Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
56. Sitzung vom 9. Dezember 1983
Dr. Mahlo
(A) heute noch unter allen Umständen eine tatsächliche Wert
verbesserung darstellt.
[Gerald Lorenz (SPD): Fühlen Sie sich denn
trotzdem gesund?]
— Vielen Dank für die Nachfrage, Herr Kollege!
[Heiterkeit]
Eigentlich beabsichtige ich nicht, erneut darüber zu
sprechen, worüber schon vor zwei Tagen gesprochen
worden ist, sondern ich dachte, sozusagen auf der Grenz
linie zwischen Stadtentwicklung und Baugestalt, darauf
einzugehen, daß gerade für Berlin, wie sonst wahrschein
lich für keine Stadt in Deutschland, die Frage der städte
baulichen Qualität von so großer politischer Bedeutung
ist. Die Frage, ob denn die moderne Großstadt überhaupt
als Lebensmittelpunkt attraktiv bleiben kann, ist für un
sere Zeit nicht endgültig entschieden. Die Gefahr, daß
sich in der Großstadt Gegensätze unversöhnlich gegen
überstehen, nämlich potenzierter Reichtum und potenzier
tes Elend, hektische Geschäftigkeit und Vereinsamung,
Massenbewegung und äußerste Isolierung, ist nicht ge
bannt. Die Stadt kann natürlich an lärmdurchtosten Stra
ßen, an Autobahn-Landschaften, an Abschreibungsarchi
tektur und Zivilisationsmüll, an Verfall und an Verhäß-
lichung buchstäblich zugrunde gehen. Es ist daher hier
im Zusammenhang mit der Diskussion des Haushalts
durchaus der Moment, zu fragen, was in den ein, zwei
Jahren auf dem Gebiet geleistet worden ist und was nicht.
Selbstverständlich können das nur Ansätze sein, denn
man kann nicht in zwei Jahren das Gesicht einer Stadt
verändern. Aber Symptome der Besserung sind unver
kennbar sichtbar. Der' Haupt-Boulevard der Stadt, zwi
schen Halensee-Brücke und Wittenbergplatz, über den
Mendelsohn-Bau — leider eine Kopie, Herr Kollege Ri-
stock, aber selbst als Kopie noch ein Element der Stabi
lisierung —, über Fasanenstraßen-Ensemble, dessen Ret
tung durch diesen Senat ich ruhig als eine Kulturtat be
zeichnen würde, über den Neubau des Breitscheidplatzes,
über die Neugestaltung der Tauentzienstraße
[Zurufe von der SPD]
bis zur Umgestaltung des Wittenbergplatzes zeigen ein
deutig diese Verbesserungen. Es gibt zahlreiche Häuser,
die zufriedenstellend oder auch hervorragend neu in die
sem Bereich entstanden sind.
Wir müssen hier natürlich erneut der Jeremiade der
Sozialdemokraten über die Hardenbergleuchten gewärtig
sein. Es ist richtig, daß sie niemals an dieser Straße ge
standen haben. Was für ein Skandal! Aber eine Straße
weiter haben sie gestanden. Sie kosten auch nicht
40 000 DM das Stück, sondern sie kosten 20 000 DM.
[Widerspruch des Abg. Nagel (SPD)]
Der Rest ist die Installation, das Geld bekommt die
Bewag; das ist das Geld, das von der rechten Tasche des
Senats in die linke gezahlt wird.
[Nagel (SPD): Bauernfängerei! —
Weitere Zurufe von der SPD]
— Herr Kollege Nagel, denken Sie an die riesenhaften
Ausgaben für ICC, Schlangenbader Straße, an die gleich
zwölffach gebauten Ristock-Schulen. Hier am Kurfürsten
damm soll nun gespart werden?—Wir sind der Auffassung,
daß eine Lampe, die nicht der Kommerz-Architektur (C)
in diesem Bereich — nach dem Krieg entstanden, zahlen
mäßig in der Mehrzahl —, sondern die der Gründerzeit-
Architektur entspricht, hier an der richtigen Stelle steht.
Wir wären auch mit einer modernen Lampe einverstan
den gewesen, wenn sie vorläge. Aber es gibt sie nicht.
Das einzige, was gedroht hat, ist die Schürer-Leuchte,
die nun mehrere hundert Meter weiter steht und von der
Herr Professor Roters zutreffend gesagt hat, sie sei eine
Zwitterleistung aus Jugendstil und amerikanischem Stahl
helm, und der sie damit lächerlich gemacht hat. Ich
glaube, irgendwann wird man diese Lampe wieder dort
entfernen und woanders hinsetzen müssen, wo sie besser
paßt.
[Nagel (SPD): Haben Sie etwas gegen den
amerikanischen Stahlhelm]
— An dieser Stelle ja, Herr Kollege!
Sie entnehmen daraus, daß die Maßnahmen zur Hebung
des allgemeinen Erscheinungsbildes und des Pflege
zustandes der Innenstadt zu greifen anfangen und daß es
sich hierbei nicht um ein Konzept mit Polizei handelt, son
dern um ein Konzept durch Gestaltung, nicht um ein Ver
botskonzept, sondern um ein Entwicklungskonzept.
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Das zweite Demonstrationsprinzip in puncto Gestaltung
ist der zentrale Bereich. Wir begrüßen, daß sich der
Senat eines über Jahrzehnte vernachlässigten Gebietes
angenommen hat, und zwar in einem Planungsverfahren,
das in seiner Offenheit und in seiner Breite beispielhaft
war. Wir begrüßen, daß er dabei historische Grundzüge
aufgenommen hat, daß der Zugang zum anderen Teil der
Stadt nicht verschüttet und die Verbindung der einzelnen
Solitäre untereinander und zum Tiergarten hin grund
sätzlich verbessert wird. Damit ist dann der einge
schlagene mittlere Weg, nämlich keine Proletarisierung
des Tiergartens und kein elitäres Grün, verbunden mit
einem gleichzeitigen starken Nutzungsangebot im süd
lichen Teil der Tiergartenzone, die absolut richtige Lö
sung. Der Garten der Stadt soll wieder als Ganzes erfahr
bar und erlebbar sein und nicht nur in Teilstücken.
Ich will auf die gegenwärtige Diskussion um das Kultur
forum hier nicht eingehen. Es geht hier nicht um einen
Unterschied in der Qualität, das ist das Positive an dieser
Lage, sondern es geht um einen Unterschied in geistigen
Positionen, und die sollen mit aller Offenheit und Öffent
lichkeit ausgetragen werden. Anders bei der von der SPD
zu verantwortenden Bebauung der Museen, wo leider
nicht aufgepaßt worden ist, weil sie jahrelang Bauten
nur eine funktionale und keine sonstige Aufgabe zu
gewiesen hat.
Der dritte entscheidende Demonstrationsbereich in
Fragen der Gestaltung ist derjenige der IBA. Ich glaube,
daß das, was im IBA-Bereich, und zwar im Neu- und im
Altbau gegenwärtig geschieht, zu den hoffnungsvollsten
und ermutigendsten Arbeiten und Leistungen dieser Stadt
gezählt werden muß.
[Beifall bei der CDU und des Abg. Nagel (SPD)]
Hervorzuheben ist, daß das Leute mit einem Engagement
machen, das mit einem 8-Stunden-Tag schon lange und
seit Jahren nichts mehr zu tun hat. Deswegen, Herr Kol
lege Nagel, werden wir, weil Sie das immer bezweifeln,
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