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Volume Nr. 69, 14. Juni 1984

Full text: Plenarprotokoll (Public Domain) Issue1983/84, 9. Wahlperiode, Band IV, 54.-70. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode 
69. Sitzung vom 14. Juni 1984 
(A) 
(B) 
Sen Vetter 
und unteren Luftwege bei Kindern in Berlin“ ist noch 
nicht abgeschlossen. Die Ergebnisse sind zum Jahres 
ende zu erwarten. 
Aus einer mehrmonatigen Untersuchung des Bundes 
gesundheitsamtes in den Wintern 1982/83 und 
1983/84 über die Auswirkung von Luftverunreinigungen 
auf die Atemwege an ausgewählten Personengruppen 
der Berliner Bevölkerung geht - obwohl das Ergebnis 
noch nicht schriftlich vorliegt - hervor, daß akute Symp 
tome wie Bronchitis oder Atemwegswiderstandserhö 
hung nicht auftreten. 
Eine Umfrage des Senats bei Chefärzten der Berliner 
Krankenhäuser ergab, daß ein Zusammenhang zwi 
schen den in Krankenhäusern aufgenommenen Patien 
ten mit Atemwegserkrankungen und dem Grad der Luft 
verunreinigung nicht bestätigt werden konnte. Die Klage 
von Kinderärzten („Bild“ vom 19. April 1984) läßt sich 
derzeit mit den bisherigen Fakten und Erkenntnissen 
über die Auswirkungen von Luftverunreinigungen eben 
falls wissenschaftlich nicht belegen, allerdings im 
Hinblick auf die hohe Schadstoffkonzentration insoweit 
auch nicht ausschließen. 
In den letzten 10 Jahren sind bei Kleinkindern bis zu 
4 Jahren Todesfälle akuter Bronchitis zwischen 0 bis 
4 Fällen pro Jahr, an chronischen Erkrankungen der 
Atemorgane zwischen 0 und 2 Fällen pro Jahr und an 
sonstigen Erkrankungen der Atemorgane zwischen 0 
und 1 Fall pro Jahr aufgetreten. Eine Tendenz zum An 
stieg dieser Atemwegserkrankungen läßt sich aus 
diesen Zahlen nicht ablesen. 
Die Statistik weist Todesursachen bei Kleinkindern 
bis zu 4 Jahren „Tod durch Ersticken“, „plötzlicher Kin 
dertod“, „Ursache unbekannt“ nicht gesondert aus. 
Meine Damen und Herren, ich weiß, daß zumindest 
Teile der Opposition - so zynisch das auch ist - es 
gerne hören würden, wenn ich die Frage nach erhöhter 
Krankenzahl und Sterblichkeit aufgrund von Luftver 
schmutzung eindeutig bejahen würde. Ich kann das gu 
ten Gewissens nicht tun, weil ich mich als Politiker an 
die Ausssagen von Wissenschaftlern halten muß. Einen 
Zusammenhang aber völlig in Abrede zu stellen, das ver 
bietet der gesunde Menschenverstand. 
Aber ich kann auch nicht unwidersprochen hinnehmen, 
daß in der Großen Anfrage von der AL behauptet wird, 
daß alle Senate sich seit 1976 beharrlich weigern, 
durchgreifende Verbesserungen der Luftsituation einzu 
leiten. Ich habe Ihnen dargestellt, welche Maßnahmen 
kurz- und mittelfristig umgesetzt werden. 
Meine Damen und Herren, soweit mein Bericht zur 
Großen Anfrage „Kranke Umwelt - kranke Menschen“. 
Die zweite Große Anfrage beschäftigt sich mit dem Bio 
top- und Artenschutz in Berlin. Hierzu will ich folgende - 
wiederum gekürzte - Stellungnahme abgeben: 
Der Senat ist sich bewußt, daß das Leben und Überle 
ben der Bürger unserer Stadt nicht zuletzt von der 
Sicherung unserer natürlichen Ressourcen abhängt, zu 
denen auch eine vielfältige vitale Tier- und Pflanzenwelt 
samt ihren Lebensräumen und Biotopen gehört DieTier- 
und Pflanzenwelt ist nicht nur ein wesentliches Element 
im Gefüge der natürlichen Lebensgrundlagen, sie ist 
auch der entscheidende Indikator für Qualität und Zu 
stand der Umweltbedingungen insgesamt. Das vielleicht 
etwas dramatisch formulierte Wort „Erst stirbt der Baum, 
dann der Mensch“ gewinnt vor diesem Hintergrund eine 
sehr ernste Bedeutung. Biotop- und Artenschutz zu be 
treiben ist für den Senat daher mehr als ein Schlagwort, 
es ist ein aktuelles Teilstück seiner langfristigen Umwelt 
politik. 
Die Bedeutung, die der Senat dem Schutz von Flora 
und Fauna - immer verbunden mit der Sicherung ihrer 
Lebensräume - beimißt, geht unter anderem aus der 
Erarbeitung der „Roten Listen der gefährdeten Pflanzen 
und Tiere in Berlin (West)“ hervor; die Roten Listen ge 
ben die Ergebnisse eines Colloquiums über Rückgang, 
Gefährdung und Schutz der Flora und Fauna in Berlin 
(West) wieder, das bereits im Juni 1980 vom Landes 
beauftragten für Naturschutz und Landschaftspflege zu 
sammen mit der obersten Naturschutzbehörde durchge 
führt wurde. Die Berliner „Roten Listen“ stellen die 
ersten Listen dieser Art für einen Stadtstaat bzw. für eine 
Großstadt dar. Im Vergleich zu den Roten Listen der 
übrigen Bundesländer sind sie besonders umfassend. 
Das bedeutet, daß vollständige Gefährdungs-Listen für 
fast 1 300 Pflanzenarten und 1 700 Tierarten vorliegen. 
Aus den Roten Listen, die selbstverständlich zu ergän 
zen und fortzuschreiben sind, werden die in Berlin 
bereits gegenwärtig und in der Zukunft zu realisierenden 
Pläne und Maßnahmen für den Biotop-und Artenschutz 
abgeleitet. 
Grundsätzlich ist im Gebiet von Stadtstaaten bzw. von 
Ballungszentren mit einer relativ hohen Gefährdung vop 
Flora und Fauna zu rechnen, da allein schon die flächen 
mäßige Ausdehnung der einzelnen Lebensräume gering 
ist und kritische Bestandsgrößen dadurch eher erreicht 
werden als in Flächenstaaten. Hinzu kommt, daß die An 
zahl und Intensität von Eingriffen in Natur und Land 
schaft, gemessen an der Fläche in einem Ballungsge 
biet, wie Berlin es darstellt, in der Regel größer und ein 
schneidender sind als in ländlich geprägten Gebieten. 
Zu dieser generellen, für Ballungsräume spezifischen 
„Grundbelastung“ für die Tier- und Pflanzenwelt kommt 
noch der unmittelbare und definitive Verlust von Lebens 
räumen, der mit der Überbauung, Versiegelung und 
Durchschneidung offener, biologisch aktiver Rächen im 
Laufe der Stadtgeschichte bis in die jüngste Zeit verbun 
den ist. Andere Faktoren, die zu Bestandes-Dezimierun- 
gen bestimmter Arten führen, treten hinzu: Grundwas 
serabsenkungen der letzten Jahrzehnte führen dazu, daß 
die um 1950 noch vorhandenen Moore heute entweder 
verschwunden oder in ihrem Bestand unmittelbar be 
droht sind; Moore gehören heute zu den in unserer Stadt 
am stärksten gefährdeten Biotopen. Der hohe Gefähr 
dungsgrad der ursprünglichen Vegetation und Fauna 
unserer Fließgewässer, deren Lebensräume ge- 
meinsam mit den Mooren an der Spitze 
der gefährdeten Biotope stehen, ist auf die 
ständig wachsende chemische Beladung der Gewässer 
sowie auf die mechanische Belastung der Uferbereiche 
durch die Schiffahrt, besonders durch die Lastschiffe 
und Motorboote (Wellenschlag, Röhrichtvernichtung) 
zurückzuführen. Die auf Feuchtgebiete und kleinere 
stehende Gewässer angewiesene Flora und Fauna steht 
derjenigen der beiden zuerst genannten Biotope in ihrer 
Gefährdung nur wenig nach: 
Verfüllung, Verschmutzung und technischer Verbau von 
Teichen und Pfuhlen, Trockenlegung, Aufschüttung 
oder Überbauung von Feuchtwiesen und Auenberei- 
chen haben auch diese Standorte gefährlich dezimiert 
und überfremdet. Eine immer noch häufig anzutreffende 
falsche „Pflege“ von Grünflächen, Hausgärten, Kleingär 
ten und anderen Freiflächen, die sich weniger an ökolo 
gischen Erkenntnissen als an naturfremden Idealen von 
Ordnung und Sauberkeit orientiert, trägt - insbesondere 
durch das Einbringen chemischer Pestizide und Herbizi 
de in unsere Umwelt - ein übriges dazu bei, Lebensräu 
me und Überlebensmöglichkeiten für wildlebende Tiere 
und wildwachsende FTIanzen einzuengen oder zu vergif 
ten. 
Von den ca. 1 000 in Berlin (West) ursprünglich ein 
heimischen Farn- und Blütenpflanzen sind etwa 550, 
das heißt mehr als die Hälfte, ausgestorben oder gefähr 
det; unmittelbar vom Aussterben bedroht sind gegen 
wärtig 145 Arten. Bei den Farnen steigt die Gefähr- 
(C) 
(D) 
4211
	        
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