Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
62.Sitzung vom 23. Februar 1984
Swinne
(A) in den vergangenen Monaten stets eindeutig für die Einbezie
hung der S-Bahn in das Verkehrsnetz unserer Stadt nicht nur
ausgesprochen und in diesem Sinne gehandelt haben. Mein
Kollege Fabig hat sich rechtzeitig dafür eingesetzt, daß der
Nord-Süd-Tunnel nicht langfristig eingemottet wird. Die Einbe
ziehung des Nord-Süd-Tunnels ist nicht nur verkehrlich wün
schenswert, sondern gesamtpolitische Gründe lassen es nicht
vertretbar erscheinen, daß wir von unserer Seite auf einen Zu
gang nach Ost-Berlin auf Dauer freiwillig verzichten.
[Beifall bei der F.D.P.]
Jedes Tor in der Mauer dient konkret den Bürgern hier wie drü
ben. Wir wissen, im Frühjahr ist dieser Weg wieder offen.
Wenn ich vorhin sagte, daß ich Herrn Freudenthal einen
sachgerechten Blick für die Fragen des Umweltschutzes in der
Stadtentwicklung unterstelle, so bezog sich diese Bemerkung
insbesondere auf die Frage 2 der Großen Anfrage der AL-Frak-
tion. In der Tat ist die S-Bahn ein Stück Stadtgeschichte. Sie ist
aber auch mit ihren großen, flächenintensiven Anlagen ein
Stück Gegenwart, das der Integration in den Alltag bedarf. Die
S-Bahn mit ihren Ingenieurbauten aus dem letzten und aus
diesem Jahrhundert hat das Gesicht unserer Stadl in positivem
Sinne geprägt. Die S-Bahn war und ist ein Stück Berliner
Stadtlandschaft, Sie ist - und das hat insbesondere die große
Begeisterung über die S-Bahn an diesem Jahresende gezeigt -
auch ein Stück Identifikation der Berliner mit Berlin, das jeder
Stadtbewohner braucht, um sich in seiner Stadt wohlzufühlen.
Die U-Bahn hat meines Erachtens bis heute noch nicht das Le
bensgefühl der Berliner emotional so geprägt wie die Stadt
oder Schnellbahn in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Die
S-Bahn war einst ein enormer, leistungsfähiger Nahverkehrsträ
ger und war dabei preußisch schlicht Aus diesem Grunde
sollte die S-Bahn wieder erneuert werden. Die verkehrspoli
tische Bedeutung der Inbetriebnahme weiterer S-Bahn-Strek-
ken ist deshalb so groß, weil durch die S-Bahn eine solide An-
bindung insbesondere der Außenbezirke und der Erholungsge-
'■ ' biete für die Bevölkerung garantiert wird. Ich erkläre deshalb er
neut für meine Fraktion, daß wir der Auffassung sind, daß die
folgenden Strecken in diesem Jahr in Betrieb gesetzt werden:
Möglichst bis zum 1. Mai schon sollte die S-Bahn-Strecke nach
Frohnau wieder in Betrieb gesetzt werden. Zum 1. Mai - das hat
der Regierende Bürgermeister ja heute in seiner Regierungs
erklärung ausgeführt - wird auch die Stadtbahnstrecke über
Grunewald nach Wannsee fahren. Wir kennen die Schwierig
keiten mit der Wannseestrecke; es gibt dort Schwierigkeiten im
technischen Bereich, die nicht zulassen, sie umgehend in Be
trieb zu setzen. Wir sind jedoch der Auffassung, daß spätestens
bis zum Frühjahr 1985 diese Schwierigkeiten technisch gelöst
sein müssen. Der Senat sagt ja selber, daß wir so kreativ sind in
der industriellen Produktion in unserer Stadt
[Beifall bei der F.D.R. - Rasch (F.D.P.): Genau!]
Ein Verschleppen der Termine der Inbetriebnahme dieser
Strecken würde massiv die erwünschte Reaktivierung der
S-Bahn in Berlin behindern.
Zur aktuellen Situation, zum Einstieg der BVG in die S-Bahn,
möchte ich noch einige kritische Anmerkungen machen, ich be
dauere es bis heute, daß die BVG, die, wie die letzte Sitzung
des zuständigen Ausschusses zeigte, durchaus nicht an Perso
nalmangel, zum Beispiel auf dem Busbahnhof Cicerostraße, lei
det, bis heute nicht in der Lage war, in hinreichender Weise im
U-Bahnbereich auf die Existenz der beiden S-Bahn-Strecken
hinzuweisen. Weder auf den U-Bahn-Streckennetzplänen in
den U-Bahn-Wagen noch auf den großen Stadtplänen, die auf
jedem U-Bahnhof aushängen, wird auf die Existenz der beiden
Einstiegsstrecken hingewiesen. Hier hätte per Aufkleber das
notwendige Kartenmaterial schnell ergänzt werden können. Auf
den Fahrkartenautomaten im U-Bahn-Bereich ist bis heute kein
Hinweis zu finden, daß die Fahrkarten für Bus und U-Bahn auch
auf den S-Bahn-Strecken Gültigkeit haben. Dies ist keine kun
denfreundliche Haltung der BVG. Lediglich auf der „Information
für Fahrgäste“, einem Handzettel für Fahrgäste, den es unter an
derem in den Bussen gibt sind die S-Bahn-Strecken klein und
mickrig neben den kräftig gezeichneten U-Bahn-Linien eingetra
gen. Ich bedauere auch, daß, obwohl die S-Bahn-Wagen größer
als die der U-Bahn sind, die BVG restriktiv angeordnet hat, daß
Gepäck im S-Bahn-Betrieb fahrgeldpflichtig ist.
[Momper (SPD): Geben Sie doch Ihren Zettel
zu Protokoll!]
Und ich bedauere, daß Kinderwagen im S-Bahn-Betrieb fahr
geldpflichtig sind und daß die Mitnahme von Fahrrädern wie bei
der U-Bahn zeitlich eingeschränkt ist Das sind alles kleine Maß
nahmen, die Ärger erzeugen und die den Ruf der BVG nicht för
dern, als S-Bahn-freundlich zu gelten.
[Rasch (F.D.P.): Sehr richtig!]
Mittelfristig muß in Berlin das Tarifgefüge der BVG neu über
dacht werden. Meine Fraktion ist mit anderen der Auffassung,
daß der gegenwärtige Einheitstarif bei der BVG nicht mehr zeit
gemäß ist. Wir brauchen in absehbarer Zeit einen Tarif in drei
Stufen gestaffelt: einen Kurzstreckentarif, einen Normaltarif und
einen Tarif für längere Strecken. Es ist für uns nicht einsichtig,
daß man für rund 2 Mark eine Station fahren kann und für den
selben Betrag von Spandau bis nach Rudow. Hier stimmen die
Leistungen, die von der BVG erbracht werden, nicht mit dem
überein, was der Fahrgast zahlt.
[Staffelt (SPD); Kommen Sie doch einmal
in den Ausschuß für Betriebe, und machen Sie
sich dort sachkundig! - Weitere Zurufe von der SPD -
Glocke des Präsidenten]
Seit der Stillegung der S-Bahn-Strecken Anhalter Bahn
hof-Wannsee sind weder an den Bahnhofs- noch an den Gleis
anlagen notwendige Reparatur- oder Reinigungsarbeiten
durchgeführt worden. Die Bahnhöfe befinden sich teilweise in
einem sehr verwahrlosten Zustand, Am Rande der Gleise wach
sen Bäume und Büsche, die das Befahren der Strecke behin
dern. Nach Auffassung meiner Fraktion sollte der Senat prüfen,
ob vor den eigentlichen Instandsetzungsarbeiten, wie zum Bei
spiel Maurer- oder Malerarbeiten, Überprüfung der Gleise usw.,
alle Aufräumarbeiten und Säuberungsaktionen auf den Bahn
höfen und Strecken nicht auch zum Teil durch ABM-Kräfte als
vorbereitende Maßnahmen durchgeführt werden können. Auf
diese Weise könnten neue Arbeitsplätze im ABM-Programm ge
schaffen werden.
[Staffelt (SPD); Das ist ja unglaublich!]
Der öffentliche Nahverkehr ist in Berlin keine gewinnbrin
gende Veranstaltung; weniger als 40 % fährt die BVG durch ihre
Tarife ein. Die BVG macht in einem Jahr rund eine halbe Mil
liarde DM Verlust. Auch meine Fraktion weiß, daß die Bezu
schussung des öffentlichen Nahverkehrs finanzielle Grenzen
einhalten muß. Wir sind davon überzeugt, daß die Rationalisie
rungsmaßnahmen bei der BVG noch nicht ausgeschöpft wor
den sind. Ich erwähnte schon vorhin die Merkwürdigkeiten der
Personalausstattung auf dem Busbahnhof Cicerostraße. Ich
teile auch in diesem Zusammenhang die Auffassung der SPD-
Fraktion, die sie in ihrer Begründung ihres Antrags über die Auf
rechterhaltung des Betriebs von S-Bahn-Strecken gegeben hat.
Bei der BVG wird jährlich eine große Zahl von Mitarbeitern, ins
besondere im Omnibusbetrieb, fahrdienstuntauglich. Die BVG
hat seit Jahren - sagt die SPD - einen Bestand von 500 bis 600
fahrdienstuntauglichen Mitarbeitern unterzubringen. Ohne
höhere finanzielle Belastung für die BVG wäre ein Teil dieser
fahrdienstuntauglichen Mitarbeiter bei der gesundheitsverträg
lichen S-Bahn einzusetzen. Dieser Auffassung bin ich auch.
Auch dieser Raubbau an Arbeitskräften spricht dafür, das Bus
netz zu Gunsten des schienengebundenen Verkehrs umzu
strukturieren.
Wir haben wiederholt erklärt, daß für uns im Rahmen des
öffentlichen Nahverkehrs der schienengebundene Verkehr Vor
rang vor dem Bus hat. S- und U-Bahn werden in Berlin nur dann
eine Zukunft haben, wenn das Busnetz zum Zubringer der
Schiene umstrukturiert wird. Das bisherige Busnetz und die
S-Bahn noch zusätzlich, das können wir uns finanziell nicht
leisten. Wir können uns aber auch nicht leisten - um des lieben
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