Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
58. Sitzung vom 19. Januar 1984
Sen Wronski
(A) praktisch 20 Tage. Die Praktiker dieses Betriebes haben es ver
standen, sozusagen einen illegalen Einstieg in ein Terrain zu
bekommen mit Verständnis derjenigen, die inzwischen schon
erkannt hatten, wohin der Zug läuft.
[Freudenthal (AL): Legenden!]
- Das ist keine Legende! Das ist die Wahrheit! Bisher durften
weder Sie noch BVG noch Berliner Polizei Reichsbahn-
Betriebsgelände - und das ist S-Bahngelände - betreten, weil
nämlich die Dienstaufsicht und die Gleis- und Betriebssicher
heit der der Reichsbahn unterstehenden Bahnpolizei anemp
fohlen ist. Das ist die Wahrheit. Dieser Rechtszustand hat mor
gens vier Uhr am 9. Januar eine Änderung erfahren und nicht
früher.
Der Zustand der von der BVG in Augenschein genommenen
Strecken sagt, sie sind betriebsfähig, teilweise mit Provisorien
behaftet - ich sage es einmal pauschal: Provisorien, die nach
unseren Regeln und Zulassungsmaßstäben einen Betrieb im
Grunde nicht in jedem Falle zulassen würden. Die Aufsichtsbe
hörde - der Senator für Wirtschaft und Verkehr - hat das bei
Würdigung der Gesamtsituation berücksichtigt und kein Moni
tum etwa eingelegt. Die Bedingungen, was die Arbeitsstätten
selbst betrifft - ich habe das heute im Ausschuß für Bundes
angelegenbeiten bereits erwähnt -, sind - ich sage es einmal
wertneutral - ganz anders, als Eisenbahner bei der Bundes
bahn oder U-Bahner bei der BVG sie erwarten und sie ihnen
angeboten werden.
Mit der Betriebsübernahme - um nur eine Einzelheit zu nen
nen - wurde innerhalb von Minuten ein wichtiges Informations
netz abgeschaltet - die Fachleute wissen, was sich unter dem
Begriff BASA verbirgt, Bahnselbstanschluß-Anlagen, das Tele
fonnetz - innerhalb von Stunden unter Betrieb war die BVG
gezwungen, ein neues Telefonnetz auf der Stadtbahnstrecke
aufzubauen, unter Bedingungen, die sich der, der von der
Praxis keine Ahnung hat, überhaupt nicht vorstellen kann. Inner-
/gx halb von Stunden also mußte diese notwendige technische Vor
aussetzung sehr improvisiert wieder erstellt werden.
Die Personalausstattung: Ein Bereich, der in der öffentlichen
Diskussion offensichtlich völlig mißverstanden und zu wider
sprüchlichen Äußerungen geführt hat. Ich möchte folgendes
präzisieren: Die ersten Informationen über das Eisenbahner-
Angebot lagen bei 850, das war mehr so eine Hausnummer. Es
konkretisierte sich dann - genau am 24. 11. 1983 - auf die
inzwischen geläufige Zahl 672. 672 neue Mitarbeiter kamen
also auf die BVG zu - genau 384 Männer und 288 Frauen. Aber
auch das waren zunächst einmal sehr pauschale Angaben, die
noch nichts über die Differenzierung nach Berufsgruppen aus
sagten, so daß unsere Verhandlungsführer aus den einzelnen
Arbeitsgruppen Fragebogen erstellten, ein Ordnungssystem er
stellten, an dem sich diejenigen, die den Betrieb zu machen
hatten, überhaupt erst orientieren konnten, um sagen zu kön
nen: Haben wir genug Zugführer, haben wir genug Stellwerker,
haben wir genug Fahrdienstleiter, haben wir genug Reine
machefrauen - kurzum: Die detaillierte Kenntnis des angebote
nen Personals ist ja eine notwendige Voraussetzung für einen
Betrieb, um zu wissen, ob das, was von ihm erwartet wird, auch
umsetzbar ist. Ich brauche den Verwaltungsleuten unter Ihnen
- das sind ja sehr viele - nicht in Erinnerung zu bringen, daß der
Verwaltungsapparat überall auch notwendige Züge erfordert.
Allein der Hinweis, daß 65 Adressen bei diesen 672 genannten
Personen falsch waren, 65 zu einem Vorsteliungsgespräch
überhaupt nicht erreicht werden konnten, gibt einen Einblick in
die kleinen täglichen Mühen, mit denen sich dieser Betrieb, was
diesen Komplex betrifft, also die Personalabteilung, rumzu
schlagen hatte. Am 10. Dezember war ein genauer Überblick -
und ich muß sagen, innerhalb von drei Wochen angesichts
dieser pauschalierten Vorgaben ein bemerkenswert kurzer Zeit
raum - über die Zusammensetzung des übernommenen Perso
nals erstellt. 125 Berufsgruppen enthält diese Liste nach soge
nannten ausgeübten Tätigkeiten bei der „Reichsbahn“ von A bis
Z, genau von: Abnahmemeister bis Zimmererhelfer. Das Ergeb
nis dieser Personalauswertung ergab - ich straffe —
[Dr. Köppl (AL): Ja, das ist notwendig!]
- Für Sie wäre es notwendig, noch detaillierter zu werden; denn
Sie sind genial und gehen über das Triviale, mit dem wir uns im
täglichen Leben überwiegend herumzuschlagen haben, genial
hinweg, Sie Freigestellter!
[Beifall bei der CDU - Dr. Köppl (AL):
Lesen Sie doch mal die ganze Palette durch!]
Diese Schlaumeierei, Herr Dr. Köppl, die Sie hier an den Tag
legen, die vertreten Sie mal bitte vor den Leuten der BVG, die
die Arbeit gemacht haben!
[Beifall bei der CDU]
Es verdichtete sich also
[Zwischenrufe aus dem Zuschauerraum]
Es verdichtete sich also auf den Sachverhalt, daß wir eine
Gruppe von Engpaßpersonal registrieren mußten, darunter ver
stehe ich: Triebwagenfahrer, Fahrdienstleiter und Spezialberufe
im Elektrobereich. Hier war die BVG gezwungen, ad hoc Privat
verträge mit der einschlägigen Industrie zu schließen. Das Elek-
tro-Spezialpersonal ist auf diese Weise beschafft worden.
Der Stand vom gestrigen Tag - falls Sie das interessiert - ist
wie folgt: Wir haben jetzt 368 notwendige Personale für die
beiden Strecken, davon 305 im Bereich des Engpaßpersonals
und weitere 63 im Bereich der übrigen. Und wenn weitere
Erwartungen realisiert werden sollen - das klingt ja in jedem
Diskussionsbeitrag hier durch -, kommen wir natürlich zu der
Frage, wie diese Engpaßsituation weiter zu meistern ist.
Präsident Rebsch: Gestatten Sie eine Zwischenfrage?
Wronski, Senator für Arbeit und Betriebe: Ja!
Präsident Rebsch: Bitte sehr, Herr Swinne,!
Swinne (F.D.P.); Herr Senator! Da Sie ja vorhin ausgeführt
haben, daß Sie über die einzelnen Personalien der ehemaligen
Reichsbahn-Beschäftigten informiert sind: Könnten Sie, um die
Zahlen verständlich zu machen, Vergleichszahien geben, wie
viel Personal vorher bei der Reichsbahn auf diesen beiden
Linien beschäftigt war, damit man sich darunter etwas vor
stellen kann?
Wronski, Senator für Arbeit und Betriebe: Das kann ich lei
der deswegen nicht, weil der Senat bei den Verhandlungen
überhaupt keinen Einfluß darauf haben konnte, ob Personale,
die ihren Wohnsitz in Berlin (Ost) haben, auch künftig bei der
BVG, die den Betrieb in Berlin (West) macht, verfügbar sind.
Das ist eine Trivialfeststellung, vielleicht wissen es aber viele
nicht, daß die Reichsbahn ihren Betrieb in Berlin (West) mit
Personalen gemacht hat - auch mit Engpaßpersonalen -, das
täglich morgens früh aus Ost-Berlin herüberfuhr und das nach
Betriebsschluß dann wieder in die Heimat nach Berlin (Ost)
gefahren ist. Es war den Verhandlungsführern unserer Seite
natürlich nicht möglich, zu erzwingen —
[Weitere Zwischenrufe aus dem Zuschauerraum]
Präsident Rebsch: Meine Damen und Herren! Ich weise
darauf hin, daß es nicht zulässig ist, Beifall, Zwischenrufe oder
Mißfallenskundgebungen aus dem Zuschauerraum von sich zu
geben. Ich bitte die Dame also zur Mäßigung - der Ordnungs
dienst ist schon da sonst lasse ich Sie aus dem Saal entfer
nen. - Bitte sehr, Herr Senator!
[Zwischenrufe von der AL - Kunzeimann (AL): Bei
der langweiligen Rede wirkt das doch belebend! -
Unruhe - Glocke des Präsidenten]
Wronski, Senator für Arbeit und Betriebe: Kurzum; Kein
Senator, keine BVG kann Wirkung ausüben auf Mitarbeiter, die
nicht mitarbeiten wollen. Es kann nur ein Angebot sein. Die 672
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