Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
56. Sitzung vom 9. Dezember 1983
Landowsky
(A) nicht auf dialektische Floskeln ausweichen — Sie müssen
erst einmal beweisen, daß das klappt —, sondern ich will
Ihnen meine tiefe Überzeugung sagen, daß bei allen
möglichen Vorschlägen zur Arbeitszeitverringerung — und
dieses Ziel ist ja unstreitig — die 35-Stunden-Woche die
unsozialste von allen ist
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Die 35-Stunden-Woche bedeutet — wer mal etwas voraus
denkt — die Viereinhalbtagewoche. Die Viereinhalbtage
woche bedeutet, am Freitagmittag um 12 Uhr ist Schluß.
Und ich sage Ihnen: Diesen Druck von der Basis werden
Sie überhaupt nicht aushalten. Sie werden den Vorschlag
der Personal- und Betriebsräte haben, daß aus dieser
35-Stunden- sprich; Viereinhalbtagewoche ein Neun-Stun-
den-Tag wird und damit eine Vier-Tage-Woche.
[Wagner (SPD); Warum denn nicht? — Hören Sie
doch erst mal zu!]
Und diesen Druck, Herr Wagner, werden Sie nicht aus
halten. Ich sage Ihnen, Sie werden es nicht und Herr
Wagner, mir können Sie doch nicht sagen, daß ich nicht
geduldig zugehört habe. Ich bin ein ausgemacht gedul
diger Mensch und habe anderthalb Tage zugehört, auch
wenn Sie viel engagierter und viel lauter gesprochen
haben, aus meiner Sicht auch viel unrichtiger als ich!
[Wagner (SPD): Aha! — Vereinzelter Beifall bei der
CDU und der F.D.P.]
Ich will jetzt hier einige kurze Anmerkungen machen;
Diese Viereinhalbtagewoche, das ist meine Vermutung
(B) — und Sie haben den zweiten Arbeitsmarkt in dem Sinne,
wie ich das verstehe, ja heute schon partiell, die Zweit
beschäftigung, meine Damen und Herren —, ist der Ein
stieg zum Zweitberuf. Sie haben das doch in anderen
europäischen Ländern, in Italien, in Spanien, in Frank
reich, den Zweitberuf; und wir haben das an einem Fall
eines Mitglieds eines Eigenbetriebs auch einmal gehabt:
Die Viertagewoche bedeutet nämlich, daß die qualifizier
ten Arbeitnehmer — die qualifizierten! — versuchen, eine
weitere Tätigkeit zu ihrer persönlichen Erfüllung zu er
langen, die vielleicht nicht stundenmäßig abgegrenzt ist,
aber von dem Arbeitsangebot durch sie aufgesogen wird.
Das bedeutet: Die besten Arbeitnehmer sind in ihrer
Arbeitszeit voll über die Woche ausgelastet, und durch
den Rost fallen wiederum die sozial Schwachen, die Be
hinderten, diejenigen, die nicht aus eigenem Antrieb
einen Arbeitsplatz finden. Dieser Politik sagen wir von
vornherein den Kampf an, Herr Kollege Wagner!
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Das ist meine tiefe Überzeugung. Man muß nicht nur
daran denken, daß man eine Gewerkschaftsforderung er
hebt von 40 auf 35 Wochenstunden — ich lasse mal die
Bezahlung beiseite. Wir haben heute schon das Problem,
daß bei sechs Wochen Urlaub die Mitarbeiter oft gar
nicht in der Lage sind, diese Freizeit finanziell zu bewälti
gen. Dies heißt, der Drang in den Zweitjob und in die
Nebentätigkeit, so sage ich einmal, ist unaufhaltsam. Sie
können das im öffentlichen Dienst gerade noch reglemen
tieren, Sie können die Freiberufler und sonstige Neben
tätigkeiten in der freien Wirtschaft schon fast gar nicht
mehr reglementieren. Deswegen sage ich: Überlegen Sie
doch einmal, wenn wir einig sind in der Frage, daß die
Arbeit, die wir haben, auf mehr Menschen verteilt werden
muß — das ist doch die zentrale Forderung aller sozial
Denkenden —, dann muß man darüber nachdenken,
welche Lösung die sozialere ist. Und ich sage Ihnen; Das (C)
Prinzip der gleitenden Lebensarbeitszeit ist die sozialere
und auch für alle Betroffenen die humanere Form, Arbeit
auf mehr Menschen zu verteilen.
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Stellv. Präsident Longolius; Gestatten Sie eine Zwi
schenfrage, Herr Landowsky?
Landowsky (CDU): Wissen Sie, ich habe eine vorberei
tete Rede, ich habe gerade einen Gedanken, den möchte
ich erst einmal zu Ende bringen. Geben Sie mir bitte
diese Chance.
[Sen Kunz: Jawohl, sehr richtig!]
Der Kampf zwischen Arbeithabenden und Arbeitsuchen
den wird schärfer werden, und ich teile Ihre Auffassung,
daß wir an Besitzstände herangehen müssen. Mehrver
dienende, wen immer es trifft, müssen einen Solidarbei
trag leisten, natürlich eher als geringer Verdienende. Es
gibt übrigens unter den Arbeithabenden eine Schicht, die
ich nicht angreifen möchte, wo ich aber feststellen
möchte, daß die in besonderer Weise privilegiert ist und
zunimmt: Das sind die doppelt im öffentlichen Dienst Be
schäftigten!
[Frau Korthaase (SPD): Vorsichtig! Vorsichtig! —
Unruhe]
Ich bitte Sie, einmal zu überlegen, was der Stuttgarter
Oberbürgermeister vor wenigen Tagen vorgeschlagen
hat: Ist es eigentlich sozial zumutbar, Herr Kollege Wag- (D)
ner, daß zwei Ehepartner auf dem völlig gesicherten
öffentlichen Arbeitsplatz sind? Ist es eigentlich gerecht
fertigt —
[Unruhe — Dr. Köppl (AL): Sollen die sich
vorher scheiden lassen?]
— Ja, ja, auf den Punkt will ich kommen. Wenn es Orts
zuschläge gibt, warum muß er zweimal gezahlt werden für
den gleichen Ort? Wenn wir an Besitzstände herangehen,
dann müssen sie, finde ich, unvoreingenommen und ohne
ideologische Scheuklappen — und ich tue dies auch
[Zurufe von der AL]
— Da jault die AL, weil sie zum größten Teil aus öffent
lichem Dienst besteht, meine Damen und Herren!
[Beifall bei der CDU und der F.D.P. — Glocke
des Präsidenten — Kunzeimann (AL); Da müssen
Sie den Mund aufmachen als Großverdiener bei
einer senatseigenen Bank!]
Ich finde, wenn man an diese Diskussion ehrlich heran
geht, dann muß man alle Gedanken, die eingebracht wer
den, unvoreingenommen prüfen. Ich prüfe auch die Frage
der 35-Stunden-Woche. — Ich habe das ja gesagt, Herr
Kollege Wagner! — In der Abwägung finde ich aber, es
ist eine inhumanere Form. Ich finde, die gleitende Le
bensarbeitszeit ist die bessere Form. Der Abbau von
Besitzständen und Privilegien ist ein Gebot ausgewoge
ner sozialer Politik. Ich sage Ihnen auch: Die Frage der
Ergänzungsabgabe, Herr Kollege Wagner, da haben wir,
die CDU in Berlin, doch durchaus Sympathie dafür gehabt;
und ich bekenne mich nach wie vor dazu, daß ich eher
eine nichtrückzahlbare Ergänzungsabgabe für zweckmäßi-
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