr im 
Zentrum der Forschung. Um über 10% ist die Anzahl der 
Bypass-Operationen 1984 in den USA zurückgegangen. Diese 
Entwicklung wird auch in der Bundesrepublik und Berlin einset- 
zen. Das Problem bei uns wird sein, daß die Herzchirurgen ihre 
vorhandenen Kapazitäten an Krankenbetten, Intensiveinrichtun 
gen und Operationstischen nutzen müssen und wollen. Diese 
sind vorrangig auf die Bypass-Chirurgie ausgelegt. Die ange 
sprochenen unblutigen Methoden finden deshalb nur zögernd 
Zuspruch, obwohl sie bei teilweise gleicher Wirkung nach Exper 
tenmeinung kostengünstiger sind. Krankenkassen und der zu 
ständige Senator sind gefordert, diese Entwicklung frühzeitig ins 
Planungskalkül einzubeziehen. 
Die neuen Methoden in der Herzmedizin finden nach unserer 
Auffassung keine ausreichende Berücksichtigung in der Kran 
kenhausplanung. 
Das zweite gravierende Problem ist die inzwischen aufgebau 
te Konkurrenz einer Vielzahl von Herzzentren in der Bundesrepu 
blik. Zu den vorhandenen 25 herzchirurgischen Zentren kommen 
in Kürze acht weitere hinzu. Ende 1986 werden jährlich 24 000 
herzchirurgische Eingriffe bei uns in der Bundesrepublik ein 
schließlich Berlin (West) möglich sein. Es wird keine Wartelisten 
mehr geben, Herzchirurgen werden auf Patienten warten müs 
sen - so freut sich bereits die Deutsche Herzstiftung und warnt 
vor Überkapazitäten. Wohlgemerkt, der drastischen Steigerung 
an Operationsmöglichkeiten steht ein Rückgang an Patienten 
zahlen und die Konkurrenz anderer Methoden gegenüber. 
Berlin hat zur Zeit eine Kapazität von rund 1 000 möglichen 
(B) Operationen pro Jahr am offenen Herzen im Klinikum Charlotten 
burg. 2 500 Operationen kommen etappenweise ab April 1986 
durch das Herzzentrum pro Jahr hinzu. 
[Vetter (CDU); Sehr gut!] 
Diesen 3 500 möglichen Operationen am offenen Herzen steht 
anerkannt ein Berliner Bedarf von ca. 1 000 Eingriffen gegen 
über. Der Entwicklung auf diesem Gebiet der Medizin muß des 
halb besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Wir fordern 
deshalb eine realistische Planungsbetrachtung für unsere Berli 
ner herzchirurgischen Einrichtungen. Auch wenn es schmerzlich 
sein wird, es müssen unter Umständen notwendige Reduzierun 
gen der Behandlungsmöglichkeiten angebracht werden. Das be 
deutet für den Senat, rechtzeitig Maßnahmen einzuleiten, um 
Fehlentwicklungen entgegenzuwirken. Medizinischer Erkenntnis 
stand, überregionaler Versorgungsanspruch, finanzielle Absiche 
rung auch für die Krankenkassen und Patientenmangel zwingen 
zum baldigen Handeln. Heute muß man fragen, ob denn der 
Senat beabsichtige, die herzchirurgischen Möglichkeiten im 
Klinikum Charlottenburg zugunsten des Herzzentrums Berlin zu 
opfern. Die Sozialdemokraten wollen beide herzchirurgische 
Einrichtungen erhalten, auch wenn erhebliche Planungsänderun 
gen einzukalkulieren sind. Klinikum Charlottenburg und Herz 
zentrum im RVK, jedes soll an seinem jetzigen Standort effektiv 
auch in Zukunft arbeiten! 
Meine Damen und Herren! Herz- und Lungen-Transplantatio- 
nen als letzte Möglichkeit der Lebenserhaltung sind mit Sicher 
heit in Berlin zu erwarten. Hier gibt es Probleme, denn es ist 
stadtbekannt, daß Klinikum Charlottenburg und Herzzentrum 
Berlin nicht miteinander reden. Diese Sprachlosigkeit ist wegen 
der außergewöhnlichen Konkurrenzsituation beider Einrichtun 
gen entstanden und für Berlin absolut schädlich. Für Transplan 
tationen werden übergangsweise auch Kunstherzen oder Kunsf- 
herz-Forschungsergebnisse benötigt. Absehbar ist, daß wegen 
der in Berlin vorhandenen Sprachlosigkeit lieber Einrichtungen in 
den USA gekauft werden, als daß hier vorhandene Möglichkeiten 
genutzt werden. 
Ich fasse zusammen; Wir fordern den Senat auf, unter an- (C) 
derem endlich zu einer realistischen Planungsbetrachtung zu 
kommen, den Bestand beider herzchirurgischen Einrichtungen 
an ihrem jetzigen Standort Berlin zu garantieren, die Sprach 
losigkeit zwischen beiden Einrichtungen zu beenden, damit 
kostengünstig gewirtschaftet wird, und die Krankenhausplanung 
entsprechend zu korrigieren, damit unter korrekten Vorausset 
zungen weiter diskutiert werden kann. - Danke! 
[Beifall bei der SPD] 
Präsident Rebsch: Das Wort zur Beantwortung hat Herr 
Senator Fink. 
Fink, Senator für Gesundheit und Soziales: Herr Präsident! 
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich freue mich, daß mir 
durch diese Große Anfrage der Sozialdemokraten gerade jetzt 
Gelegenheit gegeben wird, über die Situation der Herzchirurgie 
in der Bundesrepublik Deutschland - beispielsweise im Ver 
gleich zu den Vereinigten Staaten von Amerika - unter ganz be 
sonderer Berücksichtigung der Situation in Berlin zu sprechen. 
Das Deutsche Herzzentrum Berlin ist in diesen Tagen plan 
mäßig fertiggestellt worden. Am vergangenen Wochenende 
konnten sich über 5 000 Berlinerinnen und Berliner über diese 
neueste Errungenschaft im Gesundheitswesen unserer Stadt 
informieren. 
[Beifall bei der CDU] 
Wir können heute mit Stolz sagen, daß auch die veranschlag 
ten Kosten von 84 Mio. DM und der Zeitplan genau eingehalten 
worden sind. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 10. Fe 
bruar 1986 berichtet in ihrem Artikel über das Herzzentrum von 
einer „erstaunlich kurzen Planungs- und Umbauzeit“. Es ist gut, 
wenn so etwas über ein Berliner Projekt bundesweit berichtet 
wird! Der Senat freut sich darüber. 
(D) 
[Beifall bei der CDU] 
Die Beispiele im Krankenhauswesen - aber auch woanders -, 
bei denen die Kosten Überschriften wurden, sind hinlänglich be 
kannt, vom Aachener Klinikum bis zum Wiener Krankenhaus. Es 
gibt aber auch Beispiele, die zeigen, daß man die Zeit- und die 
Kostenplanung einhalten kann. Ich freue mich, daß das Berliner 
Herzzentrum zu diesen positiven Beispielen gehört. Der Senat ist 
in der Lage und bereit, auch bei anderen größeren aktuellen Vor 
haben seine Kosten- und Zeitvorgaben genau einzuhalten. 
[Haberkorn (AL): Auch beim Krankenhausplan?] 
Dieses - neben Paris - größte und zur Zeit modernste Herz 
zentrum in Europa, in dem im nächsten Monat die ersten Patien 
ten am offenen Herzen operiert werden, wird am 29. April dieses 
Jahres in Anwesenheit des Herrn Bundespräsidenten und des 
Herrn Bundesarbeitsministers feierlich eingeweiht werden. Es 
könnte dann in wenigen Jahren auf dem Areal des modernsten 
Universitätsklinikums der Bundesrepublik Deutschland stehen. 
Berlin ist Dienstleistungsort im Gesundheitswesen für die Bun 
desrepublik und darüber hinaus. Dies ist das hochgesteckte, 
aber erreichbare Ziel des Senats. 
Wie steht es nun um die Entwicklung der Herzchirurgie? - 
Lassen Sie mich in aller Kürze noch einmal an die Situation zur 
Zeit der ersten Überlegungen zum Bau eines Herzzentrums in 
unserer Stadt im Jahr 1982 erinnern. Damals hatte die Bundes 
republik Deutschland auf dem Gebiet der Operationen am offe 
nen Herzen das Niveau eines Entwicklungslandes. Es bestanden 
unerträgliche Wartezeiten für Herzpatienten. Weil die vorhande 
nen Kapazitäten in Herzzentren fehlten, warteten Patienten viel 
fach vergeblich auf den lebensrettenden Operationstermin. Die 
erheblichen Defizite bei der Versorgung von Herzkranken zwan 
gen viele Patienten, in alle Welt zu reisen, um sich am offenen 
Herzen operieren zu lassen. Dieser Mißstand soll beseitigt wer 
den. Die Gesundheitsministerkonferenz hat bei wenigen Gebie 
ten, aber hier, den Bedarf ermittelt. 24 000 Operationen pro Jahr 
werden von der Gesundheitsministerkonferenz für mindestens 
erforderlich gehalten. Tatsächlich wurden selbst im Jahr 1984
	        
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