Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
62. Sitzung vom 23. Februar 1984
RBm Diepgen
(A) Den Ausländern, insbesondere den 120 000 Türken bei uns,
sage ich: Sie alle, sie leben und arbeiten in unserer Mitte, und
dieser Senat weiß, daß er Verantwortung für sie trägt.
[Starker Beifall bei der CDU und der F.D.P. -
Dr. Köppl (AL): Das sagen Sie mal der Witwe
von Kemal Altunl]
Wenn es eine spezifische Rolle in der Vergangenheit gege
ben hat und in der Gegenwart gibt, die im nationalen und inter
nationalen Zusammenhang herausragt, dann ist es die einer
europäischen Kulturmetropole, in der Wissenschaft und Kultur
zu Hause sind.
[Momper (SPD): Das ist nicht aus der Abteilung
„ewige Wahrheiten“, sondern aus der Abteilung
„ewige Plattheiten“!]
Kultur begreift dieser Senat nicht nur das Feld der willkomme
nen Annehmlichkeiten nach Feierabend, nicht als eine luxuriö
sen Zusatz, sondern als Bestandteil grundlegender Lebens
orientierung und Suche nach Identität.
[Wachsmuth (AL): KuKuCKI]
Unser Ehrenbürger Shepard Stone berichtet gern von einer Er
fahrung, die ihn als Besatzungsoffizier im zerstörten Berlin tief
beeindruckt hat - ich glaube, Ihnen wird es ebenso gehen -:
Die ersten Berliner, die damals notdürftig gekleidet, hungrig
und ohne ein richtiges Dach über dem Kopf bei ihm vorstellig
wurden, die baten nicht um Brot, um Kohlen, um Baumaterialien
- von Fensterscheiben bis zu Dachbalken -, sondern sie baten
um Räume für Musik und Theater.
[Momper (SPD): Shepard Stone war ja auch nicht
Versorgungs-, sondern Kulturoffizier!]
Die Wiederherstellung des kulturellen Lebens als Grundlage,
nicht erst als Zusatz der materiellen Sicherung, das kennzeich
nete damals den Geist Berlins auf eindrucksvolle Weise.
(®) [Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Es geht bei dem Inhalt der Berliner Kulturpolitik nicht um die
Frage „Hochkultur“, „etablierte Kultur“, „Subkultur“ bzw.
„Gegenkultur“. Ein solcher Gegensatz ist konstruiert und Berlin
wesensfremd.
[Ulrich (SPD): Späte Erkenntnis!]
Die Stadt war immer ein Ort der Alternativentwürfe, des
Umbruchs und des Aufbruchs. Dafür stehen die Künstler der
Berliner Sezession von Liebermann bis Käthe Kollwitz genauso
wie die Vertreter des neuen Expressionismus von Baselitz bis
Fetting.
[Momper (SPD): Donnerwetter! - Dr. Köppl (AL):
Pankehallen? KuKuCK?]
Berlin hat an der kulturellen Identität Europas einen großen An
teil. Es trägt insbesondere als Brücke zwischen Ost und West
zu ihr bei, vom Theater bis zur Literatur, von der Musik bis zur
bildenden Kunst. Das erfordert und rechtfertigt einen gewalti
gen Aufwand, der notwendig ist, um die Spitzenleistungen zu
halten; Spitzenleistungen, mit denen dieses Erbe lebendig und
wirksam bleiben kann. Halbheiten kann es dabei nicht geben.
Wir bleiben auf ein zusätzliches Mäzenatentum und die Spen
denfreudigkeit aller, und zwar mehr als früher, angewiesen.
[Momper (SPD): Der Prinz von Preußen auch!]
Aber ich verweise mit Freude und auch weil es Ansporn geben
soll, auf die erfolgreichen Initiativen der letzten drei Jahre. Von
der Unterstützung des Ankaufs des Watteau bis hin zum Bar
nett Newman. Hier hat sich gezeigt: Kultur ist Sache des Bür
gers, und Kultur muß Sache der Bürger sein!
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Eine andere Aufgabe, der sich Berlin traditionell verpflichtet
weiß, ist die Pflege des „Humus“, der Mut zum Experiment,
[Momper (SPD): Für Humus sind Ristock und ich
als Kleingärtner zuständig!]
den Sie, Herr Momper, sicherlich nicht als Tradition in Ihrer Par
tei haben.
[Beifall bei der CDU - Protestrufe von der SPD -
Ulrich (SPD): Ihre Tradition ist eine „schlagende“!]
Mit allem Mut zum Risiko und mit allen Gefährdungen des Un
gefähren und Unausgegorenen muß dieses als Aufgabe
gesehen werden.
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Einige Projekte, mit denen wir in diesen Monaten kulturelle
Akzente setzen, will ich nennen;
Die Bildhauenwerkstatt im Wedding, ein neuer Ort schöpferi
scher Gestaltung, der Anstoß und Voraussetzung sein könnte,
an Berlins große Traditionen auf diesem Gebiet anzuknüpfen.
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Der Wintergarten in der Fasanenstraße,
[Momper (SPD): Ach der? - Verschleuderung
öffentlichen Eigentums!]
mit dem wir der Literatur ein neues Stadtquartier anbieten, ein
Romanisches Cafe neuer Prägung.
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Das Museum für Verkehr und Technik, mit dem wir Hundert
tausende von Berlinern ansprechen, die in dem bisherigen
Museumsangebot ihre Interessen nicht ausreichend erkennen
konnten.
Das frühere Hotel Esplanade, für dessen Finanzierung ich
mich selbst sehr energisch einsetzen werde. Es soll der Film
stadt Berlin einen zentralen Ort für die Filmschaffenden anbie
ten. Ich hoffe, daß die Filmwirtschaft diese Chance erkennt und
auch ihren Beitrag dazu leisten wird.
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Zu Berlin als Metropole gehört nach dem Verständnis des
Senats insbesondere die geplante Akademie der Wissenschaf
ten. Der Senat bereitet ihre Gründung vor, so daß sie 1987 ihre
Arbeit beginnen kann.
Berlin ist auch einer der wichtigsten Ausbildungsplätze der
Bundesrepublik Deutschland und bildet in hohem Maß über
den eigenen Bedarf aus. Dies ist eine Leistung, die wir bewußt
und gerne für alle Bürger der Bundesrepublik, für alle Bundes
länder erbringen. Und das soll auch so bleiben! Der Hochschul
gesamtplan, noch in dieser Legislaturperiode vorgelegt, wird
diese Zielsetzung unterstreichen.
Dabei wollen wir - um ein aktuelles Thema aufzunehmen - ein
sinnvolles Nebeneinander von Eliten- und Breitenausbildung
sowie den Wettbewerb zwischen den Hochschulen um die be
sten Professoren und Studenten.
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Deshalb bekennen wir uns auch zur Förderung der Eliten, denn
Begabungen müssen gefordert und gefördert werden.
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Arbeiten und Wohnen, soziale Verantwortungsbereitschaft
und kulturelle Ausstrahlung sind die wichtigsten Themen der
Regierungsarbeit
Das alles kann aber nur in einem Klima inneren Friedens
gedeihen. Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit sind
Grundlagen dafür. Der Senat bekennt sich zu der Aufgabe, die
liberalen Freiheitsrechte zu sichern und auszubauen. Ich sage
aber auch: Die Achtung aller vor dem Recht ist wesentliche Vor
aussetzung dafür.
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Wir Berliner danken denen, die die leider oft undankbare Auf
gabe haben, in schwierigen Situationen besonnen, verantwort
lich und wirkungsvoll einzugreifen. Sie hatten es oft sehr
schwer: Ich nenne stellvertretend Polizeibeamte, die Frauen
und Männer im Justizvollzugsdienst und alle anderen Mitarbei-
3712
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.