Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
56. Sitzung vom 9. Dezember 1983
Dr. Lehmann-Brauns
(A) eine generelle und breite Zustimmung zu dieser Kultur
politik, der ich mich gerne anschließe.
[Ulrich (SPD); Ein Scherzbold sind Siel]
Ich bin mit meiner Fraktion zugleich gerührt und geehrt
über dieses Ausmaß an Zustimmung, daß Sie sich zuneh
mend um den Senator zu scharen, ihn mit Fragen zu be
drängen, wann er sich mit seinen Projekten und seinen
Konzeptionen verwirklicht. Ich freue mich darüber, meine
aber doch, daß wir diese. Etatdebatte auch noch einmal
zum Anlaß nehmen müssen, auf ein paar grundsätzliche
Unterschiede zu Ihnen hinzuweisen.
Ich will Sie darauf aufmerksam machen, daß viele unse
rer Kontroversen deshalb entstehen, weil wir einen unter
schiedlichen Begriff von Kultur haben. Es gibt — um das
hier ganz kurz anzudeuten — drei solcher Kulturbegriffe
Um den linken zunächst zu nennen: Kultur ist danach ein
Stück Gesellschaftspolitik, ist eingeordnet in die politi
schen Zusammenhänge, hat eine bestimmte politisch die
nende Funktion — Sie wollen ein Beispiel, ich gebe Ihnen
eins; Peter Stein, Schaubühne, hat es neulich vor Steg
litzer Gymnasiasten einmal ausgeführt: Kultur oder ein
Theaterstück ist für Sozialdemokraten dann gelungen,
wenn die Schüler ein Stück politische Lehre mit nach
Hause nehmen können.
setzen wird, ich will Sie nicht mit einer Stellungnahme (C)
dazu langweilen. Ich darf dem Senat nur dazu gratulieren,
daß er es geschafft hat, in der Zeit des Sparens einen
Kulturetat vorzulegen, der gegenüber 1983 — wenn meine
Zahlen richtig sind — eine Steigerung von 17% vorsieht.
[Vereinzelter Beifall bei der CDU]
Ich darf Ihnen drei Beispiele sagen; Die Deutsche Oper
etwa erhält 1984 600 000 DM mehr als 1983; die privaten
Theater 1,1 Millionen DM und die freien Gruppen, die
1983 2 Millionen DM erhielten, werden 1984 2,6 Millio
nen DM zur Verfügung haben.
[Vereinzelter Beifall bei der CDU]
Vielleicht noch ein Wort zum Kulturklima der Stadt: Es
kennzeichnet sich nicht nur durch einen breiten Lei
stungsbogen, sondern auch durch einen Mäßstab abso
luter Toleranz. Ich beziehe einmal auch die verbalen
Oberzogenheiten und Entgleisungen ein, die wir hier
von der AL oft hören, weil ich meine, daß auch diese Art
von Kritik in ihrer unterstellten Destruktivität zur freien par
lamentarischen Demokratie gehört — sie muß sie aushal-
ten, sie wird sie aushalten und sie hat sie bisher sehr
gut ausgehalten.
Es gibt den alternativen Kulturbegriff — soweit er sich
von dem linken trennen läßt. Mir ist natürlich auch be
kannt, daß ein großer Teil der Alternativen schlicht den
linken Kulturbegriff übernimmt. Ich spreche jetzt von de
nen, die sich um ein eigenes Urteil und eine eigene Ent
wicklung bemühen. Deren Kulturbegriff stellt auf die de
zentrale, kleine Gruppe ab. Alles, was diese kleine
(B) Gruppe so produziert — sei es Spiel, Sport, Theater
oder Zirkus, Karate oder Nasendrehen —, ist Kultur und
bedarf der Förderung, ganz ohne Rücksicht auf Qualität.
Hier gibt es gar keine Trennungslinie mehr zwischen Kul
tur und Sozialwesen, und deshalb ist auch gar nicht ver
wunderlich, weshalb die AL so häufig mit der Förderung
von sogenannten sozio-kulturellen Zentren kommt.
Dann gibt es den liberalen Kulturbegriff, dem meine
Fraktion anhängt. Es ist derjenige, der die Kultur eben
nicht in die Abhängigkeit von der Politik setzt, sondern
sie als etwas qualitativ Verschiedenes betrachtet. Das
bedeutet also keine Sozialverpflichtung des Künstlers,
keine gesellschaftspolitische Belastung der Kultur, son
dern Freiraum für sie. Wir unterscheiden uns an dieser
Stelle insbesondere von dem Kulturverständnis des Prä
sidenten der Akademie der Künste, Günter Grass, der
neulich in einer beachteten Rede von der dienenden Funk
tion der Kultur gesprochen hat. Auch meiner Fraktion ist
klar, daß Kultur Vehikel sein kann für Politik, das aber
nur — nach unserem Verständnis — in politischen Aus
nahmesituationen, also in totalitären Systemen. Sie ken
nen genug Beispiele: Ich will Ihnen Wolf Biermann in
Erinnerung führen, der die Kultur in der DDR, als er dort
lebte, oft extensiv gebraucht hat, um politische Aussagen
anbringen zu können. In einer freien Gesellschaft aber
hat es Kultur nicht nötig, der Wasserträger der Politik zu
sein. Deshalb, meine Damen und Herren — wir sagen es
in alle Richtungen, Herr Ristock; Hände weg von der
Kultur!
[Ristock (SPD): Wir auch, wem sagen Sie das!]
— Das sagen wir jedem Versucher.
Ich nehme an, daß Herr Senator Hassemer sich kurz
mit der punktuellen Kritik von Herrn Kollat auseinander-
Als Beispiel für einen klimatischen Höhepunkt und auch
als ein Beispiel der Vereinbarkeit scheinbarer Unverein
barkeiten möchte ich Ihnen die in Berlin sehr beachtete
Menge-Sendung mit Neuss und Weizsäcker in Erinnerung
rufen. Strengen wir uns alle an, daß das so bleibt, und
drücken wir Wolfgang Neuss die Daumen, daß er sein
Formhoch beibehält.
[Staffelt (SPD): Da klatscht doch gar keiner
von Ihrer Fraktion, wie kommt denn das?]
— Wenn Sie die Konzentration aufbringen, verehrter Kol
lege, mir eine Zwischenfrage zu stellen, dann will ich sie
gern beantworten, so kann ich sie schlecht verstehen. —
Bitte!
Staffelt (SPD): Herr Kollege Lehmann-Brauns, wie in
terpretieren Sie denn die Ruhe in Ihrer Fraktion
[Simon (CDU): Aufmerksamkeit — Landowsky (CDU):
Gespannte Aufmerksamkeit!]
— natürlich Aufmerksamkeit! —, als Sie Herrn Neuss Glück
für seine kommenden Taten wünschten?
Dr. Lehmann-Brauns (CDU): Verehrter Herr Staffelt,
ich glaube, daß meine Fraktion dieses neue Erlebnis von
Neuss gut aufgenommen hat, und ich sage das ganz be
wußt nicht nur als Privatmeinung, sondern auch als Mei
nung meiner Fraktion: Das war ein Abend, den man sich
nur denken kann unter einer CDU-geführten Regierung.
Soviel Harmonie würden Sie hier nicht verbreiten.
Präsident Rebsch: Gestatten Sie noch einige weitere
Zwischenfragen?
Dr. Lehmann-Brauns (CDU); Selbstverständlich, ja!
Präsident Rebsch: Herr Kunzeimann!
(D)
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