Publication:
1983
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9520977
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
55. Sitzung vom 8. Dezember 1983
• ••
V
(B)
Frau Sen Dr. Laurien
ist - bei uns und in Bonn den Ansatz Jugend trainiert für
Olympia“ mit 2,5 Millionen DM in unserem Haushalt zu halten,
denn es ist wichtig, daß junge Leute nach Berlin kommen.
[Vereinzelter Beifall bei der CDU]
Meine Damen und Herren, die erforderlichen Einsparungen
haben wir auch bei „Jugend trainiert für Olympia“ erbracht -
aber nicht durch Veränderungen im Programm, sondern durch
Veränderung der Anreiseformen - Land statt Luft -, und damit
meine Damen und Herren, setzen wir auch noch eine deutsch-
land- und berlinpolitische Erfahrung für diese jungen Leute -
denn wer nach Berlin fliegt, macht eine ganz andere, geringere
deutschlandpolitische Erfahrung als derjenige, der erfährt, daß
er, wenn er die Transitstrecke fährt, auch noch durch Deutsch
land fährt.
[Vereinzelter Beifall bei der CDU]
Wenn hier von allerlei Einzelheiten die Rede ist, so drückt
sich darin aus
[Tietz (AL): Nicht so schwach mit dem Beifall!]
- Ach wissen Sie, wenn man sich der Zustimmung sicher ist
muß man nicht auf jeden Beifallstropfen gieren, das ist dann
nicht nötig.
[Beifall bei der CDU - Wachsmuth (AL): Hoffentlich
währt das nach dem 16. Dezember auch so!]
Wenn hier also immer wieder von Einzelheiten die Rede ist,
dann, meine Damen und Herren, ist ersichtlich, daß Politik ein
Konzept, ja manchmal eine Vision haben muß; aber konkret wird
sie in Einzelheiten, die zusammenpassen. Aus vielen Steinen
fügt sich ein Haus. Das gilt auch für die Ausländerpolitik in der
Schule; denn Schule - ich möchte das vor diesem Hohen Haus
doch noch einmal nachdrücklich betonen - leistet den größten
Teil der Integrationsarbeit, die in unserer Gesellschaft geleistet
wird. Und wir investieren in diese Arbeit, damit die auslän
dischen Kinder von heute ihren Platz in Beruf, Familie und
Gesellschaft finden und eben nicht die Arbeitslosen der Zu
kunft werden. Wir investieren aber auch in diesen Bereich, um
deutschen Kindern Lernbedingungen zu geben, die ihre Eltern
nicht zur Schulfluoht in bestimmten Bezirken veranlassen.
Wenn dagegen zum Beispiel Eltern aus vielen Bezirken ihre
Kinder in der Kreuzberger Lenau-Grundschule anmelden, dann
ist das ein Signal, das wir verbreitern und vermehren möchten.
Es muß eine positive Erfahrung sein, in einer solchen Schule
lernen zu dürfen.
Meine Damen und Herren von der Opposition! Sie haben vor
hin etwas hämisch gefragt, wie ich den wohl mit Herrn Lum
mers Konzept hinkäme; In diesen Punkten können wir Schule
nur schaffen, wenn die Zuzugsbedingungen und die Wirt
schaftsperspektiven unserer Stadt vernünftig gestaltet werden.
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Lassen Sie mich ein Paar Zahlen nennen - jüngste Zahlen
von August 1983. Da haben wir eine drastische Verminderung
der Eingliederungslehrgänge für Zusteiger zu verzeichnen,
nahezu die Hälfte nur noch. Und wir haben eine Abnahme der
Vorbereitungsklassen zu vermelden, das sind die Klassen, in
die Kinder aufgenommen werden, die noch nicht richtig
Deutsch können. Wir haben erstmals - erstmals! - tausend
ausländische Kinder in den Grundschulen weniger als im Vor
jahr, wir haben aber eine Zunahme - altersbedingt und fähig
keitsbedingt - in Gesamtschulen, Gymnasien und Realschulen.
Dies ist keineswegs nur eine Auswirkung der Bildungsbemü
hungen, dies ist eine Auswirkung von Zuzugsbegrenzung und
schulischer Förderung. Wir denken hier nicht in Kästchen, son
dern wir machen Politik aus einem Guß.
[Beifall bei der CDU]
Der Anteil der ausländischen Jugendlichen mit Ausbildungs
verhältnissen ist gestiegen. Dies könnte ich heute hier nicht ver
künden, wenn wir nicht das besondere Ausbildungsprogramm
hätten, das der Kollege Wronski im vorigen Jahr angeleiert hat.
Ein Jahr das Ausbildungsverhältnis mit freien Trägern - aber
/
man ist schon beim Tischlermeister tätig -, und nach einem (C)
Jahr entscheidet der sich, ob er diesem Jugendlichen einen
Ausbildungsvertrag gibt. Meine Damen und Herren, das ist eine
Pionierleistung, von der wir hoffen, daß auch andere Länder sie
übernehmen, weil unsere Linie heißt: Hilfe zum Selbständig-
Werden, Hilfe zur Qualifizierung!
Qualität, nicht Quantität - das ist die Wende in dieser Hin
sicht in bildungspolitischen Diskussionen. Nicht die Bildungs
politik ist die beste, die immer mehr Abiturienten produziert
[Maerz (SPD): Immer weniger, bis hin zu Null!]
sondern die kann den Prüfstand aushalten, die Abiturienten
und erstklassige Berufsschulabsolventen vermittelt. Jedem
seinen Weg, - heißt unsere Linie!
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Meine Damen und Herren! Wir haben aus Quantität Qualität
an mehr als an einer Stelle gemacht
[Zwischenruf: Herr Rasch!]
Wir haben nämlich die Schülerzahlen - nein, ich kann Ihren Zu
ruf ja überhören, aber der Zuruf war zu boshaft, denn mein Kol
lege Rasch hat keineswegs nur an Quantitäten gedacht Ich
hatte besonders die Bildungspolitik von Herrn Evers und
anderen angesprochen - die Bücher stehen noch in meinem
Schrank, in denen als Maßstab steht, daß die Steigerung der
Zahl der Abiturienten bereits an sich ein Wert sei. Da sage ich:
Quantitäten taugen nur etwas, wenn sie sich mit Qualitäten
verbinden.
[Beifall bei der CDU und der F.D.P.]
Meine Damen und Herren! Wir haben die Abnahme der
Schülerzahlen eben nicht zum Anlaß genommen, jetzt genau so
viele Kürzungen im Lehrerstellenbereich anzusetzen, denn: ein
paar Kinder weniger, das ist noch lange keine Klasse weniger.
Das wissen wir. Wir haben - darin von anderen Ländern durch-
aus unterschieden - die Frequenz im sechsten Schuljahr, den
von unseren Vorgängern eingeleiteten Prozeß vollendend, von
30 auf 28 gesenkt und erstmals Realschulen mit höchster Aus
länderbelastung einen Frequenzbonus gewährt, wir haben ein
keineswegs kostenneutrales Hauptschulkonzept eingebracht,
weitere Oberstufenzentren eingerichtet und - Herr Sehr -
wenn Sie von den Qualen eines Beamten sprechen: Erste Be
merkung: Die mir unterstehen, haben das Recht, daß ich ihre
Personalien nicht auf offenem Markte im Parlament bespreche.
Das, meine ich, sollten wir nicht tun. Ich werde deshalb keinerlei
Namen nennen. Wenn Sie aber sagen, jemand hätte Schwierig
keiten mit den OSZ's: Nein, wir haben das Programm der Ober
stufenzentren, wie es auch der Hauptausschuß bestätigt hat
durchgesetzt und weiterentwickelt und haben es ein bißchen
vom Luxus und von ein paar Traumtänzereien befreit Wer näm
lich meint, daß das erste Ausbildungsjahr generell ein schuli
sches sein soll, meine Damen und Herren, der produziert Über
kapazitäten und Betriebsferne. Das kann nur da ein schuli
sches sein, wo die betreffenden Ausbildungsordnungen darauf
eingestellt sind und wo die Wirtschaft diesem Konzept zu
stimmt. Denn die Leitlinie unserer Berufsbildung heißt Partner
schaft von Betrieb und Schule und Qualifizierung für den Beruf.
Wir meinen, daß auch ein Berufsbezug da sein muß. Wenn es
immer heißt, die Ausbildung müßte produktionsunabhängig
sein - verzeihen Sie: Wenn der Bäcker die Brötchen backen
lernt dann müssen sie am Schluß auch zu essen sein - dann
sind sie produktionsbezogen.
[Beifall bei der CDU]
Wir haben auch den Antrag der CDU-Fraktion, nämlich den
Lehrern des siebenten Schuljahres, die vollbeschäftigte Klas
senlehrer oder Stammgruppenleiter sind, eine Anrechnungs
stunde zu gewähren, ebenfalls vollzogen. Also, all diese Einzel
heiten - und noch ein paar mehr - belegen: Wir haben - schüler
bezogen - aus Quantitäten Qualitäten gemacht. Wenn wir künf
tig - und das signalisiert der Haushalt - noch mehr Überhang
haben werden - das Lehreralter liegt im Durchschnitt bei
35 Jahren, 50 % sind jünger als 35 -, dann haben wir ein gutes
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