Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
56. Sitzung vom 9. Dezember 1983
Tietz
das Leben aus. Was nützen dann Bibliotheken ohne
Bücher, und was der schönste Konzertsaal ohne
oder mit schlechten Musikern!
Je weniger sich die ökonomische Krise lösen wird,
desto mehr wird eine so betriebene Kulturpolitik in
unhaltbare Zustände führen. Wir meinen, daß ge
rade dann, wenn so viele Menschen von Arbeits
losigkeit betroffen sind, wenn der Bildungsstand der
Bevölkerung eher wieder sinkt, um so mehr Kultur
betrieben werden muß, aber nicht so, wie Sie es
verstehen, als Glanz- und Erbauungsveranstaltung,
wo es dann eben nur noch Watteau und den Kam
mermusiksaal gibt, sondern auch und verstärkt als
ein Zugehen auf Menschen, die besonders betroffen
sind, also auf Arbeitslose, auf Jugendliche, auf Aus
länder und auf Frauen.
Prekäre soziale Verhältnisse können und sollen
nicht durch Kultur behoben oder ausgebessert oder
— noch schlimmer — überdeckt werden. Aber sie
kann und soll dazu beitragen, daß die Menschen
sich in dieser Gesellschaft besser zurechtfinden und
sich gegen Unrecht zur Wehr setzen können — wie
gesagt, darin liegt eine wichtige soziale Aufgabe
zum Beispiel für die Bibliotheken. Diese auszufüllen
bedarf es mehr als des Status quo. Wir zweifeln
aber schon daran, daß Sie mit uns in der Auf
gabenstellung übereinstimmen, denn Sie wollen
eine Repräsentationskultur, eine Kultur von oben,
und stellen uns so auch Ihre Projekte von oben in
die Landschaft. Sie nennen das Hochkultur. Aber wir
wollen auch eine Hochkultur, nämlich eine Kultur,
die hoch hinaus will, über das Bestehende hinaus.
Deshalb müssen wir an dieser Stelle unsere Kritik
ein wenig korrigieren, denn so ganz konzeptionslos
sind Sie ja doch nicht. Sie richten halt alles nach
dem Aspekt der Repräsentation und der Berlin-
Werbung aus. Dabei scheuen Sie sich nicht einmal,
nach außen mit den Gruppen hausieren zu gehen,
die Sie durch Ihre Politik kaputtmachen. Kein Kon
zept ist auch ein Konzept!
Ihre „Oberfliegerperspektive“ — trotz Hassemer-
scher Dialogstrategie — verbindet mit Kultur vor
allem Ordnungs- und Repräsentativvorstellungen
für das Bestehende, und das ist der Kultur noch nie
gut bekommen. Geht es doch hier genau um das
Unfertige, das Noch-nicht-zu-Ende-Gedachte — also
um alles —; und vor allem um das Noch-nicht-Durch-
gesetzte, wie sonst sollte Kultur, sollte Kunst irritie
ren, verstören, erregen und dadurch produktiv sein?
Wer Kultur so will, der kann sie nicht für seine
politischen Ziele einsetzen, es sei denn, er habe
einzig zum Ziel eine frei und offen sich entwickelnde
Gesellschaft, denn dort fiele die kulturelle mit der
gesellschaftlichen Entwicklung zusammen.
Wir denken deshalb weiter mit Ernst Bloch an das
„Noch nicht“ und mit Adorno an den „Vorschein des
ganz anderen“!
Das mag konservativem Technizismus und sozial
demokratischer Technokrate alles als alte Hüte er
scheinen. Wir halten das weiterhin für Versprechun
gen, auf die zu sich Politik bewegen muß, wenn Sie
aufklärerisch und emanzipativ sein will. Wir be
mühen uns, unseren Beitrag dazu zu leisten. Dieser
Kulturetat und vor allem die mit ihm verbundenen
Absichten tun das ganz gewiß nicht. Die AL-Frak-
tion wird ihn deshalb — Sie werden erstaunt sein —
einmütig ablehnen.
Präsident Rebsch: Meine Damen und Herren! Bevor (C)
ich dem Kollegen Professor Dr. Dittberner das Wort gebe,
erinnere ich daran, daß es unsere Geschäftsordnung zu
läßt, vorbereitete Reden gleich zu Protokoll zu geben.
Bitte, Herr Professor Dr. Dittberner!
Dr. Dittberner (F.D.P.): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Ich bewundere den Mut von Herrn Tietze,
[Wachsmuth (AL): Tietz heißt er!]
— Tietz heißt er. Muß man sich merken, meinen Sie? —
Ich bewundere also den Mut von Herrn Tietz, hier über
Sprechtheater zu reden oder zu lesen, und ich würde ganz
gern beantragen, wenn der Herr Parlamentspräsident das
zuläßt, daß wir hier eine Debatte Uber Parlamentskultur
führen, eine Große Anfrage oder dergleichen mehr.
[Beifall bei der CDU]
Präsident Rebsch: Ich bitte aber, das schriftlich einzu
bringen.
Dr. Dittberner (F.D.P.): Das machen wir dann natürlich
schriftlich, aber reden tun wir dann frei dazu, nicht wahr?
Da wir beim Thema Theater sind: Es ist bei uns so,
wie es bei großen Theatern in der Welt gelegentlich auch
vorkommt, daß einer der zugegebenermaßen wichtigsten
Darsteller plötzlich und kurzfristig kündigt, und dann muß
ein anderer ganz schnell seine Rolle übernehmen. In ( D )
dieser Situation bin ich jetzt, und ich will mich dieser
Aufgabe mit Würde, das heißt in Kürze entledigen. Des
wegen nur vier Bemerkungen.
Erstens: Wir begrüßen es ganz außerordentlich, daß in
den Beratungen des Hauptausschusses — wir reden ja
hier über den Haushalt — der Vorschlag gemacht worden
ist, für die freien Gruppen zusätzlich 500 000 DM zur
Verfügung zu stellen.
Zweitens weise ich noch einmal auf unsere alte Forde
rung im Zusammenhang mit dem Haushalt hin, daß die
staatlichen Kultureinrichtungen in verstärktem Maße oder
überhaupt erst mal zu wirtschaftlichem Denken und wirt
schaftlichem Handeln, auch zu eigenverantwortlichem Han
deln auf dieses Gebiet hingeführt werden sollen.
Drittens: Ich unterstütze das, was der Kollege Kollat
hier gesagt hat hinsichtlich der zu erstattenden Berichte
und Konzeptionen des Senats, vielleicht nicht in allen
Nuancen, wie Sie es gesagt haben, aber im Prinzip schon.
Ich bin nur der Auffassung, Herr Kollege Kollat, die Be
richte machen noch keine Kulturpolitik. Die Berichte sollen
ja wohl nur ein Mittel zum Zweck sein.
Und als viertes und letztes lassen Sie mich darauf hin-
weisen, Herr Tietze: Herr Hassemer ist in der Tat aus
unserer Sicht ein liberaler Kulturpolitiken Solche gibt es,
liberale Politiker, solche gibt es in der CDU offensichtlich,
die gibt es auch in der SPD, es ist ja ein Problem, daß
es die in der AL-Fraktion offensichtlich nicht gibt, und
wenn er als liberaler Kulturpoltiker wirken will, dann
werden wir ihn darin hemmungslos unterstützen. Er wird
jetzt gleich die Gelegenheit haben, dies zu beweisen, daß
er auch einer ist. — Ich danke Ihnen.
[Beifall bei der F.D.P. und der CDU]
3497
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.