Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
61. Sitzung vom 16. Februar 1984
Sehr
Nun kann man natürlich diskutieren, ob es sinnvoll ist, immer
mehr Schleusen einzubauen, das Ganze immer enger zu
packen, vielleicht noch wie in Frankreich so eine Ecole Normale
Supärieure einzuführen, das alles kann man diskutieren, aber
ich möchte ganz deutlich sagen, das ist der Weg, den wir für
falsch halten. Es wird dadurch ein Schülertyp gefördert - und
ich fürchte, mit Absicht gefördert -, der funktioniert und der
seine ganze Energie nur noch darauf richten muß, die nächste
Stufe in dieser Leiter zu gewinnen. Diesen Schülertyp wollen
wir nicht. Wenn in dem Sinne Elite verstanden wird, lehnen wir
Elite ab.
Ich möchte als Gegenbeispiel einen Schüler nennen, den ich
im Unterricht hatte, der war in Mathematik sehr gut, in Physik
sehr gut. Dieser Schüler sagte mir: Ich werde Sozialarbeiter. -
So ein Schüler gehört nach meinem Verständnis zur Elite. Er hat
nämlich das Gefühl gewonnen, daß er seine denkerische Quali
tät in sozialer Verantwortung verwenden will, und er ist gerade
nicht dieser Typ, den Sie jetzt züchten wollen, der in enger
Fachbegrenzung eine Stufe nach der anderen erklimmen will.
Ich glaube, das ist der Haupt-Kritikpunkt, den ich dazu anbrin
gen will. - Danke schön!
[Beifall bei der AL]
Stellv. Präsident Longolius: Das Wort hat jetzt der Kollege
Fabig.
Fabig (F.D.P.): Herr Präsident! Meine Damen und Herren!
Vielleicht eine allgemeine Bemerkung vorweg: Änderungen des
Schulgesetzes beunruhigen die Öffentlichkeit immer, und wenn
wir jetzt schon die 17. Änderung haben und die 18. auch bald
ansteht, weil noch einige Änderungen durchgeführt werden
müssen, so ist das vielleicht nicht besonders klug und psycho
logisch geschickt mit häutigen und schnell aufeinanderfolgen
den Schulgesetzänderungen die Öffentlichkeit, insbesondere
die Eltern und die Schüler, zu verunsichern. In der Tat aber ist
das, was hier in diesem Änderungsgesetz geändert werden soll,
vom zeitlichen Ablauf, vom Termin her schnell änderungs
bedürftig, so daß wir uns durchaus darauf einlassen sollten,
dieses Änderungsgesetz zu beraten.
Ich will mich hier nur auf ein, zwei Punkte beschränken, und
zwar einmal auf das Bedauern über den Fortfall des Berufs
grundbildungsjahres in Oberstufenzentren, Bedauern deshalb,
weil hier ein wesentliches Reformelement, nämlich das Neben
einander und die Gleichwertigkeit beruflicher und schulischer
Ausbildung, wegfällt. Aut der anderen Seite stehen wir vor der
Tatsache, daß die ursprüngliche Konzeption des Berufsgrund
bildungsjahres, nämlich die Anrechnung dieses Jahres bei
einer späteren Berufsausbildung, von der ausbildenden Seite,
also von den Arbeitgebern, von der Wirtschaft und vom Hand
werk, nicht akzeptiert worden ist, so daß derjenige, der das Be
rufsgrundbildungsjahr absolviert hat, Schwierigkeiten hat, eine
Lehrstelle zu finden, um es mal ganz deutlich zu sagen, so daß
man diese Entscheidung der ersatzlosen Streichung am Ober
stufenzentrum hinnehmen muß mit dem Bedauern, daß hier die
beteiligten Gruppen im Grunde genommen gegen eine sinn
volle Reform entschieden haben.
Das Wesentliche, was mit dem Schulgesetzänderungs
gesetz geändert werden soll, ist die Einführung der einjährigen
Einführungsphase an der gymnasialen Oberstufe, d. h. also die
Verlängerung um ein halbes Jahr auf ein ganzes Jahr, was wir
ausdrücklich begrüßen, denn auf diese Weise hat der Schüler
ohne den bisherigen großen Leistungsdruck, den er in der halb
jährigen Einführungsphase hatte, wo er in allen Fächern eine
Klausur schreiben mußte, Gelegenheit, in einem Jahr sich an
die Arbeitsmethoden der Oberstufe zu gewöhnen, er kann
seine individuellen Leistungsschwerpunkte erkennen und kann
sich orientieren auf das eigentliche Kurssystem in der 11. und
12. Klasse. - Ich beziehe mich im Augenblick nur auf das, was
im Gesetz steht, Herr Behr, und in der Begründung, und nicht
auf das, was in der geplanten Rechtsverordnung zur gymnasia
len Oberstufe stehen wird, die sich aus diesem Gesetz ableitet
Und da lese ich gleich zu Beginn in der allgemeinen Begrün
dung, daß sich die Westdeutsche Rektorenkonferenz und die (C)
Kultusministerkonferenz darauf geeinigt hätten, die für die allge
meine Hochschulreife besonders wichtigen - „bedeutsamen“
heißt es da - Fächer wieder stärker zu betonen. Hier muß ich
allerdings wieder feststellen - und das war auch die Grundlage
einer öffentlichen Erklärung von mir -, daß das so gar nicht zu
trifft Die Kultusministerkonferenz hat in dieser gemeinsamen
Erklärung ausdrücklich betont, daß sie weiterhin an der grund
sätzlichen Gleichwertigkeit aller Fächer festhält und sich damit
in Gegensatz zur Westdeutschen Rektorenkonferenz gestellt
Ich weiß auch, daß von seiten der Hochschulen ein gewisser
Druck auf die Schulpolitik ausgeübt wird, auf die Schulverwal
tungen, Hauptfächer wiedereinzuführen und besonders zu ge
wichten. - Ich bin der Meinung, wir sollten uns hier auch nicht
von der Drohung ins Bockshorn jagen lassen, daß bei einer
Weigerung, den Hochschulen in vollem Umfang nachzukom
men, vielleicht die Hochschulaufnahmeprüfung ins Haus steht
und das Abitur dadurch entwertet wird. Ich sehe das Problem
der Entwertung des Abiturs nicht darin, daß man wieder be
stimmte Hauptfächer einführt, sondern darin, daß der Unterricht
in unseren Schulen und nicht zuletzt auch an den Gymnasien -
um hier einmal deutlich zu reden und nicht so zu tun, als ob nur
in den anderen Schulen Murks gebaut würde -, daß der Unter
richt an unseren Gymnasien, vielleicht auch was die Fähigkeit
der Lehrer angeht, gelegentlich nicht das Optimum dessen dar
stellt, was geleistet werden könnte, und das ist nicht nur kritisch
bei der gymnasialen Oberstufe zu betrachten, sondern vielleicht
auch schon, wo ja ein erheblicher Grund gelegt wird, in der Mit
telstufe.
Eine merkwürdige Regelung soll dieses Gesetz einführen;
Das ist nämlich die Möglichkeit, die einjährige Einführungs
phase in der gymnasialen Oberstufe zu überspringen, also von
der 10. gleich in die 12. Klasse zu springen. Ich halte das
eigentlich - ich hätte beinahe gesagt - für reichlich albern, weil
das genau die Begründung, mit der man die Einführungsphase
begründet, konterkariert; die Einführungsphase soll doch der (D)
Orientierung dienen, sie soll den Grund legen für die Oberstufe.
Und dann sagt man, es gibt besonders begabte und talentierte
Kinder, die können einfach darüber hinwegspringen. Das halte
ich eigentlich für alogisch und sinnwidrig. Allerdings habe ich
auch nichts dagegen, daß so verfahren wird; das Risiko aller
dings, auf das sich die Eltern und die Schüler einlassen, sollte
man ihnen klarmachen. Das Risiko ist nicht gering; und es wird
auch zu prüfen sein, wie das im Verfolg der Praxis gehandhabt
wird. Denn die dafür ins Auge gefaßten Kriterien, wann ein
Schüler wohl von der 10. in die 12. Klasse springen soll, sind
bis jetzt noch nicht sehr deutlich formuliert. Wenn das in der
Konsequenz dazu führen sollte, daß die 11. Jahrgangsstufe nur
quasi eine Vorbereitungsphase für die etwas Dümmeren sein
sollte, dann werden wir dem kritisch widersprechen.
Ich will das Hohe Haus, das sonst nicht geneigt ist, bildungs
politische Diskussionen sehr aufmerksam zu verfolgen,
[Momper (SPD): Das liegt manchmal an dem
Bildungspolitiker!]
nicht weiter anstrengen. Ich habe angedeutet, in welcher Rich
tung Probleme bei diesem Änderungsgesetz liegen und den zu
erwartenden Rechtsverordnungen, und kündige an, daß wir
zwar eine schnelle, aber eine gründliche Beratung dieser Dinge
wünschen. Ich kann mir vorstellen, daß auch einiges an Über
legungen gebracht werden muß, ehe dieses Gesetz verab
schiedet ist Ich hoffe, daß es schnell gelingt, und erwarte, daß
alle Beteiligten mit einem hohen Maß an Beratungsbereitschaft
- vielleicht auch Kompromißbereitschaft - und mit sehr viel De
tailkenntnis die Beratung mittragen. Das wird mit Sicherheit not
wendig sein. Dann wird es uns vielleicht gelingen, dieses
Gesetz schnell und gründlich und die daraus folgenden
Rechtsverordnungen zu beraten, - Danke schön!
[Vereinzelter Beifall bei der F.D.P. und der CDU]
Stellv. Präsident Longolius: Das Wort hat die Frau Sena
torin.
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