Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
58. Sitzung vom 19. Januar 1984
Frau Zieger
Wir wollen mit diesem Antrag erreichen, daß für alle Frauen und
Mädchen die Taxifahrten zum BVG-Tarif finanziert werden.
[Gelächter bei der CDU]
- Dieses Gelächter habe ich durchaus erwartet, meine Herren.
Die persönliche Freiheit von Frauen ist nachts eingeschränkt!
Ich möchte jetzt gar nicht so sehr über mich reden, daß ich heu
te Nacht um eins nach Hause fahren will, sondern über die Kol
legin, die hier vor mir sitzt; ich weiß nicht, wer ihr die Taxifahrt
bezahlt. Wenige Frauen haben die Möglichkeit, daß die U-Bahn
direkt vor der Haustür hält. Wenige Frauen haben die Möglich
keit, daß der Bus direkt vor der Haustür hält. Und noch weniger
Frauen haben die Möglichkeit, Taxis zu bezahlen, um abends
nach Hause zu kommen.
[Unruhe und Zurufe]
- Sehr verehrte Herren, ich fände es gegenüber den Frauen, die
dort hinten sitzen und zuhören wollen, anständig und höflich,
wenn Sie sich gerade bei diesem Punkt mal hinsetzen und die
Ruhe behalten würden!
[Boehm (CDU): Wenn Sie solange reden,
müssen die Damen auch mit der Taxe nach Hause fahren!]
Die Damen, die da drüben sitzen, wählen gerade einen Weg,
weil Frauen nämlich dann keine Angst haben müssen, wenn sie
gemeinsam sind, denn Frauen gemeinsam sind stark!
[Beifall auf der Tribüne]
Präsident Rebsch: Meine Damen und Herren! Die AL-Frak-
auf unsere Geschäftsordnung ist ohne Erfolg geblieben. Ich
weise Sie nochmals darauf hin, daß Beifallskundgebungen
nicht zulässig sind.
Frau Zieger (AL): Um Gottes Willen!
Werte Frauen, auch hier im Abgeordnetenhaus! Welche Frau
kennt nicht die Situation, wenn sie nachts die Straße entlang
geht, die gerade leer und dunkel ist, und hinter ihr jemand her
geht! Wer kennt nicht diese Angst, wer kennt nicht diese Freu
de, die einen erfaßt, wenn man endlich jemanden trifft, wenn
man endlich nach Hause kommt und wenn man endlich den Ort
erreicht, wo man hin will! Man kann mit dieser Angst ganz unter
schiedlich umgehen, ganz unterschiedlich! Man kann sie ver
drängen, und man kann sagen: ich bin ja so stark, ich bin so
selbstbewußt, mir passiert das nicht! Man kann Selbstverteidi
gungskurse machen und sich dadurch stärken. Aber man kann
auch zu Hause bleiben und nicht mehr rausgehen. Und das tun
immer mehr, immer erschreckend mehr Frauen. Gerade ältere
Frauen - und ich höre das immer wieder - trauen sich abends
nicht mehr auf die Straße.
Nach der Vergewaltigung und dem Mord an Susanne Mat-
thes haben viele Frauen gerade meiner Generation und Soziali
sation das Gefühl gehabt, daß sie doch, obwohl wir recht
selbstbewußt sind und obwohl wir uns doch mehr erkämpft (C)
haben, genauso wieder in diese Situation kommen können. Und
wie wird mit dieser Angst umgegangen? ln den Schlagzeilen
der Presse wird dieses Problem vermarktet, finden wir eine
Situation, in der eine Leiche stundenlang vergewaltigt worden
ist, eine Stunde lang offen herumliegt und fotografiert wird. Dies
ist kein Weg, um mit diesem Problem fertig zu werden! Und es
ist auch kein Weg, dies, wie Sie, lächerlich zu machen, weil Sie
nun mal Männer sind und Sie nun mal nicht in dieser Situation
sind.
Ich werde jetzt zum Ende kommen, weil ich zu dieser späten
Stunde nicht mehr in der Lage bin, dieses Thema breit auszu
dehnen. Aber ich möchte Sie doch auffordern, sich mal mit
diesem Problem zu befassen und daran unter dem Gesichts
punkt heranzugehen, ob das nicht im Grunde eine ganz ausge
zeichnete Idee ist, die sehr viele Probleme lösen könnte, wenn
Frauen die Sicherheit hätten, daß, wenn sie abends nach Hause
gehen, wenn sie abends Weggehen, daß sie sich über die Heim
fahrt keine Sorgen mehr machen müssen.
[Beifall des Abg. Petersen (fraktionslos)]
Lassen Sie erst einmal dieses Problem an sich heran, und las
sen Sie sich erst einmal von Frauen erzählen, von Leuten, die
davon betroffen waren, und denken Sie erst dann darüber nach,
wieviel das kosten mag. Ich glaube, die Geldfrage kann man in
diesem Fall sehr leicht klären. - Vielen Dank!
[Beifall bei der AL und des fraktionslosen Abg. Petersen]
Präsident Rebsch: Meine Damen und Herren! Die Al-Frak-
tion hat die Überweisung an den Ausschuß für Frauenfragen
und an den Hauptausschuß beantragt. Wer so beschließen
möchte, den bitte ich um das Handzeichen. - Danke sehr!
Jetzt rufe ich als letztes auf (D)
Drucksache 9/1561:
Antrag der Fraktion der AL über Rettung des
KuKuCK
Er ist ja schon bei einem anderen Tagesordnungspunkt be
gründet worden. Von der SPD-Fraktion ist beantragt worden,
den Antrag an den Ausschuß für Kulturelle Angelegenheiten
und an den Hauptausschuß zu überweisen. Wer so beschlie
ßen möchte, den bitte ich um das Handzeichen, - Danke sehr!
Wir sind am Ende der Tagesordnung, Die nächste Sitzung
findet auf Antrag der CDU- und der F.D.P.-Fraktion als Sonder
sitzung am Donnerstag, dem 2. Februar 1984, um 9 Uhr statt.
Die Sitzung ist geschlossen.
[Schluß der Sitzung: Freitag, 20. Januar 1984, 0.56 Uhr]
Druck: Verwaltungsdruckerei Berlin, Kohlfurter Straße 41-43, 1000 Berlin 36
3611
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