Abgeordnetenhaus von Berlin - 10. Wahlperiode
1. Sitzung vom 18. April 1985
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Wagner, Horst
(A) Berlins als Folge dieser verbrecherischen Politik ertragen muß.
Wir sind froh darüber, daß Sie, meine Damen und Herren von
der CDU, der F.D.P. und der AL, den Vorschlag der Sozialdemo
kraten akzeptierten, daß alle Abgeordnete gemeinsam von hier
aus am 7. Mai nach Plötzensee fahren, um dort der Opfer der
nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu gedenken.
[Beifall bei der SPD und der F.D.P.]
Wir geben damit ein Beispiel gemeinsamer demokratischer
Grundüberzeugung. Wir Sozialdemokraten sehen es als F’flicht
der Demokraten an, den Konsens in den elementaren Fragen
der Demokratie zu suchen und herzustellen.
Wir sehen es aber auch als unsere parlamentarische Auf
gabe an, der Politik der Mehrheit immer da zu widersprechen,
wo wir anderer Auffassung sind.
[Beifall bei der SPD]
Wir sind nicht der Meinung, daß Herr Diepgen Regierender
Bürgermeister von Berlin werden soll.
[Beifall bei der SPD]
Die SPD-Fraktion wird ihn nicht wählen. Inhaltlich werden wir
uns mit ihm nach seiner Regierungserklärung auseinanderset
zen. Unsere Ablehnung heute begründen wir mit unseren an
deren politischen Zielvorstellungen und mit dem Vorgang
dieser Senatsbildung, auf die ich hier in der gebotenen Kürze
eingehen möchte.
Sie, Herr Diepgen, übertragen einem Herrn, der schon in der
letzten Legislaturperiode seine Professur an der Münchener
Universität nicht aufgab, zusätzlich zu seinem Senatorenamt als
Senator für Bundesangelegenheiten nun noch die Verantwor
tung für die Justiz. Darunter muß die Berliner Präsenz in Bonn
leiden.
[Beifall bei der SPD]
Hat Ihnen, Herr Diepgen, noch nicht gereicht, daß die Bundes-
regierung bei den Verhandlungen mit der DDR die Einbezie
hung Berlins schlicht vergessen hat?
[Beifall bei der SPD]
Die Vertretung Berlins in Bonn ist uns Sozialdemokraten zu
wichtig, als daß man sie nebenbei, neben der Professur in Mün
chen und neben der Arbeit als Justizsenator, machen sollte.
[Beifall bei der SPD]
Ihre Entscheidung, Herr Diepgen, die Senatsverwaltung für
Arbeit zu zerschlagen, verurteilen wir schärfstens.
[Beifall bei der SPD]
Das Arbeitsministerium ist das klassische Ressort der Inter
essenvertretung der Arbeitnehmer in einer Regierung. Sie
berauben - als erster Chef einer Landesregierung in der Bun
desrepublik Deutschland - die Arbeitnehmer dieser Anlaufposi-
lion. Herr Diepgen, Sie sind aber auch der erste Kandidat für
den Posten des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, der es
unterließ, vor der Senatsbildung mit den Gewerkschaften zu
sprechen. Das wiegt besonders schwer angesichts Ihres Vor
habens in bezug auf die Senatsverwaltung für Arbeit.
[Beifall bei der SPD]
Sie ordnen einen Teil der Arbeitsverwaltung dem Wirtschafts
senator zu, dem klassischen Ressort der Unternehmervertre
tung. Der DGB wirft Ihnen in diesem Zusammenhang vor, daß
Sie die Arbeitnehmer zur absolut abhängigen Manövriermasse
unternehmerischer Entscheidungen degradieren wollen.
[Gelächter bei der CDU]
Sie unterstellen als Folge der Zerschlagung des Arbeitssenats
die Aufsicht über die Schiedsstelle zur Regelung von Konflikten
zwischen den Krankenhäusern und den Krankenversicherun
gen dem für die Krankenhäuser zuständigen Sozialsenator. Der
Vorstand der AOK, also Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemein
sam, hat Sie davor gewarnt und auf die Rechtslage verwiesen.
Der AOK-Vorstand schrieb:
Gerade in dieser Stadt, in welcher die Versicherten und (C)
ihre Arbeitgeber für die Krankenhäuser deutlich höhere
Beitragsanteile aufzubringen haben als im übrigen Bun
desgebiet, müssen das Abgeordnetenhaus und der Senat
besondes bedacht sein, daß die in der Reichsversiche
rungsordnung für die Austragung dieser Konflikte vorge
schriebene Schiedsstelle im Rahmen der Ressortierung
der Senatorenämter den vom Bundesgesetzgeber
gewünschten neutralen Platz findet
Wir teilen die Auffassung des AOK-Vorstandes. Wir verurteilen,
daß Sie der AOK bis zum heutigen Tage nicht einmal eine Ant
wort zuteil werden ließen. Sie verhalten sich gegenüber der
Krankenversicherung genauso ignorant wie gegenüber den
Gewerkschaften. Das gibt zu denken!
[Beifall bei der SPD]
Die Zuordnung der Abteilung Berufliche Bildung aus der
ehemaligen Arbeitsverwaltung zum Schulsenator ist - bitte, ver
übeln Sie mir das nicht - in meinen Augen ein Treppenwitz.
Ausgerechnet Sie, meine Damen und Herren von der CDU und
von der F.D.P., die Sie die Verantwortung der Wirtschaft für die
Berufsausbildung in diesem Lande sonst gar nicht genug beto
nen können, schlagen die politische Veranwortung für die
Berufsausbildung der Schulverwaltung zu! Wenn uns so etwas
eingefallen wäre, hätten Sie uns vorgeworfen, wir wollten die
Berufsausbildung verschulen. Was Sie hier tun, ist unverant
wortlich, weil besonders der Berufsausbildung, und zwar der
Erstausbildung genauso wie der Fort- und Weiterbildung, zu
künftig eine noch größere Aufgabe zukommt als bisher.
[Beifall bei der SPD und der AL]
Noch zwei Feststellungen: Die CDU und Sie, Herr Diepgen,
versuchen, sich zunehmend in der Frauenpolitik zu profilieren;
aber auch hier steht Ihr Handeln in klarem Widerspruch zu
Ihren Worten.
[Beifall bei der SPD und der AL] ^
Das wird unter anderem dadurch deutlich, daß die Frauenbeauf
tragte des Senats nicht in Ihrem unmittelbaren Zuständigkeits
bereich angesiedelt, sondern der Familienpolitik zugeordnet
wird. Frauenpolitik ist eine ressortübergreifende Aufgabe!
Wenn das richtig ist, dann bedeutet ihre Zuordnung zur Fami
lienpolitik eine Einengung, die wir ablehnen.
[Beifall bei der SPD und der AL]
Gleiches gilt für die Ausländerbeauftragte. Sie wird dem
Sozialsenator zugeordnet. Wer es mit der Integration ernst
meint, kann diese Integration doch nicht allein als eine soziale
Frage ansehen. Auch die Tätigkeit der Ausländerbeauftagten
gehört in die unmittelbare Verantwortung des Regierenden Bür
germeisters. Es stimmt mehr als bedenklich, daß Sie, Herr Diep
gen, die Verantwortung dafür nicht übernehmen wollen.
[Beifall bei der SPD und der AL]
Wir werden uns nachher an der Aussprache über die vorge
sehenen Senatoren nicht beteiligen. Natürlich haben wir zu den
einzelnen Damen und Herren, die Sie für die Senatsämter vor
schlagen, eine sehr differenzierte Meinung. Wir werden unsere
Erwartungen an die Senatoren im Rahmen der Diskussion über
die Regierungserklärung zum Ausdruck bringen. Folgendes
aber zu den Personalvorschlägen schon heute:
Ihre Absicht, Herrn Wronski wieder ein Senatsamt zu übertra
gen, nachdem er es zuließ, daß Sie die Senatsverwaltung für
Arbeit zerschlagen, spricht nicht für die Qualität dieses Herrn,
spricht nicht für die Qualität Ihres Vorschlags.
[Beifall bei der SPD]
Ebensowenig gilt das für Ihre Absicht, Herrn Franke erneut ein
Senatsamt zu übertragen, obwohl im Untersuchungsverfahren
viele Fragen offengeblieben sind.
[Beifall bei der SPD und der AL]
Ebensowenig überzeugt Ihr Vorschlag, Herrn Vetter erneut
das wichtige Umweltressort zu übertragen, in dem er schon in