Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
54. Sitzung vom 7. Dezember 1983
(A) Behr(AL): Meine Damen und Herren! Wenn man mit so einer
Beschlußempfehlung konfrontiert wird, spielt sich ja die eigene
Stellungnahme zunächst einmal immer auf der Gefühlsebene
ab. Das will ich auch selber hier ganz offen sagen. Und meine
Stellungnahme bitte ich auch in dem Sinne zunächst einmal zu
verstehen. Ich sage jetzt mal ganz offen; Wir haben eine Bro
schüre bekommen von dieser Europäischen Wirtschaftshoch
schule, in der heißt es: „Fragen der Unternehmensführung neh
men den zentralen Platz ein.“ - Ganz klar, AL hört: Manager, -
also ist man dagegen. So spielt es sich auf der Gefühlsebene
ab. Dann habe ich etwas näher gelesen: Themen, mit denen
man sich beschäftigt hat, und da ist eines der Themen, das
behandelt wurde: Untersuchung des europäischen Müsli-Mark
tes. - Müsli, ganz klar: AL dafür. - Und so spielt sich das auf der
Gefühlsebene ab - um das nicht alles dauernd so tierisch ernst
zu nehmen. So war es natürlich auch bei mir.
Nun aber zu dem sachlichen Teil: Positiv spricht für diesen
Gedanken zweierlei: Erstens die Pflege des Europa-Gedan
kens. Die Studenten, die da ausgebiidet werden, werden ja aus
gebildet in Paris, in Oxford und in Düsseldorf, und der Gedanke
ist ja, die Ausbildung von Düsseldorf nach Berlin zu bringen.
Und positiv spricht auch unmittelbar dafür; Das ist eine gute
Sache, wenn das nach Berlin kommt.
Wenn man nun aber genauer hinsieht, dann sprechen doch
eher Argumente dagegen, und diese Argumente, die dagegen
sprechen, sind bei mir verstärkt worden nach Anhörung der
Vertreter dieser Hochschule. Und zwar ist es einmal der Punkt:
Man könnte ja sagen: Warum nicht? - wenn es tatsächlich bei
der Kostenfrage so gestaltet wäre, daß die Industrie, die
wesentlich hinter einer solchen Managerschule natürlich steht,
auch die Kosten trägt. Aber der Steuerzahler wird mit zur Kasse
gebeten. Es ist vorgesehen, daß 1,4 Mio DM so geteilt werden,
daß die Hälfte die EG trägt und die andere Hälfte der Berliner
Steuerzahler. Nun kann man sagen: Nun ja, 700000 DM sind
kein Grund zu großer Aufregung. - Aber auf der anderen Seite
(B) fragt man sich dann: Warum legt dann die Industrie so unbe
dingt großen Wert darauf, diesen Anteil vom Staat zu bekom
men? - Es geht da also offenbar um die Einbindung des Staa
tes bei diesem Projekt, und da melden sich dann doch erheb
liche Bedenken an.
Es kommt als weiteres Moment hinzu, daß tatsächlich die Stu
denten bei dem Studium in Deutschland mit knapp 1 500 DM
pro Monat belastet werden, wie in der Broschüre deutlich zuge
geben wird. Und tatsächlich wurde auf Fragen erklärt, daß sage
und schreibe nur drei bis vier der Studenten wirklich BAföG-
Empfänger sind. Das verstärkt den Eindruck, daß es sich um
eine ausgesprochene Elite-Ausbildung handelt.
Und ein dritter Gesichtspunkt, die Frage: Ausbildungsstätte
nach Berlin? - Herr Sauberzweig hat die Frage dazu gestellt;
Ist denn Düsseldorf eigentlich so begeistert davon, daß nun
eine Ausbildungsstätte nach Berlin kommt? - Das ist nicht
deutlich genug beantwortet worden. Und außerdem haben wir
ja in Berlin Ausbildungsstätten auch für diesen Bereich. An der
Technischen Universität werden Diplom-Betriebswirte aus
gebiidet und an der Fachhochschule für Wirtschaft graduierte
Betriebswirte. Also auch das spricht für uns eigentlich dafür,
daß wir nicht einsehen, warum diese Stätte nach Berlin kom
men soll, unter Abwägung dessen, daß sicherlich auch Argu
mente dafür sprechen. - Danke schön!
[Beifall bei der AL]
Stellv. Präsident Longolius: Nächster Redner ist der Kol
lege Dr. Haase.
Dr. Haase (CDU): Herr Präsident! Meine sehr verehrten
Damen und Herren! Herr Kollege Sehr, ich weiß nicht, wo Sie
bei den Ausschußberatungen gewesen sind. Denn die Fragen,
die Sie nach wie vor für strittig halten, haben wir in den Aus
schüssen eingehend erörtert. Es ist schon ein bißchen eigenar
tig, wenn Sie sagen, nur drei bis vier Personen kriegen dort
BAföG, was zutreffend ist. Dann müssen Sie doch aber bitte
hinzufügen, daß gegenwärtig von dem Kurs, von dem die Rede (C)
ist, nur neun Personen die deutsche Staatsangehörigkeit
haben. Dann müssen Sie hinzufügen, daß natürlich nur die
BAföG-berechtigt sind, und das wären dann knappe 50 %. Wo
haben Sie das ansonsten an deutschen Hochschulen?
Oder das zweite Argument, das Sie mit dem deutschen
Standort ins Spiel gebracht haben: Sie wissen sehr genau -
oder wissen es offensichtlich nicht -, daß Düsseldorf keine
Wirtschaftshochschule und an der Universität auch keine wirt
schaftswissenschaftliche Fakultät hat und daß darüber hinaus
natürlich die Reihenfolge Paris, Oxford und dann Berlin
unserem Berliner Interesse als Wirtschafts- und Wissen
schaftsstandort zur Ehre gereicht.
Für uns ist diese Europäische Wirtschaftshochschule und
deren Ansiedlung hier in Berlin eine Zukunftsinvestition für
diese Stadt. Einmal gilt diese Feststellung natürlich generell für
die Ausbildung in dieser Stadt: Wer in Berlin seine Lehrjahre
verbringt, wird zu einem besonderen Botschafter dieser Stadt,
zu einem Freund Berlins, wo immer er auch später arbeiten und
leben mag.
Zum zweiten absolviert bereits heute rund ein Drittel der Stu
denten dieser Wirtschaftshochschule hier in Berlin bei Berliner
Betrieben ein Praktikum.
Drittens schließlich ergeben sich hieraus Chancen für eine
Verbesserung der Kooperationsmöglichkeiten Berliner Unter
nehmen mit denen innerhalb der Europäischen Gemeinschaft.
In den Ausschüssen haben wir im wesentlichen die wirt
schaftspolitischen, aber auch die wissenschaftspolitischen
Fragen einvernehmlich diskutiert und hier ein Interesse des
Abgeordnetenhauses von Berlin an der Ansiedlung dieser
Dependance in Berlin klargestellt.
Der Senat von Berlin kann nach dem heutigen Beschluß offi
zielle Verhandlungen mit der Industrie- und Handelskammer in
Paris sowie mit der Europäischen Gemeinschaft aufnehmen. /q\
Stellv. Präsident Longolius: Gestatten Sie eine Zwischen
frage, Herr Dr. Haase?
Dr. Hasse (CDU): Ja, natürlich.
Stellv. Präsident Longolius: Herr Behr, bitteI
Behr (AL): Schönen Dank! - Nur eine kurze Richtigstellung
der Zahlen. Ich habe hier das Protokoll über die entsprechende
Sitzung des Wissenschaftsausschusses: Es sind zwölf deut
sche Studenten, davon drei bis vier mit BAföG, nicht neun, son
dern zwölf.
Dr.Haase (CDU): Einverstanden! Ich bitte dann um Ent
schuldigung, da habe ich mich vorhin in der Zahl geirrt. Aber
auch bei zwölf Studenten wäre das immerhin noch ein Drittel,
das BAföG bekommt.
Bei diesen Verhandlungen mit der Europäischen Gemein
schaft und der Industrie- und Handelskammer in Paris wird
natürlich auch die finanzielle Mitträgerschaft jeweils bespro
chen werden, der eben eine europäische Wirtschaftshoch
schule bedarf. Über die Ergebnisse dieser Planungen wird der
Senat dem Abgeordnetenhaus bis zum 31. März 1984 einen
Bericht vorlegen.
Wir wünschen diesen Verhandlungen einen erfolgreichen
und zügigen Verlauf, damit die Europäische Wirtschaftshoch
schule in der Jahresmitte 1984 bereits in Berlin ihre Arbeit auf
nehmen kann. Aus diesen Gründen stimmen wir der Druck
sache 9/1493 in der Fassung der Beschlußempfehlung des
Hauptausschusses zu.
[Beifall bei der CDU]
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