Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
56. Sitzung vom 9. Dezember 1983
Sen Wronski
Herr Kollege Wagner! Sie haben ja recht, Sie ha
ben ja völlig recht, daß wir uns — und ich bitte,
seriös — über das sehr schwierige Thema Ar
beitszeitverkürzung, Flexibilisierung der Arbeitszeit in
unterschiedlichsten Formen, natürlich auch im Bereich
der öffentlichen Hand, unterhalten müssen. Sie wissen
genau wie wir alle: Die Diskussion ist ein langwähren
der Prozeß. Hier bedarf es Korrekturen auf allen Sei
ten. Harte Positionen, die heute eingenommen wer
den — übrigens schon nicht mehr so hart wie vor drei
Jahren —, werden in drei Jahren Positionen gewichen
sein, da braucht man kein Prophet zu sein, um das zu
sagen, die heute im Licht der jetzigen Konfrontation
oder Diskussionslage noch als utopisch bezeichnet wer
den müssen. Aber ich mache Ihnen mal einen Vor
schlag, Herr Kollege Wagner: Sie sind ja — das weiß
ich, und es ist ja auch legitim, Standpunkte dieser Art
zu vertreten — ein Verfechter des Standpunktes; 35-Stun-
den-Woche ist das wirksamste Instrument. — Es gibt
andere, wir sehen das anders. Ich selber bin auch
skeptisch, ich bin dafür, die Lebensarbeitszeit zu redu
zieren,
[Diepgen (CDU): Sehr richtig!]
aber sie auch — wenn dafür ein Gesetzesrahmen ge
schaffen werden sollte — flexibel sein zu lassen.
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Denn das sagen uns unsere Prognostiker auch, daß wir
um die Jahrtausendwende zuwenig Menschen haben
werden. Herr Kollege Wagner, wir beide sind davon
nicht mehr betroffen, aber wir machen, ob wir wollen,
oder nicht, auch Politik für unsere Enkel.
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Wenn Sie, Herr Kollege Wagner, was ich respektiere,
aus wohlerwogenen Gründen mehr auf die 35-Stunden-
Woche setzen, machen Sie doch etwas, was eine Ein
zelgewerkschaft des DGB bereits als Beschluß festge
legt hat — ich meine die Gewerkschaft Handel, Ban
ken, Versicherungen, die beschlossen hat: Wir als Deut
scher Gewerkschaftsbund gehen als Pilot voran, wir wer
den der bösen Wirtschaft zeigen, daß so etwas geht;
Richten wir die 35-Stunden-Woche in den gewerkschafts
eigenen Betrieben ein, und dann werden wir an diesem
Modellfall den Nachweis führen, daß die Anregung ihrer
Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen, das Ein
führen der 35-Stunden-Woche — bei Co-op, bei der
Bank für Gemeinwirtschaft und anderswo — „Neue Hei
mat“ natürlich nicht zu vergessen, „Neue Heimat“ dick
unterstrichen — realisiert wird. Das wäre der beste, über
zeugende Beweis, daß der Weg, den Sie empfehlen,
denkbar ist.
[Zwischenrufe von der CDU und der F.D.P.:
So ist es! Sehr richtig! — Beifall bei der CDU
und der F.D.P.]
Dann werden Sie alle Argumente schlagartig auf Ihrer
Seite haben.
Ausbildungsstellenmarkt! — Ich bedanke mich für das
Kompliment, auch wenn Sie mir die Urheberschaft — na
ja — relativieren wollen; wir wollen uns ja darüber nicht
streiten, ist ja klar, das habe ich ja auch mehrmals ge
sagt. — Die Pflanze, die gesetzt ist, wird von uns ge
pflegt, mit Ihrer zustimmenden Begleitung. Die Anregung:
Weiterer Ausbau des Berufsamtes, Herr Kollege Wag
ner: Ich darf hier mal sagen; Wir sind in Berlin, Gott sei (C)
Dank, alle soweit — ich meine die Vertreter der reinen
Lehre —, daß sie sich die Kultivierung der reinen Lehre
für die Zeiten aufgehoben haben, wo wir uns diesen
Luxus leisten können. Wir entscheiden und engagieren
uns pragmatisch. Da sind die Befürworter der streng
dualen Ausbildung vernünftig und sagen: Wir können es
nicht bringen aus Gründen, über die man zwar streiten
kann, aber die da sind. Und die Befürworter der voll
schulischen Ausbildung sagen: Gut, was auch immer,
wir nehmen es hin, daß die originären Ausbilder — ich
bezeichne sie so —, Wirtschaft, Handel, Industrie etc.,
durch staatliche Impulse motiviert werden sollen, Aus
bildungsplätze zu schaffen. Da sind wir uns einig, und
wir werden in Berlin — das habe ich mehrmals er
klärt, und dabei bleibe ich — staatliche Ausbildung dort
fördern müssen, wo es die Wirtschaftssituation erfordert.
Aber ich füge hinzu; Wir werden, sobald wir eine Ent
spannung auf dem Ausbildungsmarkt registrieren können,
in diesen Bereichen der staatlichen Zusatzausbildung
als erstes wieder zurücknehmen, um nämlich die eigent
lichen, die originären Träger der Ausbildung, die Wirt
schaft, den Handel, das Handwerk, kurzum alles, was
wir private Wirtschaft nennen, zu fordern. Aus dieser
originären Verpflichtung werden wir sie nicht entlassen!
Der eine oder andere genießt bereits das süße Gift der
staatlichen Ausbildung. Dies ist eine Illusion; die ori
ginären Ausbilder werden aus dieser originären Aufgabe
nicht entlassen werden.
Nun regen Sie an; weiterer Ausbau des Berufsamtes. —
Wenn es nötig ist, Herr Kollege Wagner, wird darüber
zu reden sein. Zur Zeit ist es nicht nötig. Ich habe ge
stern darauf hingewiesen, auch in diesem Jahr werden
wir die Nachfrage am Ausbildungsstellenmarkt wieder
befriedigen können. Die Zahl war richtig genannt: 691. (D)
Sie ist inzwischen kleiner, und sie wird bis zum Ende
des Jahres — das ist die Erfahrung des Vorjahres —
auf einen Rest zusammengeschmolzen sein, der in der
nächsten Ausbildungsstellenrunde — ich kenne bereits
die Zahlen für das nächste Jahr; wir werden bei der Son
derkommission, so wie es zwischen uns Usus ist, im
Februar, März des nächsten Jahres die Fakten auf den
Tisch legen; wir wollen hier nicht vorzeitig Hurra
schreien — zu befriedigen sein wird.
[Kunzeimann (AL): Alles bestens!]
— Ja, es ist auch wirklich alles gut! So ist es in Berlin
in der Tat! Und das ist ja nun kein Grund zum Heulen,
darüber sollte man doch einmal zufrieden sein; und die
Leute, die davon etwas verstehen — dazu gehören Sie
natürlich nicht! —, die wissen das auch und akzeptieren
das.
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Herr Kollege Wagner hat das ja ausdrücklich bestä
tigt in seiner aus dem Rollenverständnis resultierenden
zurückhaltenden Form.
Herr Kollege Wagner, Ihre Anregung: Ausbildung für
Ausbilder. — Immer offen! Ich weise nur darauf hin, daß
wir seit 1979 im Wege unseres Richtlinienprogramms be
reits tausend Ausbilder zusätzlich qualifiziert haben.
Sollte sich herausstellen, daß dieses Richtlinienprogramm
nicht ausreicht, werden wir es erweitern, ausbauen, wie
auch immer. Der Gedanke ist richtig und wird von mir
aufgegriffen.
Dann kam die große Zäsur in Ihrer Anklage: Eigen
betriebspolitik. Ich hatte eigentlich erwartet, daß der
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