Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
55. Sitzung vom 8. Dezember 1983
Frau Sen Dr. Laurien
(A) Modell in Berlin, nämlich die Berufsschullehrer, die keine Be
triebserfahrung hatten, können auch heute schon in einem Fort
bildungsmodell mehrere Wochen Betriebserfahrung einbrin-
gen und neu gewinnen. Ich wünschte mir - man darf ja auch
einmal Wünsche äußern -, daß es uns gelingt, für mehr Lehrer
als bisher ein solches Betriebspraktikum in der Fortbildung zu
verwirklichen, damit derjenige, der die Kinder der arbeitenden
Bevölkerung unterrichtet, nicht selber nur einen Lebenslauf
hatte von der Schule in die Hochschule und wieder in die Schu
le. Nicht die Höhere-Töchter-Laufbahn, sondern in der Tat ein
Stück Lebenserfahrung wünschen wir unseren Lehrern, um die
Qualifizierung noch intensiver zu vermitteln.
[Beifall bei der CDU]
Meine Damen und Herren, diese Linie „Quantität und Quali
tät" drückt sich auch aus beim weiteren Rückgang der Schüler
zahlen. Wir werden hier keine Schulschließungswelle einbrin-
gen, wir werden keine Mindestgrößen verbindlich festlegen; wir
haben den Bezirken die Gesamtzahlen zur Kenntnis gegeben
und ihnen empfohlen - und daß ein Bezirk sich davon etwas
weggestohien hat, um das Thema zu besetzen, macht ja wohl
dem betreffenden Stadtrat, der nicht meiner Partei angehört, zur
Zeit einige Schwierigkeiten -, die Eltern die Abstimmung mit
den Füßen nachvollziehen zu lassen; es soll nicht die Verwal
tung eine Schreibtischentscheidung treffen.
[Beifall bei der CDU]
Wir regen die Schulen an, Profile zu entwickeln und in den
pädagogischen Wettbewerb einzutreten. Damit ist nicht eine
Lernolympiade - oder wie die Vorwürfe gleich heißen mögen -
gemeint, sondern die Entwicklung von Schwerpunkten, die För
derung solider Arbeit, die Förderung eines pädagogischen Kli
mas.
Natürlich wird die eine oder andere Schule geschlossen wer
den müssen, aber ich meine, es geht nicht an, im Wirtschaftsbe-
reich Wettbewerb und Leistungsförderung zu fordern und im
Bildungsbereich beim Stichwort „Leistung“ gleich Zuckungen
zu bekommen und - wie in der SPD-Schrift über die Grund
schule - gleich von Ausleseselektion und Streß zu sprechen.
[Beifall bei der CDU]
Sicher, niemand wird leugnen, daß sich Leistung in der Wirt
schaft und in der Schule unterscheiden, aber Schule, die nicht
auch Freude am Können, die nicht auch Freude an der Entwick
lung verschiedener Fähigkeiten vermittelt, verpaßt den Men
schen und verpaßt die Möglichkeiten der Gesellschaft.
[Beifall bei der CDU]
Wir vermerken mit großer Aufmerksamkeit und mit Freude,
daß es gelingt, die Teilnahme von Berliner Schülern an Wettbe
werben zu steigern. Herrn Rasch - ich weiß, er hat gesagt, daß
er eine andere Verpflichtung hat - wird sicherlich übermittelt,
daß der Wettbewerb des Stifter-Verbandes, für den er ja auch
eine ehrenamtliche Verantwortung hat, für Mathematik sich im
letzten Jahr verdoppelt hat und daß ich mit dem Stifter-Verband
in Berlin weiterentwickeln werde den Wettbewerb in Fremd
sprachen, denn es darf nicht so sein, daß die Dolmetscher
posten von anderen Nationen in den internationalen Einrichtun
gen besetzt werden und die Deutschen sich durch Handzei
chen und Zuruf verständigen. Wir wollen und möchten auch
die Sprachenvielfalt in unserer Stadt vermitteln; es gibt kaum
eine Stadt, in der man dies so gut kann; Französisch haben wir
hier einen Lebenszusammenhang, Englisch haben wir hier
einen Lebenszusammenhang, Russisch haben wir einen
Lebenszusammenhang, Jugoslawisch, Griechisch und Spa
nisch —
[Zuruf von der AL: Amerikanisch!]
- Ja, amerikanisch Englisch, auch das hat bei uns Platz. Ich
lasse mich ja gerne herausfordern; deshalb bemerke ich, im
Englischen heißt „Ich kann die Büchse nicht öffnen“: I can't
open the tili. - Im Amerikanischen heißt das: I can't can the can!
- Wir sind mit beidem einverstanden, meine Damen und Her
ren, man muß es nur wissen; da haben wir überhaupt keine (C)
Berührungsängste.
[Beifall bei der CDU]
Wenn wir also dieses Stück Wettbewerb stärken, wenn wir
uns freuen, daß „Jugend forscht“ endlich einen Zuzug bekom
men hat, dann geht es auch in diesem Bereich um den Geist in
diesen Schulen, um den Geist in dieser Stadt Und lassen Sie
mich sagen: Sollten wir nicht auch die Freude an der Leistung,
die Freude an der geistigen Auseinandersetzung aussprechen,
spüren wir eigentlich genug, welche Freude es bedeutet, in
Freiheit lernen und leben zu dürfen? - Das, meine Damen und
Herren, ist in Berlin ein Signal über die Stadt hinaus, und die
Berliner - und nicht nur die Berliner - erwarten auch von der
Politik, daß wir nicht mit No-future-Gemurmel durch die Gegend
schleichen, sondern daß wir Zuversicht und Zuverlässigkeit
vermitteln, daß wir Standpunkttreue und Konsensfähigkeit wei
tergeben. Und wenn kluge Leute uns sagen, daß die Lebensbe
dingungen der Zukunft nur dann gehalten werden können,
wenn wir Überzeugungskraft und Toleranz verbinden, dann
dürfen Bildungseinrichtungen nicht nur Kritik vermitteln, dann
müssen sie Kritikfähigkeit und Zustimmungsbereitschaft vermit
teln; sie müssen vermitteln, daß es lohnt, sich für Freiheit und
Recht, für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen, denn man
muß im Leben nicht nur wissen, wogegen man ist; wir vermitteln
im Politik- und Bildungsbereich, daß wir auch wissen, wofür zu
leben es sich lohnt.
[Lebhafter Beifall bei der CDU]
Präsident Rebsch: Meine Damen und Herren, ich rufe jetzt
die erste der mir bereits vorliegenden fünf Wortmeldungen auf.
Das Wort hat für die SPD-Fraktion der Abgeordnete Schür
mann.
Schürmann (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Her-
ren! Ich bin etwas irritiert, ob das Pathos am Ende der Rede der ' '
Senatorin etwa die Schalmeientöne einer neuen Ära in Berlin
sein soll; dann kann ich jedenfalls nur sagen: Gute Nacht!
[Beifall bei der SPD]
Lassen Sie mich zu einigen inhaltlichen Punkten kommen.
Zunächst zum Jugendbereich, und hier nur ganz kurz zur Dro
genproblematik. Frau Senatorin, Geld allein macht's in dieser
Frage nicht. Sie haben den Streit mit den Beratern nicht beige
legt, sondern statt dessen Öl ins Feuer gegossen; so aber ent
steht nicht die richtige Motivation bei den Mitarbeitern, um in der
Drogenberatung wirklich zu Erfolgen zu kommen.
[Beifall bei der SPD]
Ausländerintegration: Wieder wird überdeutlich, daß Sie nur
als Schulsenatorin sprechen und Jugendfragen mit der linken
Hand behandeln. Zur Ausländerintegration sage ich ganz deut
lich: Sie beginnt in der Kindertagesstätte und nicht erst in der
Schule!
[Beifall bei der SPD]
Kindertagesstätten sind für uns Bildungseinrichtungen und
keine Kinderbewahranstalten!
[Beifall bei der SPD]
Ihre Politik in diesem Bereich ist falsch; das haben wirschon in
den vergangenen Sitzungen deutlich gemacht, und ich will das
heute auch noch einmal ganz ausdrücklich unterstreichen. Ihre
Kindertagesstättenpolitik ist falsch!
Zu den weiteren Bemerkungen, die in der Schulpolitik diffa
mierend darauf abzielten, zu sagen, die SPD habe sich lediglich
daran orientiert, immer mehr Abiturienten zu schaffen, darf ich
Ihnen sagen: Offensichtlich geht es Ihnen darum, immer
weniger Abiturienten zu schaffen,
[Beifall bei der SPD]
immer weniger Schülern den Zugang zu erweiterten Schulab
schlüssen zu ermöglichen. Sie haben gesagt: Jedem seinen
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