Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
56. Sitzung vom 9. Dezember 1983
(A)
1
(B)
!
Tietz
und Aufmerksamkeit besser auf die Gestaltung des Plat
zes vor dem Gropius-Bau, den Ort der ehemaligen SS-
Folterkammern. Dort ist es geboten, sich angemessen zu
erinnern, im wahrsten Sinne verschüttete Geschichte er
lebbar zu machen.
[Beifall bei der AL]
Wir erwarten dazu eine angemessene Entscheidung.
Präsident Rebsch: Herr Tietz, gestatten Sie eine Zwi
schenfrage?
Tietz (AL): Nein!
Ganz ähnlich verhält es sich mit den anderen großen
Projekten. Der Wiederaufbau der Kongreßhalle ist der
reinste Schildbürgerstreich. Es ist ja nicht nur so, daß Sie
noch kein Konzept haben und trotzdem mit dem Wieder
aufbau beginnen wollen — nein, es wird immer deutlicher,
daß es gar kein Konzept geben wird; alle Pläne scheitern
ja. Und nun soll auch hier die Kultur als Schmiermittel
dienen; und hinzu kommt das frivole Argument, Sie woll
ten mit dem Wiederaufbau ein Zeichen der stadtplaneri
schen Wende setzen, die Zeiten des Abreißens seien
vorbei. Wir sagen Ihnen: Räumen Sie dieses Ding ab,
und es wird uns nichts fehlen, sondern dabei eine Menge
Geld gespart: 20 Millionen DM allein in diesem Haushalt.
[Beifall bei der AL]
Deshalb halten wir auch den SPD-Änderungsantrag für
nicht sinnvoll, denn der will nicht den Abriß, sondern die
Aufrechterhaltung des Status quo, das heißt die Unterhal
tung der Ruine, was allein 5 Millionen DM jährlich kosten
würde, und zwar ohne jeden Nutzen. Von den gesparten
20 Millionen DM könnten Sie dann ein bißchen in der
Kultur belassen und unsere Anträge finanzieren und den
Rest dafür verwenden, daß die Orte, an denen die Men
schen leben, nicht verfallen und abgerissen werden müs
sen.
Das könnte und sollte auch Aufgabe der bevorstehen
den Aktivitäten zur 750-Jahr-Feier sein: also behutsames
Aufgreifen noch vorhandener steinerner Zeugen der Ge
schichte Berlins und ihre Veranschaulichung. Sie aber ver
fallen auch hier in eine Hysterie des Protzes; alles, aber
auch alles, was ungefähr um 1987 fertig werden soll, er
klären Sie unterdessen zum selbstgemachten Geburts
tagsgeschenk — das ist wirklich albern. Ein solches Ge
schenk soll das Kulturforum sein, ein anderes Geschenk
das Literaturhaus. Das Kulturforum von Scharoun wurde
in einer Zeit konzipiert, die sich noch an anderen stadt
planerischen Vorgaben orientierte. Diese sind aber heute
so nicht mehr gültig. Dennoch gäbe es gute Chancen,
Scharouns Pläne in einer angemessenen Form zu verwirk
lichen, das heißt unter Einbeziehung der Kritik an solchen
Großprojekten. Der nun gekürte Entwurf verwirft aber
nicht nur entscheidende Überlegungen Scharouns, er
macht gerade das Problematische am alten Entwurf noch
schlimmer. Was hier — sollte das wirklich Realität werden
— entstehen würde, wäre in der Tat eine Kulturwüste. Und
das ist es auch, was es uns nicht möglich macht, jetzt für
den Kammermusiksaal zu stimmen. Er ist zunächst in die
ses Konzept eingebettet und nicht davon zu lösen; hinzu
kommt, daß 99 Millionen DM die eben beschriebenen
Disparitäten verschärfen und gleichzeitig andere Initiati
ven siechen und sterben lassen. Das können wir so
nicht hinnehmen. Gleichwohl ist zu sagen, daß gegen
einen Kammermusiksaal — und schon gar gegen diesen —
für sich nichts einzuwenden ist. Deshalb ist auch der Hin
weis von Herrn Schneider auf fehlende Kindergarten
plätze wenig treffend, denn dieses Argument läßt sich
natürlich überall anwenden.
Überflüssig allerdings erscheinen uns Ihre Pläne für ein (C)
Literaturhaus im Wintergarten. Es gibt in der Berliner
Literaturförderung sicherlich einiges zu verbessern, aber
an einem fehlt es hier gewiß nicht: an öffentlichem Raum
zur Literaturpräsentation — den gibt es genug. Da wollen
wir viel eher am Antrag der F.D.P. festhalten — auch
wenn sie davon nichts mehr wissen will —, das Tucholsky-
Geburtshaus zu einer Literaturarbeitsstätte auszubauen —
womit wir bei den Projekten wären, die Sie, meine Damen
und Herren, vernachlässigen oder ablehnen.
Ein weiteres wäre das Filmhaus. Da lanciert Senator
Dr. Hassemer zwar ab und an mal einen Zeitungsartikel,
aber es geschieht nichts.
[Zemla (CDU): Sie lesen die falschen Zeitungen!]
Wir halten das Filmhaus, da es nun schon seit Jahren ge
fordert wird, für eine ganz herausragende Priorität.
Das Hebbel-Theater siecht vor sich hin; aber gerade das
Hebbel-Theater ist nicht nur aufgrund seiner Geschichte
ein prominenter Ort der Kultur in Berlin und ein wichtiger
für den Bezirk Kreuzberg. Sie reden zwar auch immer da
von, tun aber absolut gar nichts dafür, hier wieder konti
nuierlich Theater stattfinden zu lassen. Gibt es denn in
Berlin zum Beispiel einen geeigneteren Ort als diesen, an
dem türkisches Theater gespielt werden könnte?
Was überhaupt die bezirkliche Kulturarbeit betrifft, so
ist das, was Sie davon reden, noch nicht einmal „heiße
Luft“; und daran zu erinnern, daß der Bericht über dezen
trale Kultur jetzt schon seit vier Jahren aussteht, ist wohl
vergebliche Liebesmüh, wir werden wohl demnächst selber
darangehen müssen. Daß das nicht Zeitprobleme oder
ähnliches sind, sondern klare kulturpolitische Bewertun
gen, hat uns Ihre Antwort auf unsere Große Anfrage über (pj
die soziokulturellen Zentren gezeigt. Die Dürftigkeit, die
Uninformiertheit und das Desinteresse, die Sie offenbar
ten, sind nicht im geringsten zu entschuldigen. Sie wollen
so etwas einfach nicht. Da hilft es dann auch nichts, daß
hier enorme Vorleistungen von den Initiativen erbracht
werden und ein neues Kulturverständnis entwickelt wird,
das sich als sinnvoll und tragfähig erwiesen hat. Ihre
Antwort hat gezeigt, daß Sie überhaupt nichts begriffen
haben von der eigenständigen kulturellen Bedeutung sol
cher soziokulturellen Initiativen. Deshalb ist es Ihnen auch
recht, wenn diese nun zum Teil existentiell bedroht sind.
Uns ist es aber nicht egal; wir finden es wichtig, daß die
Panke-Hallen, das KuKuCK, die Ufa-Fabrik, das Tempo
drom, die Regenbogenfabrik, das Kerngehäuse oder das
KOP und die anderen ihre wichtige soziokulturelle Arbeit
weitermachen können. Deshalb fordern wir, eigens hier
für einen Etat von 2 Millionen DM zur Verfügung zu stel
len — wohlgemerkt: nicht für Projekte oder Programme,
sondern einzig zur Erhaltung der Häuser und der Grund
lage ihrer Arbeit.
Meine Damen und Herren, dies ist wieder nur ein Bei
spiel Ihres Umgangs mit den freien Gruppen, und das ist
es, was wir Ihnen vorwerfen: Ihre Unausgewogenheit, Ihre
radikale Einseitigkeit hin zu dem, was Sie Hochkultur nen
nen. Wir sagen Ihnen aber; Hochkultur kann es überall
geben. Eine Oper ist nicht deshalb Hochkultur, weil sie
hohe Subventionen bekommt, und eine freie Gruppe nicht
deshalb Basiskuttur, weil sie arm ist. In Berlin zeigt sich
das ganz deutlich: Hat denn Boy Gobert tatsächlich Hoch
kultur betrieben? Die Kritiker sehen das fast unisono
anders, und wir auch. Und wird dann Herr Sasse vielleicht
etwas anderes bringen?
Das gesamte deutsche Sprechtheater liegt in einer tie
fen Krise, und zwar sowohl ästhetisch als auch institutio
nell. Gegen beides können Sie mit Ihrer Politik nichts
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