Publication:
1982
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9497397
Path:

884
Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
16. Sitzung vom 11. Februar^
(A)
(B)
Dr. Lehmann-Brauns
zerstört. Und der sozialwissenschaftliche Ansatz! Fast jede
Aussage wird relativiert durch sozialadäquate Kommentare,
Verkleinerungs- und Entlarvungsversuche. Die guten und die
schlechten Züge des preußischen Staates können so nicht
plastisch werden, bleiben hängen in einem kleinmaschigen
Netz eines unhistorischen Neutralismus. Zuneigung oder
Abneigung können sich nicht entwickeln.
Beispiel: Die Wasserpumpe auf einem Weddinger Hinter
hof vor 100 Jahren. — Meinetwegen. Aber was hat sie zu
tun am Rande des Empire-Zimmers? — Sie soll natürlich
belehren, sie soll uns aufklären, sie soll zeigen, daß auch in
Preußen die Leute ein hartes Leben hatten, ein bitteres
Leben hatten. Alles richtig. Aber das sagt doch überhaupt
nichts über Preußen. Daß das Leben vor 150 Jahren in
Europa hart und für viele bitter war, ist nichts Spezifisches.
Die Legendenzerstörung ist ja schon erwähnt worden. An
der „Umwidmung“ des Alten Fritzen zu Friedrich II., dem
Staufenkaiser, ist wohl nicht mehr viel zu ändern; das pas
sierte natürlich auch hier. Aber daß man nun auch die Be
liebtheit der Königin Luise im vorigen Jahrhundert als Erfolg
der Drucktechnik darstellt, ist m. E. an der Grenze des guten
Geschmacks. Es klingt nach analytischer Kühle und Blässe
Gustav Heinemanns und seiner „Fragen an die deutsche
Geschichte“. Aber der Mensch von heute trägt ja gar nicht
mehr an einer Last innerer Bilder. Die hat ihm ja die poli
tische Linke seit 150 Jahren mehr oder minder mit Gewalt
abgewöhnt. Eine heile Welt behaupten ja heute nur noch die
Sektenanhänger und die altbackenen Dogmatiker. Wir, die
Alltagsmenschen, sind seelisch ja längst ausgeweidet,
[Schmidt (AL): Sie sind doch kein Alltagsmensch!]
entlarvt, doppelt und dreifach hinterfragt.
Ich meine deshalb, zum Ausstellungsprinzip zurückkom
mend, daß relativierende Vollständigkeit, sozialwissenschaft
liche Kommentierung, ein unhistorischer Neutralismus — wenn
man böse ist: Sozialdemokratismus — als Ausstellungsprin
zip — Herr Ristock — eben nicht zum Eindruck, sondern mehr
zur Eindrucks- und Ausdruckslosigkeit führt. Man enthalte
sich auch bitte künftig dieser kommentierenden Spruch
tücher; die Leute bilden sich ihr Urteil nun einmal gern selbst.
Ich erlaube mir die Empfehlung, kommende Ausstellungen
um ihrer Wirkung willen mehr auf einzelne Fragestellungen
zu beschränken. Die Nebenausstellung in der Akademie der
Künste z. B. ist ein gelungenes Beispiel für den Reiz und
für die belebende Wirkung solcher Beschränkung. Auch das
Thema „Juden in Preußen“ in der Staatsbibliothek war m. E.
eine eindrucksvolle Präsentation. Das ist kein Plädoyer für
provinzielles Maßhalten. Ich bin aber bei künftigen Projek
ten mehr für den Ausschnitt, für das Typische, weil allein
das übertragungsfähig ist.
Daß die Stellungnahme des Senats anders ausgefallen ist
als die einiger Abgeordneter der Regierungsfraktion, ist ein
Phänomen, mit dem Sie fertig werden müssen. Wir persön
lich nehmen das sehr leicht und leben damit sehr gerne.
Der Senat ist ja auch in einer ganz anderen Funktion bei
der Besprechung und Bewertung dieser Ausstellung. Er
kann nicht übersehen, daß er in einer Kontinuität steht. Er
muß auf Außenwirkung bedacht sein, muß die hohen Kosten
der Ausstellung kalkulieren, die lange Vorbereitung und
Arbeit würdigen, und im übrigen konnte er die politische
Uhr nicht zurückdrehen.
Natürlich, die Resonanz war erfreulich. Es ist hier von
Herrn Kollat schon von Frankreich die Rede gewesen. Viel
leicht wissen Sie, daß sämtliche französischen Tageszeitun
gen — „Le Monde“ z. B. dreimal — berichtet haben, der
französische Rundfunk an zwei Sendetagen, und daß man
deshalb die Preußen-Ausstellung mit einigem Recht als ein
geistiges Anschlußstück zu der Ausstellung „Berlin — Paris“
1978 im Centre Pompidou verstehen kann. Daß sich auch
einige französische Journalisten gedrängt fühlten, Preußen
vor seinen Veranstaltern in Schutz zu nehmen, ist eine
Nebenbemerkung, die Ihnen vielleicht auch kritische Unter
töne bei meinen Fraktionskollegen schmackhafter macht.
Es gab — ich will zum positiven Schluß kommen — manche
Einzelheit, die anregend war. Allerdings rechne ich dazu
nicht die Präsentation lebender Seidenraupen. Und wenn
man dann auch noch liest, daß diese Seidenraupen in der
fette
Ausstellung kein Maulbeerlaub — wie sonst —, sondern jap ; rl
nisches Kunstfutter zu sich nahmen, dann fragt man sj! ,
wirklich: Ist dieser Gag nicht zu hoch bezahlt, wenn er nid
sogar eine Komik offenbart, die unfreiwillig ist? — Preußin
gesagt: Mätzchen sollte man in Zukunft sein lassen.
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Ich habe mich gefragt, weshalb das Leben auf dem LaniL,
das Leben in den Provinzen zu kurz gekommen ist, warugj 55
beispielsweise die Volkskunst in der Mark Brandenburg,
Ostpreußen, in Pommern nicht mehr zu ihrem Recht 1®
Die Bestände in unseren Museen sind voll davon, und d:
Interesse in der Bevölkerung dafür ist groß.
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Wirklich positiv berührt an der Ausstellung hat mich untlilte
anderem die Abrechnung mit der vorwiegend von der Linke md
vertretenen These, daß die Nazis eine lineare Verlängere err
der Preußen seien. In der Ausstellung ist an vielen Beisp« hei
len klargemacht, daß es sich bei dieser These um eine Pr:
pagandalüge von Goebbels handelte; viele Postkarten
viele Beweisstücke sind dafür vorhanden.
[Sund (SPD): Ich glaube, Sie waren in einer
anderen Ausstellung!]
Aus diesem Grunde bin ich auch skeptisch hinsichtlich di
AL-Idee, im Gropiusbau sozusagen als Nachfolgeaussti
lung eine Machtergreifungsausstellung zu installieren, de:
es werden damit nach meiner Ansicht falsche historisch
Bezüge restauriert, und außerdem wäre der Reklamewe it c
für die Nazis zu groß.
[Schmidt (AL): So ein Quatsch!]
Die Ausstellung hat Berlin insgesamt nicht geschadet,
[(Schmidt (AL): Bodenloser Unsinn!]
I
sie wird ihre positiven Folgen haben. Wir sind nicht gehi;
dert, das Gestaltungskonzept des vorgestrigen Senats r
kritisieren und aus einer kritischen Bewertung für kor :ht
mende historische Projekte zu lernen. — Ich danke Ihnen.
[Beifall bei der CDU]
SB ei
Stellv. Präsident Franke: Das Wort hat der Abgeordnei
Vetter, F.D.P.-Fraktion.
Vetter (F.D.P.): Herr Präsident! Meine Damen und Herrei
Da ich eigentlich nicht vorhatte, zu dem Thema zu spreche:
habe ich natürlich auch keine Zitatensammlung hier, wedi
in französischer noch in polnischer Sprache.
[Rabatsch (AL): Können Sie nachreichen!]
Aber ich glaube, daß der Ablauf der Debatte doch rech!
fertigt, ein paar Sätze zu sagen.
Ich stimme mit dem Kollegen Kollat überein; auch m
erschien die Antwort des Senats etwas kühl, etwas distar
ziert und nur auf die absolute Fragestellung bezogen, wäc
rend in der schriftlichen Begründung wesentlich mehr Eng:
gement, tiefes Interesse an dem Thema deutlich wurde. Ii
muß ehrlich sagen, daß mich die Kühle des Beitrags de
Kollegen Mahlo und auch in gewisser Weise des Kollege
Lehmann-Brauns etwas erschüttert hat. Da war die Stellung
nähme des Senats beinahe noch euphorisch.
[Thomas (SPD): Und auf der Basis können Sie
ihn wiedereinmal unterstützen. Bravo! —
Klatschen des Abg. Thomas (SPD)]
Ich glaube, hier herrscht ein Mißverständnis.
[Zuruf von der AL: Natürlich!]
Niemand wollte doch hier eine Art Preußen-Ausstellung^
Prado geliefert werden, hier sollte keine Ausstellung fü
Geschichtsexperten veranstaltet werden. Der Vergleich fl
der Stauffer-Ausstellung stimmt schon deshalb nicht, we
diese eine rein historische, auf die Vergangenheit bezogen
Ausstellung war. Dagegen ist bei der Preußen-Ausstellun
der Beweis gebracht worden, daß eigentlich Geschichte nod
praktizierte Politik ist, die man aus dem Abstand einig®
Jahre betrachten und rückwirkend sehen muß. Daher mußt
ein vielschichtiges Bild entworfen werden. Es ging nich
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