Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
61. Sitzung vom 16. Februar 1984
(A) Frau Dr. Laurien, Senatorin für Schule, Jugend und Sport:
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Aus dem, was Herr
Abgeordneter Fabig eben gesagt hat, ergibt sich ein hohes Maß
von Übereinstimmung. Einiges, Herr Fabig, was Sie kritisiert
haben, werde ich als keineswegs neu und schon immer geltend
darstellen müssen und auch darstelien können.
Lassen Sie mich zu den Sachpunkten und zu dem Konzept
dieses Gesetzes nur wenig sagen, weil wir ja in den Ausschüs
sen beraten werden: Selbstverständlich ist ein 17. Schulände
rungsgesetz - wie in allen anderen Ländern - kein großer Wurf.
Nachdem der sogenannte Wesentlichkeitsvorbehalt gilt, muß
jede pädagogische Änderung, die etwas Wichtiges darstellt,
eine gesetzliche Begründung haben. Dies war früher nicht so;
wir müssen hier selbstverständlich den Grundsätzen der Ge
richte und auch den uns auferlegten Grundsätzen folgen. Des
halb mußte eine Änderung, wie sie unserem Hauptschulkon
zept entspricht - daß Klasse 7 und 8 eine neue Lerneinheit
sind, daß dort Kinder mit günstigsten Klassenfrequenzen
wieder neu Erfolgserfahrungen finden dürfen -, ihre Spiege
lung in diesem Gesetz dadurch finden, daß die formale Verset
zung zwischen Klasse 7 und 8 der Hauptschule aufgehoben
wird. Wer da, Herr Abgeordneter Sehr, von einem Abkoppeln
der Hauptschule redet, der sollte einmal mitkommen in die
Hauptschulen, die nach diesem Konzept arbeiten; mit welcher
Freude, mit welchem großen Engagement berichtet wird, daß
Kinder, die immer die letzten in der Klasse waren, nun neue Er
folgserfahrungen und neue Gruppenbildung finden und zu
einer neuen Lernmotivation gelangen. Da sollte man nicht von
Abkoppeln sprechen, sondern von der Möglichkeit, in zwei be
sonders geprägten Jahren dann für mehr Kinder den Anschluß
in die Klassen 9 und 10 und für mehr Schüler den Hauptschul
abschluß zu erreichen als heute. Gerade durch diese Änderung
wird die Durchlässigkeit erhöht; denn was nutzt mir eine fiktive
Durchlässigkeit im 7. Schuljahr, die in der Praxis mit dem Ver
passen des Hauptschulabschlusses bezahlt wird, gegenüber
einem besonderen Weg, der mehr Kinder zum Hauptschul-
abschluß führt und der ihnen dann auch Durchlässigkeit
sichert?
[Beifall bei der CDU]
Meine Damen und Herren! Ich bin auch ein bißchen bestürzt,
daß der §39 - Berufsgrundschuljahr - von einigen so falsch
verstanden worden ist. Ich danke Herrn Fabig, daß er den
Grund für die Änderungsnotwendigkeit genannt hat, daß das
Berufsgrundbildungsjahr nicht von den Trägern der Ausbildung
sonst voll angenommen worden ist. Aber: Dieses Thema steht
bei uns nur ganz minimal zur Debatte; denn in den OSZ’s gab
es immer schon eine doppelte Anrechnung, die nie zum Tragen
gekommen ist: Einmal als Abiturient hatte er Anspruch auf eine
verkürzte Lehrzeit und dann noch einmal nach dem Berufs
grundbildungsjahr; und es gibt auch nach Rückfrage bei den
Kammern keinen einzigen Fall, wo die doppelte Anrechnung
gegriffen hätte, denn mit zwei Lehrjahren oder anderthalb
Lehrjahren ist da nichts zu machen, so daß diese Veränderung
keinerlei negative Auswirkung für den weiteren Bildungsweg
hat. Es wäre aber - und alle Oberstufenzentren haben darum
gebeten, es so zu machen - ein mögliches Austrocknen dieses
auch von mir für wichtig gehaltenen Weges zu fürchten gewe
sen, wenn dort dreieinhalb Jahre Oberstufe und in den anderen
Schulen drei Jahre Oberstufe gesetzt worden wären; dann
hätten wir einen Schülerrückgang, wie wir ihn uns wohl nicht
wünschten.
Was aber nun die Schüler angeht, die weder einen Arbeits
platz noch einen Ausbildungsplatz finden: Meine Damen und
Herren, muß man das denn immer wieder darstellen, daß, wenn
die in ein Berufsgrundbildungsjahr gehen mit 18 Stunden Fach
theorie, anschließend sich um eine Lehrstelle bewerben, die sie
ja schon im Jahr vorher nicht bekommen haben, und dann dem
die Lehrstelle Anbietenden sagen: Du mußt mir aber ein Jahr
anrechnen, - dann ist bisher - und reden Sie mit Schülern -
Umgehen der Vorschriften die Leitlinie gewesen. Ja ich habe
Anträge auf dem Tisch, wo junge Leute sagen: Der Betrieb muß
mir’s ja anrechnen, und deshalb nimmt er mich nicht! Das
sind doch aber ganz schwache Schüler, das sind doch nicht
Leute eines sonstigen Berufsgrundbildungsjahres als erstes (C)
Jahr der Lehre, sondern dies sind die - ich wiederhole es
bewußt -, die weder Ausbildungsplatz noch Arbeitsplatz fan
den. Und denen wollen wir, wie bisher, ein Vollzeitschuljahr
geben, aber ohne den Anrechnungszwang. Mit denen können
wir jetzt mehr Kulturtechniken üben, denen können wir mehr In
formationen für ihr späteres Leben geben, da sind wir nicht
mehr gebunden an die 18 Stunden Fachtheorie des Berufsfel
des, das dann für die Anrechnung durchschlägt Dies ist ein
Verbreitern der Chancen für die Schwachen und nicht etwa, wie
man meint, ein Abkoppeln aus irgendwelchen Zusammenhän
gen.
Meine Damen und Herren! Ich muß, damit hier kein falscher
Eindruck stehenbleibt, Herr Abgeordneter Schürmann, doch
feststellen - ich bin das eigentlich nicht von Ihnen gewohnt, Sie
lesen sonst sehr sorgfältig -, daß das, was Sie zur Probezeit ge
sagt haben, so einfach nicht zutrifft. Völlig richtig: Die Probezeit
für die Hauptschule gibt es nicht. Sie haben dann gesagt, sie
solle auf ein Jahr ausgedehnt werden, und das sei dann doch
ein Jahr mehr Zittern. Herr Abgeordneter, hier wird ausschließ
lich für die Schüler - und ich will Ihnen gerne sagen, warum mir
persönlich auch sehr an dieser Regelung lag und liegt die im
Probehalbjahr aus von ihnen nicht zu vertretenden Gründen so
oft gefehlt haben, daß für sie kein vernünftiges Urteil möglich ist
- eine Neuregelung getroffen. Nehmen wir einmal an, jemand
war lange krank. Bei denen erfuhr ich in unserer Verwaltung fol
genden Zwang: Es mußte nach dem halben Jahr entschieden
werden, und dann wurde nicht immer zugunsten des Kindes
entschieden, und eine Ausnahmemöglichkeit hatten wir nicht,
weil das Gesetz auf ein halbes Jahr festlegte. Wir haben des
halb in der Vorlage zum §29 Abs. 3 formuliert:
Hat ein Schüler aus von ihm nicht zu vertretenden Gründen
den Unterricht in einem solchen Ausmaß versäumt, daß
eine Entscheidung nicht möglich ist, kann die Klassenkon
ferenz beschließen, daß erneut eine halbjährige Probezeit
durchlaufen wird. (D)
Damit wird nichts anderes als eine Ausnahmemöglichkeit für
unverschuldete Notfälle eingeräumt und nicht etwa eine Grund
satzentscheidung. Ich meine doch, daß wir uns über die Par
teien verständigen könnten, daß Regelungen nicht so eng sein
sollten, daß sie zu Entscheidungszwängen führen, die nicht
immer zugunsten des Kindes sind, sondern die ihm noch ein
mal etwas Luft geben.
[Beifall bei der CDU]
Eigentlich gehört eine solche Bemerkung in den Ausschuß;
aber weil sie Angst verbreiten könnte, habe ich mich verpflichtet
gefühlt, dies zu korrigieren.
Und nun noch die Oberstufe. Es ist eine Vereinbarung zwi
schen Kultusministerkonferenz und Westdeutscher Rektoren
konferenz, Kontinuität und Dauer des Unterrichts in den
Fächern der Grundbildung zu stärken. Dies hat übrigens auch
die Zustimmung des Landesschulbeirats am 9. Juni 1982 ge
funden. Aus dem langen Beschluß des Landesschulbeirats
zitiere ich:
Eine verschärfte Versetzungsregelung beim Übergang in
das Kurssystem scheint sinnvoll. Von den Fächern
Deutsch, Mathematik, 1. Fremdsprache müssen in zwei
Fächern mindestens ausreichende Leistungen erbracht
werden.
Auch ich begrüße es, daß bei der Versetzung von Klasse 11
nach Klasse 12, wie es bereits in neun anderen Bundesländern
der Fall ist und wie es nun auch Bremen gleichzeitig mit uns als
letztes Land einführen wird, ein Erproben der Fähigkeiten mög
lich ist und nicht ein hoffnungsloses Hineintaumeln in nicht
geahnte Anforderungen stattfindet.
Und jetzt komme ich zu dem, wobei ich Ihnen, Herr Fabig,
sagte, Sie irrten: Springen hat man nämlich schon immer ge
durft, und das Abkommen von 1972 sagt, daß die Oberstufe
mindestens zwei Jahre umfassen muß und längstens vier Jahre
umfassen darf, und nur, wenn man im Abitur durchfällt, kommt
3668
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.