Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
61. Sitzung vom 16. Februar 1984
Schürmann
(A) Man höre und staune! Die Hauptschule ist dort ausdrücklich
und selbstverständlich miteinbezogen. Alle Pläne aber, die dazu
führen, daß die Versetzung von Klasse 7 nach 8 der Haupt
schule abgeschafft wird, daß in der Hauptschule ein Sonder
rahmenplan, abgekoppelt von den Rahmenplänen der übrigen
Oberschulzweige, entstehen soll, macht eben genau diese so
wichtige integrative Intention des Schulgesetzes unmöglich.
Dieses können wir hier gar nicht scharf genug kritisieren! -
Vielen Dank!
[Beifall bei der SPD]
Präsident Rebsch: Das Wort hat nunmehr der Abgeord
nete Sehr.
Behr (AL): Meine Damen und Herren! Es ist immer etwas
langweilig zuzuhören, wenn der nächste Redner sagt: Im
wesentlichen stimme ich meinem Vorredner zu - und dann aber
das alles noch einmal aufzählt.
[Beifall bei der CDU - Landowsky (CDU); Bravo!]
Das möchte ich vermeiden. Ich kann in allen Punkten, die Herr
Schürmann ausgeführt hat, nur zustimmen; ich möchte nur
einige Akzente noch etwas deutlicher setzen.
Ich beginne gleich einmal mit den Oberstufenzentren, die
Herr Schürmann zuletzt erwähnte. Ich spreche dazu insofern
aus eigener Erfahrung, als ich seit zwei Jahren in einer Pla
nungsgruppe bin, die sich - beim Senat! - darum bemüht,
Pläne für die Oberstufenzentren zu erstellen, die gerade das
Ziel haben, einen berufsangebundenen Bildungsweg zu schaf
fen, der gleichzeitig eine volle Abiturqualifikation liefert. Wir
haben da ungeheuer viel Mühe hineingesteckt. Es war eine für
mich sehr reizvolle Aufgabe. Volle Abiturqualifikation mit Be
rufsbindung! Leider - das hat Herr Schürmann erwähnt; ich will
jetzt nicht auf die Einzelheiten eingehen - geht die Tendenz des
Senats dahin, es für die Schüler immer weniger attraktiv zu
(B) machen, diesen Weg der Doppelqualifikation zu gehen. Es ist
also, wie ich fürchte, viel Mühe und viel Geld zum Fenster hin
ausgeschmissen worden.
Ich möchte aber besonders auf die gymnasiale Oberstufe all
gemein eingehen. Da muß ich nun eine Formulierung verwen
den, die Frau Laurien so gerne verwendet: Da muß ich doch
schmunzeln! - Hier muß ich allerdings auch schmunzeln, näm
lich über den Leitenden Schulrat Hoffmann beim Senat. Der hat
nämlich in der Zeitung „Durchblick“, die an die Schüler verteilt
wird, vor einem Jahr noch sehr deutlich die Katze aus dem Sack
gelassen. Da sprach er nämlich über Tendenzen, jetzt die Ober
stufenreform nach und nach wieder zurückzuschrauben. Er
schrieb damals: „Ohne Zweifel ist hier ein gewisser Druck der
interessierten Öffentlichkeit zu spüren,“ - Er hätte diese „inter
essierte Öffentlichkeit“ viel deutlicher beim Namen nennen
sollen! Dann sagte Herr Hoffmann folgendes, ich zitiere:
Abiturienten haben heute nicht weniger gelernt als früher,
wenn auch hier und da etwas anderes. Es kann also nicht
darum gehen, die Zeit einfach zurückzudrehen. Schließlich
gab es auch früher erhebliche Klagen über mangelnde
Studierfähigkeit, und es gibt sie auch heute noch, z. B. in
Österreich, dessen Gymnasium überhaupt keine refor
mierte Oberstufe hat.
Und nun muß Herr Hoffmann das schwierige Kunststück fertig
bringen, die Veränderungen, die angestrebt sind, nun wieder
schmackhaft zu machen. Ein deutlicher Widerspruch! Alle
diese Veränderungen, die angestrebt werden, gehen ja genau in
die umgekehrte Richtung. Sie sind also, wie Herr Hoffmann
selbst sagt, von der Sache aus nicht zu rechtfertigen, denn - ich
finde, das muß einmal ganz deutlich gesagt werden - wir haben
ja heute bekanntlich wesentlich mehr, wir haben ein Vielfaches
von Abiturienten im Vergleich zu der Zeit vor 20 Jahren. Ich
finde, es gebührt der Schule und den Schuldidaktikern eine
Anerkennung, daß sie es geschafft haben, trotz dieses Viel
fachen an Abiturienten die Qualifikation zu erhalten. Freilich ist
die Qualifikation - das hat Herr Hoffmann angedeutet - in man
cher Hinsicht anders, als es manchem in den Kram paßt.
Abfragbares Wissen ist reduziert, die Fähigkeit zum selbständi- (C)
gen Denken ist gestärkt worden; und es ist noch etwas anderes
gestärkt worden, daß man nämlich weggekommen ist von dem
Gefühl, zu einer besonderen Elite zu gehören. Durch die
geplanten Maßnahmen wird diese Tendenz leider wieder
gestärkt.
Ich möchte noch kurz auf einige Dinge eingehen: Hauptkritik
punkt ist, daß in der Oberstufe des Gymnasiums wieder so eine
Art Sitzenbleiben eingeführt wird! Die Schüler müssen nach
der Einführungsphase, wenn sie bestimmte Leistungen nicht
erfüllen, die Einführungsphase wiederholen. Die Anforderun
gen dafür sind schwerer als in der Mittelstufe beim normalen
Sitzenbleiben. Nun wird immer gesagt: Was wollen wir das kriti
sieren; die KMK will das doch so! - Wenn das aber von der
KMK so beschlossen ist und wir da gar nichts machen können,
dann frage ich mich allerdings, warum wir das hier überhaupt
diskutieren. Da ist ein Widerspruch!
Es geht aber um etwas anderes noch: Es wird nämlich fest
gestellt, daß z. B. in Baden-Württemberg die Bestimmungen gar
nicht einmal so weitgehend sind wie hier. Herr Hoffmann sagt,
daß wir in Berlin hierin etwa eine mittlere Linie verfolgen. - Ja
wenn das eine mittlere Linie ist, haben wir doch offenbar einen
gewissen Spielraum!
Der Hauptkritikpunkt an diesem - ich möchte es einmal
Sitzenbleiben nennen -, an diesem Sitzenbleiben ist für uns
der, daß die Schüler nur einmal in diese Situation kommen
dürfen. Wenn sie also etwa in der Einführungsphase sitzen
geblieben sind, dann schwebt ständig in der weiteren Ausbil
dung bis zum Abitur über ihnen das Damoklesschwert; Ich darf
mir bestimmte Dinge nicht mehr leisten! - Ein enormer lern
psychologischer Druck tritt ein, der dadurch noch mehr ver
schlimmert wird, daß jetzt - und das ist nun der bare Unsinn -
gesagt wird: Wenn die Schüler wiederholen, dann gilt die Zen
sur von dem Wiederholungskurs und nicht etwa die bessere (qj
der beiden Zensuren. - Das ist lernpsychologisch barer Unsinn.
Die Schüler werden dadurch unter einen geradezu lächerlichen
Druck gestellt. Und es kommt ein weiterer Gesichtspunkt hinzu:
Es ist vom Steuerzahler aus einfach unverantwortlich, wenn ein
Schüler, sagen wir, in Französisch gute Leistungen gebracht
hat, er bleibt sitzen, und er muß nun noch einmal Französisch
machen. Man hat da ein bißchen den Verdacht, als wenn so
dieser Gesamtdruck noch einmal ausgeübt werden soll, wie
man ihn früher in einer Art Mannbarkeitsritualen hatte, wo zum
Schluß noch mal alle Leistungen voll gebracht werden müssen,
was vom Inhalt her überhaupt nicht zu rechtfertigen ist.
Ganz kurz die Fächerschwerpunkte: Es bekommen jetzt
einige Fächer deutliche Schwerpunkte durch verschärfte
Bedingungen beim Abitur und auch hinsichtlich der Frage des
Sitzenbleibens, das sind Deutsch, Fremdsprachen und Mathe
matik. Ich möchte da ganz deutlich sagen; Ich möchte nicht nur
meckern. Die Tatsache, daß die Fremdsprachen ein stärkeres
Gewicht bekommen, finde ich richtig. Wenn ich z. B. Schüler
erlebe, die sagen: Ich will Ingenieur werden, Englisch brauche
ich nicht, - dann hat dieser Schüler weiß Gott keine Ahnung;
als Ingenieur ist er heute ohne Englisch erledigt. Diesen Punkt
finde ich also richtig. Bei Deutsch kommt es sehr, sehr darauf
an, was in Deutsch gemacht wird. Aber da ich nun selbst Mathe
matiker bin, möchte ich etwas zur Mathematik sagen. Da halte
ich es für unsinnig, die Mathematik auszudehnen. Vom Inhalt
lichen aus ist es nicht zu rechtfertigen, und indem man das aus
dehnt mit unwilligen Schülern, bekommt man keine lernwilligen
Schüler. Und gerade die Universitäten - das ist das Merkwür
dige - sagen, selbst Studenten, die Mathematik studieren, brau
chen nicht bis zum Abitur Mathematik durchgeführt zu haben,
sie können ebensogut in einem Einjahreskursus präzises logi
sches Denken gelernt haben; das Entscheidende kommt an der
Uni. - Der Verdacht verstärkt sich also an dieser Stelle, daß es
hier überhaupt nicht um die Vermittlung von möglichst viel mög
lichst guten Kenntnissen geht, sondern daß es hier um eine
Schleusenfunktion geht, um die Reduzierung der Anzahl der
Abiturienten, aber dann sollte man das auch deutlich sagen.
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