Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
56. Sitzung vom 9. Dezember 1983
Tietz
(A) ausrichten. Die ständig steigenden Kosten ohne Verhält
nis zum künstlerischen Ergebnis an den staatlichen Schau-
spielbühnen oder, noch schlimmer, als Faß ohne Boden
beim Theater des Westens —
[Abg. Dr. Dittberner (F.D.P.) meldet sich zu
einer Zwischenfrage]
und insonderheit von Kulturpolitik, diesen Prozeß der
Ausbildung freier Individuen voranzubringen, die Teilhabe
an der Nutzung bürgerlicher Rechte zu verbreitern, also
zur Emanzipation der noch immer zu kurz Gekommenen
beizutragen.
Eine demokratische Gesellschaft ist immer auch eine
Lesegesellschaft,
Präsident Rebsch; Gestatten Sie eine Zwischenfrage?
Tiet* (AL); Nein, meine Zeit ist knapp — beklagen Sie
auch, aber unternehmen nichts, aber auch gar nichts da
gegen. Oder glauben Sie etwa, es reicht aus, dagegen
und eben auch gegen die kulturelle Krise einen Intendan
ten mit einem notdürftigen Konzept zu einem „Deutschen
Nationaltheater“ zu berufen?
Wir können Ihnen in dieser Frage auch kein sicheres
Konzept anbieten, sagen Ihnen aber: Wer heute den Weg
der Öffnung der Theater nicht zu gehen bereit ist, zur
Öffnung im ästhetischen wie im institutioneilen Sinne, der
wird die Theaterkrise nicht lösen können!
ln diesem Zusammenhang sei nicht verschwiegen, daß
gerade auch der Bereich der freien Theater von dieser
Krise nicht unberührt ist. Nun wird Ihnen das aber eher
recht sein, denn diese Gruppen gehen kaputt ohne Sozial
pläne und Abfindungen und ohne großen Aufschrei in den
Feuilletons. Wir wollen aber, daß das gesamte Sprech
theater aus der Krise herauskommt, im institutionellen wie
im freien Bereich, wozu es aber mehr Phantasie und Mut
und bei den freien Gruppen auch mehr Geld erfordert.
Oberhaupt hat sich nichts geändert an unserer Kritik
daran, wie Sie den gesamten freien Bereich, die nicht
institutionalisierte Kultur behandeln, denn Ihre Politik hat
sich nicht geändert. Die Zuwächse kommen fast immer den
großen Institutionen zugute, oder es werden neue ge
schaffen. Die Unverhältnismäßigkeiten zwischen dem eta
blierten und freien Bereich wachsen, und das ist in der Tat
eine ganz falsche Richtung, ganz falsch vor allem, weil es
durchaus immer wieder Initiativen von unten gibt, die
kulturell interessant sind. So ist der Etat für freie Grup
pen zwar auch mit Ihren Stimmen in diesem Jahr noch
einmal um eine halbe Million DM angehoben worden, wir
halten das aber weiterhin für unzureichend und bleiben
bei unserer Forderung nach einer Aufstockung auf insge
samt 4 Millionen DM.
[Beifall bei der AL — Sen Franke: Abgelehnt!]
Und als letztes nun zu einem Beispiel, das in Ihrem
Verständnis von Kultur kaum vorzukommen scheint, näm
lich die Bibliotheken. Wenn wir hier über die Berliner
Bibliotheken reden wollen, dann geht es vor allem um
eine der wichtigsten kulturellen Tätigkeiten, das Lesen.
[Heiterkeit und demonstrativer Beifall —
Buwitt (CDU): Ein Witzbold! — Ein netter Gag!]
— Es gibt eben zuwenig Bücher in dieser Stadt, wie Sie
gleich hören werden; hören Sie doch mal zu! — Es geht
um das Buch als eine der wichtigsten Quellen von Bildung
und Erfahrung, ohne die die gesellschaftliche Orientie
rung für das Individuum nicht möglich ist. Eine demokra
tische Gesellschaft braucht Bürger und Bürgerinnen, die
fähig und willens sind, von ihren bürgerlichen Rechten
Gebrauch zu machen. Da dies heute unbezweifelbar noch
immer nicht allen Menschen in unserer Gesellschaft mög
lich ist, ist eine der entscheidenden Aufgaben von Politik
3496
[Heiterkeit bei der CDU — Simon (CDU): Sie
können doch nicht ein Wort lesen, das ist doch
unerträglich!]
denn die Komplexität unserer Gesellschaft ist von bloßer
Anschauung nicht zu erfassen. — Das stimmt doch gar
nicht, Herr Simon, ich habe hier schon eindeutig freie
Reden gehalten. Wenn Sie das nicht wahrgenommen ha
ben, dann muß ich an Ihrer Wahrnehmung zweifeln! Und
da dies eine sehr ausführliche und lange Rede ist, lese ich
die halt mal ab, nehmen Sie das doch einfach mal zur
Kenntnis. — Um sich in ihr orientieren und verändern zu
können, dazu bedarf es ständig der Aufklärung über sie.
Das wichtigste Bürgerrecht ist das der Meinungsfreiheit.
Dies hat — und das wird zumeist übersehen — zwei Be
dingungen. Sie bestehen zum einen in der Freiheit, eine
Meinung frei zu äußern, zum anderen aber und genauso
wichtig, in der Freiheit, sich eine Meinung frei bilden zu
können. Und hierfür ist das Buch von höchster Bedeutung.
So tragen da auch die Bibliotheken ein hohe Verantwor
tung. Und damit tragen Sie hier hohe Verantwortung, näm
lich dafür, daß die Bibliotheken diese Aufgabe auch wahr
nehmen können. Das hieße aber zumindest, die Ankauf
etats der Bibliotheken um die Preissteigerungsrate zu er
höhen, das ist das mindeste! Genau das tun Sie aber
nicht, und die SPD hat in den Haushaltsberatungen einen
solchen Antrag zurückgezogen. Deshalb schlagen wir
Ihnen eine Aufstockung des Ankaufsetats für die Amerika-
Gedenkbibliothek um 82 000 DM auf 1,1 Millionen DM vor.
[Beifall des Abg. Behr (AL)]
Das war es, danke!
[Beifall bei der AL — Demonstrativer Beifall
bei der CDU — Adler (CDU): Zugabe!]
Gemäß § 63 Abs. 3 GO Abghs zu Protokoll gegebe
ner Teil der Rede von Abg. Tietz (AL):
Und noch einmal dazu, wie Sie Kulturpolitik verste
hen. Sie sagen; Alles schön und gut, aber in Zeiten
knappen Geldes kann man eben nicht alles machen,
und die Bibliotheksbenutzer sind nicht die einzigen
Unterstützenswerten. — Das stimmt zwar, das Pro
blem ist aber ein ganz anderes. Sie binden die Kul
turpolitik in eine antizyklische Konjunkturpolitik ein,
die zudem für sich schon höchst fragwürdig ist. Und
in genau jener Logik sagen Sie: Wir müssen des
halb die investiven Mittel stärken und bei dem kon
sumtiven sparen. — So kommt es dann zu der aben
teuerlichen Logik, daß Sie zwar Millionen für Bau
maßnahmen ausgeben können, nicht aber ein paar
tausend Mark mehr für Bücherankäufe. Nein, da
widersprechen wir heftig. Wir halten es für einen
gesellschaftspolitischen Anachronismus, daß das
ökonomische Denken die kulturpolitischen Subven
tionen noch immer für eine „freiwillige Leistung“
hält und hierbei insbesondere die sogenannten kon
sumtiven Ausgaben. Denn gerade die machen doch
(C) (f
i
(D) (
I
■m
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.