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Band Nr. 1, 18. April 1985

Volltext : Plenarprotokoll (Public Domain) Ausgabe 1985, 10. Wahlperiode, Band I, 1.-18. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus  von  Berlin  -  10.  Wahlperiode

1.  Sitzung  vom  18.  April  1985

10

Wagner,  Horst
(A)  der  abgelaufenen  Legislaturperiode  seine  Hilflosigkeit  demonstrieren ­
  konnte.
[Beifall  bei  der  SPD  und  der  AL]
Nein,  Herr  Diepgen,  Ihre  Vorschläge  überzeugen  uns  nicht!
Die  sozialdemokratische  Fraktion  verweigert  Ihnen  die  Zustimmung ­
  zur  Wahl  als  Regierender  Bürgermeister.  Wir  werden
auch  die  von  Ihnen  vorgeschlagenen  Senatoren  nicht  wählen.
[Starker  Beifall  bei  der  SPD]

Stellv.  Präsident  Longolius:  Das  Wort  hat  jetzt  die  Abgeordnete ­
  Bischoff-Pflanz.
Frau  Bischoff-Pflanz  (AL):  Ich  glaube,  ich  kann  es  mir
ersparen,  hier  einleitend  zu  erklären,  daß  wir  Herrn  Diepgen
nicht  wählen.  Ich  halte  das  für  selbstverständlich.
Als  er  zum  erstenmal  zum  Regierenden  Bürgermeister
gewählt  wurde,  hat  ihm  die  AL  noch  vorausgesagt:  In  14  Monaten ­
  denkt  sowieso  keiner  mehr  an  Sie!  -  Da  haben  wir  uns  wie
so  viele  andere  geirrt.
[Gelächter  und  Beifall  bei  der  CDU]
Damals  wurde  öffentlich,  selbst  in  der  „Abendschau“,  die
damals  noch  etwas  anders  war,  seine  politiche  Blässe  und
seine  mangelnde  Ausstrahlung  beklagt  Was  dann  die  Waagschale ­
  zu  seinen  Gunsten  ausschlagen  ließ,  gegen  Frau  Launen, ­
  war  nicht  etwa  seine  bestechende  Persönlichkeit  oder  gar
seine  gute  Politik,  sondern  der  einzige  Grund  war,  daß  Herr
Diepgen  ein  typisches  Produkt  der  Berliner  Parteienlandschaft
ist.  Er  ist  also  kein  Zugereister.
Das  war's  dann  auch,  was  die  CDU  in  ihrem  millionenschweren ­
  Wahlkampf  als  einzige  Aussage  postulierte:  „Einer  von
uns!“  -  „Einer  von  uns“  durfte  sich  dann  auch  in  bester  Wennalles-getan-ist-Manier
  im  Wahlkampf  zwischen  Dackeln,  Nilpfer-(B)
  den,  Bären  und  anhimmelnden  älteren  Damen  tummmeln.  Man
meinte  fast,  es  würde  ein  Zoodirektor  gewählt  und  nicht  die
Regierung  dieser  Stadt.
[Beifall  bei  der  AL]
Aber  immerhin  reichte  es  ja  aus,  um  dem  herbeigeeilten  „Parteisoldaten“ ­
  der  SPD  die  Stimmen  abzujagen.
Daß  die  AL  die  Einstellung  vertritt,  daß  Politik  erlernbar  ist,
daß  Menschen  mit  größeren  Aufgaben  wachsen  können,  ist
klar,  und  so  ist  es  für  uns  auch  nicht  verwunderlich,  daß  Herr
Diepgen  sich  entwickelte,  mit  seinen  Aufgaben  wuchs.
[Beifall  bei  der  AL]
Das  übrige  taten  dann  Public  relations.
Was  ich  allerdings  bestreite,  was  so  in  den  Aussagen  rüberkam, ­
  Herr  Diepgen,  ist,  daß  Sie  ein  typischer  Berliner  Junge
sind,  besonders  noch  aus  dem  Wedding.
[Beifall  bei  der  AL]
Menschen  mit  so  viel  Privilegien,  wie  sie  seinen  Lebensweg
nun  wirklich  zeichneten,  die  kann  man  im  Wedding  mit  der  Lupe
suchen.
[Beifall  bei  der  AL]
Herr  Diepgen  verkörpert  nun  in  seiner  Person  und  in  seiner
Funktion  -  und  das  ist  das  Entscheidende  hier  -  die  doppelbödige ­
  Biedermann-und-Brandstifter-Politik  der  CDU.
[Beifall  bei  der  AL  -  Heiterkeit  bei  der  CDU]
In  Anlehnung  an  seinen  Vorgänger  hat  er  sich  auf  die  Rolle  des
weltoffenen  Staatsmannes  spezialisiert,  allerdings  nicht  ohne
dafür  zu  sorgen,  daß  auch  in  seinem  Senat  genügend  Personen
sitzen,  die  die  Garanten  für  eine  menschen-  und  umweltverachtende ­
  Politik  sind.
[Beifall  bei  der  AL]
Dem  Mann  fürs  Grobe  läßt  er  als  Innensenator  freie  Hand
bei  seiner  Ausgrenzungs-  und  Abschreckungspolitik  gegen

politisch  Andersdenkende,  Asylbewerber,  Behinderte  usw.
Zur  Ausländerbeauftragten  wurde  schon  einiges  gesagt;  ich
schließe  mich  dem  an.  Man  hat  sie  so  als  Alibi  bei  der  Seite.
An  eine  Sache  erinnere  ich  auch  noch  -  und  das  ist  eine  Kritik ­
  an  Sie,  Herr  Diepgen:  Es  reicht  nicht  aus,  im  Wahlkampf ­
  sich  laut  und  öffentlich  von  den  ausländerfeindlichen
Aussagen  des  zuständigen  Senatsdirektors  zu  distanzieren;
daraus  müßten  Konsequenzen  erwachsen,  die  Sie  hoffentlich
ziehen  werden.
[Beifall  bei  der  AL  und  der  SPD]
Die  von  Herrn  Diepgen  veröffentlichte  Zusammensetzung
des  zukünftigen  Senats  beweist,  daß  sein  Interesse,  wie  es  imimmer
  so  schön  ausgedrückt  wird,  „weltoffene“  Politik  zu
machen,  nur  blasse  Tünche  ist.  Wie  ist  es  sonst  zu  verstehen,
daß  einer  der  größten  Umweltversager  wieder  einen  Sessel  im
Senat  bekommt  oder  -  wie  schon  erwähnt  -  Herr  Scholz  das
erste  Mal  ein  Drittelsenator  ist?  Vielleicht  ist  das  wegweisend
auf  die  Teilzeitarbeit,  und  er  wird  nur  als  Reisekader  dieses
Senats  ständig  zwischen  Bonn,  Berlin  und  München  hin-  und
herreisen.
[Beifall  bei  der  AL]
Andererseits  können  wir  uns  darüber  vielleicht  auch  freuen,
denn  dann  wird  er  sich  nicht  mehr  so  viel  in  personelle  Angelegenheiten ­
  einmischen,  wie  er  es  schon  einmal  gemacht  hat,  als
er  sich  in  die  Besetzung  von  Richterstellen  am  Verwaltungsgericht ­
  einmischte.
Im  Koalisationsgerangel  nun  um  diesen  Senat  ist  Herr  Diepgen ­
  auch  sehr  verantwortungslos  mit  großen  Summen  von
Steuergeldern  umgegangen.  Nach  dem  Motto:  Man  nehme  hier
ein  bißchen  und  gebe  da  ein  bißchen  und  noch  ein  Stückchen,
-  wurde  schnell  noch  ein  ganz  kleines  Ressort  für  die  F.D.P.
gestrickt.  Verwaltungen  werden  nicht  mehr  nach  Inhalten,  sondern ­
  nach  Wahlergebnissen  und  persönlichen  Neigungen  der
vorgesehenen  Senatoren  umgeformt.  So  konnte  Frau  Laurien
sich  ihre  dicken  Brocken  herausnehmen;  das,  was  übrig  bleibt,
ist  ein  neues  Ressort  Daß  das  immense  Kosten  verursacht,
dürfte  wohl  allen  klar  sein.  Und  Herr  Diepgen  soll  nicht  meinen,
daß  sich  damit  die  schon  lange  notwendige  Verwaltungsreform
erledigt  hat;  da  sind  wir  doch  schon  anderer  Meinung.  Dem
„einen  von  uns“  scheint  es  aber  so,  daß  Senatorenposten  wichtiger ­
  sind  als  z.  B,  ausreichendes  Personal  in  Krankenhäusern,
Schulen,  Beratungsstellen,  Kindertagesstätten  und  Heimen.
Mit  der  weltmännischen  Pose  des  Herrn  Diepgen  hängt  auch
mein  letzter  Punkt  zusammen,  den  ich  hier  ansprechen  möchte.
Fern  von  allen  Realitäten  und  völlig  losgelöst  von  den  Problemen ­
  dieser  Stadt  hat  es  sich  Herr  Diepgen  in  den  Kopf  gesetzt:
Berlin  muß  Metropole  werden,  koste  es,  was  es  wolle,  unbedingt. ­

[Sehr  gutl  -  bei  der  CDU]
Nach  amerikanischem  Vorbild  -  flatternde  Fahnen  am  Ernst-Reuter-Platz,
  die  Herr  Lummer  zwar  in  seinem  Urlaub  beschlossen ­
  hat  -  bastelt  er  mit  an  einem  bombastischen  Konzept  zur
750-Jahrfeier.  Die  politischen  Probleme  dieser  Stadt  werden
dabei  ausgeklammert.  Es  ist  ja  auch  besser,  in  Optimismus  zu
machen  und  die  Sachen  zu  verstecken.  Überhaupt  ist  Optimismus ­
  sehr  angesagt.  Wir  sagen  aber,  daß  diese  Stadt  andere
Probleme  hat,  daß  hier  Konzepte  notwendig  sind  gegen  Armut
-  wir  haben  in  Berlin  allein  150  000  sozialhilfeberechtigte
Leute-,  Konzepte  gegen  Obdachlosigkeit,  gegen  durch
Umweltverschmutzung  verursachte  Krankheiten  bei  Kindern
und  Erwachsenen,  gegen  die  Gewalt  gegen  Frauen,  gegen  die
immense  Erwerbslosigkeit,  gegen  die  Zukunftslosigkeit  der
Jungendlichen.  All  das  fehlt
[Beifall  bei  der  AL]
Hier  wäre  es  sinnvoll,  echte  Konzepte  zu  entwickeln,  anstatt  daß
Herr  Diepgen  seine  ganze  Energie  darin  steckt,  Berlin  zu  einer
Weltmetropole  aufzublasen.  Doch  auch  ihm  wird  dabei  die
Puste  ausgehen  -  ich  bin  sicher  -,  zumal  für  ihn  und  die  Partei
jetzt  auch  die  Zeit  endgültig  vorbei  ist,  wo  man  sich  immer  nur
            
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